DER CHRONIST

Ein Jahr der Aufbrüche: Der Mensch verlässt erstmals seinen Planeten, die Bundesrepublik wechselt nach zwanzig Jahren Unionsherrschaft die Farbe ihrer Regierung — und auch im Ruhrgebiet zeigt die Kommunalwahl, dass der Wind sich gedreht hat. Auch anderswo geraten alte Ordnungen ins Wanken: In Frankreich tritt Charles de Gaulle zurück, in Libyen stürzt ein junger Offizier namens Muammar al-Gaddafi die Monarchie, und an der sowjetisch-chinesischen Grenze am Ussuri liefern sich einst verbündete Weltmächte blutige Gefechte. Zugleich zeigt sich der Fortschrittsglaube der Epoche in Rekordflugzeugen wie der Boeing 747 — und sein Gegenbild in den Manson-Morden in Kalifornien, die den Sommer der Liebe jäh beenden. In New York wiederum widersetzen sich Gäste der Bar Stonewall Inn einer Polizeirazzia und lösen damit die moderne Schwulenbewegung aus. So bunt und widersprüchlich wie das Jahr selbst ist auch dieser Rückblick geraten.

Die Schlagzeilen des Jahres

Der Mensch betritt den Mond: Apollo 11 landet

Astronaut Buzz Aldrin auf dem Mond, Apollo 11, Juli 1969
Astronaut Buzz Aldrin auf dem Mond, Apollo 11, Juli 1969 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Acht Jahre zuvor, am 25. Mai 1961, hatte US-Präsident John F. Kennedy vor dem Kongress das Ziel ausgegeben, noch vor Ende des Jahrzehnts einen Menschen auf den Mond zu bringen und sicher zur Erde zurückzuholen — eine Antwort auf den Vorsprung der Sowjetunion im Wettlauf ins All, der 1957 mit dem Sputnik-Schock begonnen und sich 1961 mit Juri Gagarins erstem bemannten Weltraumflug fortgesetzt hatte. Das dafür aufgelegte Apollo-Programm der NASA verschlingt bis 1969 rund 25 Milliarden Dollar und beschäftigt zeitweise mehrere Hunderttausend Menschen.

Am 16. Juli startet die dreistufige Saturn-V-Rakete vom Kennedy Space Center in Florida mit Neil Armstrong, Buzz Aldrin und Michael Collins an Bord. Beim Sinkflug der Landefähre „Eagle" zur Oberfläche lösen mehrere Computeralarme vom Typ „1202" beinahe einen Abbruch aus — nur weil Flugleitung und der Programmierer Jack Garman die Warnungen in letzter Sekunde als unkritisch einstufen, darf die Landung fortgesetzt werden. Armstrong übernimmt zudem manuell die Steuerung, um ein Felsfeld im Zielgebiet zu umfliegen, und setzt die Fähre mit nur noch rund 25 Sekunden Treibstoffreserve auf.

In der Nacht vom 20. auf den 21. Juli setzt die Mondlandefähre „Eagle" im Meer der Ruhe auf. Wenige Stunden später, um 3.56 Uhr MEZ, setzt Neil Armstrong als erster Mensch seinen Fuß auf den Mond — „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer Sprung für die Menschheit." Zwanzig Minuten später folgt Buzz Aldrin, während Michael Collins in der Kommandokapsel „Columbia" den Mond umkreist. Rund 21,5 Stunden verbringen die beiden Astronauten auf der Oberfläche, sammeln 21,5 Kilogramm Mondgestein, hinterlassen eine Gedenkplakette und eine US-Flagge — und Hunderte Millionen Menschen weltweit, auch in deutschen Wohnzimmern vor dem Fernseher, verfolgen live, wie ein jahrzehntealter Menschheitstraum wahr wird.

Am 24. Juli wassert die Kommandokapsel im Pazifik; der Flugzeugträger USS Hornet birgt die drei Astronauten, die zunächst rund drei Wochen in Quarantäne verbringen, um eine mögliche Verunreinigung mit Mondkeimen auszuschließen. Danach werden Armstrong, Aldrin und Collins in mehreren amerikanischen Großstädten mit Konfettiparaden gefeiert und reisen anschließend um die Welt — Apollo 11 gilt seither als einer der prägendsten technischen und symbolischen Erfolge des 20. Jahrhunderts.

Machtwechsel in Bonn: Willy Brandt wird Bundeskanzler

Willy Brandt, 1969 zum Bundeskanzler gewählt
Willy Brandt, 1969 zum Bundeskanzler gewählt (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Vorausgegangen war die Bundestagswahl vom 28. September, bei der 86,7 % der Wahlberechtigten ihre Stimme abgaben. Die CDU/CSU blieb mit 46,1 % (36,6 % CDU plus 9,5 % CSU) und 242 Sitzen zwar stärkste Kraft, die SPD unter Brandt erzielte mit 42,7 % und 224 Sitzen aber ihr bislang bestes Ergebnis. Weil sich die FDP (5,8 %, 30 Sitze) unter ihrem neuen Vorsitzenden Walter Scheel für ein Bündnis mit den Sozialdemokraten entscheidet, verfügt die neue Koalition trotz der Stimmenmehrheit der Union über eine knappe Mehrheit von zwölf Mandaten im Bundestag — eine Mehrheit, die es ohne das knappe Scheitern der rechtsextremen NPD an der Fünf-Prozent-Hürde (4,3 %) nicht gäbe. Für Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) und seine seit 1966 amtierende Große Koalition bedeutet dies das Ende der Regierungsverantwortung — die Union geht erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik in die Opposition.

Der Deutsche Bundestag wählt Willy Brandt (SPD) am 21. Oktober mit 251 von 249 notwendigen Stimmen zum Bundeskanzler — erstmals seit zwanzig Jahren ununterbrochener Unionsherrschaft steht ein Sozialdemokrat an der Spitze der Bundesregierung, getragen von der neuen sozialliberalen Koalition aus SPD und FDP unter Außenminister Walter Scheel. Brandt, 1913 als Herbert Frahm in Lübeck geboren, war als überzeugter Sozialdemokrat während der NS-Zeit ins norwegische und später schwedische Exil gegangen, ehe er nach dem Krieg als Regierender Bürgermeister von West-Berlin (1957–1966) — unter anderem während des Mauerbaus 1961 — und als Außenminister der Großen Koalition (1966–1969) Profil gewann. In seiner Regierungserklärung am 28. Oktober prägt Brandt den Satz „Wir wollen mehr Demokratie wagen" und kündigt Reformen im Innern sowie eine neue Ost- und Deutschlandpolitik an, die in den kommenden Jahren zu Verträgen mit Moskau und Warschau führen soll — das Ende der Ära Adenauer/Erhard/Kiesinger ist damit endgültig besiegelt.

