DER CHRONIST
Ein Jahr der Zäsuren: Der lange Krieg in Fernost endet mit dem Pariser Waffenstillstand auf dem Papier, während ein neuer Krieg im Nahen Osten die Energieversorgung des Westens auf den Kopf stellt und die erste Ölkrise der Nachkriegszeit auslöst. In Santiago fahren Panzer auf und stürzen den gewählten Präsidenten Chiles, während sich in Washington mit dem „Samstagnacht-Massaker" die Watergate-Affäre zuspitzt. Die Vereinten Nationen nehmen erstmals beide deutsche Staaten gleichberechtigt auf, die Europäische Gemeinschaft wächst um drei neue Mitglieder, und mit dem Ende von Bretton Woods beginnt das Zeitalter frei schwankender Wechselkurse. Im Weltraum kämpft die erste amerikanische Raumstation Skylab ums Überleben, in Sydney öffnet ein neues Wahrzeichen seine Türen — und im Ruhrgebiet geht mit der Zeche Ickern in Castrop-Rauxel eine Ära des Bergbaus zu Ende.
Waffenstillstand von Paris: Amerikas Krieg in Vietnam endet

Dem Abkommen gehen jahrelange, zunächst geheime Verhandlungen voraus: Seit 1968 sitzen Delegationen der USA und Nordvietnams in Paris zusammen, ab 1969 führt Sicherheitsberater Henry Kissinger parallel monatelange Geheimgespräche mit dem nordvietnamesischen Politbüromitglied Lê Đức Thọ. Um Hanoi Ende 1972 endgültig an den Verhandlungstisch zu zwingen, lässt Präsident Richard Nixon in der „Weihnachtsbombardierung" (Operation Linebacker II) tagelang schwere Luftangriffe auf Hanoi und Haiphong fliegen — erst danach kommt die Einigung zustande. Am 27. Januar 1973 unterzeichnen die USA, Nordvietnam, Südvietnam und die südvietnamesische Befreiungsfront in Paris — in zwei getrennten, aber inhaltsgleichen Dokumenten, weil Saigon die Vietcong-Delegation nicht als gleichberechtigte Vertragspartei anerkennen will — das „Abkommen über die Beendigung des Krieges und die Wiederherstellung des Friedens in Vietnam". Kissinger und Lê Đức Thọ werden dafür im Oktober 1973 mit dem Friedensnobelpreis geehrt; Lê Đức Thọ lehnt die Auszeichnung ab, solange in Vietnam kein wirklicher Frieden herrsche.
In der Operation „Homecoming" bringen zwischen dem 12. Februar und dem 29. März 1973 rund 54 US-Militärmaschinen 591 amerikanische Kriegsgefangene aus Hanoi heim — zuerst jene, die am längsten in Gefangenschaft gesessen hatten. Am 29. März verlässt der letzte amerikanische Soldat südvietnamesischen Boden. Der Friede bleibt brüchig — der Krieg zwischen Nord und Süd geht weiter und endet erst am 30. April 1975 mit dem Fall Saigons —, doch für die Vereinigten Staaten, die in fast einem Jahrzehnt rund 58.000 Gefallene zu beklagen hatten, ist die eigene militärische Beteiligung an diesem Tag offiziell beendet.
Zeche Ickern in Castrop-Rauxel fördert zum letzten Mal

Die Wurzeln der Zeche reichen bis 1871 zurück, als die Industriellen Friedrich Grillo und Ernst Waldthausen in Rauxel die Gewerkschaft Victor gründen und sich weitreichende Grubenfelder zwischen Rauxel, Ickern, Henrichenburg und Waltrop sichern. 1908 entsteht daraus, mehrheitlich in der Hand der Gewerkschaft Victor, die eigenständige Gewerkschaft Ickern; im selben Jahr beginnt das Abteufen von Schacht Ickern 1, das dank günstiger Gebirgsverhältnisse bereits 1912 die Förderung aufnehmen kann. Schacht 2, ab 1911 neben ihm geteuft, folgt 1914. Später, unter dem Namen Klöckner-Bergbau Victor-Ickern AG, kommen am südlichen Rand Waltrops noch die Schächte Ickern 3 (abgeteuft ab 1938, Förderung ab 1942) und Ickern 4 (1949–1951) hinzu.
