DER CHRONIST
Ein Jahr der Aufbrüche: Der Mensch verlässt erstmals seinen Planeten, die Bundesrepublik wechselt nach zwanzig Jahren Unionsherrschaft die Farbe ihrer Regierung — und auch im Ruhrgebiet zeigt die Kommunalwahl, dass der Wind sich gedreht hat. Auch anderswo geraten alte Ordnungen ins Wanken: In Frankreich tritt Charles de Gaulle zurück, in Libyen stürzt ein junger Offizier namens Muammar al-Gaddafi die Monarchie, und an der sowjetisch-chinesischen Grenze am Ussuri liefern sich einst verbündete Weltmächte blutige Gefechte. Zugleich zeigt sich der Fortschrittsglaube der Epoche in Rekordflugzeugen wie der Boeing 747 — und sein Gegenbild in den Manson-Morden in Kalifornien, die den Sommer der Liebe jäh beenden. In New York wiederum widersetzen sich Gäste der Bar Stonewall Inn einer Polizeirazzia und lösen damit die moderne Schwulenbewegung aus. So bunt und widersprüchlich wie das Jahr selbst ist auch dieser Rückblick geraten.
Der Mensch betritt den Mond: Apollo 11 landet

Acht Jahre zuvor, am 25. Mai 1961, hatte US-Präsident John F. Kennedy vor dem Kongress das Ziel ausgegeben, noch vor Ende des Jahrzehnts einen Menschen auf den Mond zu bringen und sicher zur Erde zurückzuholen — eine Antwort auf den Vorsprung der Sowjetunion im Wettlauf ins All, der 1957 mit dem Sputnik-Schock begonnen und sich 1961 mit Juri Gagarins erstem bemannten Weltraumflug fortgesetzt hatte. Das dafür aufgelegte Apollo-Programm der NASA verschlingt bis 1969 rund 25 Milliarden Dollar und beschäftigt zeitweise mehrere Hunderttausend Menschen.
Am 16. Juli startet die dreistufige Saturn-V-Rakete vom Kennedy Space Center in Florida mit Neil Armstrong, Buzz Aldrin und Michael Collins an Bord. Beim Sinkflug der Landefähre „Eagle" zur Oberfläche lösen mehrere Computeralarme vom Typ „1202" beinahe einen Abbruch aus — nur weil Flugleitung und der Programmierer Jack Garman die Warnungen in letzter Sekunde als unkritisch einstufen, darf die Landung fortgesetzt werden. Armstrong übernimmt zudem manuell die Steuerung, um ein Felsfeld im Zielgebiet zu umfliegen, und setzt die Fähre mit nur noch rund 25 Sekunden Treibstoffreserve auf.
In der Nacht vom 20. auf den 21. Juli setzt die Mondlandefähre „Eagle" im Meer der Ruhe auf. Wenige Stunden später, um 3.56 Uhr MEZ, setzt Neil Armstrong als erster Mensch seinen Fuß auf den Mond — „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer Sprung für die Menschheit." Zwanzig Minuten später folgt Buzz Aldrin, während Michael Collins in der Kommandokapsel „Columbia" den Mond umkreist. Rund 21,5 Stunden verbringen die beiden Astronauten auf der Oberfläche, sammeln 21,5 Kilogramm Mondgestein, hinterlassen eine Gedenkplakette und eine US-Flagge — und Hunderte Millionen Menschen weltweit, auch in deutschen Wohnzimmern vor dem Fernseher, verfolgen live, wie ein jahrzehntealter Menschheitstraum wahr wird.
Am 24. Juli wassert die Kommandokapsel im Pazifik; der Flugzeugträger USS Hornet birgt die drei Astronauten, die zunächst rund drei Wochen in Quarantäne verbringen, um eine mögliche Verunreinigung mit Mondkeimen auszuschließen. Danach werden Armstrong, Aldrin und Collins in mehreren amerikanischen Großstädten mit Konfettiparaden gefeiert und reisen anschließend um die Welt — Apollo 11 gilt seither als einer der prägendsten technischen und symbolischen Erfolge des 20. Jahrhunderts.
