DER CHRONIST

Ein Jahr, in dem das Wirtschaftswunder zum ersten Mal ins Stocken gerät, in Bonn eine ungewohnte Koalition der Großen entsteht und fernab davon, in Peking wie in London, Umbrüche beginnen, die weit über 1966 hinaus nachwirken. In Neu-Delhi übernimmt mit Indira Gandhi erst die zweite Frau weltweit die Führung einer Regierung, während in Accra ein Militärputsch den panafrikanischen Vorkämpfer Kwame Nkrumah aus dem Amt fegt. Im Ruhrgebiet sorgt Borussia Dortmund mit dem ersten internationalen Titel eines deutschen Fußballvereins für einen seltenen Lichtblick, während die Zechen mit der Kohlekrise ringen und England sich im Wembley-Finale zum Fußballweltmeister krönt. Am Ende des Jahres erschüttert das Grubenunglück von Aberfan Großbritannien, während in den USA mit „Star Trek" eine neue Serie ihre stille Premiere feiert, deren Strahlkraft damals noch niemand ahnt.

Die Schlagzeilen des Jahres

Erste Nachkriegsrezession erreicht Kohle und Stahl — auch Castrop-Rauxel spürt die Krise

Der Förderturm der Zeche Erin in Castrop-Rauxel — die Ruhrkohle gerät in die Krise
Der Förderturm der Zeche Erin in Castrop-Rauxel — die Ruhrkohle gerät in die Krise (Wikimedia Commons, CC BY 2.5)

Nach dem langen Boom des Wirtschaftswunders macht sich 1966 erstmals eine spürbare Konjunkturschwäche bemerkbar. Mitverantwortlich ist eine bewusst restriktive Geldpolitik: Die Deutsche Bundesbank unter ihrem Präsidenten Karl Blessing hatte den Diskontsatz bereits im Dezember 1965 auf 4,5 Prozent angehoben, um eine hartnäckige Teuerung zu bremsen — im April 1966 steigt der Lebenshaltungskostenindex binnen Jahresfrist um 4,5 Prozent, der stärkste Anstieg seit dem Korea-Boom der frühen Fünfzigerjahre. Die folgende Kreditverknappung trifft die Investitionstätigkeit der Industrie hart, Aufträge brechen ein, Lohnkürzungen und Entlassungen folgen: Im kommenden Jahr wird die Bundesrepublik erstmals ein negatives Wirtschaftswachstum verzeichnen, die Arbeitslosenquote steigt von 0,7 auf 2,2 Prozent.

Am härtesten trifft es zwei Branchen, die auf dem Weltmarkt zunehmend das Nachsehen haben: die Stahlindustrie und den Steinkohlebergbau im Ruhrgebiet, wo die Belegschaft der Zechen seit 1957 bereits von rund 397.000 auf gut 200.000 Beschäftigte geschrumpft ist. Die schon 1960 eingeführte Heizölsteuer, mit der Bonn die heimische Kohle gegen das billige Erdöl der internationalen Konzerne schützen wollte, kann den Niedergang nur verlangsamen: Auf den Halden der Zechen türmen sich Rekordmengen unverkaufter Kohle, und im September 1966 muss mit der Zeche Graf Bismarck in Gelsenkirchen eine der modernsten Anlagen Europas mit rund 7.000 Beschäftigten schließen — ein Menetekel für das gesamte Revier, das auch Castrop-Rauxel unmittelbar zu spüren bekommt. Auf der örtlichen Zeche Erin, tief unter der Stadt, reagiert man 1966 mit verstärkter Rationalisierung und einer zunehmenden Automatisierung der Strebbetriebe; im Jahr darauf geht das Bergwerk an den Eschweiler Bergwerks-Verein (EBV) über, der zu dieser Zeit mehrere Zechen im Castroper und Herner Revier übernimmt. Auch die benachbarten Castroper Zechen Victor und Ickern, unter dem Dach der Klöckner-Bergbau Victor-Ickern AG zusammengefasst, kämpfen mit sinkendem Absatz; ihre Förderung werden sie erst 1973 endgültig einstellen. Die goldenen Jahre, in denen der Bergbau der erst 1926 aus Castrop, Rauxel und zahlreichen Umlandgemeinden gebildeten jungen Stadt Wachstum und Zuzug bescherte, liegen erkennbar zurück — und das Krisenjahr 1966 macht deutlich, dass sich die Zechenstadt neu erfinden muss.

