DER CHRONIST
Sonderausgabe · Rückschau auf die Tage vom 26. Februar bis 8. März 1971 · Preis 40 Pfennig
Castrop-Rauxel, Mittwoch, den 3. März 1971 — Eine rückblickende Wochenschau: Was in diesen Tagen die Welt, die beiden deutschen Staaten, das Land Nordrhein-Westfalen und die Europastadt zwischen Emscher und Kanal bewegte.
Zum GeleitDiese Ausgabe erscheint zu Ehren eines an diesem 3. März 1971 in Castrop-Rauxel geborenen Kindes. Sie sammelt die großen Schlagzeilen der Tage seiner Geburt — vom Weltgeschehen bis vor die eigene Haustür im Revier. Es sind Tage, in denen ein arktischer Kaltluftvorstoß halb Europa unter Schnee begräbt, in denen in Dhaka ein Volk zu den Waffen gerufen wird und in denen im Ruhrgebiet die Straßenbahnen stillstehen, weil der Fahrschein zwanzig Pfennig teurer geworden ist.
AUFMACHER · „Der Kampf dieses Mal ist der Kampf um unsere Unabhängigkeit"
Vor mehr als einer Million Menschen: Scheich Mujibur Rahman am 7. März 1971 auf dem Ramna Race Course in Dhaka. (Press Information Department, Regierung von Bangladesch / Wikimedia Commons, gemeinfrei)
Dhaka/Islamabad. In Ost-Pakistan steht die Staatsordnung still. Am 1. März um 13.50 Uhr verkündete Präsident Agha Muhammad Yahya Khan über den Rundfunk, dass die für den 3. März — den Tag, an dem diese Ausgabe erscheint — einberufene erste Sitzung der Nationalversammlung auf unbestimmte Zeit vertagt sei. Die Wahl vom Dezember hatte der Awami-Liga des Scheichs Mujibur Rahman die absolute Mehrheit im gesamten Staat gebracht; Zulfikar Ali Bhutto, dessen Volkspartei den Westen des Landes gewonnen hatte, weigerte sich, unter einem bengalischen Ministerpräsidenten zu tagen. Der Präsident gab ihm nach.
Die Antwort kam binnen Stunden. In Dhaka strömten die Menschen auf die Straßen; Mujibur Rahman rief für die ganze Provinz den Generalstreik und den zivilen Ungehorsam aus. Am 2. März hissten Studenten der Universität Dhaka — unter ihnen ASM Abdur Rob, Shahjahan Siraj und Nur-e-Alam Siddiqui — auf dem Dach der Philosophischen Fakultät erstmals eine eigene Fahne: grünes Tuch, roter Kreis, darin die Umrisse des Landes. Am Abend wurden vielerorts pakistanische Flaggen von den Masten geholt. Am 6. März kündigte Yahya Khan an, die Nationalversammlung werde nun am 25. März in Dhaka zusammentreten — zu spät.
Die Woche danach: Am Sonntag, dem 7. März, sprach Mujibur Rahman auf dem Ramna Race Course in Dhaka vor mehr als einer Million Menschen. Neunzehn Minuten, von 14.45 bis 15.07 Uhr. Er rief die Unabhängigkeit nicht förmlich aus, forderte die Aufhebung des Kriegsrechts, die Übergabe der Macht an die gewählten Vertreter — und sagte den Satz, den seither jedes Kind in Bengalen kennt: „Der Kampf dieses Mal ist der Kampf um unsere Befreiung, der Kampf dieses Mal ist der Kampf um unsere Unabhängigkeit." Jedes Haus, so Mujib, solle zu einer Festung werden. (Nachtrag der Redaktion: In der Nacht zum 26. März wird die pakistanische Armee in Dhaka losschlagen; der Krieg, der daraus entsteht, endet im Dezember mit dem Staat Bangladesch.)
