DER CHRONIST

Ein Jahr des Umbruchs: Neue Hände greifen nach den Zügeln der Weltpolitik, während in Washington ein Bürgerrechtsgesetz die Vereinigten Staaten neu vermisst und der Wahlkampf zwischen Johnson und Goldwater das Land in einen historischen Erdrutschsieg treibt. In Moskau stürzt Chruschtschow, in Peking zündet die erste chinesische Atombombe, und am Golf von Tonkin eskaliert ein Zwischenfall zum Auftakt eines langen Krieges. Vor Gericht in Pretoria wird Nelson Mandela zu lebenslanger Haft verurteilt, während in Kairo und Jerusalem die PLO gegründet wird und in Berkeley Studenten erstmals für ihre Redefreiheit auf die Straße gehen. Am Bahnhof Köln-Deutz begrüßt die Bundesrepublik ihren millionsten Gastarbeiter, während zwischen Ost- und West-Berlin ein neues Passierscheinabkommen Familien zu Weihnachten wieder zusammenführt. Und in Washington zieht eine Kommission unter Earl Warren einen Schlussstrich unter den Mord an John F. Kennedy, der doch bis heute Fragen offenlässt. Ein Jahr, in dem mancher Prozess und manche Entscheidung über Jahrzehnte hinweg das Schicksal ganzer Völker entscheidet.

Die Schlagzeilen des Jahres

Der millionste »Gastarbeiter« kommt in Köln an

Gedenktafel in Köln-Deutz, wo 1964 der millionste Gastarbeiter ankam
Gedenktafel in Köln-Deutz, wo 1964 der millionste „Gastarbeiter“ ankam (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Am Bahnhof Köln-Deutz wird der Portugiese Armando Rodrigues de Sá, geboren 1926 im nordportugiesischen Dorf Vale de Madeiros und von Beruf Zimmermann — das Handwerk lernte er einst bei seinem Onkel —, mit einem Blumenstrauß, einer Ehrenurkunde und einem Moped der Marke Zündapp als „millionster Gastarbeiter" der Bundesrepublik empfangen. Gegen den Willen seiner Frau hatte er sich in Lissabon bei der deutschen Anwerbekommission gemeldet, die ärztliche Musterung bestanden und einen Arbeitsvertrag als Zimmermann erhalten; einen Führerschein besitzt er nicht, fahren kann er das Geschenk also nicht. Nach dem Bahnhofsempfang reist er weiter über Stuttgart nach Blaubeuren, wo er fortan auf dem Bau arbeitet. Grundlage seiner Anreise ist das am 17. März 1964 geschlossene deutsch-portugiesische Anwerbeabkommen — das letzte einer ganzen Reihe solcher Verträge, die die Bundesrepublik seit der Vollbeschäftigung der Wirtschaftswunderjahre geschlossen hat: mit Italien bereits 1955, mit Spanien und Griechenland 1960, mit der Türkei 1961 und mit Marokko 1963. Sechs Jahre später, 1970, wird Rodrigues bei einem Heimatbesuch in Portugal wegen anhaltender Bauchschmerzen einen Arzt aufsuchen, der ihm von einer Rückkehr nach Deutschland abrät — er bleibt in der Heimat, wo sich die vermeintliche Arbeitsverletzung als Magenkrebs entpuppt, an dem er 1979 stirbt.

Auch im Ruhrgebiet hält die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte seit Jahren Einzug: Auf den Zechen des Vestes ersetzen italienische, spanische und griechische Kumpel die knapper werdenden deutschen Bergleute. Und doch zeigt sich in Castrop-Rauxel zugleich das andere Gesicht des Wandels — 1964 fährt auf der Zeche Erin in der flachen Lagerung einer der ersten vollständig mannlosen Streben des Ruhrgebiets an: Bereits seit Mitte der 1950er-Jahre hatte Erin mit dem Kohlenhobel „Rammkörper" und dem Einsatz von Schreitausbau und später Schildausbau als Vorreiter der Mechanisierung gegolten, der in rund 60 Prozent des Abbaus das mühsame Setzen von Holzstempeln von Hand überflüssig machte — nun wird Kohle ganz ohne Handarbeit allein von Maschinen hereingewonnen. Ein technischer Meilenstein, der zugleich zeigt, wohin die Rationalisierung führt, mitten in eine Kohlekrise, die seit dem Absatzeinbruch von 1958 bereits mehr als 27 Zechen im Revier zur Schließung gezwungen und über 53.000 Arbeitsplätze gekostet hat — die Zahl der Bergleute im Ruhrbergbau wird sich zwischen 1950 und 1966 mehr als halbieren. Im Vest bangen deshalb immer mehr Kumpel um ihre Arbeit, während auf Erin die Maschine schon zeigt, wie wenige Hände die Kohle künftig noch braucht.

