DER CHRONIST

Zwanzig Jahre nach Kriegsende sucht die Bundesrepublik ihren Platz in der Welt — zwischen Versöhnung und Verdrängung, zwischen Wirtschaftswunder und den ersten Rissen im Glanz. Mit Israel nimmt Bonn erstmals diplomatische Beziehungen auf, während der Frankfurter Auschwitz-Prozess der Nation die eigene Vergangenheit vor Augen führt und Ludwig Erhard sich im Wahljahr als Kanzler behauptet. Draußen in der Welt wird 1965 zum Jahr der Umbrüche: Amerika versinkt mit der offenen Eskalation in Vietnam tiefer in einen Krieg ohne absehbares Ende, während im eigenen Land die Ermordung Malcolm X', der Blutsonntag von Selma und die Unruhen von Watts zeigen, wie ungelöst die Frage der Bürgerrechte bleibt. Im Weltraum überholt die Sowjetunion mit Alexei Leonows Ausstieg aus der Woschod 2 kurzzeitig die amerikanische Konkurrenz, in Rhodesien reißt eine weiße Minderheit die Unabhängigkeit an sich, und in Rom geht mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine der folgenreichsten Kirchenversammlungen der Geschichte zu Ende. Im Ruhrgebiet unterdessen kündigt sich mit der beginnenden Kohlekrise bereits an, dass der Glanz des Wirtschaftswunders nicht ewig währen wird.

Die Schlagzeilen des Jahres

Winston Churchill stirbt — ein Weltreich nimmt Abschied

Das Staatsbegräbnis Winston Churchills, 1965
Das Staatsbegräbnis Winston Churchills, 1965 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 24. Januar stirbt Sir Winston Churchill im Alter von 90 Jahren in seinem Haus 28 Hyde Park Gate in London — auf den Tag genau 70 Jahre nach dem Tod seines Vaters Lord Randolph Churchill. Ein schwerer Schlaganfall am 15. Januar hatte ihn ins Koma fallen lassen; neun Tage lang wartet die Weltöffentlichkeit auf Nachrichten aus London, ehe der Tod verkündet wird. Königin Elisabeth II. ordnet ein Staatsbegräbnis an — das erste für einen Bürgerlichen seit dem des Herzogs von Wellington 1852 und das erste überhaupt für einen Nicht-Angehörigen der königlichen Familie seit Lord Carson 1935. Die Planungen dafür, unter dem Decknamen „Operation Hope Not", hatte man bereits nach Churchills erstem schweren Schlaganfall 1953 begonnen und in den folgenden Jahren immer wieder überarbeitet, weil der Patient beharrlich weiterlebte.

Drei Tage liegt der Sarg in der mittelalterlichen Westminster Hall auf, wo Schätzungen zufolge rund 320.000 Menschen an ihm vorbeiziehen. Am 30. Januar setzt sich um 9:45 Uhr ein Trauerzug mit rund 7.000 Soldaten in Bewegung; eine halbe Million Menschen säumen die Straßen bis zur St. Paul's Cathedral, wo der Trauergottesdienst stattfindet. Über hundert Staaten entsenden Repräsentanten. Anschließend bringt man den Sarg auf dem Themseboot MV Havengore zum Bahnhof Waterloo und per Sonderzug weiter nach Oxfordshire; die Beisetzung im engsten Familienkreis erfolgt auf dem Friedhof von St Martin's Church in Bladon, nahe dem Grab seiner Eltern. Mit Churchill nimmt die Welt Abschied vom Mann, der Großbritannien 1940 durch die dunkelsten Stunden des Krieges führte — ein letzter, pompöser Auftritt eines untergehenden Empires, dessen Kolonien in diesen Jahren gerade reihenweise in die Unabhängigkeit entlassen werden.

Amerika greift offen in Vietnam ein

Ein junger US-Marine in Vietnam, 1965
Ein junger US-Marine in Vietnam, 1965 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 2. März beginnt die US-Luftwaffe gemeinsam mit US-Marine und südvietnamesischer Luftwaffe die „Operation Rolling Thunder" — eine zunächst begrenzt geplante, am Ende mehr als dreieinhalb Jahre andauernde Bombenkampagne gegen Nordvietnam, die erst am 2. November 1968 endet. Präsident Lyndon B. Johnson hatte den Einsatz nach Vietcong-Angriffen auf US-Stützpunkte angeordnet, um Hanois Nachschubwege zu unterbrechen und den nordvietnamesischen Rückhalt für den Vietcong im Süden zu brechen. Nur sechs Tage später, am 8. März, waten die ersten 3.500 Mann der 9. Marine- Expeditionsbrigade bei Da Nang an Land — offiziell allein zum Schutz des dortigen, für Rolling Thunder zentralen Luftwaffenstützpunkts. Es ist der erste Einsatz regulärer amerikanischer Kampftruppen in Vietnam; bis dahin hatte Washington nur „Militärberater" entsandt.

Aus dem begrenzten Schutzauftrag wird binnen Monaten ein offener Bodenkrieg: Bis zum Jahresende befehligt General William Westmoreland bereits rund 184.000 US-Soldaten in Südvietnam. Am 18. August liefern sich US-Marines und Vietcong bei Chu Lai in der „Operation Starlite" das erste größere Bodengefecht des amerikanischen Kriegs, im November tobt im Ia-Drang-Tal die erste direkte Schlacht zwischen US-Armee und regulären nordvietnamesischen Verbänden. In den Vereinigten Staaten formiert sich zugleich eine wachsende Antikriegsbewegung: Bereits im April demonstrieren in Washington rund 25.000 Menschen beim ersten großen Marsch gegen den Krieg, organisiert von der Studentenorganisation SDS. Was 1965 als Eskalationsschritt beginnt, wird zur prägenden weltpolitischen Frage der kommenden zehn Jahre — auch in der westdeutschen Öffentlichkeit regen sich erste kritische Stimmen gegen die amerikanische Vietnampolitik.

Bonn und Jerusalem nehmen diplomatische Beziehungen auf

Bundeskanzler Ludwig Erhard, 1965
Bundeskanzler Ludwig Erhard, 1965 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Zwanzig Jahre nach dem Ende der NS-Herrschaft tauschen Vertreter der Bundesrepublik und des Staates Israel am 12. Mai in einem Notenwechsel offizielle Schreiben aus und begründen damit diplomatische Beziehungen — ein Schritt, um den seit der Staatsgründung Israels 1948 gerungen worden war. Vorausgegangen war eine jahrelange, vorsichtige Annäherung: Bereits 1952 hatten Bundeskanzler Konrad Adenauer und der Jüdische Weltkongress im Luxemburger Abkommen milliardenschwere Wiedergutmachungsleistungen vereinbart, seit den späten 1950er-Jahren lieferte Bonn heimlich Waffen an Israel. Offizielle diplomatische Beziehungen scheiterten aber lange an der Hallstein-Doktrin, mit der die Bundesrepublik jedem Staat, der die DDR anerkennt, mit dem Abbruch der Beziehungen drohte — man fürchtete, arabische Staaten könnten als Reaktion auf eine Anerkennung Israels ihrerseits Ost-Berlin aufwerten.

