DER CHRONIST
Ein Jahr der Annäherung und der Umbrüche: Ein Kniefall erschüttert die Republik, zwei deutsche Regierungschefs reichen sich in Erfurt zum ersten Mal die Hand, und mit dem Warschauer sowie dem Moskauer Vertrag öffnet Bonn eine neue Ostpolitik. Drei Astronauten kämpfen an Bord der Apollo-13-Kapsel ums nackte Überleben, während über den Rennwiesen von Goldschmieding im Ruhrgebiet nach fast einem Jahrhundert für immer der Hufschlag der Pferde verklingt. Draußen in der Welt bebt es an anderen Fronten: In Ohio erschießt die Nationalgarde vier protestierende Studenten, in Jordanien eskaliert nach spektakulären Flugzeugentführungen der „Schwarze September", und mit Ägyptens Präsident Nasser stirbt eine der prägendsten Figuren der arabischen Welt. In Chile wählt das Volk mit Salvador Allende erstmals einen bekennenden Marxisten zum Staatsoberhaupt, während in den USA der erste „Earth Day" den Auftakt zu einer neuen, globalen Umweltbewegung markiert — ein Jahr, das zwischen großer Hoffnung und offener Gewalt so viele Wendepunkte setzt wie selten zuvor.
Kniefall von Warschau: Brandt bittet um Vergebung

Bei der Kranzniederlegung am Denkmal für die Helden des Warschauer Ghettoaufstands sinkt Bundeskanzler Willy Brandt unvermittelt auf die Knie — eine spontane, stumme Geste, mit der er stellvertretend für sein Land um Vergebung für die deutschen Verbrechen bittet. Kaum eine halbe Minute verharrt der Kanzler auf dem nassen Pflaster, ehe er sich wieder erhebt; Fotografen halten den Moment fest, der binnen Stunden um die Welt geht. Am selben Tag unterzeichnen Brandt, Außenminister Walter Scheel, der polnische Ministerpräsident Józef Cyrankiewicz und dessen Außenminister Stefan Jędrychowski den Warschauer Vertrag — eine diplomatische Besonderheit, da Bonn und Warschau zu diesem Zeitpunkt noch keine diplomatischen Beziehungen unterhalten. Der Vertrag erkennt die Oder-Neiße-Linie als polnische Westgrenze an und schreibt beiderseitigen Gewaltverzicht fest. In der Bundesrepublik ist der Kniefall hochumstritten: Eine Umfrage des „Spiegel" ermittelt kurz danach, dass 48 Prozent der Westdeutschen die Geste für übertrieben halten, nur 41 Prozent für angemessen. Im Ausland dagegen macht das Bild Brandt zur Symbolfigur der Aussöhnung — Zeitschrift „Time" kürt ihn dennoch wenig später zum Mann des Jahres, im Jahr darauf folgt der Friedensnobelpreis. Ratifiziert wird der Warschauer Vertrag vom Bundestag erst im Mai 1972, gemeinsam mit dem Moskauer Vertrag, nach zähem innenpolitischem Ringen zwischen Regierung und Opposition.
Aus heutiger Sicht
Eine Allensbach-Umfrage kurz nach dem Kniefall zeigt ein gespaltenes Land: Bei den Unter-30-Jährigen überwiegt mit 46 zu 42 Prozent knapp die Zustimmung, bei den 30- bis 60-Jährigen votieren 54 zu 37 Prozent gegen die Geste; 84 Prozent der 500 Befragten kannten den Kniefall bereits aus Presse und Fernsehen. Der krasse Kontrast zur heutigen Stellung des Fotos als eine der bekanntesten Ikonen der deutschen Nachkriegsgeschichte zeigt, wie sehr sich seine Deutung erst im Rückblick durchgesetzt hat.
Moskauer Vertrag besiegelt neue Ostpolitik

Im Katharinensaal des Kremls unterzeichnen Bundeskanzler Willy Brandt und der sowjetische Ministerpräsident Alexej Kossygin den Moskauer Vertrag — zugleich setzen Außenminister Walter Scheel und sein sowjetischer Amtskollege Andrej Gromyko ihre Unterschriften unter das Abkommen, KPdSU-Generalsekretär Leonid Breschnew wohnt der Zeremonie bei. Vorausgegangen sind monatelange, zähe Sondierungen: Zwischen Januar und Mai 1970 hatte Kanzlerberater Egon Bahr in Moskau zunächst mit Gromyko und Kossygin, dann mit dem sowjetischen Verhandlungsführer Valentin Falin die Eckpunkte des Vertrags ausgehandelt. Der Vertrag — den ersten großen Schritt der von Brandt eingeleiteten neuen Ostpolitik — verpflichtet beide Staaten zum Gewaltverzicht und erklärt die bestehenden Grenzen in Europa, einschließlich der Oder-Neiße-Linie und der deutsch-deutschen Grenze, für unverletzlich. In einem begleitenden „Brief zur deutschen Einheit" hält die Bundesregierung zugleich fest, dass der Vertrag dem politischen Ziel der Wiedervereinigung nicht entgegensteht. Der Vertrag legt das Fundament, auf dem wenige Monate später der Warschauer Vertrag aufbaut — Bonn sucht den Ausgleich mit dem Osten, ohne die deutsche Frage preiszugeben. Wie jenes Abkommen wird auch der Moskauer Vertrag erst im Mai 1972 vom Bundestag ratifiziert; CDU/CSU enthält sich bei der entscheidenden Abstimmung mehrheitlich der Stimme.
Erfurter Gipfeltreffen: „Willy Brandt ans Fenster!"