Im Rahmen des Gesamtanpassungsplans für den seit der „Kohlekrise" von 1958 notleidenden Ruhrbergbau — dem 1969 unter Zusammenschluss fast aller Ruhrzechen die neu gegründete Ruhrkohle AG begegnen soll — fährt die Zeche Victor-Ickern am 30. September 1973 auf Ickern 1/2 und Victor 3/4 ihre letzte Förderschicht: Die Schächte Ickern 1 und 2 werden stillgelegt und in der Folge verfüllt. Die noch abbauwürdigen Kohlevorräte übernimmt die benachbarte Zeche Minister Achenbach in Lünen, die die Schächte Ickern 3 und 4 fortan als Außenanlage weiterbetreibt. Für die Bergarbeiterstadt an der Emscher, in der zeitweise fast 2.900 Beschäftigte unter Tage arbeiteten, markiert die Schließung einen weiteren Schritt im Strukturwandel, der den Steinkohlenbergbau im gesamten Ruhrgebiet in diesen Jahren erfasst — von bundesweit rund 146 Steinkohlenbergwerken im Jahr 1960 ist bis in die frühen Siebziger schon mehr als die Hälfte stillgelegt, die meisten davon im Revier an Ruhr und Emscher.
Militärputsch in Chile: Allende tot, Pinochet an der Macht

Vorausgegangen war ein dreijähriges Ringen um Chiles politischen Kurs: 1970 war Salvador Allende, Kandidat des Linksbündnisses Unidad Popular, mit einer relativen Mehrheit von 36,6 Prozent zum ersten frei gewählten sozialistischen Präsidenten der Welt geworden. Seine Regierung verstaatlicht unter anderem die Kupferminen des Landes — bis heute Chiles wichtigster Rohstoff — und gerät darüber in offenen Konflikt mit den USA. Washingtons Geheimdienst CIA gibt zwischen 1970 und dem Putsch nach eigenen später freigegebenen Unterlagen rund acht Millionen US-Dollar aus, um Allende zu destabilisieren, finanziert unter anderem die oppositionelle Zeitung El Mercurio und befeuert damit eine Wirtschaftskrise mit galoppierender Inflation und Versorgungsengpässen. Bei den Parlamentswahlen im März 1973 steigert die Unidad Popular ihren Stimmenanteil zwar auf 44 Prozent, doch verhindert dies nicht die Zuspitzung der Lage.
Am 11. September putscht das Militär gegen die Regierung. Während die Luftwaffe den Regierungspalast La Moneda bombardiert und Truppen das Gebäude stürmen, kommt Allende ums Leben. Eine Militärjunta unter General Augusto Pinochet übernimmt die Macht — allein am Putschtag werden mehr als 2.100 Menschen aus politischen Gründen verhaftet, viele von ihnen im Fußballstadion Estadio Nacional in Santiago, das zum improvisierten Gefangenenlager wird. Chiles Wahrheitskommissionen dokumentieren über die gesamte Dauer der Diktatur später rund 28.000 Fälle von Haft und Folter, mehr als 2.290 Ermordete und rund 1.200 bis heute Verschwundene. Erst nach einer 1988 verlorenen Volksabstimmung über seinen Verbleib im Amt tritt Pinochet 1990 die Macht an eine gewählte Regierung unter Patricio Aylwin ab; die Diktatur wird zum Fanal für den Kalten Krieg in Lateinamerika.
