DER CHRONIST
Ein Jahr der Entspannung und der Erschütterung zugleich: Während sich Ost und West in Berlin auf ein Abkommen einigen und ein deutscher Kanzler den Friedensnobelpreis erhält, bricht in Washington die Nachkriegsordnung der Weltwirtschaft zusammen. Im Ruhrgebiet nimmt eine Bergbaustadt Abschied von dem Mann, der sie durch den Wiederaufbau geführt hat. In Ostafrika reißt der Offizier Idi Amin die Macht an sich, während in Südasien ein Krieg um die Unabhängigkeit Bangladeschs tobt, der erst im Dezember mit dem Eingreifen Indiens endet. In den Vereinigten Staaten erschüttern die Veröffentlichung der Pentagon-Papiere und der blutig niedergeschlagene Gefängnisaufstand von Attica das Vertrauen in Staat und Justiz. Unbemerkt von der großen Öffentlichkeit beginnt unterdessen in Kalifornien mit dem ersten Mikroprozessor eine stille technische Revolution, deren Folgen erst Jahrzehnte später sichtbar werden.
Friedensnobelpreis für Bundeskanzler Willy Brandt

Das Nobelkomitee in Oslo gibt bekannt: Willy Brandt erhält den Friedensnobelpreis 1971 — Bundestagspräsident Kai-Uwe von Hassel unterbricht dafür überraschend eine laufende Sitzung. Gewürdigt wird vor allem Brandts neue Ostpolitik, die unter dem von Egon Bahr geprägten Motto „Wandel durch Annäherung" die verhärteten Beziehungen zur Sowjetunion, zu Polen und zur DDR entkrampft hat. Grundlage sind der Moskauer Vertrag vom 12. August 1970, in dem beide Seiten auf Gewaltanwendung verzichten, und der Warschauer Vertrag vom 7. Dezember 1970, mit dem die Bundesrepublik die Oder-Neiße-Linie als Grenze anerkennt. Zum Sinnbild dieser Politik wurde noch am selben Tag der Kniefall von Warschau: Nach der Kranzniederlegung am Denkmal für die Opfer des Warschauer Ghettoaufstands sank Brandt unangekündigt auf die Knie und verharrte, die Hände gefaltet, rund zwanzig Sekunden schweigend — eine Geste, die selbst seine engsten Begleiter überraschte und international für Aufsehen sorgte. Innenpolitisch bleibt die Ostpolitik hoch umstritten: CDU/CSU werfen Brandt vor, deutsche Positionen preiszugeben, während er im Ausland gerade dafür gefeiert wird. Die feierliche Übergabe der Auszeichnung folgt am 10. Dezember in Oslo; Brandt ist erst der vierte Deutsche, dem diese Ehrung zuteilwird, nach Gustav Stresemann, Ludwig Quidde und Albert Schweitzer. Auch im Ruhrgebiet, wo viele Familien Vertriebene aus den einst deutschen Ostgebieten aufgenommen haben, wird die Nachricht mit gemischten Gefühlen aufgenommen — Anerkennung für den Kanzler trifft auf Sorge um die endgültige Anerkennung der neuen Grenzen.
Viermächteabkommen über Berlin unterzeichnet

Im Gebäude des Alliierten Kontrollrats unterzeichnen die Außenminister der vier Besatzungsmächte — Rogers (USA), Gromyko (UdSSR), Douglas-Home (Großbritannien) und Schumann (Frankreich) — das Viermächteabkommen über Berlin, die erste Regierungsvereinbarung der Alliierten seit Beginn des Kalten Krieges. Vorausgegangen sind jahrzehntelange Spannungen um die eingeschlossene Stadt, von der Berlin-Blockade 1948/49 bis zum Mauerbau 1961, der West-Berlinern jahrelang sogar Besuche bei Verwandten im Ostteil unmöglich machte. Das Abkommen regelt den ungehinderten Transitverkehr zwischen der Bundesrepublik und West-Berlin und stellt klar, dass die West-Sektoren weiterhin kein Bestandteil der Bundesrepublik sind, aber besondere Bindungen zum Bundesgebiet unterhalten dürfen. Bemerkenswert: Das Wort „Berlin" taucht im offiziellen Text gar nicht auf, wie Verhandlungsführer Egon Bahr später anmerkt — aus Rücksicht auf die sowjetische Position heißt es formal „Abkommen über die Westsektoren Berlins". Die praktischen Einzelheiten handeln in der Folge die beiden deutschen Staaten selbst aus: Bahr und der DDR-Staatssekretär Michael Kohl, die bereits seit November 1970 verhandeln, unterzeichnen am 17. Dezember 1971 in Bonn das ergänzende Transitabkommen, das die bisher üblichen Durchsuchungen und Schikanen der DDR-Grenzposten beenden und den Verkehr „auf einfachste, schnellste und günstigste Weise" abwickeln soll. Erstmals seit dem Mauerbau erhalten West-Berliner damit wieder einen vertraglich abgesicherten Anspruch auf Besuche im Ostteil der Stadt und in der DDR — ein Fortschritt gegenüber den nur zeitweise gültigen Passierschein-Regelungen der sechziger Jahre; in Kraft tritt das gesamte Regelwerk gemeinsam am 3. Juni 1972. Für die Castrop-Rauxeler, deren Verwandte und Bekannte oft jenseits der innerdeutschen Grenze leben, bedeutet das Abkommen vor allem eines: mehr Rechtssicherheit auf den Fahrten in den Osten.
