DER CHRONIST

Ein Jahr der Gegensätze: Olympischer Jubel schlägt in Entsetzen um, die deutsch-deutsche Annäherung nimmt Vertragsform an — und im Ruhrgebiet stürzt ein Fußball-Gründungsmitglied aus der Bundesliga, während sich in Washington unbemerkt der Anfang vom Ende einer Präsidentschaft anbahnt. Zugleich verschiebt sich die Weltordnung des Kalten Krieges gleich zweimal grundlegend: Erst reist ein amerikanischer Präsident als Erster überhaupt nach Peking, dann bremsen Washington und Moskau in einem Moskauer Gipfel das atomare Wettrüsten mit SALT I und dem ABM-Vertrag. Über dem Taurus- Littrow-Tal auf dem Mond geht mit Apollo 17 still ein ganzes Zeitalter der Raumfahrt zu Ende, während in Uganda Zehntausende binnen weniger Wochen ihre Heimat verlieren und Indien und Pakistan in Shimla mühsam Frieden schließen. Ein Jahr also, das zeigt, wie eng Hoffnung und Schrecken, große Diplomatie und stiller Verlust nebeneinander bestehen können.

Die Schlagzeilen des Jahres

Blutbad bei Olympia: Attentat auf die israelische Mannschaft in München

Das Olympiastadion in München, Schauplatz der Spiele von 1972
Das Olympiastadion in München, Schauplatz der Spiele von 1972 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.5)

Die Täter gehören der Terrorgruppe „Schwarzer September" an, einem 1971 gegründeten Ableger der palästinensischen Fatah, benannt nach der blutigen Vertreibung der PLO aus Jordanien im September 1970. In der Frühe des 5. September, gegen 4.30 Uhr, klettern acht bewaffnete Männer über den nur brusthohen Zaun des Olympischen Dorfes und dringen in die Unterkunft der israelischen Mannschaft in der Connollystraße 31 ein. Ringertrainer Moshe Weinberg und Gewichtheber Yossef Romano werden beim Widerstand erschossen, neun weitere Sportler und Betreuer als Geiseln genommen. Die Attentäter fordern die Freilassung von 232 in Israel inhaftierten Palästinensern sowie der RAF-Anführer Andreas Baader und Ulrike Meinhof aus deutscher Haft. Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher und der bayerische Innenminister Bruno Merk verhandeln stundenlang vergeblich, Genscher bietet sich sogar als Austauschgeisel an. Am Abend werden Geiseln und Geiselnehmer per Hubschrauber zum Militärflugplatz Fürstenfeldbruck geflogen, wo angeblich ein Flugzeug nach Kairo bereitsteht — tatsächlich eine Falle. Doch die improvisierte Befreiungsaktion scheitert katastrophal: Nur fünf Scharfschützen ohne Zielfernrohre und ohne Funkverbindung zur Einsatzleitung stehen bereit, gepanzerte Fahrzeuge treffen verspätet ein. Im folgenden Schusswechsel und nach der Explosion einer in einen Hubschrauber geworfenen Handgranate sterben in der Nacht zum 6. September alle neun Geiseln, der Polizeibeamte Anton Fliegerbauer und fünf der acht Attentäter; drei überlebende Terroristen werden festgenommen, aber schon im Oktober 1972 nach der Entführung einer Lufthansa-Maschine freigepresst. Die Spiele werden für einen Tag unterbrochen, IOC-Präsident Avery Brundage lässt sie mit dem umstrittenen Satz „the Games must go on" fortsetzen; eine Trauerfeier im Olympiastadion vor rund 80.000 Zuschauern kann die Erschütterung nicht mildern. Die „Spiele der kurzen Wege", die München als heiteres, weltoffenes Deutschland zeigen sollten, gehen als Trauerspiel in die Geschichte ein — die Anschläge führen 1973 zur Gründung der Grenzschutzgruppe GSG 9.