Erster sozialdemokratischer Bundespräsident: Gustav Heinemann gewählt

Gustav Heinemann, erster sozialdemokratischer Bundespräsident
Gustav Heinemann, erster sozialdemokratischer Bundespräsident (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

In der Ostpreußenhalle auf dem Berliner Messegelände wählt die Bundesversammlung Gustav Heinemann (SPD) zum dritten Bundespräsidenten der Bundesrepublik. In den ersten beiden Wahlgängen verfehlen sowohl Heinemann als auch der CDU-Kandidat Gerhard Schröder die dafür nötige absolute Mehrheit; erst im entscheidenden dritten Wahlgang, in dem nur eine relative Mehrheit erforderlich ist, setzt sich Heinemann mit 512 zu 506 Stimmen knapp durch. Erst kurz vor der Wahl hatte sich die FDP-Fraktion in der Bundesversammlung entschieden, den früheren Justizminister zu unterstützen — ein informelles Bündnis von SPD und FDP, das schon Monate vor der Bundestagswahl den Machtwechsel in Bonn ankündigt.

Der 1899 geborene Heinemann, zunächst CDU-Mitglied und 1949/50 Bundesinnenminister unter Konrad Adenauer, war 1950 aus Protest gegen die von Adenauer vorangetriebene Wiederbewaffnung der Bundesrepublik zurückgetreten und aus der Partei ausgetreten. Über die von ihm mitgegründete Gesamtdeutsche Volkspartei kam er 1957 zur SPD, in deren Reihen er von 1966 bis 1969 als Bundesjustizminister der Großen Koalition eine kleine Strafrechtsreform durchsetzte. Sein Amt tritt Heinemann am

  1. Juli an; als „Erster Diener des Staates" — so seine eigene Formulierung — will er das Präsidentenamt bewusst zurückhaltender und bürgernäher ausüben als seine Vorgänger Theodor Heuss und Heinrich Lübke.
Aus heutiger Sicht

Bis heute gilt Heinemanns Wahl im dritten Wahlgang als eine der knappsten Bundespräsidentenwahlen der deutschen Geschichte — nötig war dort nur die einfache Mehrheit, die absolute hatte er in keinem der drei Wahlgänge erreicht.

Wende im Ruhrgebiet: SPD gewinnt Kommunalwahl in Castrop-Rauxel mit absoluter Mehrheit

Der Europaplatz mit dem Rathaus von Castrop-Rauxel
Der Europaplatz mit dem Rathaus von Castrop-Rauxel (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Auch im Ruhrgebiet schlägt die politische Stimmung um: Bei der Kommunalwahl in Castrop-Rauxel erringt die SPD mit 55,8 % der Stimmen die absolute Mehrheit im Rat, deutlich vor CDU (39,1 %) und FDP (3,5 %). Der Erfolg fällt in ein Jahr, in dem der Steinkohlenbergbau des Reviers im Umbruch steckt: Grundlage ist das 1968 verabschiedete Kohleanpassungsgesetz des Bundes, mit dem der seit Jahren anhaltenden Kohlekrise — sinkende Nachfrage durch billiges Importöl, schrumpfende Belegschaften, Zechenschließungen — begegnet werden soll. Auf seiner Grundlage schließen sich am 27. November 1968 in Essen 23 Bergbaugesellschaften mit rund 120 Zechen zur Ruhrkohle AG zusammen; den Grundlagenvertrag zwischen Bund, Ländern und Bergbauunternehmen unterzeichnen die Beteiligten am 18. Juli 1969. In Castrop-Rauxel selbst prägen die Zechen Erin und Victor-Ickern das Stadtbild und die Beschäftigung Zehntausender Bergleute und ihrer Familien — Victor-Ickern geht 1969 im neuen Konzern auf, während Erin noch bis in die achtziger Jahre gefördert wird. In den traditionellen Bergarbeiterstädten des Reviers bleibt die SPD trotz der Umbrüche und der Sorge um Arbeitsplätze die dominierende Kraft. Was in Bonn mit Brandts Wahl beginnt, bestätigt sich damit auch unter den Fördertürmen des Reviers.

Drei Tage Frieden, Musik und Regen: Woodstock

Die Menge beim Woodstock-Festival, August 1969
Die Menge beim Woodstock-Festival, August 1969 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Auf der Farm von Max Yasgur bei Bethel im Bundesstaat New York versammeln sich unter dem Motto „3 Days of Peace & Music" schätzungsweise bis zu 400.000 bis 500.000 junge Menschen zum Woodstock Music and Art Fair. Rund 32 Musikgruppen und Solokünstler treten auf, von Richie Havens, der das Festival am Freitagnachmittag eröffnet, über Janis Joplin, The Who, Sly and the Family Stone, Santana — für die Band der internationale Durchbruch — und die Grateful Dead bis zu Jimi Hendrix, der das Festival am frühen Montagmorgen mit einer verzerrten Version der amerikanischen Nationalhymne beschließt. Anreise und Versorgung geraten früh außer Kontrolle: Zehntausende Autos verstopfen tagelang die Zufahrtsstraßen, Zäune und Eintrittskarten werden bedeutungslos, Nahrungsmittel und sanitäre Einrichtungen sind hoffnungslos überfordert, und Dauerregen verwandelt das Gelände in ein Schlammfeld. Drei Todesfälle werden gezählt — zwei durch eine Drogenüberdosis, einer, weil ein Jugendlicher im Schlaf von einem Traktor überrollt wird —, während Berichten zufolge auf der Anfahrt und in Festivalnähe auch Kinder geboren werden. Das Festival wird zum Sinnbild einer ganzen Generation und ihrer Gegenkultur; der 1970 uraufgeführte, mit dem Oscar ausgezeichnete Dokumentarfilm „Woodstock" trägt das Bild des Festivals in die Kinos der ganzen Welt — ein Echo, das auch über den Atlantik bis in die westdeutsche Jugendkultur der siebziger Jahre hineinwirkt.

Aus heutiger Sicht

Die Rezeption des Festivals bleibt gespalten: Während Woodstock zeitgenössisch als Höhepunkt der Hippie-Bewegung gefeiert wird, nennt es der Journalist Alan Posener im Rückblick einen „großen Medienschwindel", bei dem der Mythos die Realität überwogen habe.

Erstflug des Jumbo-Jets: Boeing 747 hebt erstmals ab

Der erste Boeing-747-Prototyp „City of Everett" (N7470)
Der erste Boeing-747-Prototyp „City of Everett" (N7470), der am 9. Februar 1969 zum Erstflug abhob, heute erhalten im Museum of Flight, Seattle (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Auf dem Werksflugplatz in Everett bei Seattle im US-Bundesstaat Washington hebt am 9. Februar erstmals die Boeing 747 ab — mit rund 70 Metern Länge, Platz für bis zu knapp 500 Passagiere und dem markanten Buckel im vorderen Rumpf mit Abstand das größte Verkehrsflugzeug, das je gebaut wurde. Der rund 75-minütige Testflug unter Chefpilot Jack Waddell verläuft ohne größere Zwischenfälle, wenige Monate nachdem die erste Maschine mit dem Kennzeichen N7470 im September 1968 vor Tausenden Zuschauern aus der Montagehalle gerollt worden war.