Machtwechsel in Bonn: Willy Brandt wird Bundeskanzler

Vorausgegangen war die Bundestagswahl vom 28. September, bei der 86,7 % der Wahlberechtigten ihre Stimme abgaben. Die CDU/CSU blieb mit 46,1 % (36,6 % CDU plus 9,5 % CSU) und 242 Sitzen zwar stärkste Kraft, die SPD unter Brandt erzielte mit 42,7 % und 224 Sitzen aber ihr bislang bestes Ergebnis. Weil sich die FDP (5,8 %, 30 Sitze) unter ihrem neuen Vorsitzenden Walter Scheel für ein Bündnis mit den Sozialdemokraten entscheidet, verfügt die neue Koalition trotz der Stimmenmehrheit der Union über eine knappe Mehrheit von zwölf Mandaten im Bundestag — eine Mehrheit, die es ohne das knappe Scheitern der rechtsextremen NPD an der Fünf-Prozent-Hürde (4,3 %) nicht gäbe. Für Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) und seine seit 1966 amtierende Große Koalition bedeutet dies das Ende der Regierungsverantwortung — die Union geht erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik in die Opposition.
Der Deutsche Bundestag wählt Willy Brandt (SPD) am 21. Oktober mit 251 von 249 notwendigen Stimmen zum Bundeskanzler — erstmals seit zwanzig Jahren ununterbrochener Unionsherrschaft steht ein Sozialdemokrat an der Spitze der Bundesregierung, getragen von der neuen sozialliberalen Koalition aus SPD und FDP unter Außenminister Walter Scheel. Brandt, 1913 als Herbert Frahm in Lübeck geboren, war als überzeugter Sozialdemokrat während der NS-Zeit ins norwegische und später schwedische Exil gegangen, ehe er nach dem Krieg als Regierender Bürgermeister von West-Berlin (1957–1966) — unter anderem während des Mauerbaus 1961 — und als Außenminister der Großen Koalition (1966–1969) Profil gewann. In seiner Regierungserklärung am 28. Oktober prägt Brandt den Satz „Wir wollen mehr Demokratie wagen" und kündigt Reformen im Innern sowie eine neue Ost- und Deutschlandpolitik an, die in den kommenden Jahren zu Verträgen mit Moskau und Warschau führen soll — das Ende der Ära Adenauer/Erhard/Kiesinger ist damit endgültig besiegelt.
Erster sozialdemokratischer Bundespräsident: Gustav Heinemann gewählt

In der Ostpreußenhalle auf dem Berliner Messegelände wählt die Bundesversammlung Gustav Heinemann (SPD) zum dritten Bundespräsidenten der Bundesrepublik. In den ersten beiden Wahlgängen verfehlen sowohl Heinemann als auch der CDU-Kandidat Gerhard Schröder die dafür nötige absolute Mehrheit; erst im entscheidenden dritten Wahlgang, in dem nur eine relative Mehrheit erforderlich ist, setzt sich Heinemann mit 512 zu 506 Stimmen knapp durch. Erst kurz vor der Wahl hatte sich die FDP-Fraktion in der Bundesversammlung entschieden, den früheren Justizminister zu unterstützen — ein informelles Bündnis von SPD und FDP, das schon Monate vor der Bundestagswahl den Machtwechsel in Bonn ankündigt.
Der 1899 geborene Heinemann, zunächst CDU-Mitglied und 1949/50 Bundesinnenminister unter Konrad Adenauer, war 1950 aus Protest gegen die von Adenauer vorangetriebene Wiederbewaffnung der Bundesrepublik zurückgetreten und aus der Partei ausgetreten. Über die von ihm mitgegründete Gesamtdeutsche Volkspartei kam er 1957 zur SPD, in deren Reihen er von 1966 bis 1969 als Bundesjustizminister der Großen Koalition eine kleine Strafrechtsreform durchsetzte. Sein Amt tritt Heinemann am
- Juli an; als „Erster Diener des Staates" — so seine eigene Formulierung — will er das Präsidentenamt bewusst zurückhaltender und bürgernäher ausüben als seine Vorgänger Theodor Heuss und Heinrich Lübke.