Absturz eines Gründungsmitglieds: Borussia Dortmund steigt aus der Bundesliga ab

Das Stadion Rote Erde in Dortmund, Heimat von Borussia Dortmund
Das Stadion Rote Erde in Dortmund, Heimat von Borussia Dortmund (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Vorausgegangen war der große Bundesliga-Skandal: Im Juni 1971 deckten Ermittlungen auf, dass reihenweise Vereine Spiele der Vorsaison durch Bestechung manipuliert hatten. Der DFB entzog daraufhin Rot-Weiss Oberhausen rückwirkend die Lizenz und wertete dessen Begegnungen der Saison 1971/72 nachträglich, was Borussia einen Rückstand von fünf Punkten einbrachte und den Abstieg praktisch besiegelte, noch ehe die Rückrunde zu Ende war. Sportlich lief ohnehin wenig zusammen: Auswärts beim FC Bayern München kassiert der BVB in dieser Saison mit 1:11 die bis heute höchste Bundesliga-Niederlage der Vereinsgeschichte. Am 3. Juni ist die Zitterpartie schließlich vorbei: Mit einer 0:2-Niederlage bei VfB Stuttgart steht der Abstieg von Borussia Dortmund aus der Fußball-Bundesliga rechnerisch fest — zwei Spieltage vor Saisonende, vor nur 4.000 Zuschauern im Stuttgarter Neckarstadion. Mit 20:48 Punkten und einer Tordifferenz von 34:83 landet der BVB, 1966 noch Europapokalsieger der Pokalsieger, gemeinsam mit Arminia Bielefeld auf einem Abstiegsplatz und muss nach 36 Jahren ununterbrochener Erstklassigkeit als Tabellen-Siebzehnter in die Regionalliga West hinunter. Der Neuaufbau wird zur Zerreißprobe: Etliche Stammspieler verlassen den finanziell klammen Verein, der sich fortan jahrelang durch die zweite Liga kämpfen muss. Für das Ruhrgebiet, dessen Zechen und Stahlwerke im selben Jahrzehnt reihenweise schließen, wird der Fall des Traditionsvereins zum Sinnbild des Strukturwandels — erst 1976 gelingt dem BVB die Rückkehr in die Bundesliga.

Zitterpartie um Brandt: Misstrauensvotum scheitert, Wahlsieg folgt

Rainer Barzel, der 1972 mit dem Misstrauensvotum gegen Brandt scheitert
Rainer Barzel, der 1972 mit dem Misstrauensvotum gegen Brandt scheitert (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Am 27. April versucht CDU/CSU-Fraktionschef Rainer Barzel, Kanzler Willy Brandt per konstruktivem Misstrauensvotum zu stürzen — das erste Verfahren dieser Art in der Geschichte der Bundesrepublik. Barzel verfehlt die notwendige absolute Mehrheit von 249 Stimmen nur um zwei: 247 Abgeordnete votieren für seinen Sturz. Wer der Opposition fehlte, bleibt zunächst ein Rätsel; erst 1973 gesteht der CDU-Abgeordnete Julius Steiner öffentlich, gegen 50.000 DM von SPD-Fraktionsgeschäftsführer Karl Wienand seine Stimme verweigert zu haben — nach der Wende zeigen Stasi-Akten, dass das Geld tatsächlich von der DDR-Auslandsspionage unter Markus Wolf stammte; auch der CSU-Abgeordnete Leo Wagner soll als Stasi-Zuträger bezahlt worden sein. Weil Regierung und Opposition sich im Bundestag danach dennoch die Waage halten und Brandt keine verlässliche Mehrheit für seine Ostpolitik mehr hat, stellt er am 20. September die Vertrauensfrage, verliert sie zwei Tage später plangemäß, woraufhin Bundespräsident Gustav Heinemann den Bundestag auflöst und für den 19. November Neuwahlen ansetzt. Bei einer Rekordwahlbeteiligung von rund 91 Prozent — die als „Willy-Wahl" in die Geschichte eingeht — wird die SPD mit 45,8 Prozent erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik stärkste Kraft vor der Union mit 44,9 Prozent; die sozialliberale Koalition gewinnt deutlich hinzu — ein Vertrauensbeweis für den Kanzler der Ostpolitik.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Baden-Württemberg, 23. April — CDU 52,9 %, SPD 37,6 % (Wahlbeteiligung 80,0 %). Die Union gewinnt die absolute Mehrheit und löst die bisherige Große Koalition ab; Ministerpräsident Hans Filbinger (CDU) regiert künftig allein.