Kreml-Palastrevolte: Chruschtschow gestürzt, Breschnew übernimmt

Leonid Breschnew, der 1964 die Macht im Kreml übernimmt
Leonid Breschnew, der 1964 die Macht im Kreml übernimmt (Wikimedia Commons, CC0)

Während seines Urlaubs im abchasischen Badeort Pizunda am Schwarzen Meer wird Nikita Chruschtschow von seinen eigenen Gefolgsleuten im Präsidium der KPdSU entmachtet. Sein designierter Nachfolger Leonid Breschnew persönlich beordert ihn per Telefon vorzeitig nach Moskau zurück, wo ihn auf einer eilig einberufenen Plenumssitzung des Zentralkomitees am 14. Oktober seine Widersacher erwarten — allen voran Breschnew selbst, gestützt auf Alexei Kossygin, Alexander Schelepin und den Chefideologen Michail Suslow, der die Anklagerede gegen den Ersten Sekretär hält. Vorgeworfen werden Chruschtschow sein autoritärer Führungsstil und „Voluntarismus": die gescheiterte Neulandkampagne in Kasachstan, die 1962 im ganzen Land zu Versorgungsengpässen und in Nowotscherkassk zu blutig niedergeschlagenen Brotpreisprotesten geführt hatte, die als Demütigung empfundene Kubakrise von 1962 sowie seine 1962 verfügte, chaotische Aufspaltung der Parteibezirke in eigene Industrie- und Agrarorganisationen. Offiziell tritt Chruschtschow „auf eigenen Wunsch" wegen „vorgerückten Alters und angegriffener Gesundheit" zurück — tatsächlich ein Putsch der Parteispitze gegen seinen Reformkurs und seine Alleingänge. Zwei Tage später, am 16. Oktober, meldet die „Prawda" den Wechsel der Öffentlichkeit; Chruschtschow selbst verschwindet fortan in eine von der Partei streng überwachte Rente auf seiner Datscha bei Moskau, wo er später heimlich seine Memoiren diktiert. Neuer Erster Sekretär wird Leonid Breschnew, Kossygin übernimmt das Amt des Ministerpräsidenten. Der stille Machtwechsel im Kreml ohne Blutvergießen markiert das Ende der „Tauwetter"-Ära und den Beginn fast zwei Jahrzehnte währender sowjetischer Stagnation.

Union und SPD tragen Lübke im ersten Wahlgang zur Wiederwahl

Bundespräsident Heinrich Lübke
Bundespräsident Heinrich Lübke, hier auf einem Porträt aus dem Jahr seines ersten Amtsantritts 1959 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Am 1. Juli tritt die vierte Bundesversammlung in der Ostpreußenhalle im amerikanischen Sektor von West-Berlin zusammen — mitten in der geteilten Stadt ein demonstrativ gewählter Tagungsort. Unter der Leitung von Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier zählt die Versammlung 1042 Wahlmänner und -frauen aus Bundestag und Länderparlamenten. Amtsinhaber Heinrich Lübke (CDU) tritt zur Wiederwahl an, getragen von den Stimmen der CDU/CSU-Fraktion (485 Mandate in der Versammlung) und der SPD (445 Mandate); die FDP schickt mit ihren 104 Stimmen den amtierenden Bundesjustizminister Ewald Bucher als Gegenkandidaten ins Rennen. Schon im ersten Wahlgang erreicht Lübke mit 710 von 1042 Stimmen deutlich die erforderliche absolute Mehrheit von 522, auf Bucher entfallen 123 Stimmen; mit 187 Enthaltungen verzeichnet die Versammlung zugleich einen Rekordwert. Lübke tritt damit seine zweite Amtszeit als Staatsoberhaupt der Bundesrepublik an.

