DER CHRONIST
Ein Jahr des Aufbruchs und der Mauer: Während ein Mensch zum ersten Mal die Erde aus dem All erblickt und ihm wenig später der erste Amerikaner ins All folgt, kündigt Präsident Kennedy vor dem Kongress an, noch in diesem Jahrzehnt einen Menschen zum Mond zu bringen. Kurz darauf stehen sich Kennedy und Chruschtschow beim Wiener Gipfeltreffen unversöhnlich gegenüber, und nur Wochen später wird mitten durch Berlin eine Grenze gezogen, die Familien für eine unabsehbare Zeit trennt. In der Karibik scheitert derweil eine von der CIA gestützte Invasion Kubas kläglich, in den Südstaaten der USA setzen die ersten Freedom Rider ihr Leben für das Ende der Rassentrennung aufs Spiel, und in Jerusalem muss sich der NS-Verbrecher Adolf Eichmann vor Gericht für den Mord an Millionen Juden verantworten. Im Bergischen Land wächst derweil, Stein auf Stein, das neue Gesicht der Städte — ein Jahr, in dem Hoffnung und Bedrohung einander so nah kommen wie selten zuvor.
Juri Gagarin umkreist als erster Mensch die Erde

Vom Kosmodrom Baikonur aus startet der sowjetische Major Juri Gagarin um 9:07 Uhr Moskauer Zeit (7:07 Uhr MEZ) an Bord der Kapsel Wostok 1 ins All. In 108 Minuten umrundet er einmal den Erdball, mit einer Bahnhöhe zwischen 181 und 327 Kilometern und einer zurückgelegten Strecke von rund 41.000 Kilometern. Kurz vor 11 Uhr landet er per Fallschirm auf einem Feld nahe dem Dorf Smelowka, 26 Kilometer südwestlich von Engels bei Saratow — er hatte sich, wie es die sowjetische Führung jahrelang verschweigt, schon in rund sieben Kilometern Höhe mit dem Schleudersitz aus der Kapsel katapultiert. Die ersten Menschen, die ihn begrüßen, sind eine Bäuerin und ihre Enkelin, die den Fallschirmspringer im silbernen Anzug zunächst für einen fremden Eindringling halten. Die Sowjetunion feiert den 27-Jährigen als Helden und Beweis technischer Überlegenheit im Kalten Krieg: Parteichef Nikita Chruschtschow lässt ihn nach der Landung im Triumphzug durch Moskau fahren und befördert ihn noch am selben Tag zum Oberstleutnant; es folgen Reisen um die halbe Welt. Im Westen mischt sich Bewunderung mit Unbehagen — nach dem Sputnikschock von 1957 ist der Vorsprung Moskaus im Wettlauf um den Weltraum erneut unübersehbar. US- Präsident John F. Kennedy zieht die Konsequenz und verkündet nur sechs Wochen später, am 25. Mai, vor dem Kongress das amerikanische Ziel, noch in diesem Jahrzehnt einen Menschen zum Mond zu bringen. Gagarin wird über Nacht zum Idol einer ganzen Generation.
Wuppertal im Wiederaufbaufieber — neue Kaufhäuser für Elberfeld und Barmen

Auch im Bergischen Land zeigt sich 1961 der Wirtschaftswunder-Aufschwung in Beton und Glas: Am 14. April bezieht das Warenhaus Hertie seinen Neubau an der Neumarktstraße Ecke Kerstenplatz in Elberfeld. Der Vorgängerbau war 1943 bei den schweren Luftangriffen auf Elberfeld zerstört worden; seit 1952 hatte Hertie dort nur behelfsmäßig residiert. Der neue, nüchtern-moderne Kastenbau, den der Volksmund bald spöttisch „hässliche Einkaufsschachtel" tauft, steht von Beginn an im Schatten des größeren Konkurrenten Kaufhof und tut sich mit der Kundschaft schwerer als erhofft. Ausgerechnet dieser Kaufhof ist es, der im Dezember in Barmen mit dem Abriss des kriegsversehrten „Barmer Hof" beginnt, um dort einen modernen Kaufhausneubau zu errichten — Teil des großen Wiederaufbauplans für die Barmer Innenstadt, der bis 1963 rund 32 Millionen D-Mark verschlingen und in den kommenden Jahren auch den Alten Markt zur neuen Fußgängerzone samt Busbahnhof umgestalten soll. Über den Baustellen wacht, unverändert seit der Jahrhundertwende, die Schwebebahn — das Wahrzeichen, das Wuppertal durch alle Umbrüche hindurch trägt.
Die Mauer teilt Berlin — und die Nation

