DER CHRONIST
Sonderausgabe · Rückschau auf die Tage vom 19. bis 29. Oktober 1972 · Preis 3 Kopeken
Frunse, Dienstag, den 24. Oktober 1972 — Eine rückblickende Wochenschau: Was in diesen Tagen die Welt, die beiden deutschen Staaten, die Sowjetunion und die Hauptstadt am Fuße des Ala-Too bewegte.
Zum GeleitDiese Ausgabe erscheint zu Ehren eines an diesem 24. Oktober 1972 in Frunse geborenen Kindes. Sie sammelt die großen Schlagzeilen der Tage seiner Geburt — vom Weltgeschehen bis vor die eigene Haustür im Tschüi-Tal. Dass sie auf Deutsch erscheint, ist kein Zufall: Rund 90.000 Deutsche leben in der Kirgisischen Sowjetrepublik, in Dörfern wie Rot-Front, Luxemburg oder Köppental, keine Autostunde von der Hauptstadt entfernt.
AUFMACHER · „Der Frieden ist zum Greifen nah" — Kissinger zwischen Hanoi und Saigon
Die Unterhändler: Henry Kissinger und Le Duc Tho in Paris — hier bei der Unterzeichnung am 23. Januar 1973. (White House Photo / Wikimedia Commons, gemeinfrei)
Paris/Saigon/Washington. Nach fast acht Jahren amerikanischen Krieges in Vietnam scheint in diesen Oktobertagen ein Ende in Sicht. Am 8. Oktober hatte Hanois Unterhändler Le Duc Tho in Paris dem Sicherheitsberater des amerikanischen Präsidenten, Henry Kissinger, einen Entwurf vorgelegt, der erstmals auf die alte Kernforderung — den Sturz der Regierung in Saigon — verzichtet: Waffenstillstand an Ort und Stelle, Abzug der Amerikaner binnen 60 Tagen, Freilassung der Kriegsgefangenen, Verbleib der Regierung Nguyen Van Thieu — aber auch Verbleib der nordvietnamesischen Truppen im Süden.
Vom 18. bis 23. Oktober weilte Kissinger in Saigon, um Thieu für den Text zu gewinnen — vergeblich. Der südvietnamesische Präsident lehnte ab und ließ eine Liste mit 69 Einwänden aufstellen; vor allem die nordvietnamesischen Divisionen auf seinem Boden will er nicht hinnehmen. Am 23. Oktober ordnete Präsident Richard Nixon als Zeichen des guten Willens gegenüber Hanoi den Stopp der Bombenangriffe nördlich des 20. Breitengrades an.
Die Woche danach: Am 26. Oktober macht Radio Hanoi den Verhandlungsstand öffentlich und wirft Washington Verschleppung vor. Noch am selben Tag tritt Kissinger vor die Presse in Washington und sagt den Satz, der um die Welt geht: „Peace is at hand" — der Frieden ist zum Greifen nah. Zwölf Tage vor der Präsidentenwahl ist das ein Signal an Hanoi, an Saigon und an die amerikanischen Wähler zugleich. (Nachtrag der Redaktion: Bis zur Unterschrift wird es noch bis zum 27. Januar 1973 dauern — und dazwischen liegen die Weihnachtsbombardements auf Hanoi.)
AUS DEUTSCHLAND · Wahlkampf, Verkehrsvertrag und ein Nobelpreis
„Willy wählen": Bundeskanzler Willy Brandt auf einer SPD-Wahlkundgebung des Bundestagswahlkampfs 1972 in Kiel. (Foto: Friedrich Magnussen, Stadtarchiv Kiel / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)
Bonn/Berlin. Die Bundesrepublik steht mitten im kürzesten und heftigsten Wahlkampf ihrer Geschichte. Nachdem Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) am 22. September die Vertrauensfrage absichtlich verloren und Bundespräsident Heinemann den Bundestag aufgelöst hat, wird am 19. November neu gewählt. Brandt tritt als „Kanzler des Vertrauens" an, die Union unter Rainer Barzel wirbt mit „Wir bauen Fortschritt auf Stabilität". Landauf, landab hängen die Plakate mit den zwei Worten „Willy wählen"; Schriftsteller wie Günter Grass und Siegfried Lenz ziehen mit der Sozialdemokratischen Wählerinitiative durch die Wahlkreise, Grass sogar durch den von Franz Josef Strauß. Die Meinungsforscher sehen die SPD vorn. (Nachtrag: Am 19. November wird die SPD mit 45,8 Prozent erstmals stärkste Partei — bei 91,1 Prozent Wahlbeteiligung.)