In Erfurt kommt es zum ersten Treffen der Regierungschefs beider deutscher Staaten: Bundeskanzler Willy Brandt trifft DDR-Ministerpräsident Willi Stoph im Hotel „Erfurter Hof". Um 9.30 Uhr läuft Brandts Sonderzug am Erfurter Hauptbahnhof ein, wo ihn die DDR-Delegation empfängt; auf dem kurzen Fußweg zum gegenüberliegenden Hotel durchbricht die jubelnde Menge die Absperrungen der Volkspolizei. Vor dem Gebäude versammeln sich Tausende DDR-Bürger und rufen minutenlang „Willy Brandt ans Fenster!" — um 9.45 Uhr zeigt sich der Kanzler schweigend am Fenster, eine Szene von großer emotionaler Wucht, die zeigt, wie sehr sich die Menschen in der DDR nach Annäherung sehnen. Konkrete Ergebnisse bringt das Treffen kaum: Stoph fordert die volle völkerrechtliche Anerkennung der DDR, Brandt beharrt auf den besonderen innerdeutschen Beziehungen — doch der Auftakt zu einer Reihe deutsch-deutscher Verträge ist gemacht. Bereits zwei Monate später, am 21. Mai, kommt es beim Gegenbesuch in Kassel zur zweiten Begegnung der beiden Regierungschefs, diesmal auf westdeutschem Boden.
Aus heutiger Sicht
Vor rund 500 akkreditierten Journalisten aus 42 Ländern wird an diesem Tag die Sympathie der DDR-Bevölkerung für Brandt und seine Ostpolitik unübersehbar demonstriert — für die SED-Führung ein diplomatisches Fiasko, das die offizielle Erzählung von der „sozialistischen Errungenschaft DDR" nachhaltig konterkariert.
Landtagswahl: CDU knapp vorn, Kühn bleibt Ministerpräsident

Die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am 14. Juni galt als erster großer Stimmungstest für die sozialliberale Koalition, die seit dem Bonner Machtwechsel im Herbst 1969 unter Willy Brandt regiert. Das Ergebnis fiel zwiespältig aus: Die CDU unter ihrem Spitzenkandidaten Heinrich Köppler wurde mit 46,3 Prozent knapp stärkste Kraft vor der SPD mit 46,1 Prozent, die FDP kam auf 5,5 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag bei 73,5 Prozent.
Trotz des CDU-Zugewinns blieb die sozialliberale Koalition im Amt: Am 28. Juli wurde Heinz Kühn im 200 Sitze zählenden Landtag mit nur 101 Stimmen – der denkbar knappsten möglichen Mehrheit – erneut zum Ministerpräsidenten gewählt, während Köppler 95 Stimmen bei vier Enthaltungen erhielt. Die knappe Mehrheit geriet im Oktober weiter unter Druck, als drei FDP-Abgeordnete ihre Fraktion verließen und zur CDU überliefen; aus dem Wahlergebnis von CDU 95, SPD 94 und FDP 11 Sitzen wurde damit ein Kräfteverhältnis von CDU 98, SPD 94 und FDP 8 – die Koalition regiert seither nur noch mit 102 von 200 Stimmen.
Nur vier Tage nach den Landtagswahlen beschloss der Bundestag mit der dafür nötigen Zweidrittelmehrheit eine Änderung des Grundgesetzes: Das aktive Wahlalter sinkt von 21 auf 18 Jahre, das passive von 25 auf 21. Bei den diesjährigen Wahlgängen durften die 18- bis 20-Jährigen noch nicht mitreden.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Hamburg, 22. März — SPD 55,3 %, CDU 32,8 %. Erster Bürgermeister Herbert Weichmann bleibt im Amt, SPD/FDP-Senat.
- Niedersachsen, 14. Juni — SPD 46,3 %, CDU 45,7 %. Alfred Kubel (SPD) bleibt Ministerpräsident.
- Saarland, 14. Juni — CDU 47,8 %, SPD 40,8 %. Erstmals nur zwei Fraktionen im Landtag; Franz-Josef Röder (CDU) bildet erstmals eine Alleinregierung.
- Hessen, 8. November — SPD 45,9 %, CDU 39,7 %. Albert Osswald (SPD) bleibt Ministerpräsident, SPD/FDP-Koalition fortgesetzt.
- Bayern, 22. November — CSU 56,4 %, SPD 33,3 %. Alfons Goppel (CSU) regiert weiter allein, bestes CSU-Ergebnis seit 1946.
»Houston, wir haben ein Problem«: Apollo 13 kämpft ums Überleben

Rund 330.000 Kilometer von der Erde entfernt, etwa 56 Stunden nach dem Start, erschüttert eine Explosion die Apollo-13-Kapsel: Beschädigte Kabelisolierung hat Sauerstofftank 2 im Servicemodul zur Explosion gebracht, die auch den zweiten Tank in Mitleidenschaft zieht und die Versorgung mit Strom, Licht und Wasser praktisch lahmlegt. Die Mondlandung muss abgebrochen werden. Kommandant Jim Lovell, Kapselpilot Jack Swigert — der erst zwei Tage vor dem Start kurzfristig für einen erkrankten Kollegen ins Team gerückt war — und Fährenpilot Fred Haise müssen in die Mondlandefähre „Aquarius" umsteigen, die notdürftig als Rettungsboot dient. Tagelang kämpfen sie mit knappen Ressourcen, eisiger Kälte und gefährlich steigendem Kohlendioxidgehalt: Die quadratischen Filterpatronen des Kommandomoduls passen nicht in die runden Anschlüsse der Fähre, weshalb die Bodenkontrolle in Houston einen Adapter allein aus an Bord vorhandenem Material entwirft, den die Besatzung nach Anleitung nachbaut. Haise erkrankt in der Kälte zusätzlich an einer fiebrigen Harnwegsinfektion. Am 17. April, kurz vor 13 Uhr Ortszeit, gelingt dank dieser improvisierten Notlösungen von Besatzung und Bodenkontrolle die sichere Wasserung im Pazifik — eine der dramatischsten Rettungsaktionen der Raumfahrtgeschichte geht glimpflich aus und wird weltweit als „erfolgreiches Scheitern" gefeiert.
Nach fast 100 Jahren: Letztes Rennen auf der Castroper Pferderennbahn

