DER CHRONIST

Ein Jahr, in dem die junge Bundesrepublik gleich zweimal an ihre Grenzen stößt — an die Naturgewalt der See und an die Grenzen der eigenen Pressefreiheit — während die Welt draußen am Abgrund des Atomkriegs steht. Die katholische Kirche wagt mit dem Konzil in Rom einen historischen Aufbruch, während in Mississippi und im Himalaya blutig um Gleichheit und Grenzen gerungen wird. Hollywood trauert um Marilyn Monroe, vier junge Musiker aus Liverpool veröffentlichen fast unbemerkt ihre erste Single, und eine amerikanische Biologin warnt erstmals eindringlich vor den Folgen des Fortschritts für die Natur. Und mitten im Bergischen Land nimmt eine altvertraute Schwebebahn ein neues, blaues Gesicht an — ein kleines Zeichen der Beständigkeit in einem Jahr der großen Erschütterungen.

Die Schlagzeilen des Jahres

Die große Sturmflut überrennt Hamburg

Die große Sturmflut von 1962 in Hamburg
Die große Sturmflut von 1962 in Hamburg (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Das Orkantief »Vincinette« zieht am 16. Februar von Island kommend über die Nordsee und trifft, verstärkt durch eine ungünstig hohe Springflut, in der Nacht zum 17. Februar mit Böen um 200 km/h auf die deutsche Nordseeküste. Der Pegel der Elbe steigt in Hamburg auf einen bis dahin nie gemessenen Höchststand; allein am Klütjenfelder Hauptdeich in Wilhelmsburg bricht der Deich, binnen kurzer Zeit stehen rund 20 Prozent der Hamburger Stadtfläche unter Wasser. Über 60 Deichbrüche werden entlang der niedersächsischen und Hamburger Küste gezählt. Mehr als 20.000 Menschen müssen aus den Flutgebieten gerettet werden, über 2.000 davon in unmittelbarer Lebensgefahr von Dächern und Notinseln. Insgesamt sterben 347 Menschen, davon 315 allein in Hamburg — darunter neun Soldaten, die bei den Rettungsarbeiten ums Leben kommen.

Der erst seit wenigen Wochen amtierende Polizeisenator Helmut Schmidt übernimmt noch in der Flutnacht faktisch die Einsatzleitung, obwohl ihm dafür formal die Befugnis fehlt: Er fordert eigenmächtig Hubschrauber und Rettungskräfte der Bundeswehr an — für die Bundesrepublik der erste Katastropheneinsatz der jungen Streitkräfte im Inland überhaupt — und bittet zugleich in Hamburg stationierte NATO-Verbände aus Großbritannien, Belgien und Frankreich um Unterstützung. Die spätere Berufung auf ein angebliches »Recht der Selbsthilfe« macht Schmidt bundesweit bekannt und begründet seinen Ruf als kühler, entschlossener Krisenmanager, der ihm Jahrzehnte später als Bundeskanzler zugutekommen wird. Der Sachschaden geht in die Hunderte Millionen D-Mark; Tausende Hamburger verlieren ihr Zuhause. Auch aus dem Bergischen Land eilen Rettungskräfte des Technischen Hilfswerks und des Roten Kreuzes an die Elbe. Die Katastrophe stößt in den Folgejahren ein umfassendes Programm zur Verstärkung der Elbdeiche und zum Ausbau des Küstenschutzes an.

Das Zweite Vatikanische Konzil beginnt

Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils im Petersdom, 1962
Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils im Petersdom, 1962 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In Rom eröffnet Papst Johannes XXIII. vor rund 2.500 Konzilsvätern aus 133 Ländern das Zweite Vatikanische Konzil. Angekündigt hatte der Papst das Vorhaben bereits 1959, um die katholische Kirche einer »Aggiornamento« genannten Erneuerung zu unterziehen und den Anschluss an die moderne Welt zu finden. In seiner Eröffnungsansprache warnt Johannes XXIII. vor den »Unglückspropheten«, die nur Niedergang sähen, und mahnt stattdessen zu Zuversicht. Der Papst verzichtet bewusst auf die Tiara und tritt als Hirte, nicht als Herrscher auf. Unter den Konzilsvätern sitzt auch der Kölner Kardinal Josef Frings, dem der junge Theologe Joseph Ratzinger als Konzilsberater zur Seite steht — später als Papst Benedikt XVI. bekannt.

Das Konzil, das nach dem Tod Johannes XXIII. im Juni 1963 unter seinem Nachfolger Paul VI. fortgesetzt wird und erst 1965 endet, verabschiedet in vier Sitzungsperioden wegweisende Dokumente wie die Liturgiekonstitution »Sacrosanctum Concilium«, welche die Messfeier in den Landessprachen ermöglicht, sowie Texte zur Ökumene und zum Verhältnis zu anderen Religionen. Es leitet damit die größte Erneuerung der katholischen Kirche der Neuzeit ein — Reformen, die erst im Laufe der folgenden Jahre auch in den katholischen Gemeinden des mehrheitlich evangelischen Bergischen Landes spürbar werden, etwa wenn der Priester am Volksaltar der Gemeinde zugewandt statt mit dem Rücken zu ihr die Messe liest.

Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen: CDU verliert die absolute Mehrheit, Meyers bleibt Ministerpräsident

Wahlplakat der CDU für Ministerpräsident Franz Meyers zur Landtagswahl 1962
Wahlplakat der CDU für Ministerpräsident Franz Meyers zur Landtagswahl 1962 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 DE)

Bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, der ersten, die die Familie seit dem Umzug ins Bergische Land selbst an der Wahlurne mitentscheidet, geben 73,4 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab. Die CDU bleibt mit 46,4 Prozent stärkste Kraft, verliert aber die absolute Mehrheit, die sie 1958 errungen hatte. Die SPD legt kräftig zu und kommt auf 43,3 Prozent, die FDP verliert leicht und landet bei 6,9 Prozent. Im Düsseldorfer Landtag stehen sich CDU mit 96 und SPD mit 90 der 200 Sitze nun deutlich näher gegenüber als zuvor, die FDP stellt 14 Abgeordnete.