Wende im Ruhrgebiet: SPD gewinnt Kommunalwahl in Castrop-Rauxel mit absoluter Mehrheit

Auch im Ruhrgebiet schlägt die politische Stimmung um: Bei der Kommunalwahl in Castrop-Rauxel erringt die SPD mit 55,8 % der Stimmen die absolute Mehrheit im Rat, deutlich vor CDU (39,1 %) und FDP (3,5 %). Der Erfolg fällt in ein Jahr, in dem der Steinkohlenbergbau des Reviers im Umbruch steckt: Grundlage ist das 1968 verabschiedete Kohleanpassungsgesetz des Bundes, mit dem der seit Jahren anhaltenden Kohlekrise — sinkende Nachfrage durch billiges Importöl, schrumpfende Belegschaften, Zechenschließungen — begegnet werden soll. Auf seiner Grundlage schließen sich am 27. November 1968 in Essen 23 Bergbaugesellschaften mit rund 120 Zechen zur Ruhrkohle AG zusammen; den Grundlagenvertrag zwischen Bund, Ländern und Bergbauunternehmen unterzeichnen die Beteiligten am 18. Juli 1969. In Castrop-Rauxel selbst prägen die Zechen Erin und Victor-Ickern das Stadtbild und die Beschäftigung Zehntausender Bergleute und ihrer Familien — Victor-Ickern geht 1969 im neuen Konzern auf, während Erin noch bis in die achtziger Jahre gefördert wird. In den traditionellen Bergarbeiterstädten des Reviers bleibt die SPD trotz der Umbrüche und der Sorge um Arbeitsplätze die dominierende Kraft. Was in Bonn mit Brandts Wahl beginnt, bestätigt sich damit auch unter den Fördertürmen des Reviers.
Drei Tage Frieden, Musik und Regen: Woodstock

Auf der Farm von Max Yasgur bei Bethel im Bundesstaat New York versammeln sich unter dem Motto „3 Days of Peace & Music" schätzungsweise bis zu 400.000 bis 500.000 junge Menschen zum Woodstock Music and Art Fair. Rund 32 Musikgruppen und Solokünstler treten auf, von Richie Havens, der das Festival am Freitagnachmittag eröffnet, über Janis Joplin, The Who, Sly and the Family Stone, Santana — für die Band der internationale Durchbruch — und die Grateful Dead bis zu Jimi Hendrix, der das Festival am frühen Montagmorgen mit einer verzerrten Version der amerikanischen Nationalhymne beschließt. Anreise und Versorgung geraten früh außer Kontrolle: Zehntausende Autos verstopfen tagelang die Zufahrtsstraßen, Zäune und Eintrittskarten werden bedeutungslos, Nahrungsmittel und sanitäre Einrichtungen sind hoffnungslos überfordert, und Dauerregen verwandelt das Gelände in ein Schlammfeld. Drei Todesfälle werden gezählt — zwei durch eine Drogenüberdosis, einer, weil ein Jugendlicher im Schlaf von einem Traktor überrollt wird —, während Berichten zufolge auf der Anfahrt und in Festivalnähe auch Kinder geboren werden. Das Festival wird zum Sinnbild einer ganzen Generation und ihrer Gegenkultur; der 1970 uraufgeführte, mit dem Oscar ausgezeichnete Dokumentarfilm „Woodstock" trägt das Bild des Festivals in die Kinos der ganzen Welt — ein Echo, das auch über den Atlantik bis in die westdeutsche Jugendkultur der siebziger Jahre hineinwirkt.
Erstflug des Jumbo-Jets: Boeing 747 hebt erstmals ab

Auf dem Werksflugplatz in Everett bei Seattle im US-Bundesstaat Washington hebt am 9. Februar erstmals die Boeing 747 ab — mit rund 70 Metern Länge, Platz für bis zu knapp 500 Passagiere und dem markanten Buckel im vorderen Rumpf mit Abstand das größte Verkehrsflugzeug, das je gebaut wurde. Der rund 75-minütige Testflug unter Chefpilot Jack Waddell verläuft ohne größere Zwischenfälle, wenige Monate nachdem die erste Maschine mit dem Kennzeichen N7470 im September 1968 vor Tausenden Zuschauern aus der Montagehalle gerollt worden war.