AUS DEUTSCHLAND · Ein Durchbruch beim Transit, ein abwesender Ulbricht, ein Prozess in Moabit
Der Verhandler der Ostpolitik: Egon Bahr, hier im April 1969 als Bundesminister für besondere Aufgaben. (Foto: Reineke, Bundesarchiv B 145 Bild-F030521-0007 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)
Bonn/Berlin/Ost-Berlin. Hinter verschlossenen Türen wird in diesen Wochen um die Zufahrtswege nach West-Berlin gerungen. Während die Botschafter der vier Mächte über ein Berlin-Abkommen verhandeln, treffen sich Staatssekretär Egon Bahr und der DDR-Unterhändler Michael Kohl in wechselnden Runden. Am 8. März kommt es zum Bruch der Fronten: Bahr weigert sich, über einen allgemeinen Verkehrsvertrag zu sprechen, der den Berlin-Verkehr gerade ausklammert — Kohl zeigt sich nach eigener Darstellung „geschockt". Nach zweieinhalbstündiger Pause kehrt er mit neuer Vollmacht an den Tisch zurück: Die DDR lässt ihre Forderung nach Ratifizierung und Kündigungsklausel fallen und akzeptiert, den Berlin-Verkehr in einer Anlage zum Vertrag zu regeln. Die amerikanische Botschaft wertet das in einer Depesche als erheblichen Prestigeverlust für Ost-Berlin.
Der Erste Sekretär ist verreist. In Ost-Berlin fehlt seit dem 8. Februar der Mann, der die DDR seit ihrer Gründung führt: Walter Ulbricht hält sich mit seiner Frau in der Sowjetunion auf, der Aufenthaltsort wird nicht mitgeteilt. Was die Öffentlichkeit nicht weiß: Am 21. Januar hatten dreizehn der zwanzig Mitglieder und Kandidaten des Politbüros — unter ihnen Erich Honecker, Willi Stoph und Günter Mittag — einen Brief an Leonid Breschnew unterzeichnet, in dem sie Ulbrichts Wirtschaftspolitik für unpraktikabel erklären und seinen Rücktritt verlangen. (Nachtrag: Am 3. Mai wird Ulbricht das Amt des Ersten Sekretärs an Honecker abgeben.)
Vor Gericht. Am 1. März beginnt vor der 8. Großen Strafkammer des Kriminalgerichts Moabit unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen der Prozess gegen den Rechtsanwalt Horst Mahler, Irene Goergens und Ingrid Schubert wegen Beihilfe zum Mordversuch und Gefangenen- befreiung — es geht um die Befreiung Andreas Baaders am 14. Mai 1970. Vorsitzender ist Landgerichtsdirektor Friedrich Geus, Mahlers Verteidiger ist Otto Schily; er lehnt die Kammer wegen der Pressekampagnen und wegen Äußerungen von Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher als befangen ab. — Am 5. März spricht ein Frankfurter Gericht den früheren SS-Anthropologen Hans Fleischhacker vom Vorwurf der Beihilfe zum Mord bei den Selektionen in Auschwitz frei.
Ferner: Seit dem 1. März gilt in der Bundesrepublik die neue Straßenverkehrs-Ordnung vom 16. November 1970. Sie schreibt das Blinken beim Spurwechsel vor, beschränkt die Radwegbenutzungspflicht auf rechtsseitige Radwege und nimmt die Autobahnbeschilderung erstmals in den einheitlichen Verkehrszeichenkatalog auf; das Stoppschild folgt nun dem Wiener Übereinkommen von 1968. — Am 5. März nehmen eine Delegation des West-Berliner Senats und Vertreter der DDR Gespräche über Reise- und Besuchsmöglichkeiten für West-Berliner auf.
VOR DEN WAHLEN · Berlin, Mainz und Kiel gehen an die Urnen
Erstmals Spitzenkandidat: der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz, aufgenommen im Februar 1969. (Foto: Ludwig Wegmann, Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)
Berlin/Mainz/Kiel. Drei Wahlkämpfe laufen in diesen Tagen auf ihren Höhepunkt zu. In West-Berlin wird am 14. März das Abgeordnetenhaus gewählt. Klaus Schütz (SPD) tritt erstmals als Spitzenkandidat an, nachdem er das Amt des Regierenden Bürgermeisters 1967 von Heinrich Albertz übernommen hatte; für die CDU führt erstmals Peter Lorenz die Liste an. (Nachtrag: Die SPD verteidigt am 14. März mit 50,4 Prozent knapp die absolute Mehrheit, verliert aber 6,5 Punkte; die CDU legt auf 38,2 Prozent zu, die FDP kommt auf 8,4 Prozent. Schütz bildet einen reinen SPD-Senat.)
