DER CHRONIST
Zwanzig Jahre nach Kriegsende sucht die Bundesrepublik ihren Platz in der Welt — zwischen Versöhnung und Verdrängung, zwischen Wirtschaftswunder und den ersten Rissen im Glanz. Mit Israel nimmt Bonn erstmals diplomatische Beziehungen auf, während der Frankfurter Auschwitz-Prozess der Nation die eigene Vergangenheit vor Augen führt und Ludwig Erhard sich im Wahljahr als Kanzler behauptet. Draußen in der Welt wird 1965 zum Jahr der Umbrüche: Amerika versinkt mit der offenen Eskalation in Vietnam tiefer in einen Krieg ohne absehbares Ende, während im eigenen Land die Ermordung Malcolm X', der Blutsonntag von Selma und die Unruhen von Watts zeigen, wie ungelöst die Frage der Bürgerrechte bleibt. Im Weltraum überholt die Sowjetunion mit Alexei Leonows Ausstieg aus der Woschod 2 kurzzeitig die amerikanische Konkurrenz, in Rhodesien reißt eine weiße Minderheit die Unabhängigkeit an sich, und in Rom geht mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine der folgenreichsten Kirchenversammlungen der Geschichte zu Ende. Im Ruhrgebiet unterdessen kündigt sich mit der beginnenden Kohlekrise bereits an, dass der Glanz des Wirtschaftswunders nicht ewig währen wird.
Winston Churchill stirbt — ein Weltreich nimmt Abschied

Am 24. Januar stirbt Sir Winston Churchill im Alter von 90 Jahren in seinem Haus 28 Hyde Park Gate in London — auf den Tag genau 70 Jahre nach dem Tod seines Vaters Lord Randolph Churchill. Ein schwerer Schlaganfall am 15. Januar hatte ihn ins Koma fallen lassen; neun Tage lang wartet die Weltöffentlichkeit auf Nachrichten aus London, ehe der Tod verkündet wird. Königin Elisabeth II. ordnet ein Staatsbegräbnis an — das erste für einen Bürgerlichen seit dem des Herzogs von Wellington 1852 und das erste überhaupt für einen Nicht-Angehörigen der königlichen Familie seit Lord Carson 1935. Die Planungen dafür, unter dem Decknamen „Operation Hope Not", hatte man bereits nach Churchills erstem schweren Schlaganfall 1953 begonnen und in den folgenden Jahren immer wieder überarbeitet, weil der Patient beharrlich weiterlebte.
Drei Tage liegt der Sarg in der mittelalterlichen Westminster Hall auf, wo Schätzungen zufolge rund 320.000 Menschen an ihm vorbeiziehen. Am 30. Januar setzt sich um 9:45 Uhr ein Trauerzug mit rund 7.000 Soldaten in Bewegung; eine halbe Million Menschen säumen die Straßen bis zur St. Paul's Cathedral, wo der Trauergottesdienst stattfindet. Über hundert Staaten entsenden Repräsentanten. Anschließend bringt man den Sarg auf dem Themseboot MV Havengore zum Bahnhof Waterloo und per Sonderzug weiter nach Oxfordshire; die Beisetzung im engsten Familienkreis erfolgt auf dem Friedhof von St Martin's Church in Bladon, nahe dem Grab seiner Eltern. Mit Churchill nimmt die Welt Abschied vom Mann, der Großbritannien 1940 durch die dunkelsten Stunden des Krieges führte — ein letzter, pompöser Auftritt eines untergehenden Empires, dessen Kolonien in diesen Jahren gerade reihenweise in die Unabhängigkeit entlassen werden.
Amerika greift offen in Vietnam ein

Am 2. März beginnt die US-Luftwaffe gemeinsam mit US-Marine und südvietnamesischer Luftwaffe die „Operation Rolling Thunder" — eine zunächst begrenzt geplante, am Ende mehr als dreieinhalb Jahre andauernde Bombenkampagne gegen Nordvietnam, die erst am 2. November 1968 endet. Präsident Lyndon B. Johnson hatte den Einsatz nach Vietcong-Angriffen auf US-Stützpunkte angeordnet, um Hanois Nachschubwege zu unterbrechen und den nordvietnamesischen Rückhalt für den Vietcong im Süden zu brechen. Nur sechs Tage später, am 8. März, waten die ersten 3.500 Mann der 9. Marine- Expeditionsbrigade bei Da Nang an Land — offiziell allein zum Schutz des dortigen, für Rolling Thunder zentralen Luftwaffenstützpunkts. Es ist der erste Einsatz regulärer amerikanischer Kampftruppen in Vietnam; bis dahin hatte Washington nur „Militärberater" entsandt.