Grundlagenvertrag: Bonn und Ost-Berlin regeln ihr Verhältnis

Egon Bahr, Verhandler des Grundlagenvertrags (spätere Aufnahme)
Egon Bahr, Verhandler des Grundlagenvertrags (spätere Aufnahme) (Wikimedia Commons, CC BY 2.0)

In Ost-Berlin unterzeichnen Egon Bahr für die Bundesrepublik und Michael Kohl für die DDR den Grundlagenvertrag — beide deutschen Staaten erkennen einander erstmals als gleichberechtigte, wenn auch nicht völkerrechtlich fremde Staaten an und verpflichten sich zu „gutnachbarlichen" Beziehungen. Botschaften werden es nicht, sondern „Ständige Vertretungen" in Bonn und Ost-Berlin — die Wiedervereinigung bleibt im Grundgesetz verankertes Ziel. Der in zehn Artikeln gefasste Vertrag verpflichtet beide Seiten zum gegenseitigen Gewaltverzicht und zur Achtung der bestehenden Grenzen, klammert die Frage einer gemeinsamen Staatsbürgerschaft bewusst aus und enthält eine Sonderregelung für den Status West-Berlins. Bayerns Staatsregierung, von CSU-Chef Franz Josef Strauß dazu gedrängt, zieht am 28. Mai 1973 gegen den Vertrag vor das Bundesverfassungsgericht; die Karlsruher Richter erklären ihn am 31. Juli 1973 zwar für grundgesetzkonform, mahnen die Bundesregierung aber, am Wiedervereinigungsgebot festzuhalten. Im September 1973 werden beide deutschen Staaten gleichzeitig Mitglied der Vereinten Nationen, 1974 nehmen die Ständigen Vertretungen in Bonn und Ost-Berlin ihre Arbeit auf — mit Günter Gaus als erstem Leiter der bundesdeutschen Vertretung in Ost-Berlin. Der Vertrag, Kernstück von Brandts „Wandel durch Annäherung", tritt nach Ratifizierung im Sommer 1973 in Kraft und mildert für anderthalb Jahrzehnte die deutsch-deutsche Frontstellung.

Einbruch mit Folgen: Die Watergate-Affäre nimmt ihren Anfang

Der Watergate-Komplex in Washington
Der Watergate-Komplex in Washington (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

In der Nacht zum 17. Juni bemerkt Wachmann Frank Wills im Watergate-Gebäudekomplex zweimal Klebestreifen an Türschlössern, die ein Zufallen der Türen verhindern sollen, und alarmiert die Polizei. Diese verhaftet fünf Männer, die im Hauptquartier des Democratic National Committee Abhörwanzen installieren und Dokumente fotografieren wollten — darunter James McCord, ehemaliger CIA- und FBI-Mann und Sicherheitschef des Wiederwahlkomitees „CREEP" von Präsident Richard Nixon; Kontakte in seinem Adressbuch führen Ermittler bald zu den Weißes-Haus-Beratern E. Howard Hunt und G. Gordon Liddy. Die Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein von der Washington Post rollen den Fall mithilfe einer anonymen Quelle auf, die erst 2005 als der damalige FBI-Vizedirektor Mark Felt enttarnt wird — ihr Beiname „Deep Throat" wird zum Synonym für investigativen Journalismus. Der zunächst als „drittklassiger Einbruch" abgetane Vorfall hindert Nixon nicht daran, am 7. November 1972 mit 520 gegen 17 Wahlmännerstimmen in einem der deutlichsten Erdrutschsiege der US-Geschichte gegen den Demokraten George McGovern wiedergewählt zu werden. Erst 1973/74 macht ein Senats-Untersuchungsausschuss zusammen mit geheimen Tonbandmitschnitten aus dem Oval Office die volle Tragweite der Affäre publik: Sie entwickelt sich zur größten Verfassungskrise der amerikanischen Nachkriegsgeschichte und zwingt Nixon zwei Jahre später zum Rücktritt.

Nixons Reise nach Peking: Ein amerikanischer Präsident bricht das Schweigen

Nixon und Mao Zedong beim Handschlag in Peking, 21. Februar 1972
Nixon und Mao Zedong beim Handschlag in Peking, 21. Februar 1972 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Als erster amtierender Präsident der Vereinigten Staaten betritt Richard Nixon am 21. Februar auf Einladung von Ministerpräsident Zhou Enlai den Boden der Volksrepublik China — 23 Jahre, nachdem Washington und Peking nach der kommunistischen Machtübernahme jeden diplomatischen Kontakt abgebrochen hatten. Vorbereitet worden war der Besuch durch eine geheime Reise von Nixons Sicherheitsberater Henry Kissinger im Juli 1971. Gleich am ersten Tag empfängt der greise Parteivorsitzende Mao Zedong den Gast zu einem kurzen, aber symbolträchtigen Gespräch; die eigentlichen Verhandlungen führt Nixon mit Zhou Enlai. Neben Peking besucht die amerikanische Delegation auch Hangzhou und Shanghai, dazwischen stehen Stationen wie die Chinesische Mauer und die Verbotene Stadt auf dem Programm — Bilder, die um die Welt gehen und in den USA live im Fernsehen verfolgt werden.