Eine Woche später, am 21. März, wählt Rheinland-Pfalz einen neuen Landtag. Ministerpräsident Helmut Kohl (CDU), seit 1969 im Amt und mit 41 Jahren der jüngste Regierungschef eines Bundeslandes, wirbt für das „junge Land mit Zukunft". (Nachtrag: Kohl erreicht 50,0 Prozent — die erste absolute Mehrheit der CDU in Mainz seit 1963 — und regiert fortan allein.)
Und am 25. April ist Schleswig-Holstein an der Reihe. (Nachtrag: Dort holt die CDU unter Gerhard Stoltenberg 51,9 Prozent und damit erstmals die absolute Mehrheit im Kieler Landeshaus.) Für Nordrhein-Westfalen, wo Ministerpräsident Heinz Kühn (SPD) seit Juli 1970 einer sozialliberalen Koalition vorsteht, steht in diesem Jahr kein Urnengang an; der Landtag ist erst im Juni vergangenen Jahres gewählt worden.
AUS DER REGION · Der rote Punkt an der Windschutzscheibe
Das Zeichen der Fahrpreisproteste: ein Aufkleber der Rote-Punkt-Aktion — dieses Exemplar aus Marburg, 1970. (Abubiju / Wikimedia Commons, CC0)
Dortmund/Castrop-Rauxel. Ausgerechnet am 1. März, dem Tag, an dem die neuen Nahverkehrstarife in Kraft treten, geht in Dortmund der Protest los. Der Einzelfahrschein steigt von 50 auf 70 Pfennig — rund dreißig Prozent —, der Umsteigefahrschein entfällt ganz, die Sammelkarte gilt nur noch für vier statt fünf Fahrten. Die Stadtwerke verweisen auf ein Defizit von 47 Millionen Mark. Eine von der Christlichen Arbeiterjugend und der Jungen Union angemeldete Kundgebung mit knapp hundert Teilnehmern läuft aus dem Ruder: Demonstranten setzen sich auf die Straßenbahngleise, der Verkehr steht. In den Tagen darauf wiederholen sich die Blockaden täglich; Autofahrer, die einen roten Punkt an die Scheibe kleben, nehmen Wartende kostenlos mit.
Der rote Punkt ist längst mehr als eine Dortmunder Angelegenheit. Auch in Bochum, Essen, Gelsenkirchen, Recklinghausen, Bottrop und Gladbeck formieren sich in diesem Frühjahr Aktionen gegen die Fahrpreiserhöhungen. (Nachtrag: Am 22. März wird das Dortmunder Rathaus besetzt; die Tariferhöhung bleibt gleichwohl bestehen, und mit Beginn der Osterferien am 26. März verläuft der Protest im Sande.)
Schacht 7 der Zeche Erin in Castrop-Rauxel — 1971 noch in Förderung, hier in einer neueren Aufnahme. (Foto: Unukorno / Wikimedia Commons, CC BY 4.0)
Die Stadt, in der dieses Kind geboren wird. Castrop-Rauxel zählte bei der Volkszählung vom 27. Mai 1970 84.146 Einwohner — deutlich weniger als in den Jahren zuvor, denn die Zechen entlassen. Die Stadt ist seit 1928 kreisfrei und gehört keinem Kreis an; an ihrer Spitze steht seit 1948 Oberbürgermeister Wilhelm Kauermann (SPD), Bergarbeitersohn aus Bochum-Langendreer, mit dreiundzwanzig Amtsjahren der dienstälteste Oberbürgermeister Nordrhein-Westfalens. (Nachtrag: Er tritt am 31. Mai aus gesundheitlichen Gründen zurück und wird am 3. Juni zum Ehrenbürger ernannt; Nachfolger wird Hugo Paulikat.)