Am 23. Juli einigen sich CDU und FDP auf die Fortsetzung ihrer Koalition; der Landtag wählt Franz Meyers mit 109 Stimmen erneut zum Ministerpräsidenten. Im Rheinland und in Westfalen wird das knappe Ergebnis als Menetekel für die Union gedeutet, während die SPD ihren Aufwärtstrend aus den Großstädten des Ruhrgebiets bestätigt sieht.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Schleswig-Holstein, 23. September — CDU 45,0 %, SPD 39,2 %. Koalition aus CDU und FDP unter Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel fortgesetzt.
  • Hessen, 11. November — SPD 50,8 %, CDU 28,8 %. Die Sozialdemokraten erringen die absolute Mehrheit; Georg-August Zinn bleibt Ministerpräsident.
  • Bayern, 25. November — CSU 47,5 %, SPD 35,3 %. Die Christsozialen gewinnen erstmals die absolute Mehrheit der Landtagssitze; am 11. Dezember löst Alfons Goppel den bisherigen Ministerpräsidenten Hans Ehard ab.

Die Kubakrise — die Welt am Rand des Atomkriegs

Luftaufnahme sowjetischer Raketenstellungen auf Kuba, 1962
Luftaufnahme sowjetischer Raketenstellungen auf Kuba, 1962 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Dreizehn Tage hält die Welt den Atem an. Nach der gescheiterten US-Invasion in der Schweinebucht 1961 lässt Sowjetführer Nikita Chruschtschow heimlich atomar bestückbare Mittelstreckenraketen vom Typ R-12 und R-14 auf Kuba stationieren, um das strategische Gleichgewicht mit den USA zu verschieben und das kommunistische Kuba Fidel Castros vor einer neuerlichen Invasion zu schützen. Am 14. Oktober fotografiert ein amerikanisches U-2-Aufklärungsflugzeug die im Bau befindlichen Abschussrampen bei San Cristóbal; nach tagelangen Beratungen im geheimen Krisenstab »ExComm« verkündet Präsident John F. Kennedy am 22. Oktober im Fernsehen eine See-»Quarantäne« um Kuba — eine Blockade, die er bewusst nicht so nennt, um keinen Kriegsgrund zu liefern — und setzt die US-Streitkräfte auf die zweithöchste Alarmstufe DEFCON 2.

Der 27. Oktober geht als »Schwarzer Samstag« in die Geschichte ein: Über Kuba wird das US-Aufklärungsflugzeug des Majors Rudolf Anderson von einer sowjetischen Flugabwehrrakete abgeschossen, Anderson stirbt als einziges amerikanisches Todesopfer der Krise. Für Stunden scheint der Atomkrieg unausweichlich, doch in derselben Nacht bietet Kennedys Bruder Robert Kennedy dem sowjetischen Botschafter über einen Geheimkanal einen Kompromiss an: Die USA verpflichten sich, Kuba nicht anzugreifen, und ziehen im Gegenzug verdeckt ihre Jupiter-Raketen aus der Türkei ab. Am 28. Oktober verkündet Radio Moskau den Abzug der sowjetischen Raketen von Kuba — die Welt atmet auf. Als Lehre aus den gefährlich langsamen Kommunikationswegen jener Tage wird 1963 der »heiße Draht« zwischen Washington und Moskau eingerichtet, im selben Jahr folgt das erste Atomteststoppabkommen. Auch in Wuppertaler Wohnzimmern verfolgt man die Nachrichten jener Tage mit angehaltenem Atem, während auch die in der Bundesrepublik stationierten NATO-Truppen in erhöhter Bereitschaft stehen.

Aus heutiger Sicht

Erst Jahrzehnte später, nach Freigabe der Tonbandmitschnitte des Krisenstabs ExComm und sowjetischer Akten, wurde bekannt, wie knapp die Welt am 27. Oktober 1962 tatsächlich an einem Atomkrieg vorbeischrammte: An Bord des sowjetischen U-Boots B-59 vor Kuba verhinderte allein der Widerspruch des Offiziers Wassili Archipow den Abschuss eines Atomtorpedos gegen US-Schiffe — die amerikanische Seite wusste zu jenem Zeitpunkt nicht einmal, dass die U-Boote atomar bewaffnet waren.

Die »Spiegel-Affäre« erschüttert Bonn

Das Spiegel-Verlagshaus in Hamburg
Das Spiegel-Verlagshaus in Hamburg (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Auslöser ist ein Artikel des Redakteurs Conrad Ahlers mit dem Titel »Bedingt abwehrbereit«, der am 10. Oktober erscheint und gravierende Schwächen der Bundeswehr offenlegt, wie sie das NATO-Manöver »Fallex 62« gerade gezeigt hatte. Der Generalbundesanwalt wirft der Redaktion daraufhin Landesverrat vor. In der Nacht zum 26. Oktober durchsuchen Beamte über Stunden die Redaktionsräume des Nachrichtenmagazins »Der Spiegel« in Hamburg und beschlagnahmen Unterlagen; Herausgeber Rudolf Augstein stellt sich am 28. Oktober der Polizei und bleibt 103 Tage in Untersuchungshaft. Ahlers selbst befindet sich zu diesem Zeitpunkt im Spanienurlaub — er wird dort auf persönliche Initiative von Verteidigungsminister Franz Josef Strauß verhaftet, der unter Umgehung des Auswärtigen Amts direkt über den deutschen Militärattaché in Madrid interveniert. Im Bundestag bestreitet Strauß zunächst jede Beteiligung an der Verhaftung — ein Falschaussage, die sich als sein politisches Verhängnis erweist, als Details durchsickern.

Bundeskanzler Konrad Adenauer verteidigt das Vorgehen zunächst mit dem Wort vom »Abgrund von Landesverrat«, doch die vier FDP-Minister der Koalition fordern als Bedingung für den Verbleib in der Regierung die Entlassung von Strauß und treten geschlossen zurück, was Adenauer zu einer Kabinettsumbildung zwingt. Studenten demonstrieren in mehreren Städten für die Pressefreiheit, Verlegerverbände und internationale Kommentatoren sehen die junge Demokratie auf dem Prüfstand. Nach elftägiger Regierungskrise erklärt Strauß am 30. November seinen Rücktritt als Verteidigungsminister und wird durch Kai-Uwe von Hassel ersetzt. Augstein wird im Februar 1963 aus der Haft entlassen, das Verfahren gegen ihn und Ahlers wird 1965 schließlich eingestellt, ohne dass es zu einer Verurteilung kommt. Die Affäre gilt seither als Feuerprobe der Pressefreiheit in der jungen Bundesrepublik und stärkt nachhaltig das Selbstbewusstsein der deutschen Presse gegenüber dem Staat.