Den Ausschlag gibt Anfang 1965 eine Provokation aus Kairo: Als Gamal Abdel Nasser im Februar DDR-Staatschef Walter Ulbricht zu einem demonstrativen Staatsbesuch nach Ägypten einlädt, drängt Bundeskanzler Ludwig Erhard auf eine rasche Kehrtwende — Bonn stellt zunächst die Rüstungshilfe an Israel ein und nimmt dann, nach Verständigung mit Ministerpräsident Levi Eschkol, die vollen diplomatischen Beziehungen auf. Am 19. August übergibt der erste deutsche Botschafter in Israel, Rolf Pauls — ein früherer Wehrmachtsoffizier, dessen Ernennung in Israel selbst umstritten ist —, in Tel Aviv sein Beglaubigungsschreiben. Der Schritt gilt als bedeutendes Signal der Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden, wird aber auch scharf kritisiert: Aus Protest brechen fast alle arabischen Staaten ihrerseits die Beziehungen zu Bonn ab, nur wenige, etwa Marokko, Tunesien und Libyen, halten daran fest. Auch innenpolitisch bleibt die Entscheidung umstritten — manche in der Union hätten die wirtschaftlich wichtigen Beziehungen zur arabischen Welt lieber geschont, während Außenminister Gerhard Schröder für eine flexiblere Außenpolitik jenseits starrer Doktrinen geworben hatte.

Urteile im Frankfurter Auschwitz-Prozess

Der Frankfurter Römer — in Frankfurt enden 1965 die Urteile im Auschwitz-Prozess
Der Frankfurter Römer — in Frankfurt enden 1965 die Urteile im Auschwitz-Prozess (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Nach 183 Verhandlungstagen verkündet der Vorsitzende Richter Hans Hofmeyer am 19. und 20. August die Urteile im ersten großen Auschwitz-Prozess vor dem Frankfurter Landgericht — dem bis dahin umfangreichsten Strafverfahren der bundesrepublikanischen Nachkriegsgeschichte gegen NS-Täter. Angestoßen hatte den Prozess der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der gegen erhebliche Widerstände in Justiz und Öffentlichkeit auf eine Anklage gedrängt hatte, nachdem Ende der 1950er-Jahre zufällig aufgetauchte Dokumente neue Ermittlungen ermöglichten. Der Prozess beginnt am 20. Dezember 1963; das Gericht hört 357 Zeugen, darunter 211 Überlebende des Lagers, deren oft erschütternde Aussagen die deutsche Öffentlichkeit erstmals in dieser Breite mit dem industriellen Massenmord in Auschwitz-Birkenau konfrontieren.

Von ursprünglich 22 Angeklagten stehen am Ende noch 20 vor Gericht — zwei waren zuvor krankheitsbedingt aus dem Verfahren entlassen worden. Hauptangeklagter ist Robert Mulka, der frühere Adjutant von Lagerkommandant Rudolf Höß. Das Gericht verhängt gegen sechs Angeklagte lebenslanges Zuchthaus, darunter gegen Josef Klehr, den Leiter des SS-„Desinfektionskommandos", dem allein 475 Morde zur Last gelegt werden. Zehn weitere Angeklagte erhalten Zeitstrafen zwischen dreieinhalb und vierzehn Jahren, ein zur Tatzeit noch nicht 21-Jähriger wird zu zehn Jahren Jugendstrafe verurteilt, drei Angeklagte werden freigesprochen. Für viele Zeitgenossen — und für Fritz Bauer selbst — ist das Ergebnis enttäuschend gemessen am Ausmaß der Verbrechen: Nach deutschem Strafrecht musste den Tätern individuelle Mordabsicht oder besondere „Exzesstaten" nachgewiesen werden, die bloße Zugehörigkeit zum Vernichtungsapparat reichte für eine Verurteilung wegen Mordes nicht aus — eine Rechtslage, die milde Urteile selbst bei erwiesener Beteiligung am massenhaften Töten begünstigte. Der Prozess wirkt dennoch nachhaltig: Noch im Jahr des Urteils bringt Peter Weiss mit seinem dokumentarischen Theaterstück „Die Ermittlung", das Zeugenaussagen aus dem Prozess collagiert, das Thema gleichzeitig auf mehrere deutsche Bühnen — ein spätes NS-Verfahren wird zum Wendepunkt der bundesdeutschen Erinnerungskultur.

Erhard bleibt Kanzler — Wahlkampf im Land des Wirtschaftswunders

Ludwig Erhard im Bundestagswahlkampf 1965
Ludwig Erhard im Bundestagswahlkampf 1965 (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Bei der Bundestagswahl am 19. September verteidigt die Union unter Ludwig Erhard, der erstmals als Spitzenkandidat antritt, mit 47,6 Prozent der Stimmen ihre Regierungsmehrheit und legt gegenüber 1961 sogar um 2,3 Punkte zu; die CDU/CSU zieht mit 245 Sitzen in den Bundestag ein. Die SPD unter ihrem Kanzlerkandidaten Willy Brandt, der zum zweiten Mal nach 1961 antritt und im Wahlkampf auf einer rund 50.000 Kilometer langen „Deutschlandfahrt" mit Auto und Sonderzug quer durchs Land reist, kommt auf 39,3 Prozent (202 Sitze) und verfehlt zum zweiten Mal in Folge ihr Ziel, stärkste Kraft zu werden, deutlich. Die FDP unter Erich Mende erreicht 9,5 Prozent (49 Sitze). Bei einer Wahlbeteiligung von 86,8 Prozent bilden CDU/CSU und FDP mit 294 von 496 Sitzen erneut eine Koalition; am 20. Oktober wählt der Bundestag Erhard erneut zum Kanzler, der sein Kabinett Erhard II bildet. Als „Vater des Wirtschaftswunders" trägt ihn noch die Konjunktur, auch wenn die Rezession im Herbst bereits erste Risse zeigt.

