DER CHRONIST
Ein Jahr der Schüsse und der Panzerketten: Auf dem Kurfürstendamm fällt ein Studentenführer, in Prag ein Frühling, in Memphis und Los Angeles zwei Hoffnungsträger — und über dem Ruhrgebiet besiegelt eine neue Einheitsgesellschaft das Ende der alten Zechenordnung. Schon im Januar erschüttert die Tet-Offensive den amerikanischen Glauben an einen baldigen Sieg in Vietnam, wenige Wochen später wird im Weiler My Lai eines der schwersten Kriegsverbrechen des Konflikts verübt. In Frankfurt zünden vier junge Leute aus Protest gegen den Krieg zwei Kaufhäuser an und legen damit den Grundstein für den späteren Terror der Roten Armee Fraktion, während in Paris ein Studentenaufstand zum größten Generalstreik der französischen Geschichte anschwillt und Staatspräsident de Gaulle ins Wanken bringt. Im November wählen die Amerikaner mit Richard Nixon einen neuen Präsidenten, und zum Jahresschluss lässt die Besatzung von Apollo 8 als erste Menschen den Mond hinter sich und schickt das Bild eines zerbrechlichen blauen Planeten zur Erde zurück.
Attentat auf Rudi Dutschke löst „Osterunruhen" aus

Der Anschlag trifft die Studentenbewegung im Zenit ihrer Auseinandersetzung mit dem Springer-Verlag: Monatelang hatte die „Bild"-Zeitung mit Schlagzeilen wie „Stoppt Dutschke jetzt" gegen den charismatischen Wortführer des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) und die außerparlamentarische Opposition (APO) mobil gemacht. Am Gründonnerstag, dem 11. April, lauert der 23-jährige Münchner Anstreicher Josef Bachmann — ein vorbestrafter Einzelgänger mit Kontakten in neonazistische Kreise, der eigens mit einem alten Revolver und der rechtsradikalen „National-Zeitung" im Gepäck nach Berlin gereist war — vor dem SDS-Büro auf dem Kurfürstendamm. Kurz nach 16.30 Uhr fragt er: „Sind Sie Rudi Dutschke?", zieht die Waffe und schießt dreimal — in Wange, Kopf und Schulter des zu Boden Gestürzten. Dutschke überlebt schwerverletzt und mit bleibenden Hirnschäden; er muss Sprechen und Lesen mühsam neu erlernen und stirbt erst am Weihnachtstag 1979 in Dänemark an einer Spätfolge des Attentats. Bachmann wird 1969 wegen versuchten Mordes zu sieben Jahren Haft verurteilt und nimmt sich im Februar 1970 in seiner Zelle das Leben.
In den folgenden Osterfeiertagen (12.–17. April) kommt es in zahlreichen westdeutschen Städten — Berlin, Frankfurt, Hamburg, Essen und vor allem München — zu den schwersten Straßenschlachten der jungen Bundesrepublik. Studenten blockieren Auslieferwagen der „Bild"-Zeitung vor den Springer-Druckereien, die Polizei setzt Schlagstöcke, Tränengas und Wasserwerfer ein. In München sterben am Ostermontag zwei Menschen an den Folgen der Ausschreitungen vor dem Verlagshaus an der Schellingstraße: der 32-jährige Fotoreporter Klaus Frings, von einem Steinwurf am Kopf getroffen, und der 27-jährige Student Rüdiger Schreck, der einen Schädelbruch erleidet — die genauen Umstände beider Todesfälle bleiben bis heute ungeklärt. Bundesweit werden rund 2.000 Demonstranten verletzt und Hunderte festgenommen. Auch im nahen Ruhrgebiet formieren sich Studenten zu Sitzblockaden — die Republik erlebt die heftigsten Unruhen ihrer jungen Geschichte, und die Mitverantwortung der Springer-Presse für das Klima der Gewalt bleibt monatelang Gegenstand hitziger Debatten.
Aus heutiger Sicht
Dutschke erliegt den Spätfolgen des Attentats endgültig am 24. Dezember 1979, 39-jährig: Er ertrinkt nach einem epileptischen Anfall in der Badewanne — Folge der 1968 erlittenen Kopfverletzung, elf Jahre nach den Schüssen auf dem Ku'damm.
Landtagswahl in Baden-Württemberg: NPD zieht mit Rekordergebnis in den Stuttgarter Landtag ein

Nur zwei Wochen nach den Osterunruhen um das Attentat auf Rudi Dutschke wählt Baden-Württemberg am 28. April einen neuen Landtag — und die rechtsradikale Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) unter ihrem Bundesvorsitzenden Adolf von Thadden erzielt mit 9,8 Prozent das beste Ergebnis, das die Partei je bei einer Landtagswahl einfährt. Bei einer Wahlbeteiligung von 70,7 Prozent bleibt die CDU mit 44,2 Prozent stärkste Kraft, verliert aber ebenso wie die SPD, die auf 29,0 Prozent abrutscht und ihr schlechtestes Nachkriegsergebnis im Südwesten einfährt; die FDP/DVP kommt auf 14,4 Prozent. Beobachter sehen im Klima der Straßenschlachten und in der Verunsicherung nach dem Attentat einen wesentlichen Grund für den Zulauf zur NPD, die nun mit zwölf Abgeordneten erstmals in den Stuttgarter Landtag einzieht. Ministerpräsident Hans Filbinger (CDU) führt trotz der Verluste die seit 1966 amtierende Große Koalition aus CDU und SPD fort.
Aus heutiger Sicht
Bei der Bundestagswahl 1969 verfehlt die NPD mit 4,3 Prozent knapp den Einzug in den Bundestag — die Fünf-Prozent-Hürde bleibt ihr fortan verwehrt, nachdem sie zuvor in mehrere Landtage eingezogen war; danach verliert die Partei spürbar an Bedeutung.
Bundestag verabschiedet die Notstandsgesetze