Beide deutsche Staaten werden Mitglied der Vereinten Nationen

Bis in die sechziger Jahre hatte die Bundesrepublik mit der sogenannten Hallstein-Doktrin jedem Staat den Abbruch der diplomatischen Beziehungen angedroht, der die DDR völkerrechtlich anerkennt — Ausdruck eines Alleinvertretungsanspruchs, der eine gemeinsame UNO-Mitgliedschaft beider deutscher Staaten lange unmöglich machte. Erst die „neue Ostpolitik" Bundeskanzler Willy Brandts — mit dem Moskauer Vertrag und dem Warschauer Vertrag 1970 sowie dem Viermächteabkommen über Berlin 1971 — ebnet den Weg zum Grundlagenvertrag, den Staatssekretär Egon Bahr und DDR-Staatssekretär Michael Kohl am 21. Dezember 1972 in Ost-Berlin unterzeichnen. Der bayerischen Staatsregierung, von Franz Josef Strauß gedrängt, geht der Vertrag zu weit: Sie zieht vor das Bundesverfassungsgericht, das den Vertrag am 31. Juli 1973 zwar für verfassungskonform erklärt, zugleich aber betont, dass die deutsche Staatsangehörigkeit für Bürger beider deutscher Staaten fortbesteht — eine Auslegung, die 1990 bei der Wiedervereinigung noch Bedeutung erlangen soll. Der Bundestag ratifiziert den Vertrag am 11. Mai 1973.
Auf dieser Grundlage nimmt die Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York am 18. September 1973 die Bundesrepublik Deutschland und die DDR als 133. und 134. Mitgliedstaat auf. Bundeskanzler Willy Brandt hält vor der Vollversammlung eine vielbeachtete Rede, in der er die Hoffnung auf die spätere Einheit Deutschlands betont, die Vereinten Nationen aber ausdrücklich nicht als „Klagemauer" für deutsche Anliegen missbrauchen will. Für die DDR spricht Außenminister Otto Winzer, der die Aufnahme als Höhepunkt der gleichberechtigten Teilnahme seines Staates am internationalen Leben würdigt. Zwei deutsche Staaten sitzen nun erstmals gleichberechtigt am Tisch der Weltgemeinschaft.
Ölkrise erreicht das Industrieland Nordrhein-Westfalen: Autofreie Sonntage

Nach dem Angriff Ägyptens und Syriens auf Israel am 6. Oktober (Jom-Kippur-Krieg) beschließt die Organisation arabischer Erdöl exportierender Länder (OAPEC) ab dem 17. Oktober, ihre Fördermenge gegenüber September stufenweise um bis zu 25 Prozent zu drosseln, und verhängt ein Lieferembargo gegen Staaten, die Israel unterstützen; noch im Oktober schnellt der Ölpreis um rund 70 Prozent nach oben, binnen weniger Monate steigt der Preis für ein Barrel Rohöl von rund drei auf bis zu zwölf US-Dollar — eine Vervierfachung. Allein für Erdöleinfuhren gibt die Bundesrepublik 1974 knapp 23 Milliarden DM aus, fast 153 Prozent mehr als im Vorjahr, während die Industrieproduktion um 7,6 Prozent einbricht — der erste spürbare Rückschlag nach zwei Jahrzehnten Wirtschaftswunder. Die Bundesregierung reagiert mit dem Energiesicherungsgesetz: Per Verordnung vom 19. November werden gleich vier autofreie Sonntage verhängt — der 25. November sowie der 2., 9. und 16. Dezember —, dazu ein Tempolimit von 100 km/h auf Autobahnen und 80 km/h auf Landstraßen.
Im dicht besiedelten, industrieschweren Nordrhein-Westfalen, wo an gewöhnlichen Sonntagen die Autobahnen zwischen Ruhrgebiet und Bergischem Land dröhnen, spazieren, radeln und rollschuhlaufen die Menschen an diesen Tagen mitten auf der Fahrbahn — ein ungewohntes, vielerorts fast heiteres Bild inmitten der ernsten Wirtschaftslage. Für die vom Zechensterben gebeutelte heimische Steinkohle wird die Krise zur unverhofften Atempause: Die Ruhrkohle AG kann Zechen wie Erin und Victor in Castrop-Rauxel, denen erst kurz zuvor die Stilllegung drohte oder die wie Ickern gerade schließen, plötzlich wieder als krisenfeste heimische Energiequelle präsentieren — ein Aufschub, der den langfristigen Rückzug aus dem Revier an der Emscher freilich nur verzögert, nicht aufhält.