Aus dem begrenzten Schutzauftrag wird binnen Monaten ein offener Bodenkrieg: Bis zum Jahresende befehligt General William Westmoreland bereits rund 184.000 US-Soldaten in Südvietnam. Am 18. August liefern sich US-Marines und Vietcong bei Chu Lai in der „Operation Starlite" das erste größere Bodengefecht des amerikanischen Kriegs, im November tobt im Ia-Drang-Tal die erste direkte Schlacht zwischen US-Armee und regulären nordvietnamesischen Verbänden. In den Vereinigten Staaten formiert sich zugleich eine wachsende Antikriegsbewegung: Bereits im April demonstrieren in Washington rund 25.000 Menschen beim ersten großen Marsch gegen den Krieg, organisiert von der Studentenorganisation SDS. Was 1965 als Eskalationsschritt beginnt, wird zur prägenden weltpolitischen Frage der kommenden zehn Jahre — auch in der westdeutschen Öffentlichkeit regen sich erste kritische Stimmen gegen die amerikanische Vietnampolitik.
Bonn und Jerusalem nehmen diplomatische Beziehungen auf

Zwanzig Jahre nach dem Ende der NS-Herrschaft tauschen Vertreter der Bundesrepublik und des Staates Israel am 12. Mai in einem Notenwechsel offizielle Schreiben aus und begründen damit diplomatische Beziehungen — ein Schritt, um den seit der Staatsgründung Israels 1948 gerungen worden war. Vorausgegangen war eine jahrelange, vorsichtige Annäherung: Bereits 1952 hatten Bundeskanzler Konrad Adenauer und der Jüdische Weltkongress im Luxemburger Abkommen milliardenschwere Wiedergutmachungsleistungen vereinbart, seit den späten 1950er-Jahren lieferte Bonn heimlich Waffen an Israel. Offizielle diplomatische Beziehungen scheiterten aber lange an der Hallstein-Doktrin, mit der die Bundesrepublik jedem Staat, der die DDR anerkennt, mit dem Abbruch der Beziehungen drohte — man fürchtete, arabische Staaten könnten als Reaktion auf eine Anerkennung Israels ihrerseits Ost-Berlin aufwerten.
Den Ausschlag gibt Anfang 1965 eine Provokation aus Kairo: Als Gamal Abdel Nasser im Februar DDR-Staatschef Walter Ulbricht zu einem demonstrativen Staatsbesuch nach Ägypten einlädt, drängt Bundeskanzler Ludwig Erhard auf eine rasche Kehrtwende — Bonn stellt zunächst die Rüstungshilfe an Israel ein und nimmt dann, nach Verständigung mit Ministerpräsident Levi Eschkol, die vollen diplomatischen Beziehungen auf. Am 19. August übergibt der erste deutsche Botschafter in Israel, Rolf Pauls — ein früherer Wehrmachtsoffizier, dessen Ernennung in Israel selbst umstritten ist —, in Tel Aviv sein Beglaubigungsschreiben. Der Schritt gilt als bedeutendes Signal der Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden, wird aber auch scharf kritisiert: Aus Protest brechen fast alle arabischen Staaten ihrerseits die Beziehungen zu Bonn ab, nur wenige, etwa Marokko, Tunesien und Libyen, halten daran fest. Auch innenpolitisch bleibt die Entscheidung umstritten — manche in der Union hätten die wirtschaftlich wichtigen Beziehungen zur arabischen Welt lieber geschont, während Außenminister Gerhard Schröder für eine flexiblere Außenpolitik jenseits starrer Doktrinen geworben hatte.
