DER CHRONIST
Ein Jahr des Umbruchs: Neue Hände greifen nach den Zügeln der Weltpolitik, während in Washington ein Bürgerrechtsgesetz die Vereinigten Staaten neu vermisst und der Wahlkampf zwischen Johnson und Goldwater das Land in einen historischen Erdrutschsieg treibt. In Moskau stürzt Chruschtschow, in Peking zündet die erste chinesische Atombombe, und am Golf von Tonkin eskaliert ein Zwischenfall zum Auftakt eines langen Krieges. Vor Gericht in Pretoria wird Nelson Mandela zu lebenslanger Haft verurteilt, während in Kairo und Jerusalem die PLO gegründet wird und in Berkeley Studenten erstmals für ihre Redefreiheit auf die Straße gehen. Am Bahnhof Köln-Deutz begrüßt die Bundesrepublik ihren millionsten Gastarbeiter, während zwischen Ost- und West-Berlin ein neues Passierscheinabkommen Familien zu Weihnachten wieder zusammenführt. Und in Washington zieht eine Kommission unter Earl Warren einen Schlussstrich unter den Mord an John F. Kennedy, der doch bis heute Fragen offenlässt. Ein Jahr, in dem mancher Prozess und manche Entscheidung über Jahrzehnte hinweg das Schicksal ganzer Völker entscheidet.
Der millionste »Gastarbeiter« kommt in Köln an

Am Bahnhof Köln-Deutz wird der Portugiese Armando Rodrigues de Sá, geboren 1926 im nordportugiesischen Dorf Vale de Madeiros und von Beruf Zimmermann — das Handwerk lernte er einst bei seinem Onkel —, mit einem Blumenstrauß, einer Ehrenurkunde und einem Moped der Marke Zündapp als „millionster Gastarbeiter" der Bundesrepublik empfangen. Gegen den Willen seiner Frau hatte er sich in Lissabon bei der deutschen Anwerbekommission gemeldet, die ärztliche Musterung bestanden und einen Arbeitsvertrag als Zimmermann erhalten; einen Führerschein besitzt er nicht, fahren kann er das Geschenk also nicht. Nach dem Bahnhofsempfang reist er weiter über Stuttgart nach Blaubeuren, wo er fortan auf dem Bau arbeitet. Grundlage seiner Anreise ist das am 17. März 1964 geschlossene deutsch-portugiesische Anwerbeabkommen — das letzte einer ganzen Reihe solcher Verträge, die die Bundesrepublik seit der Vollbeschäftigung der Wirtschaftswunderjahre geschlossen hat: mit Italien bereits 1955, mit Spanien und Griechenland 1960, mit der Türkei 1961 und mit Marokko 1963. Sechs Jahre später, 1970, wird Rodrigues bei einem Heimatbesuch in Portugal wegen anhaltender Bauchschmerzen einen Arzt aufsuchen, der ihm von einer Rückkehr nach Deutschland abrät — er bleibt in der Heimat, wo sich die vermeintliche Arbeitsverletzung als Magenkrebs entpuppt, an dem er 1979 stirbt.
Auch im Ruhrgebiet hält die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte seit Jahren Einzug: Auf den Zechen des Vestes ersetzen italienische, spanische und griechische Kumpel die knapper werdenden deutschen Bergleute. Und doch zeigt sich in Castrop-Rauxel zugleich das andere Gesicht des Wandels — 1964 fährt auf der Zeche Erin in der flachen Lagerung einer der ersten vollständig mannlosen Streben des Ruhrgebiets an: Bereits seit Mitte der 1950er-Jahre hatte Erin mit dem Kohlenhobel „Rammkörper" und dem Einsatz von Schreitausbau und später Schildausbau als Vorreiter der Mechanisierung gegolten, der in rund 60 Prozent des Abbaus das mühsame Setzen von Holzstempeln von Hand überflüssig machte — nun wird Kohle ganz ohne Handarbeit allein von Maschinen hereingewonnen. Ein technischer Meilenstein, der zugleich zeigt, wohin die Rationalisierung führt, mitten in eine Kohlekrise, die seit dem Absatzeinbruch von 1958 bereits mehr als 27 Zechen im Revier zur Schließung gezwungen und über 53.000 Arbeitsplätze gekostet hat — die Zahl der Bergleute im Ruhrbergbau wird sich zwischen 1950 und 1966 mehr als halbieren. Im Vest bangen deshalb immer mehr Kumpel um ihre Arbeit, während auf Erin die Maschine schon zeigt, wie wenige Hände die Kohle künftig noch braucht.
Aus heutiger Sicht
Die jubelnde Willkommens-Inszenierung für Armando Rodrigues — Blumenstrauß, Moped, ein Foto, das um die Welt geht — steht in scharfem Kontrast zu der später vielfach dokumentierten Realität vieler „Gastarbeiter" jener Jahre: beengte Unterkünfte, Diskriminierung und oft jahrelang ungesicherter Aufenthaltsstatus, während die offizielle Erzählung meist bei der Erfolgsgeschichte der Anwerbung stehen blieb.
Kreml-Palastrevolte: Chruschtschow gestürzt, Breschnew übernimmt

Während seines Urlaubs im abchasischen Badeort Pizunda am Schwarzen Meer wird Nikita Chruschtschow von seinen eigenen Gefolgsleuten im Präsidium der KPdSU entmachtet. Sein designierter Nachfolger Leonid Breschnew persönlich beordert ihn per Telefon vorzeitig nach Moskau zurück, wo ihn auf einer eilig einberufenen Plenumssitzung des Zentralkomitees am 14. Oktober seine Widersacher erwarten — allen voran Breschnew selbst, gestützt auf Alexei Kossygin, Alexander Schelepin und den Chefideologen Michail Suslow, der die Anklagerede gegen den Ersten Sekretär hält. Vorgeworfen werden Chruschtschow sein autoritärer Führungsstil und „Voluntarismus": die gescheiterte Neulandkampagne in Kasachstan, die 1962 im ganzen Land zu Versorgungsengpässen und in Nowotscherkassk zu blutig niedergeschlagenen Brotpreisprotesten geführt hatte, die als Demütigung empfundene Kubakrise von 1962 sowie seine 1962 verfügte, chaotische Aufspaltung der Parteibezirke in eigene Industrie- und Agrarorganisationen. Offiziell tritt Chruschtschow „auf eigenen Wunsch" wegen „vorgerückten Alters und angegriffener Gesundheit" zurück — tatsächlich ein Putsch der Parteispitze gegen seinen Reformkurs und seine Alleingänge. Zwei Tage später, am 16. Oktober, meldet die „Prawda" den Wechsel der Öffentlichkeit; Chruschtschow selbst verschwindet fortan in eine von der Partei streng überwachte Rente auf seiner Datscha bei Moskau, wo er später heimlich seine Memoiren diktiert. Neuer Erster Sekretär wird Leonid Breschnew, Kossygin übernimmt das Amt des Ministerpräsidenten. Der stille Machtwechsel im Kreml ohne Blutvergießen markiert das Ende der „Tauwetter"-Ära und den Beginn fast zwei Jahrzehnte währender sowjetischer Stagnation.
Aus heutiger Sicht
Das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland" begnügt sich am 16. Oktober mit einer knappen, fünfzehnzeiligen TASS-Meldung, wonach Chruschtschow „auf eigene Bitte seiner Obliegenheiten entbunden" worden sei — eine sprachlich geglättete, gleichgeschaltete Version, die den realen Machtkampf im Politbüro der KPdSU verschweigt. Erst spätere historische Aufarbeitung legt offen, wie sehr sich die Darstellung der SED-Presse von den tatsächlichen Vorgängen in Moskau entfernte.
Union und SPD tragen Lübke im ersten Wahlgang zur Wiederwahl