Norderweiterung der Europäischen Gemeinschaften: Großbritannien, Irland und Dänemark treten bei

Nach jahrelangem Ringen um die Mitgliedschaft vollzieht sich zum Jahresbeginn die erste Erweiterung der Europäischen Gemeinschaften (EG) über die sechs Gründungsstaaten hinaus. Bereits 1963 und 1967 war der britische Beitrittsantrag am Veto des französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle gescheitert, der in London einen amerikanischen „trojanischen Esel" innerhalb der Gemeinschaft fürchtete; erst nach de Gaulles Rücktritt 1969 und der Haager Gipfelkonferenz desselben Jahres öffnet sein Nachfolger Georges Pompidou den Weg für neue Beitrittsverhandlungen. In Referenden stimmen die Wählerinnen und Wähler Irlands am 10. Mai 1972 und Dänemarks am 2. Oktober 1972 mit deutlicher Mehrheit für den EG-Beitritt; in Großbritannien entscheidet das Parlament unter Premierminister Edward Heath ohne Volksabstimmung. Norwegen dagegen, das ebenfalls verhandelt hatte, lehnt den Beitritt in einem Referendum im September 1972 knapp ab — aus Sorge um Fischereirechte und die eigene Wohlfahrtsstaatlichkeit — und bleibt der Gemeinschaft fern.
Zum 1. Januar 1973 treten das Vereinigte Königreich, Irland und Dänemark offiziell der EG bei, die damit von sechs auf neun Mitgliedstaaten wächst — die sogenannte „Norderweiterung". Für die Bundesrepublik, die zusammen mit Frankreich die Gemeinschaft bislang wirtschaftlich dominiert hatte, bedeutet der britische Beitritt einen politischen Gewinnzuwachs, zugleich aber auch neue Verhandlungsmasse etwa in der gemeinsamen Agrarpolitik, um die London fortan hart ringt. Der Schritt gilt als wichtigste Etappe der europäischen Integration seit den Römischen Verträgen von 1957.
US-Supreme-Court-Urteil „Roe v. Wade" liberalisiert das Abtreibungsrecht

Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten entscheidet in einem Grundsatzurteil mit sieben zu zwei Stimmen, dass die Verfassung Frauen ein aus dem Recht auf Privatsphäre abgeleitetes Recht auf Schwangerschaftsabbruch zubilligt. Ausgangspunkt ist die Klage der Texanerin Norma McCorvey, die unter dem Pseudonym „Jane Roe" gegen ein texanisches Gesetz vorgeht, das Abtreibungen außer bei Lebensgefahr für die Mutter vollständig verbietet; Beklagter ist der Bezirksstaatsanwalt von Dallas County, Henry Wade. Verfasser des Mehrheitsvotums ist Richter Harry Blackmun, der ein Trimester-Modell entwickelt: Im ersten Drittel der Schwangerschaft liegt die Entscheidung praktisch allein bei der Frau, im zweiten darf der Staat regulierend eingreifen, im dritten — sobald der Fötus außerhalb des Mutterleibs lebensfähig wäre — kann er Abtreibungen weitgehend untersagen.
Das Urteil kippt mit einem Schlag die Abtreibungsgesetze in fast allen 50 US-Bundesstaaten und macht den Schwangerschaftsabbruch, unter Auflagen, in den gesamten Vereinigten Staaten möglich. Es entfacht zugleich einen bis heute andauernden gesellschaftlichen Konflikt zwischen „Pro-Choice"- und „Pro-Life"-Bewegung, der die amerikanische Innenpolitik über Jahrzehnte prägt. Erst 49 Jahre später, im Juni 2022, hebt der nunmehr konservativ dominierte Supreme Court in der Entscheidung „Dobbs v. Jackson Women's Health Organization" das Urteil wieder auf und überlässt die Regelung des Abtreibungsrechts erneut den einzelnen Bundesstaaten.
