DER CHRONIST
Ein Jahr der Erschütterungen und der Erlösung: Ein Bundeskanzler stürzt über einen Spion, ein amerikanischer Präsident über ein Tonband, eine Diktatur über ein Radiolied — und eine ganze Nation feiert mitten in der Krise den größten Titel ihrer Fußballgeschichte. Auch anderswo gerät die alte Ordnung ins Wanken: In Addis Abeba endet eine Jahrtausende alte Monarchie, Indien zündet seine erste Atombombe, und ein schwedisches Quartett in Glitzerkostümen besingt in Brighton unversehens den Beginn einer der größten Popkarrieren überhaupt. Während chinesische Bauern beim Brunnenbau auf eine ganze unterirdische Tonarmee stoßen und Forscher in Äthiopien mit „Lucy" einem Vormenschen ein Gesicht geben, bleibt der Sommer doch vor allem einer: der Sommer des eigenen Weltmeistertitels, gefeiert unweit der heimischen Zechen.
Weltmeister im eigenen Land: Das Finale von München

Vor 75.200 Zuschauern im Olympiastadion München besiegt die deutsche Nationalmannschaft die favorisierten Niederlande um Johan Cruyff mit 2:1 und wird zum zweiten Mal nach 1954 Fußball-Weltmeister. Johan Neeskens verwandelt bereits in der zweiten Minute einen Foulelfmeter, Paul Breitner gleicht per Strafstoß aus, ehe Gerd Müller in der 43. Minute den entscheidenden Treffer erzielt. Schiedsrichter des Endspiels ist der Engländer Jack Taylor, Kapitän der deutschen Elf Franz Beckenbauer, verantwortlicher Bundestrainer Helmut Schön.
Der Weg ins Finale führt über zwei Gruppenrunden: In der Vorrunde gewinnt die DFB-Elf in Berlin gegen Chile (1:0) und in Hamburg gegen Australien (3:0), ehe sie am 22. Juni ausgerechnet gegen die DDR mit 0:1 verliert — Jürgen Sparwassers Tor in Hamburg bleibt das einzige Länderspiel der deutsch-deutschen Fußballgeschichte und beschert der Bundesrepublik überraschend Platz zwei der Gruppe. In der Finalrunde, komplett im Düsseldorfer Rheinstadion ausgetragen, folgen Siege gegen Jugoslawien (2:0), Schweden (4:2) und, in der als „Wasserschlacht von Frankfurt" in die Annalen eingegangenen strömenden Regenpartie, gegen Polen (1:0) — Titelverteidiger und Mitfavorit auf dem Weg zum Gruppensieg. Insgesamt nehmen 16 Nationen an der von der FIFA erstmals mit zwei Finalrunden-Gruppen statt einem klassischen K.-o.-System ausgetragenen Endrunde teil; Torschützenkönig wird mit sieben Treffern der Pole Grzegorz Lato, dessen Mannschaft im kleinen Finale von München Brasilien 1:0 bezwingt und Dritter wird.
Zwei Spielorte der Endrunde liegen dem eigenen Ruhrgebiet besonders nah und erleben prominenten Besuch: Im Parkstadion Gelsenkirchen, mit rund 70.600 Plätzen Austragungsort von gleich fünf WM-Partien, spielen die Niederländer gleich zweimal ihrer Finalrunde — 4:0 gegen Argentinien und 2:0 gegen die DDR — ehe im eigens für das Turnier neu errichteten Westfalenstadion Dortmund am 3. Juli mit dem 2:0 der Elftal gegen Brasilien die Vorentscheidung über den zweiten Finalisten fällt. Tagelang rollt damit der Ball der großen Welt durch die Nachbarschaft von Castrop-Rauxel.
Neue Arena vor der Haustür: Das Westfalenstadion eröffnet — 2. April 1974: Rechtzeitig zur Weltmeisterschaft nimmt Borussia Dortmund sein neues, fensterloses Rund mit Platz für rund 54.000 Zuschauer in Betrieb — eröffnet mit einem Benefizspiel gegen den Revierrivalen Schalke 04, dem tags zuvor symbolisch ein Frauenspiel zwischen TBV Mengede und dem VfB Waltrop (1:2) vorausgeht. Neben der Partie Niederlande gegen Brasilien sieht das neue Rund während der Endrunde drei weitere Vorrundenbegegnungen, unter anderem Schottland gegen Zaire sowie zwei weitere Spiele der Elftal — die Dortmunder werden damit zur heimlichen niederländischen Wohlfühladresse des Turniers. Für die Fußballfans im nahen Castrop-Rauxel rücken damit gleich zwei WM-Schauplätze, das Westfalenstadion und das Parkstadion, in unmittelbare Nachbarschaft.
Kanzlerwechsel in Bonn: Brandt tritt zurück, Schmidt übernimmt