„Nixon-Schock": Das Ende von Bretton Woods

US-Präsident Richard Nixon verkündet im Fernsehen ein Paket wirtschaftlicher Notmaßnahmen — Lohn- und Preisstopp, Importzölle und, als folgenschwerste Entscheidung, die Aufhebung der Gold-Einlösepflicht des US-Dollar. Ausgearbeitet wird das Programm zuvor in aller Heimlichkeit: Vom 13. bis 15. August berät Nixon mit fünfzehn Beratern, darunter Notenbankchef Arthur Burns, Finanzminister John Connally und der spätere Fed-Chef Paul Volcker, hinter verschlossenen Türen im Landsitz Camp David über die „New Economic Policy". Anlass sind wachsende Inflation und spekulative Angriffe auf den Dollar, dessen Goldeinlösepflicht seit 1944 das Fundament des Systems fester Wechselkurse von Bretton Woods bildet. Mit Nixons Fernsehansprache unter dem Titel „The Challenge of Peace" ist dieses System faktisch am Ende; im Dezember folgt zwar noch das Smithsonian-Abkommen, das mit einer Dollar-Abwertung neue feste Kurse festlegen soll, doch schon 1973 scheitert auch dieser Versuch endgültig, und die Welt geht zu frei schwankenden Wechselkursen über. Auch die deutsche Industrie im Ruhrgebiet, die stark vom Export lebt, spürt die Folgen: Die D-Mark wird freigegeben und wertet gegenüber dem Dollar spürbar auf — ein Vorgeschmack auf die neue Währungsordnung, die nun beginnt.
Machtwechsel in Ost-Berlin: Honecker löst Ulbricht ab

Auf einer Sitzung des Zentralkomitees der SED tritt Walter Ulbricht offiziell „aus Altersgründen" von der Parteispitze zurück — tatsächlich hat ihn Moskau, allen voran Parteichef Leonid Breschnew, zum Rückzug gedrängt, weil Ulbrichts eigenwilliger Kurs, etwa mit seinem „Neuen Ökonomischen System", die von Breschnew und Brandt vorangetriebene Entspannungspolitik zunehmend störte. Den Anstoß gibt bereits am 21. Januar 1971 ein geheimer, unter Federführung Honeckers verfasster Brief von 13 der 20 Politbüromitglieder an Breschnew, der eine Trennung von Partei- und Staatsamt vorschlägt. Am Rande des XXIV. Parteitags der KPdSU in Moskau eröffnet Breschnew Ulbricht Mitte April, dass ihm weder die Rückendeckung der sowjetischen Führung noch die Mehrheit im eigenen Politbüro sicher sei. Am 3. Mai erklärt Ulbricht daraufhin vor dem ZK seinen Rücktritt; neuer Erster Sekretär der SED wird Erich Honecker, der schon 1961 den Bau der Berliner Mauer organisiert hatte. Honecker, 1912 im saarländischen Wiebelskirchen geboren und selbst zehn Jahre in NS-Haft, hatte zuvor jahrzehntelang die Jugendorganisation FDJ und den Sicherheitsapparat der Partei geführt. Der VIII. Parteitag der SED bestätigt ihn Mitte Juni endgültig im Amt, während Ulbricht als Vorsitzender des Staatsrates ein Ehrenamt ohne reale Macht behält, das er bis zu seinem Tod 1973 innehat. Kaum im Amt, verkündet Honecker auf einer ZK-Tagung im Dezember zunächst „keine Tabus" für Kunst und Literatur — ein kurzes Tauwetter, das schon wenige Jahre später wieder friert. Für die geteilte Nation bedeutet der stille Machtwechsel: ein neues Gesicht in Ost-Berlin, aber vorerst keine Lockerung an der Grenze, die auch das Ruhrgebiet vom anderen deutschen Staat trennt.