Entwickelt wird der „Jumbo-Jet" auf Initiative der Fluggesellschaft Pan American World Airways, die bereits 1966 eine Bestellung über 25 Maschinen aufgibt und damit das kommerzielle Risiko für Boeing maßgeblich absichert; das Programm erfordert den Bau der damals größten Fabrikhalle der Welt in Everett. Nach rund zehnmonatiger Erprobung und Zulassung im Dezember nimmt Pan Am die 747 im Januar 1970 auf der Strecke New York–London in den Liniendienst. Die enorme Kapazität senkt die Kosten pro Sitzplatz spürbar und macht Interkontinentalflüge einem breiteren Publikum zugänglich — eine Entwicklung, von der in den siebziger Jahren auch der wachsende Ferienflugverkehr aus der Bundesrepublik profitiert. Der Jumbo bleibt über Jahrzehnte das Symbol des Massenflugverkehrs.
Blutiger Grenzkonflikt am Ussuri zwischen Sowjetunion und China

Am 2. März überqueren rund 300 chinesische Soldaten den zugefrorenen Grenzfluss Ussuri im Fernen Osten der Sowjetunion und greifen eine sowjetische Grenzpatrouille auf der umstrittenen Insel Damanski (chinesisch Zhenbao Dao) an; mehrere Dutzend sowjetische Grenzsoldaten kommen ums Leben. Der seit Jahren schwelende Grenzstreit zwischen den beiden kommunistischen Großmächten, deren Verhältnis sich seit dem sowjetisch-chinesischen Zerwürfnis Ende der fünfziger Jahre stetig verschlechtert hatte, eskaliert damit erstmals zu offenen militärischen Zusammenstößen. Am 15. März antwortet die sowjetische Armee mit massivem Artillerie- und Raketenbeschuss auf die Insel, dem nach unterschiedlichen Angaben Hunderte chinesische Soldaten zum Opfer fallen; Moskau beziffert die eigenen Verluste auf 58 Tote.
In den folgenden Wochen kommt es an weiteren Grenzabschnitten in Zentralasien zu Zwischenfällen, während in Moskau Presseberichten zufolge sogar ein begrenzter Militärschlag gegen chinesische Nuklearanlagen erwogen wird. Erst ein Treffen der Regierungschefs Alexei Kossygin und Zhou Enlai am 11. September in Peking entschärft die Lage; beide Seiten vereinbaren, die Kämpfe einzustellen und Grenzverhandlungen aufzunehmen, die sich über Jahrzehnte hinziehen sollen. Der Konflikt gilt rückblickend als Höhepunkt der chinesisch-sowjetischen Entfremdung im Kalten Krieg und als einer der Gründe, warum sich Peking in den folgenden Jahren vorsichtig den USA annähert.
Rücktritt Charles de Gaulles und Wahl Georges Pompidous

Nach elf Jahren an der Spitze der von ihm selbst 1958 gegründeten Fünften Republik verlässt Frankreichs Staatspräsident die politische Bühne. Am 27. April lässt Charles de Gaulle die Franzosen in einem Referendum über eine Reform des Senats und eine Neuordnung der Regionen abstimmen — und verknüpft die Abstimmung, wie schon öfter in seiner Amtszeit, mit einer persönlichen Vertrauensfrage: Scheitert die Vorlage, werde er zurücktreten. 53,2 % der Wähler stimmen mit Nein; noch in der folgenden Nacht erklärt de Gaulle in einer knappen Erklärung seinen sofortigen Rücktritt. Der 78-Jährige, der als Anführer des „Freien Frankreich" im Zweiten Weltkrieg und als Ministerpräsident während der Algerienkrise 1958 die Verfassung der Fünften Republik maßgeblich geprägt hatte, zieht sich fortan ins ostfranzösische Colombey-les-Deux-Églises zurück, wo er im November 1970 stirbt. Übergangsweise übernimmt Senatspräsident Alain Poher die Amtsgeschäfte.