Erhard tritt zurück, Kiesinger wird Bundeskanzler der ersten Großen Koalition

Kurt Georg Kiesinger, Kanzler der ersten Großen Koalition
Kurt Georg Kiesinger, Kanzler der ersten Großen Koalition (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Auslöser des Bruchs ist ein Haushaltsloch von rund sieben Milliarden Mark im Etatentwurf für 1967: Während CDU/CSU zur Deckung Steuererhöhungen und Kürzungen bei der Sparprämien- und Wohnungsbauförderung durchsetzen wollen, beharrt die FDP auf Ausgabenkürzungen etwa bei Verteidigung und Entwicklungshilfe. Am 27. Oktober treten die vier FDP-Bundesminister Erich Mende (Vizekanzler), Walter Scheel, Rolf Dahlgrün und Ewald Bucher zurück; die Koalition aus CDU/CSU und FDP ist damit zerbrochen, Erhard führt zunächst ein kurzlebiges Minderheitskabinett aus CDU/CSU allein weiter. Als auch der Bundesrat einen Kompromissvorschlag zur Haushaltssanierung ablehnt, ist Erhards Autoritätsverlust in der eigenen Partei unübersehbar; am 30. November reicht Ludwig Erhard seinen Rücktritt als Bundeskanzler ein. Am 1. Dezember wählt der Bundestag mit 340 gegen 109 Stimmen bei 23 Enthaltungen den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Kurt Georg Kiesinger (CDU) zum dritten Bundeskanzler der Bundesrepublik — an der Spitze der ersten Großen Koalition aus CDU/CSU und SPD. Vizekanzler und Außenminister wird der bisherige Berliner Regierende Bürgermeister Willy Brandt; erstmals seit Gründung der Bundesrepublik übernehmen die Sozialdemokraten damit Regierungsverantwortung in Bonn. Von den achtzehn Kabinettsposten entfallen zehn auf die Union und neun auf die SPD (zusammen mit dem Kanzleramt achtzehn Ressorts). Zum wirtschaftspolitischen Tandem der neuen Regierung werden Finanzminister Franz Josef Strauß (CSU) und Wirtschaftsminister Karl Schiller (SPD), von der Presse wegen ihrer demonstrativen Einigkeit bald „Plisch und Plum" genannt — nach einer Bildergeschichte Wilhelm Buschs. Mit Instrumenten wie der „Konzertierten Aktion", in der Regierung, Arbeitgeber und Gewerkschaften ihr Vorgehen gegen die Rezession abstimmen sollen, und einer mittelfristigen Finanzplanung will das neue Kabinett die Krise in Kohle, Stahl und öffentlichen Haushalten in den Griff bekommen — Grundlage ist das im Jahr darauf verabschiedete Stabilitäts- und Wachstumsgesetz.

Mao ruft die Kulturrevolution aus

Propagandaplakat der chinesischen Kulturrevolution mit Mao Zedong
Propagandaplakat der chinesischen Kulturrevolution mit Mao Zedong (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Mit einem parteiinternen Rundschreiben des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas beginnt am 16. Mai offiziell die Große Proletarische Kulturrevolution. Mao Tse-tung, der nach dem Desaster des „Großen Sprungs nach vorn" innerparteilich an Einfluss verloren hatte, nutzt die Kampagne, um sich gegen Rivalen in der Parteiführung durchzusetzen. Am 8. August verabschiedet das 11. Plenum des Zentralkomitees den sogenannten „16-Punkte-Beschluss", der zum Kampf gegen „bürgerliche" Kräfte in Kulturbetrieb, Bildung, Medien und Hochschulen aufruft. Zehn Tage später, am 18. August, lässt sich Mao auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking vor Hunderttausenden jugendlicher Roter Garden feiern und legt selbst eine rote Armbinde an — der Auftakt zum „Roten August", in dem die Garden im ganzen Land gegen Parteikader, Lehrer, Intellektuelle und die „vier Alten" (alte Ideen, Kultur, Gewohnheiten und Bräuche) mobil gemacht werden. Tempel, Bücher und Kunstwerke werden zerstört, Schulen und Universitäten geschlossen, Zehntausende gedemütigt oder getötet. Als „Kapitalisten auf dem Weg der Partei" geraten auch hochrangige Funktionäre wie Staatspräsident Liu Shaoqi und Generalsekretär Deng Xiaoping in die Schusslinie und werden in den Folgejahren aus allen Ämtern verdrängt. Was als Kampagne von wenigen Monaten gedacht war, wird sich über ein Jahrzehnt hinziehen und erst mit Maos Tod 1976 offiziell enden — mit verheerenden Folgen für Millionen Menschen in China.