Entwickelt wird der „Jumbo-Jet" auf Initiative der Fluggesellschaft Pan American World Airways, die bereits 1966 eine Bestellung über 25 Maschinen aufgibt und damit das kommerzielle Risiko für Boeing maßgeblich absichert; das Programm erfordert den Bau der damals größten Fabrikhalle der Welt in Everett. Nach rund zehnmonatiger Erprobung und Zulassung im Dezember nimmt Pan Am die 747 im Januar 1970 auf der Strecke New York–London in den Liniendienst. Die enorme Kapazität senkt die Kosten pro Sitzplatz spürbar und macht Interkontinentalflüge einem breiteren Publikum zugänglich — eine Entwicklung, von der in den siebziger Jahren auch der wachsende Ferienflugverkehr aus der Bundesrepublik profitiert. Der Jumbo bleibt über Jahrzehnte das Symbol des Massenflugverkehrs.

Blutiger Grenzkonflikt am Ussuri zwischen Sowjetunion und China

Ein sowjetischer T-62-Panzer, der bei den Kämpfen um die Insel Damanski/Zhenbao verloren ging
Ein bei den Kämpfen um die Insel Damanski (Zhenbao) 1969 verlorener sowjetischer T-62-Panzer, später geborgen und im Militärmuseum Peking ausgestellt (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 2. März überqueren rund 300 chinesische Soldaten den zugefrorenen Grenzfluss Ussuri im Fernen Osten der Sowjetunion und greifen eine sowjetische Grenzpatrouille auf der umstrittenen Insel Damanski (chinesisch Zhenbao Dao) an; mehrere Dutzend sowjetische Grenzsoldaten kommen ums Leben. Der seit Jahren schwelende Grenzstreit zwischen den beiden kommunistischen Großmächten, deren Verhältnis sich seit dem sowjetisch-chinesischen Zerwürfnis Ende der fünfziger Jahre stetig verschlechtert hatte, eskaliert damit erstmals zu offenen militärischen Zusammenstößen. Am 15. März antwortet die sowjetische Armee mit massivem Artillerie- und Raketenbeschuss auf die Insel, dem nach unterschiedlichen Angaben Hunderte chinesische Soldaten zum Opfer fallen; Moskau beziffert die eigenen Verluste auf 58 Tote.

In den folgenden Wochen kommt es an weiteren Grenzabschnitten in Zentralasien zu Zwischenfällen, während in Moskau Presseberichten zufolge sogar ein begrenzter Militärschlag gegen chinesische Nuklearanlagen erwogen wird. Erst ein Treffen der Regierungschefs Alexei Kossygin und Zhou Enlai am 11. September in Peking entschärft die Lage; beide Seiten vereinbaren, die Kämpfe einzustellen und Grenzverhandlungen aufzunehmen, die sich über Jahrzehnte hinziehen sollen. Der Konflikt gilt rückblickend als Höhepunkt der chinesisch-sowjetischen Entfremdung im Kalten Krieg und als einer der Gründe, warum sich Peking in den folgenden Jahren vorsichtig den USA annähert.

Rücktritt Charles de Gaulles und Wahl Georges Pompidous

Georges Pompidou als Kandidat für die französische Präsidentschaftswahl, April 1969
Georges Pompidou als Kandidat für die französische Präsidentschaftswahl, aufgenommen am 29. April 1969, unmittelbar nach dem Rücktritt de Gaulles (Wikimedia Commons, CC0)

Nach elf Jahren an der Spitze der von ihm selbst 1958 gegründeten Fünften Republik verlässt Frankreichs Staatspräsident die politische Bühne. Am 27. April lässt Charles de Gaulle die Franzosen in einem Referendum über eine Reform des Senats und eine Neuordnung der Regionen abstimmen — und verknüpft die Abstimmung, wie schon öfter in seiner Amtszeit, mit einer persönlichen Vertrauensfrage: Scheitert die Vorlage, werde er zurücktreten. 53,2 % der Wähler stimmen mit Nein; noch in der folgenden Nacht erklärt de Gaulle in einer knappen Erklärung seinen sofortigen Rücktritt. Der 78-Jährige, der als Anführer des „Freien Frankreich" im Zweiten Weltkrieg und als Ministerpräsident während der Algerienkrise 1958 die Verfassung der Fünften Republik maßgeblich geprägt hatte, zieht sich fortan ins ostfranzösische Colombey-les-Deux-Églises zurück, wo er im November 1970 stirbt. Übergangsweise übernimmt Senatspräsident Alain Poher die Amtsgeschäfte.

Bei der vorgezogenen Präsidentschaftswahl setzt sich am 15. Juni im zweiten Wahlgang Georges Pompidou, langjähriger Ministerpräsident unter de Gaulle, mit rund 58 % der Stimmen gegen Poher durch. Pompidou, zuvor Bankier bei Rothschild und von 1962 bis 1968 Regierungschef, führt die gaullistische Politik in gemäßigterer Form fort und öffnet Frankreich zugleich für den EWG-Beitritt Großbritanniens. Für die Bundesrepublik, deren Verhältnis zu Paris seit dem Élysée-Vertrag 1963 als Achse der europäischen Einigung gilt, bedeutet der Machtwechsel in Paris einen Wechsel an der Spitze eines Schlüsselpartners.

Stonewall-Aufstand in New York: Beginn der modernen Schwulenbewegung

Das Stonewall Inn in der Christopher Street, Greenwich Village
Das Stonewall Inn in der Christopher Street, Schauplatz der Polizeirazzia vom 28. Juni 1969 — Aufnahme des historischen Gebäudes von 2016 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

In der Nacht zum 28. Juni durchsucht die New Yorker Polizei routinemäßig die Bar Stonewall Inn in der Christopher Street im Stadtteil Greenwich Village, einen der wenigen offen von homosexuellen und Transgender-Gästen besuchten Treffpunkte der Stadt. Solche Razzien gehören für die Szene New Yorks zum Alltag, weil gleichgeschlechtliches Tanzen und das Tragen „geschlechtsuntypischer" Kleidung vielerorts noch als Ordnungswidrigkeit verfolgt werden. Anders als sonst fügen sich die Gäste diesmal nicht widerstandslos: Vor dem Lokal sammelt sich eine wachsende, zunehmend aufgebrachte Menge, es kommt zu Rangeleien, Flaschenwürfen und Straßenschlachten mit der Polizei, die sich über mehrere Nächte hinziehen.