Auf der Naturhindernis-Rennbahn am Wasserschloss Haus Goldschmieding bei Castrop-Rauxel geht das 97. und letzte Pferderennen der Stadtgeschichte über die Bahn. Seit 1874, initiiert vom irischen Bergbaupionier William Thomas Mulvany, hatte der Castroper Rennverein hier Steeplechase-Rennen ausgetragen, die in ihrer Blütezeit bis zu 30.000 Zuschauer aus dem ganzen Ruhrgebiet anlockten. Mulvany, der Haus Goldschmieding 1872 erworben hatte, ließ die Anlage von seinem Verwalter, dem englischen Pferdesportfachmann James Toole, nach dem Vorbild britischer Steeplechase-Kurse auf dem hügeligen Gelände rund um das Herrenhaus anlegen — aus der anfänglichen Veranstaltung des Bergbaupioniers wurde binnen weniger Jahre ein Volksfest, das Bergleute, Kaufleute und Landadel aus dem ganzen Vest zusammenführte. 1905 verkaufte die Familie Mulvany das Gut samt Rennbahn an die Gelsenkirchener Bergwerks-Aktien-Gesellschaft; um den Rennbetrieb zu retten, gründete sich 1906 eigens der Castroper Rennverein mit einem Garantiefonds seiner Mitglieder. Zwei Weltkriege überstand die Tradition, nach 1950 lebte sie noch einmal auf — doch sinkende Zuschauerzahlen und leere Kassen zwingen den Verein 1970 endgültig zur Aufgabe. Mit dem letzten Start endet fast ein Jahrhundert Pferdesportgeschichte im Vest; das rund 20 Hektar große Gelände rund um das Herrenhaus geht an die Stadt Castrop-Rauxel über und wird künftig für Spaziergänge und Naherholung genutzt — ein stilles Ende für eine der ungewöhnlichsten Sportstätten des Ruhrgebiets.
Erster „Earth Day" markiert Beginn der modernen Umweltbewegung

Rund 20 Millionen Amerikaner beteiligen sich an einem landesweiten „Umwelt-Teach-in" gegen Luftverschmutzung, Ölkatastrophen und den sorglosen Umgang mit natürlichen Ressourcen. Initiator ist der demokratische US-Senator Gaylord Nelson aus Wisconsin, der nach einer verheerenden Ölpest vor Santa Barbara im Jahr zuvor der bis dahin zersplitterten Umweltbewegung ein gemeinsames Datum und einen gemeinsamen Namen geben will: Earth Day. An Tausenden Schulen und Hochschulen und in unzähligen Gemeinden finden Kundgebungen, Aufräumaktionen und Diskussionsveranstaltungen statt — überparteilich getragen von Demokraten wie Republikanern, was den Tag zu einem der größten Massenprotestereignisse der US-Geschichte macht. Der Erfolg zeigt rasch politische Wirkung: Noch im selben Jahr wird in den USA die Umweltbehörde Environmental Protection Agency (EPA) gegründet, es folgen schärfere Gesetze zur Luft- und Wasserreinhaltung. Der erste Earth Day gilt seither als Gründungsdatum der modernen internationalen Umweltbewegung; erst in den kommenden Jahrzehnten wird er zum weltweiten Aktionstag, den mittlerweile mehr als 190 Länder begehen — auch im Ruhrgebiet, wo Kohleförderung und Stahlindustrie die Luftqualität seit Jahrzehnten prägen, wächst das Bewusstsein für Umweltfragen in diesen Jahren spürbar.
Kent-State-Massaker: Nationalgarde erschießt vier Studenten

An der Kent State University im US-Bundesstaat Ohio eröffnet die Nationalgarde das Feuer auf Studenten, die gegen die Ausweitung des Vietnamkriegs auf Kambodscha protestieren: Innerhalb von nur 13 Sekunden feuern 28 Soldaten rund 67 Schüsse in die Menge unbewaffneter Demonstranten. Vier Studierende — Allison Krause, Jeffrey Miller, Sandra Scheuer und William Knox Schroeder — sterben, neun weitere werden verletzt, einer von ihnen bleibt querschnittsgelähmt. Auslöser der Proteste war die Ankündigung von US-Präsident Richard Nixon vom 30. April, amerikanische Truppen nach Kambodscha einmarschieren zu lassen, um dort mutmaßliche Rückzugsgebiete der nordvietnamesischen Armee zu zerschlagen — eine Eskalation, die landesweit Empörung auslöst. Das Massaker schlägt hohe Wellen: In den folgenden Tagen legen rund vier Millionen Studierende an Hunderten Colleges und Universitäten im größten Studierendenstreik der amerikanischen Geschichte die Lehre nieder. Ein Foto des Fotografen John Filo, das eine neben Millers Leiche kniende, schreiende junge Ausreißerin zeigt, geht um die Welt und wird später mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet — ein Sinnbild der tief gespaltenen amerikanischen Gesellschaft jener Jahre.
Flugzeugentführungen von Dawson's Field und „Schwarzer September" in Jordanien

Innerhalb weniger Tage kapert die radikale Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) unter ihrem Drahtzieher Wadi Haddad vier vollbesetzte Passagierflugzeuge westlicher Fluggesellschaften; drei davon — Maschinen von TWA, Swissair und BOAC — zwingen die Entführer zur Landung auf dem stillgelegten Militärflugplatz Dawson's Field in der jordanischen Wüste, den sie zum „Revolutionsflughafen" erklären. Ein vierter Anschlag, auf ein El-Al-Flugzeug, scheitert: Sicherheitsleute erschießen den Angreifer, seine Komplizin Leila Khaled wird in London festgenommen. Mit mehr als 300 Geiseln fordert die PFLP die Freilassung inhaftierter Palästinenser; nach tagelangem Bangen werden die Passagiere freigelassen, die leeren Flugzeuge am 12. September in einer spektakulären, weltweit im Fernsehen gezeigten Explosion gesprengt. König Hussein von Jordanien, dessen Autorität durch die zunehmend staatsähnlich auftretenden Palästinenserorganisationen im eigenen Land untergraben wird, verhängt daraufhin das Kriegsrecht: Vom 17. bis 27. September liefern sich jordanische Armee und palästinensische Fedajin-Kämpfer erbitterte Kämpfe, vor allem um die Hauptstadt Amman — Tausende Menschen kommen ums Leben. Der Konflikt, der als „Schwarzer September" in die Geschichte eingeht, zwingt die PLO-Führung samt bewaffneten Kämpfern zum Rückzug in den Libanon und treibt die Radikalisierung militanter Palästinensergruppen weiter voran.
Tod des ägyptischen Präsidenten Nasser