Am 1. Juli tritt die vierte Bundesversammlung in der Ostpreußenhalle im amerikanischen Sektor von West-Berlin zusammen — mitten in der geteilten Stadt ein demonstrativ gewählter Tagungsort. Unter der Leitung von Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier zählt die Versammlung 1042 Wahlmänner und -frauen aus Bundestag und Länderparlamenten. Amtsinhaber Heinrich Lübke (CDU) tritt zur Wiederwahl an, getragen von den Stimmen der CDU/CSU-Fraktion (485 Mandate in der Versammlung) und der SPD (445 Mandate); die FDP schickt mit ihren 104 Stimmen den amtierenden Bundesjustizminister Ewald Bucher als Gegenkandidaten ins Rennen. Schon im ersten Wahlgang erreicht Lübke mit 710 von 1042 Stimmen deutlich die erforderliche absolute Mehrheit von 522, auf Bucher entfallen 123 Stimmen; mit 187 Enthaltungen verzeichnet die Versammlung zugleich einen Rekordwert. Lübke tritt damit seine zweite Amtszeit als Staatsoberhaupt der Bundesrepublik an.
Im Spätherbst formiert sich am rechten Rand eine neue Kraft: Am 28. November gründen in Hannover rund 400 Delegierte aus der aufgelösten Deutschen Reichspartei und weiteren rechten Splittergruppen die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD); erster Bundesvorsitzender wird der Bremer Betonwerksunternehmer Friedrich Thielen. Rund die Hälfte des neuen Vorstands stammt aus der DRP, die auch ihre Hannoveraner Geschäftsstelle und ihr Parteiblatt „Reichsruf" — künftig unter dem Namen „Deutsche Nachrichten" — an die neue Partei überträgt.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Baden-Württemberg, 26. April — CDU 46,2 % (Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger), SPD 37,3 %, FDP/DVP 13,0 %; Wahlbeteiligung 67,7 %. Die CDU verfehlt die absolute Mehrheit um zwei Sitze, die Gesamtdeutsche Partei — Nachfolgerin des Flüchtlingsverbands GB/BHE — scheitert klar und fliegt aus dem Landtag; Kiesinger bildet erneut eine Koalition mit der FDP/DVP, die SPD bleibt einzige Oppositionspartei.
Tonkin-Zwischenfall: Amerika eskaliert in Vietnam

Im Golf von Tonkin vor der nordvietnamesischen Küste meldet die US-Marine am 2. August einen Angriff nordvietnamesischer Torpedoboote auf den Zerstörer „Maddox" nahe der Insel Hon Me, der auf eine Aufklärungs- fahrt im Rahmen verdeckter südvietnamesischer Kommandoaktionen gegen die Küste des Nordens gegangen war. Zwei Tage später, am 4. August, meldet die Besatzung von „Maddox" und „Turner Joy" bei stürmischer See erneut Radar- und Sonarkontakte feindlicher Boote — ob dieser zweite Angriff überhaupt stattgefunden hat, bleibt bis heute umstritten; spätere Untersuchungen, auch Aussagen des damaligen Verteidigungsministers Robert McNamara, legen nahe, dass es sich um Fehlinterpretationen von Wetter und eigenen Ortungsgeräten gehandelt haben könnte. Präsident Lyndon B. Johnson lässt dennoch als Vergeltung Luftangriffe auf nordvietnamesische Marinestützpunkte fliegen und bittet den Kongress um weitreichende Vollmachten. Das Repräsentantenhaus stimmt einstimmig mit 416 zu 0 Stimmen zu, der Senat am 7. August mit 88 zu 2 Stimmen — einzig die Senatoren Wayne Morse und Ernest Gruening stimmen dagegen; Morse warnt vor einem „historischen Irrtum", Gruening davor, amerikanische Jungen in „einen Krieg zu schicken, der nicht unser Krieg ist". Die Tonkin-Resolution gibt Präsident Johnson praktisch unbeschränkte Vollmachten für den Kampf in Südostasien, ohne dass der Kongress förmlich den Krieg erklärt — die rechtliche Grundlage für die massive amerikanische Kriegsbeteiligung in Vietnam, die sich ab 1965 mit der Operation „Rolling Thunder" und der Entsendung regulärer Bodentruppen dramatisch ausweiten wird, ist gelegt.
Rivonia-Prozess: Nelson Mandela zu lebenslanger Haft verurteilt

Im Juli 1963 hatte die Polizei auf der Liliesleaf-Farm im Johannesburger Vorort Rivonia die Führung des militärischen ANC-Arms Umkhonto we Sizwe verhaftet und Dokumente über Sabotagepläne sichergestellt; Nelson Mandela, bereits seit August 1962 wegen anderer Vergehen inhaftiert, wird nachträglich angeklagt. Im Oktober 1963 beginnt vor Richter Quartus de Wet in Pretoria der Prozess wegen Sabotage und Verschwörung zum gewaltsamen Umsturz. In seiner berühmten Rede von der Anklagebank erklärt Mandela am 20. April 1964, er habe „gegen die weiße Herrschaft und gegen die schwarze Herrschaft" gekämpft und sich für ein Ideal einer demokratischen und freien Gesellschaft eingesetzt, „für das ich zu sterben bereit bin" — Sätze, die um die Welt gehen. Am 12. Juni verkündet de Wet in nur wenigen Minuten sein Urteil: Mandela und sieben Mitstreiter — Walter Sisulu, Govan Mbeki, Raymond Mhlaba, Ahmed Kathrada, Elias Motsoaledi, Andrew Mlangeni sowie der weiße Aktivist Denis Goldberg — werden statt der von der Anklage geforderten Todesstrafe zu lebenslanger Haft verurteilt. Mandela und die übrigen schwarzen und indischstämmigen Angeklagten werden auf die Gefängnisinsel Robben Island gebracht; Goldberg muss als einziger Weißer unter den Verurteilten die Haft getrennt im Pretoria Central Prison verbüßen. Mandelas Verteidigungsrede wird zum Fanal des Widerstands gegen die Apartheid — sein Name bleibt von nun an untrennbar mit dem Kampf um Südafrikas Freiheit verbunden.
Arabische Liga gründet die PLO

