DER CHRONIST

Ein Jahr der Wendepunkte: Erbfeinde besiegeln Freundschaft, ein amerikanischer Präsident wird in Berlin gefeiert und wenige Monate später erschossen, ein Kanzler der ersten Stunde tritt ab — und im Tal an der Wupper erreicht die Stadt ihre größte Einwohnerzahl aller Zeiten. Doch 1963 ist mehr als diese fünf Ereignisse: In Paris verwehrt de Gaulle den Briten den Weg in die EWG, in Rom stirbt Papst Johannes XXIII. und Paul VI. führt das Konzil fort, in Moskau bremsen die Großmächte erstmals das atomare Wettrüsten, und in Südvietnam stürzen Generäle den Machthaber Diem. Während in London die Beatles und die Profumo-Affäre die Insel in Atem halten, sorgen näher an der Wupper der Élysée-Vertrag, Kennedys Berlin-Besuch, der Machtwechsel von Adenauer zu Erhard und schließlich das Attentat von Dallas für die größten Erschütterungen des Jahres.

Die Schlagzeilen des Jahres

Élysée-Vertrag besiegelt deutsch-französische Freundschaft

Adenauer und de Gaulle unterzeichnen 1963 den Élysée-Vertrag
Adenauer und de Gaulle unterzeichnen 1963 den Élysée-Vertrag (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Im Pariser Élysée-Palast unterzeichnen Bundeskanzler Konrad Adenauer und Staatspräsident Charles de Gaulle den „Vertrag über die deutsch-französische Zusammenarbeit" — mitunterzeichnet von Premierminister Georges Pompidou sowie den Außenministern Gerhard Schröder und Maurice Couve de Murville. Dem Vertragswerk gehen Jahrhunderte der „Erbfeindschaft" und drei Kriege in nur sieben Jahrzehnten (1870/71, 1914–18, 1939–45) voraus; erst das persönliche Kennenlernen der beiden Staatsmänner am 14. September 1958 auf de Gaulles Landsitz Colombey-les-deux-Églises hatte den Weg zur Aussöhnung geebnet. Seither trafen sich Adenauer und de Gaulle mehr als ein Dutzend Mal, zuletzt Anfang Januar auf Schloss Rambouillet, wo sie sich auf den Vertragstext verständigten — ehe der 87-jährige Kanzler und der 72-jährige General nun in Paris endgültig aus „Erbfeinden" Partner machen wollen.

Der Vertrag legt einen verbindlichen Konsultationsmechanismus fest: Staats- und Regierungschefs sollen sich künftig mindestens zweimal jährlich, die Außen-, Verteidigungs- und Erziehungsminister noch häufiger treffen, um Außen-, Sicherheits-, Verteidigungs- und Kulturpolitik abzustimmen. Ein eigenes Kapitel gilt der Jugend: Aus ihm geht im Juli das Deutsch-Französische Jugendwerk hervor, das seither Millionen junger Menschen aus beiden Ländern Austauschprogramme ermöglicht.

Der Bundestag ratifiziert den Vertrag bereits am 16. Mai mit großer Mehrheit — versieht ihn aber, gegen den erklärten Willen Adenauers, mit einer Präambel, die den Vorrang der atlantischen Partnerschaft mit den USA, der NATO-Bindung und der europäischen Einigung unter Einschluss Großbritanniens festschreibt. De Gaulle, der Frankreich gerade erst aus der militärischen Integration der NATO zu lösen beginnt, kommentiert die Entwertung seines Vertrags bitter mit dem Satz, Verträge seien „wie Rosen und junge Mädchen: Sie halten nur einen Morgen". Dennoch gilt der Vertrag, der am 2. Juli in Kraft tritt, trotz der ernüchternden Präambel bis heute als Grundstein der deutsch-französischen Aussöhnung und als Blaupause für die spätere europäische Einigung.