Bei der vorgezogenen Präsidentschaftswahl setzt sich am 15. Juni im zweiten Wahlgang Georges Pompidou, langjähriger Ministerpräsident unter de Gaulle, mit rund 58 % der Stimmen gegen Poher durch. Pompidou, zuvor Bankier bei Rothschild und von 1962 bis 1968 Regierungschef, führt die gaullistische Politik in gemäßigterer Form fort und öffnet Frankreich zugleich für den EWG-Beitritt Großbritanniens. Für die Bundesrepublik, deren Verhältnis zu Paris seit dem Élysée-Vertrag 1963 als Achse der europäischen Einigung gilt, bedeutet der Machtwechsel in Paris einen Wechsel an der Spitze eines Schlüsselpartners.
Stonewall-Aufstand in New York: Beginn der modernen Schwulenbewegung

In der Nacht zum 28. Juni durchsucht die New Yorker Polizei routinemäßig die Bar Stonewall Inn in der Christopher Street im Stadtteil Greenwich Village, einen der wenigen offen von homosexuellen und Transgender-Gästen besuchten Treffpunkte der Stadt. Solche Razzien gehören für die Szene New Yorks zum Alltag, weil gleichgeschlechtliches Tanzen und das Tragen „geschlechtsuntypischer" Kleidung vielerorts noch als Ordnungswidrigkeit verfolgt werden. Anders als sonst fügen sich die Gäste diesmal nicht widerstandslos: Vor dem Lokal sammelt sich eine wachsende, zunehmend aufgebrachte Menge, es kommt zu Rangeleien, Flaschenwürfen und Straßenschlachten mit der Polizei, die sich über mehrere Nächte hinziehen.
Die als Stonewall-Unruhen in die Geschichte eingehenden Proteste gelten rückblickend als Initialzündung der modernen Schwulen- und Lesbenbewegung in den USA und darüber hinaus. Bereits im Sommer 1969 gründen sich in New York erste Aktivistengruppen wie die Gay Liberation Front, die offen für rechtliche Gleichstellung eintreten; zum ersten Jahrestag ziehen im Juni 1970 Tausende beim „Christopher Street Liberation Day" durch Manhattan — dem Vorbild der heutigen, weltweit auch in deutschen Großstädten stattfindenden Christopher-Street-Day-Paraden. In der Bundesrepublik, wo der 1871 eingeführte und im selben Jahr 1969 gerade erst gelockerte Paragraf 175 einvernehmliche homosexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Männern noch immer teilweise unter Strafe stellt, bleibt das Ereignis zunächst wenig beachtet, entfaltet seine Wirkung auf die westdeutsche Schwulenbewegung aber in den folgenden Jahren.
Manson-Morde erschüttern Kalifornien

In der Nacht vom 8. auf den 9. August dringen mehrere junge Anhänger des selbsternannten Sektenführers Charles Manson in eine Villa am Cielo Drive in den Hollywood Hills von Los Angeles ein und ermorden fünf Menschen, darunter die hochschwangere Schauspielerin Sharon Tate, Ehefrau des Regisseurs Roman Polanski, sowie den Friseur Jay Sebring. In der folgenden Nacht töten Mitglieder derselben, sich selbst als „Familie" bezeichnenden Kommune das Ehepaar Leno und Rosemary LaBianca in einem anderen Stadtteil von Los Angeles. An den Tatorten hinterlassen die Täter mit dem Blut der Opfer Parolen wie „Pig" und „Healter Skelter" — ein von Manson erdachtes, aus einem Beatles-Songtitel abgeleitetes Schlagwort für einen von ihm herbeigesehnten Rassenkrieg, mit dem er seine Anhänger monatelang indoktriniert hatte.
Wochenlang tappt die Polizei im Dunkeln, ehe im Oktober bei einer Razzia auf der abgelegenen Barker Ranch im Death Valley Manson und mehrere seiner Anhänger festgenommen werden, zunächst wegen anderer Delikte. Erst die Aussagen einer beteiligten Anhängerin bringen die Ermittler auf die Spur der Morde; 1970/71 werden Manson und mehrere Mittäterinnen und Mittäter des Mordes für schuldig befunden und zum Tode verurteilt, die Strafe nach Aufhebung der kalifornischen Todesstrafe 1972 in lebenslange Haft umgewandelt. Die von den Massenmedien ausführlich begleiteten Taten gelten vielen Amerikanern rückblickend als symbolisches Ende der optimistischen Hippie-Ära, die nur wenige Tage später in Woodstock ihren vielleicht letzten großen Höhepunkt erlebt.