Urteile im Frankfurter Auschwitz-Prozess

Nach 183 Verhandlungstagen verkündet der Vorsitzende Richter Hans Hofmeyer am 19. und 20. August die Urteile im ersten großen Auschwitz-Prozess vor dem Frankfurter Landgericht — dem bis dahin umfangreichsten Strafverfahren der bundesrepublikanischen Nachkriegsgeschichte gegen NS-Täter. Angestoßen hatte den Prozess der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der gegen erhebliche Widerstände in Justiz und Öffentlichkeit auf eine Anklage gedrängt hatte, nachdem Ende der 1950er-Jahre zufällig aufgetauchte Dokumente neue Ermittlungen ermöglichten. Der Prozess beginnt am 20. Dezember 1963; das Gericht hört 357 Zeugen, darunter 211 Überlebende des Lagers, deren oft erschütternde Aussagen die deutsche Öffentlichkeit erstmals in dieser Breite mit dem industriellen Massenmord in Auschwitz-Birkenau konfrontieren.
Von ursprünglich 22 Angeklagten stehen am Ende noch 20 vor Gericht — zwei waren zuvor krankheitsbedingt aus dem Verfahren entlassen worden. Hauptangeklagter ist Robert Mulka, der frühere Adjutant von Lagerkommandant Rudolf Höß. Das Gericht verhängt gegen sechs Angeklagte lebenslanges Zuchthaus, darunter gegen Josef Klehr, den Leiter des SS-„Desinfektionskommandos", dem allein 475 Morde zur Last gelegt werden. Zehn weitere Angeklagte erhalten Zeitstrafen zwischen dreieinhalb und vierzehn Jahren, ein zur Tatzeit noch nicht 21-Jähriger wird zu zehn Jahren Jugendstrafe verurteilt, drei Angeklagte werden freigesprochen. Für viele Zeitgenossen — und für Fritz Bauer selbst — ist das Ergebnis enttäuschend gemessen am Ausmaß der Verbrechen: Nach deutschem Strafrecht musste den Tätern individuelle Mordabsicht oder besondere „Exzesstaten" nachgewiesen werden, die bloße Zugehörigkeit zum Vernichtungsapparat reichte für eine Verurteilung wegen Mordes nicht aus — eine Rechtslage, die milde Urteile selbst bei erwiesener Beteiligung am massenhaften Töten begünstigte. Der Prozess wirkt dennoch nachhaltig: Noch im Jahr des Urteils bringt Peter Weiss mit seinem dokumentarischen Theaterstück „Die Ermittlung", das Zeugenaussagen aus dem Prozess collagiert, das Thema gleichzeitig auf mehrere deutsche Bühnen — ein spätes NS-Verfahren wird zum Wendepunkt der bundesdeutschen Erinnerungskultur.
Erhard bleibt Kanzler — Wahlkampf im Land des Wirtschaftswunders

Bei der Bundestagswahl am 19. September verteidigt die Union unter Ludwig Erhard, der erstmals als Spitzenkandidat antritt, mit 47,6 Prozent der Stimmen ihre Regierungsmehrheit und legt gegenüber 1961 sogar um 2,3 Punkte zu; die CDU/CSU zieht mit 245 Sitzen in den Bundestag ein. Die SPD unter ihrem Kanzlerkandidaten Willy Brandt, der zum zweiten Mal nach 1961 antritt und im Wahlkampf auf einer rund 50.000 Kilometer langen „Deutschlandfahrt" mit Auto und Sonderzug quer durchs Land reist, kommt auf 39,3 Prozent (202 Sitze) und verfehlt zum zweiten Mal in Folge ihr Ziel, stärkste Kraft zu werden, deutlich. Die FDP unter Erich Mende erreicht 9,5 Prozent (49 Sitze). Bei einer Wahlbeteiligung von 86,8 Prozent bilden CDU/CSU und FDP mit 294 von 496 Sitzen erneut eine Koalition; am 20. Oktober wählt der Bundestag Erhard erneut zum Kanzler, der sein Kabinett Erhard II bildet. Als „Vater des Wirtschaftswunders" trägt ihn noch die Konjunktur, auch wenn die Rezession im Herbst bereits erste Risse zeigt.