Ende von Bretton Woods: Die Welt geht zu flexiblen Wechselkursen über

Seit der internationalen Währungskonferenz von Bretton Woods 1944 waren die Wechselkurse der wichtigsten Industriestaaten fest an den US-Dollar gekoppelt, der seinerseits mit 35 Dollar je Feinunze Gold hinterlegt war. Dieses System gerät bereits durch den „Nixon-Schock" vom August 1971 ins Wanken, als Präsident Richard Nixon die Goldeinlösepflicht des Dollars einseitig aufkündigt; ein letzter Rettungsversuch mit neu fixierten, aber weiterhin festen Leitkursen (Smithsonian-Abkommen) scheitert an anhaltenden Spekulationswellen gegen den Dollar. Im Februar und März 1973 bricht erneut eine schwere Dollarkrise aus: Zwischen dem 2. und 19. März bleiben die Devisenbörsen in weiten Teilen Westeuropas, darunter in der Bundesrepublik, tagelang geschlossen, weil Notenbanken die Kursstützung nicht mehr aufrechterhalten können.
Am 19. März 1973 geben die Zentralbanken der wichtigsten Industriestaaten die Verteidigung fester Wechselkurse endgültig auf; die Deutsche Bundesbank und ihre europäischen Partner lassen ihre Währungen fortan gemeinsam gegenüber dem Dollar „floaten", während sie untereinander im Europäischen Wechselkursverbund (der sogenannten „Währungsschlange") vorerst enger verbunden bleiben. Für die Bundesrepublik, deren D-Mark in der Folge deutlich aufwertet, verteuert dies Exporte, dämpft zugleich aber die importierte Inflation — ein Effekt, der wenige Monate später angesichts der Ölpreisexplosion an Bedeutung gewinnt. Das Ende von Bretton Woods markiert den Übergang zu einer Weltwirtschaftsordnung mit im Grundsatz frei schwankenden Wechselkursen, die bis heute fortbesteht.
Skylab: Die erste US-Raumstation startet – und muss im All repariert werden

Am 14. Mai 1973 bringt die letzte startende Saturn-V-Rakete die unbemannte Raumstation Skylab der amerikanischen Weltraumbehörde NASA ins All — umgebaut aus der dritten Stufe einer Mondrakete, bietet sie mit rund 350 Kubikmetern erstmals großzügigen Wohn- und Laborraum in der Erdumlaufbahn. Schon 63 Sekunden nach dem Start reißt der Luftwiderstand den Mikrometeoriten- und Hitzeschutzschild der Station ab; dabei wird eines der beiden großen Solarpaneele mitgerissen, ein zweites blockiert. Ohne den schützenden Schild heizt sich Skylab in der Sonne dramatisch auf, während zugleich die Stromversorgung durch das teilblockierte Solarpaneel gefährdet ist — der geplante Start der ersten Besatzung tags darauf muss um zehn Tage verschoben werden, während Ingenieure am Boden fieberhaft Reparaturlösungen entwickeln.
Am 25. Mai starten die Astronauten Pete Conrad, Paul Weitz und Joseph Kerwin an Bord einer Apollo-Kapsel zu Skylab und bringen die Station in mehreren Weltraumausstiegen mit einem behelfsmäßigen Sonnensegel-Schirm und dem manuellen Lösen des blockierten Paneels wieder in einen sicheren Betriebszustand — eine der spektakulärsten Reparaturaktionen der bemannten Raumfahrt. Bis Februar 1974 bewohnen insgesamt drei Besatzungen die Station, zuletzt 84 Tage am Stück, und liefern wichtige Erkenntnisse über die Langzeitwirkung der Schwerelosigkeit auf den menschlichen Körper sowie umfangreiche Sonnenbeobachtungen — Grundlagenarbeit für alle späteren Raumstationen bis zur ISS.