Im Spätherbst formiert sich am rechten Rand eine neue Kraft: Am 28. November gründen in Hannover rund 400 Delegierte aus der aufgelösten Deutschen Reichspartei und weiteren rechten Splittergruppen die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD); erster Bundesvorsitzender wird der Bremer Betonwerksunternehmer Friedrich Thielen. Rund die Hälfte des neuen Vorstands stammt aus der DRP, die auch ihre Hannoveraner Geschäftsstelle und ihr Parteiblatt „Reichsruf" — künftig unter dem Namen „Deutsche Nachrichten" — an die neue Partei überträgt.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Baden-Württemberg, 26. AprilCDU 46,2 % (Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger), SPD 37,3 %, FDP/DVP 13,0 %; Wahlbeteiligung 67,7 %. Die CDU verfehlt die absolute Mehrheit um zwei Sitze, die Gesamtdeutsche Partei — Nachfolgerin des Flüchtlingsverbands GB/BHE — scheitert klar und fliegt aus dem Landtag; Kiesinger bildet erneut eine Koalition mit der FDP/DVP, die SPD bleibt einzige Oppositionspartei.

Tonkin-Zwischenfall: Amerika eskaliert in Vietnam

Der Zerstörer USS Maddox, Auslöser des Tonkin-Zwischenfalls
Der Zerstörer USS Maddox, Auslöser des Tonkin-Zwischenfalls (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Im Golf von Tonkin vor der nordvietnamesischen Küste meldet die US-Marine am 2. August einen Angriff nordvietnamesischer Torpedoboote auf den Zerstörer „Maddox" nahe der Insel Hon Me, der auf eine Aufklärungs- fahrt im Rahmen verdeckter südvietnamesischer Kommandoaktionen gegen die Küste des Nordens gegangen war. Zwei Tage später, am 4. August, meldet die Besatzung von „Maddox" und „Turner Joy" bei stürmischer See erneut Radar- und Sonarkontakte feindlicher Boote — ob dieser zweite Angriff überhaupt stattgefunden hat, bleibt bis heute umstritten; spätere Untersuchungen, auch Aussagen des damaligen Verteidigungsministers Robert McNamara, legen nahe, dass es sich um Fehlinterpretationen von Wetter und eigenen Ortungsgeräten gehandelt haben könnte. Präsident Lyndon B. Johnson lässt dennoch als Vergeltung Luftangriffe auf nordvietnamesische Marinestützpunkte fliegen und bittet den Kongress um weitreichende Vollmachten. Das Repräsentantenhaus stimmt einstimmig mit 416 zu 0 Stimmen zu, der Senat am 7. August mit 88 zu 2 Stimmen — einzig die Senatoren Wayne Morse und Ernest Gruening stimmen dagegen; Morse warnt vor einem „historischen Irrtum", Gruening davor, amerikanische Jungen in „einen Krieg zu schicken, der nicht unser Krieg ist". Die Tonkin-Resolution gibt Präsident Johnson praktisch unbeschränkte Vollmachten für den Kampf in Südostasien, ohne dass der Kongress förmlich den Krieg erklärt — die rechtliche Grundlage für die massive amerikanische Kriegsbeteiligung in Vietnam, die sich ab 1965 mit der Operation „Rolling Thunder" und der Entsendung regulärer Bodentruppen dramatisch ausweiten wird, ist gelegt.

Rivonia-Prozess: Nelson Mandela zu lebenslanger Haft verurteilt

Nelson Mandela, 1964 im Rivonia-Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt (spätere Aufnahme)
Nelson Mandela, 1964 im Rivonia-Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt (spätere Aufnahme) (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0)

Im Juli 1963 hatte die Polizei auf der Liliesleaf-Farm im Johannesburger Vorort Rivonia die Führung des militärischen ANC-Arms Umkhonto we Sizwe verhaftet und Dokumente über Sabotagepläne sichergestellt; Nelson Mandela, bereits seit August 1962 wegen anderer Vergehen inhaftiert, wird nachträglich angeklagt. Im Oktober 1963 beginnt vor Richter Quartus de Wet in Pretoria der Prozess wegen Sabotage und Verschwörung zum gewaltsamen Umsturz. In seiner berühmten Rede von der Anklagebank erklärt Mandela am 20. April 1964, er habe „gegen die weiße Herrschaft und gegen die schwarze Herrschaft" gekämpft und sich für ein Ideal einer demokratischen und freien Gesellschaft eingesetzt, „für das ich zu sterben bereit bin" — Sätze, die um die Welt gehen. Am 12. Juni verkündet de Wet in nur wenigen Minuten sein Urteil: Mandela und sieben Mitstreiter — Walter Sisulu, Govan Mbeki, Raymond Mhlaba, Ahmed Kathrada, Elias Motsoaledi, Andrew Mlangeni sowie der weiße Aktivist Denis Goldberg — werden statt der von der Anklage geforderten Todesstrafe zu lebenslanger Haft verurteilt. Mandela und die übrigen schwarzen und indischstämmigen Angeklagten werden auf die Gefängnisinsel Robben Island gebracht; Goldberg muss als einziger Weißer unter den Verurteilten die Haft getrennt im Pretoria Central Prison verbüßen. Mandelas Verteidigungsrede wird zum Fanal des Widerstands gegen die Apartheid — sein Name bleibt von nun an untrennbar mit dem Kampf um Südafrikas Freiheit verbunden.