Im Ruhrgebiet zeigt sich das Bild zwiespältiger: Auf den Zechen Erin, Victor-Ickern und Graf Schwerin fördern in Castrop-Rauxel noch immer tausende Bergleute Kohle, und das Fördergerüst über Schacht 7 der Zeche Erin bleibt das stolze Wahrzeichen der Stadt. Die Stadt zählt rund 88.000 Einwohner und liegt damit nahe ihrem historischen Höchststand von 87.910 (1961). Doch im benachbarten Recklinghausen-Suderwich stellt die Zeche König Ludwig am 15. Juni die Förderung ein, und im Herbst rutscht die Bundesrepublik erstmals in ihrer Geschichte in eine Rezession — ausgelöst nicht zuletzt durch die beginnende Kohlekrise: Die ersten Schatten, die dem Revier in den kommenden Jahren noch schwerer zusetzen werden, sind im Vest bereits zu erahnen.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Saarland, 27. Juni — CDU 42,7 %, SPD 40,7 %. Ministerpräsident Franz-Josef Röder bildet erneut eine Koalition aus CDU und FDP.
Malcolm X wird in New York erschossen

Am 21. Februar wird Malcolm X im Audubon Ballroom in der New Yorker Wohngegend Washington Heights erschossen, während er vor rund 400 Anhängern seiner erst im Jahr zuvor gegründeten Organization of Afro-American Unity eine Rede beginnt. Ein vorgetäuschter Streit im Publikum und eine geworfene Rauchbombe sorgen für Verwirrung, ehe mindestens drei Männer aus den vorderen Reihen das Feuer eröffnen; der 39-Jährige wird binnen Minuten für tot erklärt. Seine schwangere Frau Betty Shabazz, die später im Jahr Zwillinge zur Welt bringt, sucht mit vier Töchtern in der ersten Reihe Deckung — nur eine Woche zuvor war das Wohnhaus der Familie in Queens mit Brandsätzen angegriffen worden.
Drei Mitglieder der Nation of Islam, von der sich Malcolm X 1964 nach Jahren als deren prominentester Prediger zerstritten abgewandt hatte, werden später wegen Mordes verurteilt — Jahrzehnte danach werden zwei der drei posthum entlastet. Nach seiner Pilgerfahrt nach Mekka und der Konversion zum sunnitischen Islam hatte Malcolm X, der sich zuletzt El-Hajj Malik El-Shabazz nannte, seine Haltung zur Rassenfrage gemäßigt; seine gemeinsam mit Alex Haley verfasste Autobiografie erscheint noch im Jahr seines Todes und wird zu einem der einflussreichsten Texte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.
Leonow schwebt als erster Mensch frei im All

Mit dem Raumschiff Woschod 2 startet am 18. März vom Kosmodrom Baikonur ein sowjetisches Zweimannteam aus Pawel Beljajew und Alexei Leonow. In der zweiten Erdumlaufbahn verlässt Leonow über eine aufblasbare Luftschleuse als erster Mensch überhaupt sein Raumschiff und schwebt, nur durch ein Sicherungsseil gehalten, rund 12 Minuten und 9 Sekunden frei im Vakuum — der erste „Weltraumspaziergang" der Geschichte, während die Kapsel in gut 500 Kilometern Höhe über die Krim hinwegzieht.
Fast wäre die Mission tödlich geendet: Im drucklosen All bläht sich Leonows Anzug so stark auf, dass er kaum noch die Finger bewegen und durch die enge Schleuse zurück ins Raumschiff kommt — erst als er unter erheblichem Risiko Luft aus dem Anzug ablässt, gelingt der Wiedereinstieg. Bei der Rückkehr zur Erde versagt zudem die automatische Steuerung; Beljajew muss von Hand landen, die Kapsel setzt rund 600 Kilometer vom vorgesehenen Ort entfernt im tief verschneiten Ural auf, wo die beiden Kosmonauten eine Nacht unter freiem Himmel inmitten von Wölfen ausharren, ehe Rettungsmannschaften sie erreichen. Der Erfolg festigt vorerst die sowjetische Führung im Wettlauf ins All — im Juni zieht mit Edward White der erste Amerikaner nach.