Kennedy in Berlin: „Ich bin ein Berliner"

John F. Kennedy vor der Menge am Rathaus Schöneberg, 26. Juni 1963
John F. Kennedy vor der Menge am Rathaus Schöneberg, 26. Juni 1963 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Auf seiner viertägigen Deutschlandreise vom 23. bis 26. Juni besucht US-Präsident John F. Kennedy erstmals die Bundesrepublik. Nach der Landung auf dem Flughafen Köln/Bonn-Wahn am Morgen des 23. Juni feiert er mit Bundeskanzler Konrad Adenauer eine Messe im Kölner Dom — keine 40 Kilometer von Wuppertal entfernt, sodass auch aus dem Bergischen Land viele Schaulustige an die Strecke des Präsidenten pilgern. Es folgen zwei Tage mit Gesprächen in Bonn, ein Abstecher zu den amerikanischen Streitkräften in Hanau sowie Stationen in Frankfurt und Wiesbaden, ehe Kennedy am Morgen des 26. Juni als erster amerikanischer Präsident nach dem Mauerbau die geteilte Stadt Berlin besucht.

Um 9:45 Uhr landet die Präsidentenmaschine auf dem Flughafen Tegel; Regierender Bürgermeister Willy Brandt und Adenauer empfangen den Gast. In offener Limousine führt die Fahrt durchs Hansaviertel, über den Kurfürstendamm vorbei an der Gedächtniskirche zum Brandenburger Tor und zum Checkpoint Charlie, wo Kennedy die Mauer erstmals aus nächster Nähe sieht — schätzungsweise zwei Millionen Berliner säumen an diesem Tag die Straßen. Nach einer Rede vor dem Gewerkschaftstag der IG Bau-Steine-Erden und einem Mittagessen im Rathaus Schöneberg tritt Kennedy, von seinem Berliner Dolmetscher Robert Lochner in der deutschen Aussprache gecoacht, vor die Menge auf dem Rathausplatz, wo mehrere Hunderttausend dicht gedrängt stehen. Er bekräftigt mit dem Ruf „Lasst sie nach Berlin kommen" die amerikanische Schutzzusage für die eingeschlossene Stadt und schließt mit dem Satz „Ich bin ein Berliner", der um die Welt geht. Am Nachmittag erhält er an der Freien Universität die Ehrenbürgerschaft Berlins, spricht vor amerikanischen Soldaten in der Truman-Kaserne in der Clayallee und fliegt um 17:15 Uhr von Tegel weiter — nach nur acht Stunden in der Stadt. Für die Westberliner, seit dem 13. August 1961 von Verwandten und Freunden im Osten abgeschnitten, wird der Besuch zum emotionalen Höhepunkt des Jahres.

Adenauer tritt ab, Ludwig Erhard wird Bundeskanzler

Das erste Kabinett Erhard, 1963
Das erste Kabinett Erhard, 1963 (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Dem Rücktritt geht ein langer Vorlauf voraus: Bereits im Oktober/November 1962 hatte die Spiegel-Affäre die Koalition erschüttert — nach einem Bericht des Magazins über die Verteidigungsbereitschaft der Bundeswehr ließ Verteidigungsminister Franz Josef Strauß Redaktionsräume durchsuchen und Chefredakteur Rudolf Augstein wegen Landesverratsverdachts verhaften, ohne den zuständigen FDP-Justizminister Wolfgang Stammberger zu informieren. Aus Protest traten am 19. November 1962 alle fünf FDP-Minister zurück, Strauß selbst musste am 30. November das Verteidigungsressort räumen. Um die Koalition mit der FDP zu retten, kündigte Adenauer bereits am 7. Dezember 1962 seinen Rücktritt für den Herbst des Folgejahres an.