Mit Zweidrittelmehrheit beschließt der Deutsche Bundestag am 30. Mai das 17. Gesetz zur Ergänzung des Grundgesetzes — die sogenannten Notstandsgesetze, die dem Staat im Verteidigungs-, Spannungs- oder Katastrophenfall Sondervollmachten einräumen: Ein „Gemeinsamer Ausschuss" aus Bundestags- und Bundesratsmitgliedern kann im Ernstfall an die Stelle des Parlaments treten, die Bundeswehr darf im Inneren gegen bewaffnete Aufständische eingesetzt werden, Grundrechte wie das Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis lassen sich einschränken. 384 Abgeordnete stimmen dafür, 100 dagegen — 53 Stimmen mehr als die nötige Zweidrittelmehrheit —, darunter die Mehrheit von SPD- und FDP-Fraktion. Bundesinnenminister Ernst Benda (CDU) verteidigt das Vorhaben im Plenum gegen den Vorwurf, es beschneide Rechte des Parlaments; getragen wird es von der seit 1966 amtierenden Großen Koalition unter Kanzler Kurt Georg Kiesinger und Vizekanzler Willy Brandt.
Dem Beschluss war ein seit der Kohlekrise und den ersten Entwürfen 1958 immer wieder vertagter Gesetzgebungsstreit vorausgegangen. Am 11. Mai waren, dem Aufruf des von Gewerkschaftern, Wissenschaftlern und Kirchenvertretern getragenen „Kuratoriums Notstand der Demokratie" folgend, mehrere zehntausend Demonstranten — Schätzungen schwanken zwischen rund 30.000 und über 60.000 — in einem Sternmarsch aus allen Teilen der Bundesrepublik nach Bonn gezogen und hatten auf der Hofgartenwiese gegen das Gesetz protestiert. Kritiker aus Gewerkschaften, Kirchen und Studentenbewegung fürchteten, die Notstandsvollmachten könnten, wie einst Artikel 48 der Weimarer Verfassung, der jungen Demokratie eines Tages gefährlich werden. Die außerparlamentarische Opposition sieht sich mit der Verabschiedung bestätigt: Der Protest gegen die Notstandsgesetze wird 1968 zum wichtigsten Bündnisthema zwischen Studentenbewegung und Gewerkschaften, der Ton zwischen Staat und Studentenbewegung bleibt bis zum Jahresende gereizt.
Aus heutiger Sicht
Die Notstandsgesetze treten bereits am 28. Juni, wenige Wochen nach der Verabschiedung, in Kraft — bis heute mussten die darin vorgesehenen Sondervollmachten kein einziges Mal tatsächlich angewendet werden.
Sowjetische Panzer beenden den „Prager Frühling"

Der Einmarsch beendet ein Reformexperiment, das im Januar begonnen hatte: Nach der Ablösung des stalinistisch geprägten Parteichefs Antonín Novotný übernimmt Alexander Dubček Anfang Januar die Führung der tschechoslowakischen KP und leitet mit dem am 5. April verabschiedeten „Aktionsprogramm" — betitelt „Der Weg der Tschechoslowakei zum Sozialismus" — eine vorsichtige Öffnung ein: Bereits im Februar hebt er die Pressezensur faktisch auf, Presse-, Vereinigungs- und Reisefreiheit werden erweitert, ein „Sozialismus mit menschlichem Antlitz" soll den Staatssozialismus reformieren, ohne die Führungsrolle der Partei formal aufzugeben. Moskau und die übrigen Bruderstaaten beobachten die Entwicklung mit wachsendem Argwohn: Im „Warschauer Brief" vom 15. Juli fordern Sowjetunion, Polen, Ungarn, Bulgarien und die DDR unverhohlen eine Kurskorrektur, und auch nach der „Bratislava-Erklärung" vom 3. August, in der sich Dubček formal erneut zum Marxismus-Leninismus bekennt, hält der Kreml die Reformen für nicht mehr rückholbar.
In der Nacht zum 21. August rollen rund 6.300 Panzer und fast eine halbe Million Soldaten des Warschauer Pakts — angeführt von der Sowjetunion, unterstützt auch von DDR-Kontingenten an der Grenze — in die Tschechoslowakei ein und besetzen Prag binnen weniger Stunden. Vereinzelt leisten Bürger passiven Widerstand, verdrehen Straßenschilder oder stellen sich Panzerkolonnen entgegen; Dubček selbst wird festgenommen und nach Moskau gebracht, wo er unter Druck ein Protokoll unterzeichnen muss, das die „vorübergehende" Stationierung sowjetischer Truppen im Land legalisiert. Die Reform, die Dubček seit Jahresbeginn vorangetrieben hatte, wird gewaltsam erstickt: Rund 108 Menschen, fast ausschließlich Zivilisten, sterben bei den Kämpfen; Zehntausende Tschechen und Slowaken verlassen in den folgenden Monaten für immer ihre Heimat. Dubček bleibt zunächst formal im Amt, wird aber im April 1969 von Gustáv Husák abgelöst, der die „Normalisierung" und schrittweise Rücknahme aller Reformen einleitet. Die Hoffnung auf einen Sozialismus mit menschlichem Gesicht ist begraben — Moskaus Griff über den Ostblock gefestigt, und mit der bald so genannten „Breschnew-Doktrin" erhebt die Sowjetunion erstmals offen den Anspruch, in die inneren Angelegenheiten sozialistischer Bruderstaaten eingreifen zu dürfen.
Aus heutiger Sicht
Der 1968 entmachtete Dubček erlebt 21 Jahre später seine Rehabilitierung: Am 28. Dezember 1989, im Zuge der Samtenen Revolution, wählt ihn die Föderalversammlung zu ihrem Vorsitzenden — am folgenden Tag vereidigt er Václav Havel als neuen Staatspräsidenten.
Mord an Martin Luther King und Robert Kennedy erschüttern Amerika

Am 4. April wird Bürgerrechtler Martin Luther King kurz nach 18 Uhr auf dem Balkon seines Zimmers im Lorraine Motel in Memphis, Tennessee, erschossen, wohin er gereist war, um streikende städtische Müllarbeiter zu unterstützen. Der Todesschütze James Earl Ray, ein vorbestrafter Kleinkrimineller, flieht zunächst über Kanada nach Europa, wird aber am 8. Juni in London gefasst, in die USA ausgeliefert und 1969 zu 99 Jahren Haft verurteilt. Kings Tod löst binnen Stunden in mehr als 100 amerikanischen Städten — darunter Washington, Chicago und Baltimore — schwere Ausschreitungen aus; landesweit müssen Nationalgarde und Bundestruppen eingesetzt werden.
Knapp zwei Monate später, in der Nacht zum 5. Juni, wird Senator Robert F. Kennedy — jüngerer Bruder des 1963 ermordeten Präsidenten John F. Kennedy und selbst aussichtsreicher Bewerber um die demokratische Präsidentschaftskandidatur — im Ambassador Hotel von Los Angeles erschossen. Kurz nachdem er vor jubelnden Anhängern seinen Sieg bei den kalifornischen Vorwahlen verkündet hat, wird er auf dem Weg durch die Hotelküche von dem 24-jährigen Sirhan Sirhan, einem in Jerusalem geborenen Einwanderer, aus nächster Nähe niedergeschossen. Kennedy erliegt am folgenden Tag, dem 6. Juni, seinen Verletzungen; Sirhan wird später zu lebenslanger Haft verurteilt. Zwei Hoffnungsträger einer liberalen, versöhnlichen amerikanischen Politik sterben binnen weniger Wochen — das Jahr der Attentate treibt die USA tiefer in Zorn und Trauer und überschattet auch den Präsidentschaftswahlkampf, aus dem im November schließlich Republikaner Richard Nixon als Sieger hervorgeht.
Ruhrkohle AG entsteht: Einheitsgesellschaft für den Bergbau