Anlass des Gipfels der Arabischen Liga in Kairo (13.–19. Januar) ist vordergründig der Streit um Israels „National Water Carrier", ein Projekt zur Umleitung von Jordan-Wasser in die Negev-Wüste — doch Gamal Abdel Nasser nutzt das Treffen vor allem, um seinen Führungsanspruch in der arabischen Welt zu untermauern. 13 arabische Staats- und Regierungschefs beschließen die Schaffung einer palästinensischen Vertretungsorganisation. Vom 28. Mai bis 1. Juni tagt im damals jordanisch verwalteten Ostteil Jerusalems der erste Palästinensische Nationalrat: 422 Delegierte, überwiegend Notabeln und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, rufen unter dem Vorsitz von Ahmad Schukeiri die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) ins Leben und verabschieden die Palästinensische Nationalcharta, die erstmals eine eigenständige palästinensische Identität und den Anspruch auf ganz Palästina formuliert. Schukeiri, zuvor Vertreter Palästinas bei der Arabischen Liga, bleibt bis 1968 an der Spitze der neuen Organisation. Eine neue politische Kraft betritt die Bühne des Nahen Ostens, deren Wirkung weit über das Jahrzehnt hinausreicht.
US-Bürgerrechtsgesetz beendet die gesetzliche Rassentrennung

Im East Room des Weißen Hauses unterzeichnet Präsident Lyndon B. Johnson vor laufenden Fernsehkameras den Civil Rights Act of 1964 — das weitreichendste Bürgerrechtsgesetz seit dem Ende des Sezessionskriegs. Es verbietet Diskriminierung wegen Hautfarbe, Religion, Geschlecht oder nationaler Herkunft in öffentlichen Einrichtungen wie Restaurants, Kinos, Hotels und Bussen, untersagt Rassentrennung in Schulen und macht Diskriminierung bei der Einstellung von Arbeitskräften illegal. Ursprünglich noch von John F. Kennedy eingebracht, hatte Johnson den Gesetzentwurf nach dessen Ermordung zur obersten Priorität erklärt; ein 60 Arbeitstage währender Filibuster südstaatlicher Senatoren konnte den Willen des Kongresses am Ende nicht aufhalten. Unter den Gästen der Zeremonie sitzt Martin Luther King, der einen der mehr als 75 Kugelschreiber erhält, mit denen Johnson symbolisch unterzeichnet.
Vorausgegangen war ein blutiger „Freedom Summer": Im Juni waren im Bundesstaat Mississippi die drei Bürgerrechtsaktivisten James Chaney, Andrew Goodman und Michael Schwerner beim Versuch, schwarze Wähler zu registrieren, vom Ku-Klux-Klan ermordet worden — ihre erst Wochen später gefundenen Leichen hatten den Druck auf den Kongress zusätzlich erhöht. Das neue Gesetz markiert dennoch erst einen Etappensieg: Der Kampf um gleiches Wahlrecht für Schwarze in den Südstaaten wird die Bürgerrechts- bewegung noch bis zum Voting Rights Act von 1965 beschäftigen.
Zweites Passierscheinabkommen öffnet die Mauer zu Weihnachten

Drei Jahre nach dem Mauerbau unterzeichnen der Ost-Berliner Staatssekretär Erich Wendt und der West-Berliner Senatsdirektor Horst Korber das zweite Passierscheinabkommen zwischen dem Senat von West-Berlin und der DDR-Führung — eine rein pragmatische Vereinbarung, da die Bundesrepublik die DDR gemäß Hallstein-Doktrin diplomatisch nicht anerkennt. Es regelt, nach dem ersten Abkommen vom Weihnachtsfest 1963/64, erneut befristete Besuche: West-Berliner dürfen ihre Verwandten im Ostteil der Stadt vom 30. Oktober bis 12. November sowie vom 19. Dezember 1964 bis 3. Januar 1965 besuchen, außerdem an Ostern und Pfingsten 1965. Ab dem 1. Oktober werden zudem dringende Familienangelegenheiten wie Todesfälle, Geburten oder Hochzeiten bevorzugt mit Passierscheinen bedacht.
Allein in der ersten Besuchsperiode im Oktober/November werden rund 600.000 Passierscheine ausgestellt, über die Weihnachtstage sogar mehr als 821.000 — für viele Familien die erste Gelegenheit seit dem Bau der Mauer, sich wiederzusehen. Ein kleines humanitäres Fenster in einer sonst unverändert verhärteten deutsch-deutschen Frontstellung, das zeigt, dass auch inmitten des Kalten Krieges pragmatische Übereinkünfte zwischen den Systemen möglich bleiben.
Aus heutiger Sicht
Neben der überwiegend positiven Stimmung dokumentieren interne Stasi-Berichte auch handfeste Ängste in der DDR-Bevölkerung: Sorgen vor Versorgungsengpässen, vor Schwarzmarktgeschäften und davor, das Abkommen öffne „Agententätigkeit Tür und Tor". Die amtliche Erfolgserzählung vom „Wandel durch Annäherung" blendet diese Untertöne aus.
Warren-Bericht: Kommission sieht Einzeltäter im Mord an Kennedy

Zehn Monate nach dem Attentat auf John F. Kennedy in Dallas übergibt die von Präsident Johnson eingesetzte Untersuchungskommission unter dem Vorsitzenden Richter Earl Warren ihren Abschlussbericht — am 24. September an den Präsidenten, drei Tage später, am 27. September, wird er der Öffentlichkeit vorgestellt. In 51 Sitzungen hatte die Kommission rund 550 Zeugen befragt und mehr als 3.000 Beweisstücke ausgewertet. Ihr auf 888 Seiten festgehaltenes Fazit: Lee Harvey Oswald habe als Einzeltäter aus dem Texas School Book Depository drei Schüsse abgegeben, ohne Verschwörung im In- oder Ausland; auch der Mord an Oswald selbst, zwei Tage nach dem Attentat live im Fernsehen durch den Nachtclubbesitzer Jack Ruby verübt, habe keine Hintermänner gehabt.
Der Bericht stößt von Beginn an auf erhebliche Zweifel — insbesondere die sogenannte „Einzelkugel-Theorie", nach der ein Geschoss sowohl Kennedy als auch den vor ihm sitzenden Gouverneur John Connally getroffen haben soll, gilt vielen Kritikern als unplausibel. Was die Kommission als Schlussstrich gedacht hatte, wird zum Ausgangspunkt jahrzehntelanger Verschwörungstheorien, die den Fall bis heute nicht zur Ruhe kommen lassen.
China zündet seine erste Atombombe