Nach mehr als vierzehn Jahren im Amt legt Konrad Adenauer, 87-jährig, sein Kanzleramt nun tatsächlich mit Ablauf des 15. Oktober nieder. Am folgenden Tag wählt der Bundestag mit 279 gegen 180 Stimmen bei 24 Enthaltungen seinen bisherigen Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, den „Vater des Wirtschaftswunders" und Architekten der Sozialen Marktwirtschaft, zum zweiten Bundeskanzler der Republik. Erhard führt die Koalition aus CDU/CSU und FDP mit dem FDP-Politiker Erich Mende als Vizekanzler fort und übernimmt mit Gerhard Schröder als Außenminister weite Teile des bisherigen Kabinetts; Adenauer selbst bleibt bis 1966 CDU-Bundesvorsitzender und mischt sich als „Übervater" weiterhin in die Tagespolitik ein. Die Ära des Gründungskanzlers, die die junge Bundesrepublik durch Westbindung, Wiederaufbau und Wirtschaftsaufschwung geprägt hat, geht damit formal zu Ende — im Bergischen Land wie überall im Land wird der Machtwechsel als Ende einer Epoche empfunden.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Berlin, 17. Februar — SPD 61,9 %, CDU 28,8 % (Wahlbeteiligung 89,9 %). Regierender Bürgermeister Willy Brandt geht trotz absoluter SPD-Mehrheit im Abgeordnetenhaus erneut eine Koalition mit der FDP ein.
  • Rheinland-Pfalz, 31. März — CDU 44,4 %, SPD 40,7 % (Wahlbeteiligung 75,5 %). Ministerpräsident Peter Altmeier (CDU) führt die Koalition mit der FDP fort.
  • Niedersachsen, 19. Mai — SPD 44,9 %, CDU 37,7 % (Wahlbeteiligung 76,9 %). Ministerpräsident Georg Diederichs (SPD) bildet erneut eine Koalition mit der FDP.
  • Bremen, 29. September — SPD 54,7 %, CDU 28,9 % (Wahlbeteiligung 76,1 %). Bürgermeister Wilhelm Kaisen regiert mit der FDP weiter.
  • Volkskammerwahl (DDR), 20. Oktober — die Einheitsliste der Nationalen Front, wie schon 1950 und 1954 die einzige zugelassene Liste, erhält amtlich 99,95 % Ja-Stimmen bei einer amtlichen Wahlbeteiligung von 99,25 %.

Ermordung John F. Kennedys in Dallas

Kennedys Wagenkolonne in Dallas, 22. November 1963
Kennedys Wagenkolonne in Dallas, 22. November 1963 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Bei einer Wahlkampffahrt durch Dallas, Texas, an der Seite seiner Frau Jacqueline und des texanischen Gouverneurs John Connally wird Präsident John F. Kennedy gegen 12:30 Uhr Ortszeit im offenen Wagen auf der Fahrt durch die Dealey Plaza von Schüssen tödlich getroffen; Gouverneur Connally wird schwer verletzt, überlebt aber. Die Wagenkolonne rast zum Parkland Memorial Hospital, wo Kennedy kurz darauf für tot erklärt wird. Als Schütze identifiziert die Polizei den 24-jährigen Lee Harvey Oswald, der aus dem Texas School Book Depository gefeuert haben soll und wenig später auch den Polizisten J. D. Tippit erschießt, ehe er in einem Kino festgenommen wird. Noch am selben Nachmittag wird Lyndon B. Johnson an Bord der Präsidentenmaschine als Nachfolger vereidigt. Zwei Tage später, am 24. November, erschießt der Nachtclubbesitzer Jack Ruby den bereits gefesselten Oswald live im Fernsehen im Keller des Dallasser Polizeipräsidiums — ein Mord, der die von Präsident Johnson eingesetzte Warren-Kommission vor die bis heute umstrittene Aufgabe stellt, Tathergang und mögliche Hintermänner aufzuklären; sie kommt 1964 zu dem Schluss, Oswald habe allein und ohne Verschwörung gehandelt.

Die Nachricht erreicht Europa noch in der Nacht und löst auch in Westdeutschland tiefe Bestürzung aus — erst im Juni hatten Millionen den Präsidenten in Berlin bejubelt. Der erst wenige Wochen amtierende Bundeskanzler Ludwig Erhard, der ohnehin zu politischen Gesprächen nach Washington reisen wollte, macht daraus eine Trauervisite und nimmt am 25. November an der Beisetzung auf dem Arlington-Friedhof teil; in einem Kondolenztelegramm an Nachfolger Johnson würdigt er Kennedy als Freund und Bundesgenossen. In vielen deutschen Städten, darunter Berlin, wird in den Folgetagen und -jahren ein Platz nach ihm benannt — der Platz vor dem Rathaus Schöneberg erhält bereits am 25. November den Namen John-F.-Kennedy-Platz; Trauerbeflaggung und Gedenkgottesdienste prägen die Tage danach auch im Bergischen Land.