Nur wenige Stunden nachdem er auf dem Kairoer Flughafen den Emir von Kuwait verabschiedet hat, erliegt Ägyptens Präsident Gamal Abdel Nasser im Alter von 52 Jahren einem Herzinfarkt. Der starke Raucher und Diabetiker, der bereits 1966 und im September 1969 Herzattacken erlitten hatte, war in den Tagen zuvor durch die Vermittlung eines brüchigen Waffenstillstands im jordanisch-palästinensischen Konflikt des „Schwarzen September" auf einem improvisierten arabischen Gipfeltreffen physisch und psychisch aufs Äußerste gefordert. Vizepräsident Anwar as-Sadat verkündet den Tod noch am selben Abend; die Nachricht löst in Ägypten und der gesamten arabischen Welt Erschütterung aus. Am Trauerzug durch Kairo am 1. Oktober nehmen Schätzungen zufolge rund fünf Millionen Menschen teil — eine der größten Menschenansammlungen der Geschichte. Nasser hatte Ägypten seit dem Sturz König Faruqs 1952 und offiziell als Präsident seit 1956 geprägt: Verstaatlichung des Sueskanals, panarabischer Nationalismus und die verheerende Niederlage im Sechstagekrieg 1967 gegen Israel stehen ebenso für seine Ära wie der Bau des Assuan-Staudamms. Sein Nachfolger Sadat, zunächst als Übergangsfigur unterschätzt, sollte Ägyptens Politik in den folgenden Jahren in eine gänzlich andere Richtung lenken.
Salvador Allende zum Präsidenten Chiles gewählt

Bei der Präsidentschaftswahl am 4. September erreicht der Sozialist Salvador Allende, Kandidat des Linksbündnisses Unidad Popular, mit 36,6 Prozent der Stimmen nur ein knappes relatives Mehr vor dem Konservativen Jorge Alessandri (35,3 Prozent) und dem Christdemokraten Radomiro Tomić (28,1 Prozent). Da niemand die absolute Mehrheit erringt, entscheidet gemäß chilenischer Verfassung der neugewählte Kongress in gemeinsamer Sitzung über das Amt; nachdem sich die Christdemokraten zur Unterstützung des Wahlsiegers verpflichten, wählt das Parlament Allende am 24. Oktober mit 153 von 195 Stimmen zum Präsidenten. Überschattet wird die Entscheidung von einem missglückten Entführungsversuch auf den verfassungstreuen Oberbefehlshaber des Heeres, General René Schneider, der sich Putschplänen widersetzt hatte und am 25. Oktober seinen Schussverletzungen erliegt — Ermittlungen bringen später auch den US-Geheimdienst CIA mit dem Anschlag in Verbindung. Am 3. November tritt Allende sein Amt an, bejubelt von einer riesigen Menschenmenge in Santiago: Er ist der erste demokratisch gewählte marxistische Staatschef Lateinamerikas und kündigt einen „chilenischen Weg zum Sozialismus" mit Verstaatlichungen von Kupferminen und Banken an. Sein Programm sorgt international für Aufsehen, in Washington für offene Besorgnis, und legt den Grundstein für die dramatische Zuspitzung, die 1973 im gewaltsamen Militärputsch gegen ihn münden wird.
Chaos und letzter großer Auftritt: Jimi Hendrix beim „Love-and-Peace-Festival" auf Fehmarn

Am Leuchtturm Flügge auf der Ostseeinsel Fehmarn versammeln sich vom 4. bis 6. September rund 25.000 Besucher zum „Love-and-Peace-Festival" — von den Veranstaltern Helmut Ferdinand, Christian Berthold und Tim Sievers als europäische Antwort auf Woodstock geplant. Doch das Unternehmen gerät rasch außer Kontrolle: Dauerregen verwandelt das Gelände in eine Schlammwüste, auf den Zufahrtsstraßen staut sich der Verkehr, und marodierende Rockergruppen erzwingen mit Gewalt freien Eintritt für alle Besucher — zeitweise wird sogar die Bühne in Brand gesteckt. In den frühen Morgenstunden des 6. September, unter diesen chaotischen Bedingungen, tritt Jimi Hendrix auf: der letzte vollständige Konzertauftritt des amerikanischen Gitarrenvirtuosen vor seinem Tod zwölf Tage später in London.
Contergan-Prozess endet ohne Urteil

Nach zweieinhalb Jahren Hauptverhandlung stellt das Landgericht Aachen das Strafverfahren gegen den Chef des Pharmaunternehmens Grünenthal und acht seiner Mitarbeiter am 18. Dezember gemäß § 153 Abs. 3 der Strafprozessordnung ein. Seit Mai 1968 hatte das Gericht drei Tage die Woche verhandelt — mangels eines ausreichend großen Saales im Kasino der Zeche Anna in Alsdorf, fernab des eigentlichen Gerichtsgebäudes. Voraussetzung für die Einstellung war ein Vergleich: Grünenthal zahlt 100 Millionen DM an die durch das Schlafmittel Contergan geschädigten Kinder beziehungsweise deren Eltern. Als Folge des Skandals arbeitet der Gesetzgeber bereits an einem deutlich strengeren Arzneimittelrecht mit verpflichtender Zulassungsprüfung — bislang genügte für ein neues Medikament die bloße Meldung, ohne Nachweis der Unbedenklichkeit.
Aus heutiger Sicht
Die Einstellung gegen Geldauflage statt eines Schuldspruchs bleibt bis heute umstritten. Der Bundesverband Contergangeschädigter kämpft noch Jahrzehnte später um Anerkennung und ausreichende Entschädigung — ein Umstand, der die 1970 von manchen Beobachtern empfundene „Erledigung" der Sache relativiert.
Biafra-Krieg endet: Kapitulation nach Hungerkatastrophe

Am 15. Januar kapituliert das seit Monaten von der Außenwelt abgeschnittene Biafra nach der Schlussoffensive der nigerianischen Truppen — das Ende eines fast dreijährigen Bürgerkriegs, der nach Schätzungen Hunderttausende Menschen, die meisten davon durch Hunger, das Leben gekostet hat. General Yakubu Gowon verkündet nach dem Sieg die Doktrin „No Victor, No Vanquished" (kein Sieger, kein Besiegter) und kündigt eine Politik der Versöhnung, des Wiederaufbaus und der Wiedereingliederung an, statt Vergeltung an der unterlegenen Seite zu üben — ein für die Region ungewöhnlicher Kurswechsel. Seit mehr als zwei Jahren läuft parallel die „Aktion Biafra Hilfe": eine kirchlich getragene Luftbrücke mit Nahrungsmitteln und Medikamenten, an der zuletzt rund 95 Organisationen allein in der Bundesrepublik beteiligt sind — nach Angaben der Caritas der größte Hilfseinsatz ihrer Zeit.
Richtfest für das Münchner Olympiastadion: Frei Ottos Zeltdach nimmt Gestalt an