In der Nacht zum 13. August riegelt die DDR-Führung die Sektorengrenzen in Berlin mit Stacheldraht, Betonpfosten und bewaffneten Posten ab — der Beginn der Berliner Mauer. Noch am 15. Juni hatte Staatsratsvorsitzender Walter Ulbricht auf einer Pressekonferenz beteuert: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten." Seit Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 waren rund 2,6 Millionen Menschen über Berlin aus der DDR in den Westen geflohen, allein im Sommer 1961 täglich bis zu 2.400 — in den ersten dreizehn Augusttagen über 47.000. Als Ulbricht mit sowjetischer Rückendeckung handelt, werden Straßen aufgerissen und U-Bahn-Strecken gekappt, während Volkspolizei und Betriebskampfgruppen die Grenze am Brandenburger Tor und Potsdamer Platz abriegeln; wenige Tage später löst das Stacheldrahtprovisorium eine Mauer aus Betonplatten ab. In den ersten Wochen springen an der Bernauer Straße noch Menschen aus Fenstern grenznaher Häuser in Sprungtücher der West-Berliner Feuerwehr, ehe auch diese Häuser geräumt werden. Am 24. August wird mit dem 24-jährigen Günter Litfin, der schwimmend über den Humboldthafen zu fliehen versucht und von einem Grenzposten erschossen wird, das erste Todesopfer der Mauer beklagt — der Auftakt zu Hunderten weiteren Toten in den kommenden 28 Jahren. Auch im Bergischen Land, wohin seit Kriegsende Hunderttausende Vertriebene und Flüchtlinge gekommen sind, trifft die Nachricht tief: Familien, die auf ein Wiedersehen mit Verwandten „drüben" gehofft hatten, sehen sich nun auf unbestimmte Zeit getrennt. Bundeskanzler Adenauer wird für sein zögerliches Auftreten scharf kritisiert — er reist erst Tage später nach Berlin; West-Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt fordert in einem dringlichen Telegramm an Präsident Kennedy entschlossenes Handeln der Westmächte. Kennedy, der einen Krieg um Berlin scheut, entsendet am 19. August Vizepräsident Lyndon B. Johnson und den früheren Luftbrücken-General Lucius D. Clay nach West-Berlin, wo sie von Hunderttausenden bejubelt werden, und verstärkt die amerikanische Garnison um eine rund 1.500 Mann starke Kampfgruppe, die auf der Autobahn durch die DDR einrollt. Ein militärisches Eingreifen gegen die Absperrung selbst bleibt jedoch aus — die Westmächte respektieren de facto die sowjetische Einflusssphäre.
Aus heutiger Sicht
Bundeskanzler Adenauer hatte am 13. August selbst nur zur Ruhe aufgerufen und besuchte West-Berlin erst neun Tage später, am 22. August — ein Zögern, das in der Stadt auf Unverständnis stieß. Einzig Willy Brandt protestierte öffentlich, blieb dabei aber letztlich machtlos. Der Kontrast zwischen der veröffentlichten Bonner Zurückhaltung und dem Gefühl der West-Berliner, im Stich gelassen worden zu sein, wird die Debatte über die Mauerkrise noch lange begleiten.
Bundestagswahl: Adenauer bleibt Kanzler, doch die absolute Mehrheit ist dahin

Nur fünf Wochen nach dem Mauerbau wählt die Bundesrepublik einen neuen Bundestag — der Wahlkampf steht ganz im Schatten der Berliner Ereignisse. Für die SPD tritt mit West-Berlins Regierendem Bürgermeister Willy Brandt erstmals ein eigener Kanzlerkandidat an; Adenauer, der Brandts Auftreten in der Mauerkrise Beifall verschafft hatte, greift ihn im Wahlkampf persönlich an und höhnt am 14. August in Regensburg über „Brandt alias Frahm" — ein Verweis auf Brandts unehelich geborenen bürgerlichen Namen Herbert Frahm, der scharfe Kritik auch in den eigenen Reihen auslöst. Am Wahltag, dem 17. September, bleibt die CDU/CSU mit 45,3 Prozent stärkste Kraft, verliert aber rund vier Punkte und damit die absolute Mehrheit, die sie 1957 noch errungen hatte. Die SPD legt auf 36,2 Prozent zu, ihr bis dahin bestes Bundestagswahlergebnis, die FDP erreicht mit dem Wahlkampfmotto „Mit der CDU, aber ohne Adenauer" 12,8 Prozent — ebenfalls ein Bestwert. Erst nach wochenlangem Koalitionspoker wählt der Bundestag Konrad Adenauer am 7. November mit den Stimmen der FDP erneut zum Kanzler; er bildet das Kabinett Adenauer IV, muss sich aber verpflichten, das Amt noch während der Legislaturperiode abzugeben. Die Ära des „Alten" neigt sich, auch wenn er formal im Amt bleibt und erst 1963 tatsächlich zurücktreten wird. Im Bergischen Land, wo seit den fünfziger Jahren viele Flüchtlinge und Vertriebene aus der SBZ und der jungen DDR eine neue Heimat gefunden haben, verfolgt man den Wahlabend mit besonderer Anteilnahme — für sie ist die geteilte Stadt Berlin keine ferne Nachricht, sondern eigene Erfahrung.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Hamburg, 12. November — SPD 57,4 %, CDU 29,1 %. Erster Bürgermeister Paul Nevermann bildet erneut eine Koalition mit der FDP.
Der Contergan-Skandal: Ein Schlafmittel wird zur Tragödie

Seit dem 1. Oktober 1957 verkauft die Firma Chemie Grünenthal aus Stolberg bei Aachen (NRW) das freiverkäufliche, rezeptfreie Schlafmittel Contergan mit dem in eigenen Labors entwickelten Wirkstoff Thalidomid — beworben als so harmlos, dass selbst eine Überdosis angeblich ungefährlich sei, empfohlen auch gegen Schwangerschaftsübelkeit. Binnen weniger Jahre verkauft Grünenthal das Mittel unter verschiedenen Namen in 46 Ländern; in den USA verhindert die Pharmakologin Frances Kelsey von der Zulassungsbehörde FDA aus Vorsicht die Markteinführung und bewahrt damit unzählige amerikanische Familien vor dem Schicksal, das Europa und Teile der übrigen Welt trifft. Der Hamburger Kinderarzt Widukind Lenz bringt im November die auffällige Häufung schwerster Gliedmaßenfehlbildungen — verkürzte oder fehlende Arme und Beine — bei Neugeborenen erstmals systematisch mit dem Medikament in Verbindung und alarmiert Grünenthal am 15./16. November; nahezu zeitgleich kommt der australische Gynäkologe William McBride in Sydney, aufmerksam gemacht durch die Hebamme Pat Sparrow, unabhängig zum gleichen Verdacht. Nachdem das nordrhein-westfälische Innenministerium und die Presse Druck machen, nimmt Grünenthal Contergan am 27. November vom Markt. Weltweit kommen schätzungsweise 10.000 Kinder mit Fehlbildungen zur Welt, in Deutschland allein rund 4.000 bis 5.000 — einer der größten Arzneimittelskandale der deutschen Geschichte, mit Ursprung mitten im nordrhein-westfälischen Chemiegürtel. Erst 1968 beginnt vor dem Landgericht Aachen der Strafprozess gegen neun leitende Grünenthal-Mitarbeiter; er wird nach 283 Verhandlungstagen im Dezember 1970 ohne Urteil eingestellt, nachdem sich Grünenthal im April 1970 zur Zahlung von 100 Millionen D-Mark an die Betroffenen verpflichtet hat. Aus dieser Summe entsteht 1972 die Bundesstiftung „Hilfswerk für behinderte Kinder", die bis heute Contergan-Geschädigte unterstützt.
Aus heutiger Sicht
Grünenthal war bereits am 15. und 16. November telefonisch vom Entdecker Widukind Lenz über den Verdacht informiert worden, lehnte einen Rückruf aber noch am 24. November ab und drohte mit Regressansprüchen — erst nach einem Artikel der „Welt am Sonntag" vom 26. November zog das Unternehmen das Mittel tags darauf endgültig vom Markt. Das unternehmerische Zögern trotz Kenntnis der Gefahr steht in scharfem Kontrast zum Ausmaß der Schäden, die es verursacht hat.
Invasion in der Schweinebucht — Debakel für Kennedy