Im Ruhrgebiet zeigt sich das Bild zwiespältiger: Auf den Zechen Erin, Victor-Ickern und Graf Schwerin fördern in Castrop-Rauxel noch immer tausende Bergleute Kohle, und das Fördergerüst über Schacht 7 der Zeche Erin bleibt das stolze Wahrzeichen der Stadt. Die Stadt zählt rund 88.000 Einwohner und liegt damit nahe ihrem historischen Höchststand von 87.910 (1961). Doch im benachbarten Recklinghausen-Suderwich stellt die Zeche König Ludwig am 15. Juni die Förderung ein, und im Herbst rutscht die Bundesrepublik erstmals in ihrer Geschichte in eine Rezession — ausgelöst nicht zuletzt durch die beginnende Kohlekrise: Die ersten Schatten, die dem Revier in den kommenden Jahren noch schwerer zusetzen werden, sind im Vest bereits zu erahnen.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Saarland, 27. Juni — CDU 42,7 %, SPD 40,7 %. Ministerpräsident Franz-Josef Röder bildet erneut eine Koalition aus CDU und FDP.
Aus heutiger Sicht

Erhards Wahltriumph im September und die Kündigung der Förder- und Absatzgarantie für die Ruhrkohle im November desselben Jahres liegen nur Wochen auseinander — der öffentlich gefeierte Höhepunkt des Wirtschaftswunders und der Beginn der Ruhrgebiets-Strukturkrise fallen in dasselbe Jahr 1965, ohne dass die Zeitgenossen die Tragweite dieser zeitlichen Nähe bereits ermessen können.

Malcolm X wird in New York erschossen

Porträt von Malcolm X, 1965
Malcolm X kurz vor seinem Tod, 1965 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 21. Februar wird Malcolm X im Audubon Ballroom in der New Yorker Wohngegend Washington Heights erschossen, während er vor rund 400 Anhängern seiner erst im Jahr zuvor gegründeten Organization of Afro-American Unity eine Rede beginnt. Ein vorgetäuschter Streit im Publikum und eine geworfene Rauchbombe sorgen für Verwirrung, ehe mindestens drei Männer aus den vorderen Reihen das Feuer eröffnen; der 39-Jährige wird binnen Minuten für tot erklärt. Seine schwangere Frau Betty Shabazz, die später im Jahr Zwillinge zur Welt bringt, sucht mit vier Töchtern in der ersten Reihe Deckung — nur eine Woche zuvor war das Wohnhaus der Familie in Queens mit Brandsätzen angegriffen worden.

Drei Mitglieder der Nation of Islam, von der sich Malcolm X 1964 nach Jahren als deren prominentester Prediger zerstritten abgewandt hatte, werden später wegen Mordes verurteilt — Jahrzehnte danach werden zwei der drei posthum entlastet. Nach seiner Pilgerfahrt nach Mekka und der Konversion zum sunnitischen Islam hatte Malcolm X, der sich zuletzt El-Hajj Malik El-Shabazz nannte, seine Haltung zur Rassenfrage gemäßigt; seine gemeinsam mit Alex Haley verfasste Autobiografie erscheint noch im Jahr seines Todes und wird zu einem der einflussreichsten Texte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.

Leonow schwebt als erster Mensch frei im All

Sowjetische Briefmarke von 1965 zum ersten Weltraumspaziergang
Sowjetische Gedenkbriefmarke von 1965 zum ersten Weltraumspaziergang (Woschod 2) (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Mit dem Raumschiff Woschod 2 startet am 18. März vom Kosmodrom Baikonur ein sowjetisches Zweimannteam aus Pawel Beljajew und Alexei Leonow. In der zweiten Erdumlaufbahn verlässt Leonow über eine aufblasbare Luftschleuse als erster Mensch überhaupt sein Raumschiff und schwebt, nur durch ein Sicherungsseil gehalten, rund 12 Minuten und 9 Sekunden frei im Vakuum — der erste „Weltraumspaziergang" der Geschichte, während die Kapsel in gut 500 Kilometern Höhe über die Krim hinwegzieht.

Fast wäre die Mission tödlich geendet: Im drucklosen All bläht sich Leonows Anzug so stark auf, dass er kaum noch die Finger bewegen und durch die enge Schleuse zurück ins Raumschiff kommt — erst als er unter erheblichem Risiko Luft aus dem Anzug ablässt, gelingt der Wiedereinstieg. Bei der Rückkehr zur Erde versagt zudem die automatische Steuerung; Beljajew muss von Hand landen, die Kapsel setzt rund 600 Kilometer vom vorgesehenen Ort entfernt im tief verschneiten Ural auf, wo die beiden Kosmonauten eine Nacht unter freiem Himmel inmitten von Wölfen ausharren, ehe Rettungsmannschaften sie erreichen. Der Erfolg festigt vorerst die sowjetische Führung im Wettlauf ins All — im Juni zieht mit Edward White der erste Amerikaner nach.

Blutsonntag von Selma erzwingt das Wahlrecht

Der Polizeieinsatz gegen Bürgerrechtler an der Edmund-Pettus-Brücke in Selma, 1965
Der Polizeieinsatz gegen Bürgerrechtler an der Edmund-Pettus-Brücke in Selma, 1965 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 7. März brechen rund 600 Bürgerrechtler in Selma, Alabama, zu einem Marsch nach Montgomery auf, um gegen die faktische Entrechtung schwarzer Wähler im Süden zu protestieren. An der Edmund-Pettus-Brücke schlagen berittene Ordnungskräfte des Sheriffs unter Einsatz von Tränengas und Schlagstöcken die Demonstranten zurück; 17 Verletzte müssen ins Krankenhaus, Fernsehbilder von diesem „Bloody Sunday" gehen um die Welt. Zwei Wochen später, nun unter dem Schutz föderalisierter Nationalgardisten und nach einem Gerichtsbeschluss, führt Martin Luther King rund 3.200 Marschierende auf der fünftägigen, gut 80 Kilometer langen Strecke tatsächlich bis nach Montgomery.

Die Empörung über den Blutsonntag beschleunigt den Gesetzgebungsprozess in Washington: Am 6. August unterzeichnet Präsident Lyndon B. Johnson den Voting Rights Act, der diskriminierende Praktiken wie Lese- und Schreibtests bei der Wählerregistrierung verbietet und die Bundesregierung ermächtigt, die Wählerregistrierung in den Südstaaten zu überwachen — eines der wirkungsmächtigsten Bürgerrechtsgesetze der amerikanischen Geschichte.

Watts-Unruhen erschüttern Los Angeles

Brennende Gebäude während der Watts-Unruhen in Los Angeles, 1965
Brennende Gebäude während der Watts-Unruhen in Los Angeles, 1965 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Eine routinemäßige Verkehrskontrolle eskaliert am Abend des 11. August im mehrheitlich schwarzen Stadtviertel Watts zum Handgemenge, als Polizisten den 21-jährigen Marquette Frye wegen mutmaßlicher Trunkenheit am Steuer festnehmen wollen. Aufgestauter Zorn über jahrelange Klagen wegen Polizeigewalt und Diskriminierung durch das Los Angeles Police Department entlädt sich in sechs Tagen Ausschreitungen, Plünderungen und Brandstiftungen, die weite Teile Süd-Los-Angeles' erfassen. Gouverneur Pat Brown lässt fast 14.000 Nationalgardisten aufmarschieren, um die Unruhen niederzuschlagen.