Castrop-Rauxel trägt seit 1962 den vom Europarat verliehenen Titel Europastadt. Die Grundlage dafür wurde am 16. Juli 1950 gelegt, als sich bei einer Beteiligung von 74 Prozent 96 Prozent der abstimmenden Bürger dafür aussprachen, kommunale Hoheitsrechte symbolisch an ein vereintes Europa abzutreten; schon 1949 war die Partnerschaft mit dem englischen Wakefield geschlossen worden — eine der ersten deutsch-britischen Städtepartnerschaften überhaupt.
Unter Tage. Vier Zechennamen prägen die Stadt. Erin, seit 1968 zur Ruhrkohle AG gehörig, übernimmt in diesem Jahr das Südfeld der stillgelegten Zeche Bismarck und fördert weiter; Ickern und Victor-Ickern (Klöckner-Bergbau) sind ebenfalls in Betrieb; Graf Schwerin ist seit 1967 Geschichte. Am Rande der Stadt arbeitet das Werk Rauxel der Rütgerswerke, seit 1897 hier ansässig und die größte Steinkohlenteer-Raffinerie der Welt. Über allem steht die Kohlenkrise: 1960 gab es im Bundesgebiet noch 146 Zechen; ihre Zahl sinkt Jahr für Jahr, und mit ihr die Zahl der Bergleute im Revier.
AUS ALLER WELT · Eine Bombe im Kapitol, ein Debakel in Laos, ein Erdrutsch in Indien
„Garibi Hatao" — Armut abschaffen: Premierministerin Indira Gandhi, aufgenommen 1966. (Foto: Warren K. Leffler, U.S. News & World Report / Library of Congress, Wikimedia Commons, gemeinfrei)
Washington. In der Nacht zum 1. März, um 1.32 Uhr, explodiert im Senatsflügel des Kapitols in Washington ein Sprengsatz. Eine telefonische Warnung war eine halbe Stunde zuvor eingegangen, das Gebäude geräumt; Verletzte gibt es nicht, der Sachschaden beträgt rund 300.000 Dollar — zerstörte Sanitäranlagen, Türen der Senatsfriseur- stube, ein Buntglasfenster im Speisesaal. Die Weather Underground bekennt sich zu der Tat und nennt sie eine Antwort auf den Krieg in Laos.
Südlaos. Dort läuft seit dem 8. Februar die Operation Lam Son 719: 17.000 südvietnamesische Soldaten sollen mit amerikanischer Luftunterstützung, aber ohne amerikanische Bodentruppen — der Kongress hat deren Einsatz in Laos verboten — den Ho-Chi-Minh-Pfad durchtrennen. Die Aufklärung hatte mit 22.000 Gegnern gerechnet; tatsächlich stehen dort rund 60.000 Mann. Die Verluste der südvietnamesischen Verbände sind schwer, und in Washington wird bereits über den Rückzug beraten.
Neu-Delhi. Vom 1. bis 10. März wählt Indien in zehn Wahltagen die fünfte Lok Sabha — 518 Sitze, rund 275 Millionen Wahlberechtigte. Premierministerin Indira Gandhi zieht mit der Losung „Garibi Hatao" — Armut abschaffen — in den Kampf gegen die oppositionelle „Große Allianz". (Nachtrag: Ihr Kongressflügel gewinnt 352 Sitze, ein Erdrutschsieg; die neue Regierung tritt am 18. März ihr Amt an.)
Oslo. Am 2. März kündigt Ministerpräsident Per Borten seinen Rücktritt an. Er hatte eingeräumt, einen vertraulichen Bericht über die norwegischen Beitrittsverhandlungen mit der EWG weitergegeben zu haben; seine Vier-Parteien-Koalition zerbricht an der Europafrage.
Zürich. In der Nacht zum 6. März bricht in der geriatrischen Abteilung der psychiatrischen Klinik Burghölzli Feuer aus. 28 Patienten ersticken, die meisten im Schlaf. Die Rettungskräfte haben zunächst keine Schlüssel zu den verschlossenen, vergitterten Zimmern; als die Feuerwehr die Türen aufbricht, kommt für die meisten jede Hilfe zu spät.