Aus dem Ruhrgebiet: Nach jahrelangem politischem Tauziehen wird am 27. November in Essen die Ruhrkohle AG (RAG) gegründet. Den Grundstein hatte die Kohlekrise ab 1958 gelegt, als billiges Importöl und Übersee-Kohle die heimische Steinkohle zunehmend verdrängten und reihenweise Zechenstilllegungen und Entlassungen auslösten; die Große Koalition unter Kiesinger drängte seither auf eine geordnete Bündelung der zersplitterten Bergbauunternehmen. Gestützt auf das 1968 verabschiedete „Gesetz zur Anpassung und Gesundung des deutschen Steinkohlenbergbaus" (Kohleanpassungsgesetz) schließen sich 19 bislang selbstständige Bergbauunternehmen zu einer Einheitsgesellschaft zusammen, die fortan rund 80 Prozent der westdeutschen Steinkohleförderung bündelt. Mit rund 186.000 Beschäftigten wird die RAG auf einen Schlag zum zweitgrößten Arbeitgeber der Republik.
Auch die Zechen des Reviers spüren den Einschnitt unmittelbar: In Castrop-Rauxel gehen die traditionsreichen, seit 1910 unter einem Dach geführten Zechen Victor und Ickern noch im selben Jahr in den Besitz der neuen Gesellschaft über — Anlagen, deren Förderung 1973 endet, ehe die Schächte in den Folgejahren endgültig stillgelegt werden. Auch die zweite große Zeche der Stadt, Erin, deren Förderturm über Schacht 7 seit 1963 die gesamte Kohle des Werks zutage bringt, wird künftig unter dem Dach der RAG geführt und hält bis zur letzten Schicht im Dezember 1983 durch. Ziel des Zusammenschlusses ist es, den seit der Kohlekrise von 1958 schwelenden Anpassungsprozess — sinkende Nachfrage, Zechenschließungen, Zechensterben — geordnet und sozialverträglich zu steuern, statt ihn jeder Bergbaustadt einzeln zu überlassen und Kumpel ohne Ausgleich in die Arbeitslosigkeit zu entlassen. Für das Ruhrgebiet, dessen Alltag seit Generationen vom Bergbau geprägt ist, markiert der 27. November einen stillen, aber tiefgreifenden Wendepunkt — den Beginn eines geordneten Rückzugs, der sich über Jahrzehnte hinziehen und das Revier bis in die Gegenwart wirtschaftlich und städtebaulich umgestalten wird.
Aus heutiger Sicht
Der geordnete Rückzug endet erst 50 Jahre später: Am 21. Dezember 2018 schließt mit Prosper-Haniel in Bottrop das letzte deutsche Steinkohlebergwerk in einem offiziellen Festakt — die letzte Kohle im Regelbetrieb war bereits am 14. September 2018 gefördert worden.
Tet-Offensive erschüttert Amerikas Vietnam-Zuversicht

In der Nacht zum 30. Januar, mitten in der eigentlich vom Waffenstillstand geschützten Feiertagsruhe des vietnamesischen Neujahrsfests „Tet", starten rund 84.000 Soldaten der nordvietnamesischen Armee und des kommunistischen Vietcong einen landesweiten Überraschungsangriff auf mehr als hundert südvietnamesische Städte, Provinzhauptstädte und US-Stützpunkte zugleich — darunter Saigon, wo ein Kommando kurzzeitig das Gelände der amerikanischen Botschaft stürmt, sowie die alte Kaiserstadt Hue, die erst nach wochenlangen, verlustreichen Straßenkämpfen zurückerobert wird. Militärisch wird die Offensive binnen Tagen zurückgeschlagen, die Verluste auf kommunistischer Seite sind immens.
Politisch aber wirkt sie wie ein Erdbeben: Das Ausmaß und die Wucht des Angriffs widersprechen offen den Erfolgsmeldungen, mit denen Washington den Krieg zuvor als fast gewonnen dargestellt hatte, und erschüttern binnen Wochen den Rückhalt für den Vietnamkrieg in der amerikanischen Öffentlichkeit nachhaltig. Unter dem Druck schwindender Zustimmung verkündet Präsident Lyndon B. Johnson Ende März, nicht erneut für das Präsidentenamt zu kandidieren — ein Wendepunkt, der das Wahljahr 1968 in den USA von Beginn an überschattet.
Massaker von My Lai wird zum Fanal amerikanischer Kriegsverbrechen

Soldaten der Kompanie „Charlie" des 1. Bataillons der 20. US-Infanterie ermorden am 16. März im südvietnamesischen Weiler My Lai in der Provinz Quang Ngai binnen weniger Stunden mehrere hundert unbewaffnete Zivilisten — überwiegend Frauen, Kinder und alte Menschen, die statt der erwarteten Vietcong-Kämpfer in ihren Hütten angetroffen werden. Angeführt von Leutnant William Calley treibt die Einheit Dorfbewohner in Gräben und erschießt sie reihenweise; Häuser werden niedergebrannt, Vieh getötet, zahlreiche Frauen vergewaltigt. Die genaue Opferzahl bleibt umstritten, Schätzungen reichen bis zu 500 Toten.
Das Massaker wird zunächst vom Militär vertuscht und erst im November 1969 durch Recherchen des Journalisten Seymour Hersh öffentlich bekannt — für die Weltöffentlichkeit von 1968 bleibt es damit vorerst verborgen, doch das Verbrechen selbst geschieht in diesem Jahr und wird, einmal aufgedeckt, zum Symbol für die Brutalisierung des amerikanischen Vietnam-Einsatzes. Calley wird 1971 als einziger der Beteiligten wegen Mordes verurteilt, seine Strafe später mehrfach verkürzt — ein Verfahren, das die Gräben zwischen Kriegsbefürwortern und Kriegsgegnern in den USA weiter vertieft.
Kaufhausbrandstiftung in Frankfurt: Anschlag der späteren RAF-Gründer