Castrop-Rauxel verabschiedet Oberbürgermeister Wilhelm Kauermann

Nach fast 23 Amtsjahren, geprägt von Wiederaufbau und dem Boom der Zechen, geht im Castrop-Rauxeler Rathaus eine Ära zu Ende: Wilhelm Kauermann, der die Stadt seit dem 9. November 1948 als Oberbürgermeister geführt hat, war bereits am 31. Mai aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten. Geboren am 21. Juli 1898 in Bochum-Langendreer als Sohn eines Bergmanns, arbeitete Kauermann nach dem Ersten Weltkrieg zunächst selbst als Bergmann in Bochum-Werne, ehe er 1921 eine Anstellung beim Bergarbeiterverband fand und dort ab 1928 die Vermögensverwaltung der gewerkschaftseigenen Druckerei leitete. Nach der Zerschlagung der Gewerkschaften durch die Nationalsozialisten 1933 verlor er seine Stelle und eröffnete 1936 in Ickern eine Buch- und Schreibwarenhandlung. Als Oberbürgermeister — mit 23 Amtsjahren der am längsten amtierende in ganz Nordrhein-Westfalen — führte er die Stadt durch den Wiederaufbau und erhielt 1965 das Bundesverdienstkreuz
- Klasse. Der Stadtrat wählt Hugo Paulikat (SPD) zu seinem Nachfolger und ernennt Kauermann noch am selben Tag zum Ehrenbürger der Stadt — gewürdigt werden vor allem seine Verdienste um internationale Städtepartnerschaften und die Bildungspolitik. Der Wechsel an der Rathausspitze fällt mitten in eine Zeit, in der im Ruhrgebiet reihenweise Zechen schließen und Castrop-Rauxel wie viele Nachbarstädte nach neuen wirtschaftlichen Perspektiven jenseits der Kohle sucht. Kauermann selbst stirbt am 18. November 1973 in seiner Wahlheimat; bis heute erinnert ein nach ihm benanntes Seniorenzentrum in Castrop-Rauxel an sein Wirken.
Idi Amin stürzt Präsident Obote in Uganda

Während Ugandas Präsident Milton Obote an einer Commonwealth-Konferenz in Singapur teilnimmt, putscht in seiner Abwesenheit der Oberbefehlshaber der Armee, Idi Amin, gegen ihn. Vorausgegangen war ein monatelang schwelender Machtkampf: Amin war zuvor aus seinem Kommando gedrängt worden und wollte sich einer drohenden Verhaftung wegen mutmaßlicher Veruntreuung von Armeegeldern entziehen. Truppen unter seiner Kontrolle besetzen am 25. Januar praktisch ohne Widerstand den Flughafen Entebbe, den Sender Radio Uganda und wichtige Regierungsgebäude in Kampala. Amin lässt zahlreiche politische Gefangene frei, verspricht baldige Wahlen und eine Rückkehr zur Zivilherrschaft und wird zunächst von Teilen der Bevölkerung sowie im Ausland — darunter Großbritannien — mit Erleichterung aufgenommen, gilt Obote doch vielen als zunehmend autoritär. Er löst das Parlament auf und ernennt sich selbst zum Präsidenten und Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Was zunächst wie ein Regimewechsel unter mehreren afrikanischen Militärputschen jener Jahre wirkt, entwickelt sich in den folgenden Jahren zu einer der brutalsten Diktaturen des Kontinents: Amins Schreckensherrschaft, die erst 1979 endet, kostet schätzungsweise Hunderttausende Ugander das Leben.