Militärputsch in Libyen: Muammar al-Gaddafi stürzt König Idris

In der Nacht zum 1. September stürzt eine Gruppe junger Offiziere um den 27-jährigen Hauptmann Muammar al-Gaddafi die libysche Monarchie. Während sich König Idris I. zur Kur in der Türkei aufhält, besetzen Einheiten des von Gaddafi angeführten „Bundes Freier Offiziere" in einer nahezu unblutigen Aktion Rundfunkstationen, Kasernen und Regierungsgebäude in Tripolis und Bengasi. Über Radio Bengasi verkündet Gaddafi die Absetzung des Königshauses und die Ausrufung der Libysch-Arabischen Republik. Idris, der das seit 1951 unabhängige Königreich Libyen geführt hatte, kehrt nicht mehr zurück und lebt bis zu seinem Tod 1983 im ägyptischen Exil.
Der als „Revolutionärer Kommandorat" auftretende Kreis um Gaddafi, der sich rasch selbst zum Oberst befördert und zur beherrschenden Figur des neuen Regimes aufsteigt, kündigt panarabische, sozialistische und islamisch geprägte Reformen an. Bereits in den folgenden Monaten beginnt die neue Führung, die US-amerikanische Luftwaffenbasis Wheelus Field bei Tripolis sowie britische Stützpunkte räumen zu lassen, und leitet eine schrittweise Verstaatlichung der Ölindustrie ein — Libyen zählt bereits damals zu den wichtigsten Erdölförderländern am Mittelmeer, was den Umbruch auch für die von arabischem Öl abhängige Bundesrepublik und Westeuropa zu einem Ereignis mit wirtschaftlicher Tragweite macht. Gaddafi wird die libysche Politik für die kommenden vier Jahrzehnte bestimmen.
AM RANDE NOTIERT
- Am 20. Januar tritt Richard Nixon sein Amt als 37. Präsident der Vereinigten Staaten an.
- Am 29. Oktober gelingt zwischen den Universitäten UCLA und Stanford die erste Datenübertragung im ARPANET — die ersten zwei erfolgreich gesendeten Zeichen lauten „lo" (statt „login", der Rechner stürzt danach ab). Der Vorläufer des heutigen Internets ist geboren.
- Am 2. März hebt in Toulouse die Concorde zu ihrem 27-minütigen Erstflug ab — das erste Überschall-Passagierflugzeug der Welt, ein französisch-britisches Gemeinschaftsprojekt, ist damit erstmals in der Luft.
- In Castrop-Rauxel geht die Zeche Victor-Ickern 1969 in der neu gegründeten Ruhrkohle AG auf — ein weiteres konkretes Kapitel des Strukturwandels, der die Fördertürme des Reviers in den kommenden Jahren zusammenführt oder zum Erliegen bringt.
SPORT · 1969
Im deutschen Fußball dominiert der FC Bayern München: Unter dem jugoslawischen Trainer Branko Zebec gewinnt der Klub die Meisterschaft mit acht Punkten Vorsprung vor Alemannia Aachen und setzt sich zudem im DFB-Pokal durch — das erste Double eines deutschen Vereins seit dem FC Schalke 04 im Jahr 1937, und der Auftakt zu einer Ära, die den deutschen Vereinsfußball in den siebziger Jahren prägen wird. Tragende Figur ist Torjäger Gerd Müller, der mit 30 Treffern zum zweiten Mal Torschützenkönig der Bundesliga wird und gemeinsam mit dem jungen Abwehrspieler Franz Beckenbauer den Grundstein für die kommende Erfolgsära des Klubs legt. Im Ruhrgebiet verfolgt man die Erfolge der Bayern vom Rand der Eliteklasse aus: Der VfL Bochum spielt noch in der Regionalliga West und muss sich bis 1971 gedulden, ehe ihm der Aufstieg in die Bundesliga gelingt.