Seit dem 17. Oktober in Kraft: der Verkehrsvertrag zwischen Bundesrepublik und DDR, unterzeichnet im Mai, der erste zwischen beiden Staaten ausgehandelte Vertrag überhaupt. Er regelt Straßen-, Eisenbahn- und Schiffsverkehr — und bringt spürbare Erleichterungen: Bundesbürger dürfen künftig mehrmals im Jahr, bis zu 30 Tage insgesamt, zu Verwandten und Bekannten in die DDR reisen; erstmals sind auch Touristenreisen möglich. Parallel läuft in Ost-Berlin die große Amnestie des DDR- Staatsrats zum 23. Republikgeburtstag an: rund 32.000 Häftlinge kommen frei, darunter etwa 2.000 politische Gefangene, die in die Bundesrepublik entlassen werden; wer bis Ende 1971 „republikflüchtig" geworden ist, bleibt straffrei. Derweil verhandeln die Staatssekretäre Egon Bahr und Michael Kohl abwechselnd in Bonn und Ost-Berlin weiter über den Grundlagenvertrag — die Paraphierung wird am 8. November gelingen.
Und ein Kölner in Athen: Am 19. Oktober verkündet die Schwedische Akademie, dass Heinrich Böll den Nobelpreis für Literatur erhält — „für eine Dichtung, die durch ihren zeitgeschichtlichen Weitblick in Verbindung mit sensiblem Einfühlungsvermögen erneuernd im Bereich der deutschen Literatur gewirkt hat". Böll erreicht die Nachricht auf der Durchreise in Athen. Er ist der dritte deutschsprachige Preisträger seit dem Krieg — nach Hermann Hesse 1946 und Nelly Sachs 1966. Barzel und Außenminister Scheel gratulieren; Franz Josef Strauß warnt, der Preis dürfe nicht „für politische Werbung missbraucht" werden — Böll hatte im Januar im „Spiegel" die Hetze gegen die Baader-Meinhof-Gruppe angeprangert und gilt seither in konservativen Kreisen als Sympathisant.
MOSKAU & UNION · Weizen aus Amerika, Verträge in Washington
Entspannung mit Unterschrift: Richard Nixon und Leonid Breschnew unterzeichnen am 26. Mai 1972 in Moskau den ABM-Vertrag — seit dem 3. Oktober ist er in Kraft. (White House Photo Office, Nixon Presidential Library / Wikimedia Commons, gemeinfrei)
Moskau/Washington. Die Entspannung, die Präsident Nixons Moskau-Reise im Mai eingeleitet hat, nimmt Gestalt an. Am 3. Oktober trat der ABM-Vertrag über die Begrenzung der Raketenabwehr in Kraft, den der amerikanische Senat mit 88 zu 2 Stimmen gebilligt hatte. Am 18. Oktober unterzeichneten Außenhandelsminister Nikolai Patolitschew und Handelsminister Peter Peterson in Washington ein umfassendes Handelsabkommen: Die Sowjetunion soll die Meistbegünstigung erhalten und begleicht im Gegenzug die alte Pacht-und-Leih-Schuld aus dem Krieg mit 722 Millionen Dollar in Raten bis zum Jahr 2001.
Hinter der Diplomatie steht ein Notstand: Nach einem schneearmen Winter und einem Dürresommer fällt die Getreideernte 1972 mit rund 168 Millionen Tonnen weit hinter den Plan zurück. Schon im Juli hatte Moskau in Washington Getreide für 750 Millionen Dollar auf Kredit bestellt, dazu Barkäufe von rund einer Milliarde; im Laufe des Wirtschaftsjahres werden 23 Millionen Tonnen importiert — die Amerikaner sprechen inzwischen vom „großen Getreideraub", weil die sowjetischen Einkäufer still und leise fast die gesamte US-Reserve aufgekauft haben, ehe die Preise stiegen. In den Bäckereien von Frunse merkt man davon nichts; die Zeitungen berichten lieber vom „Kampf um die Ernte" in Kasachstan und der Ukraine.