London. Am 8. März kehren die britischen Postbediensteten nach 47 Tagen an die Arbeit zurück — der erste landesweite Poststreik der britischen Geschichte, am 20. Januar begonnen, ist beendet. Die Mitglieder stimmten mit 1.059 gegen 61 Stimmen für die Arbeitsaufnahme; die Einigung war bereits am 4. März erzielt worden. — Canberra: Am 8. März tritt Verteidigungsminister Malcolm Fraser aus dem Kabinett des Premierministers John Gorton zurück und wirft diesem tags darauf im Repräsentantenhaus eine „untragbare Illoyalität" vor.
SPORT · Frazier schlägt Ali — und im Revier fällt kein Tor
Nach dreieinhalb Jahren Zwangspause zurück im Ring: Muhammad Ali, aufgenommen 1967. (Foto: Ira Rosenberg, World Telegram & Sun / Library of Congress, Wikimedia Commons, gemeinfrei)
New York. Am Abend des 8. März steigen im ausverkauften Madison Square Garden zwei ungeschlagene Schwergewichtler in den Ring, und die Welt sieht zu — über dreihundert Millionen Zuschauer in aller Welt, allein die amerikanischen Übertragungsrechte spielen 45 Millionen Dollar ein. Muhammad Ali kämpft zum ersten Mal seit dreieinhalb Jahren wieder um den Titel; man hatte ihm die Lizenz entzogen, weil er den Kriegsdienst verweigerte. Joe Frazier gewinnt nach fünfzehn Runden einstimmig nach Punkten und schickt Ali in der Schlussrunde zu Boden — die erste Niederlage in Alis Laufbahn als Berufsboxer.
Bundesliga. Am Sonnabend, dem 27. Februar, trennten sich in der Gelsenkirchener Glückauf-Kampfbahn Schalke 04 und Borussia Dortmund im Revierderby torlos. Der MSV Duisburg ging daheim gegen Eintracht Braunschweig mit 0:5 unter, Rot-Weiss Essen und Rot-Weiß Oberhausen trennten sich 0:0. Weiter vorn gewann Borussia Mönchengladbach auf dem Betzenberg beim 1. FC Kaiserslautern mit 1:0, der 1. FC Köln schlug Hertha BSC 3:2, Werder Bremen den VfB Stuttgart 3:1, Hannover 96 gewann in Offenbach 5:1. An der Spitze liegen Borussia Mönchengladbach und Bayern München Kopf an Kopf — die Münchner allerdings mit einem ausgefallenen Spiel gegen Eintracht Frankfurt in der Hinterhand. Am 5. und 6. März folgte der 23. Spieltag: Essen verlor gegen Schalke 1:3, Dortmund kam gegen Köln nicht über ein 0:0 hinaus, Frankfurt fertigte Oberhausen mit 5:0 ab.
Auf dem Eis. Bei der Eiskunstlauf-Weltmeisterschaft vom 23. bis 28. Februar im Palais des Sports von Lyon siegten bei den Herren Ondrej Nepela (Tschechoslowakei), bei den Damen Beatrix Schuba (Österreich), im Paarlauf Irina Rodnina und Alexei Ulanow sowie im Eistanz Ljudmila Pachomowa und Alexander Gorschkow (alle Sowjetunion). — In der DDR steuert Dynamo Dresden in der Oberliga auf seine zweite Meisterschaft nach 1953 zu.
DAS WETTER · Ein eisiger, sonnenklarer Märzmittwoch
Wer an diesem Mittwoch, dem 3. März, in Castrop-Rauxel vor die Tür trat, sah einen strahlend blauen Himmel über einer dünnen Schneedecke — und fror. Das Thermometer kam den ganzen Tag nicht über minus 2,3 Grad hinaus, in der Frühe waren minus 5,0 Grad gemessen worden, das Tagesmittel lag bei minus 4,0 Grad. Dafür schien die Sonne 276 Minuten, viereinhalb Stunden lang.