Die Bilanz ist verheerend: 34 Tote — die meisten schwarze Anwohner, ein Teil davon durch Polizei- oder Gardeeinsatz —, mehr als tausend Verletzte, rund 3.500 Festnahmen und Sachschäden von schätzungsweise 40 Millionen Dollar an etwa tausend beschädigten oder zerstörten Gebäuden. Es sind die schwersten Rassenunruhen der Bürgerrechtsära bis zu diesem Zeitpunkt; eine von Gouverneur Brown eingesetzte Untersuchungskommission benennt Arbeitslosigkeit, Wohnsegregation und Armut als tiefere Ursachen — an den Verhältnissen selbst ändert sich in den Folgejahren jedoch wenig.

Rhodesien erklärt einseitig die Unabhängigkeit

Ian Smith und der britische Premierminister Harold Wilson, 1965
Rhodesiens Premierminister Ian Smith und der britische Premierminister Harold Wilson, 1965 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Um 11 Uhr Ortszeit — während in London zeitgleich zum Volkstrauertag zwei Schweigeminuten für die Gefallenen der Weltkriege begangen werden — unterzeichnet Premierminister Ian Smith in Salisbury die einseitige Unabhängigkeitserklärung der britischen Kolonie Südrhodesien. Zehn weitere Minister seines von der weißen Minderheit dominierten Kabinetts, darunter Clifford Dupont, setzen ihre Unterschrift darunter. Man beruft sich auf die Verteidigung von „Zivilisation" und Ordnung gegen die von London geforderte Machtübergabe an die schwarze Mehrheit — zugleich bekundet die Erklärung, die mit „God Save the Queen" endet, demonstrativ die Treue zu Königin Elisabeth II., deren Porträt während der Zeremonie über den Unterzeichnern hängt.

Großbritannien und die Vereinten Nationen erklären den Schritt für null und nichtig; der UN-Sicherheitsrat verhängt erstmals in seiner Geschichte verbindliche Wirtschaftssanktionen gegen ein Land. Rhodesien gerät damit in eine anderthalb Jahrzehnte währende internationale Isolation, die erst mit dem Lancaster-House-Abkommen und der Unabhängigkeit Simbabwes unter schwarzer Mehrheitsregierung 1980 endet — die erste einseitige Loslösung einer britischen Kolonie seit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776.

Das Zweite Vatikanische Konzil geht zu Ende

Das Zweite Vatikanische Konzil in der Peterskirche
Bischöfe während einer Sitzung des Zweiten Vatikanischen Konzils in der Peterskirche (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Mehr als drei Jahre nach der Eröffnung durch Papst Johannes XXIII. am 11. Oktober 1962 schließt Papst Paul VI. am 8. Dezember feierlich das Zweite Vatikanische Konzil in der Peterskirche — die größte Kirchenversammlung der Geschichte, an der über vier Sitzungsperioden hinweg bis zu 2.850 Bischöfe aus aller Welt teilnehmen. Insgesamt 16 Dokumente werden verabschiedet, darunter die Erklärung „Nostra aetate", die Ende Oktober die kollektive Schuldzuweisung an das jüdische Volk für den Tod Jesu zurückweist, sowie Beschlüsse, die den Gottesdienst in den Landessprachen statt auf Latein erlauben und den Dialog mit anderen christlichen Kirchen und Religionen suchen.

Für die katholische Kirche bedeutet das Konzil eine grundlegende Öffnung gegenüber der modernen Welt. Unter den einflussreichsten Stimmen der Reformmehrheit steht der Kölner Kardinal Josef Frings, dem als junger theologischer Berater ein gewisser Joseph Ratzinger zur Seite steht — Jahrzehnte bevor dieser selbst als Papst Benedikt XVI. auf den Stuhl Petri berufen wird. In den Gemeinden auch des Ruhrgebiets werden die Reformen — deutschsprachige Messe, neu ausgerichtete Altäre — in den kommenden Jahren spürbar, wenn auch nicht über Nacht.

Die Ruhr-Universität Bochum nimmt den Lehrbetrieb auf

Das Audimax der Ruhr-Universität Bochum
Das Audimax der Ruhr-Universität Bochum, Aufnahme von 2005 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Drei Jahre nach der Grundsteinlegung nehmen am 30. Juni die Ingenieurwissenschaften als erste Fakultät der neuen Ruhr-Universität Bochum den Lehrbetrieb auf — noch mitten im Rohbau, denn die Bauteile werden im industriellen Gussverfahren direkt auf der Baustelle gefertigt. Die feierliche Eröffnung nimmt NRW-Ministerpräsident Franz Meyers vor; die Gebäude für Natur- und Geisteswissenschaften sowie Medizin sollen erst bis August 1969 fertig sein. Es ist die erste vollständige Neugründung einer deutschen Universität seit 1945 — und mitten im Ruhrgebiet gelegen, gilt sie vielen als Antwort der Bildungspolitik auf den beginnenden Wandel des Kohlereviers, dessen erste Risse sich in diesem Jahr auch in Castrop-Rauxel zeigen.

Aus heutiger Sicht

Das im Rohbau eröffnete Audimax-Ensemble auf dem Bochumer Berg prägt Jahrzehnte später, äußerlich weitgehend unverändert, noch immer das Bild des Campus — ein bauliches Provisorium von 1965, das zum dauerhaften Wahrzeichen der Universität wird.

Rolling-Stones-Konzert in der Berliner Waldbühne endet im Krawall

Die Waldbühne Berlin, heutige Aufnahme
Die Waldbühne Berlin — heutige Aufnahme des 1936 errichteten Freilichttheaters, nicht vom Konzertabend 1965 (Wikimedia Commons)

Ein Konzert der britischen Beat-Gruppe The Rolling Stones in der Berliner Waldbühne endet am 15. September im Tumult: Enttäuscht von der kurzen Spieldauer der Band, randalieren Teile des jungen Publikums, zertrümmern Bestuhlung und verwüsten den Bühnenbereich. Das Presseecho ist bundesweit groß und wird rasch zur generationskritischen Debatte — die Musikzeitschrift „Blickpunkt" widmet dem Abend im November unter dem Titel „Das Rolling Stones Konzert in der West-Berliner Waldbühne" einen ausführlichen Bericht. Für viele ältere Kommentatoren ist der Vorfall Beweis eines gefährlichen Sittenverfalls unter der Jugend, für andere nur der überschäumende Ausdruck einer neuen, lauteren Musikgeneration.