Am 28. Februar unterzeichnen beide Seiten in Shanghai das sogenannte Shanghai-Kommuniqué, in dem sie trotz fortbestehender Differenzen — allen voran in der Taiwan-Frage — eine schrittweise Normalisierung der Beziehungen vereinbaren. Volle diplomatische Beziehungen werden zwar erst 1979 aufgenommen, doch die Reise gilt schon jetzt als diplomatische Sensation: Sie verschiebt das Kräftegleichgewicht des Kalten Krieges, indem sie einen Keil zwischen die beiden großen kommunistischen Mächte China und Sowjetunion treibt, und prägt bis heute die englische Redewendung „only Nixon could go to China" für eine Kehrtwende, die nur von einem ausgewiesenen Hardliner glaubwürdig vollzogen werden kann.

Gipfel in Moskau: Nixon und Breschnew bremsen das atomare Wettrüsten

Nixon und Breschnew unterzeichnen den ABM-Vertrag und das SALT-I-Interimsabkommen in Moskau, 26. Mai 1972
Nixon und Breschnew unterzeichnen den ABM-Vertrag und das SALT-I-Interimsabkommen in Moskau, 26. Mai 1972 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Drei Monate nach seiner China-Reise fliegt Richard Nixon erneut zu einer historischen Begegnung, diesmal in die sowjetische Hauptstadt: Vom 22. bis 30. Mai trifft er in Moskau mit KPdSU-Generalsekretär Leonid Breschnew zusammen. Höhepunkt des Gipfels ist der 26. Mai, an dem beide Staatschefs im Wladimirsaal des Kreml-Palasts zwei Abkommen unterzeichnen, die als Wendepunkt des Kalten Krieges gelten: das Interimsabkommen SALT I, das erstmals Obergrenzen für die Zahl land- und seegestützter Interkontinentalraketen beider Supermächte festlegt, und den ABM-Vertrag, der den Aufbau flächendeckender Raketenabwehrsysteme verbietet und jeder Seite nur den Schutz von je zwei — später einer — Stellungen erlaubt.

Die Verhandlungen, seit November 1969 in Helsinki und Wien geführt, waren zäh und technisch kompliziert; ihr Ergebnis begründet dennoch die erste verbindliche Rüstungskontrolle zwischen Washington und Moskau und läutet die Phase der Entspannungspolitik ein, die auch der bundesdeutschen Ostpolitik Rückenwind gibt. Beide Vertragswerke beruhen auf der Logik der „gegenseitig gesicherten Zerstörung": Wer auf Raketenabwehr verzichtet, macht einen Erstschlag der Gegenseite unattraktiv, weil die eigene Zweitschlagfähigkeit gesichert bleibt. Der ABM-Vertrag hält knapp drei Jahrzehnte, ehe die USA ihn 2002 einseitig aufkündigen; SALT I selbst läuft 1977 turnusgemäß aus und wird durch Folgeverträge abgelöst.

Letzte Schritte auf dem Mond: Apollo 17 beendet das amerikanische Mondprogramm

Astronaut Eugene Cernan bei einem Mondspaziergang im Taurus-Littrow-Tal, Dezember 1972
Astronaut Eugene Cernan bei einem Mondspaziergang im Taurus-Littrow-Tal, Dezember 1972 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In der Nacht zum 7. Dezember startet Apollo 17 vom Kennedy Space Center in Florida — als einziger nächtlicher Start eines bemannten Mond-Raumschiffs erhellt die Saturn-V-Rakete den Nachthimmel Floridas kilometerweit. An Bord: Kommandant Eugene Cernan, Kommandokapsel-Pilot Ronald Evans und der Geologe Harrison Schmitt, der als bislang einziger ausgebildete Wissenschaftler den Mond betritt. Am 11. Dezember setzt die Landefähre im Tal Taurus-Littrow auf, das die Missionsplaner wegen seiner geologischen Vielfalt ausgewählt hatten. Cernan und Schmitt verbringen rund 22 Stunden außerhalb der Fähre, legen mit dem Mondauto knapp 35 Kilometer zurück und bringen mit gut 110 Kilogramm Mondgestein die größte je gesammelte Probenmenge einer Apollo-Mission zur Erde zurück.