Die als Stonewall-Unruhen in die Geschichte eingehenden Proteste gelten rückblickend als Initialzündung der modernen Schwulen- und Lesbenbewegung in den USA und darüber hinaus. Bereits im Sommer 1969 gründen sich in New York erste Aktivistengruppen wie die Gay Liberation Front, die offen für rechtliche Gleichstellung eintreten; zum ersten Jahrestag ziehen im Juni 1970 Tausende beim „Christopher Street Liberation Day" durch Manhattan — dem Vorbild der heutigen, weltweit auch in deutschen Großstädten stattfindenden Christopher-Street-Day-Paraden. In der Bundesrepublik, wo der 1871 eingeführte und im selben Jahr 1969 gerade erst gelockerte Paragraf 175 einvernehmliche homosexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Männern noch immer teilweise unter Strafe stellt, bleibt das Ereignis zunächst wenig beachtet, entfaltet seine Wirkung auf die westdeutsche Schwulenbewegung aber in den folgenden Jahren.

Manson-Morde erschüttern Kalifornien

Schauspielerin Sharon Tate, 1969
Die Schauspielerin Sharon Tate, hier bei den Dreharbeiten zu „The Thirteen Chairs" 1969, wenige Monate vor ihrer Ermordung (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In der Nacht vom 8. auf den 9. August dringen mehrere junge Anhänger des selbsternannten Sektenführers Charles Manson in eine Villa am Cielo Drive in den Hollywood Hills von Los Angeles ein und ermorden fünf Menschen, darunter die hochschwangere Schauspielerin Sharon Tate, Ehefrau des Regisseurs Roman Polanski, sowie den Friseur Jay Sebring. In der folgenden Nacht töten Mitglieder derselben, sich selbst als „Familie" bezeichnenden Kommune das Ehepaar Leno und Rosemary LaBianca in einem anderen Stadtteil von Los Angeles. An den Tatorten hinterlassen die Täter mit dem Blut der Opfer Parolen wie „Pig" und „Healter Skelter" — ein von Manson erdachtes, aus einem Beatles-Songtitel abgeleitetes Schlagwort für einen von ihm herbeigesehnten Rassenkrieg, mit dem er seine Anhänger monatelang indoktriniert hatte.

Wochenlang tappt die Polizei im Dunkeln, ehe im Oktober bei einer Razzia auf der abgelegenen Barker Ranch im Death Valley Manson und mehrere seiner Anhänger festgenommen werden, zunächst wegen anderer Delikte. Erst die Aussagen einer beteiligten Anhängerin bringen die Ermittler auf die Spur der Morde; 1970/71 werden Manson und mehrere Mittäterinnen und Mittäter des Mordes für schuldig befunden und zum Tode verurteilt, die Strafe nach Aufhebung der kalifornischen Todesstrafe 1972 in lebenslange Haft umgewandelt. Die von den Massenmedien ausführlich begleiteten Taten gelten vielen Amerikanern rückblickend als symbolisches Ende der optimistischen Hippie-Ära, die nur wenige Tage später in Woodstock ihren vielleicht letzten großen Höhepunkt erlebt.

Militärputsch in Libyen: Muammar al-Gaddafi stürzt König Idris

Muammar al-Gaddafi mit Ägyptens Präsident Gamal Abdel Nasser, 1969
Muammar al-Gaddafi (links) mit Ägyptens Präsident Gamal Abdel Nasser, 1969, kurz nach dem Sturz der libyschen Monarchie (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In der Nacht zum 1. September stürzt eine Gruppe junger Offiziere um den 27-jährigen Hauptmann Muammar al-Gaddafi die libysche Monarchie. Während sich König Idris I. zur Kur in der Türkei aufhält, besetzen Einheiten des von Gaddafi angeführten „Bundes Freier Offiziere" in einer nahezu unblutigen Aktion Rundfunkstationen, Kasernen und Regierungsgebäude in Tripolis und Bengasi. Über Radio Bengasi verkündet Gaddafi die Absetzung des Königshauses und die Ausrufung der Libysch-Arabischen Republik. Idris, der das seit 1951 unabhängige Königreich Libyen geführt hatte, kehrt nicht mehr zurück und lebt bis zu seinem Tod 1983 im ägyptischen Exil.

Der als „Revolutionärer Kommandorat" auftretende Kreis um Gaddafi, der sich rasch selbst zum Oberst befördert und zur beherrschenden Figur des neuen Regimes aufsteigt, kündigt panarabische, sozialistische und islamisch geprägte Reformen an. Bereits in den folgenden Monaten beginnt die neue Führung, die US-amerikanische Luftwaffenbasis Wheelus Field bei Tripolis sowie britische Stützpunkte räumen zu lassen, und leitet eine schrittweise Verstaatlichung der Ölindustrie ein — Libyen zählt bereits damals zu den wichtigsten Erdölförderländern am Mittelmeer, was den Umbruch auch für die von arabischem Öl abhängige Bundesrepublik und Westeuropa zu einem Ereignis mit wirtschaftlicher Tragweite macht. Gaddafi wird die libysche Politik für die kommenden vier Jahrzehnte bestimmen.

Nobelpreis für einen gebürtigen Berliner: Max Delbrück

Max Delbrück, Biophysiker
Max Delbrück, aufgenommen während seiner Jahre an der Vanderbilt University in den USA, um 1940 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Die Schwedische Akademie verleiht den diesjährigen Nobelpreis für Physiologie oder Medizin gemeinsam an Max Delbrück, Alfred Hershey und Salvador Luria für ihre Entdeckungen über den Vermehrungsmechanismus und die genetische Struktur von Viren. Delbrück, 1906 in Berlin geboren, hatte in Deutschland ursprünglich Physik studiert, ehe er in den USA zu einem der Wegbereiter der modernen Genetik wurde — mit seiner „Phagengruppe" um die Erforschung von Bakteriophagen legte er den Grundstein für die molekularbiologische Erforschung der Vererbung. Auf die Ehrung reagiert der zurückhaltende Forscher nach Angaben aus seinem Umfeld betont bescheiden; das Preisgeld will er nach eigener Aussage an Amnesty International spenden.

Aus heutiger Sicht

Seit 1992 trägt das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) in Berlin-Buch, heute Teil der Helmholtz-Gemeinschaft, den Namen des gebürtigen Berliners — eine bleibende Würdigung in seiner Heimatstadt.