Auf dem Testgelände Lop Nor in der westchinesischen Wüste Xinjiangs lässt die Volksrepublik China unter dem Decknamen „Projekt 596" ihre erste Kernwaffe detonieren — einen turmmontierten Sprengsatz aus angereichertem Uran-235 mit rund 22 Kilotonnen Sprengkraft, stärker als die Hiroshima-Bombe. Der Name „596" erinnert an den Juni 1959, als die Sowjetunion ihre technische Unterstützung für das chinesische Atomprogramm im Zuge des sich vertiefenden Sino-sowjetischen Zerwürfnisses abrupt einstellte — Mao Zedong hatte daraufhin auf nukleare Eigenständigkeit gesetzt. Mit dem Test wird China zur fünften Atommacht der Welt nach den USA, der Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich und zur ersten Asiens.
Bemerkenswert ist der zeitliche Zufall: Nur zwei Tage zuvor, am 14. Oktober, war in Moskau Nikita Chruschtschow gestürzt worden — westliche Kommentatoren sprechen von einem „doppelten Donnerschlag", der binnen 48 Stunden gleich zwei Gewissheiten des Kalten Krieges erschüttert: die sowjetische Führungskontinuität und das atomare Monopol der etablierten Großmächte. Die Detonation von Lop Nor markiert den Beginn eines eigenständigen chinesischen Kernwaffenprogramms, das bis 1996 insgesamt 45 weitere Tests auf demselben Gelände umfassen wird.
Free Speech Movement: Studentenrevolte in Berkeley

Als die Universitätspolizei der University of California in Berkeley am
- Oktober versucht, den ehemaligen Studenten Jack Weinberg festzunehmen, weil er ohne Genehmigung einen Infostand für die Bürgerrechtsorganisation CORE betrieben hatte, umringen Hunderte Studenten spontan den Streifenwagen und machen ihn 32 Stunden lang zur improvisierten Rednertribüne. Aus dem Protest gegen das universitätsseitige Verbot politischer Betätigung auf dem Campus entsteht die Free Speech Movement, angeführt vom Studenten Mario Savio. Die Bewegung eskaliert im Dezember: Am 2. Dezember hält Savio vor rund 3.000 Zuhörern vor der Sproul Hall seine berühmte Rede, man müsse „seinen Körper auf die Zahnräder und auf die Räder" der Maschine werfen, um sie zum Stillstand zu bringen — danach besetzen über 1.000 Studenten das Verwaltungsgebäude.
Am Morgen des 3. Dezember räumt die Polizei die Besetzung und verhaftet 814 Menschen — die bis dahin größte Massenverhaftung in der Geschichte Kaliforniens. Wenige Tage später gibt der akademische Senat der Universität den zentralen Forderungen der Studenten nach: Politische Rede und Organisation auf dem Campus werden künftig weitgehend toleriert. Berkeley wird damit zum Ausgangspunkt einer studentischen Protestkultur, die in den folgenden Jahren die Proteste gegen den Vietnamkrieg maßgeblich prägen wird.
Johnson gewinnt Präsidentschaftswahl in historischem Erdrutschsieg

Bei der Präsidentschaftswahl am 3. November setzt sich der seit der Ermordung Kennedys amtierende Präsident Lyndon B. Johnson gegen den republikanischen Herausforderer Barry Goldwater, Senator aus Arizona, in einem der größten Erdrutschsiege der amerikanischen Geschichte durch: 61,1 Prozent der Stimmen und 486 von 538 Wahlmännern entfallen auf Johnson, Goldwater gewinnt nur sein Heimatland Arizona sowie vier Südstaaten (Louisiana, Alabama, Georgia, Mississippi) — eine frühe Vorahnung der Neuausrichtung des einst demokratisch dominierten „Solid South" hin zu den Republikanern nach der Unterzeichnung des Bürgerrechtsgesetzes. Goldwaters Wahlkampf, geprägt von seiner Nominierungsrede in San Francisco mit dem Satz „Extremismus in der Verteidigung der Freiheit ist kein Laster", hatte bei vielen Wählern Sorge vor einer riskanteren Außenpolitik geweckt — verstärkt durch den berüchtigten „Daisy"-Werbespot der Johnson-Kampagne, der implizit vor einem Atomkrieg unter Goldwater warnte.
Der klare Wählerauftrag verschafft Johnson die politische Grundlage für sein Reformprogramm der „Great Society": Medicare, Medicaid, der „Krieg gegen die Armut" und, im Jahr darauf, der Voting Rights Act sollen die innenpolitische Erbschaft seiner Präsidentschaft werden — während sich zugleich, mit der bereits beschlossenen Tonkin-Resolution im Rücken, die amerikanische Kriegsbeteiligung in Vietnam unaufhaltsam ausweitet.
Willi Holdorf wird erster deutscher Zehnkampf-Olympiasieger

Bei den Olympischen Spielen in Tokio fällt am 19. und 20. Oktober die Entscheidung im Zehnkampf, der „Königsdisziplin" der Leichtathletik, die bislang noch keinem deutschen Athleten Gold gebracht hat. Vor dem abschließenden 1500-Meter-Lauf liegt Willi Holdorf in Führung, darf gegenüber dem Sowjet-Esten Rein Aun aber höchstens 18 Sekunden verlieren, um den Sieg zu retten. Holdorf geht mit dem selbst ausgegebenen Motto „Gold oder Zusammenbruch" an den Start, erreicht das Ziel 12 Sekunden nach Aun — genug für Gold — und bricht unmittelbar danach völlig erschöpft zusammen. Silber geht an Aun, Bronze an den zweiten deutschen Starter im Feld, Hans-Joachim Walde. Der französische Sportjournalist Édouard Seidler tauft den entkräfteten Sieger noch am selben Abend „the Dying Man". Willi Holdorf ist der erste deutsche Olympiasieger im Zehnkampf überhaupt; zusätzlich zu seiner Goldmedaille wird er 1964 auch zu Deutschlands „Sportler des Jahres" gewählt — den Zehnkampf, mit dem er sich diesen Doppelerfolg erkämpfte, bestreitet er danach nie wieder.
Zeche Erin in Castrop-Rauxel fährt ersten „mannlosen" Streb im Ruhrgebiet

Was in der Meldung über den millionsten Gastarbeiter bereits kurz erwähnt wurde, ist der Redaktion eine eigene Meldung wert: Auf der Zeche Erin in Castrop-Rauxel fährt 1964 einer der ersten vollständig „mannlosen" Streben im gesamten Ruhrgebiet an — ein Abbaubetrieb in flacher Lagerung, in dem die Kohle allein von Maschinen hereingewonnen wird, ganz ohne Handarbeit unter Tage. Möglich macht das eine seit Mitte der 1950er-Jahre auf Erin entwickelte Mechanisierungskette: der Kohlenhobel „Rammkörper", darauf aufbauend der schreitende Rahmenausbau und schließlich der daraus weiterentwickelte Schildausbau, der inzwischen in rund 60 Prozent aller Abbaubetriebe das mühselige, zeitraubende Stempelsetzen von Hand ersetzt hat. Was auf Erin in flacher Lagerung erprobt wurde, findet inzwischen auch in der steilen Lagerung Nachahmer. Die 1858 vom irischen Bergbauunternehmer William Thomas Mulvany gegründete Zeche gilt damit als eine der Vorreiterinnen der Rationalisierung im Revier — mitten in einem Jahr, in dem die Kohlekrise das Revier fest im Griff hat: Bis zum 31. Oktober meldeten die Zechengesellschaften im Ruhrgebiet insgesamt 31 Schachtanlagen und 20 Kleinzechen zur Stilllegung an.
Aus heutiger Sicht
Während bundesweit ein Wirtschaftswachstum von 6,7 Prozent und eine Arbeitslosenquote von nur 0,8 Prozent als Höhepunkt des Wirtschaftswunders gefeiert werden, beginnt exakt in diesem Jahr im Bergbau-Kernland um Castrop-Rauxel jene Zechenstilllegungswelle, die das Ruhrgebiet über Jahrzehnte umbauen wird — die große Wachstumserzählung und die Realität der Bergleute vor Ort klaffen schon 1964 auseinander.
documenta III in Kassel: 200.000 Besucher im „Museum der 100 Tage"

