DER CHRONIST
Ein Jahr, in dem das Wirtschaftswunder zum ersten Mal ins Stocken gerät, in Bonn eine ungewohnte Koalition der Großen entsteht und fernab davon, in Peking wie in London, Umbrüche beginnen, die weit über 1966 hinaus nachwirken. In Neu-Delhi übernimmt mit Indira Gandhi erst die zweite Frau weltweit die Führung einer Regierung, während in Accra ein Militärputsch den panafrikanischen Vorkämpfer Kwame Nkrumah aus dem Amt fegt. Im Ruhrgebiet sorgt Borussia Dortmund mit dem ersten internationalen Titel eines deutschen Fußballvereins für einen seltenen Lichtblick, während die Zechen mit der Kohlekrise ringen und England sich im Wembley-Finale zum Fußballweltmeister krönt. Am Ende des Jahres erschüttert das Grubenunglück von Aberfan Großbritannien, während in den USA mit „Star Trek" eine neue Serie ihre stille Premiere feiert, deren Strahlkraft damals noch niemand ahnt.
Erste Nachkriegsrezession erreicht Kohle und Stahl — auch Castrop-Rauxel spürt die Krise

Nach dem langen Boom des Wirtschaftswunders macht sich 1966 erstmals eine spürbare Konjunkturschwäche bemerkbar. Mitverantwortlich ist eine bewusst restriktive Geldpolitik: Die Deutsche Bundesbank unter ihrem Präsidenten Karl Blessing hatte den Diskontsatz bereits im Dezember 1965 auf 4,5 Prozent angehoben, um eine hartnäckige Teuerung zu bremsen — im April 1966 steigt der Lebenshaltungskostenindex binnen Jahresfrist um 4,5 Prozent, der stärkste Anstieg seit dem Korea-Boom der frühen Fünfzigerjahre. Die folgende Kreditverknappung trifft die Investitionstätigkeit der Industrie hart, Aufträge brechen ein, Lohnkürzungen und Entlassungen folgen: Im kommenden Jahr wird die Bundesrepublik erstmals ein negatives Wirtschaftswachstum verzeichnen, die Arbeitslosenquote steigt von 0,7 auf 2,2 Prozent.
Am härtesten trifft es zwei Branchen, die auf dem Weltmarkt zunehmend das Nachsehen haben: die Stahlindustrie und den Steinkohlebergbau im Ruhrgebiet, wo die Belegschaft der Zechen seit 1957 bereits von rund 397.000 auf gut 200.000 Beschäftigte geschrumpft ist. Die schon 1960 eingeführte Heizölsteuer, mit der Bonn die heimische Kohle gegen das billige Erdöl der internationalen Konzerne schützen wollte, kann den Niedergang nur verlangsamen: Auf den Halden der Zechen türmen sich Rekordmengen unverkaufter Kohle, und im September 1966 muss mit der Zeche Graf Bismarck in Gelsenkirchen eine der modernsten Anlagen Europas mit rund 7.000 Beschäftigten schließen — ein Menetekel für das gesamte Revier, das auch Castrop-Rauxel unmittelbar zu spüren bekommt. Auf der örtlichen Zeche Erin, tief unter der Stadt, reagiert man 1966 mit verstärkter Rationalisierung und einer zunehmenden Automatisierung der Strebbetriebe; im Jahr darauf geht das Bergwerk an den Eschweiler Bergwerks-Verein (EBV) über, der zu dieser Zeit mehrere Zechen im Castroper und Herner Revier übernimmt. Auch die benachbarten Castroper Zechen Victor und Ickern, unter dem Dach der Klöckner-Bergbau Victor-Ickern AG zusammengefasst, kämpfen mit sinkendem Absatz; ihre Förderung werden sie erst 1973 endgültig einstellen. Die goldenen Jahre, in denen der Bergbau der erst 1926 aus Castrop, Rauxel und zahlreichen Umlandgemeinden gebildeten jungen Stadt Wachstum und Zuzug bescherte, liegen erkennbar zurück — und das Krisenjahr 1966 macht deutlich, dass sich die Zechenstadt neu erfinden muss.
Erhard tritt zurück, Kiesinger wird Bundeskanzler der ersten Großen Koalition

Auslöser des Bruchs ist ein Haushaltsloch von rund sieben Milliarden Mark im Etatentwurf für 1967: Während CDU/CSU zur Deckung Steuererhöhungen und Kürzungen bei der Sparprämien- und Wohnungsbauförderung durchsetzen wollen, beharrt die FDP auf Ausgabenkürzungen etwa bei Verteidigung und Entwicklungshilfe. Am 27. Oktober treten die vier FDP-Bundesminister Erich Mende (Vizekanzler), Walter Scheel, Rolf Dahlgrün und Ewald Bucher zurück; die Koalition aus CDU/CSU und FDP ist damit zerbrochen, Erhard führt zunächst ein kurzlebiges Minderheitskabinett aus CDU/CSU allein weiter. Als auch der Bundesrat einen Kompromissvorschlag zur Haushaltssanierung ablehnt, ist Erhards Autoritätsverlust in der eigenen Partei unübersehbar; am 30. November reicht Ludwig Erhard seinen Rücktritt als Bundeskanzler ein. Am 1. Dezember wählt der Bundestag mit 340 gegen 109 Stimmen bei 23 Enthaltungen den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Kurt Georg Kiesinger (CDU) zum dritten Bundeskanzler der Bundesrepublik — an der Spitze der ersten Großen Koalition aus CDU/CSU und SPD. Vizekanzler und Außenminister wird der bisherige Berliner Regierende Bürgermeister Willy Brandt; erstmals seit Gründung der Bundesrepublik übernehmen die Sozialdemokraten damit Regierungsverantwortung in Bonn. Von den achtzehn Kabinettsposten entfallen zehn auf die Union und neun auf die SPD (zusammen mit dem Kanzleramt achtzehn Ressorts). Zum wirtschaftspolitischen Tandem der neuen Regierung werden Finanzminister Franz Josef Strauß (CSU) und Wirtschaftsminister Karl Schiller (SPD), von der Presse wegen ihrer demonstrativen Einigkeit bald „Plisch und Plum" genannt — nach einer Bildergeschichte Wilhelm Buschs. Mit Instrumenten wie der „Konzertierten Aktion", in der Regierung, Arbeitgeber und Gewerkschaften ihr Vorgehen gegen die Rezession abstimmen sollen, und einer mittelfristigen Finanzplanung will das neue Kabinett die Krise in Kohle, Stahl und öffentlichen Haushalten in den Griff bekommen — Grundlage ist das im Jahr darauf verabschiedete Stabilitäts- und Wachstumsgesetz.
Aus heutiger Sicht
Kiesinger war von 1933 bis 1945 NSDAP-Mitglied und leitete in der Rundfunkpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amts an nationalsozialistischer Propaganda mit. Aus Protest gegen seine Wahl veröffentlicht der Schriftsteller Günter Grass 1966 einen offenen Brief in der FAZ — die Kanzlerschaft eines ehemaligen NSDAP-Mitglieds bleibt bis heute umstritten.
Mao ruft die Kulturrevolution aus