Nichteheliche Kinder werden per Gesetz gleichgestellt

Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe
Der Sitz des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe, 1965–1969 erbaut und im Frühjahr 1969 bezogen (Foto von 2006, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Der Bundestag verabschiedet am 19. August das „Gesetz über die rechtliche Stellung der nichtehelichen Kinder" — noch von der Großen Koalition kurz vor der Bundestagswahl auf den Weg gebracht. Vorausgegangen war ein Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 29. Januar, der dem Gesetzgeber eine Frist bis zum Ende der Legislaturperiode setzte, die in Artikel 6 Absatz 5 des Grundgesetzes verankerte Gleichstellung nichtehelicher Kinder endlich umzusetzen. Das neue Gesetz erkennt erstmals die verwandtschaftliche Beziehung zwischen einem nichtehelichen Kind und seinem Vater nicht nur biologisch, sondern auch rechtlich an; das Kind erhält gegenüber dem Vater erstmals ein Erbrecht, im Falle der Konkurrenz mit ehelichen Kindern als sogenannten Erbersatzanspruch. In Kraft treten soll die Neuregelung zum 1. Juli 1970.

Wilde Streiks im Revier: Zehntausende legen ohne Gewerkschaft die Arbeit nieder

Hauptverwaltung der Hoesch AG in Dortmund
Die historische Hauptverwaltung der Hoesch AG auf der Dortmunder Westfalenhütte, wo die Streikwelle am 2. September ihren Ausgang nahm (Foto von 2008, Wikimedia Commons, GFDL 1.2)

Am 2. September legt die Belegschaft der Hoesch AG in Dortmund spontan die Arbeit nieder und zieht demonstrativ vor das Verwaltungsgebäude — ohne Auftrag und ohne Beteiligung der IG Metall. Die Forderung ist schnell formuliert: 30 Pfennig mehr Lohn pro Stunde. Die Werksleitung gibt binnen kürzester Zeit nach, doch die Nachricht wirkt wie ein Fanal. In den folgenden Wochen greift die Streikwelle auf die gesamte Montan- und Stahlindustrie sowie Teile des öffentlichen Dienstes über: Vom 2. bis 19. September legen im Ruhrgebiet und im Saarland zusammen mindestens 140.000 Beschäftigte die Arbeit nieder, ehe die Unruhe auch in der Oberpfalz, in Kiel und in Bremen ankommt. Vom 9. bis 11. September streiken allein 10.000 Bergleute der neu gegründeten Ruhrkohle AG. Hintergrund des spontanen Aufbegehrens sind Reallohnverluste, welche die Beschäftigten seit der „Konzertierten Aktion" der Großen Koalition hinnehmen mussten, während die anziehende Konjunktur der Stahlindustrie zuletzt kräftige Gewinnsprünge beschert hatte. Am Ende erzwingen die unangemeldeten Streiks für über 8 Millionen Beschäftigte Lohnerhöhungen außerhalb der regulären Tarifrunden.

Aus heutiger Sicht

Die Septemberstreiks richteten sich ausdrücklich gegen die Gewerkschaften selbst, die von den Belegschaften nicht mandatiert worden waren — und waren trotzdem in kürzester Zeit erfolgreich. Historiker werten sie im Rückblick als Vorboten einer gewerkschaftlichen Neuorientierung, nachdem die Lohnleitlinien-Politik der Konzertierten Aktion an ihre Grenzen gestoßen war.

Herztransplantation in München — Hoffnung und Rückschlag

Ehemalige Operationssäle der Chirurgischen Klinik München
Die ehemaligen Operationssäle der Chirurgischen Klinik München in der Nußbaumstraße, Schauplatz der ersten deutschen Herztransplantation (Foto von 2024, Wikimedia Commons, CC0)

Am 13. Februar gelingt einem rund 30-köpfigen Team um Chirurgieprofessor Rudolf Zenker an der Chirurgischen Klinik München in der Nußbaumstraße — mit den Ärzten Werner Klinner und Fritz Sebening als tragenden Kräften — die erste Herztransplantation in der Bundesrepublik. Empfänger ist ein 36 Jahre alter Patient, Spenderin eine 39-jährige Frau, die bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war. Das transplantierte Herz schlägt zunächst kräftig, und für Stunden scheint der Eingriff geglückt — die Ärzte sprechen von einem historischen Erfolg für die deutsche Chirurgie, die damit gut zwei Jahre nach der weltweit ersten Herztransplantation durch den südafrikanischen Chirurgen Christiaan Barnard in Kapstadt gleichzieht. Doch 27 Stunden nach der Operation stirbt der Patient; eine Obduktion findet als Ursache einen unfallbedingten Einriss in einer Herzkranzarterie mit einem Blutgerinnsel.

Aus heutiger Sicht

Nach diesem und einem zweiten Münchner Versuch im folgenden März zieht sich die deutsche Transplantationsmedizin für über ein Jahrzehnt zurück — erst im Mai 1981 wagt sich ein deutsches Team wieder an eine Herztransplantation. Die rund 100 Herztransplantationen, die bis dahin weltweit versucht worden waren, hatten allesamt mit verheerenden Überlebensraten geendet — ein Lehrstück für die Kluft zwischen der Aufbruchsstimmung von 1969 und der medizinischen Realität.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Am 20. Januar tritt Richard Nixon sein Amt als 37. Präsident der Vereinigten Staaten an.
  • Am 29. Oktober gelingt zwischen den Universitäten UCLA und Stanford die erste Datenübertragung im ARPANET — die ersten zwei erfolgreich gesendeten Zeichen lauten „lo" (statt „login", der Rechner stürzt danach ab). Der Vorläufer des heutigen Internets ist geboren.
  • Am 2. März hebt in Toulouse die Concorde zu ihrem 27-minütigen Erstflug ab — das erste Überschall-Passagierflugzeug der Welt, ein französisch-britisches Gemeinschaftsprojekt, ist damit erstmals in der Luft.
  • In Castrop-Rauxel geht die Zeche Victor-Ickern 1969 in der neu gegründeten Ruhrkohle AG auf — ein weiteres konkretes Kapitel des Strukturwandels, der die Fördertürme des Reviers in den kommenden Jahren zusammenführt oder zum Erliegen bringt.

WIRTSCHAFT · 1969

Nach der Rezession von 1966/67 befindet sich die westdeutsche Wirtschaft 1969 in einem kräftigen Aufschwung, von dem vor allem die Stahlindustrie profitiert — die Konzerne im Revier melden deutliche Gewinnsprünge. Bei den Beschäftigten kommt der Boom zunächst kaum an: Die Lohnleitlinien der „Konzertierten Aktion" aus der Zeit der Großen Koalition hatten Reallohnverluste zur Folge, die sich im September auf spektakuläre Weise entladen — in den Septemberstreiks (siehe oben) erzwingen die Belegschaften an IG Metall und Arbeitgebern vorbei Lohnerhöhungen für über 8 Millionen Beschäftigte. Im Bergbau bündelt derweil die neu gegründete Ruhrkohle AG große Teile des Ruhrbergbaus unter einem Dach — ein erster Schritt auf dem Weg zu den Zechenstilllegungen der kommenden Jahre.