Der Umschwung kam abrupt. Noch am 24. und 25. Februar hatte es mit gut fünf bis sechs Grad und leichtem Regen nach Vorfrühling ausgesehen; seit dem 26. Februar strömt arktische Luft aus Skandinavien nach Mitteleuropa. Der Höhepunkt der Kälte fällt auf die Tage nach dieser Ausgabe: Am 5. März sinkt die Frühtemperatur auf minus 10,8 Grad, am 6. März auf minus 11,1 Grad bei einem Höchstwert von nur minus 5,3 Grad — dafür 378 Minuten Sonnenschein; am 7. März sind es sogar 438 Minuten, mehr als sieben Stunden. Erst am 9. März setzt Tauwetter ein, und die Werte klettern wieder über null. Der Februar schließt mit einem Monatsmittel von 3,2 Grad und 46,4 Millimetern Niederschlag, der März mit 2,5 Grad und 38,6 Millimetern.
In ganz Europa dasselbe Bild: In Rom wurden am 1. März minus 4 Grad gemessen, danach schneite es fünf Tage lang; knapp zwanzig Zentimeter Neuschnee blieben liegen. In Cannes lagen ebenfalls zwanzig Zentimeter, in St. Tropez fiel zum ersten Mal seit hundert Jahren Schnee. Auf dem Plateau Rosa im Aostatal sank das Quecksilber auf minus 34,6 Grad — der tiefste je in Italien gemessene Wert. In Triest wurden minus 6,6 Grad abgelesen, so kalt wie in keinem März seit 1841; Teile der Lagune von Venedig froren zu.
(Messwerte der Station Essen, WMO 10410. Quelle: Meteostat / DWD.)
VERMISCHTES & TECHNIK
- Media, Pennsylvania (8. März): In der Nacht des Kampfes Ali gegen Frazier — bewusst so gewählt, weil an diesem Abend niemand hinsieht — brechen fünf Mitglieder einer selbsternannten „Bürgerkommission zur Untersuchung des FBI" in ein Außenbüro der Bundespolizei ein und nehmen über tausend Geheimdokumente mit. Unter den Papieren, die sie anonym an Zeitungen schicken werden, finden sich die ersten Belege für das Überwachungsprogramm COINTELPRO.
- Jiuquan (3. März): China bringt mit einer Rakete vom Typ Langer Marsch 1 seinen zweiten Satelliten ins All. Shijian 1 wiegt 221 Kilogramm, trägt Siliziumsolarzellen auf vierzehn trapezförmigen Flächen und umläuft die Erde auf einer Bahn zwischen 266 und 1.826 Kilometern Höhe. Es ist der letzte Flug dieses Raketentyps.
- Hitparade: An der Spitze der bundesdeutschen Single-Charts steht seit Anfang Februar unverändert „My Sweet Lord" von George Harrison — der erste Nummer-eins-Erfolg eines einzelnen Beatles.
- Kino (2. März): In den bundesdeutschen Lichtspielhäusern startet der Italowestern „Die rechte und die linke Hand des Teufels" mit Terence Hill und Bud Spencer.
- Fernsehen (7. März): Der WDR zeigt die fünfte Folge der neuen Krimireihe „Tatort" — „Kressin und der Laster nach Lüttich", Regie Tom Toelle, mit Sieghardt Rupp als Kölner Zollfahnder Kressin.
AUCH AN EINEM 3. MÄRZ GEBOREN
Das Kind, dem diese Ausgabe gilt, tritt in eine ansehnliche Reihe von Geburtstagsgefährten:
- Andreas Sigismund Marggraf (1709–1782) — Berliner Chemiker, der den Zucker in der Runkelrübe entdeckte und damit die Rübenzuckerindustrie begründete.
- George Pullman (1831–1897) — amerikanischer Industrieller, Erfinder des Schlafwagens, der seinen Namen trägt.
- Jamsetji Tata (1839–1904) — indischer Industrieller, Begründer des Tata-Konzerns.
- Chief Joseph (1840–1904) — Häuptling der Nez Percé, der den Widerstand seines Volkes gegen die Umsiedlung führte.
- Georg Cantor (1845–1918) — Mathematiker, Begründer der Mengenlehre.