Arabische Liga gründet die PLO

Gipfel der Arabischen Liga 1964 — Gründung der PLO
Gipfel der Arabischen Liga 1964 — Gründung der PLO (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Anlass des Gipfels der Arabischen Liga in Kairo (13.–19. Januar) ist vordergründig der Streit um Israels „National Water Carrier", ein Projekt zur Umleitung von Jordan-Wasser in die Negev-Wüste — doch Gamal Abdel Nasser nutzt das Treffen vor allem, um seinen Führungsanspruch in der arabischen Welt zu untermauern. 13 arabische Staats- und Regierungschefs beschließen die Schaffung einer palästinensischen Vertretungsorganisation. Vom 28. Mai bis 1. Juni tagt im damals jordanisch verwalteten Ostteil Jerusalems der erste Palästinensische Nationalrat: 422 Delegierte, überwiegend Notabeln und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, rufen unter dem Vorsitz von Ahmad Schukeiri die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) ins Leben und verabschieden die Palästinensische Nationalcharta, die erstmals eine eigenständige palästinensische Identität und den Anspruch auf ganz Palästina formuliert. Schukeiri, zuvor Vertreter Palästinas bei der Arabischen Liga, bleibt bis 1968 an der Spitze der neuen Organisation. Eine neue politische Kraft betritt die Bühne des Nahen Ostens, deren Wirkung weit über das Jahrzehnt hinausreicht.

US-Bürgerrechtsgesetz beendet die gesetzliche Rassentrennung

Präsident Johnson unterzeichnet den Civil Rights Act, im Hintergrund Martin Luther King
Präsident Lyndon B. Johnson unterzeichnet am 2. Juli 1964 den Civil Rights Act (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Im East Room des Weißen Hauses unterzeichnet Präsident Lyndon B. Johnson vor laufenden Fernsehkameras den Civil Rights Act of 1964 — das weitreichendste Bürgerrechtsgesetz seit dem Ende des Sezessionskriegs. Es verbietet Diskriminierung wegen Hautfarbe, Religion, Geschlecht oder nationaler Herkunft in öffentlichen Einrichtungen wie Restaurants, Kinos, Hotels und Bussen, untersagt Rassentrennung in Schulen und macht Diskriminierung bei der Einstellung von Arbeitskräften illegal. Ursprünglich noch von John F. Kennedy eingebracht, hatte Johnson den Gesetzentwurf nach dessen Ermordung zur obersten Priorität erklärt; ein 60 Arbeitstage währender Filibuster südstaatlicher Senatoren konnte den Willen des Kongresses am Ende nicht aufhalten. Unter den Gästen der Zeremonie sitzt Martin Luther King, der einen der mehr als 75 Kugelschreiber erhält, mit denen Johnson symbolisch unterzeichnet.

Vorausgegangen war ein blutiger „Freedom Summer": Im Juni waren im Bundesstaat Mississippi die drei Bürgerrechtsaktivisten James Chaney, Andrew Goodman und Michael Schwerner beim Versuch, schwarze Wähler zu registrieren, vom Ku-Klux-Klan ermordet worden — ihre erst Wochen später gefundenen Leichen hatten den Druck auf den Kongress zusätzlich erhöht. Das neue Gesetz markiert dennoch erst einen Etappensieg: Der Kampf um gleiches Wahlrecht für Schwarze in den Südstaaten wird die Bürgerrechts- bewegung noch bis zum Voting Rights Act von 1965 beschäftigen.