England gewinnt im eigenen Land die Fußball-Weltmeisterschaft

England und Deutschland beim WM-Finale 1966 im Wembley-Stadion
England und Deutschland beim WM-Finale 1966 im Wembley-Stadion (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Im Finale im Londoner Wembley-Stadion setzt sich England vor 96.924 Zuschauern gegen Westdeutschland mit 4:2 nach Verlängerung durch. Trainer Alf Ramsey hatte seine „Wingless Wonders" ohne klassische Flügelstürmer aufgeboten. Die Bundeself um Kapitän Uwe Seeler geht durch Helmut Haller in der 12. Minute in Führung, Geoff Hurst gleicht in der 18. Minute aus; Martin Peters schießt England in der 78. Minute zum vermeintlichen Siegtor, doch Wolfgang Weber rettet Deutschland mit dem Ausgleich in letzter Minute (89.) in die Verlängerung. Dort gelingt Hurst mit drei Toren der bis dahin einzige Hattrick in einem WM-Finale — sein zweites Tor in der 101. Minute, nach einem Lattenabpraller, geht als hoch umstrittenes „Wembley-Tor" in die deutsche Fußballsprache ein, ehe er in der 120. Minute mit dem 4:2 den Sieg besiegelt, während Zuschauer bereits das Spielfeld stürmen — der BBC-Kommentator Kenneth Wolstenholme prägt dazu den bis heute berühmten Satz „They think it's all over — it is now". Es ist der bislang einzige WM-Titel der englischen Nationalmannschaft, gefeiert vor 32,3 Millionen britischen Fernsehzuschauern — Rekord bis heute.

Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen: SPD erstmals stärkste Kraft — im Dezember stürzt Heinz Kühn die Regierung Meyers

Der Plenarsaal des Hessischen Landtags in Wiesbaden
Der Plenarsaal des Hessischen Landtags in Wiesbaden (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am 10. Juli wird die SPD erstmals seit Gründung des Landes stärkste Kraft: Sie kommt auf 49,5 Prozent und 99 Sitze, die bislang regierende CDU fällt auf 42,8 Prozent und 86 Sitze zurück, die FDP erreicht 7,4 Prozent und 15 Sitze; die Wahlbeteiligung liegt bei 76,5 Prozent. Im Wahlkampf steht vor allem die Zechenkrise im Mittelpunkt — Zechenschließungen wie die der Gelsenkirchener Grube Graf Bismarck und der Kohlenotstand im Ruhrgebiet, auch in Castrop-Rauxel unmittelbar zu spüren, treiben den Sozialdemokraten Zulauf zu. Trotz der Verluste kommen CDU und FDP zusammen zunächst noch auf eine hauchdünne Mehrheit von 101 der 200 Sitze, und Ministerpräsident Franz Meyers (CDU) führt sein Kabinett zunächst fort.

Die knappe Mehrheit hält jedoch nicht: Im Streit um die schwierige Haushaltslage zerbricht das Bündnis, und am 8. Dezember wählt der Düsseldorfer Landtag per konstruktivem Misstrauensvotum mit 112 gegen 85 Stimmen den SPD-Landesvorsitzenden Heinz Kühn zum neuen Ministerpräsidenten. Kühn bildet eine Koalition aus SPD und FDP und beendet damit die Regierungszeit der CDU im bevölkerungsreichsten Bundesland seit dessen Gründung 1946 — ein Machtwechsel in Düsseldorf nur eine Woche, bevor in Bonn mit Kiesinger eine Große Koalition aus CDU/CSU und SPD antritt.