Blutsonntag von Selma erzwingt das Wahlrecht

Am 7. März brechen rund 600 Bürgerrechtler in Selma, Alabama, zu einem Marsch nach Montgomery auf, um gegen die faktische Entrechtung schwarzer Wähler im Süden zu protestieren. An der Edmund-Pettus-Brücke schlagen berittene Ordnungskräfte des Sheriffs unter Einsatz von Tränengas und Schlagstöcken die Demonstranten zurück; 17 Verletzte müssen ins Krankenhaus, Fernsehbilder von diesem „Bloody Sunday" gehen um die Welt. Zwei Wochen später, nun unter dem Schutz föderalisierter Nationalgardisten und nach einem Gerichtsbeschluss, führt Martin Luther King rund 3.200 Marschierende auf der fünftägigen, gut 80 Kilometer langen Strecke tatsächlich bis nach Montgomery.
Die Empörung über den Blutsonntag beschleunigt den Gesetzgebungsprozess in Washington: Am 6. August unterzeichnet Präsident Lyndon B. Johnson den Voting Rights Act, der diskriminierende Praktiken wie Lese- und Schreibtests bei der Wählerregistrierung verbietet und die Bundesregierung ermächtigt, die Wählerregistrierung in den Südstaaten zu überwachen — eines der wirkungsmächtigsten Bürgerrechtsgesetze der amerikanischen Geschichte.
Watts-Unruhen erschüttern Los Angeles

Eine routinemäßige Verkehrskontrolle eskaliert am Abend des 11. August im mehrheitlich schwarzen Stadtviertel Watts zum Handgemenge, als Polizisten den 21-jährigen Marquette Frye wegen mutmaßlicher Trunkenheit am Steuer festnehmen wollen. Aufgestauter Zorn über jahrelange Klagen wegen Polizeigewalt und Diskriminierung durch das Los Angeles Police Department entlädt sich in sechs Tagen Ausschreitungen, Plünderungen und Brandstiftungen, die weite Teile Süd-Los-Angeles' erfassen. Gouverneur Pat Brown lässt fast 14.000 Nationalgardisten aufmarschieren, um die Unruhen niederzuschlagen.
Die Bilanz ist verheerend: 34 Tote — die meisten schwarze Anwohner, ein Teil davon durch Polizei- oder Gardeeinsatz —, mehr als tausend Verletzte, rund 3.500 Festnahmen und Sachschäden von schätzungsweise 40 Millionen Dollar an etwa tausend beschädigten oder zerstörten Gebäuden. Es sind die schwersten Rassenunruhen der Bürgerrechtsära bis zu diesem Zeitpunkt; eine von Gouverneur Brown eingesetzte Untersuchungskommission benennt Arbeitslosigkeit, Wohnsegregation und Armut als tiefere Ursachen — an den Verhältnissen selbst ändert sich in den Folgejahren jedoch wenig.
Rhodesien erklärt einseitig die Unabhängigkeit

Um 11 Uhr Ortszeit — während in London zeitgleich zum Volkstrauertag zwei Schweigeminuten für die Gefallenen der Weltkriege begangen werden — unterzeichnet Premierminister Ian Smith in Salisbury die einseitige Unabhängigkeitserklärung der britischen Kolonie Südrhodesien. Zehn weitere Minister seines von der weißen Minderheit dominierten Kabinetts, darunter Clifford Dupont, setzen ihre Unterschrift darunter. Man beruft sich auf die Verteidigung von „Zivilisation" und Ordnung gegen die von London geforderte Machtübergabe an die schwarze Mehrheit — zugleich bekundet die Erklärung, die mit „God Save the Queen" endet, demonstrativ die Treue zu Königin Elisabeth II., deren Porträt während der Zeremonie über den Unterzeichnern hängt.
Großbritannien und die Vereinten Nationen erklären den Schritt für null und nichtig; der UN-Sicherheitsrat verhängt erstmals in seiner Geschichte verbindliche Wirtschaftssanktionen gegen ein Land. Rhodesien gerät damit in eine anderthalb Jahrzehnte währende internationale Isolation, die erst mit dem Lancaster-House-Abkommen und der Unabhängigkeit Simbabwes unter schwarzer Mehrheitsregierung 1980 endet — die erste einseitige Loslösung einer britischen Kolonie seit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776.