Wuppertal auf dem Höhepunkt: 423.453 Einwohner

Die Johanneskirche in Wuppertal-Elberfeld
Die Johanneskirche in Wuppertal-Elberfeld (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Im Wirtschaftswunder-Jahr 1963 erreicht Wuppertal mit 423.453 Einwohnern den höchsten Bevölkerungsstand seiner Geschichte — nie zuvor und nie danach zählt die Stadt an der Wupper mehr Menschen. Die 1929 aus Barmen, Elberfeld, Cronenberg, Ronsdorf und Vohwinkel gebildete Großstadt profitiert 1963 von einer breit gefächerten Industriestruktur: Neben der traditionsreichen Textilindustrie sorgen Chemie- und Metallbetriebe wie der Chemiekonzern Bayer — 1863 von Friedrich Bayer und dem Färber Johann Friedrich Weskott als Farbenfabrik im damals noch selbständigen Elberfeld gegründet und 1963 mit rund 80.000 Beschäftigten und etwa 4,7 Milliarden DM Umsatz auf dem Höhepunkt seines hundertjährigen Bestehens — für nahezu Vollbeschäftigung. Zugleich kommen zunehmend „Gastarbeiter" aus Italien, Griechenland und der Türkei ins Tal, angeworben über die deutschen Anwerbeabkommen der frühen 1960er Jahre, und finden Arbeit in den Fabriken der Region.

Auch das Wahrzeichen der Stadt verändert sich leise: Zum 1. Januar 1963 fällt an der 1901 eröffneten Schwebebahn die alte Trennung zwischen der gepolsterten ersten und der einfachen zweiten Wagenklasse — ein kleines, aber sichtbares Zeichen des sich wandelnden Zeitgeists. Wenige Jahre später wird die textile Blütezeit bereits wieder bröckeln, und mit ihr wird auch die Einwohnerzahl der Stadt zurückgehen — 1963 aber steht das Tal noch ganz im Zeichen des Aufschwungs.

De Gaulles Veto gegen Großbritanniens EWG-Beitritt

Staatspräsident Charles de Gaulle, Porträtaufnahme 1963
Staatspräsident Charles de Gaulle, Porträtaufnahme aus dem Jahr 1963 (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Auf einer Pressekonferenz im Élysée-Palast erteilt Staatspräsident Charles de Gaulle den seit 1961 laufenden Verhandlungen über einen Beitritt Großbritanniens zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft eine schroffe Absage. De Gaulle begründet sein Veto mit der wirtschaftlichen und mentalen „Andersartigkeit" der Insel: Großbritanniens enge Bindung an den Commonwealth, seine laxere Agrarpolitik und vor allem seine „besondere Beziehung" zu den Vereinigten Staaten seien mit der kontinentaleuropäischen Gemeinschaft unvereinbar. Ohne Rücksprache mit den fünf EWG-Partnern – darunter die Bundesrepublik, die den britischen Beitritt befürwortet hatte – lässt er die Verhandlungen am 28. Januar in Brüssel scheitern; Premierminister Harold Macmillan, der jahrelang auf die Aufnahme hingearbeitet hatte, muss die Niederlage hilflos hinnehmen.

Das Veto, das de Gaulle sechs Jahre später 1969 noch ein zweites Mal gegen einen britischen Beitrittsantrag wiederholen wird, gilt vielen Beobachtern als Ausdruck seines Misstrauens gegenüber einer „atlantisch" dominierten Gemeinschaft und passt zu seiner Skepsis gegenüber supranationalen Bindungen, die er wenige Tage später mit der Präambel-Kontroverse um den deutsch-französischen Élysée-Vertrag erneut zeigt. Erst 1973, zehn Jahre nach diesem ersten Veto, tritt Großbritannien schließlich den Europäischen Gemeinschaften bei.