In Kassel öffnet am 27. Juni die documenta III ihre Tore — zum dritten Mal nach 1955 und 1959 und mit einer neuen, programmatischen Leitidee: „Museum der 100 Tage". Zur Eröffnung sprechen Oberbürgermeister Karl Branner und der hessische Ministerpräsident Georg August Zinn, Festreden halten Adolf Arndt und der Kunsthistoriker Werner Haftmann. Bis zum Ende der Laufzeit am 5. Oktober zählen die Veranstalter rund 200.000 Besucher — ein Plus von mehr als 110.000 bzw. rund 14 Prozent gegenüber der vorigen Ausgabe. Mit der dritten Auflage etabliert sich die documenta endgültig als feste Institution der internationalen Gegenwartskunst in der jungen Bundesrepublik.
AM RANDE NOTIERT
- Die Beatlemania erreicht im Februar die Vereinigten Staaten — der Fernsehauftritt der Liverpooler Band bei Ed Sullivan löst hüben wie drüben des Atlantiks kreischende Verzückung aus.
- Am 10. Dezember nimmt Martin Luther King in Oslo im Alter von nur 35 Jahren den Friedensnobelpreis entgegen — als jüngster Preisträger der Geschichte des Preises bis dahin.
- Am 25. Februar sorgt Cassius Clay in Miami Beach für die vielleicht größte Überraschung der Boxgeschichte: Der erst 22-Jährige schlägt Titelverteidiger Sonny Liston durch technischen K.o. in der siebten Runde und wird neuer Weltmeister im Schwergewicht — wenig später nimmt er als Muhammad Ali einen neuen Namen an.
- Die Kohlekrise im Ruhrgebiet verschärft sich weiter: Seit 1958 mussten bereits mehr als zwei Dutzend Zechen schließen, der Anteil der Steinkohle am deutschen Energiemarkt sinkt bis 1964 auf nur noch 60 Prozent — auch an der Emscher, rund um Castrop-Rauxels Zechen Erin, Ickern und Victor, wächst die Sorge der Bergleute um ihre Zukunft.
- Der am 20. Dezember 1963 eröffnete erste Frankfurter Auschwitz-Prozess wird ab dem 3. April im Saalbau Gallus fortgesetzt: Vor dem Schwurgericht unter dem Vorsitzenden Richter Hans Hofmeyer sagen im Lauf des insgesamt rund 20 Monate währenden Verfahrens 211 Auschwitz-Überlebende aus dem In- und Ausland sowie 54 frühere Angehörige der Lager-SS aus — der bislang größte Prozess gegen NS-Massenmörder vor einem deutschen Gericht, verhandelt im geltenden Strafrecht ohne Sondertribunal.
- Der amerikanische Modeschöpfer Rudi Gernreich sorgt mit seinem obenohne getragenen „Monokini" auch in konservativen Kreisen der Bundesrepublik für einen handfesten Sittenskandal — zur selben Saison zeigt André Courrèges in Paris seinen „Space-and-Moon-Girl-Look".
- Der Bund gründet am 4. Dezember die unabhängige Stiftung Warentest zum Schutz der Verbraucher; die Gründungsurkunde übergibt Wirtschaftsminister Kurt Schmücker am 16. Dezember an die Vorstände Hans Otto Wesemann und Erika Luther.
WIRTSCHAFT · 1964
Das Wirtschaftswunder erreicht 1964 seinen Höhepunkt: Die westdeutsche Wirtschaft wächst um rund 6,7 Prozent, die Arbeitslosenquote sinkt auf einen historischen Tiefstand von 0,8 Prozent — der Arbeitsmarkt ist praktisch leergefegt, offene Stellen gibt es mehr als im Vorjahr. Im Ruhrgebiet zeigt sich freilich die Kehrseite des Booms: Seit dem Absatzeinbruch von 1958 mussten bereits mehr als 27 Zechen für immer schließen, über 53.000 Arbeitsplätze gingen verloren — mitten im scheinbaren Boomjahr beginnt im Bergbau-Kernland die „Kohlekrise".
Der Preisspiegel (Preisstand 1964):
- Butter (1 kg) — 7,58 DM
- Eier (1 Stück) — 0,21 DM
- Milch (1 l) — 0,50 DM
- Kaffee (1 kg) — 16,61 DM
- Zucker (1 kg) — 1,23 DM
- Benzin (1 l) — 0,65 DM
- Diesel (1 l) — 0,45–0,49 DM
STIMMEN DER PRESSE · 1964
Zur Kinopremiere von „Winnetou 2. Teil" im September äußern sich die Feuilletons uneins:
„Es bleibt dabei: Der erste Karl-May-Film DER SCHATZ IM SILBERSEE war der beste. Es war der Film, in dem man einen Hauch der Karl May'schen Wildwest-Romantik zu spüren glaubte. Was sich indes in WINNETOU 1. TEIL andeutete, bleibt im zweiten Teil unübersehbar: Die Verlagerung des Geschehens auf die optisch wirksamen, technisch wohlarrangierten Großszenen zum Nachteil der bei Karl May so phantasievoll gestalteten Details." — Mannheimer Morgen, 19. September 1964
„Die Einfachheit der Geschichte verlangt keine größeren schauspielerischen Leistungen. So verläßt sich Lex Barker auf die Wirkung seiner Gestalt und seiner Schmetterfaust. Die einzigen Momente des Künstlerischen verdankt man dem Bühnenstar Klaus Kinski. Im ganzen: Simplizität, Sauberkeit und Situationsspannung, als Jugendfilm sehr geeignet." — Allgemeine Zeitung Mainz, 19. September 1964
SPORT · 1964
1964 ist erneut ein großes Olympia-Jahr: Vom 29. Januar bis 9. Februar tragen die Winterspiele in Innsbruck wegen ausbleibenden Schnees teils unter dramatischem Materialaufwand aus — Soldaten des österreichischen Bundesheeres müssen tonnenweise Eis und Schnee auf die Bahnen schaffen. Danach ziehen die Sommerspiele erstmals nach Asien — nach Tokio (10. bis 24. Oktober), wo wie bereits vermeldet Willi Holdorf im Zehnkampf triumphiert: In einem an Dramatik kaum zu überbietenden Finale zwingt er sich im abschließenden 1500-Meter-Lauf mit letzter Kraft an seinem sowjetischen Rivalen Rein Aun vorbei und wird mit neuer Weltbestleistung erster deutscher Olympiasieger im Zehnkampf. Zum letzten Mal tritt dabei ein gesamtdeutsches Team unter einer gemeinsamen Flagge mit Beethovens „Ode an die Freude" als Hymne an. Tokio 1964 markiert zugleich einen technischen Meilenstein: Über den Nachrichtensatelliten Syncom 3 werden Bilder der Eröffnungsfeier erstmals per Satellit nahezu live in die Welt übertragen. Im deutschen Vereinsfußball geht derweil die erste Bundesliga-Saison zu Ende: 1. FC Köln wird unter Trainer Georg Knöpfle Deutschlands erster Bundesliga-Meister, während der Hamburger Uwe Seeler mit 30 Toren die bundesweite Torjägerliste anführt und Kölns Karl-Heinz Thielen mit 16 Treffern bester Schütze der Meistermannschaft ist.
MODE · 1964
Die Mode erlebt 1964 einen echten Bruch: In Paris zeigt André Courrèges seine visionäre Frühjahrskollektion — architektonisch geschnittene, zweireihige Mäntel, ärmellose oder kurzärmelige Minikleider mit betonter Taillennaht und Tuniken über Hosen, dazu strahlendes Weiß und flache weiße Stiefel sowie Accessoires, die an Astronautenausrüstung erinnern: Brillen, Helme, Handschuhe. Die „New York Times" feiert die Schau als „den hellsten Feuerschein des Jahres", die britische „Vogue" kürt 1964 zum „Jahr des Courrèges" — sein Stil geht seither als „Space-Age-Look" in die Modegeschichte ein. In London treibt Mary Quant, deren Boutique „Bazaar" an der Chelsea King's Road bereits seit den fünfziger Jahren Treffpunkt der jungen Londoner Szene ist, parallel den Rocksaum immer weiter nach oben und legt damit den Grundstein für den Minirock, der die Straßenmode der zweiten Jahrzehnthälfte prägen wird — wer die Erfindung für sich beanspruchen darf, Courrèges oder Quant, bleibt unter Modehistorikern bis heute strittig; Quant selbst pflegte zu sagen, erfunden hätten den Mini „weder Courrèges noch ich, sondern die Mädchen auf der Straße". Der Bikini-Skandal der fünfziger Jahre ist derweil längst verraucht — freizügigere Badebekleidung gehört zum Sommerbild.
KULTUR · 1964
Mit dem Umzug nach Castrop-Rauxel rückt für die Familie ein liebgewonnenes Winterausflugsziel plötzlich in greifbare Nähe: Die Westfalenhalle Dortmund, seit 1952 fester Gastspielort der amerikanischen Eisrevue Holiday on Ice, liegt nun nur noch rund zehn Kilometer entfernt. Was in Wuppertal noch eine Fahrt durchs Bergische Land bedeutete, ist im Ruhrgebiet praktisch ein Katzensprung. Seit ihrer Gründung 1943 in den USA hat sich die Revue zu einem festen Bestandteil der Wintersaison in deutschen Großstädten entwickelt — und auch im neuen Zuhause dürfte der Weg zur Kasse in der Westfalenhalle bald zur Tradition werden.
KINO & FERNSEHEN · 1964
An den deutschen Kinokassen dominiert 1964 noch einmal Ingmar Bergmans „Das Schweigen" mit 11,5 Millionen Besuchern — der letzte Schwarzweißfilm, der die Jahresspitze erreicht. Dahinter liegen mit „Old Shatterhand" (8,45 Mio.) und „Winnetou 2. Teil" (6,85 Mio.) gleich zwei Karl-May-Verfilmungen, knapp gefolgt von „James Bond 007 – Liebesgrüße aus Moskau" (6,8 Mio.) und „Angélique" (6,47 Mio.); insgesamt stellen Karl-May-Filme vier der sieben erfolgreichsten Filme des Jahres. Deutsche und deutsch-koproduzierte Filme erreichen 1964 mit 38 Titeln rund 81,3 Millionen Besuche und damit einen Marktanteil von 45,8 Prozent. Im Fernsehen feiert am 1. Januar mit „Einer wird gewinnen" unter Moderator Hans-Joachim Kulenkampff eine neue ARD-Quizsendung Premiere, die sich rasch zum Straßenfeger entwickelt; am 22. September startet der Bayerische Rundfunk sein drittes Fernsehprogramm. In der DDR erfreut sich derweil die DEFA-Komödie „Geliebte weiße Maus" mit Rolf Herricht als Verkehrspolizist großer Beliebtheit beim Publikum.
GESTORBEN · 1964
- Gerhard Domagk (68), Pathologe und Bakteriologe, Entdecker der Sulfonamid-Wirkung (Nobelpreis 1939, den er auf NS-Druck ablehnen musste) — 24. April, Königsfeld im Schwarzwald.
- August Sander (87), Fotograf („Menschen des 20. Jahrhunderts") — 20. April.
- Hans Moser (83), österreichischer Schauspieler, auch in Deutschland populär — 19. Juni, Wien.
- James Franck (81), deutsch-amerikanischer Physiker, Nobelpreis 1925 — 21. Mai, Göttingen.
- Otto Grotewohl (70), erster Ministerpräsident der DDR — 21. September, Ost-Berlin.
- Heinrich von Brentano (60), CDU-Politiker, 1955–1961 Bundesaußenminister — 14. November.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1964
- Letzte gesamtdeutsche Olympiamannschaft (Innsbruck/Tokio). Zum dritten und letzten Mal treten Sportler aus Bundesrepublik und DDR gemeinsam unter einer Flagge an — deutsch-deutsche Sportkooperation trotz Mauerbau.
- Feodor Lynen und Konrad Bloch erhalten den Medizin-Nobelpreis (Stockholm, 10. Dezember). Für ihre bahnbrechenden Arbeiten zum Cholesterin- und Fettsäurestoffwechsel wird der Münchner Biochemiker gemeinsam mit dem in die USA emigrierten Konrad Bloch geehrt — eine Grundlage für spätere Medikamente gegen erhöhte Blutfettwerte und Arteriosklerose.
- Castrop-Rauxel schreibt Architekturwettbewerb für ein neues Rathaus aus (Castrop-Rauxel, 1964). Für das geplante „Forum" am Europaplatz bewerben sich international renommierte Architekten wie Alvar Aalto, Egon Eiermann und Arne Jacobsen — mitten in der Kohlekrise ein Zeichen des Aufbruchs und des Vertrauens in die Zukunft der Stadt.
- DESY nimmt in Hamburg den Forschungsbetrieb auf (Hamburg, 25. Februar). Im neuen Elektronen-Synchrotron des Deutschen Elektronen-Synchrotrons werden erstmals Elektronen beschleunigt; ab Mai beginnt der reguläre Forschungsbetrieb zur Elementarteilchenphysik — ein bedeutender Schritt für die bundesdeutsche Grundlagenforschung.
DAS WETTER · 1964 in Castrop-Rauxel
An diesem 13. Juli war es im Ruhrgebiet ein warmer Sommertag: Höchstwert 24,2 °C, in der Nacht 14,3 °C, im Mittel 19,5 °C; kein Tropfen Regen fiel.
Das Jahr über: Im Mittel 9,6 °C. Wärmster Tag 33,9 °C am 27. August, kältester −9,0 °C am 28. Dezember. 8 Hitzetage (≥ 30 °C), 11 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 702 mm.
(Messwerte der Station Essen, rund 30 km westlich von Castrop-Rauxel — nächstgelegene durchgehend messende Station im Ruhrgebiet; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1964
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts (amtliche Charts ab 1959).
- Dominique — Soeur Sourire
- Liebeskummer lohnt sich nicht — Siw Malmkvist
- Das kannst du mir nicht verbieten — Bernd Spier
- You Can Never Stop Me Loving You — Johnny Tillotson
- Oh My Darling Caroline — Ronny
- I Want to Hold Your Hand — The Beatles
- Skinny Minnie — The Rackets
- Skinny Minnie — Tony Sheridan & The Beat Brothers
- Shake Hands — Drafi Deutscher
- Non ho l'età — Gigliola Cinquetti
- My Boy Lollipop — Heidi Bachert
- My Boy Lollipop — Millie Small
- Hippy Hippy Shake — The Shamrocks
- Hippy Hippy Shake — Pat Harris
- Hippy Hippy Shake — Swinging Blue Jeans
- Sag 'No' zu ihm — Cliff Richard
- Zu viel allein — Cliff Richard
- Gib mir dein Wort — Freddy Quinn
- A-Me-Ri-Ca — Trini Lopez
- Drina-Marsch — Ensemble Urosevic
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (chartsurfer.de / offizielle Charts).
»Otto Hahn« läuft bei den Howaldtswerken vom Stapel — das erste deutsche Atomschiff