Das Zweite Vatikanische Konzil geht zu Ende

Mehr als drei Jahre nach der Eröffnung durch Papst Johannes XXIII. am 11. Oktober 1962 schließt Papst Paul VI. am 8. Dezember feierlich das Zweite Vatikanische Konzil in der Peterskirche — die größte Kirchenversammlung der Geschichte, an der über vier Sitzungsperioden hinweg bis zu 2.850 Bischöfe aus aller Welt teilnehmen. Insgesamt 16 Dokumente werden verabschiedet, darunter die Erklärung „Nostra aetate", die Ende Oktober die kollektive Schuldzuweisung an das jüdische Volk für den Tod Jesu zurückweist, sowie Beschlüsse, die den Gottesdienst in den Landessprachen statt auf Latein erlauben und den Dialog mit anderen christlichen Kirchen und Religionen suchen.
Für die katholische Kirche bedeutet das Konzil eine grundlegende Öffnung gegenüber der modernen Welt. Unter den einflussreichsten Stimmen der Reformmehrheit steht der Kölner Kardinal Josef Frings, dem als junger theologischer Berater ein gewisser Joseph Ratzinger zur Seite steht — Jahrzehnte bevor dieser selbst als Papst Benedikt XVI. auf den Stuhl Petri berufen wird. In den Gemeinden auch des Ruhrgebiets werden die Reformen — deutschsprachige Messe, neu ausgerichtete Altäre — in den kommenden Jahren spürbar, wenn auch nicht über Nacht.
AM RANDE NOTIERT
- Der Bundestag debattiert im März wochenlang über die drohende Verjährung von NS-Morden zum 8. Mai 1965; am 23. März einigt man sich auf eine Fristverschiebung, die Verfahren bis Ende 1969 ermöglicht.
- Im Weltraumwettlauf vollführt Edward White am 3. Juni während der Gemini-4-Mission den ersten amerikanischen Weltraumausstieg — 23 Minuten frei schwebend im All.
- Im September eskaliert der Indisch-Pakistanische Krieg um Kaschmir zur offenen Schlacht; nach rund drei Wochen erzwingt der UN-Sicherheitsrat am 23. September einen Waffenstillstand.
- Am 22. Mai gewinnt Borussia Dortmund im Finale in Hannover mit 2:0 gegen Alemannia Aachen den DFB-Pokal — der erste große Titel für den Verein aus der Nachbarstadt Dortmund.
SPORT · 1965
Ein Jahr ohne Weltmeisterschaft und ohne Olympia — die WM steht 1966 in England an, die nächsten Spiele folgen 1968 in Grenoble und Mexiko-Stadt. Im Land regiert die erst 1963 gegründete, junge Bundesliga: In ihrer zweiten Saison 1964/65 krönt sie Werder Bremen unter Trainer Willi Multhaup zum deutschen Meister, mit 41:19 Punkten deutlich vor dem Vorjahresmeister 1. FC Köln und Borussia Dortmund. Multhaup, einer der ersten Bundesliga-Trainer mit einem Libero im System, lässt eine so stabile Abwehr auftreten, dass Werder in 30 Spielen nur 29 Gegentore hinnimmt — Torschützenkönig der Saison wird mit 24 Treffern Rudi Brunnenmeier vom TSV 1860 München. Weltweit sorgt der Boxsport für Schlagzeilen: Am 25. Mai streckt Cassius Clay (Muhammad Ali) im nur 2.434 Zuschauer fassenden Provinzstadion von Lewiston, Maine, seinen Herausforderer Sonny Liston bereits in der ersten Runde mit einem kaum sichtbaren „Phantom-Schlag" nieder; Ringrichter Jersey Joe Walcott, selbst ein früherer Weltmeister, verliert dabei zeitweise die Übersicht beim Auszählen. Die Umstände — verlegter Austragungsort, karge Zuschauerzahl, der rätselhafte Schlag — nähren jahrzehntelange Spekulationen über einen abgesprochenen Kampf.