Am 23. Juli feiern die Bauleute Richtfest für das Münchner Olympiastadion, dessen Rohbau im Sommer 1970 für die Olympischen Spiele 1972 fertiggestellt wird. Im August schließen sich die letzten Rohbauarbeiten am Stadion an, dann beginnt die Montage des transparenten Zeltdachs mit Mast und Seilvorbereitung. Das Dach nach Entwürfen der Architekten Frei Otto und Günther Behnisch gilt schon während der Bauphase als architektonische Sensation und setzt mit seiner Membran- und Seilnetzkonstruktion international neue Maßstäbe. Im September werden zudem die Bauarbeiten an der benachbarten Schwimmhalle abgeschlossen.
AM RANDE NOTIERT
- Am 10. April verkündet Paul McCartney in einem Presseinterview faktisch das Ende der Beatles — die Trennung der Band aus Liverpool erschüttert eine ganze Generation von Fans, auch im Ruhrgebiet.
- Am 18. September wird Jimi Hendrix tot in einem Londoner Hotel aufgefunden — der Gitarrenvirtuose wird nur 27 Jahre alt.
- Am 15. Januar endet mit der Kapitulation der letzten biafranischen Truppen der fast dreijährige Nigerianische Bürgerkrieg (Biafra-Krieg), der Millionen Menschenleben, vor allem durch Hunger, gefordert hat.
- Am 9. November stirbt Charles de Gaulle, Frankreichs früherer Staatspräsident und Symbolfigur des Widerstands gegen NS-Deutschland, im Alter von 79 Jahren in seinem Heimatort Colombey-les-Deux-Églises.
- Am 14. Mai wird der inhaftierte Andreas Baader bei einem bewaffneten Überfall in Berlin befreit — die Aktion gilt als Geburtsstunde der terroristischen Rote Armee Fraktion (RAF), die die Bundesrepublik in den folgenden Jahren erschüttern wird.
- Die vereinigten Zechen Victor-Ickern in Castrop-Rauxel fördern 1970 zusammen rund 2,23 Millionen Tonnen Steinkohle — ein letztes großes Kapitel vor dem Ende: Schon 1973 schließt die Anlage im Zuge des Zechensterbens im Ruhrgebiet endgültig.
- Am 5. September verunglückt Jochen Rindt beim Training zum Grand Prix von Monza tödlich — der Österreicher führt zu diesem Zeitpunkt uneinholbar die Fahrerwertung an und wird nach Saisonende posthum zum bislang einzigen Weltmeister der Formel-1-Geschichte.
- Am 29. November startet im Ersten die neue Krimireihe „Tatort" mit der Folge „Taxi nach Leipzig" und Walter Richter als Kommissar Trimmel — 61 Prozent Marktanteil belegen das große Zuschauerinteresse.
WIRTSCHAFT · 1970
Die westdeutsche Konjunktur brummt: Das Bruttosozialprodukt wächst 1970 um 5,4 Prozent, die Arbeitslosenquote liegt bei nur 0,7 Prozent — nahezu Vollbeschäftigung. Die Gewerkschaften nutzen die günstige Lage für hohe Lohnabschlüsse, während die Bundesbank die zuletzt schleichend steigenden Preise im Auge behält.
Der Preisspiegel:
- Brot (1 kg) — 1,32 DM
- Butter (1 kg) — 7,50 DM
- Milch (1 l) — 0,37 DM
- Bier (0,5 l) — 0,70 DM
- Eier (1 Stück) — 0,19 DM
- Benzin (1 l) — 0,57 DM
STIMMEN DER PRESSE · 1970
„Dann kniet er, der das nicht nötig hat, da für alle, die es nötig haben, aber nicht da knien – weil sie es nicht wagen oder nicht können oder nicht wagen können. Dann bekennt er sich zu einer Schuld, an der er selber nicht zu tragen hat, und bittet um eine Vergebung, derer er selber nicht bedarf. Dann kniet er da für Deutschland." — Hermann Schreiber, Der Spiegel (Nachrichtenmagazin), Dezember 1970
„Das einzige Bild, das in der Geschichte diesen Tag überdauern wird." — Le Figaro (französische Zeitung), Dezember 1970
„Im ganzen bietet der Anfang der Serie mehr eine Variante von Bekanntem als etwas Neues. Stutzig macht auch, daß einem vorsorglich ‚kriminalistische Hausmannskost‘ versprochen wird. Herzlich gern nähme man sie. Aber noch immer ist eine Hummermayonnaise leichter zu machen als ein guter Eintopf …" — Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. Dezember 1970
SPORT · 1970
Die Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko geht an Brasilien: Im Endspiel am 21. Juni im Aztekenstadion von Mexiko-Stadt vor 107.412 Zuschauern schlägt die von Trainer Mário Zagallo betreute Selecao Italien 4:1 (1:1) — Pelé trifft in der 18. Minute zum 1:0, Roberto Boninsegna gleicht in der 37. Minute aus, ehe Gérson (66.), Jairzinho (71.) und Kapitän Carlos Alberto (87.) mit sehenswertem Angriffsfußball die Partie entscheiden. Als erstes Land wird Brasilien dreifacher Weltmeister — nach den Titeln 1958 und 1962 — und darf den Jules-Rimet-Pokal seither dauerhaft behalten, wie es das Reglement bei drei Titelgewinnen vorsieht. Vorausgegangen ist, wie bereits vermerkt, das legendäre „Jahrhundertspiel" zwischen Italien und der Bundesrepublik im Halbfinale, das die Italiener erst nach Verlängerung mit 4:3 für sich entscheiden; die deutsche Elf um Franz Beckenbauer, der mit ausgekugelter Schulter und geschientem Arm weiterspielt, sichert sich anschließend mit einem 1:0 gegen Uruguay den dritten Platz.
MODE · 1970
Auf den Straßen tobt der „Rocklängenstreit": Nachdem der Minirock — Mitte der sechziger Jahre von der britischen Designerin Mary Quant salonfähig gemacht — sein kürzestes Maß erreicht hat, schlägt das modische Pendel zurück. Der wadenlange Maxirock und der knielange, bis zur Wadenmitte reichende Midirock fordern ihn heraus, ohne ihn ganz zu verdrängen; Modehäuser und Boulevardpresse streiten das Jahr über heftig, welche Länge nun die „richtige" sei, während sich viele Frauen von den Modediktaten schlicht nicht vorschreiben lassen wollen, was sie zu tragen haben. Am Horizont kündigt sich bereits der nächste Umbruch an — die Hotpants, die im Folgejahr zur regelrechten Modewelle werden.
KULTUR · 1970
Holiday on Ice kann in dieser Saison auf eine lange Geschichte zurückblicken: Was 1943 in Toledo/Ohio auf einer tragbaren Kunsteisbahn begann, gastiert seit der Deutschland-Premiere 1951 in Frankfurt und seit 1952 regelmäßig in der Westfalenhalle Dortmund — für die Familie aus Castrop-Rauxel nur eine kurze Fahrt entfernt. In diesem Winter steht die Revue unter dem Motto „Fairy Tales", einem Märchenprogramm mit aufwendigen Kostümen und funkelnden Kulissen. Zwischen Kniefall von Warschau und Mondlandungsdrama bleibt der Ausflug zur Eisshow ein verlässliches Stück Winterzauber für die ganze Familie.
KINO & FERNSEHEN · 1970
An den deutschen Kinokassen dominiert 1970 der Zeichentrickfilm »Asterix und Kleopatra« mit 7,44 Millionen Besuchern. Dicht dahinter folgt mit »Schulmädchen-Report – Was Eltern nicht für möglich halten« von Ernst Hofbauer ein Film, der trotz vernichtender Kritiken rund 6,9 bis 7 Millionen Zuschauer in die Kinos lockt und den Auftakt zu einer Serie mit später insgesamt 13 Teilen bildet. Es folgen »M*A*S*H« von Robert Altman, der Aufklärungsfilm »Oswalt Kolle – Dein Mann, das unbekannte Wesen« mit 3,5 Millionen sowie die Komödie »Wenn die tollen Tanten kommen« mit Rudi Carrell und 3,13 Millionen Besuchern. Insgesamt zählen die deutschen Kinos 1970 rund 64,56 Millionen Besucher, deutsche Produktionen erreichen dabei einen Marktanteil von 49,7 Prozent.
GESTORBEN · 1970
- Max Born (87), Physiker, Nobelpreisträger 1954 — 5. Januar, Göttingen.
- Jochen Rindt (28), Formel-1-Rennfahrer — 5. September, tödlicher Trainingsunfall in Monza.
- Jimi Hendrix (27), Musiker — 18. September, London.
- Erich Maria Remarque (72), Schriftsteller — 25. September, Locarno.
- Charles de Gaulle (79), französischer Staatspräsident a. D. — 9. November, Colombey-les-Deux-Églises.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1970
- Gründung der Band Kraftwerk in Düsseldorf. Ralf Hütter und Florian Schneider legen mit ihrer Bandgründung den Grundstein der „Düsseldorfer Schule" — deutsche Pioniere, deren Klang später Elektropop, Techno und Hip-Hop weltweit prägen wird.
- „Jahrhundertspiel" und WM-Bronze für die DFB-Elf (Juni, Mexiko). Nach dem dramatischen 3:4 n. V. im WM-Halbfinale gegen Italien gewinnt die deutsche Nationalmannschaft das Spiel um Platz drei gegen Uruguay mit 1:0 — eines der berühmtesten Spiele der deutschen Fußballgeschichte.
- Eröffnung des Kiesbergtunnels in Wuppertal (2. Oktober). Europas erster zweigeschossiger Tunnel und seinerzeit längster Straßentunnel Deutschlands nimmt im Bergischen Land den Betrieb auf — ein Infrastrukturprojekt, das der Talstadt zum Jahresausklang doch noch einen Fortschritt beschert.
- Friedensnobelpreis für Norman Borlaug (20. Oktober). Der US-Agrarwissenschaftler erhält die Auszeichnung für die von ihm angestoßene „Grüne Revolution" — ertragreichere Getreidesorten, die Millionen Menschen in Entwicklungsländern vor Hungersnöten bewahren.
- Erster Linienflug einer Boeing 747 (22. Januar). Pan Am eröffnet mit dem Jumbo-Jet auf der Strecke New York–London das Zeitalter des Großraumflugzeugs — Fliegen wird für deutlich mehr Menschen erschwinglich.
- Borussia Mönchengladbach wird erstmals Deutscher Meister (30. April). Mit einem 4:3-Sieg gegen den Hamburger SV krönt sich die junge „Fohlenelf" von Trainer Hennes Weisweiler zum ersten Bundesliga-Titel ihrer Geschichte — der Ruhrgebiet-Rivale Borussia Dortmund beendet die Saison derweil auf Platz fünf.
DAS WETTER · 1970 in Castrop-Rauxel
An diesem 13. Juli war es im Ruhrgebiet ein warmer Sommertag: Höchstwert 25,8 °C, in der Nacht 13,5 °C, im Mittel 20,4 °C; kein Tropfen Regen fiel.
Das Jahr über: Im Mittel 9,3 °C. Wärmster Tag 29,7 °C am 27. Juni, kältester −10,6 °C am 1. Januar. 0 Hitzetage (≥ 30 °C), 18 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 1030 mm.
(Messwerte der Station Essen, rund 30 km westlich von Castrop-Rauxel — nächstgelegene durchgehend messende Station im Ruhrgebiet; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1970
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts (amtliche Charts ab 1959).
- El Condor Pasa — Simon & Garfunkel
- Mademoiselle Ninette — Soulful Dynamics
- Du — Peter Maffay
- In The Summertime — Mungo Jerry
- A Song Of Joy — Miguel Ríos
- Yellow River — Christie
- Ein Mädchen Nach Maß — Chris Roberts
- Cecilia — Simon & Garfunkel
- Dein Schönstes Geschenk — Roy Black
- All Right Now — Free
- Ma Belle Amie — The Tee-Set
- Lola — The Kinks
- House Of The Rising Sun — Frijid Pink
- Let It Be — The Beatles
- Bridge Over Troubled Water — Simon & Garfunkel
- Down On The Corner — Creedence Clearwater Revival
- Black Night — Deep Purple
- Barfuß Im Regen — Michael Holm
- Sha La La, I Love You — Die Flippers
- Die Maschen Der Mädchen — Chris Roberts
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (chartsurfer.de / offizielle Charts).
Feuerball am Kanal: Getreidesilo im Nordhafen explodiert