Am Rande der Meldungen: Am 13. Oktober ist eine Iljuschin Il-62 der Aeroflot aus Paris über Leningrad kommend beim dritten Landeanflug auf Moskau-Scheremetjewo abgestürzt; alle 174 Menschen an Bord kamen ums Leben — das bis dahin schwerste Unglück der zivilen Luftfahrt. Die sowjetische Presse widmete ihm eine Kurzmeldung. — Im ganzen Land laufen die Vorbereitungen für den 55. Jahrestag der Oktoberrevolution am 7. November und, im Dezember, für das 50-jährige Bestehen der UdSSR; in Betrieben und Kolchosen wird um „Jubiläumsplan"- Erfüllung gewetteifert.
AUS DER REGION · Frunse — die grüne Hauptstadt unter dem Ala-Too
Kulturelles Herz der Hauptstadt: das Kirgisische Opern- und Balletttheater von 1955 — hier in einer Aufnahme von 2019. (Foto: Davide Mauro / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)
Frunse. Die Stadt, in der das Geburtstagskind dieser Ausgabe zur Welt kommt, liegt auf 750 bis 900 Metern Höhe im Tschüi-Tal, vor der Kulisse der schneebedeckten Kette des Kirgisischen Ala-Too. Bei der Volkszählung 1970 wurden 430.618 Einwohner gezählt — gut zwei Drittel davon Russen, jeder Achte Kirgise, dazu Ukrainer, Tataren, Uiguren, Usbeken und Deutsche; inzwischen geht die Stadt auf die halbe Million zu. Sie besteht aus drei Stadtbezirken — Leninski, Perwomaiski und Swerdlowski — und heißt seit 1926 nach ihrem berühmtesten Sohn: dem Revolutionsgeneral Michail Wassiljewitsch Frunse, 1885 im damaligen Pischpek geboren; sein Geburtshaus ist heute Museum. Die Frunser nennen ihre Stadt gern die „grünste der Union": Pappel- und Ulmenalleen, von Bewässerungsgräben — den Aryks — gesäumt, ziehen sich durch das schachbrettartige Straßennetz.
Die Stadt baut. Seit 1970 gilt ein neuer Generalbebauungsplan; im selben Jahr wurden das Kirgisische Dramatheater, das Denkmal der Völkerfreundschaft und das Fernheizkraftwerk fertiggestellt, das die Neubauviertel mit Wärme versorgt. Das Hotel „Ala-Too" von 1966 ist gesellschaftlicher Treffpunkt, das säulengeschmückte Opern- und Balletttheater von 1955 kulturelles Herz. Vor den Toren der Stadt entsteht der neue Großflughafen Manas, der 1974 die alte Piste ablösen soll; weit im Westen, am Naryn, wachsen die Mauern des Toktogul-Wasserkraftwerks, das die Republik zum Stromlieferanten Mittelasiens machen soll. Im Maschinenbauwerk „W. I. Lenin", im Landmaschinenwerk und im Fleischkombinat wird um die Erfüllung des Jubiläumsplans gerungen.
An der Spitze der Republik steht seit 1961 der Erste Sekretär des ZK der KP Kirgisiens, Turdakun Usubalijew; Vorsitzender des Ministerrats ist Achmatbek Sujumbajew, Vorsitzender des Präsidiums des Obersten Sowjets seit 1945 der einstige Bergmann Torobai Kulatow. Und die Republik feiert in diesen Tagen ein kleines Jubiläum: Vor 48 Jahren, im Oktober 1924, wurde aus dem Turkestan-Gebiet das Kara-Kirgisische Autonome Gebiet herausgelöst — der Anfang der kirgisischen Staatlichkeit, die 1936 zur Unionsrepublik führte. Zwei Jahre später, zum 50-Jährigen, sind große Feiern geplant.