Beim Verlassen der Mondoberfläche spricht Cernan als bislang letzter Mensch auf dem Mond Worte, die auf lange Sicht angelegt sind: Man werde zurückkehren, „so Gott will, nicht allzu lange". Am 19. Dezember wassert die Kommandokapsel im Pazifik — es ist das Ende des Apollo-Programms, für das aus Kostengründen und wegen schwindenden öffentlichen Interesses keine weiteren bemannten Mondflüge mehr folgen. Mehr als fünf Jahrzehnte später ist Schmitt zusammen mit Cernan bis heute der letzte Mensch, der Fußspuren im Mondstaub hinterlassen hat.

Vertreibung in 90 Tagen: Idi Amin lässt Ugandas asiatische Minderheit ausweisen

Idi Amin bei einem Staatsbesuch in Israel, Juli 1971 (Aufnahme aus dem Jahr vor der Vertreibung)
Idi Amin bei einem Staatsbesuch in Israel, Juli 1971 — Symbolfoto aus dem Jahr vor der Vertreibung (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Ugandas Militärdiktator Idi Amin verkündet am 4. August in einer Rede die Ausweisung der überwiegend indischstämmigen Minderheit des Landes — er beruft sich auf einen angeblichen Traum, in dem Gott ihm befohlen habe, die Wirtschaft „den Ugandern zurückzugeben". Betroffen sind zwischen 55.000 und 80.000 Menschen, deren Vorfahren zumeist während der britischen Kolonialzeit als Händler, Handwerker und Beamte ins Land gekommen waren und seither weite Teile von Handel und Gewerbe prägten; viele besitzen noch britische Pässe. Innerhalb von nur 90 Tagen sollen sie das Land verlassen, per Dekret vom 9. August und einem weiteren vom 25. Oktober wird die Vertreibung rechtlich abgesichert und mit Enteignungen der zurückgelassenen Geschäfte und Vermögen verbunden.

Rund 28.000 Vertriebene finden im Vereinigten Königreich Aufnahme, weitere Tausende gehen nach Kanada, Indien und in andere Staaten — eine der größten Flüchtlingsbewegungen des Jahres, die international scharf verurteilt wird. Für Uganda selbst wird die Austreibung zum wirtschaftlichen Bumerang: Ohne die Kaufleute und Fabrikanten bricht ein Großteil des privaten Handels und der Industrie zusammen, das Bruttoinlandsprodukt sinkt in den Folgejahren spürbar, viele der übereilt an Amins Günstlinge verteilten Betriebe verfallen binnen weniger Jahre.

Frieden von Shimla: Indien und Pakistan ziehen einen Schlussstrich nach dem Bangladesch-Krieg

Premierministerin Indira Gandhi in Neu-Delhi, Januar 1972 (Symbolfoto, nicht die Shimla-Verhandlungen selbst)
Premierministerin Indira Gandhi in Neu-Delhi, Januar 1972 — Symbolfoto, da kein Foto der Shimla-Verhandlungen selbst frei verfügbar ist (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Gut sieben Monate nach dem Krieg von 1971, aus dem mit Bangladesch ein neuer Staat auf dem indischen Subkontinent hervorgegangen war und in dessen Folge rund 90.000 pakistanische Soldaten in indische Kriegsgefangenschaft gerieten, unterzeichnen Indiens Premierministerin Indira Gandhi und Pakistans Präsident Zulfikar Ali Bhutto im nordindischen Bergstädtchen Shimla ein Friedensabkommen. Beide Seiten verpflichten sich, ihre Streitigkeiten — allen voran den Konflikt um Kaschmir — künftig ausschließlich bilateral und friedlich beizulegen, auf die Anwendung von Gewalt zu verzichten und die während des Krieges verschobene Waffenstillstandslinie in Kaschmir als neue, von beiden Seiten respektierte Grenze anzuerkennen.