Pentagon-Papiere enthüllen geheime Vietnam-Geschichte

Die New York Times beginnt am 13. Juni mit dem Abdruck geheimer Dokumente des US-Verteidigungsministeriums zur amerikanischen Vietnam-Politik, die als Pentagon-Papiere bekannt werden. Zugespielt hat sie der frühere Militäranalyst Daniel Ellsberg, der an der zugrunde liegenden Studie selbst mitgearbeitet hatte und sie heimlich kopierte, nachdem er vom Kriegsbefürworter zum entschiedenen Kriegsgegner geworden war. Die rund 7.000 Seiten belegen, dass mehrere US-Regierungen — von Eisenhower über Kennedy und Johnson bis in die Gegenwart — der Öffentlichkeit ein deutlich pessimistischeres internes Lagebild verschwiegen hatten, als sie nach außen vertraten. Präsident Richard Nixon, dessen eigene Amtszeit die Dokumente kaum betrifft, versucht dennoch per Gerichtsverfügung die Veröffentlichung zu stoppen — erstmals in der US-Geschichte, dass die Bundesregierung eine Zeitung per „prior restraint" zum Schweigen bringen will. Der Oberste Gerichtshof entscheidet jedoch bereits am 30. Juni mit sechs zu drei Stimmen zugunsten der Pressefreiheit, sodass Times und die ebenfalls beteiligte Washington Post weiterveröffentlichen dürfen. Das Verfahren gegen Ellsberg selbst wird 1973 wegen behördlichen Fehlverhaltens eingestellt — im Zuge der Ermittlungen war ans Licht gekommen, dass Nixons „Plumbers" in die Praxis von Ellsbergs Psychiater eingebrochen waren, ein Vorspiel der Watergate-Affäre.
Blutig niedergeschlagener Gefängnisaufstand von Attica

Im Staatsgefängnis Attica im US-Bundesstaat New York erheben sich rund 1.000 der 2.200 Häftlinge gegen die katastrophalen Haftbedingungen — bei einer für 1.600 Insassen ausgelegten Anlage waren zuletzt weit mehr Männer untergebracht, denen nur eine Rolle Toilettenpapier im Monat und 63 Cent Verpflegungsgeld pro Tag zustanden. Sie nehmen 42 Bedienstete als Geiseln und übernehmen die Kontrolle über einen Gefängnishof, wo Häftlingsvertreter vor Fernsehkameras Forderungen zu besseren Haftbedingungen, politischen Rechten und einer Amnestie formulieren. Vier Tage lang verhandeln Gefängnisleitung und ein Beobachterausschuss, doch Gouverneur Nelson Rockefeller lehnt es ab, selbst nach Attica zu reisen, und ordnet am 13. September den gewaltsamen Sturm der Anlage an. Staatspolizei und Justizvollzugsbeamte stürmen mit Tränengas und Gewehrfeuer den Hof; am Ende sind 43 Menschen tot, darunter zehn zuvor unverletzte Geiseln, die im Kugelhagel der eigenen Sicherheitskräfte sterben. Der Aufstand von Attica gilt bis heute als der blutigste Gefängnisaufstand der amerikanischen Geschichte und wird zu einem zentralen Fanal der US-Bürgerrechts- und Gefangenenrechtsbewegung.
Intel stellt ersten Mikroprozessor der Welt vor

In der Fachzeitschrift „Electronic News" schaltet die junge kalifornische Firma Intel eine Anzeige, die den 4004 vorstellt — den ersten vollständigen, kommerziell erhältlichen Mikroprozessor der Welt. Entwickelt hatten den Chip die Intel-Ingenieure Federico Faggin, Ted Hoff und Stanley Mazor gemeinsam mit Masatoshi Shima vom japanischen Auftraggeber Busicom, der ursprünglich einen Satz von zwölf spezialisierten Schaltkreisen für einen Tischrechner bestellt hatte; Intels Ingenieure ersetzen den Entwurf durch ein programmierbares Vier-Chip-System, dessen Herzstück eine komplette Rechnereinheit auf einem einzigen Stück Silizium bildet. Mit 2.300 Transistoren, einer Taktfrequenz von 108 Kilohertz und einer 4-Bit-Architektur wirkt der 4004 nach heutigen Maßstäben winzig — für rund 60 Dollar das Stück leistet er dennoch etwa so viel wie der raumfüllende Röhrenrechner ENIAC von 1946. Zunächst nur für Rechenmaschinen, Ampelsteuerungen und ähnliche Nischenanwendungen gedacht, markiert der Chip rückblickend den eigentlichen Beginn des Computerzeitalters im Taschenformat: Ohne ihn und seine direkten Nachfolger wären weder der Personal Computer der folgenden Jahrzehnte noch die heutige Allgegenwart programmierbarer Elektronik denkbar.