Der Fall reicht weit zurück: Bereits 1956 waren Günter Guillaume und seine Frau Christel als vermeintliche Flüchtlinge aus der DDR in die Bundesrepublik gekommen — tatsächlich von der Stasi als Agenten geschult und eingeschleust. Guillaume arbeitet sich in der SPD nach oben, wird 1970 Referent im Bundeskanzleramt und 1972 schließlich persönlicher Referent Willy Brandts für Parteiangelegenheiten. Schon im Mai 1973 erkennt der Verfassungsschutz in dem gesuchten Ost-Agenten „G." den Kanzler-Vertrauten, lässt ihn aber zunächst im Amt, um Beweise zu sammeln — mit der Folge, dass Guillaume seinen Chef im Sommer 1973 sogar auf dessen Norwegen-Urlaub begleitet und dort Zugang zu Geheimpapieren erhält. Erst am 24. April 1974 wird er in Bad Godesberg verhaftet und gesteht sich noch am selben Tag als Offizier der DDR-Aufklärung.
Die Guillaume-Affäre trifft einen bereits angeschlagenen Kanzler: Brandts Zustimmungswerte sind von rund 72 Prozent im Herbst 1972 auf etwa 35 Prozent zu Jahresbeginn 1974 gefallen, belastet von der Ölpreiskrise nach dem Jom-Kippur-Krieg, Streiks und einer SPD-Wahlniederlage in Hamburg. Nach einem Vier-Augen-Gespräch mit Fraktionschef Herbert Wehner erklärt Brandt am 6. Mai gegenüber Bundespräsident Gustav Heinemann, er übernehme „die politische Verantwortung für Fahrlässigkeiten im Zusammenhang mit der Agentenaffäre Guillaume", und tritt als Bundeskanzler zurück. Am 16. Mai wählt der Bundestag mit 267 von 492 Stimmen den bisherigen Finanzminister Helmut Schmidt zu seinem Nachfolger; Hans-Dietrich Genscher übernimmt als neuer Außenminister und Vizekanzler den Posten des zum Bundespräsidenten aufgerückten Walter Scheel. Der pragmatische Hanseat Schmidt läutet einen Führungsstil der „Sachlichkeit" ein, der die Bundesrepublik durch die folgenden Krisenjahre der Ölpreiskrise und des Terrorismus steuern soll. Guillaume und seine Frau werden 1975 wegen Landesverrats zu 13 beziehungsweise acht Jahren Haft verurteilt.
Nixon tritt zurück: Das Ende der Watergate-Affäre