Aus heutiger Sicht

Die scharfe, staatstragend-kritische Reaktion der Presse auf den Krawall liest sich Jahrzehnte später wie ein früher Vorbote der Jugend- und Generationenkonflikte, die erst ab Ende der 1960er-Jahre mit der 68er-Bewegung breiter gesellschaftlich verhandelt werden.

Erster fahrplanmäßiger 200-km/h-Zug Deutschlands zwischen München und Augsburg

Elektrolokomotive der Baureihe 103
Lokomotive der Baureihe 103 — Nachfolgeserie des 1965 erstmals 200 km/h schnellen E03-Prototyps (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0 de)

Am 26. Juni erreicht auf der Strecke München–Augsburg erstmals in Deutschland ein fahrplanmäßiger, mit Reisenden besetzter Zug eine Geschwindigkeit von 200 Kilometern pro Stunde. Eingesetzt werden die neuen Prototyplokomotiven der Baureihe E 03, Vorläufer der späteren Baureihe 103, von denen die Deutsche Bundesbahn seit 1965 vier Vorserienmaschinen im Einsatz hat; E 03 002 war bereits am 11. Februar bei Henschel in Kassel feierlich an die Bundesbahn übergeben worden. Unter Ingenieuren ist noch offen, ob sich für die Serienfertigung der Antrieb von Henschel oder von SSW durchsetzen wird. Die Schnellfahrt findet internationale Beachtung als Beleg deutscher Bahntechnik im Wiederaufbau.

Castrop-Rauxel besiegelt Städtepartnerschaft mit dem finnischen Kuopio

Die Kathedrale von Kuopio, heutige Aufnahme
Die Kathedrale von Kuopio — heutige Aufnahme des historischen Wahrzeichens der finnischen Partnerstadt (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Castrop-Rauxel besiegelt 1965 eine Städtepartnerschaft mit der finnischen Stadt Kuopio — für die Stadt an der Emscher ein Fenster nach Skandinavien mitten im Jahr, in dem die Zechen des Reviers erste Schatten über die Zukunft der Region werfen. Unterzeichnet wird das Abkommen von Bürgermeister Wilhelm Kauermann für Castrop-Rauxel und Eero Häkkinen für Kuopio. Die Partnerschaft soll in den kommenden Jahrzehnten Schüleraustausch, Vereinsbesuche und kommunale Kontakte zwischen Ruhrgebiet und Ostfinnland tragen.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Der Bundestag debattiert im März wochenlang über die drohende Verjährung von NS-Morden zum 8. Mai 1965; am 23. März einigt man sich auf eine Fristverschiebung, die Verfahren bis Ende 1969 ermöglicht.
  • Im Weltraumwettlauf vollführt Edward White am 3. Juni während der Gemini-4-Mission den ersten amerikanischen Weltraumausstieg — 23 Minuten frei schwebend im All.
  • Im September eskaliert der Indisch-Pakistanische Krieg um Kaschmir zur offenen Schlacht; nach rund drei Wochen erzwingt der UN-Sicherheitsrat am 23. September einen Waffenstillstand.
  • Am 22. Mai gewinnt Borussia Dortmund im Finale in Hannover mit 2:0 gegen Alemannia Aachen den DFB-Pokal — der erste große Titel für den Verein aus der Nachbarstadt Dortmund.
  • Radio Bremen strahlt mit dem „Beat-Club" die erste deutsche Fernsehsendung für Beat- und Popmusik aus — Moderatorin Uschi Nerke wird zum Gesicht der neuen deutschen Popmusik-Fernsehkultur.
  • Beim Grand Prix Eurovision de la Chanson belegt der deutsche Beitrag 1965 den letzten Platz — zum Trost bleibt nur der Verweis auf die wechselhafte Publikumsgunst des noch jungen Wettbewerbs.

WIRTSCHAFT · 1965

Das Jahr gilt als Höhepunkt der bundesdeutschen Vollbeschäftigung: Nahezu überall herrscht Arbeitskräftemangel, Betriebe werben verstärkt ausländische Arbeitskräfte an, um offene Stellen zu besetzen. Im Ruhrgebiet zeichnet sich dazu ein gegenläufiges Bild ab — im November kündigt der Bund die bisherige Förder- und Absatzgarantie für die Ruhrkohle auf, ein früher, konkret datierbarer Vorbote des beginnenden Strukturwandels im Revier, mitten in der öffentlich gefeierten Konjunktur. Die Beschäftigung im Ruhrbergbau ist bereits rückläufig, wie der Vergleich mit den Vorjahren zeigt.

Der Preisspiegel:

  • Brot (1 kg) — ca. 0,89 DM
  • Butter (250 g) — ca. 1,89 DM
  • Milch (1 l) — ca. 0,44 DM
  • Bier (0,5 l) — ca. 0,60–0,70 DM
  • Benzin (1 l) — ca. 0,60 DM
  • Diesel (1 l) — ca. 0,45 DM
  • Eier (1 Stück) — ca. 0,20 DM

STIMMEN DER PRESSE · 1965

Zum Kinostart des Films „Das Haus in der Karpfengasse" nach dem Roman des israelischen Schriftstellers Ben-Gavriêl, der sich mit dem Schicksal jüdischer Menschen während der NS-Zeit auseinandersetzt, meldet sich die deutsche Kritik zu Wort. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel urteilt:

„Der Film nach dem gleichnamigen Roman des israelischen Schriftstellers Ben-Gavriêl ist eines der wenigen deutschen Nachkriegslichtspiele, die sich mit dem Schicksal jüdischer Menschen während der NS-Zeit auseinandersetzen. [...] Die harte Szenenfolge über die stets tragischen Geschicke der jüdischen Karpfengasse-Bewohner hat nur einen Schönheitsfehler: Die Film-Karpfengasse ist nicht die echte Prager Karpfengasse, sondern die Meiselgasse." — Der Spiegel, 24. März 1965

Die Filmfachzeitschrift film-dienst urteilt zurückhaltender:

„Die plastische Anschaulichkeit des Romans verfehlt der von Kurt Hoffmann in Prag gedrehte Film gleich zu Anfang. [...] Die deutsche Spielfilmproduktion hat in den letzten Jahren nichts Vergleichbares vorzuweisen, das ein so starkes inneres Verhältnis zu der gestellten Aufgabe erkennen ließe." — film-dienst, Nr. 10, 10. Oktober 1965