Rund 1.400 von der CIA ausgebildete und bewaffnete kubanische Exilanten der „Brigade 2506" landen in den frühen Morgenstunden des 17. April an der Schweinebucht (Bahía de Cochinos) an Kubas Südküste, um die Revolutionsregierung von Fidel Castro zu stürzen. Die unter Präsident Eisenhower in Guatemala vorbereitete, von Kennedy nur wenige Monate nach seinem Amtsantritt fortgeführte Geheimoperation scheitert binnen drei Tagen kläglich: Castros Truppen und Miliz schlagen die schlecht koordinierte Invasion zurück, rund 1.200 Angreifer geraten in Gefangenschaft, etwa 100 werden getötet. Kennedy hatte in letzter Minute die geplante amerikanische Luftunterstützung eingeschränkt, um eine offene US-Beteiligung zu vertuschen — vergeblich, denn die Urheberschaft der CIA wird rasch publik. Der Präsident übernimmt öffentlich die volle Verantwortung für das „militärische wie politische Debakel", wie er es selbst nennt, während Castro den abgewehrten Angriff nutzt, um sich offen zum Kommunismus zu bekennen und die Bindung Kubas an die Sowjetunion zu vertiefen. Erst im Dezember 1962 werden die überlebenden Gefangenen gegen Lebensmittel- und Medikamentenlieferungen im Wert von rund 53 Millionen Dollar freigekauft. Die gescheiterte Invasion gilt als eine der schwersten außenpolitischen Niederlagen der jungen Kennedy-Regierung und als Wegbereiter der Kubakrise im Folgejahr.
Der Prozess gegen Adolf Eichmann beginnt in Jerusalem

Fast ein Jahr nach seiner spektakulären Entführung durch israelische Geheimdienstagenten aus Buenos Aires, wo er seit Kriegsende unter falschem Namen gelebt hatte, beginnt am 11. April vor dem Jerusalemer Bezirksgericht im „Haus des Volkes" der Prozess gegen Adolf Eichmann, den ehemaligen SS-Obersturmbannführer und Organisator der Deportation europäischer Juden in die Vernichtungslager. Eichmann verfolgt die Verhandlung, in der ihn Chefankläger Gideon Hausner und drei Richter mit Hunderten Zeugenaussagen von Überlebenden konfrontieren, aus einer kugelsicheren Glaskabine — die Bilder gehen als eine der ersten weltweit übertragenen Gerichtsverhandlungen um die Erde. Die Philosophin Hannah Arendt, die für den „New Yorker" berichtet, prägt mit ihrer Beobachtung des unscheinbar wirkenden Angeklagten den vielzitierten und bis heute umstrittenen Begriff von der „Banalität des Bösen". Nach monatelanger Verhandlung wird Eichmann am 15. Dezember in allen Anklagepunkten — Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen, Mitgliedschaft in einer verbrecherischen Organisation — für schuldig befunden und zum Tode verurteilt; das Urteil wird in der Nacht zum 1. Juni 1962 vollstreckt, die einzige zivile Hinrichtung in der Geschichte Israels. Der Prozess bricht in vielen Ländern erstmals das jahrelange öffentliche Schweigen über den Holocaust.
Aus heutiger Sicht
Der Prozess bricht auch in Westdeutschland die bis dahin vorherrschende „Schlussstrichmentalität": Jahrelang hatten sich Hunderttausende NS-Beteiligte als bloße „Gehilfen" gesehen und waren unbehelligt in die Gesellschaft integriert. Der Eichmann-Prozess 1961 markiert hier einen ersten Wendepunkt im Umgang mit der NS-Vergangenheit.
Freedom Rides — Kampf gegen die Rassentrennung im Süden der USA

Eine Gruppe von dreizehn schwarzen und weißen Aktivisten der Bürgerrechtsorganisation CORE (Congress of Racial Equality) bricht am 4. Mai mit zwei Linienbussen von Washington, D.C., Richtung New Orleans auf, um ein Urteil des Obersten Gerichtshofs zu testen, das die Rassentrennung auf zwischenstaatlichen Busreisen und in Bahnhöfen für verfassungswidrig erklärt hatte — in den Südstaaten wird sie jedoch weiterhin rigoros durchgesetzt. Am 14. Mai, dem Muttertag, umstellt in Anniston, Alabama ein Mob aus etwa fünfzig Männern einen der Busse, zerschlägt die Scheiben und wirft eine Brandbombe hinein; die Fahrgäste entkommen den Flammen nur knapp und werden anschließend vor der brennenden Karosserie noch verprügelt. Kurz darauf werden auch die Freedom Rider eines zweiten Busses in Birmingham von einem Mob krankenhausreif geschlagen, während die Polizei unter dem berüchtigten Sicherheitschef Bull Connor absichtlich wegschaut. Trotz der Gewalt lassen sich die Aktivisten nicht einschüchtern: Neue Freiwillige schließen sich an, im Sommer werden Hunderte weitere Freedom Rider vor allem in Jackson, Mississippi, verhaftet. Der öffentliche Druck zeigt Wirkung — im September ordnet die zuständige Bundesbehörde ICC die konsequente Aufhebung der Rassentrennung auf allen zwischenstaatlichen Reisewegen an, ein früher Meilenstein der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.
Alan Shepard — der erste Amerikaner im All