Die Deutschen im Tschüi-Tal. Nach der Volkszählung von 1970 leben rund 90.000 Deutsche in der Kirgisischen SSR — Nachkommen der Mennoniten, die ab 1882 aus dem Wolgagebiet ins Talas-Tal kamen und Dörfer wie Köppental und Nikolaipol gründeten, und der Wolgadeutschen, die 1941 nach Mittelasien deportiert wurden. Im Tschüi-Tal sind Rot-Front (das alte Bergtal), Luxemburg und Grünfeld ihre Zentren. Deutschen Schulunterricht gibt es seit 1938 nicht mehr, doch die Sprache lebt in den Familien und Gemeinden — den Mennoniten, Baptisten, Lutheranern, Katholiken — weiter. Wer Deutsch lesen will, greift zum Moskauer „Neuen Leben" oder zur Zeitung „Freundschaft" aus Zelinograd; Radio Alma-Ata sendet seit 1958 auf Deutsch. Und seit August beschäftigt auch die deutschen Familien die neue „Diplomsteuer": Wer mit Hochschulabschluss ausreisen will, muss dem Staat bis zu 12.200 Rubel für seine Ausbildung zurückzahlen — bei Monatslöhnen von 200 bis 300 Rubel.
Kultur. Die Republik ist stolz auf ihr „kirgisisches Filmwunder": Der Schauspieler und Maler Sujmenkul Tschokmorow, seit „Der Schuss am Karasch-Pass" (1968) ein Star des sowjetischen Kinos, ist in diesem Jahr im Steppenwestern „Die siebte Kugel" zu sehen. Der Volksschriftsteller Tschingis Aitmatow, dessen „Weißer Dampfer" 1970 in der ganzen Union gelesen wurde, arbeitet an seinem ersten Theaterstück, „Der Aufstieg auf den Fudschijama", das im kommenden Jahr in Moskau herauskommen wird. Und der erste Berufsmaler Kirgisiens, Gapar Aitijew, trägt seit 1971 den Titel Volkskünstler der UdSSR.
SPORT · Fünf Tore von Gerd Müller — und Kanadas Sieg wirkt nach
Der Mann für fünf Tore: Gerd Müller mit Trainer Udo Lattek beim Training des FC Bayern im Münchner Olympiastadion, März 1973. (Foto: Rob Mieremet, Anefo / Nationaal Archief, Wikimedia Commons, CC0)
München/Turin. Am Abend dieses 24. Oktober demütigt Bayern München im Europapokal der Landesmeister den zyprischen Meister Omonia Nikosia mit 9:0 — Gerd Müller allein trifft fünfmal, Edgar Schneider zweimal, Uli Hoeneß und Franz Roth je einmal. Nur 11.931 Zuschauer haben sich ins Olympiastadion verirrt; das Rückspiel wird schon am 26. Oktober in Augsburg angepfiffen (4:0). In der Bundesliga führt Bayern nach dem 8. Spieltag vom 21. Oktober, an dem der 1. FC Köln Hertha BSC 4:0 abfertigte und Rot-Weiß Oberhausen Borussia Mönchengladbach 1:0 schlug, unangefochten die Tabelle an. Einen Tag nach München tritt der DDR-Meister 1. FC Magdeburg im Stadio Comunale von Turin an und verliert bei Juventus vor 37.678 Zuschauern nur knapp 0:1.
Sowjetischer Fußball: Meister der Union ist in diesem Jahr erstmals Sarja Woroschilowgrad — der erste Titel für eine Mannschaft, die weder aus Moskau noch aus Kiew kommt. — Eishockey: Einen Monat nach dem Ende der Serie Kanada – UdSSR wird in der Union noch immer über Paul Hendersons Siegtor 34 Sekunden vor Schluss des achten Spiels diskutiert; die Kanadier gewannen 4:3 bei einem Unentschieden, doch die Welt hat gelernt, dass die sowjetische Sbornaja mit den Profis der NHL mithalten kann. — Motorsport: Der Brasilianer Emerson Fittipaldi ist mit 25 Jahren im Lotus der jüngste Formel-1-Weltmeister aller Zeiten.
DAS WETTER · Ein kühler, klarer Herbstdienstag
Goldener Oktober am Ala-Too: An diesem Dienstag, dem 24. Oktober, zeigte sich Frunse nach einem frostigen Morgen von seiner freundlichen Seite. Das Thermometer stieg von 1,3 Grad in der Frühe auf 17,6 Grad am Nachmittag, im Mittel wurden 10,4 Grad gemessen; Niederschlag fiel keiner. Die Berge im Süden tragen seit dem Wintereinbruch der Vorwoche frischen Schnee.