Mit einem parteiinternen Rundschreiben des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas beginnt am 16. Mai offiziell die Große Proletarische Kulturrevolution. Mao Tse-tung, der nach dem Desaster des „Großen Sprungs nach vorn" innerparteilich an Einfluss verloren hatte, nutzt die Kampagne, um sich gegen Rivalen in der Parteiführung durchzusetzen. Am 8. August verabschiedet das 11. Plenum des Zentralkomitees den sogenannten „16-Punkte-Beschluss", der zum Kampf gegen „bürgerliche" Kräfte in Kulturbetrieb, Bildung, Medien und Hochschulen aufruft. Zehn Tage später, am 18. August, lässt sich Mao auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking vor Hunderttausenden jugendlicher Roter Garden feiern und legt selbst eine rote Armbinde an — der Auftakt zum „Roten August", in dem die Garden im ganzen Land gegen Parteikader, Lehrer, Intellektuelle und die „vier Alten" (alte Ideen, Kultur, Gewohnheiten und Bräuche) mobil gemacht werden. Tempel, Bücher und Kunstwerke werden zerstört, Schulen und Universitäten geschlossen, Zehntausende gedemütigt oder getötet. Als „Kapitalisten auf dem Weg der Partei" geraten auch hochrangige Funktionäre wie Staatspräsident Liu Shaoqi und Generalsekretär Deng Xiaoping in die Schusslinie und werden in den Folgejahren aus allen Ämtern verdrängt. Was als Kampagne von wenigen Monaten gedacht war, wird sich über ein Jahrzehnt hinziehen und erst mit Maos Tod 1976 offiziell enden — mit verheerenden Folgen für Millionen Menschen in China.
Aus heutiger Sicht
Historiker beziffern die Zahl der Todesopfer der bis 1976 dauernden Kulturrevolution heute auf geschätzt bis zu mehrere Millionen Menschen — die westliche Berichterstattung des Jahres 1966 unterschätzt Ausmaß und Gewalt der Kampagne zunächst deutlich.
England gewinnt im eigenen Land die Fußball-Weltmeisterschaft

Im Finale im Londoner Wembley-Stadion setzt sich England vor 96.924 Zuschauern gegen Westdeutschland mit 4:2 nach Verlängerung durch. Trainer Alf Ramsey hatte seine „Wingless Wonders" ohne klassische Flügelstürmer aufgeboten. Die Bundeself um Kapitän Uwe Seeler geht durch Helmut Haller in der 12. Minute in Führung, Geoff Hurst gleicht in der 18. Minute aus; Martin Peters schießt England in der 78. Minute zum vermeintlichen Siegtor, doch Wolfgang Weber rettet Deutschland mit dem Ausgleich in letzter Minute (89.) in die Verlängerung. Dort gelingt Hurst mit drei Toren der bis dahin einzige Hattrick in einem WM-Finale — sein zweites Tor in der 101. Minute, nach einem Lattenabpraller, geht als hoch umstrittenes „Wembley-Tor" in die deutsche Fußballsprache ein, ehe er in der 120. Minute mit dem 4:2 den Sieg besiegelt, während Zuschauer bereits das Spielfeld stürmen — der BBC-Kommentator Kenneth Wolstenholme prägt dazu den bis heute berühmten Satz „They think it's all over — it is now". Es ist der bislang einzige WM-Titel der englischen Nationalmannschaft, gefeiert vor 32,3 Millionen britischen Fernsehzuschauern — Rekord bis heute.
Aus heutiger Sicht
Eine Computerstudie der Universität Oxford kommt in den 1990er-Jahren zu dem Ergebnis, dass der Ball beim „Wembley-Tor" die Torlinie um rund 6 Zentimeter nicht vollständig überquert habe — nach heutigem Stand der Torlinientechnik wäre das „Tor des Jahrhunderts" wohl nicht gegeben worden.
Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen: SPD erstmals stärkste Kraft — im Dezember stürzt Heinz Kühn die Regierung Meyers

Bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am 10. Juli wird die SPD erstmals seit Gründung des Landes stärkste Kraft: Sie kommt auf 49,5 Prozent und 99 Sitze, die bislang regierende CDU fällt auf 42,8 Prozent und 86 Sitze zurück, die FDP erreicht 7,4 Prozent und 15 Sitze; die Wahlbeteiligung liegt bei 76,5 Prozent. Im Wahlkampf steht vor allem die Zechenkrise im Mittelpunkt — Zechenschließungen wie die der Gelsenkirchener Grube Graf Bismarck und der Kohlenotstand im Ruhrgebiet, auch in Castrop-Rauxel unmittelbar zu spüren, treiben den Sozialdemokraten Zulauf zu. Trotz der Verluste kommen CDU und FDP zusammen zunächst noch auf eine hauchdünne Mehrheit von 101 der 200 Sitze, und Ministerpräsident Franz Meyers (CDU) führt sein Kabinett zunächst fort.
Die knappe Mehrheit hält jedoch nicht: Im Streit um die schwierige Haushaltslage zerbricht das Bündnis, und am 8. Dezember wählt der Düsseldorfer Landtag per konstruktivem Misstrauensvotum mit 112 gegen 85 Stimmen den SPD-Landesvorsitzenden Heinz Kühn zum neuen Ministerpräsidenten. Kühn bildet eine Koalition aus SPD und FDP und beendet damit die Regierungszeit der CDU im bevölkerungsreichsten Bundesland seit dessen Gründung 1946 — ein Machtwechsel in Düsseldorf nur eine Woche, bevor in Bonn mit Kiesinger eine Große Koalition aus CDU/CSU und SPD antritt.
Die NPD war erst am 28. November 1964 als Sammelbecken des „nationalen Lagers" gegründet worden, maßgeblich aus Mitgliedern der aufgelösten Deutschen Reichspartei (DRP); Bundesvorsitzender ist 1966 noch Friedrich Thielen. Bei den Landtagswahlen in Hessen (6. November) und Bayern (20. November) gelingt der rechtsradikalen Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) erstmals der Sprung in ein westdeutsches Landesparlament: In Hessen erreicht sie 7,9 Prozent und zieht mit acht Abgeordneten in den Wiesbadener Landtag ein, in Bayern 7,4 Prozent und 15 Sitze — im fränkischen Wahlkreis Mittelfranken erzielt sie sogar 12,2 Prozent. Begünstigt wird der Erfolg durch die Wirtschaftskrise und den Eindruck, die CDU rücke in der Großen Koalition zur Mitte, wodurch die NPD unzufriedene Wähler vom rechten Rand gewinnt. Bis 1968 wird die Partei — dann unter ihrem neuen Vorsitzenden Adolf von Thadden — in sieben Landesparlamente einziehen, ehe sie bei der Bundestagswahl 1969 knapp an der Fünf-Prozent-Hürde scheitert — ein Alarmsignal, das in Bonn und den Landeshauptstädten gleichermaßen aufhorchen lässt.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Hamburg, 27. März — SPD 59,0 %, CDU 30,0 %. Die Sozialdemokraten erringen die absolute Mehrheit und regieren unter Erstem Bürgermeister Herbert Weichmann erstmals seit zwei Wahlperioden wieder ohne Koalitionspartner.
- Hessen, 6. November — SPD 51,0 %, CDU 26,4 %. Ministerpräsident Georg August Zinn bleibt im Amt, jetzt an der Spitze einer SPD-Alleinregierung.
- Bayern, 20. November — CSU 48,1 %, SPD 35,8 %. Ministerpräsident Alfons Goppel bleibt mit einer CSU-Alleinregierung im Amt.
Indira Gandhi wird Premierministerin Indiens

Nach dem überraschenden Tod von Premierminister Lal Bahadur Shastri, der in der Nacht zum 11. Januar in Taschkent kurz nach Unterzeichnung der sowjetisch vermittelten „Taschkent-Erklärung" zur Beendigung des Indisch-Pakistanischen Krieges von 1965 einem Herzanfall erlegen war, übernimmt zunächst Innenminister Gulzarilal Nanda kommissarisch die Regierungsgeschäfte. Am 19. Januar wählt die Kongresspartei-Fraktion ihre neue Vorsitzende: Indira Gandhi, Tochter des ersten indischen Premierministers Jawaharlal Nehru, setzt sich gegen den konservativen Rivalen Morarji Desai durch. Am 24. Januar wird sie als dritte Premierministerin Indiens vereidigt.
Die Kongressführung, angeführt vom einflussreichen Parteichef Kamaraj, hatte auf die international bekannte, aber innenpolitisch noch wenig erprobte Nehru-Tochter gesetzt, in der Erwartung, sie leicht lenken zu können — ein Irrtum, wie sich in den folgenden Jahren zeigen sollte, in denen Gandhi die Partei und das Land mit eigener Handschrift prägt. Sie ist nach Sirimavo Bandaranaike in Ceylon erst die zweite Frau weltweit an der Spitze einer Regierung und bleibt, mit einer Unterbrechung, bis zu ihrer Ermordung 1984 eine der prägendsten Figuren der indischen Politik.
Militärputsch stürzt Ghanas Präsidenten Kwame Nkrumah