- Alexander Graham Bell (1847–1922) — Erfinder des Telefons.
- Elisabeth Abegg (1882–1974) — Berliner Pädagogin und Quäkerin, die in ihrer Wohnung Verfolgte des NS-Regimes versteckte und rettete.
- Ragnar Frisch (1895–1973) — norwegischer Ökonom, 1969 erster Träger des Wirtschaftsnobelpreises.
- Emil Artin (1898–1962) — österreichischer Mathematiker, einer der Begründer der modernen Algebra.
- Jean Harlow (1911–1937) — Hollywood-Schauspielerin, die „blonde Bombe" der dreißiger Jahre.
- Arthur Kornberg (1918–2007) — amerikanischer Biochemiker (Nobelpreis 1959 für die DNA-Polymerase).
- Julius Boros (1920–1994) — amerikanischer Golfprofi, dreifacher Major-Sieger.
- James Doohan (geb. 1920) — kanadischer Schauspieler, als Maschinist „Scotty" in der Fernsehserie „Raumschiff Enterprise".
- Doc Watson (geb. 1923) — blinder amerikanischer Gitarrist, einer der großen Bluegrass-Musiker.
Und ebenfalls an einem 3. März: 1861 unterzeichnete Zar Alexander II. das Manifest zur Aufhebung der Leibeigenschaft in Russland; 1871 wählte das eben gegründete Deutsche Reich seinen ersten Reichstag; 1878 beendete der Friede von San Stefano den russisch-osmanischen Krieg; 1918 schied Russland mit dem Frieden von Brest-Litowsk aus dem Weltkrieg aus; 1924 schaffte die Türkische Nationalversammlung das Kalifat ab; und 1933 verhafteten die Nationalsozialisten den KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann.
MONATSKUNDE · Woher der März seinen Namen hat
Der März trägt den Namen eines Kriegsgottes: Martius mensis, der Monat des Mars. Im altrömischen Kalender war er der erste Monat des Jahres, und er war es aus gutem Grund — mit ihm begann die Zeit der Feldzüge, und die waffenfähigen Bürger versammelten sich auf dem Marsfeld zur Musterung. Über das althochdeutsche merzo und mittelhochdeutsche merze kam das lateinische Wort in unsere Sprache.
Die älteren deutschen Namen erzählen von Milderem: Lenzing, Lenzmond, Frühlingsmonat — von lenzo, dem Frühling. Karl der Große, der den Monaten deutsche Namen geben wollte, konnte sich gegen die lateinische Zählung am Ende nicht durchsetzen; geblieben ist der „Märzen" in Liedern und auf Bierfässern. Am 1. März beginnt für die Meteorologen der Frühling, für die Astronomen erst am 20. oder 21. März, wenn Tag und Nacht gleich lang sind.
Die Bauernregeln nehmen den Monat, wie er kommt: „Fürchte nicht den Schnee im März, darunter schlägt ein warmes Herz." — „Märzenschnee und Jungfernpracht halten oft nur eine Nacht." — „Märzenstaub bringt Gras und Laub." Von Staub war in diesem Jahr an der Emscher wenig zu bemerken; vom Schnee dafür umso mehr.
NOTIERT
Ein Wintertag im März, blau und bitterkalt, mit knirschendem Schnee auf den Wegen zwischen Halde und Kanal. In Dhaka wird ein Volk zum Ungehorsam gerufen, in Bonn und Ost-Berlin ringen zwei Staatssekretäre um die Straßen nach Berlin, in Dortmund sitzen junge Leute auf den Straßenbahngleisen, weil ein Fahrschein zwanzig Pfennig teurer geworden ist. Und in Castrop-Rauxel, einer Stadt, die sich Europastadt nennt und deren Zechen zu zählen begonnen haben, wie viele Jahre ihnen noch bleiben, kommt an diesem Mittwoch ein Kind zur Welt.