Denn die Woche davor hatte es in sich: Nach einem Monatsbeginn mit Spitzenwerten bis 27,5 Grad (3. Oktober) rauschte am 16. Oktober eine Kaltfront durchs Tal — 19,7 Millimeter Regen, in der Nacht zum 18. dann −1,8 Grad, am 19. sogar −3,8 Grad in der Frühe: der erste Frost des Herbstes. Seither erholt sich das Wetter Tag für Tag; am Wochenende nach der Geburt klettern die Werte wieder auf 21 bis 22 Grad. Der Oktober endet mit einem Monatsmittel von 11,1 Grad und knapp 30 Millimetern Niederschlag — ein trockener, typischer Herbst im Tschüi-Tal.
(Werte der Station Frunse (heute Bischkek, WMO 38353). Quelle: Meteostat / NOAA.)
VERMISCHTES & TECHNIK
- Stamford (24. Oktober): Jackie Robinson, der 1947 als erster Schwarzer in der amerikanischen Baseball-Profiliga spielte und damit die Rassenschranke im US-Sport durchbrach, stirbt mit 53 Jahren an Herzversagen — neun Tage nachdem er bei der World Series öffentlich den ersten schwarzen Manager gefordert hatte.
- Washington (25. Oktober): Die „Washington Post" berichtet, dass Nixons Stabschef H. R. Haldeman über einen Geheimfonds die Sabotagekampagne gegen die Demokraten steuerte, in deren Zusammenhang im Juni fünf Männer im Watergate-Gebäude verhaftet wurden. Das Weiße Haus dementiert; die Wähler kümmert es kaum — Nixon führt in den Umfragen mit rund 60 zu 32 Prozent gegen George McGovern.
- Kairo (26. Oktober): Präsident Anwar as-Sadat entlässt seinen Kriegsminister General Mohammed Ahmed Sadek und stellt ihn unter Hausarrest; Nachfolger wird General Ahmad Ismail Ali. Sadek galt als Bremser gegen Sadats Pläne für einen Waffengang mit Israel.
- Anden (seit 13. Oktober): Von der uruguayischen Militärmaschine mit einer Rugby-Mannschaft aus Montevideo, die auf dem Weg nach Santiago de Chile verschwand, fehlt jede Spur; die Suche wurde eingestellt. (Erst am 22. Dezember werden 16 Überlebende gefunden — sie haben sich 73 Tage lang im Wrack gehalten.)
- Stockholm (Oktober): Neben Böll ehrt das Nobelkomitee die Physiker John Bardeen, Leon Cooper und Robert Schrieffer für ihre Theorie der Supraleitung, die Chemiker Christian Anfinsen, Stanford Moore und William Stein für die Aufklärung der Ribonuklease sowie Gerald Edelman und Rodney Porter für die Struktur der Antikörper.
- Köln (29. Oktober): Der WDR strahlt die erste Folge von Rainer Werner Fassbinders Familienserie „Acht Stunden sind kein Tag" aus — Arbeiterleben in der Werkzeugfabrik, 101 Minuten lang.
- Kino: Seit dem 14. Oktober läuft Bernardo Bertoluccis „Der letzte Tango in Paris" mit Marlon Brando in den bundesdeutschen Kinos und sorgt für Schlagzeilen.
- Hitparade: In der Bundesrepublik löst „Wig-Wam Bam" von The Sweet die Moog-Nummer „Popcorn" von Hot Butter an der Spitze der Single-Charts ab.
- Beirut/Zagreb (29. Oktober): Zwei Palästinenser entführen die Lufthansa-Boeing 727 „Kiel" auf dem Flug von Beirut nach Ankara und erzwingen die Freilassung der drei überlebenden Attentäter des Olympia-Anschlags von München. Die Bundesregierung gibt binnen Stunden nach; die drei werden nach Zagreb ausgeflogen und in Tripolis als Helden empfangen — sieben Wochen nach dem Tod der elf israelischen Sportler.
AUCH AN EINEM 24. OKTOBER GEBOREN
Das Kind, dem diese Ausgabe gilt, tritt in eine ansehnliche Reihe von Geburtstagsgefährten:
- Antoni van Leeuwenhoek (1632–1723) — Tuchhändler aus Delft, der mit selbstgeschliffenen Linsen als Erster Bakterien und Blutkörperchen sah.
- Anna Amalia von Braunschweig-Wolfenbüttel (1739–1831) — Herzogin von Sachsen-Weimar, Mäzenin des Weimarer Musenhofs.