In der Nacht zum 3. April legen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein in zwei Frankfurter Kaufhäusern — „Kaufhaus Schneider" und „Kaufhof" — selbstgebaute Brandsätze mit Zeitzündern, die kurz vor Mitternacht auslösen. Kurz zuvor hatte eine Frau bei der Frankfurter Redaktion der Deutschen Presse-Agentur angerufen und angekündigt, es werde bei Schneider und Kaufhof „brennen" — „das ist ein politischer Racheakt". Verletzt wird niemand, der Sachschaden beläuft sich auf rund 282.000 D-Mark bei Schneider und knapp 391.000 D-Mark beim Kaufhof. Als Motiv nennen die Täter den Protest gegen den Vietnamkrieg und die aus ihrer Sicht gleichgültige „Konsumgesellschaft".
Wenige Tage später werden alle vier festgenommen; im Oktober 1968 verurteilt sie ein Frankfurter Gericht wegen schwerer Brandstiftung zu je drei Jahren Haft. Baader und Ensslin, während der Revision 1969 zunächst freigelassen, tauchen 1970 endgültig unter und gründen gemeinsam mit Ulrike Meinhof die terroristische Rote Armee Fraktion (RAF) — die Kaufhausbrände von 1968 gelten rückblickend als deren erste, noch glimpflich verlaufene Tat.
Der „Pariser Mai": Studentenrevolte und größter Generalstreik der französischen Geschichte

Ausgehend von Besetzungen an der Reformuniversität Nanterre vor den Toren von Paris weitet sich der Studentenprotest im Mai zur schwersten innenpolitischen Krise Frankreichs seit dem Krieg aus: Nach der Schließung der Sorbonne am 3. Mai liefern sich Studenten und Polizei in der „Nacht der Barrikaden" vom 10. auf den 11. Mai schwere Straßenschlachten im Quartier Latin. Aus Solidarität rufen die Gewerkschaften für den 13. Mai zu einem eintägigen Generalstreik auf — doch die Bewegung greift auf Fabriken im ganzen Land über und schwillt bis zum 22. Mai zum größten Generalstreik der französischen Geschichte an: Rund acht bis neun Millionen Arbeiter legen die Arbeit nieder, das öffentliche Leben kommt weitgehend zum Erliegen.
Präsident Charles de Gaulle, dessen Autorität ins Wanken gerät, reist am 29. Mai heimlich zu französischen Truppen nach Baden-Baden, um sich der Loyalität des Militärs zu versichern. Zurück in Paris, löst er die Nationalversammlung auf und kündigt Neuwahlen an; eine gewaltige Massendemonstration seiner Anhänger auf den Champs-Élysées demonstriert am 30. Mai, dass die Gaullisten die Straße keineswegs kampflos den Studenten überlassen. Aus den Parlamentswahlen im Juni gehen de Gaulles Anhänger gestärkt hervor — die Revolte verpufft politisch, verändert aber gesellschaftliche Umgangsformen, Universitäten und Arbeitswelt Frankreichs nachhaltig.
Richard Nixon gewinnt knappe US-Präsidentschaftswahl

Am 5. November setzt sich der Republikaner Richard Nixon in einer der knappsten Präsidentschaftswahlen der amerikanischen Geschichte gegen Vizepräsident Hubert Humphrey von den regierenden Demokraten und den parteilosen, für seine Politik der Rassentrennung bekannten Ex-Gouverneur George Wallace durch. Im Electoral College gewinnt Nixon mit 301 zu 191 zu 46 Stimmen klar, doch bei den Wählerstimmen trennen ihn von Humphrey landesweit nur rund 500.000 Stimmen — 43,4 zu 42,7 Prozent. Nixon tritt damit gemeinsam mit seinem designierten Vizepräsidenten Spiro Agnew die nächste US-Präsidentschaft an.
Der Wahlkampf steht ganz im Zeichen eines von Vietnamkrieg, Attentaten und Straßenprotesten erschütterten Amerikas: Amtsinhaber Lyndon B. Johnson war im März nicht mehr angetreten, der Favorit der Demokraten, Robert F. Kennedy, im Juni ermordet worden, und der Nominierungsparteitag der Demokraten im August in Chicago endete unter Straßenschlachten zwischen Polizei und Vietnamkriegsgegnern. Nixon gewinnt mit dem Versprechen, Amerika wieder „Recht und Ordnung" zu bringen und den Krieg in Vietnam „ehrenhaft" zu beenden — ein Versprechen, dessen Einlösung sich noch über Jahre hinziehen wird.
Apollo 8 umrundet als erste bemannte Mission den Mond

Am 21. Dezember startet vom Kennedy Space Center in Florida die Rakete Saturn V mit der Besatzung Frank Borman, Jim Lovell und Bill Anders an Bord — die erste bemannte Mission, die die Erdumlaufbahn verlässt und zum Mond fliegt. Am Heiligabend, dem 24. Dezember, erreicht Apollo 8 die Mondumlaufbahn und umkreist den Erdtrabanten zehnmal in rund 20 Stunden; die drei Astronauten sind damit die ersten Menschen, die den Mond aus der Nähe sehen und die Rückseite des Mondes mit eigenen Augen erblicken. In einer weltweit übertragenen Fernsehsendung aus der Mondumlaufbahn lesen sie abwechselnd die ersten zehn Verse der Schöpfungs- geschichte aus dem Buch Genesis und wünschen der Erde „gute Nacht, viel Glück, eine frohe Weihnacht — und Gott segne euch alle, euch alle auf der guten Erde".
Auf demselben Orbit entsteht eines der einflussreichsten Fotos des Jahrhunderts: Bill Anders' Aufnahme „Earthrise" zeigt die blaue, zerbrechlich wirkende Erde, wie sie über dem grauen Mondhorizont aufgeht — ein Bild, das später als Ikone der aufkeimenden Umweltbewegung gilt. Am 27. Dezember wassert die Kapsel sicher im Pazifik; nach einem Jahr der Kriege, Attentate und Straßenschlachten schließt Apollo 8 das Jahr 1968 mit einem seltenen Moment ungetrübter Hoffnung.
Mies van der Rohe eröffnet die Neue Nationalgalerie in Berlin