Tod Papst Johannes' XXIII. und Wahl Pauls VI.

Papst Paul VI. nach seiner Wahl im Konklave, Juni 1963
Papst Paul VI. nach seiner Wahl im Konklave, Juni 1963 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nach monatelangem Krebsleiden stirbt Papst Johannes XXIII. am Abend des 3. Juni im Alter von 81 Jahren im Vatikan. Der 1958 gewählte „gute Papst", der mit dem im Oktober 1962 eröffneten Zweiten Vatikanischen Konzil die katholische Kirche für Reformen und den Dialog mit anderen Konfessionen und der modernen Welt geöffnet hatte, hatte erst wenige Wochen zuvor mit seiner Enzyklika „Pacem in terris" ein vielbeachtetes Plädoyer für Frieden und Menschenrechte in Zeiten des Kalten Krieges veröffentlicht. Sein Tod löst weltweit, auch unter Nichtkatholiken, große Anteilnahme aus.

Das am 19. Juni eröffnete Konklave wählt bereits am 21. Juni im sechsten Wahlgang den Mailänder Erzbischof Giovanni Battista Montini zum Nachfolger; er nimmt den Namen Paul VI. an. Der neue Papst, der als enger Vertrauter Johannes' XXIII. gilt, kündigt umgehend an, das von seinem Vorgänger begonnene Konzil fortzusetzen – es wird bis 1965 unter seiner Leitung zu Ende geführt und mit weitreichenden liturgischen und kirchenpolitischen Reformen auch das katholische Leben in der Bundesrepublik verändern.

Atomteststoppabkommen von Moskau

Präsident John F. Kennedy unterzeichnet die Ratifikationsurkunde zum Atomteststoppabkommen, Washington, 7. Oktober 1963
Präsident John F. Kennedy unterzeichnet die Ratifikationsurkunde zum Atomteststoppabkommen im Weißen Haus, Washington, 7. Oktober 1963 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In Moskau unterzeichnen die Außenminister der USA, der Sowjetunion und Großbritanniens – Dean Rusk, Andrei Gromyko und Alec Douglas-Home – den „Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser". Das nach monatelangen Verhandlungen zwischen US-Präsident John F. Kennedy und Kremlchef Nikita Chruschtschow zustande gekommene Abkommen verbietet oberirdische Atomtests und damit die radioaktive Verseuchung der Erdatmosphäre; unterirdische Tests bleiben weiterhin erlaubt. Es ist das erste Rüstungskontrollabkommen des Kalten Krieges und gilt als direkte Folge der Kubakrise vom Oktober 1962, die die Welt an den Rand eines Atomkriegs gebracht hatte.

Auch die Bundesrepublik, selbst nicht im Besitz von Kernwaffen, tritt dem Vertrag noch im selben Jahr bei; Frankreich unter de Gaulle und die Volksrepublik China dagegen verweigern die Unterschrift und setzen ihre eigenen atmosphärischen Tests fort. Für die von der Kubakrise erschütterte Weltöffentlichkeit ist der Moskauer Vertrag dennoch ein erstes, greifbares Signal der Entspannung zwischen den Supermächten.

Beatlemania: Die Beatles erobern Großbritannien

Die Beatles, Presse-/Werbefoto von Dezo Hoffmann, 1963
Die Beatles, Presse-/Werbefoto von Dezo Hoffmann für Capitol Records, 1963 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Mit ihrem im März erschienenen Debütalbum „Please Please Me" und den Hit-Singles „From Me to You" und „She Loves You" avanciert die Liverpooler Band The Beatles um John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr binnen weniger Monate vom regionalen Clubphänomen zum landesweiten Superstar-Ereignis. Ihr Auftritt am 13. Oktober in der Fernsehshow „Sunday Night at the London Palladium" vor rund 15 Millionen Zuschauern markiert den Durchbruch in die Wohnzimmer des ganzen Landes; kreischende Fans vor den Konzertsälen prägen fortan das Bild der Band. Die britische Presse prägt für den beispiellosen Fantaumel noch im selben Oktober den Begriff „Beatlemania".