Gegen 17.24 Uhr am Montag, dem 14. Dezember, erschüttert eine Staubexplosion das Großsilo „Nordhafen“ der Kieler Lagerhaus GmbH am Kai bei den Kanalbrücken. Der Altbau des 1921 errichteten Silos habe sich, so schildern Zeugen, „wie eine Gummiblase aufgebläht“; es folgten eine Stichflamme und drei Explosionsknalle. Bis kurz vor halb fünf war an der Kaje ein 12 000-Tonnen-Frachter mit amerikanischer Gerste gelöscht worden, die eine pneumatische Sauganlage ins Silo förderte.
Die ersten Meldungen sprachen von zwei toten Arbeitern und vier Vermissten. Am Ende steht die Bilanz fest: sechs Tote und 16 meist schwer Verletzte. Trümmer und Einsturzgefahr erschweren die Löscharbeiten, die Holtenauer Hochbrücken und der Nord-Ostsee-Kanal müssen vorübergehend gesperrt werden. Am Tag danach zeigen sich geborstene Außenwände, ein verwüsteter Verwaltungstrakt und ein zerstörter Eisenbahnwaggon.
Die Schleswig-Holsteinische Landesbrandkasse setzt unter Leitung von Dr. Wilhelm Jach eine Untersuchungskommission ein. Als Ursache gilt eine Kettenreaktion von Gerstenstaub. In Fachkreisen heißt es, ein vergleichbares Unglück habe es in Europa bisher nicht gegeben.
Kommunalwahl: Kiel bleibt rot, SPD mit absoluter Mehrheit
Bei der Gemeinde- und Kreiswahl am 26. April in Schleswig-Holstein, zugleich der ersten Wahl der Kreistage nach der Kreisreform, die die Zahl der Kreise von 17 auf 12 senkt, wählt Kiel deutlich röter als das Land. In der Landeshauptstadt kommt die SPD auf rund 54 Prozent der Stimmen, 1966 waren es rund 52 Prozent. Die CDU erreicht rund 35 Prozent, 1966 rund 36. Die FDP bleibt mit rund 4 Prozent unter der Fünf-Prozent-Hürde, die Freie Kieler Wählergemeinschaft erhält rund 5 Prozent, beide ohne Sitz. Die Wahlbeteiligung liegt bei rund 65 Prozent von 202 300 Wahlberechtigten.
In der 49köpfigen Ratsversammlung stellt die SPD künftig 30 Sitze, die CDU 19. Vor vier Jahren lautete das Verhältnis 26 zu 18, bei zwei Sitzen der FDP und drei für Sonstige. Im Land insgesamt liegt dagegen die CDU mit rund 45 Prozent knapp vor der SPD mit rund 44 Prozent bei einer Wahlbeteiligung von rund 72 Prozent.
Am 21. Mai konstituiert sich die neue Ratsversammlung. Zur Stadtpräsidentin wählt sie Ida Hinz (SPD); sie löst Hermann Köster ab, der das Amt seit 1959 innehatte. Oberbürgermeister bleibt Günther Bantzer, im Amt seit 1965.
Aus heutiger Sicht
Ida Hinz blieb bis zum 25. April 1974 Stadtpräsidentin. Bei der Kommunalwahl 1974 lag die CDU in Kiel mit rund 46 Prozent vor der SPD mit rund 44 Prozent.
Heinemann eröffnet die Kieler Woche, die Olympia-Planer reisen mit