Bangladesch erkämpft seine Unabhängigkeit

Nach Monaten eines blutigen Bürgerkriegs im pakistanischen Ostteil — ausgelöst durch die brutale Militäraktion „Operation Searchlight" gegen die bengalische Unabhängigkeitsbewegung um Scheich Mujibur Rahman im März — greift Indien am 3. Dezember offen militärisch auf Seiten Ostpakistans in den Konflikt ein. Zuvor waren im Bürgerkrieg Schätzungen zufolge Hunderttausende Menschen getötet worden, und rund zehn Millionen Flüchtlinge waren über die Grenze nach Indien geströmt — eine humanitäre Notlage, der im August bereits das von George Harrison und Ravi Shankar organisierte „Konzert für Bangladesch" in New York galt. Der nur dreizehn Tage währende Dritte Indisch-Pakistanische Krieg endet am 16. Dezember mit der Kapitulation der pakistanischen Truppen in Dhaka: General Amir Abdullah Khan Niazi unterzeichnet vor dem indischen Befehlshaber Jagjit Singh Aurora die Übergabeurkunde, rund 93.000 pakistanische Soldaten geraten in Kriegsgefangenschaft. Aus Ostpakistan wird der unabhängige Staat Bangladesch, dessen erster Regierungschef der aus pakistanischer Haft freigelassene Mujibur Rahman wird. Für die internationale Politik bleibt der Krieg auch als Kapitel des Kalten Krieges in Erinnerung: Während die Sowjetunion Indien unterstützt, stehen die USA und die Volksrepublik China auf Seiten Pakistans.
Landtagswahl Schleswig-Holstein: Erstmals absolute Mehrheit für die CDU

Ein Jahr, in dem der Bundestag über die im August und Dezember 1970 unterzeichneten Ostverträge mit Moskau und Warschau noch nicht entschieden hat, wird für die Bundesregierung zu einer Serie von Stimmungstests an der Wahlurne — und der deutlichste fällt gegen sie aus: In Kiel gewinnt die CDU unter Gerhard Stoltenberg am 25. April mit 51,9 % der Stimmen erstmals in der Geschichte des Landes die absolute Mehrheit im Landtag, ihr bislang bestes Ergebnis in Schleswig-Holstein überhaupt. Die SPD unter Fraktionschef Jochen Steffen kommt auf 41,0 %; FDP und NPD verpassen beide den Einzug ins Kieler Landeshaus, sodass neben den beiden großen Parteien nur noch der SSW-Abgeordnete Karl Otto Meyer im Parlament sitzt. Die Wahlbeteiligung liegt bei 79,2 %. Stoltenberg, zuvor Bundesminister für wissenschaftliche Forschung, tritt die Nachfolge des scheidenden Ministerpräsidenten Helmut Lemke an und regiert fortan mit einer Regierung allein aus CDU-Ministern. In Bonn wird das Ergebnis von der Opposition um Fraktionschef Rainer Barzel als Quittung für Brandts Ostpolitik gewertet, während die SPD auf die eigenen Erfolge in Berlin und Bremen verweist.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Berlin, 14. März — SPD 50,4 %, CDU 38,2 %. Regierender Bürgermeister Klaus Schütz bleibt im Amt und regiert mit der absoluten Mehrheit weiter.
- Rheinland-Pfalz, 21. März — CDU 50,0 %, SPD 40,5 %. Ministerpräsident Helmut Kohl verteidigt die absolute Mehrheit und regiert allein weiter.
- Bremen, 10. Oktober — SPD 55,9 %, CDU 32,5 %. Bürgermeister Hans Koschnick baut die Mehrheit der SPD sogar noch aus.
- Volkskammerwahl (DDR), 14. November — laut amtlichem Ergebnis 99,85 % der Stimmen für die Einheitsliste der Nationalen Front bei einer amtlich mit 98,48 % angegebenen Wahlbeteiligung; eine Wahl ohne Gegenkandidaten und mit offener Stimmabgabe. Es ist die erste Volkskammerwahl unter dem im Mai neu gewählten SED-Chef Erich Honecker, an der personellen Zusammensetzung der Fraktionen ändert sich dadurch nichts.