Der Skandal beginnt in der Nacht zum 17. Juni 1972, als ein Wachmann im Watergate-Bürokomplex in Washington fünf Einbrecher auf frischer Tat ertappt, die im dortigen Hauptquartier der Demokratischen Partei Abhörtechnik installieren wollen. Die Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein von der „Washington Post" rollen mit Hilfe eines später als Vize-FBI-Chef Mark Felt identifizierten Informanten namens „Deep Throat" nach und nach eine Vertuschungskampagne bis ins Weiße Haus auf. Der ab Mai 1973 tagende, live im Fernsehen übertragene Watergate-Ausschuss des Senats unter Sam Ervin bringt im Juli 1973 die entscheidende Enthüllung: Ein geheimes Tonbandsystem im Oval Office hat sämtliche Gespräche Nixons mitgeschnitten. Als Nixon die Herausgabe der Bänder verweigert und im sogenannten „Saturday Night Massacre" am 20. Oktober 1973 den Sonderermittler Archibald Cox entlassen lässt — woraufhin Justizminister Elliot Richardson und sein Stellvertreter aus Protest zurücktreten —, schlägt die öffentliche Empörung hohe Wellen.
Im Juli 1974 zwingt der Oberste Gerichtshof Nixon einstimmig zur Herausgabe der Bänder, während das Justizausschuss des Repräsentantenhauses am 27. Juli den ersten von drei Amtsenthebungsartikeln beschließt. Anfang August wird das „Smoking Gun"-Tonband vom 23. Juni 1972 öffentlich, auf dem Nixon selbst die Vertuschung des Einbruchs anordnet — damit verliert er den Rückhalt selbst führender Republikaner. Nach der Veröffentlichung dieser belastenden Mitschnitte und einem drohenden Amtsenthebungsverfahren gibt Richard Nixon am Abend des 8. August in einer Fernsehansprache seinen Rücktritt bekannt — wirksam zum 9. August, 12 Uhr mittags. Er ist damit der erste und bislang einzige Präsident der Vereinigten Staaten, der sein Amt vorzeitig niederlegt. Nachfolger Gerald Ford, zuvor selbst nie zum Vizepräsidenten gewählt, spricht von einem Ende des „langen nationalen Albtraums" und begnadigt Nixon bereits am 8. September umfassend für alle im Amt möglicherweise begangenen Straftaten, was in den USA eine heftige Kontroverse auslöst.
Nelkenrevolution: Portugals Diktatur bricht zusammen

Seit 1933 regiert in Portugal das autoritäre „Estado Novo" — zunächst unter António de Oliveira Salazar, seit 1968 unter dessen Nachfolger Marcelo Caetano —, gestützt auf Kirche, Großgrundbesitzer und Militär und ohne demokratische Opposition. Seit 1961 muss die portugiesische Armee in den afrikanischen Kolonien Angola, Mosambik und Guinea-Bissau blutige und verlustreiche Unabhängigkeitskriege führen, die das Land verarmen lassen und im Offizierskorps wachsenden Widerstand hervorrufen: Aus diesem Unmut entsteht die konspirative Bewegung der Streitkräfte (MFA), der sich auch General António de Spínola annähert, dessen im Februar 1974 erschienenes Buch „Portugal e o Futuro" eine politische statt militärische Lösung der Kolonialfrage fordert und ihn zur Symbolfigur der Umstürzler macht.
In den Abendstunden des 24. April gibt der Sender „Emissores Associados de Lisboa" mit dem portugiesischen Eurovisions-Beitrag „E Depois do Adeus" das erste, um 00:20 Uhr dann „Rádio Clube Português" mit dem zuvor verbotenen, von José „Zeca" Afonso komponierten Lied „Grândola, Vila Morena" das zweite Signal zum Beginn des Putsches der MFA in Lissabon. Junge Offiziere besetzen binnen weniger Stunden Rundfunkstationen, Flughafen und Regierungsgebäude; Caetano flüchtet in die Kaserne am Largo do Carmo und ergibt sich schließlich Spínola, der die vorläufige Macht als Chef einer „Junta de Salvação Nacional" übernimmt. Die seit 1933 herrschende Diktatur bricht binnen knapp 18 Stunden weitgehend unblutig zusammen — nur vor dem Hauptquartier der Geheimpolizei DGS schießt diese noch auf die jubelnde Menge, vier Menschen sterben, es sind die einzigen Todesopfer des Tages. Frauen stecken den Soldaten rote Nelken in die Gewehrläufe, die der Revolution ihren Namen geben. Der Umsturz leitet den Übergang zur Demokratie ein: 1975 entlässt Portugal als letzte europäische Kolonialmacht seine afrikanischen Besitzungen in die Unabhängigkeit, 1976 tritt unter Ministerpräsident Mário Soares eine neue demokratische Verfassung in Kraft — und der Umsturz markiert zugleich den Auftakt einer Demokratisierungswelle in Südeuropa, der binnen Jahresfrist auch Griechenland und 1975 Spanien folgen.
Scheel ins Schloss Bellevue, die Union erobert die Länder