Die NPD war erst am 28. November 1964 als Sammelbecken des „nationalen Lagers" gegründet worden, maßgeblich aus Mitgliedern der aufgelösten Deutschen Reichspartei (DRP); Bundesvorsitzender ist 1966 noch Friedrich Thielen. Bei den Landtagswahlen in Hessen (6. November) und Bayern (20. November) gelingt der rechtsradikalen Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) erstmals der Sprung in ein westdeutsches Landesparlament: In Hessen erreicht sie 7,9 Prozent und zieht mit acht Abgeordneten in den Wiesbadener Landtag ein, in Bayern 7,4 Prozent und 15 Sitze — im fränkischen Wahlkreis Mittelfranken erzielt sie sogar 12,2 Prozent. Begünstigt wird der Erfolg durch die Wirtschaftskrise und den Eindruck, die CDU rücke in der Großen Koalition zur Mitte, wodurch die NPD unzufriedene Wähler vom rechten Rand gewinnt. Bis 1968 wird die Partei — dann unter ihrem neuen Vorsitzenden Adolf von Thadden — in sieben Landesparlamente einziehen, ehe sie bei der Bundestagswahl 1969 knapp an der Fünf-Prozent-Hürde scheitert — ein Alarmsignal, das in Bonn und den Landeshauptstädten gleichermaßen aufhorchen lässt.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Hamburg, 27. März — SPD 59,0 %, CDU 30,0 %. Die Sozialdemokraten erringen die absolute Mehrheit und regieren unter Erstem Bürgermeister Herbert Weichmann erstmals seit zwei Wahlperioden wieder ohne Koalitionspartner.
  • Hessen, 6. November — SPD 51,0 %, CDU 26,4 %. Ministerpräsident Georg August Zinn bleibt im Amt, jetzt an der Spitze einer SPD-Alleinregierung.
  • Bayern, 20. November — CSU 48,1 %, SPD 35,8 %. Ministerpräsident Alfons Goppel bleibt mit einer CSU-Alleinregierung im Amt.

Indira Gandhi wird Premierministerin Indiens

Indira Gandhi bei einer Pressekonferenz in Washington, 1966
Indira Gandhi im National Press Club in Washington, D.C., 1966 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nach dem überraschenden Tod von Premierminister Lal Bahadur Shastri, der in der Nacht zum 11. Januar in Taschkent kurz nach Unterzeichnung der sowjetisch vermittelten „Taschkent-Erklärung" zur Beendigung des Indisch-Pakistanischen Krieges von 1965 einem Herzanfall erlegen war, übernimmt zunächst Innenminister Gulzarilal Nanda kommissarisch die Regierungsgeschäfte. Am 19. Januar wählt die Kongresspartei-Fraktion ihre neue Vorsitzende: Indira Gandhi, Tochter des ersten indischen Premierministers Jawaharlal Nehru, setzt sich gegen den konservativen Rivalen Morarji Desai durch. Am 24. Januar wird sie als dritte Premierministerin Indiens vereidigt.

Die Kongressführung, angeführt vom einflussreichen Parteichef Kamaraj, hatte auf die international bekannte, aber innenpolitisch noch wenig erprobte Nehru-Tochter gesetzt, in der Erwartung, sie leicht lenken zu können — ein Irrtum, wie sich in den folgenden Jahren zeigen sollte, in denen Gandhi die Partei und das Land mit eigener Handschrift prägt. Sie ist nach Sirimavo Bandaranaike in Ceylon erst die zweite Frau weltweit an der Spitze einer Regierung und bleibt, mit einer Unterbrechung, bis zu ihrer Ermordung 1984 eine der prägendsten Figuren der indischen Politik.

Militärputsch stürzt Ghanas Präsidenten Kwame Nkrumah

Kwame Nkrumah bei einem Staatsbesuch in den USA
Kwame Nkrumah, hier bei einem Staatsbesuch in den USA 1961, wenige Jahre vor seinem Sturz (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Während sich Kwame Nkrumah, seit der Unabhängigkeit 1957 erster Präsident Ghanas und einflussreiche Symbolfigur des panafrikanischen Aufbruchs, auf einer Vermittlungsreise nach Hanoi in Peking aufhält, übernehmen in der Hauptstadt Accra Militär und Polizei unter dem Decknamen „Operation Cold Chop" kampflos die Macht. Anführer des Putsches sind Oberst Emmanuel Kwasi Kotoka und Generalmajor Akwasi Afrifa; als Vorsitzender des neu gebildeten achtköpfigen National Liberation Council wird General Joseph Arthur Ankrah Staatsoberhaupt. Die Putschisten lösen Nkrumahs Einheitspartei Convention People's Party (CPP) und das Parlament auf und setzen die Verfassung außer Kraft.