Am 15. September wird am Berliner Kulturforum die Neue Nationalgalerie eröffnet — mit einer Ausstellung zu Piet Mondrian als erstem Programmpunkt. Entworfen hat den gläsernen Pavillon mit seinem weit auskragenden Stahldach der Architekt Ludwig Mies van der Rohe, der mit dem Bau sein letztes realisiertes Werk vollendet; die Nationalgalerie Berlin richtet darin künftig ihr Museum für Kunst des 20. Jahrhunderts ein. Schon beim ersten Rundgang gilt das Haus Kennern als eine der bedeutendsten Museumsarchitekturen der Klassischen Moderne.
documenta 4 in Kassel: Pop Art erobert Deutschland

Vom 27. Juni bis zum 6. Oktober öffnet in Kassel zum vierten Mal die documenta — die letzte Ausgabe unter der Leitung ihres Gründers Arnold Bode. Erstmals dominieren Pop Art und Op-Art die Schau, vor allem durch amerikanische Künstler; als Beispiel zeigt der Brite Allen Jones sein Triptychon „Perfect Match". Das amerikanische Nachrichtenmagazin „Time" würdigt die Ausstellung als „wichtigste europäische Kunst-Ausstellung des Jahrzehnts" — ein Ritterschlag für das Kasseler Format, das sich damit endgültig als internationaler Kunst-Maßstab etabliert.
Dirigent Joseph Keilberth bricht am Pult zusammen und stirbt

Während einer Vorstellung von Richard Wagners „Tristan und Isolde" an der Bayerischen Staatsoper München bricht am 20. Juli Dirigent Joseph Keilberth mitten am Pult zusammen — ein Herzinfarkt, an dem er kurz darauf stirbt. Unter Musikern macht seither ein Kuriosum die Runde: Der Zusammenbruch soll sich fast auf den Takt genau an jener Stelle im zweiten Akt ereignet haben, an der auch die Handlung der Oper einen „tödlichen Moment" markiert. Keilberth, der unter anderem die Bamberger Symphoniker leitete, war eine der prägenden Dirigentenpersönlichkeiten der bundesdeutschen Nachkriegszeit.
Fritz Bauer, der Generalstaatsanwalt, der Eichmann jagte, ist tot