AM RANDE NOTIERT
- Die Volksrepublik China wird am 25. Oktober durch die UN-Resolution 2758 als rechtmäßiger Vertreter Chinas in die Vereinten Nationen aufgenommen, Taiwans Delegation verlässt daraufhin den Saal.
- Am 19. April startet die Sowjetunion mit Saljut 1 die erste Raumstation der Geschichte — die Freude über den Triumph währt nicht lange: Im Juni stirbt die Besatzung von Sojus 11 beim Wiedereintritt.
- Im Juni bringt das Kunst- und Kulturfestival „Urbs 71" mit rund 270 Veranstaltungen in neun Tagen sechs nordrhein-westfälische Städte, darunter die Nachbarstädte Dortmund und Bochum, zusammen — ein Experiment demokratisierter Kultur nach Willy Brandts Ruf, „mehr Demokratie zu wagen".
- Am 15. September läuft in Vancouver ein gechartertes Fischerboot aus, um gegen US-Atomtests auf der Insel Amchitka zu protestieren — die Gründungsaktion der Umweltorganisation Greenpeace.
- Der Stern veröffentlicht am 6. Juni das Bekenntnis „Wir haben abgetrieben!" von 374 Frauen, initiiert von Alice Schwarzer — der Auftakt zur bundesweiten Debatte um die Reform des § 218.
- Im Ruhrgebiet beginnt 1971 der Bau des Westfalenstadions in Dortmund, nachdem die Stadt als WM-Spielort für 1974 vorgesehen wird — ein seltenes Bauvorhaben in einer Region, die sonst vor allem Zechenschließungen erlebt.
SPORT · 1971
Der deutsche Fußball erlebt einen handfesten Skandal: Ans Licht kommt er ausgerechnet auf einer Geburtstagsfeier — am 6. Juni spielt Horst-Gregorio Canellas, Präsident der Kickers Offenbach, seinen fassungslosen Gästen zu seinem 50. Geburtstag Tonbandmitschnitte von Telefongesprächen vor, in denen Spieler Bestechungsgelder für abgesprochene Ergebnisse fordern — selbst Bundestrainer Helmut Schön verlässt schockiert die Feier. Ermittlungen decken auf, dass in der Bundesliga-Saison 1970/71 Vereine reihenweise Spiele manipuliert haben, um den Abstieg zu vermeiden: Torwart Manfred Manglitz vom 1. FC Köln etwa soll für sich und fünf Mitspieler 100.000 DM verlangt haben, um im entscheidenden Spiel gegen Offenbachs Konkurrenten Rot-Weiß Essen „durchzulassen". Am Ende sind zehn der 18 Erstligisten verwickelt, rund 1,1 Millionen DM an Bestechungsgeldern fließen, und über 50 Spieler sowie mehrere Trainer und Funktionäre werden gesperrt — Manglitz zunächst lebenslang, später begnadigt. Arminia Bielefeld und den Kickers Offenbach selbst wird die Lizenz entzogen, während Rot-Weiß Oberhausen trotz erwiesener Manipulation die Klasse hält. Der Bundesliga-Skandal erschüttert das Vertrauen in den erst 1963 gegründeten Profifußball nachhaltig. Für den benachbarten VfL Bochum, der sich im selben Sommer erstmals in die Bundesliga spielt, wirft der Skandal von Beginn an einen Schatten auf den Aufstieg in die Eliteklasse.
MODE · 1971
1971 ist das Jahr der Hotpants: Der Begriff war erst 1970 in der New Yorker Fachzeitschrift „Women's Wear Daily" geprägt worden, doch schon an den ersten warmen Frühjahrswochenenden 1971 melden westdeutsche Kaufhäuser Rekordumsätze für die knallengen, hoch geschnittenen Shorts. Ihren rasanten Durchbruch verdanken sie einem einfachen Umstand: Der Minirock konnte kaum noch kürzer werden, die Hotpants boten die praktischere Alternative — und lösten, aus der Hippie-Kultur kommend, eine heftige Debatte über Moral und Anstand aus, mit der sich junge Frauen bewusst von der älteren Generation abgrenzten. Auch die Haute Couture greift den Trend auf: Yves Saint Laurent präsentiert in seiner Kollektion Hotpants aus Satin, Samt, Leder und sogar Pelz, Dior und Valentino ziehen nach. Prominente wie Elizabeth Taylor, Jane Fonda und Jacqueline Kennedy Onassis zeigen sich öffentlich in den „heißen Höschen", getragen zu Plateauschuhen oder hohen Stiefeln, was den Trend endgültig gesellschaftsfähig macht — von Boutiquen bis in bürgerliche Wohnzimmer. Parallel legt in New York die junge Designerin Diane von Furstenberg erste Entwürfe für ein Wickelkleid vor, das erst drei Jahre später zum Welterfolg wird.