Jom-Kippur-Krieg erschüttert den Nahen Osten

Am höchsten jüdischen Feiertag, dem Versöhnungstag Jom Kippur, greifen Ägypten unter Präsident Anwar as-Sadat und Syrien unter Präsident Hafiz al-Assad am 6. Oktober 1973 mit einem koordinierten Überraschungsangriff Israel an, um die seit dem Sechstagekrieg von 1967 besetzten Gebiete — die Sinai-Halbinsel und die Golanhöhen — zurückzuerobern. Die israelische Armee gerät zunächst in schwere Bedrängnis, wehrt die Angriffe aber, unterstützt durch eine massive amerikanische Luftbrücke mit Waffen- und Munitionslieferungen, in den folgenden Tagen ab und rückt bald bis auf rund 100 Kilometer an Kairo sowie auf etwa 40 Kilometer an Damaskus heran. Auf sowjetischer Seite fließen parallel Waffenlieferungen an Ägypten und Syrien, sodass sich der Konflikt zu einem gefährlichen Stellvertreterkrieg der Supermächte im Kalten Krieg zuspitzt. Erst eine vom UN-Sicherheitsrat vermittelte Waffenruhe beendet die Kämpfe am 25. Oktober.
Als Reaktion auf die amerikanische Israel-Unterstützung verhängen die arabischen Erdölförderstaaten (OAPEC) noch während des Krieges ein Ölembargo gegen die USA und weitere westliche Staaten und drosseln ihre Fördermenge — der Ölpreis vervielfacht sich binnen weniger Wochen und stürzt die Industrieländer, auch die Bundesrepublik, in die erste Ölkrise der Nachkriegszeit. Der Jom-Kippur-Krieg markiert damit nicht nur einen weiteren blutigen Höhepunkt im arabisch-israelischen Konflikt mit mehreren Tausend Toten auf beiden Seiten, sondern zugleich den unmittelbaren Auslöser für die Energiekrise, die noch im selben Herbst auch die Autobahnen des Ruhrgebiets an autofreien Sonntagen verstummen lässt.
„Samstagnacht-Massaker": Watergate-Affäre eskaliert

Im Zuge der Ermittlungen zum Einbruch ins Hauptquartier der Demokratischen Partei im Watergate-Gebäude 1972 fordert der von Präsident Richard Nixon selbst eingesetzte Sonderermittler Archibald Cox die Herausgabe geheimer Tonbandaufnahmen aus dem Oval Office, die Nixons Verwicklung in die Vertuschung belegen könnten. Als Cox sich weigert, seine Forderung auf Weisung des Weißen Hauses fallenzulassen, ordnet Nixon am Abend des 20. Oktober 1973 seine Entlassung an. Justizminister Elliot Richardson verweigert die Ausführung des Befehls und tritt zurück; sein Stellvertreter, William Ruckelshaus, verweigert sie ebenfalls und wird daraufhin entlassen. Erst der dritthöchste Justizbeamte, Solicitor General Robert Bork, vollzieht schließlich Cox' Entlassung — binnen weniger Stunden verliert das Justizministerium damit seine beiden obersten Amtsträger, und das FBI riegelt auf Nixons Anweisung das Büro des Sonderermittlers ab.
Der als „Saturday Night Massacre" bekannt gewordene Vorgang löst einen Sturm der Entrüstung aus: Zeitungen und Kongressabgeordnete sprechen erstmals offen von einem drohenden Amtsenthebungsverfahren, und in Umfragen spricht sich fortan erstmals eine Mehrheit der Amerikaner für eine Absetzung Nixons aus. Unter dem öffentlichen Druck muss das Weiße Haus binnen weniger Tage einen neuen Sonderermittler, Leon Jaworski, einsetzen und schließlich doch Tonbandaufnahmen herausrücken. Der Vorfall gilt rückblickend als Wendepunkt der Watergate-Affäre, die knapp zehn Monate später, im August 1974, mit Nixons Rücktritt endet.