Bundespräsident Gustav Heinemann hält die Eröffnungsrede zur 76. Kieler Woche von der Bühne auf dem Rathausplatz. Am Rand hängen Protestbanner zur Lehrlingsausbildung: „100 Jahre geht das schon: Für den Lehrling Hungerlohn!“ und „Statt Unternehmergeschwätz besseres Ausbildungsgesetz“. Die Woche läuft vom 21. bis zum 28. Juni.
An der Tirpitzmole liegen ausländische Kriegsschiffe: die britische Fregatte „Ajax“, die amerikanischen Schiffe „Richard L. Page“ und „Forrest Sherman“, dahinter der französische Zerstörer „Suffren“. Tags zuvor hat die Stadt vier Hostessen der Kieler Woche vorgestellt, Beamtenanwärterinnen im Rathaus: Marita Bode, Inge Behncke, Marianne Albien und Melitta Rosenkranz, begleitet von Oberbürgermeister Bantzer.
Am 23. Juni begrüßen Stadtpräsidentin Ida Hinz und Kulturdezernent Herbert Wollschläger Altbundespräsident Heinrich Lübke und seine Frau Wilhelmine im Schauspielhaus, wo sie bis zur Pause das Stück „Change“ sehen. Zwei Tage später geht Lübke beim Diplomatensegeln des Kieler Yacht-Clubs an Bord der Yacht „Odin“ von Dr. Hell.
Am 26. Juni informieren sich im Magistratssaal der Sonderausschuss des Bundestages für Sport und Olympische Spiele unter dem Vorsitz von MdB Konrad Kraske, OB Bantzer und DSV-Generalsekretär Herbert Kunze über die Planungen für die olympischen Segelwettbewerbe 1972 vor Kiel.
Kiel bekommt ein Stadtmuseum: Der Warleberger Hof öffnet