Aus heutiger Sicht

Wie tief die Affäre tatsächlich in die junge Bundesrepublik einschnitt, bleibt umstritten. Historiker bewerten ihre Tragweite bis heute gegensätzlich: Heinrich August Winkler nennt sie „die bisher schwerste innenpolitische Krise der Bundesrepublik", während Hans-Ulrich Wehler ihre Wirkung für symbolisch drastisch überhöht hält — Adenauers Wort vom „Abgrund von Landesverrat" jedenfalls sollte ihm in der Rückschau als schwerer politischer Fehltritt angerechnet werden.

Wuppertal bekommt den »Blauen Enzian«

Ein Wagen der Wuppertaler Schwebebahn
Ein Wagen der Wuppertaler Schwebebahn (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Auch das Bergische Land schreibt 1962 ein Stück Technikgeschichte: Die von Eugen Langen entwickelte und seit 1901 verkehrende Schwebebahn gilt seit Jahrzehnten als das Wahrzeichen der Stadt. In der Schwebebahn-Werkstatt Vohwinkel werden nun zwei Einzelwagen der Baujahre um 1950 durch einen mittigen Faltenbalg fest zu einem einzigen Gelenkzug verbunden. Mitte Dezember zeigt sich der neue Wagen 101 erstmals der Öffentlichkeit — in auffälligem Dunkelblau statt im gewohnten Rot-Beige der Flotte, weshalb die Wuppertaler ihn bald liebevoll »Blauer Enzian« taufen, nach dem gleichnamigen, ebenfalls blau lackierten Fernschnellzug der Bundesbahn. Weil die beiden Wagenhälften nun als eine Einheit gelten, genügt künftig ein einziger Schaffner statt zuvor zweier, was den Betrieb wirtschaftlicher macht; der Prototyp weist zugleich den Weg zu den späteren Gelenkzug-Generationen, die in den folgenden Jahrzehnten das Bild der Bahn prägen werden. Es ist ein kleines Symbol für ein Jahr, in dem die traditionsreiche Textil- und Bandwirkerstadt zwischen Wiederaufbauoptimismus und beginnendem Strukturwandel der heimischen Tuchfabriken ihren Weg sucht — während die Schwebebahn selbst zeigt, dass sich altbewährte Wuppertaler Technik behutsam modernisieren lässt.

Marilyn Monroe stirbt in Los Angeles

Marilyn Monroe bei ihrem Mexiko-Besuch, Februar 1962
Marilyn Monroe bei ihrem Mexiko-Besuch im Februar 1962, wenige Monate vor ihrem Tod (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In der Nacht zum 5. August wird die Schauspielerin Marilyn Monroe tot in ihrem Haus in Brentwood, Los Angeles, aufgefunden. Ihre Haushälterin Eunice Murray bemerkt gegen Mitternacht Licht unter der verschlossenen Schlafzimmertür; der herbeigerufene Psychiater Dr. Ralph Greenson dringt durch ein Fenster ein und findet die 36-Jährige reglos auf ihrem Bett, den Telefonhörer noch in der Hand, umgeben von leeren Tablettenschachteln. Die Polizei von Los Angeles stuft die Todesart nach kurzer Untersuchung als »wahrscheinlichen Suizid« durch eine selbst verabreichte Überdosis Beruhigungsmittel ein — Monroe hatte seit Jahren mit Depressionen, Schlafstörungen und einer Abhängigkeit von Barbituraten gekämpft.

Der Tod des Weltstars, der mit Filmen wie »Manche mögen's heiß« und »Blondinen bevorzugt« zur bekanntesten Leinwandikone ihrer Zeit geworden war, löst weltweit Bestürzung aus und wird von zahllosen Gerüchten und Verschwörungstheorien begleitet — befeuert auch durch ihre zuletzt kolportierte Nähe zu Präsident John F. Kennedy und dessen Bruder Robert. Kaum ein Jahrzehnt nach ihrem Durchbruch mit gerade 36 Jahren gestorben, bleibt Monroe bis heute eines der meistzitierten Sinnbilder für die Kehrseite des Hollywood-Glamours.

Rachel Carsons »Silent Spring« warnt vor dem stummen Frühling

Porträt der Biologin Rachel Carson
Die amerikanische Biologin und Autorin Rachel Carson (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In den USA erscheint das Buch »Silent Spring« (»Der stumme Frühling«) der Biologin Rachel Carson, zuvor bereits in Fortsetzungen im »New Yorker« vorabgedruckt. Carson dokumentiert akribisch, wie der massenhafte Einsatz synthetischer Pestizide wie DDT in der Landwirtschaft Vogelpopulationen dezimiert, Nahrungsketten vergiftet und langfristig auch dem Menschen schadet — und zeichnet das Bild eines Frühlings ohne Vogelgesang, sollte die Praxis ungebremst fortgesetzt werden.

Das Buch löst in den USA heftige Kontroversen aus: Die chemische Industrie versucht mit Kampagnen, Carsons Reputation zu beschädigen, während das Werk zugleich zum Bestseller wird und noch im selben Jahr eine Untersuchung von Präsident Kennedys wissenschaftlichem Beirat anstößt, die Carsons Befunde im Kern bestätigt. »Silent Spring« gilt seither als Gründungstext der modernen Umweltbewegung und trägt entscheidend dazu bei, dass DDT in den USA ein Jahrzehnt später verboten wird — ein früher Weckruf, dessen Widerhall auch die aufkommende Umweltdebatte in der Bundesrepublik in den folgenden Jahren beeinflussen wird.

Rassenunruhen an der Universität von Mississippi

US-Bundesmarshalle an der Universität von Mississippi, Oktober 1962
US-Bundesmarshalle sichern im Oktober 1962 die Universität von Mississippi während der Rassenunruhen (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

An der University of Mississippi in Oxford eskaliert der Widerstand gegen die Zulassung des schwarzen Bewerbers James Meredith, eines Veteranen der US-Luftwaffe, zu einem der schwersten Rassenkrawalle der amerikanischen Bürgerrechtsgeschichte. Als Bundesmarshalle Merediths Einschreibung durchsetzen sollen, greift ein Mob aus mehreren tausend Studenten und auswärtigen Segregationisten die Universität mit Steinen, Molotowcocktails und Schusswaffen an; Gouverneur Ross Barnett hatte sich zuvor wiederholt persönlich gegen die vom Obersten Gerichtshof angeordnete Integration gestellt.