Während sich Kwame Nkrumah, seit der Unabhängigkeit 1957 erster Präsident Ghanas und einflussreiche Symbolfigur des panafrikanischen Aufbruchs, auf einer Vermittlungsreise nach Hanoi in Peking aufhält, übernehmen in der Hauptstadt Accra Militär und Polizei unter dem Decknamen „Operation Cold Chop" kampflos die Macht. Anführer des Putsches sind Oberst Emmanuel Kwasi Kotoka und Generalmajor Akwasi Afrifa; als Vorsitzender des neu gebildeten achtköpfigen National Liberation Council wird General Joseph Arthur Ankrah Staatsoberhaupt. Die Putschisten lösen Nkrumahs Einheitspartei Convention People's Party (CPP) und das Parlament auf und setzen die Verfassung außer Kraft.
Anders als von Nkrumah erwartet, wird der Umsturz in weiten Teilen der Bevölkerung mit spürbarer Erleichterung aufgenommen — Jahre wirtschaftlicher Misswirtschaft, aufwendiger Prestigebauten und zunehmend autoritärer Herrschaft hatten seinen Rückhalt untergraben; auf den Straßen Accras wird noch am selben Tag eine Nkrumah-Statue vor dem Parlamentsgebäude gestürzt. Nkrumah selbst kehrt nicht mehr nach Ghana zurück und geht ins Exil nach Guinea, wo ihn Staatschef Ahmed Sékou Touré als Ko-Präsidenten aufnimmt. Der Sturz einer der prominentesten Führungsfiguren der afrikanischen Dekolonisierung sendet ein Signal an zahlreiche weitere junge Staaten des Kontinents, in denen in den folgenden Jahren ebenfalls Militärs die Macht an sich reißen.
Aus heutiger Sicht
Freigegebene US-Dokumente von NSC und CIA belegen, dass Washington bereits seit 1964 auf einen Sturz Nkrumahs hinwirkte; auch das britische Foreign Office führte eine verdeckte Propagandakampagne gegen ihn — der 1966 als afrikanischer Militärputsch gemeldete Umsturz war Teil einer koordinierten westlichen Einflussnahme.
Borussia Dortmund gewinnt als erster deutscher Verein einen Europapokal

Im Finale des Europapokals der Pokalsieger 1965/66 trifft Borussia Dortmund im schottischen Hampden Park von Glasgow auf den englischen Rekordmeister FC Liverpool. Vor rund 41.000 Zuschauern bringt Sigi Held die Borussia früh in Führung, ehe Roger Hunt für Liverpool ausgleicht; erst in der Verlängerung fällt die Entscheidung, als Reinhard „Stan" Libuda aus rund 40 Metern Distanz abzieht und der Ball vom Innenpfosten ins Tor springt — Endstand 2:1 für die Schwarz-Gelben. Es ist der erste internationale Vereinstitel eines deutschen Fußballklubs überhaupt. Torjäger Lothar Emmerich krönt sich mit 14 Treffern in diesem Wettbewerb zum bis dahin erfolgreichsten Torschützen einer Europapokal-Saison.
Der Erfolg elektrisiert das gesamte Ruhrgebiet, auch im nahen Castrop-Rauxel wird der Titel als Zeichen von Stolz und Zusammenhalt gefeiert, während die Zechen der Region mit der Kohlekrise ringen. Kräftezehrend ist der Weg zum Titel jedoch auch für den BVB selbst: Der englische Sportjournalismus goutiert die deutsche Meisterschaftshoffnung der Dortmunder nur wenig später mit Spott, denn im Kampf um die Bundesliga-Meisterschaft geht der Borussia auf der Zielgeraden die Kraft aus — der Titel in der eigenen Liga bleibt in diesem Jahr aus.
„Star Trek" feiert Fernsehpremiere in den USA

Auf dem amerikanischen Sender NBC läuft mit der Folge „The Man Trap" die erste ausgestrahlte Episode der Science-Fiction-Serie „Star Trek" (im deutschen Sprachraum später als „Raumschiff Enterprise" bekannt). Geschaffen wurde die Serie von Gene Roddenberry, der bereits 1964 einen ersten Pilotfilm namens „The Cage" gedreht hatte, den NBC den Sendern jedoch als zu bedächtig verwarf; für die Ausstrahlung wählt der Sender bewusst eine actionreichere, monsterlastige Episode als Einstieg. Im Mittelpunkt steht die Besatzung des Raumschiffs USS Enterprise unter Captain James T. Kirk, gespielt von William Shatner, an seiner Seite der halb-vulkanische Wissenschaftsoffizier Mister Spock (Leonard Nimoy).
Die Einschaltquoten bleiben zunächst mäßig, und NBC setzt die Serie bereits nach der zweiten Staffel auf die Kippe — nur eine Briefkampagne begeisterter Zuschauer rettet vorerst eine dritte, letzte Staffel, ehe 1969 endgültig Schluss ist. Erst in der Wiederholungsschleife der Siebzigerjahre und mit dem Beginn einer bis heute andauernden Filmreihe wächst „Star Trek" zum weltweiten Kult- und Franchise-Phänomen heran, das mit seiner multiethnischen Besatzung und seinem Zukunftsoptimismus auch gesellschaftlich Maßstäbe setzt.
Grubenunglück von Aberfan erschüttert Wales

Im südwalisischen Bergarbeiterdorf Aberfan rutscht am Morgen des 21. Oktober eine gewaltige, auf einer Hangquelle aufgeschüttete Abraumhalde der örtlichen Zeche ins Tal: Rund 150.000 Tonnen durchnässter Kohlerückstände donnern als meterhohe Schlammlawine den Berg hinab und begraben binnen weniger Minuten unter anderem die Pantglas Junior School, in der gerade der Unterricht begonnen hatte — es ist zugleich der letzte Schultag vor den Herbstferien. 144 Menschen sterben, darunter 116 Kinder im Alter von meist sieben bis zehn Jahren sowie fünf Lehrkräfte.
Ein späterer Untersuchungsausschuss stellt der staatlichen National Coal Board schwere Fahrlässigkeit in Rechnung: Wiederholte Warnungen vor der Instabilität der über einer Quelle errichteten Halde waren ignoriert worden. Das Unglück von Aberfan erschüttert Großbritannien zutiefst, verändert die Sicherheitsvorschriften für Abraumhalden im gesamten britischen Bergbau grundlegend und bleibt bis heute eines der folgenreichsten Bergbauunglücke der Nachkriegsgeschichte in Westeuropa.
Nelly Sachs erhält den Literaturnobelpreis