Bhutto bringt dabei den bis heute gebräuchlichen Begriff „Line of Control" für diese Linie in die Verhandlungen ein, an die Stelle der alten „Ceasefire Line" tritt damit ein Name, der eine dauerhaftere Regelung suggerieren soll, ohne die Statusfrage Kaschmirs endgültig zu klären. Die Rückgabe der pakistanischen Kriegsgefangenen erfolgt erst in den Folgemonaten. Das Simla-Abkommen bildet fortan den völkerrechtlichen Rahmen der indisch-pakistanischen Beziehungen, kann einen erneuten Kaschmir-Konflikt langfristig jedoch nicht verhindern.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Am 30. Januar erschießen britische Fallschirmjäger in Derry, Nordirland, 13 unbewaffnete Demonstranten — der „Blutsonntag" heizt den nordirischen Bürgerkrieg weiter an.
  • Mit dem Radikalenerlass vom Januar beschließen Bund und Länder, die Verfassungstreue von Bewerbern für den öffentlichen Dienst zu überprüfen — eine bis in die achtziger Jahre umstrittene Praxis.
  • Sportlicher Trost fürs Revier: FC Schalke 04 gewinnt am 1. Juli das DFB-Pokalfinale in Hannover mit 5:0 gegen den 1. FC Kaiserslautern — der zweite Pokalsieg der Vereinsgeschichte und ein Lichtblick in einem sonst bitteren Fußballjahr für die Region.
  • Am 11. und 24. Mai erschüttern Bombenanschläge der Rote Armee Fraktion auf US-Militäreinrichtungen in Frankfurt und Heidelberg die Bundesrepublik — vier Tote und über ein Dutzend Verletzte markieren den blutigen Auftakt der sogenannten „Mai-Offensive".
  • In Reykjavík bezwingt der Amerikaner Bobby Fischer im vielbeachteten „Match des Jahrhunderts" den sowjetischen Titelverteidiger Boris Spasski und wird im September neuer Schachweltmeister — ein Politikum mitten im Kalten Krieg.
  • Auch das Ruhrgebiet spürt die Kohlekrise weiter: In Castrop-Rauxel legt die Kokerei der Zeche Victor 3/4 still — ein Vorbote der Zechenschließungen, die in den Folgejahren auch Ickern und Erin ereilen.

SPORT · 1972

Das Attentat von München, bereits auf der Titelseite gewürdigt, überschattet die gesamten Olympischen Sommerspiele (26. August – 11. September) — die sportlichen Wettkämpfe selbst treten dahinter fast zurück. Dennoch bleibt eine historische Bestmarke: Der US-Schwimmer Mark Spitz gewinnt sieben Goldmedaillen bei sieben Weltrekorden, so viele wie kein Athlet zuvor bei einem einzigen Olympia, während die sowjetische Turnerin Olga Korbut mit ihrer Ausstrahlung das Hallenpublikum erobert. Auch der bundesdeutsche Gastgeber feiert Erfolge: Die erst 16-jährige Ulrike Meyfarth gewinnt Hochsprung-Gold mit Weltrekord (1,92 m), Heide Rosendahl siegt im Weitsprung und mit der 4x100-Meter-Staffel, und der Franke Klaus Wolfermann wirft im Speerwurf mit 90,48 Metern Gold — nur zwei Zentimeter vor dem sowjetischen Titelverteidiger Janis Lusis. Für einen handfesten Eklat sorgt das Basketball-Finale, in dem die favorisierte US-Mannschaft nach umstrittenen letzten Sekunden gegen die Sowjetunion mit 50:51 ihre erste olympische Niederlage überhaupt kassiert. Bei den vorausgegangenen Winterspielen im japanischen Sapporo (3.–13. Februar) dominieren vor allem die nordischen und osteuropäischen Wintersportnationen — die Sowjetunion führt die Medaillenwertung an, während auch die DDR mit starken Ergebnissen in Rodeln und Eisschnelllauf ihren Aufstieg zur Wintersport-Großmacht fortsetzt, ein weiteres Kapitel im sportlichen Wettstreit der beiden deutschen Staaten.