Anders als von Nkrumah erwartet, wird der Umsturz in weiten Teilen der Bevölkerung mit spürbarer Erleichterung aufgenommen — Jahre wirtschaftlicher Misswirtschaft, aufwendiger Prestigebauten und zunehmend autoritärer Herrschaft hatten seinen Rückhalt untergraben; auf den Straßen Accras wird noch am selben Tag eine Nkrumah-Statue vor dem Parlamentsgebäude gestürzt. Nkrumah selbst kehrt nicht mehr nach Ghana zurück und geht ins Exil nach Guinea, wo ihn Staatschef Ahmed Sékou Touré als Ko-Präsidenten aufnimmt. Der Sturz einer der prominentesten Führungsfiguren der afrikanischen Dekolonisierung sendet ein Signal an zahlreiche weitere junge Staaten des Kontinents, in denen in den folgenden Jahren ebenfalls Militärs die Macht an sich reißen.

Borussia Dortmund gewinnt als erster deutscher Verein einen Europapokal

Lothar Emmerich beim Torschuss im März 1966 (Symbolfoto)
Symbolfoto: BVB-Torjäger Lothar Emmerich (am Boden) erzielt im März 1966 ein Tor für die deutsche Nationalmannschaft — kein Bild vom Finale in Glasgow selbst (Wikimedia Commons, CC0)

Im Finale des Europapokals der Pokalsieger 1965/66 trifft Borussia Dortmund im schottischen Hampden Park von Glasgow auf den englischen Rekordmeister FC Liverpool. Vor rund 41.000 Zuschauern bringt Sigi Held die Borussia früh in Führung, ehe Roger Hunt für Liverpool ausgleicht; erst in der Verlängerung fällt die Entscheidung, als Reinhard „Stan" Libuda aus rund 40 Metern Distanz abzieht und der Ball vom Innenpfosten ins Tor springt — Endstand 2:1 für die Schwarz-Gelben. Es ist der erste internationale Vereinstitel eines deutschen Fußballklubs überhaupt. Torjäger Lothar Emmerich krönt sich mit 14 Treffern in diesem Wettbewerb zum bis dahin erfolgreichsten Torschützen einer Europapokal-Saison.

Der Erfolg elektrisiert das gesamte Ruhrgebiet, auch im nahen Castrop-Rauxel wird der Titel als Zeichen von Stolz und Zusammenhalt gefeiert, während die Zechen der Region mit der Kohlekrise ringen. Kräftezehrend ist der Weg zum Titel jedoch auch für den BVB selbst: Der englische Sportjournalismus goutiert die deutsche Meisterschaftshoffnung der Dortmunder nur wenig später mit Spott, denn im Kampf um die Bundesliga-Meisterschaft geht der Borussia auf der Zielgeraden die Kraft aus — der Titel in der eigenen Liga bleibt in diesem Jahr aus.

„Star Trek" feiert Fernsehpremiere in den USA

William Shatner als Captain Kirk und Leonard Nimoy als Mister Spock
William Shatner als Captain Kirk und Leonard Nimoy als Mister Spock in der Originalserie „Star Trek" (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Auf dem amerikanischen Sender NBC läuft mit der Folge „The Man Trap" die erste ausgestrahlte Episode der Science-Fiction-Serie „Star Trek" (im deutschen Sprachraum später als „Raumschiff Enterprise" bekannt). Geschaffen wurde die Serie von Gene Roddenberry, der bereits 1964 einen ersten Pilotfilm namens „The Cage" gedreht hatte, den NBC den Sendern jedoch als zu bedächtig verwarf; für die Ausstrahlung wählt der Sender bewusst eine actionreichere, monsterlastige Episode als Einstieg. Im Mittelpunkt steht die Besatzung des Raumschiffs USS Enterprise unter Captain James T. Kirk, gespielt von William Shatner, an seiner Seite der halb-vulkanische Wissenschaftsoffizier Mister Spock (Leonard Nimoy).

Die Einschaltquoten bleiben zunächst mäßig, und NBC setzt die Serie bereits nach der zweiten Staffel auf die Kippe — nur eine Briefkampagne begeisterter Zuschauer rettet vorerst eine dritte, letzte Staffel, ehe 1969 endgültig Schluss ist. Erst in der Wiederholungsschleife der Siebzigerjahre und mit dem Beginn einer bis heute andauernden Filmreihe wächst „Star Trek" zum weltweiten Kult- und Franchise-Phänomen heran, das mit seiner multiethnischen Besatzung und seinem Zukunftsoptimismus auch gesellschaftlich Maßstäbe setzt.