In der Bundesrepublik, wo die Band bereits 1960 bis 1962 in Hamburger Clubs auf der Reeperbahn ihre Bühnenerfahrung gesammelt hatte, ist der englische Rummel vorerst nur aus der Ferne zu verfolgen – der eigentliche deutsche Beatles-Boom mit „Sie liebt dich" und ausverkauften Hallen folgt erst 1964 und 1966. 1963 aber legt die Band mit ihrem Erfolg in der Heimat den Grundstein für den weltweiten Siegeszug, der binnen weniger Jahre auch das Bergische Land erreichen wird.

Profumo-Affäre erschüttert Großbritannien, Macmillan tritt zurück

Premierminister Harold Macmillan beim Staatsbesuch bei Italiens Präsident Antonio Segni, Februar 1963
Premierminister Harold Macmillan (l.) beim Staatsbesuch bei Italiens Präsident Antonio Segni, Februar 1963 — wenige Monate vor seinem Rücktritt (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Der britische Kriegsminister John Profumo muss am 5. Juni zurücktreten, nachdem er im März vor dem Unterhaus fälschlich bestritten hatte, ein außereheliches Verhältnis mit dem Callgirl Christine Keeler gehabt zu haben – brisant vor allem, weil Keeler zugleich Kontakte zu einem sowjetischen Marineattaché unterhielt und damit ein Sicherheitsrisiko im Kalten Krieg heraufbeschworen hatte. Der Skandal, der wochenlang die Schlagzeilen der britischen Boulevardpresse beherrscht, erschüttert das Vertrauen in die konservative Regierung von Premierminister Harold Macmillan nachhaltig und legt zugleich die Doppelmoral der britischen Oberschicht offen.

Gesundheitlich bereits angeschlagen und durch die Affäre politisch geschwächt, tritt Macmillan am 18. Oktober zurück; sein Nachfolger wird tags darauf der bisherige Außenminister Alec Douglas-Home, der eigens seinen Adelstitel niederlegt, um als Unterhausabgeordneter ins Amt zu gelangen. Die von der Regierung eingesetzte Untersuchungskommission unter Lord Denning kommt im September zu dem Schluss, dass keine Staatsgeheimnisse verraten wurden – der politische Schaden für die Konservativen, die die folgende Unterhauswahl 1964 knapp verlieren, bleibt dennoch erheblich.

Buddhistische Krise und Sturz Ngo Dinh Diems in Südvietnam

Staatspräsident Ngo Dinh Diem, Porträtaufnahme
Staatspräsident Ngo Dinh Diem, Porträtaufnahme (US National Archives / Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Im Mai eskaliert in Südvietnam ein seit Jahren schwelender Konflikt: Nachdem Soldaten des katholisch geprägten Regimes von Staatspräsident Ngo Dinh Diem in Hue auf buddhistische Demonstranten schießen, die gegen ein diskriminierendes Verbot religiöser Flaggen protestieren, wächst der Widerstand der buddhistischen Mehrheit zur landesweiten „Buddhistischen Krise". Weltweite Erschütterung löst am 11. Juni die Selbstverbrennung des Mönchs Thích Quảng Đức an einer Straßenkreuzung in Saigon aus, deren Fotografien um die Welt gehen und Diems repressive Herrschaft international anprangern; sein Bruder und Berater Ngo Dinh Nhu lässt daraufhin im August zahlreiche buddhistische Pagoden stürmen.