Präsident John F. Kennedy lässt in der Nacht zum 1. Oktober rund 30.000 Soldaten und Nationalgardisten aufmarschieren — der größte Truppeneinsatz im Zusammenhang mit einer einzelnen innenpolitischen Unruhe in der Geschichte der USA. Bei den Kämpfen sterben zwei Menschen, über 300 werden verletzt. Am Morgen des 1. Oktober wird Meredith unter Bewacherschutz als erster schwarzer Student an der »Ole Miss« eingeschrieben und schließt sein Studium 1963 ab. Der Fall macht die Härte des Widerstands gegen die Rassentrennung im amerikanischen Süden weltweit sichtbar und markiert einen Wendepunkt der Bürgerrechtsbewegung.

Die Beatles veröffentlichen ihre erste Single »Love Me Do«

Die Beatles live im Star-Club in Hamburg, 1962
Die Beatles live im Star-Club in Hamburg, 1962 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In Großbritannien erscheint bei Parlophone die Single »Love Me Do« der noch weitgehend unbekannten Liverpooler Band The Beatles, auf der B-Seite gekoppelt mit »P.S. I Love You«. Aufgenommen wurde der von John Lennon und Paul McCartney verfasste Song bereits im September, kurz nachdem der neue Schlagzeuger Ringo Starr den bisherigen Drummer Pete Best abgelöst hatte; Produzent ist George Martin von EMI. Die Single erreicht in den britischen Charts lediglich Platz 17 — ein bescheidener, aber folgenreicher erster Achtungserfolg.

Erst mit der Nachfolgesingle »Please Please Me« Anfang 1963 gelingt der Band der Durchbruch an die Chartspitze, doch »Love Me Do« gilt rückblickend als der Auftakt der Beatlemania, die binnen weniger Jahre auch die Bundesrepublik erfassen wird. Für deutsche Jugendliche, die 1962 noch überwiegend deutschsprachigen Schlager hören, bleibt der neue Beat-Sound aus Liverpool zunächst eine Randerscheinung des Radioprogramms — ein Klang, der die Popkultur der kommenden Dekade jedoch von Grund auf verändern wird.

Grenzkrieg zwischen China und Indien

Indische Soldaten auf Patrouille während des Grenzkriegs, 1962
Indische Soldaten auf Patrouille während des Grenzkriegs mit China, 1962 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Entlang der umstrittenen Himalaya-Grenze eskaliert ein seit Jahren schwelender Territorialkonflikt zwischen der Volksrepublik China und Indien zum offenen Krieg. Am 20. Oktober überschreiten chinesische Truppen im Osten die von Indien beanspruchte McMahon-Linie, während im Westen, in der Region Aksai Chin, ein zweiter Frontabschnitt aufbricht; die schlecht ausgerüstete und auf den Konflikt kaum vorbereitete indische Armee unter Premierminister Jawaharlal Nehru wird auf beiden Seiten zurückgedrängt. Nach einer kurzen Kampfpause Anfang November flammen die Gefechte am 14. November erneut auf, ehe China am 21. November einseitig einen Waffenstillstand verkündet, den Indien de facto hinnimmt.

Der nur rund einen Monat dauernde Krieg kostet nach Schätzungen über 1.300 indischen und mehr als 700 chinesischen Soldaten das Leben und endet mit einem klaren militärischen Erfolg Pekings, ohne dass sich der Grenzverlauf formal ändert. Für Indien, das sich als Führungsmacht der blockfreien Staaten verstanden hatte, ist die Niederlage ein tiefer Schock, der Nehrus Ansehen dauerhaft beschädigt und Neu-Delhi in den Folgejahren zu einer massiven Aufrüstung veranlasst. Die Krise fällt zeitlich fast mit der Kubakrise zusammen und bindet damit in jenen Oktoberwochen 1962 die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit gleich an zwei Krisenherden.

Live-Bilder aus dem Hüttenwerk: Telstar verbindet Europa und Amerika

Der Nachrichtensatellit Telstar 1
Der Nachrichtensatellit Telstar 1, gestartet am 10. Juli 1962 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 10. Juli startet vom Weltraumbahnhof Cape Canaveral aus der amerikanische Satellit Telstar 1 ins All — der erste aktive Nachrichtensatellit der Welt. Am 23. Juli gelingt darüber erstmals eine Live-Fernsehübertragung zwischen Europa und Amerika: Zum Auftakt sehen Zuschauer in der Bundesrepublik eine Pressekonferenz von US-Präsident John F. Kennedy, live aus Washington übertragen.

Als deutschen Beitrag der Gegenprobe schickt die Bundesrepublik ihrerseits Bilder vom Hochofenbetrieb des Krupp-Hüttenwerks in Rheinhausen über den Satelliten in die USA — ein Stück Wirtschaftswunder-Industrie vor amerikanischem Fernsehpublikum. Weil Telstar nicht geostationär, sondern auf einer elliptischen Umlaufbahn kreist, steht für die Übertragung pro Erdumrundung nur ein Zeitfenster von rund 20 Minuten zur Verfügung — ein technisches Provisorium, das gleichwohl den Auftakt des Satellitenzeitalters markiert.

»Papas Kino ist tot« — das Oberhausener Manifest

Faksimile des Manifest-Texts
Faksimile des Textes des Oberhausener Manifests, verkündet bei den 8. Westdeutschen Kurzfilmtagen 1962 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Bei den 8. Westdeutschen Kurzfilmtagen in Oberhausen — nur wenige Kilometer vom Bergischen Land entfernt im Ruhrgebiet gelegen — verkünden 26 junge deutsche Filmemacher, darunter Alexander Kluge, Edgar Reitz und Peter Schamoni, eine gemeinsame Erklärung: „Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen." Und weiter: „Wir erklären unseren Anspruch, den neuen deutschen Spielfilm zu schaffen." Unter dem knappen Schlagwort „Papas Kino ist tot" geht die Erklärung als Oberhausener Manifest in die Filmgeschichte ein.

Die etablierte Filmbranche und ein Teil der Presse reagieren zunächst überwiegend spöttisch auf den Aufruf der jungen Unterzeichner, die im deutschen Nachkriegskino vor allem Heimatfilme und leichte Unterhaltung am Werk sehen und diesem Stil offen den Kampf ansagen.