Quellen
- Wikipedia (en) — 7 March Speech of Sheikh Mujibur Rahman
- Wikipedia (en) — March 1971
- The Daily Star — Yahya suspends National Assembly's inaugural session
- Dhaka Tribune — March 2, 1971: Bangladesh flag raised at Dhaka University
- Office of the Historian — FRUS 1969–76, Bd. XL, Dok. 192 (Bahr–Kohl, 8. März 1971)
- LeMO / HdG — Transitabkommen
- bpb — Das Ende der Ära Ulbricht
- Institut für Zeitgeschichte — Stelkens, Machtwechsel in Ost-Berlin (VfZ 1997)
- Wikipedia — Baader-Befreiung
- Wikipedia — Straßenverkehrs-Ordnung (Deutschland)
- dejure.org — StVO vom 16. November 1970, BGBl. I S. 1565
- Wikipedia — Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin 1971
- Wikipedia — Landtagswahl in Rheinland-Pfalz 1971
- Wikipedia — Rote-Punkt-Aktion
- Nordstadtblogger — Proteste gegen die Erhöhung der Nahverkehrspreise in Dortmund
- Wikipedia — Castrop-Rauxel
- Wikipedia — Wilhelm Kauermann
- Stadt Castrop-Rauxel — Castrop-Rauxel und Europa
- Wikipedia — Zeche Erin
- Wikipedia — Zeche Ickern
- Wikipedia — Rütgers Chemicals
- Wikipedia — Kohlekrise
- Boundary Stones (WETA) — Bomb rocks the US Capitol, 1971
- Wikipedia (en) — 1971 in Laos (Operation Lam Son 719)
- Wikipedia (en) — 1971 Indian general election
- Wikipedia (en) — Per Borten
- NZZ — Hinter verschlossenen Türen erstickt (Brand im Burghölzli, 6. März 1971)
- Wikipedia (en) — 1971 United Kingdom postal workers strike
- australianpolitics.com — Malcolm Fraser's resignation speech, 9. März 1971
- Wikipedia (en) — Fight of the Century
- DFB-Datencenter — Bundesliga 1970/71, 22. Spieltag
- DFB-Datencenter — Bundesliga 1970/71, 23. Spieltag
- Wikipedia — Eiskunstlauf-Weltmeisterschaften 1971
- Wikipedia — DDR-Fußball-Oberliga 1970/71
- Wikipedia — Kältewelle in Europa Spätwinter 1971
- Zinn Education Project — COINTELPRO exposed (Media, Pennsylvania)
- Wikipedia (en) — Shijian (Satellitenprogramm)
- Wikipedia (en) — Nummer-eins-Hits in Deutschland 1971
- kino.de — Kinostarts März 1971
- Wikipedia — Liste der Tatort-Folgen
- Wikipedia — 3. März · Wikipedia (en) — March 3
- Wikipedia — März (Monatsname, Lenzing, Lenzmond)
- Meteostat — Station Essen (10410), Tageswerte Februar/März 1971 (3. März: Tmax −2,3 °C · Tmin −5,0 °C · Tmittel −4,0 °C · Schneehöhe 10 mm · Sonnenschein 276 min; 6. März: Tmin −11,1 °C; Monatsmittel Februar 3,2 °C / 46,4 mm, März 2,5 °C / 38,6 mm)
*Redaktioneller Hinweis: Berichtet wird über den Zeitraum 26. Februar bis 8. März 1971. Ereignisse nach dem 3. März — die Bahr-Kohl-Runde vom 8. März, der Kampf Frazier gegen Ali, der FBI-Einbruch in Media, das Ende des britischen Poststreiks, der Brand im Burghölzli und der 23. Bundesliga-Spieltag — waren am Erscheinungstag noch nicht bekannt und stehen hier als Rückschau. Der Tabellenstand der Bundesliga wird nach dem nominellen 22. Spieltag wiedergegeben; das Spiel Bayern München gegen Eintracht Frankfurt fiel aus und wurde erst am 18. Mai 1971 nachgeholt, der tagesaktuelle Stand vom 3. März weicht daher ab. Für den Vorverkauf der Olympia-Eintrittskarten 1972, der in manchen Chroniken auf den
- März 1971 datiert wird, ließ sich kein Beleg finden; die Meldung bleibt daher unerwähnt.*