MODE · 1972

Auf der Straße dominieren Plateauschuhe und Schlaghosen das Bild der jungen Generation — bequem-lässig und weit ausgestellt zugleich, während die knappen Hot Pants der Vorjahre allmählich aus der Mode geraten und langen Maxi-Mänteln sowie weiten Cordhosen weichen. Aus London schwappt mit David Bowies am 16. Juni veröffentlichtem Album „The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars" und seiner gleichnamigen Kunstfigur der Glam-Rock über den Kanal: Glitzer, androgyne Schnitte und schrille Farben inspirieren auch deutsche Boutiquen abseits der großen Szeneviertel. Unisex-Schnitte, weite Ärmel und auffällige Musterungen verwischen zunehmend die Grenze zwischen Damen- und Herrenmode, während Jeansstoff endgültig vom reinen Arbeitskleidungsmaterial zum Alltagsstandard für beide Geschlechter avanciert.

KULTUR · 1972

Fernab der Schlagzeilen von München bleibt die Westfalenhalle Dortmund für die Castrop-Rauxeler auch in diesem Jahr Schauplatz eines unbeschwerten Winterausflugs: Holiday on Ice gastiert in dieser Saison mit dem Programm „Rock", das mit Popmusik und schwungvoller Choreografie ganz im Zeitgeist des Glam-Jahrzehnts steht. Zehn Kilometer von zu Hause entfernt verwandelt sich die Halle einmal mehr in eine glitzernde Eisbühne. Für viele Familien im Revier ist der jährliche Besuch der Eisrevue längst eine liebgewonnene Winter-Tradition — unabhängig davon, was die große Politik gerade bewegt.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1972

  • VW Käfer wird meistgebautes Auto der Welt (17. Februar). Der 15.007.034ste Käfer läuft in Wolfsburg vom Band und überholt damit das Ford Model T — ein Symbol des deutschen Wirtschaftswunders erreicht Weltrekordniveau.
  • Literaturnobelpreis für Heinrich Böll. Der Kölner Schriftsteller wird als erster deutscher Nachkriegsautor mit dem Nobelpreis geehrt — der erste Literaturnobelpreis für die Bundesrepublik überhaupt.
  • Ruhrgebiet bekommt eine grüne Oase mitten in der Kohlekrise: Revierpark Nienhausen eröffnet (1972). Nahe Gelsenkirchen entsteht mit dem Freizeitpark des Siedlungsverbands Ruhrkohlenbezirk eine der ersten großen Grünanlagen für die Menschen im Revier — ein Hoffnungszeichen, während ringsum Zechen schließen.
  • Nobelpreis für Medizin entschlüsselt die Antikörper (Oktober 1972). Der US-Amerikaner Gerald Edelman und der Brite Rodney Porter werden für die Aufklärung der chemischen Struktur von Antikörpern geehrt — ein Grundstein der modernen Immunologie.

DAS WETTER · 1972 in Castrop-Rauxel

An diesem 13. Juli war es im Ruhrgebiet ein milder Sommertag: Höchstwert 21,6 °C, in der Nacht 10,6 °C, im Mittel 17,2 °C; kein Tropfen Regen fiel.

Das Jahr über: Im Mittel 9,3 °C. Wärmster Tag 32,6 °C am 19. Juli, kältester −11,9 °C am 18. Januar. 4 Hitzetage (≥ 30 °C), 8 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 770 mm.

(Messwerte der Station Essen, rund 30 km westlich von Castrop-Rauxel — nächstgelegene durchgehend messende Station im Ruhrgebiet; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1972

Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts (amtliche Charts ab 1959).

  1. Komm, Gib Mir Deine Hand — Tony Marshall
  2. One Way Wind — The Cats
  3. Es Fährt Ein Zug Nach Nirgendwo — Christian Anders
  4. Michaela — Bata Illic
  5. Let's Dance — The Cats
  6. Hello-A — Mouth & MacNeal
  7. Sacramento (A Wonderful Town) — Middle of the Road
  8. Schöne Maid — Tony Marshall
  9. Samson And Delilah — Middle of the Road
  10. Ich Hab' Die Liebe Geseh'n — Vicky Leandros
  11. Eine Neue Liebe Ist Wie Ein Neues Leben — Jürgen Marcus
  12. American Pie — Don McLean
  13. How Do You Do — Windows
  14. Beautiful Sunday — Daniel Boone
  15. Ich Fang' Für Euch Den Sonnenschein — Tony Marshall
  16. Poppa Joe — The Sweet
  17. School's Out — Alice Cooper
  18. Heart Of Gold — Neil Young
  19. Sylvia's Mother — Dr. Hook & The Medicine Show
  20. Little Willy — The Sweet

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (chartsurfer.de / offizielle Charts).