Am 20. Oktober gibt die Schwedische Akademie bekannt, dass die in Berlin geborene Dichterin Nelly Sachs den Literaturnobelpreis erhält — geteilt mit dem israelischen Schriftsteller Samuel Josef Agnon. Die Begründung würdigt „ihre hervorragenden lyrischen und dramatischen Werke, die das Schicksal Israels mit ergreifender Deutlichkeit interpretieren". Am 10. Dezember, zugleich ihrem 75. Geburtstag, nimmt Sachs die Auszeichnung bei der Zeremonie in Stockholm entgegen: in einem blauen Kleid, mit einer auf Deutsch gehaltenen Dankesrede und der Lesung ihres Gedichts „In der Flucht".
Sachs war 1940, kurz vor der drohenden Deportation, mit ihrer Mutter aus Berlin nach Schweden geflohen und hatte seither in Stockholm gelebt. Sie ist die erste deutsche Literaturnobelpreisträgerin seit Hermann Hesse 1946 — und die erste Frau aus Deutschland überhaupt, die mit diesem Preis geehrt wird.
Neues Schauspielhaus Wuppertal eröffnet — Böll spricht über „Die Freiheit der Kunst"

Am 24. und 25. September eröffnet Wuppertal sein neues Schauspielhaus — mit Lessings „Nathan der Weise" und Else Lasker-Schülers „Die Wupper" auf dem Spielplan. Zur Eröffnungsfeier am 24. September hält der Kölner Schriftsteller Heinrich Böll in Anwesenheit von Bundespräsident Heinrich Lübke die Festrede „Die Freiheit der Kunst".
Das bergische Wuppertal, am Rande des Ruhrgebiets gelegen, erhält mit dem Neubau eine moderne Bühne für Schauspiel, die künftig auch für Tanz und Ballett offenstehen soll.
Erster Bundeswettbewerb „Jugend forscht" ruft junge Forscher auf den Plan

Im April tritt in Hamburg das Finale eines neuen Wettbewerbs an: 244 Jugendliche aus allen elf Bundesländern haben sich für den ersten Bundeswettbewerb „Jugend forscht" qualifiziert. Die Jury kürt einen Bundessieger für die Entwicklung eines elektronischen Rechners, daneben werden eine Siegerin sowie die beste Gruppenarbeit ausgezeichnet.
Aus einem bescheidenen Neustart wird binnen weniger Jahre Deutschlands größter Nachwuchswettbewerb für Naturwissenschaft und Technik.
Kernkraftwerk Gundremmingen geht ans Netz

Im August synchronisiert Block A des Kernkraftwerks Gundremmingen an der Donau erstmals sein Netz — der Siedewasserreaktor mit 250 Megawatt Leistung ist damit das erste kommerzielle Kernkraftwerk der Bundesrepublik und zugleich, weltweit betrachtet, das leistungsstärkste Kraftwerk seiner Bauart. Nach vierjähriger Bauzeit ist die Anlage als Demonstrationskraftwerk für die zivile Nutzung der Kernenergie konzipiert — ein Prestigeprojekt, das der jungen Atomwirtschaft der Bundesrepublik zum Durchbruch verhelfen soll.
Aus heutiger Sicht
Block A wird nach einem schweren Störfall im Januar 1977 — Kurzschluss und Kühlwassereinbruch ins Reaktorgebäude mit radioaktivem Dampfaustritt — dauerhaft abgeschaltet und 1980 endgültig stillgelegt; die Anlage geht mit den später hinzugekommenen Blöcken B und C erst mit dem deutschen Atomausstieg 2021 vollständig vom Netz.
Erste „Goldene Kamera" wird verliehen