Aus heutiger Sicht

1962 reagierten Presse und Filmbranche auf das Manifest überwiegend spöttisch-ablehnend und prägten den Spottnamen „Obermünchhausener". Erst mit den späteren Filmen von Kluge, Reitz und anderen wurde die Erklärung rückblickend als Gründungsdokument des Neuen Deutschen Films kanonisiert.

Das »Wilde Männle« stürzt ins Bacherloch

Das Wilde Männle bei Oberstdorf
Das Wilde Männle am Heilbronner Weg bei Oberstdorf, Aufnahme um 1900 — vor dem Einsturz von 1962 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In den Allgäuer Alpen bei Oberstdorf stürzt am 8. Mai der markante, rund 30 Meter hohe Felsturm „Wildes Männle" am Heilbronner Weg durch einen heftigen Gewittersturm um und wird ins Bacherloch hinabgefegt. Der Felsturm war über Jahrzehnte ein beliebtes Kletterziel und eine weithin sichtbare Landmarke des Bergpanoramas; bereits in den 1940er Jahren war bereits der rund zwei Meter hohe „Kopf" der Figur abgebrochen.

Zurück bleiben zwei kleinere Felszacken, die Bergsteiger und Einheimische wegen ihrer Form fortan „die Eule" nennen — ein bescheidenerer Wegweiser an der Stelle, an der einst das Wilde Männle über dem Tal wachte.

Die Schwabinger Krawalle — ein Sommer der Straßenschlachten

Während der Schwabinger Krawalle gespielte Gitarre
Während der Schwabinger Krawalle 1962 gespielte Gitarre, Münchner Stadtmuseum (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Auslöser ist eine Kleinigkeit: In der Nacht zum 21. Juni spielt eine Gruppe jugendlicher Straßenmusikanten in der Münchner Leopoldstraße auch nach 22:30 Uhr weiter Gitarre; Anwohner rufen die Polizei, die die Musiker festnehmen will. Aus dem kleinen Vorfall entwickeln sich binnen Stunden Straßenschlachten zwischen schätzungsweise 1.000 bis 5.000, vor allem jugendlichen Schaulustigen und Demonstranten und der teils berittenen Polizei unter Polizeipräsident Anton Heigl. Fünf Nächte in Folge kommt es im Univiertel Schwabing zu Unruhen, rund 400 Menschen werden festgenommen.

Die überforderte Polizei sucht die Schuld zunächst bei „linksradikaler Hetze" und führt in einer Wohnung der Straßenmusikanten gefundene Dostojewski-Bücher und einen sowjetischen Teekocher als vermeintliche Beweise an. Der Münchner Universitätsrektor Julius Speer erklärt gegenüber der Presse knapp: „Die jungen Leute haben zu viel Geld und zu wenig Arbeit." Unter den Teilnehmern der Straßenschlachten ist auch der 19-jährige, damals unpolitische Andreas Baader.

Aus heutiger Sicht

Historiker ordnen die Krawalle rückblickend als „mythischen" Erinnerungsort ein, der das Ende der Adenauer-Ära und die beginnende Liberalisierung der Bundesrepublik anzeigt; manche sehen in ihnen einen Vorboten der Studentenproteste von 1968. Der junge Andreas Baader sollte gut ein Jahrzehnt später als Gründer der Roten Armee Fraktion traurige Berühmtheit erlangen.

Genehmigung für Deutschlands ersten kommerziellen Kernreaktor

Kernkraftwerk Gundremmingen
Das Kernkraftwerk Gundremmingen, spätere Aufnahme der Anlage (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0 DE)

Am 14. Dezember erteilen die bayerischen Behörden die Genehmigung für den Bau von Block A des Kernkraftwerks Gundremmingen an der Donau — mit einer geplanten Leistung von 237 Megawatt das erste kommerzielle Kernkraftwerk der Bundesrepublik. Das Projekt reiht sich ein in den raschen Ausbau der zivilen Atomforschung und -nutzung, mit dem die junge Bundesrepublik im Zuge des Wirtschaftswunders ihre wachsende Stromversorgung absichern will.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Am 20. Februar umkreist John Glenn als erster Amerikaner an Bord der »Friendship 7« die Erde — ein Achtungserfolg im Wettlauf mit der sowjetischen Raumfahrt.
  • Am 5. Juli feiert Algerien nach achtjährigem Krieg seine Unabhängigkeit von Frankreich — das Ende eines der blutigsten Kolonialkonflikte der Nachkriegszeit.
  • In den Fabriken des Bergischen Landes werden 1962 erste türkische Arbeitskräfte angeworben — Folge des Abkommens von 1961 und stiller Auftakt eines Wandels, der die Region prägen wird.
  • Am 10. Juli schießt die USA mit Telstar den ersten aktiven Nachrichtensatelliten der Welt ins All; kurz darauf gelingt die erste Live-Fernsehübertragung über den Atlantik — der Auftakt des Satellitenzeitalters.
  • Am 17. August wird der 18-jährige Peter Fechter bei einem Fluchtversuch an der Berliner Mauer erschossen und verblutet unversorgt im Todesstreifen — ein Fanal, das die deutsche Teilung schlagartig in die Weltöffentlichkeit rückt.
  • Der Bayer-Konzern mit einer seiner Keimzellen im bergischen Elberfeld zählt 1962 bereits über 61.000 Beschäftigte in der Bundesrepublik — die Chemieindustrie bleibt neben der kriselnden Textilbranche der zweite große Arbeitgeber der Region.
  • Am 1. Januar nimmt der Deutschlandfunk in Köln den regulären Sendebetrieb auf — ein neuer bundesweiter Hörfunksender mit Informationsauftrag auch über die innerdeutsche Grenze hinweg.
  • Am 8. August melden die Augsburger Unternehmer Gebhard Weigele und Johann Sulzberger das Patent für die erste vollautomatische Autowaschanlage der Welt an — eine Zwei-Bürsten-Anlage, die pro Wäsche 3 D-Mark kostet.
  • Am 27. August erscheint erstmals das Satiremagazin »Pardon« — ein neues, bissiges Stimmorgan für die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft.