MODE · 1969
Woodstock im August setzt modisch ein Fanal: Fransenjacken, Batikmuster und Jeans werden zur Uniform einer ganzen Generation, die sich von bürgerlicher Kleiderordnung lossagt. Der Hippie-Look verschmilzt mit Trends, die schon seit Mitte der sechziger Jahre die Straße erobert haben — dem von der britischen Designerin Mary Quant popularisierten Minirock und bunten, psychedelisch anmutenden Mustern —, und ergänzt sie um Ethno-Elemente aus Afghanistan, Indien und Nordafrika: bestickte Westen, Ponchos und Perlenketten. Auch lange Haare bei jungen Männern werden zum sichtbaren, in bürgerlichen Kreisen oft argwöhnisch beäugten Bekenntnis zur Gegenkultur. Auch in westdeutschen Städten wie Castrop-Rauxel erobert der Hippie-Look von der Straße aus langsam die Jugendmode, während die ältere Generation bei klassischer Konfektion — Kostüm, Krawatte, Hut — bleibt.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1969
- Nichtehelichengesetz verabschiedet (August). Nichteheliche Kinder erhalten erstmals einen rechtlichen Verwandtschaftsstatus zu ihrem Vater und ein Erbrecht — eine soziale Reform, die Zehntausenden Kindern in der Bundesrepublik zugutekommt.
- Medizin-Nobelpreis für Max Delbrück. Der in Berlin geborene und dort ausgebildete Biophysiker wird für die Entdeckung des Virus-Replikationsmechanismus geehrt — ein weiterer Beweis deutscher Wissenschaftstradition.
- Erster Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verliehen (10. Dezember). Die Ökonomen Ragnar Frisch und Jan Tinbergen erhalten in Stockholm den neu geschaffenen Nobelpreis für ihre Arbeiten zur dynamischen Modellierung wirtschaftlicher Prozesse — ein Meilenstein für die Wirtschaftswissenschaften als eigenständige Disziplin.
- Ruhr-Universität Bochum schließt zentrale Bauphase ab (August). Die Gebäude für Natur- und Geisteswissenschaften sowie Medizin der ersten Universitätsneugründung der Bundesrepublik werden fertiggestellt — mitten im Kohlerevier wächst, nur wenige Kilometer von Castrop-Rauxel entfernt, eine neue akademische Zukunft heran.
DAS WETTER · 1969 in Castrop-Rauxel
An diesem 13. Juli war es im Ruhrgebiet ein milder Sommertag: Höchstwert 21,8 °C, in der Nacht 13,2 °C, im Mittel 17,0 °C; kein Tropfen Regen fiel.
Das Jahr über: Im Mittel 9,5 °C. Wärmster Tag 31,5 °C am 24. Juli, kältester −9,9 °C am 14. Februar. 5 Hitzetage (≥ 30 °C), 20 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 835 mm.
(Messwerte der Station Essen, rund 30 km westlich von Castrop-Rauxel — nächstgelegene durchgehend messende Station im Ruhrgebiet; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1969
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts (amtliche Charts ab 1959).
- Je T'aime... Moi Non Plus — Serge Gainsbourg & Jane Birkin
- Mendocino — Sir Douglas Quintet
- Pretty Belinda — Chris Andrews
- Geh Nicht Vorbei — Christian Anders
- Das Mädchen Carina — Roy Black
- Eloise — Barry Ryan
- Mendocino — Michael Holm
- Liebesleid — Peter Alexander
- Dizzy — Tommy Roe
- In The Year 2525 (Exordium & Terminus) — Zager & Evans
- In The Ghetto — Elvis Presley
- Oh, Happy Day — The Edwin Hawkins Singers
- Was Damals War — Karel Gott
- Aquarius (Let The Sunshine In) — The 5th Dimension
- Proud Mary — Creedence Clearwater Revival
- Ich Denk An Dich — Roy Black
- Er Steht Im Tor — Wencke Myhre
- Es Geht Eine Träne Auf Reisen — Salvatore Adamo
- Heidschi Bumbeidschi — Heintje
- Pretty Belinda — Bernd Spier
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (chartsurfer.de / offizielle Charts).