Im Hamburger Hotel Vier Jahreszeiten verleiht die Programmzeitschrift Hörzu (Axel Springer Verlag) am 25. Januar zum ersten Mal die „Goldene Kamera". Vor rund 100 geladenen Gästen, ohne Fernsehübertragung, gehen die ersten elf Preise unter anderem an Caterina Valente, an Wissenschaftsjournalist Prof. Heinz Haber für „Unser blauer Planet", an Georg Stefan Troller für sein „Pariser Journal" und an NDR-Fernsehspielchef Egon Monk.
Aus der bescheidenen Preisverleihung im kleinen Kreis wird in den folgenden Jahrzehnten einer der bekanntesten deutschen Fernsehpreise.
AM RANDE NOTIERT
- Am 3. Februar landet die sowjetische Sonde Luna 9 als erstes Fluggerät der Geschichte weich auf dem Mond und funkt die ersten Fotos von der Mondoberfläche zur Erde — der Auftakt einer neuen Ära der Raumfahrt.
- Am 7. März kündigt Frankreichs Staatspräsident Charles de Gaulle den Austritt aus der militärischen Kommandostruktur der NATO an; das Bündnis muss sein Hauptquartier von Paris nach Brüssel verlegen.
- Am 19. Februar ziehen Bergleute mit schwarzen Fahnen durch Gelsenkirchen und protestieren mit der Losung „Gelsenkirchen darf kein Armenhaus werden" gegen die bevorstehende Schließung der Zeche Graf Bismarck.
- Beim Deutschland-Gastspiel der Beatles am 25. Juni in der Essener Grugahalle geht die Polizei mit Tränengas und Hunden gegen drängende Fans vor.
- Der „Mannheimer Morgen" schickt Reporter und Fotograf auf den Marktplatz, um Passanten zum Minirock zu befragen: Während ältere Bürger empört den Kopf schütteln, zeigen sich junge Frauen begeistert von der neuen Kürze.
WIRTSCHAFT · 1966
Nach fast zwei Jahrzehnten ununterbrochenen Wachstums verzeichnet die Bundesrepublik 1966 die erste Rezession ihrer Geschichte: Das Bruttosozialprodukt sinkt um 0,2 Prozent, die Arbeitslosenquote steigt von 0,7 auf 2,2 Prozent — ein nach fast zwei Jahrzehnten Vollbeschäftigung dramatisch empfundener Einbruch. Besonders hart trifft es den Ruhrbergbau: Die Belegschaft der Zechen sinkt bis 1966 auf gut 200.000 (1957 waren es noch 397.000), die „zweite Kohlekrise" trifft vor allem den Norden des Reviers und Gelsenkirchen, wo am 30. September mit der Zeche Graf Bismarck eine der modernsten Anlagen Europas mit rund 7.000 Beschäftigten schließt. Für das Jahr 1966 sind folgende Verbraucherpreise verzeichnet:
Der Preisspiegel:
- Brot (1 kg) — 1,15 DM
- Butter (1 kg) — 7,81 DM
- Milch (1 l) — 0,34 DM
- Bier (0,5 l) — 0,63 DM
- Benzin, Normal (1 l) — 0,54 DM
- Eier (1 Stück) — 0,23 DM
- Zucker (1 kg) — 1,25 DM
- Rindfleisch (1 kg) — 9,85 DM
SPORT · 1966
Der sportliche Höhepunkt des Jahres ist bereits ausführlich vermeldet: Englands WM-Sieg im eigenen Land, das umstrittene „Wembley-Tor" und der Hattrick von Geoff Hurst. Für die deutsche Nationalmannschaft bleibt trotz der knappen Finalniederlage ein respektabler Vizeweltmeistertitel — ein kleiner Trost in einem Jahr, das dem Land wirtschaftlich schwer zusetzt.
Auch abseits der WM war 1966 ein bewegtes Fußballjahr: Deutscher Meister der erst dritten Bundesliga-Saison wird TSV 1860 München, das sich am vorletzten Spieltag mit einem 2:0-Sieg ausgerechnet in Dortmund die Tabellenführung zurückholt — Borussia Dortmund, das bis zum 23. Spieltag selbst an der Spitze gestanden hatte, verliert nach dem Kräfte zehrenden Europapokalsieg von Glasgow seine letzten drei Ligapartien und verpasst die Meisterschaft. Für Furore sorgt im September zudem ein Boxkampf: Am 10. September verteidigt Weltmeister Muhammad Ali seinen Schwergewichtstitel gegen den Frankfurter Linksausleger Karl Mildenberger im Frankfurter Waldstadion vor rund 40.000 Zuschauern durch technischen K.o. in der zwölften Runde — der erste Schwergewichts-Weltmeisterschaftskampf, der jemals in Deutschland ausgetragen wird.
MODE · 1966
Die Mode radikalisiert sich 1966 weiter: In seiner Herbst-Winter-Kollektion zeigt Yves Saint Laurent mit „Le Smoking" den ersten Hosenanzug für Damen im klassischen Herrenschnitt — Taille und Jackett femininer geschnitten als das männliche Vorbild, aber unverkennbar aus der Kleidersprache des Herrensmokings entlehnt. Ein Tabubruch, der Frauen einen maskulin-eleganten Stil eröffnet und bis heute als Meilenstein der Modegeschichte gilt. Zugleich wird die gerade einmal 16-jährige, schmale Londonerin Lesley Hornby — genannt Twiggy — über Nacht zur weltweiten Mode-Ikone der „Swinging Sixties": Fotos ihres neuen Kurzhaarschnitts hängen im Londoner Salon „Leonard of Mayfair", eine Journalistin des „Daily Express" wird darauf aufmerksam, und das Blatt kürt die junge Frau kurz darauf zum „Face of 1966". Der Franzose Paco Rabanne wiederum sprengt mit futuristischen Kleidern aus vernieteten Metallplättchen und Kunststoffscheiben die Grenzen des Materials selbst. Auch in den Kaufhäusern und Boutiquen des Ruhrgebiets hält der neue, unkonventionelle Look zögerlich Einzug.
KINO & FERNSEHEN · 1966
An den deutschen Kinokassen dominiert 1966 der große Monumentalfilm: Voran liegt „Doktor Schiwago" von David Lean mit rund 13,5 Millionen Besuchern, weit vor „Angélique und der König" (4,07 Millionen), „Der Bucklige von Soho" (3,4 Millionen), „Die gefürchteten Vier" (3,23 Millionen) und „Für ein paar Dollar mehr" (2,68 Millionen). Im Fernsehen wird der ARD-Dreiteiler „Die Gentlemen bitten zur Kasse" mit Horst Tappert, der im Februar in drei Folgen den „Großen Postraub" von 1963 nacherzählt, zum „Straßenfeger": Über 35 Millionen Zuschauer verfolgen die Verfilmung — mehr als die Hälfte der Bundesrepublik sitzt an diesen Abenden vor dem Bildschirm. Zum Auftakt des Fernsehjahres verleiht die Programmzeitschrift Hörzu bereits im Januar erstmals die „Goldene Kamera", wie an anderer Stelle vermerkt.
GESTORBEN · 1966
- Fritz Wunderlich (35), Tenor — 17. September, Heidelberg.
- Herbert Zimmermann (49), Rundfunkreporter, Radiokommentator des „Wunders von Bern" 1954 — 16. Dezember, Hamburg.
- Hans (Jean) Arp (79), deutsch-französischer Dadaist und Bildhauer — 7. Juni, Basel.
- Otto Buchinger (88), Arzt, Begründer des „Buchinger-Heilfastens" — 16. April, Überlingen am Bodensee.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1966
- Borussia Dortmund gewinnt als erster deutscher Verein einen Europapokal (5. Mai). Im Finale des Europapokals der Pokalsieger bezwingt der BVB im schottischen Hampden Park den FC Liverpool nach Verlängerung mit 2:1 — ein historischer Erfolg für den Ruhrgebietsfußball, der auch im nahen Castrop-Rauxel für Stolz sorgt.
- Erste weiche US-Mondlandung durch Surveyor 1 (2. Juni). Nur vier Monate nach der sowjetischen Luna 9 setzt auch die amerikanische Sonde Surveyor 1 unbeschadet auf dem Mond auf und liefert Tausende Fotos zur Erde — ein neuer Etappensieg im Wettlauf ins All.
- Die Beatles geben ihre letzten Konzerte in Deutschland (24.–26. Juni). Auf ihrer letzten gemeinsamen Tour treten die „Pilzköpfe" in München, im benachbarten Essen und in Hamburg auf — ein Abschied, der auch im Ruhrgebiet für Begeisterung sorgt.
- Erste Rektorin einer westdeutschen Universität (22. Februar, Heidelberg). Die Chemikerin Margot Becke-Goehring wird zur ersten Rektorin einer westdeutschen Universität gewählt und leitet die Universität Heidelberg bis 1968 — ein Novum im deutschen Hochschulwesen.
DAS WETTER · 1966 in Castrop-Rauxel
An diesem 13. Juli war es im Ruhrgebiet ein kühler Sommertag: Höchstwert 19,2 °C, in der Nacht 14,9 °C, im Mittel 16,2 °C; kein Tropfen Regen fiel.
Das Jahr über: Im Mittel 9,8 °C. Wärmster Tag 31,1 °C am 13. August, kältester −11,5 °C am 16. Januar. 2 Hitzetage (≥ 30 °C), 12 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 1225 mm — ein ausgesprochen nasses Jahr.
(Messwerte der Station Essen, rund 30 km westlich von Castrop-Rauxel — nächstgelegene durchgehend messende Station im Ruhrgebiet; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1966
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts (amtliche Charts ab 1959).
- Early Bird — André Brasseur
- Spanish Eyes — Al Martino
- Strangers in the Night — Frank Sinatra
- Hundert Mann und ein Befehl — Freddy Quinn
- These Boots Are Made for Walkin' — Nancy Sinatra
- Monday, Monday — The Mamas & The Papas
- Hold Tight! — Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich
- To Whom It Concerns — Chris Andrews
- Hanky Panky — Tommy James and the Shondells
- Super Girl — Graham Bonney
- Leg dein Herz in meine Hände — Roy Black
- Yesterday Man — Chris Andrews
- Wild Thing — The Troggs
- Barbara Ann — The Beach Boys
- We Can Work It Out — The Beatles
- The Sun Ain't Gonna Shine Anymore — The Walker Brothers
- Michelle — The Beatles
- Patsy Girl — Ross McManus and the Joe Loss Blue Beats
- Eine kleine Träne — Ronny
- Du bist mein erster Gedanke — Cliff Richard
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (chartsurfer.de / offizielle Charts).
Mettenhof: Die ersten Mieter bekommen ihre Schlüssel