WIRTSCHAFT · 1962

Auf dem Höhepunkt des Wirtschaftswunders herrscht in der Bundesrepublik nahezu Vollbeschäftigung: 1962 sind es durchgehend unter 200.000 Arbeitslose, die Arbeitslosenquote liegt unter 1 Prozent — vielerorts klagen Betriebe eher über Arbeitskräftemangel als über Absatzsorgen. Ein männlicher Industriearbeiter verdient im Jahresschnitt 3,53 DM brutto pro Stunde, ein Plus von 11,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr, bei einer Wochenarbeitszeit von 45,5 Stunden. Einen Jahresurlaub leistet sich indes noch nicht jeder: Wer verreist, gibt als Bahnreisender im Schnitt 527 DM, als Autoreisender 622 DM aus — größere Anschaffungen wie ein VW oder Ford Taunus (6.845 DM), ein Mercedes 220 (12.600 DM) oder ein Fernsehgerät (1.538 DM) bleiben Wohlstandssymbole, die längst nicht jeder Haushalt sich schon leisten kann.

Der Preisspiegel:

  • Brot (1 kg) — 0,94 DM
  • Butter (1 kg) — 7,20 DM
  • Milch (1 l) — 0,44 DM
  • Bier (0,5 l) — 0,59 DM
  • Eier (1 Stück) — 0,20 DM
  • Benzin (1 l) — 0,57 DM
  • Rindfleisch (1 kg) — 5,28 DM

STIMMEN DER PRESSE · 1962

Zur Spiegel-Affäre, die die Republik seit Ende Oktober erschüttert, meldet sich die Presse quer durch das politische Spektrum zu Wort:

„Es ist mehr als ein Zufall, es ist ein Zeichen, daß der entscheidende Akt dieses Dramas, die Verhaftung des Redakteurs Conrad Ahlers, auf deutschen Antrag ausgerechnet von der Polizei des faschistischen Spaniens vollzogen wurde." — Frankfurter Rundschau, 29. Oktober 1962

„Und die Presse hat gezeigt, daß sie frei ist und frei bleiben wird." — BILD-Zeitung, 12. November 1962

„Landsleute! Laßt euch euren jungen Staat von Pessimisten, Nörglern, Hysterikern und Halbkommunisten nicht miesmachen." — BILD-Zeitung, 12. November 1962

SPORT · 1962

Fußballerisch richten sich 1962 alle Blicke nach Chile, das die Weltmeisterschaft nur zwei Jahre nach dem verheerenden Erdbeben von Valdivia 1960 unter großen Anstrengungen ausrichtet. Turnierprägend ist ein skandalöses Vorrundenspiel zwischen Chile und Italien, das als »Schlacht von Santiago« in die Fußballgeschichte eingeht; Titelverteidiger Brasilien muss zudem früh auf den verletzten Pelé verzichten, findet in Garrincha aber einen kongenialen Ersatz. Im Finale von Santiago verteidigt Brasilien am 17. Juni mit einem 3:1 gegen die Tschechoslowakei — Tore von Amarildo, Zito und Vavá — seinen WM-Titel und wird zum zweiten Mal in Folge Weltmeister.

Für den deutschen Fußball ist es zugleich ein Jahr der Weichenstellung: Wie bereits vermeldet, beschließt der DFB am 28. Juli in Dortmund mit 103 zu 26 Stimmen die Gründung der eingleisigen Bundesliga, die ab der Saison 1963/64 die bislang in fünf Oberligen zersplitterte westdeutsche Spitzenklasse ablösen soll. Von den 16 Gründungsmitgliedern, die nach sportlichen und wirtschaftlichen Kriterien ausgewählt werden, wird der Wuppertaler SV trotz seines Aufstiegs in die Oberliga West nicht berücksichtigt — die Bergischen müssen sich vorerst mit der zweiten Reihe des deutschen Fußballs begnügen.

MODE · 1962

Ein Jahr ohne markanten Modeumbruch: Die Damenmode bewegt sich weiter in den eleganten, taillierten Bahnen der Jackie-Kennedy-Ära — schmale Kostüme, Pillbox-Hütchen und Handschuhe bestimmen das Straßenbild der Städte —, ehe sich in wenigen Jahren mit Minirock und „Space Age" ein radikaler Umbruch ankündigen wird. Getragen wird der Trend zu preiswerterer, industriell gefertigter Konfektion vom anhaltenden Wirtschaftswunder: Immer mehr Frauen kaufen statt beim Schneider fertige Ware von der Stange, auch aus den Webereien und Bandfabriken des Bergischen Landes, das seit Generationen als Zentrum der Textil- und Bandwirkerindustrie gilt. In der DDR eröffnen unterdessen die ersten „Exquisit"-Läden mit modischer, aber teurer Konfektion — ein kleines Ventil für den Wunsch nach westlichem Chic im Mangelsozialismus, wo Westmode ansonsten nur über Verwandtenbesuche oder den Schwarzmarkt zu bekommen ist.

KINO & FERNSEHEN · 1962

Zum größten „Straßenfeger" des deutschen Nachkriegsfernsehens wird im Januar der WDR-Vierteiler »Das Halstuch« nach Francis Durbridge, Regie Hans Quest: Mit einer Einschaltquote von 89 Prozent bleiben an den sechs Sendeabenden Kinos, Theater und Volkshochschulen praktisch leer, selbst Wahlkampfveranstaltungen finden kaum Publikum. Im Februar bringt die Deutsche Kriminologische Gesellschaft zwei vollendete und einen versuchten Mord mit dem Sendeerfolg in Verbindung. In den Kinos begeistern unterdessen Hollywood-Produktionen wie »Frühstück bei Tiffany« mit Audrey Hepburn und »Lawrence von Arabien« das Publikum, während heimische Filme wie die Karl-May-Verfilmung »Der Schatz im Silbersee« und »Die unsichtbaren Krallen des Dr. Mabuse« die deutschen Leinwände füllen.