Grubenunglück von Aberfan erschüttert Wales

Luftaufnahme der Abraumhalden von Aberfan nach dem Unglück
Luftaufnahme der Abraumhalden von Aberfan kurz nach dem Grubenunglück von 1966 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Im südwalisischen Bergarbeiterdorf Aberfan rutscht am Morgen des 21. Oktober eine gewaltige, auf einer Hangquelle aufgeschüttete Abraumhalde der örtlichen Zeche ins Tal: Rund 150.000 Tonnen durchnässter Kohlerückstände donnern als meterhohe Schlammlawine den Berg hinab und begraben binnen weniger Minuten unter anderem die Pantglas Junior School, in der gerade der Unterricht begonnen hatte — es ist zugleich der letzte Schultag vor den Herbstferien. 144 Menschen sterben, darunter 116 Kinder im Alter von meist sieben bis zehn Jahren sowie fünf Lehrkräfte.

Ein späterer Untersuchungsausschuss stellt der staatlichen National Coal Board schwere Fahrlässigkeit in Rechnung: Wiederholte Warnungen vor der Instabilität der über einer Quelle errichteten Halde waren ignoriert worden. Das Unglück von Aberfan erschüttert Großbritannien zutiefst, verändert die Sicherheitsvorschriften für Abraumhalden im gesamten britischen Bergbau grundlegend und bleibt bis heute eines der folgenreichsten Bergbauunglücke der Nachkriegsgeschichte in Westeuropa.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Am 3. Februar landet die sowjetische Sonde Luna 9 als erstes Fluggerät der Geschichte weich auf dem Mond und funkt die ersten Fotos von der Mondoberfläche zur Erde — der Auftakt einer neuen Ära der Raumfahrt.
  • Am 7. März kündigt Frankreichs Staatspräsident Charles de Gaulle den Austritt aus der militärischen Kommandostruktur der NATO an; das Bündnis muss sein Hauptquartier von Paris nach Brüssel verlegen.

SPORT · 1966

Der sportliche Höhepunkt des Jahres ist bereits ausführlich vermeldet: Englands WM-Sieg im eigenen Land, das umstrittene „Wembley-Tor" und der Hattrick von Geoff Hurst. Für die deutsche Nationalmannschaft bleibt trotz der knappen Finalniederlage ein respektabler Vizeweltmeistertitel — ein kleiner Trost in einem Jahr, das dem Land wirtschaftlich schwer zusetzt.

Auch abseits der WM war 1966 ein bewegtes Fußballjahr: Deutscher Meister der erst dritten Bundesliga-Saison wird TSV 1860 München, das sich am vorletzten Spieltag mit einem 2:0-Sieg ausgerechnet in Dortmund die Tabellenführung zurückholt — Borussia Dortmund, das bis zum 23. Spieltag selbst an der Spitze gestanden hatte, verliert nach dem Kräfte zehrenden Europapokalsieg von Glasgow seine letzten drei Ligapartien und verpasst die Meisterschaft. Für Furore sorgt im September zudem ein Boxkampf: Am 10. September verteidigt Weltmeister Muhammad Ali seinen Schwergewichtstitel gegen den Frankfurter Linksausleger Karl Mildenberger im Frankfurter Waldstadion vor rund 40.000 Zuschauern durch technischen K.o. in der zwölften Runde — der erste Schwergewichts-Weltmeisterschaftskampf, der jemals in Deutschland ausgetragen wird.

MODE · 1966

Die Mode radikalisiert sich 1966 weiter: In seiner Herbst-Winter-Kollektion zeigt Yves Saint Laurent mit „Le Smoking" den ersten Hosenanzug für Damen im klassischen Herrenschnitt — Taille und Jackett femininer geschnitten als das männliche Vorbild, aber unverkennbar aus der Kleidersprache des Herrensmokings entlehnt. Ein Tabubruch, der Frauen einen maskulin-eleganten Stil eröffnet und bis heute als Meilenstein der Modegeschichte gilt. Zugleich wird die gerade einmal 16-jährige, schmale Londonerin Lesley Hornby — genannt Twiggy — über Nacht zur weltweiten Mode-Ikone der „Swinging Sixties": Fotos ihres neuen Kurzhaarschnitts hängen im Londoner Salon „Leonard of Mayfair", eine Journalistin des „Daily Express" wird darauf aufmerksam, und das Blatt kürt die junge Frau kurz darauf zum „Face of 1966". Der Franzose Paco Rabanne wiederum sprengt mit futuristischen Kleidern aus vernieteten Metallplättchen und Kunststoffscheiben die Grenzen des Materials selbst. Auch in den Kaufhäusern und Boutiquen des Ruhrgebiets hält der neue, unkonventionelle Look zögerlich Einzug.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1966