Nur drei Wochen nach Gagarins Orbitalflug schießt eine Redstone-Rakete vom Weltraumbahnhof Cape Canaveral in Florida die Kapsel Freedom 7 mit dem amerikanischen Testpiloten Alan Shepard an Bord ins All. Anders als Gagarin umrundet Shepard die Erde nicht, sondern fliegt einen kurzen, ballistischen Bogen: Nach 15 Minuten und 22 Sekunden, in denen er eine Höhe von 187 Kilometern erreicht und rund fünf Minuten Schwerelosigkeit erlebt, wassert seine Kapsel plangemäß im Atlantik. Shepard wird damit zwar erst der zweite Mensch, aber der erste Amerikaner im Weltraum — ein Erfolg, den die USA nach dem Schock über Gagarins Vorsprung dringend brauchen. Der kurze, aber symbolträchtige Flug verschafft Präsident Kennedy das nötige Selbstvertrauen, um nur drei Wochen später vor dem Kongress das ungleich kühnere Ziel einer bemannten Mondlandung auszurufen.
Kennedy kündigt vor dem Kongress die Mondlandung an

In einer Grundsatzrede vor dem versammelten Kongress zu „dringenden nationalen Erfordernissen" verkündet Präsident John F. Kennedy am 25. Mai das ehrgeizigste Ziel der amerikanischen Raumfahrt: „Ich glaube, dass sich diese Nation dem Ziel verschreiben sollte, noch vor Ende dieses Jahrzehnts einen Menschen auf dem Mond landen und sicher zur Erde zurückkehren zu lassen." Der Satz fällt nur wenige Wochen nach Gagarins Orbitalflug und Shepards kurzem Höhensprung ins All und markiert eine enorme Kurskorrektur: Statt eines weiteren Etappenziels im direkten Wettlauf mit Moskau setzt Kennedy auf ein Fernziel, bei dem die Vereinigten Staaten aus eigener technischer Kraft die Führung übernehmen können. In der Folge steigen die Haushaltsmittel der Raumfahrtbehörde NASA binnen weniger Jahre um ein Vielfaches, und aus dem Vorhaben erwächst das spätere Apollo-Programm, das die Ankündigung 1969 mit der Landung von Neil Armstrong und Buzz Aldrin auf dem Mond einlöst.
Wiener Gipfeltreffen: Kennedy und Chruschtschow treffen sich

Im neutralen Wien kommen Präsident John F. Kennedy und der sowjetische Partei- und Regierungschef Nikita Chruschtschow am 3. und 4. Juni zu ihrem einzigen persönlichen Gipfeltreffen zusammen. Statt der von Kennedy erhofften Annäherung erlebt der amerikanische Präsident einen unerwartet aggressiven Gesprächspartner: Chruschtschow erneuert sein Berlin-Ultimatum von 1958 und kündigt an, die Sowjetunion werde noch bis Jahresende einen separaten Friedensvertrag mit der DDR schließen, der die westlichen Besatzungsrechte in Berlin hinfällig machen soll. Auch über den Stopp von Atomwaffentests und den Bürgerkrieg in Laos können sich beide Seiten nicht einigen; ein förmliches Ergebnis bleibt aus. Kennedy, der das Treffen später als „das Härteste" seines Lebens bezeichnet, wirkt nach eigenem Bekunden sichtlich erschüttert vom kompromisslosen Auftreten Chruschtschows. Österreichs Außenminister Bruno Kreisky deutet den Auftritt Kennedys dennoch als Signal, dass dieser im gefährlichen Kräftemessen des Kalten Krieges „bis an den Rand des Abgrunds" mitzuhalten bereit sei. Nur zwei Monate später zieht die DDR-Führung mit sowjetischer Rückendeckung die Konsequenz aus der verhärteten Berlin-Frage — der Bau der Mauer beginnt.
Der jüngste Nobelpreisträger: Rudolf Mößbauer erhält den Physik-Nobelpreis

Die Schwedische Akademie der Wissenschaften verkündet Ende Oktober, dass der Physik-Nobelpreis 1961 geteilt vergeben wird: Eine Hälfte erhält der 32-jährige Rudolf Mößbauer, „für seine Forschungen über die Resonanzabsorption der Gammastrahlung und seine damit verbundene Entdeckung, die den Namen Mössbauer-Effekt trägt", die andere Hälfte der Amerikaner Robert Hofstadter. Am 10. Dezember nimmt Mößbauer die Auszeichnung in Stockholm entgegen — als einer der jüngsten Physik-Preisträger der Geschichte. Der von ihm beschriebene, nach ihm benannte Effekt der rückstoßfreien Kernresonanzabsorption von Gammastrahlung gilt Fachleuten bereits jetzt als wegweisend für die Präzisionsmesstechnik der kommenden Jahre.
Erste Frau am Kabinettstisch: Elisabeth Schwarzhaupt wird Bundesministerin

Als erste Frau in der Geschichte der Bundesrepublik wird Elisabeth Schwarzhaupt (CDU) am 14. November als Bundesministerin für das Gesundheitswesen vereidigt. Bundeskanzler Adenauer hatte ihre Berufung zunächst zu verhindern versucht; erst ein Sitzstreik von CDU-Frauen vor dem Kabinettssaal soll ihn umgestimmt haben. Die promovierte Juristin und Theologin war zuvor vier Jahre Bundestagsabgeordnete und stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion. In ihrem neuen Ministerium verankert sie in den kommenden Jahren erstmals Umweltschutzaufgaben wie Luft- und Wasserreinhaltung.
Strom aus dem Atom: Kernkraftwerk Kahl speist erstmals ein