GESTORBEN · 1962

  • Hermann Hesse (85), deutsch-schweizerischer Schriftsteller, Nobelpreisträger 1946 — 9. August, Montagnola (Tessin, Schweiz).
  • Adolf Eichmann (56), NS-Funktionär, Organisator der Deportationen in die Vernichtungslager — hingerichtet 1. Juni, Ramla bei Tel Aviv (Israel).
  • Michael Curtiz (73), ungarisch-US-amerikanischer Filmregisseur (u. a. „Casablanca") — 11. April, Hollywood, Los Angeles.
  • Charles Laughton (63), britisch-US-amerikanischer Schauspieler — 15. Dezember, Los Angeles.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1962

  • DFB beschließt die Gründung der Bundesliga (28. Juli). In Dortmund votieren die Delegierten mit 103 zu 26 Stimmen für eine eingleisige höchste Spielklasse ab der Saison 1963/64 — Grundstein der deutschen Fußball-Bundesliga.
  • Nobelpreis für Physiologie oder Medizin an Watson, Crick und Wilkins (10. Dezember). In Stockholm wird den drei Forschern der Nobelpreis für die Entschlüsselung der Doppelhelix-Struktur der DNA verliehen — eine der folgenreichsten wissenschaftlichen Entdeckungen des Jahrhunderts wird geadelt.
  • Wuppertaler SV steigt in die Fußball-Oberliga West auf (Saisonende 1961/62). Nach dem Aufstieg aus der Zweitklassigkeit kehrt der WSV in die höchste westdeutsche Spielklasse zurück — ein sportlicher Lichtblick für das bergische Land.
  • Deutschlandfunk nimmt den Sendebetrieb auf (1. Januar). Der neue, aus Köln sendende Hörfunksender bringt Nachrichten und Kultur nun auch gezielt über die innerdeutsche Grenze hinweg — ein Lichtblick für den freien Informationszugang in geteilter Nation.

DAS WETTER · 1962 im Bergischen Land

An diesem 13. Juli war es im Raum Wuppertal ein milder Sommertag: Höchstwert 18,2 °C, in der Nacht 12,0 °C; ein kurzer Schauer brachte 3,0 mm, die Sonne zeigte sich rund 0,4 Stunden.

Das Jahr über: Im Mittel 8,2 °C — rund 1,4 Grad unter dem langjährigen Essener Mittel (~9,6 °C). Wärmster Tag 29 °C am 3. September, kältester −12 °C am 23. Dezember. 0 Hitzetage (≥30 °C), 16 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 791 mm.

Ein kühles, trübes Jahr — am Geburtstag zeigte sich die Sonne kaum eine halbe Stunde.

(Messwerte der Station Essen-Bredeney, rund 25 km westlich von Wuppertal — die nächstgelegene durchgehend messende Station; Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1962

Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts (amtliche Charts ab 1959).

  1. Hawaii Tattoo — The Waikikis
  2. Let's Twist Again — Chubby Checker
  3. Auf meiner Ranch bin ich König — Peter Hinnen
  4. Heißer Sand — Mina
  5. Zwei kleine Italiener — Jan & Kjeld
  6. Zwei kleine Italiener — Conny Froboess
  7. Ein fremder Mann — Lale Andersen
  8. Stranger on the Shore — Mr. Acker Bilk
  9. Jana, schöne Mexicana — Peter Niemann
  10. Mexico — Bob Moore
  11. Quando Quando Quando — Tony Renis
  12. Quando Quando Quando — Caterina Valente & Silvio Francesco
  13. Geld wie Heu — Gerd Böttcher
  14. Johnny Will — Pat Boone
  15. Tanze mit mir in den Morgen — Gerhard Wendland
  16. Schau mir nochmal in die Augen — Gerhard Wendland
  17. Lady Sunshine und Mr. Moon — Conny Froboess
  18. Peppermint Twist — Caterina Valente & Silvio Francesco
  19. Einmal weht der Südwind wieder — Nana Mouskouri
  20. Eine Rose aus Santa Monica — Carmela Corren

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (chartsurfer.de / offizielle Charts).

Lokalteil Kiel / Schleswig-Holstein

Kieler Woche: Der Bundespräsident nimmt die Schiffsparade ab

Parade vor dem Bundespräsidenten mit dem Segelschulschiff Gorch Fock
Kieler Woche 1962: Parade mit dem Segelschulschiff „Gorch Fock“ vor dem Bundespräsidenten, 21. Juni 1962 (Egon Steiner / Bundesarchiv, B 145 Bild-F013260-0001, CC BY-SA 3.0 de)

Die 68. Kieler Woche, vom 17. bis 24. Juni, hat ihren Höhepunkt am Donnerstag, dem 21. Juni. Auf der „Ashanti“ nimmt Bundespräsident Heinrich Lübke die Parade des Segelschulschiffs „Gorch Fock“ sowie deutscher und ausländischer Kriegsschiffe ab. Am selben Tag gibt Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel im Kieler „Kaufmann“ einen Empfang für den Bundespräsidenten und das Diplomatische Korps.

Zwei Tage später, am Sonnabend, den 23. Juni, folgt die Diplomatenfahrt auf der „Tom Kyle“; auf dem Stoller Grund laufen die Segelschiffe zur Parade auf, und am Abend ist der Tirpitzhafen bei Nacht zu sehen. Im Hafen liegen als Gäste die Segelschulschiffe „Gladan“ aus Schweden und „Danmark“ aus Dänemark, dazu das Boot „Fietsche H“ des Kieler Yachtclubs.

Das Plakat der Woche stammt von Anton Stankowski. Im kulturellen Teil setzen bedeutende Bühnen und Orchester aus allen skandinavischen Staaten die Akzente; am 22. Juni zeigt der TuS Gaarden im Volkspark ein Schauturnen. Das Rathaus trägt Flaggenschmuck.

Landtagswahl: Hassels CDU legt zu, die FDP geht auf Distanz

Der Landtag in Kiel wird neu gewählt: 1.160.115 von 1.653.858 Wahlberechtigten gehen an die Urnen, das sind 70,15 Prozent. Die CDU von Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel kommt auf 45,03 Prozent und 34 der 69 Sitze, 29 davon über Direktmandate. Die SPD erreicht 39,22 Prozent und 29 Sitze, davon 13 direkt. Die FDP zieht mit 7,88 Prozent und fünf Abgeordneten ein, der Südschleswigsche Wählerverband (SSW) mit 2,35 Prozent und einem Sitz; er ist von der Sperrklausel befreit. Die Gesamtdeutsche Partei (GDP) scheitert mit 4,23 Prozent, ebenso die Deutsche Friedens-Union mit 1,20 Prozent und die Deutsche Gemeinschaft mit 0,09 Prozent. Die GDP verschwindet damit aus dem Landtag.

Die Liberalen erwägen eine Koalition mit der SPD, die vom einzelnen SSW-Abgeordneten abhinge. Der SSW lehnt aus prinzipiellen Gründen ab.

Hassel bleibt zunächst geschäftsführend im Amt. Am 21. Oktober verlässt die FDP die Landesregierung. Die neue Wahlperiode beginnt am 29. Oktober. Zuvor hatten die Kommunalwahlen am 11. März stattgefunden.