Am Montag, dem 26. September, haben in Mettenhof die ersten Mieter ihre Wohnungsschlüssel erhalten. Den Schlüssel für Susi und Johann Holz überreichte der Schornsteinfeger; „Onkel Leo“ spielte dazu auf der Drehorgel. Mit dabei waren der Geschäftsführer der Neue Heimat Nord, Walter Damm, und Stadtbaurat Klaus Müller-Ibold.
Die Neue Heimat hatte 1960 das restliche Land des früheren Meierhofs gekauft. Mettenhof gehört seit 1963 zu Kiel, im vergangenen Jahr wurde während der Kieler Woche der Grundstein für das neue Mettenhof gelegt. Geplant sind Wohnungen für 19.000 Menschen. Am 26. Oktober feiert man in der Ostseehalle Richtfest für das Neubaugebiet.
Für die Familie Holz beginnt damit das Leben in einem Stadtteil, der noch Baustelle ist: Fertigbauteil-Werk und Lagerplatz gehören 1966 ebenso zum Bild wie die ersten Neubauten am Korsörweg und am Bornholmer Weg.
Aus heutiger Sicht
Aus den ersten Schlüsselübergaben wurde ein Stadtteil mit rund 20.000 Einwohnern auf 282,7 Hektar.
Kommunalwahl: Die SPD behält in Kiel die Mehrheit im Rathaus
Am 13. März wurde in Schleswig-Holstein über die Kreis- und Gemeindevertretungen abgestimmt, in Kiel über die Ratsversammlung. Von rund 193.000 Wahlberechtigten gingen rund 61 Prozent an die Urnen; vor vier Jahren waren es knapp 67 Prozent gewesen.
Die Sozialdemokraten blieben stärkste Kraft und kamen auf rund 52 Prozent der Stimmen. In der Ratsversammlung mit 49 Sitzen stellt die SPD künftig 26 Abgeordnete, genauso viele wie 1962. Die CDU erhält 18 Sitze nach 21 bei der letzten Wahl, die FDP behält ihre 2 Sitze. Neu im Rat sitzt die Freie Kieler Wählergemeinschaft mit 3 Abgeordneten.
Für Oberbürgermeister Günther Bantzer (SPD), der sein Amt am 1. November 1965 angetreten hat, bedeutet das Ergebnis eine Mehrheit der eigenen Partei in der Ratsversammlung. Stadtpräsident bleibt Hermann Köster. Der CDU bleiben rund 36 Prozent der Stimmen.
72. Kieler Woche: Prinz Philip, Bundespräsident Lübke und ein „Konzert der Nationen“

Vom 19. bis 26. Juni fand an der Förde die 72. Kieler Woche statt. Am Eröffnungstag, dem 19. Juni, ließen Modellschiffbauer ihre Boote auf dem Kleinen Kiel fahren.
Der hohe Besuch kam am 22. Juni: Prinz Philip landete auf dem Flughafen Holtenau und wurde von Ministerpräsident Helmut Lemke begrüßt. Am selben Tag stand das „Konzert der Nationen“ auf dem Programm; vor der Ostseehalle warteten Besucher auf die Ankunft des Prinzen. In der Konzerthalle am Schloss ging es im Forumgespräch um das Thema „Informationen – durch wen – wozu“.
Am 23. Juni lud die Landesregierung das Diplomatische Corps in den Kieler Kaufmann. Dort traf Prinz Philip mit Bundespräsident Heinrich Lübke, dessen Frau Wilhelmine Lübke und Ministerpräsident Lemke zusammen.
Howaldtswerke: „Molda“, Europas größtes Frachtschiff, im Baudock