Am 17. September öffnet in der Dänischen Straße 19 das neue Kieler Stadtmuseum. Es zieht in den Warleberger Hof, den einzigen erhaltenen Kieler Adelshof des frühen 17. Jahrhunderts. Zur Eröffnung zeigt das Haus eine vielbeachtete Wanderausstellung italienischer Bronzekunst.
Gebaut hat das Haus ab 1616 der herzogliche Schreiber Christoph Martens. 1686 kaufte es Henning von Thienen, ab 1765 ließ Henning Bendix von Rumohr es umbauen. 1839 zog die Universität ein, nach 1945 fiel das Gebäude an die Stadt.
Im März hatte die Stadt die Presse in das Kellergewölbe geladen, um das Konzept vorzustellen. Stadtrat Dr. Heinz Kiekebusch, ehrenamtlicher Dezernent für das Stadtmuseum, und Pressesprecher Werner Istel führten durch die Räume, in denen eine alte Zisterne und ein Kamin aus der Zeit des Bierbrauens erhalten sind.
Aus heutiger Sicht
Das 1970 eröffnete Stadtmuseum trägt inzwischen den Namen Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum und hat seinen Sitz weiter im Warleberger Hof.
Kreisreform: Der Kreis Eckernförde geht im neuen Kreis Rendsburg-Eckernförde auf
Rund um die Förde ändern sich zum 26. April die Kreisgrenzen. Der Kreis Eckernförde, 1867 aus der Stadt Eckernförde, den Schwansener und Dänischwohlder Güterdistrikten und dem Amt Hütten gebildet, hört mit seinen zuletzt 55 Gemeinden auf zu bestehen. Er geht, ohne Kopperby und Olpenitz, die als neue Gemeinde Kopperby zum Kreis Schleswig kommen, zusammen mit dem größten Teil des Kreises Rendsburg im neuen Kreis Rendsburg-Eckernförde auf. Dessen Sitz ist Rendsburg.
Für das Westufer der Förde heißt das: Strande, seit 1867 beim Kreis Eckernförde, gehört nun zum neuen Kreis; im Zuge der Ämterreform dieses Jahres wird das Amt Dänischenhagen, bisher nur Dänischenhagen und Strande, mit dem Amt Schwedeneck aus Noer und Schwedeneck zusammengelegt.
Auch der Kreis Plön gibt ab und verliert fast ein Zehntel seiner Fläche. Neun Gemeinden kommen zum neuen Kreis Rendsburg-Eckernförde: Bissee, Böhnhusen, Brügge, Flintbek, Groß Buchwald, Negenharrie, Reesdorf, Schönhorst und Techelsdorf.
KURZ NOTIERT · Kiel 1970
- 13. April — Grundsteinlegung für das Klärwerk Bülk.
- 26. April — Meimersdorf, Moorsee, Rönne, Russee und Wellsee werden nach Kiel eingemeindet; allein Wellsee bringt 501 Hektar Stadtgebiet. Am 6. Juli tagt in Russee der neue Ortsbeirat zum ersten Mal.
- 4. Mai — Die Kinderklinik im Städtischen Krankenhaus wird eröffnet.
- 22. September — Stadtpräsidentin Ida Hinz gibt den Skandinaviendamm für den Verkehr frei, die dritte Zufahrt nach Mettenhof neben Hofholzallee und Mettenhofzubringer. Mit dabei: Schachtmeister Dobrick und Büroleiter Wolfgang Link.
- 25. September — In der Nacht zum Freitag verschwindet acht Tage nach der Eröffnung des Stadtmuseums die Bronzefigur „Nuotatore“, der „Schwimmer“, aus der Ausstellung italienischer Bronzekunst. Von Täter und Verbleib fehlt jede Spur; das Museum hat damit schon in der ersten Woche ein Exponat weniger.
- 15. Oktober — Richtfest auf dem neuen Karstadt-Haus an der Hohenrade in der Wik.
- 29. Oktober — Richtfest im Olympiazentrum Schilksee, wo Bantzer schon im April den Bundestagspräsidenten Kai-Uwe von Hassel über die Baustelle geführt hat.
- 1. November — Überfall auf die Sparkassen-Filiale Holtenauer Straße 130–132; die Täter erbeuten 250 000 DM.
RUND UM DIE FÖRDE · 1970
- 5. Januar, Heikendorf — Die Stadtwerke Kiel AG versorgen nun auch die Nachbargemeinde Heikendorf mit Trinkwasser; Kiels Oberbürgermeister Günther Bantzer dreht den Hahn auf, dabei sind Heikendorfs Bürgermeister Herbert Sätje und Stadtwerkedirektor Dr. Paul Hauschildt.
- 24. Mai, Laboe — Vertriebenenverbände legen am Marine-Ehrenmal einen Kranz nieder; die Verbände verbinden das mit einer Würdigung der Marine und des früheren Großadmirals Karl Dönitz für deren Rolle bei der Flucht aus den damaligen deutschen Ostgebieten vor Kriegsende.
SPORT AN DER FÖRDE · 1970
- Holstein Kiel — Die Störche beenden die Regionalliga-Nord-Saison 1969/70 in der zweithöchsten Spielklasse als Dritter von 16 Vereinen: 17 Siege, 10 Unentschieden, 5 Niederlagen, 64:37 Tore, 44:20 Punkte. Die Aufstiegsrunde zur Bundesliga erreichen nur Meister VfL Osnabrück und der VfL Wolfsburg. Im Schnitt kommen 4 828 Zuschauer.
- THW Kiel — In der Handball-Bundesliga, Staffel Nord, wird der THW Sechster: 4 Siege, 2 Unentschieden, 8 Niederlagen aus 14 Spielen, 151:176 Tore, 10:18 Punkte. Die Endrunde bestreiten nur die beiden Ersten jeder Staffel; Deutscher Meister wird Frisch Auf Göppingen.
- Segeln — Zur Kieler Woche startet am 20. Juni die Eröffnungsregatta von Kiel nach Eckernförde.
- Tanzturnier — Am 27. Juni richtet der Grün-Weiß-Club in der Ostseehalle das 10. Kieler-Woche-Tanzturnier aus.
DAS WETTER · 1970 in Kiel
An diesem 13. Juli war es an der Förde ein milder Sommertag: Höchstwert 24,1 °C, in der Nacht 14,4 °C, im Mittel 17,4 °C; es fielen 0,6 mm Regen, und die Sonne schien 7,6 Stunden.
Das Jahr über: Im Mittel 7,8 °C. Wärmster Tag 29,2 °C am 8. Juli, kältester Tiefstwert −14,1 °C am 17. Februar. 0 Hitzetage (≥ 30 °C), 11 Sommertage (≥ 25 °C), 35 Eistage (Dauerfrost) und 94 Frosttage; Jahresniederschlag 804 mm, Sonnenscheindauer 1721 Stunden.
(Messwerte der DWD-Station Kiel-Kronshagen. Quelle: DWD Climate Data Center.)