In der Nacht zum 1. Juli wird der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer tot in seiner Frankfurter Wohnung aufgefunden. Bauer hatte als Initiator der Frankfurter Auschwitz-Prozesse (1963–1965) NS-Verbrechen erstmals vor ein bundesdeutsches Gericht gebracht — gegen erhebliche Widerstände in einer Justiz, in der noch immer zahlreiche frühere NS-belastete Juristen amtierten. Aus Misstrauen gegenüber ebendiesen Kreisen hatte er Jahre zuvor entscheidende Hinweise zum Aufenthaltsort Adolf Eichmanns unter Umgehung der bundesdeutschen Behörden direkt an den israelischen Geheimdienst weitergegeben — eine Umgehung, die 1960 zu Eichmanns Ergreifung in Argentinien beitrug. Mit Bauer verliert die junge Bundesrepublik einen ihrer hartnäckigsten Mahner in der juristischen Aufarbeitung der NS-Verbrechen.
AM RANDE NOTIERT
- Anfang des Jahres, am 30./31. Januar, überrascht die nordvietnamesische Tet-Offensive die amerikanische Öffentlichkeit und offenbart, wie festgefahren der Vietnamkrieg tatsächlich ist.
- Bei den Olympischen Sommerspielen in Mexiko-Stadt recken die US-Sprinter Tommie Smith und John Carlos am 16./17. Oktober bei der Siegerehrung über 200 Meter die schwarz behandschuhte Faust — der „Black-Power-Gruß" wird zum Symbolbild des Jahres.
- Am Heiligabend umkreist die Besatzung von Apollo 8 — Frank Borman, Jim Lovell und Bill Anders — als erste Menschen den Mond, zehnmal in 20 Stunden, und sendet Bilder der Erde aus dem All zurück.
- Am 23. Januar kapert Nordkorea vor der eigenen Küste das US-Spionageschiff USS Pueblo und hält die 83-köpfige Besatzung fast elf Monate lang gefangen — ein neuer Tiefpunkt im Kalten Krieg.
- Zum 1. Januar löst in der Bundesrepublik die neue Mehrwertsteuer nach dem Allphasenprinzip mit Vorsteuerabzug das alte Bruttoumsatzsteuersystem ab und gilt fortan als Grundlage der deutschen Umsatzbesteuerung.
- Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen beschließt das „Entwicklungsprogramm Ruhr", das dem Revier — parallel zur Gründung der Ruhrkohle AG — abseits der Steinkohle neue Industrien und Arbeitsplätze sichern und so dem fortschreitenden Zechensterben entgegenwirken soll.
- Zum 1. Juli erhöht der Bundestag den erst zum Jahresanfang eingeführten Mehrwertsteuersatz bereits wieder — von 10 auf 11 Prozent, der ermäßigte Satz steigt von 5 auf 5,5 Prozent.
- Auf der documenta 4 in Kassel sorgt vor allem ein Werk für Diskussionsstoff: Das Pop-Art-Triptychon „Perfect Match" des Briten Allen Jones wird zum plakativen Aufreger im Skandalisierungs-Streit um die US-dominierte Schau.
- An den Kinokassen avanciert Uschi Glas laut Jahrescharts zum „Star des Jahres" — sie ist gleich mit vier Filmen unter den Top 22 der erfolgreichsten Produktionen vertreten.
WIRTSCHAFT · 1968
Das Wirtschaftsjahr steht ganz im Zeichen der größten Steuerreform der jungen Bundesrepublik: Zum 1. Januar löst die neue Mehrwertsteuer nach dem Allphasenprinzip mit Vorsteuerabzug die alte Bruttoumsatzsteuer ab, der Regelsatz steigt zugleich von 4 auf 10 Prozent. Schon zur Jahresmitte, am 1. Juli, hebt der Bundestag den Satz erneut an — auf 11 Prozent, ermäßigt 5,5 Prozent — und sorgt damit binnen weniger Monate zweimal für neue Preisschilder im Einzelhandel.
Der Preisspiegel (Preisstand 1968):
- Butter (1 kg) — 7,76 DM
- Eier (1 Stück) — 0,21 DM
- Milch (1 l) — 0,70 DM
- Rindfleisch (1 kg) — 9,45 DM
- Schweinefleisch (1 kg) — 7,35 DM
- Zucker (1 kg) — 1,22 DM
- Kartoffeln (1 kg) — 0,29 DM
- Mehl (1 kg) — 1,07 DM
STIMMEN DER PRESSE · 1968
Im Januar rezensiert die Frankfurter Allgemeine Zeitung den Kinoerfolg des Jahres, „Zur Sache, Schätzchen":
„Auch dieser Film ist Protest gegen die Welt der Väter, es ist aber Protest ohne Stelzen, faszinierend durch Übermut, Leichtsinn, durch quicklebendigen Humor, der die Selbstpersiflage in sich schließt." — Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. Januar 1968
Im Mai schließt die nach dem Präsidenten des Bundeskartellamts benannte „Günther-Kommission" ihre Untersuchung zur Pressekonzentration ab — die Zeit ordnet die Ergebnisse ein:
„Die 'Kommission zur Untersuchung der Gefährdung der wirtschaftlichen Existenz von Presseunternehmen und der Folgen der Konzentration für die Meinungsfreiheit in der Bundesrepublik' hat ihre Arbeit in der vorigen Woche abgeschlossen. Die (nach ihrem Vorsitzenden, dem Präsidenten des Bundeskartellamts, Dr. E. Günther, genannte) 'Günther-Kommission' war auf Veranlassung des Bundestages Mitte 1967 gegründet worden." — Die Zeit, Nr. 22 (31. Mai 1968), „Die Pressefreiheit ist bedroht"
SPORT · 1968
Die Olympischen Spiele in Mexiko-Stadt (12.–27. Oktober) sind das sportliche Großereignis des Jahres — und wegen der Höhenlage von rund 2.240 Metern zugleich ein Laboratorium für neue Rekorde. Der „Black-Power-Gruß" von Tommie Smith und John Carlos bei der Siegerehrung über 200 Meter ist bereits vermeldet; beide werden dafür umgehend aus dem US-Team ausgeschlossen und nach Hause geschickt. Auf Bahn und Sprunggrube setzen zwei weitere Auftritte Maßstäbe für Jahrzehnte: Der US-Amerikaner Bob Beamon springt am 18. Oktober mit 8,90 Metern — fast 55 Zentimeter weiter als der bisherige Weltrekord — eine Weitsprung-Weltrekordmarke, die erst 1991 durch Mike Powell unterboten wird, während sein Landsmann Dick Fosbury mit dem rückwärtigen „Fosbury-Flop" olympisches Gold im Hochsprung gewinnt und die Sprungtechnik revolutioniert: Binnen weniger Jahre verdrängt sie die klassischen Wälzsprungtechniken und prägt bis heute den Standard der Disziplin. Auch der Kenianer Kip Keino, der über 1.500 Meter Gold gewinnt, profitiert wie viele Läufer und Springer von der dünnen Höhenluft, während sie Langstrecklern zusetzt — ein Effekt, der Mexiko-Stadt zum Gesprächsstoff weit über den Sport hinaus macht. Nach den Winterspielen im französischen Grenoble im Februar wird Mexiko-Stadt damit zum Schauplatz gleich mehrerer technischer wie sportlicher Zeitenwenden.
MODE · 1968
Die Mode zerfasert 1968 in viele Richtungen zugleich: Neben dem von Häusern wie Mary Quant und André Courrèges salonfähig gemachten Minirock behauptet sich der lange Maxi-Mantel. Erste Unisex-Kollektionen — weite Hosenanzüge für Frauen, hochgeschlossene Rüschenhemden für Männer — verwischen die Grenze zwischen Damen- und Herrenmode, während psychedelische Muster, Blumendrucke und knallige Farben aus der Hippie- und Undergroundbewegung Kaliforniens und Londons auch den Kontinent erreichen. Zunehmend prägt auch die Straße selbst — Studenten- und Undergroundszenen von Berlin bis Paris, wo im Mai die Barrikaden brannten — den Stil der Zeit, nicht mehr allein die etablierten Modehäuser: Parka, Cordhose und Palästinensertuch werden zur Uniform des Protests. Zwischen Anzug und Antimode sucht auch die junge Generation im Ruhrgebiet — nicht zuletzt an der 1965 eröffneten Ruhr-Universität Bochum, der ersten Neugründung einer deutschen Universität nach dem Krieg — ihren eigenen Ausdruck.
KINO & FERNSEHEN · 1968
Das Kinojahr 1968 zählt insgesamt 78,719 Millionen Besucher bei deutschen Filmen (inklusive Koproduktionen) — 43 Titel kommen zusammen auf einen Marktanteil von 48,9 Prozent. Erfolgreichster Verleiher ist Constantin Film mit 57,8 Millionen Besuchern, 35 Filmen und 35,9 Prozent Marktanteil. Zum Kassenschlager des Jahres wird erst kurz vor Weihnachten, am 13. Dezember, Walt Disneys Zeichentrickfilm „Das Dschungelbuch" (Regie: Wolfgang Reitherman): Rund 7,6 Millionen Zuschauer sehen ihn im Ersteinsatz, mit späteren Wiederaufführungen bis 1973 summiert sich die Besucherzahl auf 27,3 Millionen — ein Erfolg, der den Film zum meistgesehenen der bundesdeutschen Nachkriegszeit macht. Auffällig ist der Anteil deutscher Produktionen: Zwölf einheimische Filme schaffen es unter die ersten 15 Positionen der Jahrescharts, nicht zuletzt dank der Oswalt-Kolle-Aufklärungsfilme und der beliebten Pauker-Komödienreihe — und dank Erfolgen wie „Zur Sache, Schätzchen" mit May Spils, dessen respektlos-heiterer Ton auch die Feuilletons beschäftigt (siehe „Stimmen der Presse").
GESTORBEN · 1968
- Otto Hahn (89), Chemiker, Entdecker der Kernspaltung — 28. Juli, Göttingen.
- Fritz Bauer (64), hessischer Generalstaatsanwalt, Initiator der Frankfurter Auschwitz-Prozesse — 1. Juli, Frankfurt am Main.
- Joseph Keilberth (60), Dirigent — 20. Juli, München.
- Albert Betz, Physiker (Betzsches Gesetz zur Windenergie), Direktor der Aerodynamischen Versuchsanstalt Göttingen — 16. April, Göttingen.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1968
- Gründung der Band Can in Köln. Schmidt, Czukay, Karoli und Liebezeit legen mit ihrer Gründung den Grundstein für den Krautrock — eine deutsche Musikszene, die später weltweit Einfluss nimmt.
- Nobelpreis für Medizin an Holley, Khorana und Nirenberg (Oktober). Die drei US-Forscher werden für die Entschlüsselung des genetischen Codes und seiner Rolle bei der Proteinsynthese ausgezeichnet — ein Meilenstein der modernen Molekularbiologie.
- Erste Herztransplantation der USA gelingt in Houston (3. Mai). Chirurg Denton Cooley verpflanzt am Texas Heart Institute erfolgreich ein Spenderherz — ein Hoffnungszeichen für die noch junge Transplantationsmedizin.
- VfL Bochum erreicht als Zweitligist das DFB-Pokalfinale (1. Juni). Der Ruhrgebietsclub aus dem benachbarten Bochum unterliegt dem 1. FC Köln zwar mit 1:4 nach Verlängerung, sein Weg ins Endspiel bleibt eine der großen Fußball-Überraschungen des Jahres — ein Achtungserfolg für den Fußball im Revier.
DAS WETTER · 1968 in Castrop-Rauxel
An diesem 13. Juli war es im Ruhrgebiet ein kühler Sommertag: Höchstwert 20,1 °C, in der Nacht 12,4 °C, im Mittel 16,2 °C; etwas Regen fiel (1,3 mm).
Das Jahr über: Im Mittel 9,4 °C. Wärmster Tag 31,0 °C am 1. Juli, kältester −13,0 °C am 13. Januar. 2 Hitzetage (≥ 30 °C), 16 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 930 mm.
(Messwerte der Station Essen, rund 30 km westlich von Castrop-Rauxel — nächstgelegene durchgehend messende Station im Ruhrgebiet; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1968
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts (amtliche Charts ab 1959).
- Mama — Heintje
- Du sollst nicht weinen — Heintje
- Delilah — Tom Jones
- Help Yourself — Tom Jones
- Cotton Fields — Udo Jürgens
- Der letzte Walzer — Peter Alexander
- Delilah — Peter Alexander
- Sehnsucht (Das Lied der Taiga) — Alexandra
- Bleib bei mir — Roy Black
- World — The Bee Gees
- Yummy Yummy Yummy — Ohio Express
- Mony Mony — Tommy James and the Shondells
- Simon Says — 1910 Fruitgum Co.
- Lazy Sunday — Small Faces
- Mighty Quinn (Quinn the Eskimo) — Manfred Mann
- Lieber mal weinen im Glück — Renate Kern
- Judy in Disguise (With Glasses) — John Fred and His Playboy Band
- Fire — The Crazy World of Arthur Brown
- Young Girl — Gary Puckett & the Union Gap
- Do It Again — The Beach Boys
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (chartsurfer.de / offizielle Charts).
Schüler und Studenten ziehen durch Kiel: gegen höhere Fahrpreise, gegen die „Zwangsexmatrikulation“