Im Oktober lag bei den Howaldtswerken in Gaarden der Tanker „Molda“ im Baudock, das größte Frachtschiff Europas. Am 19. Dezember lieferte die Werft das Schiff an Mowinckels Rederi in Bergen ab; es trägt 143.620 Tonnen.
Am selben Tag wurde auf der Werft der Kiel für die „Esso Malaysia“ gelegt, den ersten von drei Großtankern für Esso.
Schon im Mai war in der Maschinenbauhalle ein Dieselmotor mit 23.000 PS zu sehen, Europas größter, bestimmt für den 75.000-Tonnen-Tanker „Liselotte Essberger“ der Hamburger Reederei John T. Essberger. Das Schiff schwamm am 4. Juni auf und wurde am 10. September übergeben.
Weitere Arbeit für die Helling: Am 14. September lief das Kühlmotorschiff „Angelburg“ vom Stapel, am 29. Dezember wurde es an Harald Schuldt & Co. in Hamburg abgeliefert. Am 25. November schwamm der Motortanker „Helga Essberger“ auf.
KURZ NOTIERT · Kiel 1966
- 26. Januar — Der Uhrenturm auf dem Kraftwerksgelände in der Wik wird gesprengt.
- 2. März — Das Forschungsschiff „Alkor“ wird an das Institut für Meereskunde übergeben; zur Übergabefahrt gehen Institutsdirektor Prof. Dr. Günter Dietrich, Kultusminister Claus Joachim von Heydebreck und Kapitän Ohl an Bord.
- 28. März — An der Staatlichen Ingenieurschule in der Legienstraße wird ein Kernreaktor für Unterrichtszwecke in Betrieb genommen.
- 30. März — Die Commerzbank in der Holstenstraße, Ecke Fleethörn, wird überfallen.
- 16. Mai — Das Landesstudio des NDR am Wall 72–80 wird eröffnet; Studioleiter ist T. V. Adolph.
- 20. Juni — Im Ratssaal erhält der verstorbene Generalmusikdirektor Peter Ronnefeld den Kulturpreis der Stadt Kiel; Stadtpräsident Hermann Köster übergibt die Urkunde, seine Witwe Minna Ronnefeld ist unter den Gästen.
- 21. November — Sechs Mitarbeiter des Wasserwerks lassen sich mehrere Tage in den „Schutzfall“ einschließen, um ihn im strahlungssicheren Werk zu üben.
- 9. Dezember — Der Frachter „Elsbeth Wiards“ rammt im Nordhafen einen Verladekran und verbiegt ihn.
RUND UM DIE FÖRDE · 1966
- 1966, Friedrichsort — Die verbliebenen Reste der Festung Friedrichsort werden unter Denkmalschutz gestellt.
- 18. November, Laboe — In der Weihehalle des Marine-Ehrenmals wird ein Kranz niedergelegt, zum Gedenken an die Gefallenen des Seegefechts zwischen dem Hilfskreuzer „Kormoran“ und dem australischen Kreuzer „Sydney“ vom 19. November 1941; dabei sind ehemalige Besatzungsmitglieder der „Kormoran“, unter ihnen ihr früherer Kommandant, Kapitän zur See a. D. Theodor Detmers.
SPORT AN DER FÖRDE · 1966
- Holstein Kiel — In der Regionalliga Nord schließt die KSV die Saison 1965/66 auf Platz 3 ab, 43:21 Punkte, 68:41 Tore. Die Aufstiegsrunde zur Bundesliga wird knapp verfehlt. Im DFB-Pokal schlägt Holstein am 22. Januar im Holsteinstadion Arminia Bielefeld 3:1.
- Leichtathletik — Am 5. März finden in der Ostseehalle die 13. Deutschen Hallenmeisterschaften statt. Jürgen Schneider läuft die 50 m in 5,8 s, Arnd Krüger gewinnt die 800 m in 1:50,0, Armin Baumert springt 7,72 m weit; Heide Rosendahl kommt auf 6,25 m.
- THW Kiel — Am 22. Mai verlieren die Handballer im Stadion am Vieburger Gehölz gegen den VfL Bad Schwartau 11:15.
- Segeln — Bei der Star-Weltmeisterschaft vor Kiel, ausgerichtet vom Kieler Yacht-Club, siegen Paul Elvstrøm und John Albrechtson aus Dänemark auf „Scandale“ mit 377 Punkten vor Lowell North und Peter Barrett (USA, 374) sowie Richard Stearns und Lynn Williams (USA, 372). Gesegelt werden fünf Wettfahrten bei Windstärke 5 bis 8.
DAS WETTER · 1966 in Kiel
An diesem 13. Juli war es an der Förde mild: Höchstwert 21,1 °C, in der Nacht 14,5 °C, im Mittel 16,2 °C; es fielen 1,5 mm Regen, die Sonne schien 6,5 Stunden.
Das Jahr über: Im Mittel 8,4 °C. Wärmster Tag 28,9 °C am 17. Juni, kältester Tiefstwert −9,7 °C am 18. Februar. Kein Hitzetag (≥ 30 °C), 13 Sommertage (≥ 25 °C), 25 Eistage (Dauerfrost) und 76 Frosttage; Jahresniederschlag 926 mm, Sonnenscheindauer 1522 Stunden.
(Messwerte der DWD-Station Kiel-Kronshagen. Quelle: DWD Climate Data Center.)