Der Preisspiegel:

  • Brot (1 kg) — 1,22 DM
  • Butter (1 kg) — 7,72 DM
  • Milch (1 l) — 0,74 DM
  • Eier (1 Stück) — 0,22 DM
  • Rindfleisch (1 kg) — 9,79 DM
  • Schweinefleisch (1 kg) — 7,99 DM
  • Mehl (1 kg) — 1,04 DM
  • Benzin, Normal (1 l) — 0,56 DM

SPORT · 1969

Im deutschen Fußball dominiert der FC Bayern München: Unter dem jugoslawischen Trainer Branko Zebec gewinnt der Klub die Meisterschaft mit acht Punkten Vorsprung vor Alemannia Aachen und setzt sich zudem im DFB-Pokal durch — das erste Double eines deutschen Vereins seit dem FC Schalke 04 im Jahr 1937, und der Auftakt zu einer Ära, die den deutschen Vereinsfußball in den siebziger Jahren prägen wird. Tragende Figur ist Torjäger Gerd Müller, der mit 30 Treffern zum zweiten Mal Torschützenkönig der Bundesliga wird und gemeinsam mit dem jungen Abwehrspieler Franz Beckenbauer den Grundstein für die kommende Erfolgsära des Klubs legt. Im Ruhrgebiet verfolgt man die Erfolge der Bayern vom Rand der Eliteklasse aus: Der VfL Bochum spielt noch in der Regionalliga West und muss sich bis 1971 gedulden, ehe ihm der Aufstieg in die Bundesliga gelingt.

MODE · 1969

Woodstock im August setzt modisch ein Fanal: Fransenjacken, Batikmuster und Jeans werden zur Uniform einer ganzen Generation, die sich von bürgerlicher Kleiderordnung lossagt. Der Hippie-Look verschmilzt mit Trends, die schon seit Mitte der sechziger Jahre die Straße erobert haben — dem von der britischen Designerin Mary Quant popularisierten Minirock und bunten, psychedelisch anmutenden Mustern —, und ergänzt sie um Ethno-Elemente aus Afghanistan, Indien und Nordafrika: bestickte Westen, Ponchos und Perlenketten. Auch lange Haare bei jungen Männern werden zum sichtbaren, in bürgerlichen Kreisen oft argwöhnisch beäugten Bekenntnis zur Gegenkultur. Auch in westdeutschen Städten wie Castrop-Rauxel erobert der Hippie-Look von der Straße aus langsam die Jugendmode, während die ältere Generation bei klassischer Konfektion — Kostüm, Krawatte, Hut — bleibt.

KINO & FERNSEHEN · 1969

An den bundesdeutschen Kinokassen dominiert der Italo-Western „Spiel mir das Lied vom Tod" mit rund 13 Millionen Besuchern, weit vor Walt Disneys „Ein toller Käfer" und der Verfilmung von „Pippi Langstrumpf". Auch der neue James-Bond-Darsteller George Lazenby in „Im Geheimdienst ihrer Majestät" und die Gegenkultur-Ikone „Easy Rider" füllen die Säle, während der Schlagerfilm „Heintje – Ein Herz geht auf Reisen" dem jungen Publikum ein Idol liefert. Das mit Abstand größte Fernsehereignis des Jahres aber ist die Mondlandung: Der WDR überträgt in der Nacht zum 21. Juli 28 Stunden durchgehend aus einem eigens errichteten „Apollo-Sonderstudio" in Köln, in dem ein maßstabsgetreu nachgebauter Ausschnitt der Mondlandefähre steht — Wissenschaftsredakteur Günter Siefarth kommentiert gemeinsam mit dem USA-Korrespondenten Hans Heine, während fast das gesamte reguläre Programm für die Sondersendung weicht.

GESTORBEN · 1969

  • Karl Jaspers (86), Philosoph und Psychiater — 26. Februar, Basel.
  • Walter Gropius (86), Architekt, Bauhaus-Gründer — 5. Juli, Boston.
  • Otto Dix (77), Maler und Grafiker — 25. Juli, Singen am Hohentwiel.
  • Ludwig Mies van der Rohe (83), Architekt — 17. August, Chicago.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1969

  • Erster Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verliehen (10. Dezember). Die Ökonomen Ragnar Frisch und Jan Tinbergen erhalten in Stockholm den neu geschaffenen Nobelpreis für ihre Arbeiten zur dynamischen Modellierung wirtschaftlicher Prozesse — ein Meilenstein für die Wirtschaftswissenschaften als eigenständige Disziplin.
  • Ruhr-Universität Bochum schließt zentrale Bauphase ab (August). Die Gebäude für Natur- und Geisteswissenschaften sowie Medizin der ersten Universitätsneugründung der Bundesrepublik werden fertiggestellt — mitten im Kohlerevier wächst, nur wenige Kilometer von Castrop-Rauxel entfernt, eine neue akademische Zukunft heran.
  • NPD scheitert an der Fünf-Prozent-Hürde (21. September, Bundestagswahl). Die rechtsextreme Partei verfehlt mit 4,3 Prozent knapp den Einzug in den Bundestag — eine demokratische Weichenstellung, die erst die spätere sozialliberale Koalitionsmehrheit ermöglicht.
  • WDR sendet 28 Stunden zur Mondlandung (20./21. Juli, Köln). Aus einem eigens errichteten Apollo-Sonderstudio mit nachgebauter Mondlandefähre begleitet der Sender das historische Ereignis in einer bis dahin beispiellosen Fernseh-Marathonsendung.

DAS WETTER · 1969 in Castrop-Rauxel

An diesem 13. Juli war es im Ruhrgebiet ein milder Sommertag: Höchstwert 21,8 °C, in der Nacht 13,2 °C, im Mittel 17,0 °C; kein Tropfen Regen fiel.

Das Jahr über: Im Mittel 9,5 °C. Wärmster Tag 31,5 °C am 24. Juli, kältester −9,9 °C am 14. Februar. 5 Hitzetage (≥ 30 °C), 20 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 835 mm.

(Messwerte der Station Essen, rund 30 km westlich von Castrop-Rauxel — nächstgelegene durchgehend messende Station im Ruhrgebiet; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1969

Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts (amtliche Charts ab 1959).