Zweites Passierscheinabkommen öffnet die Mauer zu Weihnachten

Grenzübergang Bahnhof Friedrichstraße in Berlin, Anfang der 1960er-Jahre
Grenzübergang Bahnhof Friedrichstraße in Berlin, über den Passierscheininhaber die Sektorengrenze querten (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Drei Jahre nach dem Mauerbau unterzeichnen der Ost-Berliner Staatssekretär Erich Wendt und der West-Berliner Senatsdirektor Horst Korber das zweite Passierscheinabkommen zwischen dem Senat von West-Berlin und der DDR-Führung — eine rein pragmatische Vereinbarung, da die Bundesrepublik die DDR gemäß Hallstein-Doktrin diplomatisch nicht anerkennt. Es regelt, nach dem ersten Abkommen vom Weihnachtsfest 1963/64, erneut befristete Besuche: West-Berliner dürfen ihre Verwandten im Ostteil der Stadt vom 30. Oktober bis 12. November sowie vom 19. Dezember 1964 bis 3. Januar 1965 besuchen, außerdem an Ostern und Pfingsten 1965. Ab dem 1. Oktober werden zudem dringende Familienangelegenheiten wie Todesfälle, Geburten oder Hochzeiten bevorzugt mit Passierscheinen bedacht.

Allein in der ersten Besuchsperiode im Oktober/November werden rund 600.000 Passierscheine ausgestellt, über die Weihnachtstage sogar mehr als 821.000 — für viele Familien die erste Gelegenheit seit dem Bau der Mauer, sich wiederzusehen. Ein kleines humanitäres Fenster in einer sonst unverändert verhärteten deutsch-deutschen Frontstellung, das zeigt, dass auch inmitten des Kalten Krieges pragmatische Übereinkünfte zwischen den Systemen möglich bleiben.

Warren-Bericht: Kommission sieht Einzeltäter im Mord an Kennedy

Die Warren-Kommission übergibt ihren Abschlussbericht an Präsident Johnson
Die Warren-Kommission übergibt am 24. September 1964 im Weißen Haus ihren Abschlussbericht an Präsident Johnson (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Zehn Monate nach dem Attentat auf John F. Kennedy in Dallas übergibt die von Präsident Johnson eingesetzte Untersuchungskommission unter dem Vorsitzenden Richter Earl Warren ihren Abschlussbericht — am 24. September an den Präsidenten, drei Tage später, am 27. September, wird er der Öffentlichkeit vorgestellt. In 51 Sitzungen hatte die Kommission rund 550 Zeugen befragt und mehr als 3.000 Beweisstücke ausgewertet. Ihr auf 888 Seiten festgehaltenes Fazit: Lee Harvey Oswald habe als Einzeltäter aus dem Texas School Book Depository drei Schüsse abgegeben, ohne Verschwörung im In- oder Ausland; auch der Mord an Oswald selbst, zwei Tage nach dem Attentat live im Fernsehen durch den Nachtclubbesitzer Jack Ruby verübt, habe keine Hintermänner gehabt.

Der Bericht stößt von Beginn an auf erhebliche Zweifel — insbesondere die sogenannte „Einzelkugel-Theorie", nach der ein Geschoss sowohl Kennedy als auch den vor ihm sitzenden Gouverneur John Connally getroffen haben soll, gilt vielen Kritikern als unplausibel. Was die Kommission als Schlussstrich gedacht hatte, wird zum Ausgangspunkt jahrzehntelanger Verschwörungstheorien, die den Fall bis heute nicht zur Ruhe kommen lassen.

China zündet seine erste Atombombe

Chinas erster Atombombentest auf dem Testgelände Lop Nor
Chinas erster Atombombentest am 16. Oktober 1964 auf dem Testgelände Lop Nor (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Auf dem Testgelände Lop Nor in der westchinesischen Wüste Xinjiangs lässt die Volksrepublik China unter dem Decknamen „Projekt 596" ihre erste Kernwaffe detonieren — einen turmmontierten Sprengsatz aus angereichertem Uran-235 mit rund 22 Kilotonnen Sprengkraft, stärker als die Hiroshima-Bombe. Der Name „596" erinnert an den Juni 1959, als die Sowjetunion ihre technische Unterstützung für das chinesische Atomprogramm im Zuge des sich vertiefenden Sino-sowjetischen Zerwürfnisses abrupt einstellte — Mao Zedong hatte daraufhin auf nukleare Eigenständigkeit gesetzt. Mit dem Test wird China zur fünften Atommacht der Welt nach den USA, der Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich und zur ersten Asiens.