Auf dem Werk Dietrichsdorf der Howaldtswerke ist am Sonnabend das erste deutsche Nuklearschiff vom Stapel gelaufen. Es trägt den Namen des Entdeckers der Kernspaltung: Otto Hahn, Nobelpreisträger, war selbst beim Stapellauf zugegen. Die Taufe vollzog Hanna Lenz, die Gattin des Bundesforschungsministers Hans Lenz, der ebenfalls nach Kiel gekommen war. Unter den Gästen sah man auch Landessozialministerin Lena Ohnesorge und Werftdirektor Adolf Westphal.
Das Schiff, Baunummer 1103, wird im Auftrag der Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schiffahrt in Geesthacht gebaut; die Kiellegung liegt knapp zehn Monate zurück, am 31. August 1963. Die Baukosten sind mit 56 Millionen DM veranschlagt, davon 16 Millionen von der Euratom. Es misst rund 172 Meter und 16.870 Bruttoregistertonnen; der Druckwasserreaktor der Interatom in Bensberg wird erst noch eingebaut.
Vorausgegangen war am 27. Mai im Stadttheater die Reaktortagung »Kernenergieantriebe für Handelsschiffe«, zu der Otto Hahn, Minister Lenz, Ministerpräsident Helmut Lemke und Oberbürgermeister Hans Müthling erschienen waren.
Aus heutiger Sicht
Fertig wurde die »Otto Hahn« am 1. Oktober 1968. Sie fuhr als Forschungs- und Erzfrachtschiff mit Atomantrieb, durfte wegen dieses Antriebs aber viele ausländische Häfen nur mit Ausnahmegenehmigung anlaufen; 1979 wurde das Experiment eingestellt und der Nuklearantrieb stillgelegt.
Bundespräsident Lübke eröffnet die 70. Kieler Woche auf dem Rathausplatz