  1. Je T'aime... Moi Non Plus — Serge Gainsbourg & Jane Birkin
  2. Mendocino — Sir Douglas Quintet
  3. Pretty Belinda — Chris Andrews
  4. Geh Nicht Vorbei — Christian Anders
  5. Das Mädchen Carina — Roy Black
  6. Eloise — Barry Ryan
  7. Mendocino — Michael Holm
  8. Liebesleid — Peter Alexander
  9. Dizzy — Tommy Roe
  10. In The Year 2525 (Exordium & Terminus) — Zager & Evans
  11. In The Ghetto — Elvis Presley
  12. Oh, Happy Day — The Edwin Hawkins Singers
  13. Was Damals War — Karel Gott
  14. Aquarius (Let The Sunshine In) — The 5th Dimension
  15. Proud Mary — Creedence Clearwater Revival
  16. Ich Denk An Dich — Roy Black
  17. Er Steht Im Tor — Wencke Myhre
  18. Es Geht Eine Träne Auf Reisen — Salvatore Adamo
  19. Heidschi Bumbeidschi — Heintje
  20. Pretty Belinda — Bernd Spier

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (chartsurfer.de / offizielle Charts).

Lokalteil Kiel / Schleswig-Holstein

Bundestagswahl in Kiel: Müthling verteidigt das Direktmandat

Hans Müthling bei der Stimmabgabe am Wahltag, 28. September 1969
Der SPD-Kandidat Dr. Hans Müthling gibt seine Stimme ab, links seine Frau Brunhilde (Friedrich Magnussen, Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 de)

Im Wahlkreis Kiel, der das Stadtgebiet umfasst, geht das Direktmandat zur Bundestagswahl am 28. September erneut an die SPD. Dr. Hans Müthling setzt sich mit rund 55 Prozent der Erststimmen durch; vier Jahre zuvor waren es rund 49 Prozent. Der 68-jährige Volkswirt und Jurist, der als Vizepräsident des Deutschen Städtetages in der Kommunalpolitik zu Hause ist, sitzt seit 1965 im Bundestag. Am Wahltag gibt er seine Stimme in Begleitung seiner Frau Brunhilde ab.

Für die CDU war die Kieler Ratsherrin Irma Tübler angetreten.

Im September hängt Wahlwerbung in der Stadt. Auf einem Plakat der SPD mit dem Spruch „Wir schaffen das moderne Deutschland" hat eine unbekannte Hand ein einziges Wort ergänzt: „NIE". Der Kandidat selbst sitzt für Kiel weiter in Bonn.

Olympiazentrum Schilksee: Der Bau für die Segelspiele 1972 beginnt

Luftaufnahme von Schilksee im August 1969, im Vordergrund die neue Fördestraße
Luftaufnahme von Schilksee, August 1969; im Vordergrund die neue Fördestraße (Friedrich Magnussen, Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 de)

In Schilksee wird gebaut, und zwar für die Olympischen Spiele. Den Zuschlag für 1972 hat München schon am 26. April 1966 erhalten; Kiel-Schilksee soll dabei Austragungsort der Segelwettbewerbe werden. Am 18. März 1967 fiel die Entscheidung, die Wettkampfstätten zu errichten, und im Oktober beginnt nun der Bau. Ein Modell des Olympiazentrums liegt seit Mai 1968 vor.

Vorgesehen ist ein rund 300 Meter langer Betonriegel parallel zum Hafen mit etwa 400 Wohnungen, einer Zuschauerterrasse, Geschäften, Bootshallen und einer Schwimmhalle. Dahinter sollen zwei Hochhäuser mit 168 Wohnungen, ein Hotel mit 500 Betten und 32 Bungalows entstehen. Oberbürgermeister ist seit dem 1. November 1965 Günther Bantzer. Im Juni überreicht ihm Oberpostdirektor Gerhard Rungs im Hauptpostamt einen Satz der neuen Olympiamarken mit Ersttagsstempel Kiel.

Zur Erschließung gehört die neue Fördestraße, deren Name der Rat am 6. Juni 1968 beschlossen hat. Im Oktober wird ihre Teilstrecke West für den Verkehr freigegeben.

Aus heutiger Sicht

Die Segelwettbewerbe wurden am 28. August 1972 eröffnet. Zwischen dem 29. August und dem 8. September fuhren die Segler in sechs Klassen: Finn-Dinghy, Flying Dutchman, Star, Tempest, Drachen und Soling.

75. Kieler Woche: Bundespräsident Lübke spricht vom Rathausbalkon

Bundespräsident Heinrich Lübke eröffnet die Kieler Woche 1969 vom Rathausbalkon
Bundespräsident Heinrich Lübke spricht vom Balkon des Rathauses, rechts daneben Stadtpräsident Hermann Köster; Aufnahme vom 21. Juni 1969 (Friedrich Magnussen, Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 de)

Ende Juni feiert Kiel die 75. Kieler Woche. Zur Eröffnung am Rathaus spricht Bundespräsident Heinrich Lübke vom Balkon zur Stadt, neben ihm steht Stadtpräsident Hermann Köster. Auf einem Pionier-Floß der Bundeswehr im Kleinen Kiel spielt das Sofienberg Jugendmusikkorps aus Oslo.

Beim Kieler Yacht-Club findet das Diplomatensegeln statt, bei dem Bundesinnenminister Ernst Benda mit Gästen ins Gespräch kommt. Regattaleiter ist Otto Schlenzka, der die Regatten schon vor Beginn der Woche der Presse vorstellt. An der Tirpitzmole liegen ausländische Kriegsschiffe, darunter die britische Fregatte PUMA (F 34).

Die Woche dauert bis zum 29. Juni.

Letzte Straßenbahn der Linie 2 fährt ins Depot

Letzte Fahrt der Straßenbahnlinie 2, 8. September 1969
Letzte Fahrt der Straßenbahnlinie 2 zum Betriebshof Gaarden, 8. September 1969 (Friedrich Magnussen, Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 de)

Am 8. September fährt die letzte Straßenbahn der Linie 2 ins Depot. Die Linie wird auf Busbetrieb umgestellt. Die letzte Fahrt führt vom Hasseldieksdamm zum Betriebshof Gaarden.

Die Straßenbahn als Ganzes bleibt in Kiel in Betrieb. Am 1. Dezember stößt an der Kreuzung Holtenauer Straße und Prinz-Heinrich-Straße ein Fahrschulwagen der Straßenbahn mit einem Lastwagen zusammen.

Krimi im Schloss: „Sieben Tage Frist“ wird in Plön gedreht

Joachim Fuchsberger, Horst Tappert, Hilde Brand, Regisseur Alfred Vohrer und Konrad Georg auf Fördefahrt mit der Mönkeberg
Die Darsteller und Regisseur Alfred Vohrer auf Förderundfahrt mit der Mönkeberg, Aufnahme vom 3. April 1969 (Friedrich Magnussen / Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 DE)

Das Plöner Schloss spielt Internat: Vom 12. Januar bis zum 25. März dreht Regisseur Alfred Vohrer dort und im Studio Bendestorf den Kriminalfilm „Sieben Tage Frist“. Im Schloss ist seit 1946 das Staatliche Internat Schloss Plön untergebracht, die Jungen wohnen im Schloss, die Mädchen im Prinzenhaus. Strandszenen entstehen in Sankt Peter-Ording.