- Wilhelm Weber (1804–1891) — Physiker aus Wittenberg, Erfinder des elektromagnetischen Telegrafen mit Gauß; die Einheit des magnetischen Flusses trägt seinen Namen.
- Alexandra David-Néel (1868–1969) — französische Forscherin, die als erste Europäerin die verbotene Stadt Lhasa erreichte.
- Emmerich Kálmán (1882–1953) — ungarischer Operettenkomponist („Die Csárdásfürstin", „Gräfin Mariza").
- Kurt Huber (1893–1943) — Münchner Musikwissenschaftler und Philosoph, mit der „Weißen Rose" hingerichtet.
- Alexander Gelfond (1906–1968) — sowjetischer Mathematiker, der das siebte Hilbertsche Problem löste.
- Tito Gobbi (1913–1984) — italienischer Bariton, der Scarpia der Callas.
- Luciano Berio (geb. 1925) — italienischer Komponist der Avantgarde.
- Gilbert Bécaud (geb. 1927) — „Monsieur 100.000 Volt", Chansonnier („Nathalie").
- Sofia Gubaidulina (geb. 1931) — Komponistin aus Tschistopol an der Kama, in Moskau eine der eigenwilligsten Stimmen der sowjetischen Musik.
- Pierre-Gilles de Gennes (geb. 1932) — französischer Physiker (Nobelpreis 1991).
- Bill Wyman (geb. 1936) — Bassist der Rolling Stones.
Und ebenfalls an einem 24. Oktober: 1648 wurde in Münster und Osnabrück der Westfälische Friede unterzeichnet, der den Dreißigjährigen Krieg beendete; 1929 brach am „Schwarzen Donnerstag" die New Yorker Börse ein; und 1945 trat die Charta der Vereinten Nationen in Kraft — weshalb heute in aller Welt der Tag der Vereinten Nationen begangen wird.
MONATSKUNDE · Woher der Oktober seinen Namen hat
Der Oktober verrät seine Herkunft im Namen: octo, lateinisch acht — im altrömischen Kalender, der im März begann, war er der achte Monat. Seit die Römer im Jahr 153 v. Chr. den Jahresbeginn auf den 1. Januar legten, stimmt die Zählung nicht mehr, der Name aber blieb; 31 Tage hat er seit Caesars Reform.
Die alten deutschen Namen sind sprechender: Weinmonat — Karl der Große soll ihn so genannt haben, weil die Lese eingebracht wird —, Gilbhart nach dem gilbenden Laub, das nun „hart", das heißt reichlich, fällt, oder Laubrost, weil die Blätter wie Rost von den Bäumen rieseln. Die Bauern wissen: „Bringt der Oktober viel Frost und Wind, so sind der Januar und Februar gelind."
Im Tschüi-Tal ist der Oktober der Monat, in dem die Zuckerrüben und der letzte Mais vom Feld kommen, die Herden aus den Sommerweiden des Hochgebirges — den Dschailoos — ins Tal zurückkehren und die Gipfel des Ala-Too ihr Winterkleid anlegen, während unten in der Stadt die Pappeln noch golden stehen. Bei 17 Grad und blauem Himmel, wie an diesem 24. Oktober, ist von Weinmonat oder Laubrost noch wenig zu spüren.
NOTIERT
Ein klarer Herbsttag mit frischem Schnee auf den Bergen, ein Sicherheitsberater, der den Frieden verspricht, ein Kanzler, der um sein Amt kämpft, und ein Land, das in Amerika Weizen kaufen muss. Zwischen Kaltfront und Altweibersommer wird an diesem Tag in Frunse ein Kind geboren, das diese Welt noch lange begleiten wird — in einer Stadt, die gerade selbst zu wachsen begonnen hat, am Fuße eines Gebirges, das älter ist als alle Nachrichten dieser Ausgabe.