Angesichts der wachsenden Instabilität zieht auch die bislang mit Diem verbündete US-Regierung unter Präsident Kennedy ihre Unterstützung zurück. Am 1./2. November stürzt eine Gruppe südvietnamesischer Generäle um Duong Van Minh in einem von der CIA geduldeten Putsch die Regierung; Diem und Nhu werden auf der Flucht gefasst und noch am 2. November erschossen. Der Putsch, der Südvietnam in eine Phase politischer Instabilität mit rasch wechselnden Militärregierungen stürzt, gilt rückblickend als Beschleuniger der amerikanischen Verstrickung in den Vietnamkrieg – nur drei Wochen später wird auch Kennedy selbst ermordet.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • In Washington hält Martin Luther King am 28. August vor rund 250.000 Menschen seine Rede „I Have a Dream" — ein Menetekel der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, das auch in Westdeutschland aufmerksam verfolgt wird.
  • Am 17. Dezember unterzeichnen West-Berlin und die DDR das erste Passierscheinabkommen: Zwischen dem 19. Dezember und dem 5. Januar besuchen über 700.000 Westberliner erstmals seit 28 Monaten wieder Verwandte im Ostteil der Stadt.
  • Am 20. Dezember beginnt in Frankfurt am Main der erste Auschwitz-Prozess gegen 22 Angeklagte — der bedeutendste NS-Prozess der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte, der die deutsche Öffentlichkeit erstmals umfassend mit den Verbrechen von Auschwitz konfrontiert.
  • Am 8. August erbeuten Räuber bei einem Überfall auf einen Postzug nahe Cheddington in England rund 2,6 Millionen Pfund — der „Große Postraub" wird zum meistdiskutierten Kriminalfall des Jahres und weltweit zur Legende.
  • Am 1. April nimmt das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) in Mainz seinen Sendebetrieb auf und bricht damit das bisherige Fernsehmonopol der ARD.
  • Der Chemiekonzern Bayer, 1863 im Wuppertaler Stadtteil Barmen von Friedrich Bayer gegründet, begeht 1963 sein hundertjähriges Bestehen — ein Jubiläum, das die enge Verbindung zwischen dem Tal der Wupper und dem Weltunternehmen unterstreicht.

SPORT · 1963

Der große sportliche Umbruch des Jahres ist bereits vermeldet: Mit dem ersten Bundesliga-Spieltag am 24. August beginnt die Ära der eingleisigen deutschen Fußball-Eliteliga. Der DFB hatte die 16 Gründungsmitglieder aus 46 Bewerbern nach der sogenannten Zwölfjahreswertung ermittelt: fünf Vereine aus der Oberliga West (Borussia Dortmund, 1. FC Köln, Meidericher SV, Preußen Münster, Schalke 04), fünf aus der Oberliga Süd, drei aus der Oberliga Nord, zwei aus der Oberliga Südwest sowie Hertha BSC aus der Berliner Stadtliga. Am Eröffnungsspieltag verfolgen über 300.000 Zuschauer die acht Partien; im Bremer Weserstadion erzielt Dortmunds Timo Konietzka gegen Werder Bremen bereits nach 58 Sekunden das historisch erste Bundesliga-Tor, ehe Bremen die Partie noch mit 3:2 gewinnt.

Für das Bergische Land bleibt der Neuanfang zunächst mit einer knappen Enttäuschung verbunden: Der Wuppertaler SV, der in der Saison 1962/63 noch das Halbfinale des DFB-Pokals erreicht hatte, verpasst die Qualifikation für die neue Bundesliga und startet stattdessen in der neu geschaffenen, zweitklassigen Regionalliga West — den Sprung in die Beletage des deutschen Fußballs schafft der WSV erst 1972. Die Premierensaison 1963/64 der Bundesliga läuft bis zum Frühjahr 1964 und wird mit 1. FC Köln ihren ersten Meister krönen — ein neues Kapitel des deutschen Fußballs, dessen Anfänge auch das Bergische Land hautnah miterlebt.