Die Vorlage ist Paul Henricks’ Roman „Sieben Tage Frist für Schramm“. In einem norddeutschen Internat verschwindet der Schüler Kurrat spurlos, kurz darauf der Lehrer Stallmann und Kurrats Vater; ausgelöst hat alles eine Ohrfeige, die der Lehrer Fromm dem Jungen gab. Inspektor Klevenow löst den Fall. Zu den Darstellern zählen Joachim Fuchsberger und Horst Tappert.

Für Vohrer ist es der erste Film für Luggi Waldleitners Roxy Film; zuvor hat er für Rialto Film 14 Edgar-Wallace-Filme inszeniert. Am 3. April ist die Uraufführung im Metro-Kino im Kieler Schloßhof. Aus diesem Anlass gehen Fuchsberger, Tappert, Hilde Brand, Konrad Georg und Vohrer auf eine Förderundfahrt mit der Mönkeberg.

Bülker Leuchtturm: Die Laterne kommt herunter

Gerüst am Bülker Leuchtturm, die Laterne wird abgenommen
Dem Bülker Leuchtturm wird die Laterne abgenommen, Aufnahme vom 5. September 1969 (Friedrich Magnussen / Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 DE)

Am Eingang der Kieler Förde, auf der Bülker Huk bei Strande im Kreis Eckernförde, wird der Leuchtturm umgebaut. Das Wasser- und Schifffahrtsamt Kiel meldet am 28. August, das Bülk-Feuer sei wegen Bauarbeiten zeitweilig gelöscht. Als Ersatz brennt etwa 50 Meter östlich ein Hilfsfeuer auf einem 21 Meter hohen grauen Mast: festes weißes und grünes Licht, 25 Meter über dem Wasser, weiß 13, grün 9 Seemeilen weit zu sehen. Am 5. September wird dem Turm die Laterne abgenommen.

Der Turm, 1865 fertiggestellt, ist bisher weiß mit rotem Band und dient als Leitfeuer. Nach einer Meldung vom 18. November soll er rund zwei Meter niedriger werden, eine neue Laterne und einen schwarzen Streifen erhalten. Das neue Feuer soll 29 Meter über dem Wasser liegen und weiß 14, rot 11 und grün 10 Seemeilen weit reichen; ist es in Betrieb, wird das Hilfsfeuer gelöscht. Drei Leuchtfeuerwärter versehen den Dienst im Schichtbetrieb und wohnen mit ihren Familien am Turm.

Aus heutiger Sicht

Am 15. Juni 1970 meldete das Wasser- und Schifffahrtsamt, das Feuer sei wieder angezündet, nun als Blinkfeuer; der Turm war mit Asbestzementplatten verkleidet. Ab 1970 wurde es von Travemünde aus ferngesteuert, einen ständigen Leuchtfeuerwärter gab es nicht mehr.

KURZ NOTIERT · Kiel 1969

  • 3. Januar — Das neue Standesamt Mettenhof wird eingeweiht, und zwar vom ersten Brautpaar, das sich dort trauen lässt.
  • 17. Februar — Im Eichhof feiert die Kieler Liedertafel ihren 110. Rosenmontagsfasching. Prinz Klaus I. und Prinzessin Elke II. fahren in einem Original-Fiat von 1921 vor.
  • 26. März — In der Holstenstraße eröffnet die 26. arko-Filiale in Kiel.
  • Pfingsten — Bischof Petersen weiht die Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Schilksee mit einem Pfingstgottesdienst ein; bis eine größere Orgel kommt, genügt eine kleine Leihorgel.
  • 1. August — Die Fachhochschule Kiel entsteht aus dem Zusammenschluss mehrerer staatlicher Ingenieurschulen und Höherer Fachschulen. Mit Flensburg und Lübeck gehört sie zu den ersten drei Fachhochschulen der Bundesrepublik.
  • Oktober/November — Am Waldwiesenkreisel wacht Kiels erste Verkehrsüberwachungskamera über die Ampel an der Hamburger Chaussee. Zunächst im Probebetrieb, ab November dauerhaft: Wer bei Rot fährt, wird fotografiert.
  • 3. November — Am Düsternbrooker Weg, bei den Kanu-Vereinsheimen, wird eine amerikanische 500-Kilo-Fliegerbombe geborgen.
  • 29. Dezember — Die Ratsversammlung wählt den parteilosen Hans-Joachim Barow auf Vorschlag der SPD zum neuen Bürgermeister. Er folgt Rudolf Titzck (CDU), der zum Jahreswechsel Staatssekretär und Leiter der Staatskanzlei wird.

RUND UM DIE FÖRDE · 1969

  • Februar, Strande — Die Werft Scharstein am Strander Hafen wird an den Kieler Yacht-Club verkauft.
  • 27. April, Altenholz — In Altenholz-Stift wird das Eivind-Berggrav-Zentrum der Evangelischen Kirche geweiht.

SPORT AN DER FÖRDE · 1969

  • THW Kiel — In der Handball-Bundesliga, Staffel Nord, wird der THW 1968/69 Zweiter hinter dem VfL Gummersbach: 10 Siege und 4 Niederlagen in 14 Spielen, 210:177 Tore, 20:8 Punkte. Gummersbach gewinnt am 22. März in der Dortmunder Westfalenhalle das Finale gegen die SG Leutershausen.
  • Holstein Kiel — In der Regionalliga Nord belegen die Störche in der Saison 1968/69 Platz 8 mit 32:32 Punkten und 47:51 Toren aus 32 Spielen.
  • Turnverein Hassee-Winterbek — Im Juni bezieht der Verein ein neues Vereinsheim am Krummbogen in Hassee. Erster Vorsitzender ist Max Adolfsen.
  • Kieler Woche — Beim Radrennen „Rund um den Kleinen Kiel" am 29. Juni gehen die Herren über 61 Kilometer, 70 Runden, an den Start und biegen dabei in den Lorentzendamm ein.

DAS WETTER · 1969 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein milder Sommertag: Höchstwert 20,0 °C, in der Nacht 12,2 °C, im Mittel 15,2 °C; es fiel kein Regen, und die Sonne schien 9,2 Stunden.

Das Jahr über: Im Mittel 8,1 °C. Wärmster Tag 32,0 °C am 24. Juli, kältester Tiefstwert −14,0 °C am 21. Dezember. 2 Hitzetage (≥ 30 °C), 23 Sommertage (≥ 25 °C), 38 Eistage (Dauerfrost) und 109 Frosttage; Jahresniederschlag 712 mm, Sonnenscheindauer 1722 Stunden.

(Messwerte der DWD-Station Kiel-Kronshagen. Quelle: DWD Climate Data Center.)