Das Versuchsatomkraftwerk Kahl (VAK) bei Großwelzheim in Unterfranken, ein 15-Megawatt-Siedewasserreaktor, war bereits am 13. November 1960 in Betrieb gegangen; am 17. Juni speist es erstmals Strom ins öffentliche Netz ein. Bauherren sind RWE und Bayernwerk, errichtet hat die Anlage AEG mit General Electric als Lizenzgeber für die Siedewasserreaktor-Technik. Es ist das erste kommerzielle Kernkraftwerk Deutschlands — ein Symbol für die Hoffnung, mit der Atomkraft eine neue, scheinbar unerschöpfliche Energiequelle für den weiteren Wiederaufbau zu erschließen.
123 Jahre Arbeit vollendet: Das Grimmsche Wörterbuch ist fertig

Am 4. Januar erscheint der letzte Band des „Deutschen Wörterbuchs", das Jacob und Wilhelm Grimm 1838 begonnen hatten — 123 Jahre nach Arbeitsbeginn ist das monumentale Werk vollendet. Das Gesamtwerk umfasst 67.744 Textspalten und rund 320.000 Stichwörter und bringt zusammengebunden 84 Kilogramm auf die Waage, ein Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde. Selbst der Kalte Krieg konnte die Arbeit nicht aufhalten: In Ost- und Westdeutschland wurde parallel weitergeschrieben, bis die zuständigen Akademien und Nachfolgeinstitutionen das Mammutprojekt nun gemeinsam zum Abschluss bringen.
AM RANDE NOTIERT
- In Jerusalem endet am 15. Dezember der Prozess gegen den NS-Kriegsverbrecher Adolf Eichmann mit dem Todesurteil.
- Im April scheitert die von der CIA unterstützte Invasion in der Schweinebucht gegen Fidel Castros Kuba — eine Blamage für die USA und ein Vorspiel der Kubakrise.
- Am 5. Mai fliegt der US-Astronaut Alan Shepard an Bord der Kapsel Freedom 7 als erster Amerikaner ins All — ein kurzer Sprung von nur 15 Minuten, aber die erste amerikanische Antwort auf Gagarins Orbitalflug.
- Im Bergischen Land, traditionellem Zentrum der deutschen Textilindustrie, mehren sich 1961 erste Klagen über ausländische Billigkonkurrenz — ein frühes Vorzeichen der Strukturkrise, die die Branche in den kommenden Jahrzehnten erfassen wird.
- Am 1. Juni bringt die Berliner Firma Schering mit „Anovlar" die erste Antibabypille auf den deutschen Markt — eine Packung mit 20 Dragees kostet 8,60 DM. Aus Sittlichkeitsbedenken empfiehlt Schering den Ärzten, das Mittel offiziell nur gegen Zyklusstörungen und zunächst nur verheirateten Frauen über 30 mit mehreren Kindern zu verschreiben.
- Zum 1. Juli führen die deutschen Banken die Fünf-Tage-Woche ein.
- Am 30. Oktober unterzeichnen Bundesrepublik und Türkei ein Anwerbeabkommen für Gastarbeiter.
WIRTSCHAFT · 1961
Die westdeutsche Konjunktur läuft 1961 auf Hochtouren: Die Arbeitslosenquote liegt bei unter 1 Prozent — faktische Vollbeschäftigung, die Betriebe klagen längst nicht mehr über zu wenig Arbeit, sondern über zu wenig Arbeitskräfte. Nach dem Mauerbau versiegt der bisherige Zustrom von Flüchtlingen aus der DDR als Arbeitskräftequelle vollständig; die Bundesrepublik verstärkt daher die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte, unter anderem mit dem Abkommen mit der Türkei vom 30. Oktober. Auch an der Börse zeigt sich der Optimismus des Wirtschaftswunders: Die zum Ausgabekurs von 350 DM gestartete VW-„Volksaktie" springt binnen zweier Monate über die Marke von 1.000 DM.
Der Preisspiegel (Preisstand 1960, nächstgelegenes Jahr mit belegten Daten):
- Brot (1 kg) — 0,85 DM
- Butter (1 kg) — 6,50 DM
- Eier (1 Stück) — 0,21 DM
- Milch (1 l) — 0,45 DM
- Zucker (1 kg) — 1,32 DM
- Kartoffeln (1 kg) — 0,27 DM
- Kaffee (1 kg) — 18,60 DM
- Benzin (1 l) — 0,57 DM
STIMMEN DER PRESSE · 1961
„Zum ersten Mal seit dem Prager Putsch von 1948 hat die Sowjetunion wieder ein Stück europäisches Gebiet annektiert."
„In der vergangenen Nacht sind 16 Millionen Menschen in der Sowjetzone und in Ostberlin vollständig hinter dem Eisernen Vorhang verschwunden und in die Nacht der Unfreiheit gestoßen worden."
„Es gibt kein Ausbrechen mehr aus dem Zuchthausstaat Ulbrichts."
— Neue Zürcher Zeitung, 14. August 1961
SPORT · 1961
Ein sportlich ruhiges Jahr ohne Weltmeisterschaft oder Olympia: Der westdeutsche Fußball spielt weiterhin in den regionalen Oberligen um die deutsche Meisterschaft, die geplante bundesweite Eliteliga ist erst für 1963 beschlossen. In der Oberliga West setzt sich der 1. FC Köln vor Borussia Dortmund durch, muss sich in der Endrunde um die deutsche Meisterschaft aber dem 1. FC Nürnberg geschlagen geben. Den DFB-Pokal gewinnt Werder Bremen mit einem 2:0 über den 1. FC Kaiserslautern. Im Bergischen Land schafft der Wuppertaler SV 1961 den Aufstieg in die Oberliga West und damit den Sprung in die höchste Spielklasse — ein Etappenziel auf dem Weg zur geplanten, seinerzeit noch fernen bundesweiten Eliteliga. Ansonsten bleibt der Fußball vorerst Vereinssache fernab der großen internationalen Bühne.
MODE · 1961
Nach Jahren der Diskussion setzt sich der Bikini nun endgültig als Badebekleidung durch — was in den fünfziger Jahren noch als anstößig galt, gehört an deutschen Freibädern und Badeseen, auch im Bergischen Land, allmählich zum Sommerbild. Erfunden hatte den winzigen Zweiteiler bereits 1946 der französische Ingenieur Louis Réard; zum Modephänomen wurde er erst, als Brigitte Bardot sich Mitte der fünfziger Jahre in Cannes und in ihrem Feriendomizil in Saint-Tropez damit ablichten ließ und die südfranzösische Küstenstadt so zur inoffiziellen „Bikini-Hauptstadt der Welt" machte. Zu Beginn der sechziger Jahre schmückt der Bikini bereits Titelseiten von Playboy und Sports Illustrated und verliert damit endgültig seinen Ruf als Sittenverstoß. Ansonsten bleibt die Damenmode noch der eleganten, taillierten Linie verhaftet, wie sie seit dem Amtsantritt von US-Präsident Kennedy im Januar auch Jacqueline Kennedy mit schlichten Kostümen und den zur Marke gewordenen Pillbox-Hüten vorlebt — ehe wenige Jahre später die Jugendrevolution beginnt.