Der Winter 1968 beginnt an der Förde laut. Schon am 10. Januar versammeln sich vor dem Kultusministerium an der Kiellinie rund 3000 Studenten gegen die „Zwangsexmatrikulation“; ein Student stellt Kultusminister Claus Joachim von Heydebreck zur Rede, neben ihm steht Staatssekretär Reinhold Borzikowsky. Am 16. Januar ist die Neue Mensa zur Vollversammlung der Studierenden überfüllt.
Am 31. Januar sind es die Schüler. Gemeinsam mit Studenten ziehen sie durch die Innenstadt und zum Berliner Platz, um gegen höhere Fahrpreise im öffentlichen Nahverkehr zu protestieren. Auf dem Rathausplatz, vor dem Rathausturm, hält die Schuljugend ein Transparent hoch: „Brecht den Bonzen die Gräten – Alle Macht den Räten“. Am 5. Februar folgt eine weitere Demonstration „gegen Fahrpreiserhöhungen und Polizeigewalt“ in der Olshausenstraße; hinter den Marschierenden ragen das Uni-Hochhaus und das im Bau befindliche Audimax auf. Ein Banner dort fordert: „Sozialausgaben sind keine Unkosten! Gegen das Rentabilitäts-Argument bei öffentlichen Verkehrsmitteln.“
Es bleibt nicht bei den ersten Wochen. Am 13. April ziehen Studenten nach dem Attentat auf Rudi Dutschke über die Holstenbrücke („Kommt Terror von links? MORD kommt immer von rechts!“), am 29. Mai streikt die Universität gegen die Notstandsgesetze, am 23. August geht es in der Stadt um die Tschechoslowakei, und am 13. Dezember gibt es in der Mensa Handgemenge, als Studenten gegen Bundesforschungsminister Gerhard Stoltenberg protestieren und Mitglieder des RCDS dagegenhalten. Sit-ins, Teach-ins und Go-ins sind die Formen des Kieler Protests.
„Otto Hahn“: Der Atomfrachter fährt zum ersten Mal mit Kernkraft

Am 1. Februar übergibt die Kieler Werft nach erfolgreicher Probefahrt den Massengutfrachter mit Kernenergieantrieb an die Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schiffahrt mbH in Hamburg. Das Schiff, Baunummer 1103, ist am 13. Juni 1964 in Kiel vom Stapel gelaufen. Am 11. Oktober folgt die erste Fahrt mit Atomkraft.
Die Zahlen: 172,05 Meter Länge, 16.870 BRT, 17 Knoten. Der Druckwasserreaktor leistet 38 Megawatt thermisch. Heimathafen ist Hamburg, Eigner die Gesellschaft für Kernenergieverwertung (GKSS) in Geesthacht. Ihren Namen trägt das Schiff nach dem Chemiker Otto Hahn, dem Entdecker der Kernspaltung, der am 28. Juli in Göttingen gestorben ist und die Fahrt nicht mehr erlebt.
Aus heutiger Sicht
Der Atomantrieb blieb bis 1979 in Betrieb; das Schiff legte rund 650.000 Seemeilen zurück. 1982 wurde es verkauft und zum Containerschiff umgebaut, Ende 2009 in Bangladesch abgewrackt.
74. Kieler Woche: Stadtpräsident Köster eröffnet, Rudolf Hell erhält den Kulturpreis