SPORT · 1965

Ein Jahr ohne Weltmeisterschaft und ohne Olympia — die WM steht 1966 in England an, die nächsten Spiele folgen 1968 in Grenoble und Mexiko-Stadt. Im Land regiert die erst 1963 gegründete, junge Bundesliga: In ihrer zweiten Saison 1964/65 krönt sie Werder Bremen unter Trainer Willi Multhaup zum deutschen Meister, mit 41:19 Punkten deutlich vor dem Vorjahresmeister 1. FC Köln und Borussia Dortmund. Multhaup, einer der ersten Bundesliga-Trainer mit einem Libero im System, lässt eine so stabile Abwehr auftreten, dass Werder in 30 Spielen nur 29 Gegentore hinnimmt — Torschützenkönig der Saison wird mit 24 Treffern Rudi Brunnenmeier vom TSV 1860 München. Weltweit sorgt der Boxsport für Schlagzeilen: Am 25. Mai streckt Cassius Clay (Muhammad Ali) im nur 2.434 Zuschauer fassenden Provinzstadion von Lewiston, Maine, seinen Herausforderer Sonny Liston bereits in der ersten Runde mit einem kaum sichtbaren „Phantom-Schlag" nieder; Ringrichter Jersey Joe Walcott, selbst ein früherer Weltmeister, verliert dabei zeitweise die Übersicht beim Auszählen. Die Umstände — verlegter Austragungsort, karge Zuschauerzahl, der rätselhafte Schlag — nähren jahrzehntelange Spekulationen über einen abgesprochenen Kampf.

MODE · 1965

Das Jahr markiert einen echten Bruch in der Damenmode: In London macht Mary Quant, die bereits seit 1955 ihre Boutique „Bazaar" in der Chelsea King's Road betreibt, den Minirock zur Uniform der „Swinging Sixties". In Paris zeigt André Courrèges im Januar seine geometrische, weiß dominierte „Space-Age"-Kollektion mit flachen Stiefeln aus ungewöhnlichen Materialien wie Vinyl und Metall — Fachpresse und „New York Times" feiern ihn als Erfinder eines ganz neuen, futuristischen Frauenbilds, allein von seinen Miniröcken sollen sich 1965 rund 200.000 verkaufen. Am 6. August präsentiert Yves Saint Laurent seine Herbst-Winter-Kollektion mit sechs schlichten, geometrisch in Primärfarben unterteilten Cocktailkleidern, die die Bilder Piet Mondrians zitieren und sofort als „Mondrian-Kleid" Berühmtheit erlangen; binnen kurzem bringen Massenhersteller weltweit preiswerte Kopien auf den Markt. Kurze Säume, klare Linien, kräftige Farben — die Jugend übernimmt die Mode. Auch in den Kaufhäusern des Ruhrgebiets hält der neue, kürzere Rock Einzug, sehr zum Missfallen mancher Elternhäuser.

KINO & FERNSEHEN · 1965

An den deutschen Kinokassen laufen 1965 gleich vier Karl-May-Filme, die das Publikum weiterhin in Scharen anziehen. Im Fernsehen sorgt der Francis-Durbridge-Straßenfeger „Die Schlüssel" für Gesprächsstoff in den Wohnstuben — an den Sendeabenden sind die Straßen wie leergefegt. Mit dem NDR geht 1965 der Norddeutsche Rundfunk als eigenständiges drittes Fernsehprogramm auf Sendung. Für einen Lacher am Rande sorgt derweil der Grand Prix Eurovision: Der deutsche Beitrag landet auf dem letzten Platz — Trost bleibt nur, dass auch andere große Nationen an diesem Abend nicht ihr bestes Jahr erwischen.

GESTORBEN · 1965

  • T. S. Eliot (76), Schriftsteller, Nobelpreisträger — 4. Januar, London.
  • Le Corbusier (77), Architekt — 27. August, Roquebrune-Cap-Martin, Frankreich.
  • Albert Schweitzer (90), Arzt, Theologe, Friedensnobelpreisträger — 4. September, Lambaréné, Gabun.
  • Hermann Staudinger (83), Chemiker, Nobelpreisträger für Makromolekulare Chemie — 8. September, Freiburg im Breisgau.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1965

  • „Beat-Club" feiert Premiere (25. September). Radio Bremen strahlt die erste deutsche Fernsehsendung für Beat- und Popmusik aus — Startschuss der deutschen Popmusik-Fernsehkultur.
  • UNICEF erhält den Friedensnobelpreis (25. Oktober). Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen wird für seinen weltweiten Einsatz für notleidende Kinder ausgezeichnet.
  • Nobelpreis für Medizin für Genregulation (14. Oktober). François Jacob, André Lwoff und Jacques Monod werden für ihre Entdeckungen zur genetischen Steuerung von Enzymen und Viren geehrt — ein Meilenstein der Molekularbiologie.
  • „Meine Lieder – meine Träume" feiert US-Premiere (2. März). Der Musicalfilm mit Julie Andrews startet in New York und wird binnen weniger Wochen zum Kinohit des Jahres — später mit fünf Oscars ausgezeichnet.

DAS WETTER · 1965 in Castrop-Rauxel

An diesem 13. Juli war es im Ruhrgebiet ein warmer Tag mit kräftigem Landregen: Höchstwert 25,7 °C, in der Nacht 14,8 °C, im Mittel 21,0 °C; ein kräftiger Landregen brachte 29,0 mm.

Das Jahr über: Im Mittel 8,9 °C. Wärmster Tag 27,9 °C am 5. August, kältester −7,8 °C am 4. März. 0 Hitzetage (≥ 30 °C), 9 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 1130 mm — ein sehr nasses Jahr.

(Messwerte der Station Essen, rund 30 km westlich von Castrop-Rauxel — nächstgelegene durchgehend messende Station im Ruhrgebiet; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1965

Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts (amtliche Charts ab 1959).

  1. Il Silenzio (Abschiedsmelodie) — Nini Rosso
  2. Don't Ha Ha — Casey Jones & The Governors
  3. Downtown — Petula Clark
  4. Cadillac — The Renegades
  5. Santo Domingo — Wanda Jackson
  6. Das war mein schönster Tanz — Bernd Spier
  7. Du bist nicht allein — Roy Black
  8. Wooly Bully — Sam the Sham & the Pharaohs
  9. Poupée de cire, poupée de son — France Gall
  10. The Last Time — The Rolling Stones
  11. Mr. Tambourine Man — The Byrds
  12. Frag den Abendwind — Françoise Hardy
  13. Help! — The Beatles
  14. Letkiss — Roberto Delgado
  15. I Feel Fine — The Beatles
  16. Melancholie — Peppino di Capri
  17. Heute male ich dein Bild, Cindy Lou — Drafi Deutscher
  18. Sag ihr, ich lass sie grüßen — Udo Jürgens
  19. (I Can't Get No) Satisfaction — The Rolling Stones
  20. Kenn ein Land — Ronny

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (chartsurfer.de / offizielle Charts).