KULTUR · 1961
Wer in dieser Saison die Westfalenhalle Dortmund besucht, staunt über die Verwandlungskünste von Holiday on Ice: Unter dem Motto „Black Pearl" verwandelt sich die Eisfläche in eine schillernde Zirkusmanege, in der Läuferinnen und Läufer wie Artisten über das Eis gleiten. Kostüme, Beleuchtung und die Präzision der Eiskunstläufer sorgen jedes Jahr aufs Neue für offene Münder im Publikum. Auch aus dem Bergischen Land machen sich Besucher auf den Weg ins Ruhrgebiet, um die amerikanische Revue live zu erleben.
KINO & FERNSEHEN · 1961
Am 6. Juni wird mit Sitz in Mainz das ZDF (Zweites Deutsches Fernsehen) gegründet — künftig tritt neben die ARD ein zweiter bundesweiter Sender. In den Kinos sorgt „Das Wunder des Malachias" von Regisseur Bernhard Wicki mit Gert Fröbe für Furore und gewinnt den Silbernen Bären der Berlinale sowie den Bambi für den künstlerisch wertvollsten Film. Größter Publikumserfolg des Jahres ist „Das Spukschloss im Spessart" mit Ruth Leuwerik und O. W. Fischer, mit dem Bambi für den kommerziellen Erfolg ausgezeichnet. Auch abseits der leichten Unterhaltung setzt das deutsche Kino Zeichen: Wolfgang Staudtes „Der letzte Zeuge" um eine Fluchtgeschichte aus der DDR erhält den Bundesfilmpreis für schauspielerische Leistungen, Helmut Käutners „Schwarzer Kies" spielt an einer amerikanischen Militärbasis im Hunsrück, und Victor Vicas' „Zwei unter Millionen", das in Berlin zur Zeit des Mauerbaus spielt, wird mit dem Bundesfilmpreis für das Drehbuch von Gerd Oelschlegel geehrt.
GESTORBEN · 1961
- Erwin Schrödinger (73), Physiker, Nobelpreisträger 1933 — 4. Januar, Wien.
- Dashiell Hammett (66), US-amerikanischer Krimiautor („Der Malteser Falke") — 10. Januar, New York.
- Patrice Lumumba (35), erster Ministerpräsident der Republik Kongo, ermordet — 17. Januar, Katanga.
- Gary Cooper (60), US-amerikanischer Schauspieler, Oscarpreisträger — 13. Mai, Beverly Hills.
- Carl Gustav Jung (85), Schweizer Psychiater und Psychoanalytiker — 6. Juni, Küsnacht.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1961
- VW-„Volksaktie" startet an der Börse (7. April). Erstmals im Freiverkehr gehandelt, verdoppelt sich der Kurs binnen zwei Monaten — breite Bürgerbeteiligung am westdeutschen Aufschwung.
- Amnesty International wird gegründet (28. Mai 1961). Der Londoner Anwalt Peter Benenson startet mit seinem Aufruf „The Forgotten Prisoners" eine weltweite Kampagne für gewaltlos inhaftierte Gefangene — der Beginn der bis heute größten Menschenrechtsorganisation.
- Die Wuppertaler Schwebebahn feiert 60-jähriges Bestehen (1. März 1961). Das weltweit einzigartige Hängebahn-System, 1901 eröffnet, trägt die Wuppertaler weiterhin zuverlässig durchs Tal der Wupper — ein Jubiläum, auf das die Stadt mitten im Wiederaufbau stolz blicken kann.
- Die ersten Zivildienstleistenden der Bundesrepublik beginnen ihren Dienst (4. März 1961). Statt des Waffendienstes treten sie den Ersatzdienst an — ein junges Recht, das erstmals praktisch erprobt wird.
DAS WETTER · 1961 im Bergischen Land
An diesem 13. Juli war es im Raum Wuppertal ein milder Sommertag: Höchstwert 18,4 °C, in der Nacht 11,0 °C; kräftiger Regen brachte 10,8 mm, die Sonne zeigte sich rund 1,0 Stunden.
Das Jahr über: Im Mittel 10,2 °C — gut 0,6 Grad über dem langjährigen Essener Mittel (~9,6 °C). Wärmster Tag 32 °C am 2. Juli, kältester −10 °C am 25. Dezember. 4 Hitzetage (≥30 °C), 11 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 1132 mm.
Erneut ein sehr regenreiches Jahr (über 1100 mm); der Geburtstag versank im Dauerregen.
(Messwerte der Station Essen-Bredeney, rund 25 km westlich von Wuppertal — die nächstgelegene durchgehend messende Station; Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1961
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts (amtliche Charts ab 1959).
- Drei weiße Birken — Das Hellberg-Duo
- Corinna Corinna — Ray Peterson
- Mit 17 fängt das Leben erst an — Ivo Robic
- Save the Last Dance for Me — The Drifters
- Apache — The Shadows
- Vier Schimmel, ein Wagen (Hüh-a-hoh) — Trio Kolenka
- Baby Sittin' Boogie — Buzz Clifford / Ralf Bendix
- Ramona — Blue Diamonds
- Hello Mary Lou — Die Ricky Boys
- Schöner, fremder Mann — Connie Francis
- Weites Land — Nina und Jimmy
- Wheels — Billy Vaughn & Orchestra
- Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehn — Old Merry Tale Jazzband
- Sucu Sucu — Ping Ping & Al Verlaine
- Zuckerpuppe (aus der Bauchtanztruppe) — Bill Ramsey
- Muss i denn — Gus Backus
- Weiße Rosen aus Athen — Nana Mouskouri
- La Paloma — Freddy Quinn
- Denn sie fahren hinaus auf das Meer — Peggy Brown
- Danke für die Blumen — Siw Malmkvist
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (chartsurfer.de / offizielle Charts).
Oslokai eingeweiht: „Kronprins Harald“ eröffnet die Fähre nach Norwegen