Bemerkenswert ist der zeitliche Zufall: Nur zwei Tage zuvor, am 14. Oktober, war in Moskau Nikita Chruschtschow gestürzt worden — westliche Kommentatoren sprechen von einem „doppelten Donnerschlag", der binnen 48 Stunden gleich zwei Gewissheiten des Kalten Krieges erschüttert: die sowjetische Führungskontinuität und das atomare Monopol der etablierten Großmächte. Die Detonation von Lop Nor markiert den Beginn eines eigenständigen chinesischen Kernwaffenprogramms, das bis 1996 insgesamt 45 weitere Tests auf demselben Gelände umfassen wird.

Free Speech Movement: Studentenrevolte in Berkeley

Mario Savios „Bodies upon the gears"-Rede vor der Sproul Hall, Berkeley
Mario Savio spricht am 2. Dezember 1964 vor der Sproul Hall zu protestierenden Studenten (Wikimedia Commons, MIT-Lizenz)

Als die Universitätspolizei der University of California in Berkeley am

  1. Oktober versucht, den ehemaligen Studenten Jack Weinberg festzunehmen, weil er ohne Genehmigung einen Infostand für die Bürgerrechtsorganisation CORE betrieben hatte, umringen Hunderte Studenten spontan den Streifenwagen und machen ihn 32 Stunden lang zur improvisierten Rednertribüne. Aus dem Protest gegen das universitätsseitige Verbot politischer Betätigung auf dem Campus entsteht die Free Speech Movement, angeführt vom Studenten Mario Savio. Die Bewegung eskaliert im Dezember: Am 2. Dezember hält Savio vor rund 3.000 Zuhörern vor der Sproul Hall seine berühmte Rede, man müsse „seinen Körper auf die Zahnräder und auf die Räder" der Maschine werfen, um sie zum Stillstand zu bringen — danach besetzen über 1.000 Studenten das Verwaltungsgebäude.

Am Morgen des 3. Dezember räumt die Polizei die Besetzung und verhaftet 814 Menschen — die bis dahin größte Massenverhaftung in der Geschichte Kaliforniens. Wenige Tage später gibt der akademische Senat der Universität den zentralen Forderungen der Studenten nach: Politische Rede und Organisation auf dem Campus werden künftig weitgehend toleriert. Berkeley wird damit zum Ausgangspunkt einer studentischen Protestkultur, die in den folgenden Jahren die Proteste gegen den Vietnamkrieg maßgeblich prägen wird.

Johnson gewinnt Präsidentschaftswahl in historischem Erdrutschsieg

Präsident Johnson in der Wahlnacht 1964
Präsident Lyndon B. Johnson in der Wahlnacht des 3. November 1964, nach seinem Erdrutschsieg über Barry Goldwater (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Bei der Präsidentschaftswahl am 3. November setzt sich der seit der Ermordung Kennedys amtierende Präsident Lyndon B. Johnson gegen den republikanischen Herausforderer Barry Goldwater, Senator aus Arizona, in einem der größten Erdrutschsiege der amerikanischen Geschichte durch: 61,1 Prozent der Stimmen und 486 von 538 Wahlmännern entfallen auf Johnson, Goldwater gewinnt nur sein Heimatland Arizona sowie vier Südstaaten (Louisiana, Alabama, Georgia, Mississippi) — eine frühe Vorahnung der Neuausrichtung des einst demokratisch dominierten „Solid South" hin zu den Republikanern nach der Unterzeichnung des Bürgerrechtsgesetzes. Goldwaters Wahlkampf, geprägt von seiner Nominierungsrede in San Francisco mit dem Satz „Extremismus in der Verteidigung der Freiheit ist kein Laster", hatte bei vielen Wählern Sorge vor einer riskanteren Außenpolitik geweckt — verstärkt durch den berüchtigten „Daisy"-Werbespot der Johnson-Kampagne, der implizit vor einem Atomkrieg unter Goldwater warnte.