MODE · 1965
Das Jahr markiert einen echten Bruch in der Damenmode: In London macht Mary Quant, die bereits seit 1955 ihre Boutique „Bazaar" in der Chelsea King's Road betreibt, den Minirock zur Uniform der „Swinging Sixties". In Paris zeigt André Courrèges im Januar seine geometrische, weiß dominierte „Space-Age"-Kollektion mit flachen Stiefeln aus ungewöhnlichen Materialien wie Vinyl und Metall — Fachpresse und „New York Times" feiern ihn als Erfinder eines ganz neuen, futuristischen Frauenbilds, allein von seinen Miniröcken sollen sich 1965 rund 200.000 verkaufen. Am 6. August präsentiert Yves Saint Laurent seine Herbst-Winter-Kollektion mit sechs schlichten, geometrisch in Primärfarben unterteilten Cocktailkleidern, die die Bilder Piet Mondrians zitieren und sofort als „Mondrian-Kleid" Berühmtheit erlangen; binnen kurzem bringen Massenhersteller weltweit preiswerte Kopien auf den Markt. Kurze Säume, klare Linien, kräftige Farben — die Jugend übernimmt die Mode. Auch in den Kaufhäusern des Ruhrgebiets hält der neue, kürzere Rock Einzug, sehr zum Missfallen mancher Elternhäuser.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1965
- Ruhr-Universität Bochum eröffnet (30. Juni). Als erste komplette Universitätsneugründung der Bundesrepublik nach 1945 nimmt sie mitten im Ruhrgebiet den Betrieb auf — eine Bildungsoffensive in unmittelbarer Nachbarschaft von Castrop-Rauxel.
- „Beat-Club" feiert Premiere (25. September). Radio Bremen strahlt die erste deutsche Fernsehsendung für Beat- und Popmusik aus — Startschuss der deutschen Popmusik-Fernsehkultur.
- VW Käfer überschreitet 10 Millionen Exemplare. In Wolfsburg wird die Marke von zehn Millionen gebauten Käfern erreicht — ein Symbol des anhaltenden westdeutschen Wirtschaftswunders.
- UNICEF erhält den Friedensnobelpreis (25. Oktober). Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen wird für seinen weltweiten Einsatz für notleidende Kinder ausgezeichnet.
- Nobelpreis für Medizin für Genregulation (14. Oktober). François Jacob, André Lwoff und Jacques Monod werden für ihre Entdeckungen zur genetischen Steuerung von Enzymen und Viren geehrt — ein Meilenstein der Molekularbiologie.
- „Meine Lieder – meine Träume" feiert US-Premiere (2. März). Der Musicalfilm mit Julie Andrews startet in New York und wird binnen weniger Wochen zum Kinohit des Jahres — später mit fünf Oscars ausgezeichnet.
DAS WETTER · 1965 in Castrop-Rauxel
An diesem 13. Juli war es im Ruhrgebiet ein warmer Tag mit kräftigem Landregen: Höchstwert 25,7 °C, in der Nacht 14,8 °C, im Mittel 21,0 °C; ein kräftiger Landregen brachte 29,0 mm.
Das Jahr über: Im Mittel 8,9 °C. Wärmster Tag 27,9 °C am 5. August, kältester −7,8 °C am 4. März. 0 Hitzetage (≥ 30 °C), 9 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 1130 mm — ein sehr nasses Jahr.
(Messwerte der Station Essen, rund 30 km westlich von Castrop-Rauxel — nächstgelegene durchgehend messende Station im Ruhrgebiet; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1965
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts (amtliche Charts ab 1959).
- Il Silenzio (Abschiedsmelodie) — Nini Rosso
- Don't Ha Ha — Casey Jones & The Governors
- Downtown — Petula Clark
- Cadillac — The Renegades
- Santo Domingo — Wanda Jackson
- Das war mein schönster Tanz — Bernd Spier
- Du bist nicht allein — Roy Black
- Wooly Bully — Sam the Sham & the Pharaohs
- Poupée de cire, poupée de son — France Gall
- The Last Time — The Rolling Stones
- Mr. Tambourine Man — The Byrds
- Frag den Abendwind — Françoise Hardy
- Help! — The Beatles
- Letkiss — Roberto Delgado
- I Feel Fine — The Beatles
- Melancholie — Peppino di Capri
- Heute male ich dein Bild, Cindy Lou — Drafi Deutscher
- Sag ihr, ich lass sie grüßen — Udo Jürgens
- (I Can't Get No) Satisfaction — The Rolling Stones
- Kenn ein Land — Ronny
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (chartsurfer.de / offizielle Charts).