Opernhaus von Sydney feierlich eröffnet

Nach vierzehn Jahren Bauzeit und Kosten von umgerechnet rund 102 Millionen australischen Dollar — dem Vierzehnfachen der ursprünglichen Schätzung — eröffnet Königin Elisabeth II. am 20. Oktober 1973 vor rund einer Million Zuschauern am Hafen von Sydney das Opernhaus von Sydney mit seinen charakteristischen, muschelartigen Betonschalen-Dächern. Entworfen hatte den Bau der dänische Architekt Jørn Utzon, der 1957 einen internationalen Wettbewerb gewonnen hatte, das Projekt jedoch 1966 nach jahrelangem Streit mit der Regierung des australischen Bundesstaates New South Wales über Kosten und Bauverzögerungen im Zorn verließ; die Fertigstellung des Innenausbaus übernahm danach der australische Architekt Peter Hall. Utzon selbst nimmt an der Eröffnungsfeier nicht teil und betritt sein Lebenswerk nie mehr.
Die Feierlichkeiten umfassen einen Hubschrauber-Überflug, Marschkapellen, einen Festumzug in Nationaltrachten sowie am Abend eine Aufführung von Beethovens Neunter Sinfonie, gefolgt von einem großen Feuerwerk über dem Hafen. Das aus über einer Million einzelner, glänzend-weißer Fliesen bestehende Schalendach wird rasch zum international bekanntesten Wahrzeichen Australiens und gilt heute als eines der bedeutendsten Bauwerke des 20. Jahrhunderts; die UNESCO nimmt es 2007 in die Liste des Weltkulturerbes auf. Für Utzon selbst kommt eine späte Genugtuung: 1999 beauftragt ihn die australische Regierung erneut, diesmal mit Planungsrichtlinien für künftige Umbauten am eigenen Meisterwerk.
AM RANDE NOTIERT
- Am 23. November verhängt die Bundesregierung unter Arbeitsminister Walter Arendt angesichts der Ölkrise und drohender Rezession den Anwerbestopp für ausländische Arbeitskräfte — das Ende der klassischen „Gastarbeiter"-Anwerbung, auch für die Zechen und Stahlbetriebe im Ruhrgebiet, deren Belegschaften seit den sechziger Jahren maßgeblich aus Süd- und Südosteuropa stammen.
- Das erste Ölpreis-Schock-Jahr lässt an den Zapfsäulen der Bundesrepublik erstmals seit dem Krieg wieder Warteschlangen entstehen.
- Die Ölkrise verschafft der heimischen Steinkohle noch einmal Auftrieb: Zechen wie Erin und Victor in Castrop-Rauxel gelten trotz des längst eingeleiteten Zechensterbens vorübergehend wieder als krisenfeste Energiequelle für die Bundesrepublik.
- Bei Volkswagen in Wolfsburg startet im Mai die Produktion des neuen Passat – des ersten Modells der Marke mit Frontantrieb und quer eingebautem Motor, das den technischen Neuanfang nach dem Käfer einläutet.
SPORT · 1973
Im europäischen Vereinsfußball kündigt sich die Ära des FC Bayern München an: Mit Spielern wie Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Nationaltorwart Sepp Maier sichert sich der Klub souverän, von der ersten bis zur letzten Spielminute an der Tabellenspitze stehend, die deutsche Meisterschaft der Saison 1972/73 — Torjäger Gerd Müller verteidigt mit 36 Treffern zugleich seinen Titel als Torschützenkönig. Der Klub legt damit das Fundament für die Dominanz im Europapokal der Landesmeister, die in den kommenden Jahren Titel um Titel bringen wird; 1973 hält allerdings noch der niederländische Serienmeister Ajax Amsterdam den Pokal, der im Finale von Belgrad am 30. Mai vor rund 89.000 Zuschauern Juventus Turin mit 1:0 bezwingt — ein früher Treffer von Johnny Rep entscheidet die Partie. Im deutschen Pokalfinale setzt sich Borussia Mönchengladbach mit 2:1 nach Verlängerung gegen den 1. FC Köln durch, den Siegtreffer erzielt Mittelfeldregisseur Günter Netzer — ein Vorspiel für den Wechsel des Nationalspielers zu Real Madrid. Auch Regisseure wie Wolfgang Overath (1. FC Köln) prägen in dieser Saison den deutschen Vereinsfußball auf höchstem Niveau.