Kiel hat seit diesem Frühjahr eine Linienverbindung nach Norwegen. Am 24. April übergaben Stadtpräsident und Oberbürgermeister den neuen Fähranleger nördlich des Seegartens im Beisein des Landwirtschaftsministers der Öffentlichkeit. Der Reeder Anders Jahre hatte der Stadt die Verbindung Oslo–Kiel 1959 vorgeschlagen; der Start war für 1961 geplant. Der Kai samt Landanlagen entstand in nur elf Monaten und ist mit 5,2 Millionen DM veranschlagt. Der Baugrund machte Mühe: Der Schlick wurde abgetragen, Sand aufgespült und die Pierplatte auf 200 Pfähle gesetzt. Zwei allseits bewegliche Verladebrücken bringen die Wagen an und von Bord.
Den Namen wählte der Magistrat am 20. April: „Oslokai“, zum Dank an Jahre. Die Kieler hätten Skandinavienkai, Nordlandkai oder Schlossgartenkai vorgezogen.
Zum Abschluss lud man ins „Bellevue“; geplant war aus Sparsamkeit ein Eisbein- und Grünkohlessen zu 5 DM in der Ostseehalle.
Am 3. Mai lief die „Kronprins Harald“ erstmals den Kai an und fuhr am selben Tag nach Oslo zurück. Das Schiff mit 7500 BRT, Platz für rund 500 Passagiere und 120 Personenwagen wurde bei den Howaldtswerken in Kiel gebaut und am 2. Mai an die Jahre Line übergeben.
Aus heutiger Sicht
Die Kiel–Oslo-Verbindung besteht noch immer. Jahre Line fuhr sie von 1961 bis 1990, dann ging sie in Color Line auf, die weiterhin zwischen Kiel und Oslo fährt. Die erste „Kronprins Harald“ wurde 2005 in der Türkei abgewrackt.
Kieler Woche 1961: Lübke eröffnet, Erlander spricht