Der klare Wählerauftrag verschafft Johnson die politische Grundlage für sein Reformprogramm der „Great Society": Medicare, Medicaid, der „Krieg gegen die Armut" und, im Jahr darauf, der Voting Rights Act sollen die innenpolitische Erbschaft seiner Präsidentschaft werden — während sich zugleich, mit der bereits beschlossenen Tonkin-Resolution im Rücken, die amerikanische Kriegsbeteiligung in Vietnam unaufhaltsam ausweitet.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Die Beatlemania erreicht im Februar die Vereinigten Staaten — der Fernsehauftritt der Liverpooler Band bei Ed Sullivan löst hüben wie drüben des Atlantiks kreischende Verzückung aus.
  • Am 10. Dezember nimmt Martin Luther King in Oslo im Alter von nur 35 Jahren den Friedensnobelpreis entgegen — als jüngster Preisträger der Geschichte des Preises bis dahin.
  • Am 25. Februar sorgt Cassius Clay in Miami Beach für die vielleicht größte Überraschung der Boxgeschichte: Der erst 22-Jährige schlägt Titelverteidiger Sonny Liston durch technischen K.o. in der siebten Runde und wird neuer Weltmeister im Schwergewicht — wenig später nimmt er als Muhammad Ali einen neuen Namen an.
  • Die Kohlekrise im Ruhrgebiet verschärft sich weiter: Seit 1958 mussten bereits mehr als zwei Dutzend Zechen schließen, der Anteil der Steinkohle am deutschen Energiemarkt sinkt bis 1964 auf nur noch 60 Prozent — auch an der Emscher, rund um Castrop-Rauxels Zechen Erin, Ickern und Victor, wächst die Sorge der Bergleute um ihre Zukunft.

SPORT · 1964

1964 ist erneut ein großes Olympia-Jahr: Vom 29. Januar bis 9. Februar tragen die Winterspiele in Innsbruck wegen ausbleibenden Schnees teils unter dramatischem Materialaufwand aus — Soldaten des österreichischen Bundesheeres müssen tonnenweise Eis und Schnee auf die Bahnen schaffen. Danach ziehen die Sommerspiele erstmals nach Asien — nach Tokio (10. bis 24. Oktober), wo wie bereits vermeldet Willi Holdorf im Zehnkampf triumphiert: In einem an Dramatik kaum zu überbietenden Finale zwingt er sich im abschließenden 1500-Meter-Lauf mit letzter Kraft an seinem sowjetischen Rivalen Rebrik vorbei und wird mit neuer Weltbestleistung erster deutscher Olympiasieger im Zehnkampf. Zum letzten Mal tritt dabei ein gesamtdeutsches Team unter einer gemeinsamen Flagge mit Beethovens „Ode an die Freude" als Hymne an. Tokio 1964 markiert zugleich einen technischen Meilenstein: Über den Nachrichtensatelliten Syncom 3 werden Bilder der Eröffnungsfeier erstmals per Satellit nahezu live in die Welt übertragen. Im deutschen Vereinsfußball geht derweil die erste Bundesliga-Saison zu Ende: 1. FC Köln wird unter Trainer Georg Knöpfle Deutschlands erster Bundesliga-Meister, während der Hamburger Uwe Seeler mit 30 Toren die bundesweite Torjägerliste anführt und Kölns Karl-Heinz Thielen mit 16 Treffern bester Schütze der Meistermannschaft ist.

MODE · 1964

Die Mode erlebt 1964 einen echten Bruch: In Paris zeigt André Courrèges seine visionäre Frühjahrskollektion — architektonisch geschnittene, zweireihige Mäntel, ärmellose oder kurzärmelige Minikleider mit betonter Taillennaht und Tuniken über Hosen, dazu strahlendes Weiß und flache weiße Stiefel sowie Accessoires, die an Astronautenausrüstung erinnern: Brillen, Helme, Handschuhe. Die „New York Times" feiert die Schau als „den hellsten Feuerschein des Jahres", die britische „Vogue" kürt 1964 zum „Jahr des Courrèges" — sein Stil geht seither als „Space-Age-Look" in die Modegeschichte ein. In London treibt Mary Quant, deren Boutique „Bazaar" an der Chelsea King's Road bereits seit den fünfziger Jahren Treffpunkt der jungen Londoner Szene ist, parallel den Rocksaum immer weiter nach oben und legt damit den Grundstein für den Minirock, der die Straßenmode der zweiten Jahrzehnthälfte prägen wird — wer die Erfindung für sich beanspruchen darf, Courrèges oder Quant, bleibt unter Modehistorikern bis heute strittig; Quant selbst pflegte zu sagen, erfunden hätten den Mini „weder Courrèges noch ich, sondern die Mädchen auf der Straße". Der Bikini-Skandal der fünfziger Jahre ist derweil längst verraucht — freizügigere Badebekleidung gehört zum Sommerbild.