  • Nobelpreis für eine einst Verfolgte (10. Dezember). Die in Berlin geborene, einst vor den Nationalsozialisten nach Schweden geflohene Dichterin Nelly Sachs erhält den Literaturnobelpreis — eine späte Genugtuung für eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen.
  • Erster Bundeswettbewerb „Jugend forscht" (April). In Hamburg treten 244 Jugendliche aus allen Bundesländern zum ersten Mal in Deutschlands inzwischen größtem Nachwuchswettbewerb für Naturwissenschaft und Technik an.
  • Schauspielhaus Wuppertal eröffnet (September). Mit Lessings „Nathan der Weise" und einer Rede Heinrich Bölls über „Die Freiheit der Kunst" nimmt das neue Schauspielhaus seinen Betrieb auf — spätere Heimstätte des weltberühmten Tanztheaters Pina Bausch.
  • Borussia Dortmund gewinnt als erster deutscher Verein einen Europapokal (5. Mai). Im Finale des Europapokals der Pokalsieger bezwingt der BVB im schottischen Hampden Park den FC Liverpool nach Verlängerung mit 2:1 — ein historischer Erfolg für den Ruhrgebietsfußball, der auch im nahen Castrop-Rauxel für Stolz sorgt.
  • Erste weiche US-Mondlandung durch Surveyor 1 (2. Juni). Nur vier Monate nach der sowjetischen Luna 9 setzt auch die amerikanische Sonde Surveyor 1 unbeschadet auf dem Mond auf und liefert Tausende Fotos zur Erde — ein neuer Etappensieg im Wettlauf ins All.
  • Die Beatles geben ihre letzten Konzerte in Deutschland (24.–26. Juni). Auf ihrer letzten gemeinsamen Tour treten die „Pilzköpfe" in München, im benachbarten Essen und in Hamburg auf — ein Abschied, der auch im Ruhrgebiet für Begeisterung sorgt.

DAS WETTER · 1966 in Castrop-Rauxel

An diesem 13. Juli war es im Ruhrgebiet ein kühler Sommertag: Höchstwert 19,2 °C, in der Nacht 14,9 °C, im Mittel 16,2 °C; kein Tropfen Regen fiel.

Das Jahr über: Im Mittel 9,8 °C. Wärmster Tag 31,1 °C am 13. August, kältester −11,5 °C am 16. Januar. 2 Hitzetage (≥ 30 °C), 12 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 1225 mm — ein ausgesprochen nasses Jahr.

(Messwerte der Station Essen, rund 30 km westlich von Castrop-Rauxel — nächstgelegene durchgehend messende Station im Ruhrgebiet; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1966

Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts (amtliche Charts ab 1959).

  1. Early Bird — André Brasseur
  2. Spanish Eyes — Al Martino
  3. Strangers in the Night — Frank Sinatra
  4. Hundert Mann und ein Befehl — Freddy Quinn
  5. These Boots Are Made for Walkin' — Nancy Sinatra
  6. Monday, Monday — The Mamas & The Papas
  7. Hold Tight! — Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich
  8. To Whom It Concerns — Chris Andrews
  9. Hanky Panky — Tommy James and the Shondells
  10. Super Girl — Graham Bonney
  11. Leg dein Herz in meine Hände — Roy Black
  12. Yesterday Man — Chris Andrews
  13. Wild Thing — The Troggs
  14. Barbara Ann — The Beach Boys
  15. We Can Work It Out — The Beatles
  16. The Sun Ain't Gonna Shine Anymore — The Walker Brothers
  17. Michelle — The Beatles
  18. Patsy Girl — Ross McManus and the Joe Loss Blue Beats
  19. Eine kleine Träne — Ronny
  20. Du bist mein erster Gedanke — Cliff Richard

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (chartsurfer.de / offizielle Charts).