Quellen
- Teaching American History — Kissinger, „Peace is at hand" (26. Oktober 1972)
- Office of the Historian — FRUS 1969–76, Bd. IX, Dok. 79 (Kissinger in Saigon)
- Office of the Historian — FRUS 1969–76, Bd. IX, Dok. 84 (Radio Hanoi, 26. Oktober 1972)
- Wikipedia — Gipfel von Paris 1972
- Wikipedia — Bundestagswahl 1972
- Wikipedia — Sozialdemokratische Wählerinitiative
- verfassungen.de — Verkehrsvertrag vom 26. Mai 1972
- Bundesarchiv — Transitabkommen und Verkehrsvertrag
- Tagesspiegel/SN — 16. Oktober 1972: DDR-Amnestie
- zeitklicks — Amnestie für 32.000 Häftlinge in der DDR
- LeMO — Grundlagenvertrag
- Heinrich-Böll-Stiftung — Nobelpreis für Heinrich Böll in einem schwierigen Jahr
- Tagesspiegel/SN — 19. Oktober 1972: Literaturnobelpreis für Böll
- Nobelprize.org — Physik 1972, Pressemitteilung
- Wikipedia (en) — Diploma tax
- Wikipedia (en) — October 1972
- Wikipedia (en) — Aeroflot Flight 217
- Wikipedia (en) — Anti-Ballistic Missile Treaty
- Wikipedia (en) — Great Grain Robbery (1972)
- Wikipedia (ru) — Бишкек (Volkszählung 1970, Stadtbezirke)
- 24.kg — Pischpek, Frunse, Bischkek: Geschichte der Hauptstadt in Fotos
- Wikipedia — Kirgisische Sozialistische Sowjetrepublik
- Wikipedia (en) — Kara-Kirghiz Autonomous Oblast
- Wikipedia (en) — Turdakun Usubaliev
- Wikipedia (ru) — Суюмбаев, Ахматбек Суттубаевич
- Wikipedia (ru) — Кулатов, Турабай Кулатович
- Wikipedia — Michail Wassiljewitsch Frunse
- Wikipedia — Flughafen Manas
- Wikipedia — Toktogul-Talsperre
- Wikipedia — Kirgisistandeutsche
- Wikipedia — Neues Leben (Zeitung)
- Wikipedia (en) — The Seventh Bullet (1972)
- Wikipedia (ru) — Айтматов, Чингиз Торекулович
- Wikipedia (ru) — Айтиев, Гапар Айтиевич
- DFB-Datencenter — Bayern München – Omonia Nikosia 9:0 (24. Oktober 1972)
- Wikipedia — Europapokal der Landesmeister 1972/73
- weltfussball.de — Bundesliga 1972/73, 8. Spieltag
- Wikipedia — Wysschaja Liga (Sowjetunion)
- Wikipedia — Summit Series 1972
- Wikipedia — Automobil-Weltmeisterschaft 1972
- National Park Service — Jackie Robinson
- Washington Post — Watergate Timeline
- Time — Poll of Polls, Oktober 1972
- Wikipedia (en) — Mohammed Ahmed Sadek
- Wikipedia (en) — Uruguayan Air Force Flight 571
- Wikipedia — Lufthansa-Flug 615
- Wikipedia — Acht Stunden sind kein Tag
- kino.de — Kinostarts Oktober 1972
- Wikipedia (en) — Nummer-eins-Hits in Deutschland 1972
- Wikipedia — 24. Oktober (Geboren, Ereignisse) · Wikipedia — October 24
- Wikipedia — Oktober (Monatsname, Gilbhart, Weinmonat)
- Meteostat — Station Bischkek/Frunse (38353), Tageswerte Oktober 1972 (24. Okt.: Tmax 17,6 °C · Tmin 1,3 °C · Tmittel 10,4 °C · Niederschlag 0 mm; 16. Okt.: 19,7 mm; 19. Okt.: Tmin −3,8 °C; Monatsmittel 11,1 °C, Monatssumme 29,6 mm)
Redaktioneller Hinweis: Berichtet wird über den Zeitraum 19. bis 29. Oktober 1972. Ereignisse nach dem 24. Oktober (Kissingers Pressekonferenz, Magdeburg in Turin, Sadeks Entlassung, Fassbinder- Serie, Lufthansa-Entführung) waren am Erscheinungstag noch nicht bekannt und erscheinen hier als Rückschau. Das Gründungsdatum des Kara- Kirgisischen Autonomen Gebiets wird in den Quellen mit dem 14. (Erlass des VZIK) oder 24. Oktober 1924 angegeben. Für die Getreideernte 1972 und die Einwohnerzahl 1972 liegen nur Näherungswerte vor; Ligazugehörigkeit und Tabellenstand von Alga Frunse 1972 konnten nicht belegt werden und bleiben daher unerwähnt.