KULTUR · 1971
Unter dem Motto „Asterix" bringt Holiday on Ice in dieser Saison den gallischen Comic-Helden auf die Eisfläche der Westfalenhalle Dortmund — Zaubertrank-Duelle und Römer-Schlachten, choreografiert auf Kufen. Für die Castrop-Rauxeler Familie, die zwischen Hotpants-Trend und Bundesliga-Skandal ohnehin viel Gesprächsstoff hat, ist der Ausflug ins nahe Dortmund ein bunter Kontrast zum politischen Ernst des Jahres. Die Eisrevue bleibt, was sie seit Jahren ist: ein verlässlicher Fixpunkt im Ruhrgebiet-Winter.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1971
- Erstausstrahlung „Die Sendung mit der Maus" (7. März). Der WDR startet seine Kindersendung als „Lach- und Sachgeschichten" — eine westdeutsche Produktion, die bis heute fester Bestandteil deutscher Fernsehkultur bleibt.
- Chemie-Nobelpreis für Gerhard Herzberg. Der in Hamburg geborene, 1935 emigrierte Physikochemiker wird für seine Arbeiten zur Molekülspektroskopie geehrt — Würdigung eines in Deutschland ausgebildeten Naturwissenschaftlers.
- Konzert für Bangladesch: erstes großes Rock-Benefizkonzert der Geschichte (1. August). George Harrison und Ravi Shankar bringen im New Yorker Madison Square Garden Stars wie Bob Dylan, Eric Clapton und Ringo Starr zusammen, um Spenden für die Flüchtlinge des Bangladesch-Kriegs zu sammeln — Vorbild für alle späteren Benefizkonzerte von Live Aid bis heute.
- Grundsteinlegung für das neue Rathaus- und Stadthallen-Forum in Castrop-Rauxel (24. Juni). Während die Zechen Erin, Ickern und Victor mitten in der Stadt bereits unter dem beginnenden Kohlerückgang leiden, entsteht nach einem Entwurf des dänischen Stararchitekten Arne Jacobsen ein neuer städtischer Mittelpunkt — ein sichtbares Zeichen des Aufbruchs jenseits der Kohle.
DAS WETTER · 1971 in Castrop-Rauxel
An diesem 13. Juli war es im Ruhrgebiet ein kühler Sommertag: Höchstwert 19,8 °C, in der Nacht 11,2 °C, im Mittel 16,0 °C; kein Tropfen Regen fiel.
Das Jahr über: Im Mittel 10,0 °C. Wärmster Tag 30,2 °C am 9. Juli, kältester −11,2 °C am 6. Januar. 1 Hitzetage (≥ 30 °C), 15 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 775 mm.
(Messwerte der Station Essen, rund 30 km westlich von Castrop-Rauxel — nächstgelegene durchgehend messende Station im Ruhrgebiet; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1971
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts (amtliche Charts ab 1959).
- Butterfly — Danyel Gérard
- Chirpy Chirpy Cheep Cheep — Middle of the Road
- Schöne Maid — Tony Marshall
- Hey Tonight — Creedence Clearwater Revival
- Für Dich Allein (Du Kannst Nicht Alles Haben) — Roy Black
- I Am... I Said — Neil Diamond
- Hot Love — T. Rex
- Rose Garden — Lynn Anderson
- Co-Co — The Sweet
- Abraham (Das Lied Vom Trödler) — Wolfgang
- My Sweet Lord — George Harrison
- Schön Ist Es Auf Der Welt Zu Sein — Roy Black & Anita
- Hier Ist Ein Mensch — Peter Alexander
- Monika — Ulli Martin
- Borriquito — Peret
- Che Sarà — José Feliciano
- Spiel Mir Das Lied Vom Tod (Jill's Theme) — Ennio Morricone
- Fremder Mann — Marianne Rosenberg
- Judy, I Love You — Bata Illic
- What Is Life — George Harrison
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (chartsurfer.de / offizielle Charts).