MODE · 1963

Modisch bleibt 1963 ein Übergangsjahr: Die elegante, taillierte Linie der frühen Sechziger — Jackie-Kennedy-Chic mit knielangem Kostüm, kleinem Pillbox-Hut und Handschuhen, wie ihn die First Lady auch bei Kennedys Berlin-Besuch im Juni vorführt — hält sich noch als Leitbild der eleganten Dame. Doch am Horizont kündigt sich bereits die kommende Jugendrevolution an: In London zeigt die Designerin Mary Quant in ihrer Boutique „Bazaar" erste, deutlich über dem Knie endende Röcke — Vorboten des Minirocks, der die zweite Hälfte des Jahrzehnts prägen wird. In deutschen Kaufhäusern und auch im Bergischen Land, traditionell mit einer eigenen Textil- und Bandwebindustrie verbunden, hält sich vorerst noch die konservativere, gedeckte Linie, während junge Frauen erste kürzere Röcke aus den Modezeitschriften abschauen.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1963

  • Bundesliga startet mit erstem Spieltag (24. August). Über 300.000 Zuschauer verfolgen den Auftakt der neuen eingleisigen Fußball-Bundesliga; Timo Konietzka erzielt nach nur 58 Sekunden das allererste Bundesliga-Tor — Beginn einer neuen Ära des deutschen Fußballs.
  • Berliner Philharmonie eröffnet (15. Oktober). Hans Scharouns kühn geschwungenes Konzerthaus wird mit Beethovens Neunter unter Herbert von Karajan eingeweiht — ein neues architektonisches und musikalisches Wahrzeichen des westdeutschen Kulturlebens.
  • Erste Frau im All: Walentina Tereschkowa startet mit Wostok 6 (16. Juni). Die 26-jährige sowjetische Kosmonautin umkreist als erste Frau der Geschichte fast drei Tage lang die Erde — ein Meilenstein, der auch in Westdeutschland mit Staunen verfolgt wird.
  • Chemie-Nobelpreis für Karl Ziegler (Dezember). Der Direktor des Max-Planck-Instituts für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr wird gemeinsam mit dem Italiener Giulio Natta für die Ziegler-Natta-Katalyse geehrt, die die industrielle Herstellung von Kunststoffen revolutioniert — Spitzenforschung aus dem Westen der Republik.

DAS WETTER · 1963 im Bergischen Land

An diesem 13. Juli war es im Raum Wuppertal ein milder Sommertag: Höchstwert 22,2 °C, in der Nacht 10,6 °C; kräftiger Regen brachte 9,3 mm, die Sonne zeigte sich rund 6,3 Stunden.

Das Jahr über: Im Mittel 8,3 °C — rund 1,3 Grad unter dem langjährigen Essener Mittel (~9,6 °C). Wärmster Tag 31 °C am 3. August, kältester −17 °C am 18. Januar. 1 Hitzetage (≥30 °C), 47 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 760 mm.

Der Jahrhundertwinter 1962/63 ließ auch im Westen das Eis stehen: 47 Eistage und bis −17 °C — einer der kältesten Winter seit Messbeginn.

(Messwerte der Station Essen-Bredeney, rund 25 km westlich von Wuppertal — die nächstgelegene durchgehend messende Station; Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1963

Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts (amtliche Charts ab 1959).

  1. Bonanza — Ralf Paulsen
  2. Buona Notte — Rocco Granata
  3. Schuld war nur der Bossa Nova — Manuela
  4. Wenn erst der Abend kommt — Peter Alexander
  5. Mitsou — Jacqueline Boyer
  6. Kiss Me Quick — Elvis Presley
  7. Kiss Me Quick — Udo Jürgens
  8. Cheerio — Petula Clark
  9. Cheerio — Little Peggy March
  10. Junge, komm bald wieder — Freddy Quinn
  11. Gaucho Mexicano (Jalisco) — Renate & Werner Leismann
  12. Gaucho Mexicano (Jalisco) — John Buck & His Blazers
  13. Wini-Wini — Die Tahiti-Tamoures
  14. Barcarole in der Nacht — Connie Francis
  15. Siebentausend Rinder — Peter Hinnen
  16. Rote Lippen soll man küssen — Cliff Richard
  17. Zwei blaue Vergissmeinnicht — Rex Gildo
  18. Ich will 'nen Cowboy als Mann — Gitte
  19. Ich will 'nen Cowboy als Mann — Lill-Babs
  20. Sag mir, wo die Blumen sind — Marlene Dietrich

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (chartsurfer.de / offizielle Charts).