Die 74. Kieler Woche läuft vom 23. bis 30. Juni. Eröffnet wird sie schon am Samstag, dem 22. Juni, vor dem Landwirtschaftsministerium; es spricht Stadtpräsident Hermann Köster, im Vordergrund steht der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Schütz. Am selben Tag startet die Regatta Kiel–Eckernförde, und am Hindenburgufer spielt das Jugendblasorchester Concordia unter Rudolf Wenzel.
Am 24. Juni erhält der Unternehmer Rudolf Hell den Kulturpreis der Stadt Kiel. Hell hatte 1947 in Dietrichsdorf ein Unternehmen für Nachrichtengeräte und elektronische Reproduktionstechnik gegründet; seit 1961 hat die Firma einen zweiten Standort in Gaarden.
Am 25. Juni wird es dienstlich. An Bord des Zerstörers „Schleswig-Holstein“ (D 182) begrüßt Vizeadmiral Karl Hetz, Oberbefehlshaber der Bundesmarine, den NATO-General Sir Kenneth Darling samt Gattin. Am selben Tag tagt zur Kieler Woche der Ausschuss für die Olympischen Segelwettbewerbe 1972: Oberbürgermeister Günther Bantzer, Vorsitzender Berthold Beitz, Stadtbaurat Klaus Müller-Ibold und DSV-Generalsekretär Herbert Kunze sitzen am Tisch. In Gaarden zeigt man derweil auf der Baukampfbahn an der Stoschstraße ein „Fest auf grünem Rasen“ mit Gymnastikvorführungen. Unter den Gästen im Hafen liegen der niederländische Kreuzer „De Ruyter“ (C 801) und das belgische Führungs- und Versorgungsschiff „Zinnia“ (A 961).
Schwimmkran „Magnus VII“ rammt die Prinz-Heinrich-Brücke

Drei Tage vor Beginn der Kieler Woche trifft es die Verbindung über den Nord-Ostsee-Kanal bei Holtenau: Am 20. Juni rammt der Schwimmkran „Magnus VII“ die Prinz-Heinrich-Brücke. Die Brücke wird für den Autoverkehr gesperrt, Mitarbeiter des Wasser- und Schifffahrtsamtes Kiel begutachten die Schäden.
Zwischen Wik und Holtenau herrscht starker Fährverkehr; an der Fähre Holtenau gibt es Massenandrang. Die Kanalfähre „Wik“ und der Fördedampfer „Vossbrook“ fahren als Personenfähren auf dem Kanal. Die Verkehrsbetriebe setzen zusätzliche Straßenbahnen und Busse ein; die Linie 4 endet in der Schleusenstraße, direkt an der Fähre.
KURZ NOTIERT · Kiel 1968
- 14. Februar — An der Holsatiamühle entschärft der Kampfmittelräumdienst eine britische 250-Kilo-Fliegerbombe.
- 26. Februar — Im Uhrenhaus des Wiker Gaswerks kommt es zu Explosion und Brand.
- 12. März — Der 50. Büssing-Trambus für die Verkehrsbetriebe Oslo Sporveier wird am Oslokai auf die norwegische Fähre „Prinsesse Ragnhild“ verladen.
- 22. März — Professor Herbert Jensen, von 1950 bis 1962 Stadtbaurat in Kiel, stirbt.
- 17. Mai — In der Ostseehalle eröffnet die Landesausstellung „Frau und Heim“. Zur Eröffnung werden Brieftauben freigelassen, Landwirtschaftsminister Ernst Engelbrecht-Greve ist dabei.
- 30. August — Im Scheerhafen wird die neue Ölbrücke der Schiffsentölung Harry Stallzus eingeweiht.
- 9. Oktober — HDW übergibt in Kiel den Motortanker „Elsa Essberger“ (Baunummer 1205) an die Reederei Essberger, Hamburg; aufgeschwommen war er am 4. August im Gaardener Baudock.
- 31. Dezember — Die Schleswig-Holsteinische Volkszeitung („VZ“, SPD-nah, 1877 gegründet) stellt aus wirtschaftlichen Gründen ihr Erscheinen ein. Die „Kieler Nachrichten“ sind künftig die einzige in Kiel produzierte Tageszeitung.
RUND UM DIE FÖRDE · 1968
- 12. November, Laboe — Die neue Schule in Laboe, in Fertigbauweise errichtet, ist fertig; im Oktober lagen dort erst die Fertigbauteile.
- 9. Dezember, Russee — Bürgermeister Heinrich Grömm tut den ersten Spatenstich für die Vollkanalisation in Russee; der erste Bauabschnitt reicht von der Seestraße bis zur Stadtgrenze Kiel-Hassee.
SPORT AN DER FÖRDE · 1968
- Holstein Kiel — Die Saison 1967/68 der Regionalliga Nord, der zweithöchsten Klasse, schließt die „Störche“ auf Platz 8 ab: 32 Spiele, 14 Siege, 5 Unentschieden, 13 Niederlagen, 47:37 Tore, 33:31 Punkte. Meister wird Arminia Hannover.
- Holstein Kiel — Am 7. Januar schlägt Holstein im Holsteinstadion den FC St. Pauli 1:0; am 17. März folgt ein 3:0 gegen Altona 93.
- THW Kiel — In der Handball-Bundesliga, Staffel Nord, belegt der Aufsteiger von 1967 Platz 3 mit 18:10 Punkten (9 Siege, 5 Niederlagen, 185:181 Tore). Meister wird die SG Leutershausen, die im Finale am 23. März Gummersbach 20:13 schlägt.
- THW Kiel — In der Ostseehalle gewinnt der THW am 20. Februar 13:8 gegen den Hamburger SV und am 16. März 17:15 gegen den VfL Bad Schwartau.
DAS WETTER · 1968 in Kiel
An diesem 13. Juli war es an der Förde ein milder Sommertag: Höchstwert 19,6 °C, in der Nacht 8,2 °C, im Mittel 14,7 °C; es blieb trocken (0,0 mm Niederschlag) bei 12,9 Stunden Sonne.
Das Jahr über: Im Mittel 8,7 °C. Wärmster Tag 30,2 °C am 17. Juni, kältester Tiefstwert −16,1 °C am 13. Januar. 1 Hitzetag (≥ 30 °C), 14 Sommertage (≥ 25 °C), 16 Eistage (Dauerfrost), 73 Frosttage; Jahresniederschlag 749 mm, Sonnenscheindauer 1742 Stunden.
(Messwerte der DWD-Station Kiel-Kronshagen. Quelle: DWD Climate Data Center.)