Lokalteil Kiel / Schleswig-Holstein

Die Kieler Universität feiert ihr 300jähriges Bestehen

Festakt zum 300jährigen Bestehen der Christian-Albrechts-Universität in der Konzerthalle am Schloss
Erster Festakt in der Konzerthalle am Schloss, Ehrenbürgerschaft für Prof. Philip Sandblom (Lund), 1. Juni 1965 (Friedrich Magnussen / Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 de)

Die Christian-Albrechts-Universität, am 5. Oktober 1665 gegründet, begeht in diesem Jahr ihr 300jähriges Bestehen. Am Westring hängt schon im Mai Flaggenschmuck; am 17. Mai hat Prof. Dr. Wolfgang Bargmann das Rektoramt von Prof. Dr. Georg Hoffmann übernommen und führt die Alma mater damit durch das Jubiläumsjahr.

Der erste Festakt findet am 1. Juni in der Konzerthalle am Schloss statt. Rektor Bargmann verleiht Ehrenbürgerschaften der Universität, unter anderem an Prof. Dr. Philip Sandblom, Chirurg sowie Vizekanzler und Rektor der Universität Lund, der sich um die Beziehungen zwischen Lund und Kiel nach dem Zweiten Weltkrieg verdient gemacht hat. Ausgezeichnet werden außerdem die Goethe- und Schiller-Forscherin Prof. Dr. Melitta Gerhard von der Harvard-Universität und der Schriftsteller Max Tau, der zwischen Skandinavien und Deutschland vermittelt hat.

Am 2. Juni folgt der zweite Festakt: Die Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät verleiht dem Juristen Prof. Dr. Pierre Bouzat aus Rennes die Ehrendoktorwürde. Prof. Mookerjee von der Universität Neu-Delhi überreicht ein Gastgeschenk, und ein arabischer Student der Kieler Hochschule übergibt dem Rektor einen Pokal als Dank für die guten Beziehungen zu den arabischen Studenten. Am 3. Juni spricht Prof. Dr. Alexander Scharff im Hörsaal von Haus 26 auf dem Campus Westring über „Verfall und Wiederaufstieg der Christian-Albrechts-Universität im 18. Jahrhundert“.

Zum Jubiläum erscheint die mehrbändige „Geschichte der Christian-Albrechts-Universität Kiel 1665–1965“ in Neumünster; die ersten Bände liegen 1965 vor.

Kiel bekommt einen neuen Oberbürgermeister: Bantzer löst Müthling ab

Bürgermeister Titzck gratuliert dem neu gewählten Oberbürgermeister Bantzer, in der Mitte Müthling
Bürgermeister Rudolf Titzck gratuliert dem von der Ratsversammlung gewählten Günther Bantzer, in der Mitte Oberbürgermeister Hans Müthling, 19. August 1965 (Friedrich Magnussen / Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 de)

Am 19. August wählt die Ratsversammlung Günther Bantzer (SPD) zum neuen Oberbürgermeister der Landeshauptstadt. Bantzer ist bisher Oberkreisdirektor des Kreises Herford; sein Amt tritt er am 1. November an. Bürgermeister Rudolf Titzck gratuliert, in der Mitte steht der scheidende Amtsinhaber.

Hans Müthling (SPD) hat das Rathaus seit dem 20. Januar 1955 geführt, 1963 wurde er wiedergewählt, nun geht er im Oktober in den Ruhestand. In seine Amtszeit fallen die Eingemeindungen von Suchsdorf (1958), Schilksee (1959) und Mettenhof (1963); Scheerhafen und Nordhafen wurden erweitert. Verabschiedet wird er am 16. November im Ratssaal, im Beisein von Ministerpräsident Helmut Lemke und Bürgermeister Titzck.

Müthling bleibt der Politik erhalten: Bei der Bundestagswahl am 19. September gewinnt er den Kieler Wahlkreis direkt und folgt dort auf Fritz Baade. Zuvor hatte Kiel Wahlkampf erlebt. Am 11. August spricht Bundeskanzler Ludwig Erhard bei einer CDU-Kundgebung in der Ostseehalle, auf dem Podium sind Kreisvorsitzender Arthur Schwinkowski und Ministerpräsident Lemke; am 9. September redet SPD-Chef Willy Brandt auf dem Vinetaplatz vor tausenden Zuhörern. Am Wahltag gibt Müthling seine Stimme mit seiner Frau Brunhilde im Wahlbüro ab.

Aus heutiger Sicht

Bantzer blieb bis 1980 im Amt; in seine Amtszeit fielen die olympischen Segelwettbewerbe von 1972 in Schilksee.

Mettenhof: Grundstein für den neuen Stadtteil

Hammerschlag bei der Grundsteinlegung für Mettenhof
Hammerschlag von Oberbürgermeister Hans Müthling bei der Grundsteinlegung, 22. Juni 1965 (Friedrich Magnussen / Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 de)

Mitten in der 71. Kieler Woche (20. bis 27. Juni) legt Kiel am 22. Juni den Grundstein für den neuen Stadtteil Mettenhof. Oberbürgermeister Hans Müthling führt den Hammerschlag aus; unter den Gästen sind Ministerpräsident Helmut Lemke und Bürgermeister Rudolf Titzck.

Mettenhof gehört erst seit dem 1. Juni 1963 zu Kiel, als es von der Gemeinde Melsdorf eingemeindet wurde; damals zählte es 526 Einwohner. Das restliche Land des Meierhofs Mettenhof hatte 1960 die Wohnungsgesellschaft Neue Heimat gekauft. Müthling hatte sich um die Eingemeindung bemüht.

Gebaut wird zunächst im Süden, zwischen Hofholzallee, Kieler Weg und der Bahnlinie, rund um den Jütlandring. Für den nördlichen Ausbau sind Wohnungen für 19.000 Menschen geplant. Am 7. Oktober erhalten die Straßen des ersten Bauabschnitts ihre Namen; schon am 20. Mai waren Skandinaviendamm, Haken, Hasenholz und Johannisburger Straße benannt worden.

Aus heutiger Sicht

In den 1960er und 1970er Jahren entstanden in Mettenhof Hochhäuser, darunter der „Weiße Riese“ mit 25 Etagen. Im Norden wurde nicht alles gebaut, was vorgesehen war: Als sich der Wohnungsmarkt in den 1970er Jahren entspannte, blieb ein Teil der geplanten Wohnungen aus.