Zum Auftakt der 67. Kieler Woche, die vom 18. bis 25. Juni dauert, kam der Bundespräsident an die Förde. Heinrich Lübke eröffnete die Woche am 17. Juni mit einer Feier in der Ostseehalle; am Sonntag, dem 18. Juni, ging er an Bord der „Ashanti“.
Am Abend des 17. Juni gab es einen Empfang im „Kieler Kaufmann“. Dort sprach der schwedische Ministerpräsident Tage Erlander in einem Vortrag.
Am 23. Juni besuchten Diplomaten das Schloss Eutin, am 23. und 24. Juni folgte die Diplomatenfahrt mit der Ausfahrt der Seekreuzer.
Grundstein für den Wiederaufbau des Kieler Schlosses
Das Kieler Schloss, im Januar 1944 bei einem Luftangriff schwer getroffen, steht seit Kriegsende als Ruine. Nun soll es als Kulturzentrum der Stadt wiedererstehen. Im Juni wurde der Grundstein gelegt. Die Gäste standen dabei auf den Quadern des alten Sockels: Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel, Kultusminister Osterloh, Stadtpräsident Köster, Oberbürgermeister Dr. Müthling, Bürgermeister Dr. Fuchs, Stadtbaurat Prof. Jensen und Universitätsrektor Prof. Dr. Burck.
Oberbaurat Dr. Kraus verlas die Urkunde mit der Geschichte des Schlosses. Sie kam in eine Kassette, die in einer Aussparung der Mauer verschwand; ein Kran setzte einen Quader darüber, und der Kultusminister tat die drei Hammerschläge.
Der Neubau soll „eine Stätte gehobener Freude, besinnlichen Lehrens und Lernens, der Treue zur Geschichte des Landes und seiner Hauptstadt“ werden, sagte der Kultusminister. Der Neubau entsteht an der Stelle des Schlosses aus dem 16. Jahrhundert.
Totenschädel unter den Schienen: Bauarbeiter stoßen an der Dänischen Straße auf Knochen
Bei Ausschachtungen an der Dänischen Straße stieß am 14. Februar ein Arbeiter auf Totenschädel. Sie lagen direkt unter den Straßenbahnschienen, „nicht einmal sehr tief“. Die Kriminalpolizei stellte fest: sehr alte Knochen. Der Arbeiter fasste den Eindruck knapp: „Brrr! So viele Knochen auf einmal sind ekelhaft.“
Die Kieler Nachrichten fragten am folgenden Tag: „Lag früher ein Friedhof vor dem ‚Dänischen Tor‘?“ Ausgrabungen, so das Blatt, hätten in Kiel nie hoch im Kurs gestanden; nicht einmal der Standort des alten Klosters sei bekannt.
Die Stadtgeschichte kennt immerhin einen Platz, der in Frage kommt: Im Jahr 1350, im Jahr der Pest, kaufte die Stadt in der Brunswik vor dem Dänischen Tor Land vom Ritter Nicolaus Split. Graf Johann von Holstein gab die Erlaubnis. Auf dem Gelände stand eine hölzerne Kapelle, geweiht den Heiligen Fabian, Sebastian, Antonius und Gertrud, die Hauptpatronin war.
Die Kleinbahn Kiel–Segeberg fährt zum letzten Mal
Am 31. Dezember endet der Betrieb der Kleinbahn Kiel–Segeberg. Die Gesellschafter haben beschlossen, die Bahn einzustellen und abzubauen; nach dem Bau der Bundesstraße 404 ist der Verkehr im ländlichen Raum auf die Straße abgewandert.
Die Kleinbahn-AG war am 23. Juli 1911 von der Stadt Kiel, den Kreisen Plön und Segeberg und der Bau- und Betriebsfirma Lenz & Co. gegründet worden. Am 2. Dezember 1911 wurde die einspurige Normalspurbahn von gut 50 Kilometern Länge eröffnet. Sie führte vom Kleinbahnhof Kiel Süd, den sie sich mit der Bahn zum Schönberger Strand teilte, über Wellsee, Moorsee, Klein Barkau, Kirchbarkau, Wankendorf und Bornhöved nach Bad Segeberg. In Kirchbarkau bestand bis 1938 Anschluss an die Kleinbahn nach Preetz und Lütjenburg. Seit dem 1. Juli 1954 begannen und endeten die Züge am Kieler Hauptbahnhof.
1914/15 beförderte die Bahn 240.212 Fahrgäste und 90.965 Tonnen Fracht. Nach dem Krieg führte die Deutsche Eisenbahn-Gesellschaft den Betrieb; die Stadt Kiel und die AG für Verkehrswesen sind die Hauptaktionäre, daneben halten die beiden Landkreise und Privatleute Anteile. Als Triebwagen setzte die Bahn einen umgebauten Büssing-Dieselbus-Lastwagen ein, im Volksmund „Langschnauze“ genannt.
Aus heutiger Sicht
Der Abbau von Schwellen und Gleiskörper zog sich bis in den Sommer 1967 hin. Zwischen Bad Segeberg und Blunk wurde die Trasse zum Radwanderweg.
KURZ NOTIERT · Kiel 1961
- 7. Januar — Am Breiten Weg, Ecke Gerhardstraße, stehen noch die Reste des Bunkers Jungmann II neben dem Gelände, das der Kieler Turnerbund Brunswik für einen Sportplatz vorgesehen hat.
- 20. März — Dr. Emil Lueken, von 1920 bis 1933 Oberbürgermeister von Kiel, stirbt an seinem 82. Geburtstag; er wurde am 20. März 1879 in Oldenburg geboren.
- April — Die Kieler Versuchs- und Forschungsanstalt für Milchwirtschaft veranstaltet ihre „Milchwirtschaftliche Woche“; internationale Flaggen schmücken den Hauptbahnhof.
- 23. Juni — Am Seefischmarkt wird zum Tag des Hochseefischers ein Kranz an der Gedenktafel für die auf See gebliebenen Hochseefischer niedergelegt.
- 17. September — Bundestagswahl: Im Wahlkreis Kiel gewinnt Fritz Baade (SPD) das Direktmandat; 1957 hatte der Wahlkreis noch Hans-Carl Rüdel (CDU) gewählt. Baade leitete bis zu seiner Emeritierung in diesem Jahr das Institut für Weltwirtschaft.
- 21. Oktober — Bei den Howaldtswerken läuft „U 1“ vom Stapel, das erste für die Bundesmarine neugebaute Unterseeboot. Es gehört zur Klasse 201: rund 350 Tonnen, über 40 Meter lang, 20 Mann Besatzung. Bestellt waren am 16. März 1959 zwölf Boote.
RUND UM DIE FÖRDE · 1961
- 1961, Molfsee — Der 1958 gegründete Förderverein und die Landesregierung einigen sich auf Molfsee als Standort des Schleswig-Holsteinischen Freilichtmuseums. Den Aufbau leitet der Kunsthistoriker Alfred Kamphausen, der dafür die Direktion des Dithmarscher Landesmuseums abgibt.
- 19. März, Kronshagen — Die evangelische Christuskirche an der Ecke Kopperpahler Allee/Hasselkamp wird eingeweiht; den Schlüssel reichen Propst Sontag und Bischof Halfmann vom Architekten an Pastor Scharrenberg weiter. Seit Herbst 1939 hatte die Gemeinde ihre Gottesdienste in der Kapelle auf dem Friedhof Eichhof gehalten.
SPORT AN DER FÖRDE · 1961
- Holstein Kiel (Amateure) — Am 24. Juni, mitten in der Kieler Woche, wird die Amateurelf des KSV Holstein Deutscher Amateurmeister: In Hannover siegt sie im Endspiel 5:1 gegen den Siegburger SV 04. Zuvor hatte sie die Landesmeisterschaft Schleswig-Holstein der Amateure 1960/61 gewonnen. Manfred Podlich gehörte zur Mannschaft.
- Holstein Kiel (Oberliga Nord) — Die erste Mannschaft beendet die Oberligasaison 1960/61 auf Platz 7, mit 29:31 Punkten, 49:49 Toren und einem Zuschauerschnitt von 5027.
- Handball-WM — Kiel ist einer von 16 Spielorten der Weltmeisterschaft. Am 3. März schlägt die deutsche Auswahl hier Frankreich 21:7. Weltmeister wird Rumänien, Deutschland wird Vierter.
DAS WETTER · 1961 in Kiel
An diesem 13. Juli war es an der Förde ein milder, trüber Sommertag: Höchstwert 20,8 °C, in der Nacht 16,4 °C, im Tagesmittel 17,3 °C. Es fielen 24,6 mm Regen, die Sonne zeigte sich nur rund 0,9 Stunden.
Das Jahr über: Im Mittel 9,3 °C. Wärmster Tag 30,4 °C am 1. Juli, kältester Tiefstwert −13,5 °C am 27. Januar. 2 Hitzetage (≥30 °C), 8 Sommertage (≥25 °C), 15 Eistage (Dauerfrost) und 54 Frosttage; Jahresniederschlag 838 mm, Sonnenscheindauer 1732 Stunden.
(Messwerte der DWD-Station Kiel-Kronshagen. Quelle: DWD Climate Data Center.)