Zur Eröffnungsfeier am Sonnabend hat sich die Kieler Woche, die 70. ihrer Art, den höchsten Gast geholt, den die Bundesrepublik zu vergeben hat: Bundespräsident Heinrich Lübke stand mit seiner Gattin Wilhelmine und Oberbürgermeister Hans Müthling sowie Stadtpräsident Hermann Köster auf dem Balkon des Rathauses und hielt die Ansprache an die Kieler. Das Ballett des Stadttheaters tanzte am Wochenende auf dem Kleinen Kiel.
Schon am 19. Juni hatten ausländische Kriegsschiffe an der Tirpitzmole festgemacht: der niederländische Zerstörer Overijssel, die amerikanische Bigelow und die britische Fregatte Pellew. Das Marinemusikkorps spielte zur Begrüßung. Die Woche selbst bot, was sie Jahr für Jahr bietet: die Eröffnungsregatta von Kiel nach Eckernförde, die Senatspreis-Regatta der Freien und Hansestadt Hamburg, eine Marinekutterregatta, dazu ein Volksfest auf der Krusenkoppel und zum Abschluß ein Feuerwerk.
Daneben fehlte es nicht an Nachdenklichem. Am 24. Juni lud das Rathaus zu einem Forumsgespräch unter der Frage »Wo bleibt der Mensch in der technisierten Welt?«, das Hellmut Becker leitete. Und am 27. Juni segelten beim Kieler Yacht-Club am Hindenburgufer die Diplomaten, unter ihnen Vizekanzler Erich Mende und Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel.
Kiel und Brest besiegeln die Städtepartnerschaft

In einer Sondersitzung der Ratsversammlung ist im Ratssaal der Vertrag unterzeichnet worden, der Kiel mit der bretonischen Hafenstadt Brest verbindet. Für Brest setzte Bürgermeister Georges Lombard seinen Namen unter das Dokument, für Kiel Oberbürgermeister Hans Müthling; Stadtpräsident Hermann Köster leitete die Feierstunde und überreichte dem Gast aus Frankreich einen Wandteppich mit dem Kieler Stadtsiegel.
Zwei Hafen- und Marinestädte finden hier zueinander; die Unterzeichnung fällt mitten in die Kieler Woche.
Nur drei Tage zuvor, am 23. Juni, hatte in der Nikolaikirche eine Delegation aus Coventry einen Kranz am Nagelkreuz niedergelegt; für die englische Stadt sprach ihr stellvertretender Bürgermeister William Parfitt, für Kiel Bürgermeister Rudolf Titzck, und Pastor Hans-Christoph Schmidt-Lauber begleitete den Gang. Zwei Besuche binnen einer Woche, aus zwei Ländern, mit denen Deutschland vor zwanzig Jahren im Krieg lag.
Landgericht Kiel verurteilt den SS-Mann Hans Graalfs wegen Beihilfe zum Mord in 760 Fällen
Im Schwurgerichtssaal des Kieler Landgerichts ist am 8. April das Urteil gegen den früheren SS-Obersturmführer Hans Graalfs (geboren 1915) verkündet worden. Das Gericht sprach ihn der Beihilfe zum Mord in 760 Fällen schuldig und verhängte drei Jahre Zuchthaus. Die Verkündung nahm Amtsgerichtsdirektor Jensen vor, als Beisitzer wirkten Landgerichtsrat Langrehr und Johannes Reimer mit.
Graalfs war Zugführer im Einsatzkommando 8 der Einsatzgruppe B. Die Taten, um die es ging, fielen in das Jahr 1941 und in das besetzte Weißrußland, darunter Nowogrodek, wo mindestens 60 Juden betroffen waren, und Baranowicze. Nach Kriegsende war Graalfs 1945 in Niebüll verhaftet und bis Januar 1948 interniert worden.
Der Prozeß gehört zu den Verfahren, in denen die Gerichte der Bundesrepublik sich mit den Verbrechen der Einsatzgruppen im Osten befassen.
Aus heutiger Sicht
Das Urteil ist in der Urteilssammlung »Justiz und NS-Verbrechen« dokumentiert (Band XIX, Nr. 567). Graalfs starb 1994 in Neumünster.
Bundespräsident Lübke legt im Marine-Ehrenmal einen Kranz nieder