Letzte Bahn auf der Linie 3: Busse zwischen Eichhof und Hassee

Bushaltestelle an der Holstenbrücke am Tag der Umstellung der Linie 3
Bushaltestelle Holstenbrücke am Tag der Umstellung der Linie 3 von Straßenbahn- auf Omnibusbetrieb, 24. April 1965 (Friedrich Magnussen / Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 de)

Am 24. April fährt auf der Straßenbahnlinie 3 zwischen Hassee und Eichhof die letzte Bahn. Von nun an übernehmen Omnibusse die Strecke. An der Holstenbrücke steht an diesem Tag die neue Bushaltestelle der umgestellten Linie.

Noch im März war die Linie 3 in der Eckernförder Straße unterwegs. Die Umstellung betrifft vorerst nur diese Strecke zwischen Eichhof und Hassee, nicht das ganze Netz: Auf der Linie 2 zum Hasseldieksdamm rollt die Straßenbahn weiter, am 19. Juli ereignet sich in der Rathausstraße ein Unfall mit einer Bahn dieser Linie.

U 995 kehrt aus Norwegen heim: eine Mark für das Boot

Zwei Jahrzehnte nach Kriegsende geht ein deutsches U-Boot an die Bundesrepublik zurück. Norwegen gibt U 995, das seine Marine zuletzt als „Kaura“ führte, als Zeichen der Versöhnung für den symbolischen Betrag von einer Deutschen Mark ab. Am 14. Oktober nimmt der Schlepper „Fairplay II“ das Boot auf den Haken und tritt mit ihm den Marsch nach Kiel an.

Das Boot, ein Typ VII C/41, wurde 1943 bei Blohm & Voss in Hamburg gebaut und im September 1943 in Dienst gestellt; es fuhr neun Einsätze. Nach dem Krieg übernahm es die norwegische Marine. Ab dem 1. Dezember 1952 diente es als „Kaura“ (S 309) der K-Klasse der Ausbildung norwegischer U-Boot-Fahrer, Heimatstützpunkt war Narvik. In diesem Jahr wurde es in Norwegen endgültig ausgemustert. Mit der Übergabe ist die Bedingung verknüpft, das Boot in ein Museum umzuwandeln und zu unterhalten.

Aus heutiger Sicht

Den Unterhalt übernahm der Deutsche Marinebund. Das Marinearsenal Kiel richtete das Boot für die museale Nutzung her, und am 13. März 1972 setzten es zwei Schwimmkräne vor dem Marine-Ehrenmal in Laboe an den Strand. Die Aufstellungskosten von 900.000 Mark trug der Marinebund aus dem Besucherandrang in kurzer Zeit ab.

KURZ NOTIERT · Kiel 1965

  • 3. Januar — Zum Karnevalsauftakt empfängt Bürgermeister Rudolf Titzck im Rathaus Prinz Heinz IV. und Prinzessin Elke I.
  • 6. März — In der Wischhofstraße in Wellingdorf wird die St.-Andreas-Kirche eingeweiht.
  • 21. Mai — Richtfest für die Hütten im Jugendlager am Falckensteiner Strand.
  • 19. Juni — Zur Kieler Woche wird das Schleswig-Holsteinische Freilichtmuseum in Molfsee eröffnet. Bei der Feierstunde in der Bethdachscheune spricht Ministerpräsident Helmut Lemke; in der ersten Reihe sitzen Kultusminister Claus Joachim von Heydebreck und Oberbürgermeister Hans Müthling.
  • 30. Juni — In der Herzog-Friedrich-Straße brennt das frühere Hotel „Herzog Friedrich“, zuletzt Gaststätte „Paradiso“ (Nr. 57), vollständig aus.
  • 1. Juli — Richtfest der Kfz-Zulassungsstelle in der Saarbrückenstraße.
  • 15. Oktober — Auf dem Frachter „Transgermania“ gerät die Papierladung in Brand; die Feuerwehr löscht sie im Scheerhafen. Mit Papier kennt sie sich nun aus.
  • 20. Oktober — Die Stadtteilbücherei Elmschenhagen am Bebelplatz wird eröffnet.

RUND UM DIE FÖRDE · 1965

  • 9. Februar, Kronshagen — Am Heischberg montieren Arbeiter für den Sender Kiel einen neuen, 192 Meter hohen Sendemast; die Montage läuft schon seit dem vergangenen Sommer.
  • 11. November, Kieler Förde — Der norwegische Schlepper „Reidar“ hat in achttägiger Fahrt zwei 1500 Meter lange Kunststoffrohre von Porsgrunn nach Kiel gebracht. Sie sind für die Schmutzwasserleitung von Stein, Laboe, Möltenort, Heikendorf und Mönkeberg zum Klärwerk Bülk bestimmt.

SPORT AN DER FÖRDE · 1965

  • Holstein Kiel — Die „Störche“ werden Meister der Regionalliga Nord: 52 Punkte, zehn mehr als der FC St. Pauli (42), bei 94:41 Toren. Vor dem Spiel gegen Altona 93 überreicht am 25. April im Holsteinstadion NFV-Vorsitzender Ernst Hornborstel den Siegerkranz an Günter Tams. Trainer ist Helmuth Johannsen.
  • Holstein Kiel — In der Aufstiegsrunde zur Bundesliga wird Kiel in Gruppe 1 Dritter mit 6 Punkten und 12:9 Toren. Borussia Mönchengladbach steigt mit 8 Punkten auf, Reutlingen folgt mit 7, Worms wird mit 3 Punkten Letzter; in Gruppe 2 setzt sich Bayern München durch.
  • THW Kiel — Am 14. Februar gewinnen die Kieler das Endspiel um die Norddeutsche Meisterschaft in der Ostseehalle gegen den Hamburger SV mit 9:5.
  • Radsport — Beim Rennen „Rund um den Kleinen Kiel“ am Schlusstag der Kieler Woche, dem 27. Juni, siegt der Däne Kaj-J. Nielsen.
  • Holstein Kiel — Zum Auftakt der Regionalliga-Saison 1965/66 schlägt Holstein am 3. Oktober im Holsteinstadion den VfL Wolfsburg 6:1.

DAS WETTER · 1965 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein kühler, trüber Sommertag: Höchstwert 19,5 °C, in der Nacht 11,0 °C, im Mittel 16,0 °C; es fielen nur 0,5 mm Regen, die Sonne schien lediglich 1,8 Stunden.

Das Jahr über: Im Mittel 7,9 °C. Wärmster Tag 25,3 °C am 14. Juli, kältester Tiefstwert −8,9 °C am 22. November. 0 Hitzetage (≥ 30 °C), 1 Sommertag (≥ 25 °C), 10 Eistage (Dauerfrost), 76 Frosttage; Jahresniederschlag 950 mm, Sonnenscheindauer 1638 Stunden.

(Messwerte der DWD-Station Kiel-Kronshagen. Quelle: DWD Climate Data Center.)