MODE · 1973
In Paris etabliert sich der japanische Designer Kenzo mit fröhlich gemusterten Layering-Looks — mehrere Lagen unterschiedlicher Stoffe und Muster übereinander, ein Kontrapunkt zur strengen Konfektionsmode der Nachkriegsjahrzehnte. Auch auf der Straße dominiert 1973 ein unübersehbares Erbe der Jugendbewegung der späten sechziger Jahre: die weit ausgestellte Schlaghose, oben eng anliegend und ab dem Knie trichterförmig ausgestellt, kombiniert mit Plateauschuhen auf oft mehreren Zentimetern Kork- oder Bastsohle. Dazu tragen Frauen Glockenröcke und -kleider, während der Maxirock als bewusster Gegenentwurf zum Minirock der sechziger Jahre weiter an Boden gewinnt. Gleichzeitig blickt die Mode zurück: Weich fließende Silhouetten im Stil der dreißiger Jahre erleben ein Retro-Comeback.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1973
- Chemie-Nobelpreis für Ernst Otto Fischer. Der Chemiker der TU München wird gemeinsam mit Geoffrey Wilkinson für Pionierarbeiten zur metallorganischen „Sandwich"-Chemie geehrt.
- Deutsche Erstausstrahlung der „Sesamstraße" (8. Januar). Die Bundesrepublik ist das erste Land außerhalb der USA, das die Kindersendung ausstrahlt — der Beginn eines bis heute prägenden deutschen Kinderfernsehformats.
- Medizin-Nobelpreis für die Verhaltensforschung. Karl von Frisch, Konrad Lorenz und Nikolaas Tinbergen werden für ihre bahnbrechenden Studien zum Instinkt- und Sozialverhalten von Tieren mit dem Nobelpreis für Physiologie oder Medizin geehrt (10. Dezember 1973).
- Ruhrfestspiele Recklinghausen bringen große Bühnenkunst ins Revier. Unter Intendant Karl Heinz Hagin zieht das traditionsreiche Theaterfestival, nur wenige Kilometer von Castrop-Rauxel entfernt, auch 1973 wieder Zehntausende Besucher aus dem ganzen Ruhrgebiet an (Mai/Juni 1973).
DAS WETTER · 1973 in Castrop-Rauxel
An diesem 13. Juli war es im Ruhrgebiet ein kühler Sommertag: Höchstwert 19,1 °C, in der Nacht 13,0 °C, im Mittel 16,2 °C; kein Tropfen Regen fiel.
Das Jahr über: Im Mittel 9,7 °C. Wärmster Tag 31,4 °C am 5. Juli, kältester −11,1 °C am 2. Dezember. 4 Hitzetage (≥ 30 °C), 2 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 650 mm.
(Messwerte der Station Essen, rund 30 km westlich von Castrop-Rauxel — nächstgelegene durchgehend messende Station im Ruhrgebiet; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1973
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts (amtliche Charts ab 1959).
- Goodbye, My Love, Goodbye — Demis Roussos
- Flying Through The Air — Oliver Onions
- Der Junge Mit Der Mundharmonika — Bernd Clüver
- Get Down — Gilbert O'Sullivan
- Dreams Are Ten A Penny — Kincade
- The Free Electric Band — Albert Hammond
- Bianca — Freddy Breck
- Can The Can — Suzi Quatro
- Mama Loo — Les Humphries Singers
- Rote Rosen — Freddy Breck
- One & One Is One — Medicine Head
- Wenn Ein Schiff Vorüberfährt — Julio Iglesias
- Whisky In The Jar — Thin Lizzy
- Immer Wieder Sonntags — Cindy & Bert
- Der Stern Von Mykonos — Katja Ebstein
- Crazy Horses — The Osmonds
- Die Bouzouki Klang Durch Die Sommernacht — Vicky Leandros
- Rock Me Baby — David Cassidy
- ... Und In Der Heimat — Tony Marshall
- Block Buster! — The Sweet
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (chartsurfer.de / offizielle Charts).