Mitten in der Kieler Woche besuchte Bundespräsident Heinrich Lübke am Montag das Marine-Ehrenmal in Laboe. Zwei Tage zuvor hatte er auf dem Kieler Rathausplatz die 70. Kieler Woche eröffnet. Am Ostufer der Förde begleiteten ihn Ministerpräsident Helmut Lemke, der Laboer Bürgermeister Ferdinand Wigger und der Befehlshaber im Wehrbereich I, Konteradmiral Hans-Rudolf Rösing.
Vor dem Ehrenmal war eine Ehrenkompanie der Marine-Unteroffiziersschule Plön angetreten, die der Bundespräsident in Begleitung von Lemke, Wigger und Rösing abschritt. In der Weihehalle legten Lübke und Lemke einen Kranz für die Gefallenen der Marine nieder. Mit Bürgermeister Wigger führte der Bundespräsident ein Gespräch.
KURZ NOTIERT · Kiel 1964
- 8. Januar — Wilhelm Halfmann, seit 1946 Bischof von Holstein, ist in Kiel gestorben. Die Trauerfeier fand in der Nikolaikirche statt, am 12. Januar folgte eine Gedenkstunde im Landeskirchenamt, bei der auch Ministerpräsident Helmut Lemke sprach.
- 18. Februar — Das Institut für Weltwirtschaft feiert im Stadttheater sein 50jähriges Bestehen; die Ehrendoktorwürde erhalten Jan Tinbergen aus Rotterdam und Jörgen Pedersen aus Aarhus. Institutsdirektor ist Erich Schneider.
- 20. April — Landtagsabgeordnete fahren zu einem kleinen Manöver auf dem Segelschulschiff »Gorch Fock«. Kommandant ist Kapitän zur See Hans Engel, mit an Bord Landtagspräsident Paul Rohloff; Gesetze wurden dabei nicht verabschiedet.
- 22. Juni — Stadtpräsident Hermann Köster überreicht im Ratssaal den Kulturpreis der Stadt Kiel an den gebürtigen Kieler Schauspieler Bernhard Minetti, Sohn eines Kieler Architekten. Zugegen sind unter anderem Kultusminister Claus Joachim von Heydebreck und Bürgermeister Rudolf Titzck, es spricht der Rektor der Universität, Professor Georg Hoffmann.
- Juni — Auf einem Trümmergrundstück an der Jungmannstraße, zwischen Gerhard- und Adolfstraße, rostet noch immer ein Autowrack; der Krieg ist neunzehn Jahre vorbei, das Wrack hat es nicht eilig.
- 3. Juli — Neue Fährlinie Kiel–Sonderburg: Zur Premiere fährt Reeder Nissen mit den Gästen auf dem Fördedampfer »Mürwik« zum Oslokai.
- 29. September — Beim Modehaus Goos am Sophienblatt gibt Miss Germany 1964, Martina Kettler, Autogramme; am selben Tag füllt Vorstand Kurt Schneider in Projensdorf die Kassette zur Grundsteinlegung für das Hochhaus der Heimstättengenossenschaft Kiel-Nord am Moorkamp. Der Grundstein war an diesem Tag die schwerere Veranstaltung.
- 7. Dezember — Der griechische Tanker »Roula Maria« fällt mit Schaden an der Antriebsanlage aus und wird mit Schlepperhilfe in die Holtenauer Schleuse bugsiert.
RUND UM DIE FÖRDE · 1964
- 5. Juni, Heikendorf — Die neue Anlegebrücke für die Fördeschifffahrt wird eingeweiht; als erstes Schiff legt der Fördedampfer »Möltenort« an.
- August, Mönkeberg — Vor Mönkeberg baut das Tief- und Wasserbauunternehmen Steffen Sohst den Senkkasten für den künftigen Leuchtturm Kiel.
SPORT AN DER FÖRDE · 1964
- THW Kiel — Bei der Endrunde um die Deutsche Hallenhandballmeisterschaft am 22. und 23. Februar in der Ostseehalle (6.000 Zuschauer) schlug der Titelverteidiger Bayer Leverkusen und TuS Neunkirchen und im Halbfinale den Hamburger SV, verlor aber das Endspiel vor eigenem Publikum 3:4 gegen den Berliner SV 1892; das Siegtor fiel fünf Sekunden vor Schluß. Spielertrainer ist Hein Dahlinger.
- Holstein Kiel — In der ersten Saison der neuen Regionalliga Nord belegt Holstein mit 72:48 Toren und 43:25 Punkten den fünften Platz; Meister wird St. Pauli. Am letzten Spieltag, dem 3. Mai, schlägt Holstein den VfR Neumünster 3:1, am 12. April war der VfL Oldenburg mit 7:0 überfahren worden.
- Leichtathletik — Die Deutschen Hallenmeisterschaften sehen am 1. Februar in der Ostseehalle 21 Wettbewerbe auf der 150-Meter-Rundbahn, die Sprints nur über 50 m; die 50 m der Frauen gewinnt Gudrun Lenze vom Hamburger SV.
DAS WETTER · 1964 in Kiel
An diesem 13. Juli war es an der Förde ein milder, überwiegend trüber Sommertag: Höchstwert 18,4 °C, in der Nacht 13,8 °C, im Mittel 14,9 °C; es fielen 0,1 mm Regen, die Sonne schien 2,8 Stunden.
Das Jahr über: Im Mittel 8,3 °C. Wärmster Tag 32,3 °C am 27. August, kältester Tiefstwert −12,6 °C am 27. Dezember. 1 Hitzetag (≥ 30 °C), 10 Sommertage (≥ 25 °C), 19 Eistage (Dauerfrost), 79 Frosttage. Jahresniederschlag rund 629 mm, Sonnenscheindauer 1722 Stunden.
(Messwerte der DWD-Station Kiel-Kronshagen. Quelle: DWD Climate Data Center.)