In der Bonner Beethovenhalle wählt die 6. Bundesversammlung den amtierenden Außenminister und FDP-Vorsitzenden Walter Scheel mit 530 gegen 498 Stimmen gegen seinen Herausforderer Richard von Weizsäcker (CDU) zum vierten Bundespräsidenten der Bundesrepublik. Scheel, seit 1969 als Außenminister und Vizekanzler an der Seite Willy Brandts einer der Architekten der Ost- und Entspannungspolitik gegenüber der Sowjetunion, Polen und der DDR, gilt als Wunschkandidat der sozial-liberalen Koalition und setzt sich in einer knappen, geheimen Abstimmung gegen den CDU-Bewerber durch. Sein Amt tritt er am 1. Juli an — mitten in den Feierlichkeiten um den frisch errungenen Weltmeistertitel und nur wenige Wochen, nachdem er sein Außenamt an seinen Parteifreund und Nachfolger als FDP-Chef, Hans-Dietrich Genscher, übergeben hat, der fortan auch das Amt des Vizekanzlers unter dem neuen Bundeskanzler Helmut Schmidt bekleidet.
Was sich in Bonn an der Spitze der Republik ändert, zeichnet sich im Laufe des Jahres auch in den Ländern ab: Belastet von Ölpreisschock, Teuerung und der Erschütterung durch die Guillaume-Affäre, verliert die SPD in den Landtagswahlen des Jahres durchweg an Boden. Am eindrücklichsten fällt der Umschwung am 27. Oktober in Bayern aus, wo die CSU unter Ministerpräsident Alfons Goppel mit 62,1 Prozent der Stimmen ihr bis dahin bestes Ergebnis überhaupt einfährt, während die SPD auf 30,2 Prozent abstürzt; die Wahlbeteiligung liegt bei 77,7 Prozent.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Hamburg, 3. März — SPD 45,0 %, CDU 40,6 %. Die SPD verliert erstmals seit 1957 ihre absolute Mehrheit und regiert fortan in Koalition mit der FDP weiter.
- Niedersachsen, 9. Juni — CDU 48,8 %, SPD 43,1 % (Beteiligung 84,4 %). Die CDU wird erstmals stärkste Kraft im Land, doch die sozialliberale Koalition unter Ministerpräsident Alfred Kubel bleibt im Amt.
- Hessen, 27. Oktober — CDU 47,3 %, SPD 43,2 % (Beteiligung 84,8 %). Auch hier zieht die CDU erstmals an der SPD vorbei, ohne sie ablösen zu können: Die sozialliberale Regierung unter Ministerpräsident Albert Osswald wird fortgesetzt.
Bauern entdecken die Terrakotta-Armee bei Xi'an

Bei Brunnenarbeiten im Dorf Xiyang unweit der chinesischen Stadt Xi'an stoßen die Bauern Yang Zhifa und seine Brüder in rund vier Metern Tiefe zunächst auf hartgebrannte Tonscherben und Bronzepfeilspitzen, dann auf eine lebensgroße, kopflose Kriegerfigur aus gebranntem Ton. Was zunächst wie ein Zufallsfund wirkt, entpuppt sich nach dem Eintreffen chinesischer Archäologen als Rand einer gigantischen unterirdischen Anlage: Über tausend, am Ende schätzungsweise rund 8.000 lebensgroße Terrakotta-Krieger, dazu Pferde und Streitwagen, stehen in Schlachtordnung aufgereiht, jeder mit individuell gestalteten Gesichtszügen.
Die Armee bewacht das gewaltige, bis heute nur teilweise erschlossene Mausoleum des ersten chinesischen Kaisers Qin Shihuangdi, der im 3. Jahrhundert vor Christus die chinesischen Teilreiche erstmals unter einer Krone vereinte. An die Weltöffentlichkeit dringt der Fund erst im Folgejahr, doch schon 1974 beginnen chinesische Archäologen mit der systematischen Freilegung, die bis heute andauert und die Terrakotta-Armee zu einem der bedeutendsten archäologischen Funde des 20. Jahrhunderts macht.
ABBA gewinnt den Grand Prix mit „Waterloo"