Meteorit schlägt in Holtenau durchs Dach

Am Donnerstag, dem 26. April, gegen 13.45 Uhr, fällt in Kiel-Holtenau ein Stein vom Himmel. Er durchschlägt das Blechdach des Fachwerkhauses „Drei Kronen“. Im Haus bemerkt man ein Geräusch, mehr nicht: Eine Feuerkugel hat niemand gesehen, einen Knall niemand gehört.

Der Mieter findet den Stein am folgenden Tag, dem 27. April, auf dem Dachboden. Das Loch im Dach misst etwa zehn mal zehn Zentimeter. Der Fund wiegt zusammen 737,6 Gramm; das größte Stück hat 324 Gramm. Es handelt sich um einen Steinmeteoriten vom Typ L6-Chondrit, der als „Kiel“ geführt wird.

Der Stein geht an das Geologisch-Mineralogische Museum der Christian-Albrechts-Universität. Der Schaden am Dach: ein Loch von zehn mal zehn Zentimetern, der Verursacher: ein Stein aus dem Weltraum.

Aus heutiger Sicht

Das größte Stück des Holtenauer Meteoriten liegt noch heute im Geologisch-Mineralogischen Museum der Kieler Universität.

Bei den Howaldtswerken entstehen die ersten U-Boote der Klasse 201

Die Howaldtswerke in Kiel bauen alle drei Boote der Klasse 201 für die Bundesmarine. Am 25. Januar läuft U 2 vom Stapel; getauft wird es von der Frau des früheren U-98-Kommandanten Wilhelm Schulze. Am 3. Mai wird das Boot in Dienst gestellt.

U 1, bereits am 21. Oktober 1961 vom Stapel gelaufen und von der Frau des früheren U-99-Kommandanten Otto Kretschmer getauft, wird am 20. März im 1. Ubootgeschwader in Dienst gestellt. Das Geschwader ist am 1. Oktober 1961 in Kiel aufgestellt worden. Am 7. Mai folgt der Stapellauf von U 3; das Boot fährt ab dem 10. Juli leihweise als „Kobben“ unter norwegischer Flagge.

Schill-Kaserne in Lütjenburg feierlich eingeweiht

Im Kreis Plön ist am 12. Mai die Schill-Kaserne der Bundeswehr in Lütjenburg feierlich eingeweiht worden. Ihren Namen trägt sie nach Ferdinand von Schill, einem früheren preußischen Offizier. Gebaut wurde seit 1959: Der erste Spatenstich fiel auf den 21. September 1959, und rund 80 Firmen erhielten Aufträge. Die Anlage umfasst acht Unterkunftsgebäude, ein Mannschaftsheim, ein Unteroffiziers- und ein Offizierskasino, Fahrzeughallen, Werkstätten, eine Sporthalle, Stabs- und Verwaltungsgebäude, eine Wache und ein Sanitätszentrum. Der Neubau kostete rund 22 Millionen DM. Die ersten 320 Soldaten waren schon am 2. und 3. Januar eingezogen, als längst nicht alle Anlagen fertig waren; am 1. April verlegte das Flugabwehrbataillon 6 offiziell aus Schleswig hierher, und zur Einweihung marschierte die Truppe in einer Parade durch die Stadt.

Für die Stadt hat das Folgen. In Lütjenburg entstanden für Soldaten, zivile Bedienstete und ihre Familien etwa 200 Wohnungen; mit der Kaserne wächst der Ort um etwa 1.000 Einwohner.

Aus heutiger Sicht

Die Schill-Kaserne blieb Bundeswehr-Standort bis Ende 2012; am 12. Mai 2012, auf den Tag 50 Jahre nach der Übernahme, hielt das Flugabwehrlehrregiment 6 auf dem Marktplatz seinen Abschiedsappell.

KURZ NOTIERT · Kiel 1962

  • 3. Mai — Das Boot U 2 trägt als Emblem die schwarze Katze von U 98.
  • 1. November — Arnold Bernsmeier folgt dem Ruf der Christian-Albrechts-Universität auf den Lehrstuhl für Innere Medizin und kommt aus München.
  • Im Lauf des Jahres — Das Städtische Krankenhaus eröffnet ein neues Bettenhaus.

RUND UM DIE FÖRDE · 1962

  • Oktober, Altenholz-Stift — Weil sich die Fertigstellung des Neubaus der Grundschule an der Danziger Straße verzögert, soll für den Unterricht vorerst eine Baracke aus einem Lager bei Dänischenhagen aufgestellt werden.
  • Oktober, Möltenort — Im Fischerei- und Sporthafen wird die zweite Mole gebaut.

SPORT AN DER FÖRDE · 1962

  • Holstein Kiel — In der Oberliga Nord 1961/62 belegt Holstein Platz 5 (37:23 Punkte, 84:52 Tore) bei einem Zuschauerschnitt von 7.133.
  • Holstein Kiel — Am 9. Mai schlägt Holstein im Freundschaftsspiel den englischen Meister Ipswich Town 2:1 (Halbzeit 1:1); vier Amateure stehen in der Startelf.
  • DFB-Pokal — Am 28. Juli verliert Holstein im Achtelfinale vor 15.000 Zuschauern 3:4 (Halbzeit 1:0) gegen Schalke 04. Alle drei Kieler Tore schießt Eitel Galle, eines davon per Elfmeter; für Schalke treffen Rodekamp, Kreuz und Gerhardt (2). Schiedsrichter ist Günther Sparing.
  • THW Kiel — Der THW wird Deutscher Hallenhandball-Meister 1961/62, sein zweiter Titel; 1960 war er Vizemeister. Heimat ist die Ostseehalle.

DAS WETTER · 1962 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein kühler, trüber Sommertag: Höchstwert 17,4 °C, in der Nacht 11,9 °C, im Tagesmittel 13,2 °C; es fielen 1,6 mm Regen, die Sonne zeigte sich 1,9 Stunden.

Das Jahr über: Im Mittel 7,8 °C. Der wärmste Tag war der 19. Juni mit 27,1 °C, mitten in der Kieler Woche; der kälteste Tiefstwert lag am 26. Dezember bei −9,0 °C. Es gab keinen Hitzetag (≥30 °C), vier Sommertage (≥25 °C), 19 Eistage (Dauerfrost) und 74 Frosttage. Der Jahresniederschlag betrug 852 mm, die Sonne schien 1.531 Stunden.

(Messwerte der DWD-Station Kiel-Kronshagen. Quelle: DWD Climate Data Center.)