KULTUR · 1964

Mit dem Umzug nach Castrop-Rauxel rückt für die Familie ein liebgewonnenes Winterausflugsziel plötzlich in greifbare Nähe: Die Westfalenhalle Dortmund, seit 1952 fester Gastspielort der amerikanischen Eisrevue Holiday on Ice, liegt nun nur noch rund zehn Kilometer entfernt. Was in Wuppertal noch eine Fahrt durchs Bergische Land bedeutete, ist im Ruhrgebiet praktisch ein Katzensprung. Seit ihrer Gründung 1943 in den USA hat sich die Revue zu einem festen Bestandteil der Wintersaison in deutschen Großstädten entwickelt — und auch im neuen Zuhause dürfte der Weg zur Kasse in der Westfalenhalle bald zur Tradition werden.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1964

  • Willi Holdorf wird Olympiasieger im Zehnkampf (Tokio, Oktober). In einem dramatischen Finale wird er als erster Deutscher Olympiasieger in der „Königsdisziplin" der Leichtathletik — ein historischer deutscher Sporterfolg.
  • Letzte gesamtdeutsche Olympiamannschaft (Innsbruck/Tokio). Zum dritten und letzten Mal treten Sportler aus Bundesrepublik und DDR gemeinsam unter einer Flagge an — deutsch-deutsche Sportkooperation trotz Mauerbau.
  • Feodor Lynen und Konrad Bloch erhalten den Medizin-Nobelpreis (Stockholm, 10. Dezember). Für ihre bahnbrechenden Arbeiten zum Cholesterin- und Fettsäurestoffwechsel wird der Münchner Biochemiker gemeinsam mit dem in die USA emigrierten Konrad Bloch geehrt — eine Grundlage für spätere Medikamente gegen erhöhte Blutfettwerte und Arteriosklerose.
  • Castrop-Rauxel schreibt Architekturwettbewerb für ein neues Rathaus aus (Castrop-Rauxel, 1964). Für das geplante „Forum" am Europaplatz bewerben sich international renommierte Architekten wie Alvar Aalto, Egon Eiermann und Arne Jacobsen — mitten in der Kohlekrise ein Zeichen des Aufbruchs und des Vertrauens in die Zukunft der Stadt.

DAS WETTER · 1964 in Castrop-Rauxel

An diesem 13. Juli war es im Ruhrgebiet ein warmer Sommertag: Höchstwert 24,2 °C, in der Nacht 14,3 °C, im Mittel 19,5 °C; kein Tropfen Regen fiel.

Das Jahr über: Im Mittel 9,6 °C. Wärmster Tag 33,9 °C am 27. August, kältester −9,0 °C am 28. Dezember. 8 Hitzetage (≥ 30 °C), 11 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 702 mm.

(Messwerte der Station Essen, rund 30 km westlich von Castrop-Rauxel — nächstgelegene durchgehend messende Station im Ruhrgebiet; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1964

Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts (amtliche Charts ab 1959).

  1. Dominique — Soeur Sourire
  2. Liebeskummer lohnt sich nicht — Siw Malmkvist
  3. Das kannst du mir nicht verbieten — Bernd Spier
  4. You Can Never Stop Me Loving You — Johnny Tillotson
  5. Oh My Darling Caroline — Ronny
  6. I Want to Hold Your Hand — The Beatles
  7. Skinny Minnie — The Rackets
  8. Skinny Minnie — Tony Sheridan & The Beat Brothers
  9. Shake Hands — Drafi Deutscher
  10. Non ho l'età — Gigliola Cinquetti
  11. My Boy Lollipop — Heidi Bachert
  12. My Boy Lollipop — Millie Small
  13. Hippy Hippy Shake — The Shamrocks
  14. Hippy Hippy Shake — Pat Harris
  15. Hippy Hippy Shake — Swinging Blue Jeans
  16. Sag 'No' zu ihm — Cliff Richard
  17. Zu viel allein — Cliff Richard
  18. Gib mir dein Wort — Freddy Quinn
  19. A-Me-Ri-Ca — Trini Lopez
  20. Drina-Marsch — Ensemble Urosevic

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (chartsurfer.de / offizielle Charts).