Im „The Dome" von Brighton an der englischen Südküste gewinnt die schwedische Gruppe ABBA — Agnetha Fältskog, Björn Ulvaeus, Benny Andersson und Anni-Frid Lyngstad — mit dem von Andersson und Ulvaeus komponierten, in schillernden Glitzerkostümen vorgetragenen Titel „Waterloo" den Grand Prix Eurovision de la Chanson. Mit 24 Punkten setzt sich das Quartett deutlich vor der Italienerin Gigliola Cinquetti durch, die mit „Si" auf Platz zwei landet — es ist Schwedens erster Sieg beim Wettbewerb.
Der Erfolg wird zum Sprungbrett für eine der erfolgreichsten Popkarrieren der Musikgeschichte: „Waterloo" erobert binnen Wochen in mehr als fünfzig Ländern die Hitparaden, wird auch in Deutschland zum Nummer-eins-Hit und macht ABBA über Skandinavien hinaus schlagartig international bekannt — der Auftakt zu einer Karriere, die die Band in den folgenden Jahren zu einem der meistverkauften Pop-Acts überhaupt werden lässt.
Indien wird Atommacht: Der „Lächelnde Buddha"

Um 8:05 Uhr Ortszeit zündet Indien in der Wüste von Pokhran im Bundesstaat Rajasthan seinen ersten Kernwaffentest — Tarnname „Operation Smiling Buddha" (Lächelnder Buddha), benannt nach dem buddhistischen Feiertag, auf den die Explosion fällt. Der unterirdisch gezündete, allein von indischen Wissenschaftlern unter Leitung von Raja Ramanna am Bhabha Atomic Research Centre entwickelte Plutoniumsprengsatz erzielt eine Sprengkraft von rund acht Kilotonnen. Die Regierung unter Premierministerin Indira Gandhi bezeichnet den Test offiziell als „friedliche nukleare Explosion" zu zivilen Zwecken.
International sorgt er dennoch für erhebliche Beunruhigung: Indien wird als erster Staat außerhalb der fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats zur Atommacht und verschärft das angespannte Verhältnis zum Nachbarn Pakistan, der in der Folge sein eigenes Atomwaffenprogramm vorantreibt. Die USA und Kanada reagieren mit verschärften Kontrollen für den Export ziviler Nukleartechnologie nach Indien.
Kaiser Haile Selassie gestürzt: Äthiopiens Monarchie endet

Eine Militärjunta unter dem Namen Derg (äthiopisch für „Rat" oder „Komitee") setzt in Addis Abeba den 82-jährigen Kaiser Haile Selassie ab und beendet damit die jahrhundertealte äthiopische Monarchie. Vorausgegangen ist eine monatelange, seit einem Militärputsch im Juli zunehmend offene Entmachtung: Ausgelöst durch eine Benzinpreiserhöhung im Februar, entlädt sich seit Jahresbeginn Unmut von Soldaten, Lehrern und Studenten in Streiks und Meutereien, während im Land, insbesondere in der Provinz Wollo, eine verheerende Hungersnot wütet, auf die der Kaiserhof nur zögerlich reagiert.
Der bald von General Mengistu Haile Mariam dominierte Derg lässt Haile Selassie im Palast unter Hausarrest stellen; er stirbt im August 1975 unter bis heute ungeklärten Umständen. Die von den Militärs zunächst angekündigte Reform mündet stattdessen in eine marxistisch-leninistische Diktatur, die während des „Roten Terrors" Hunderttausende Gegner verfolgen lässt und Äthiopien bis 1991 regiert.
„Lucy": Der Fund eines Vormenschen-Skeletts in Äthiopien

In der Region Hadar im äthiopischen Afar-Dreieck entdecken der amerikanische Paläoanthropologe Donald Johanson und sein Assistent Tom Gray bei einer Geländebegehung ein aus einem Hang ragendes Armknochenfragment — den Auftakt zur Freilegung eines rund 3,2 Millionen Jahre alten, zu etwa 40 Prozent erhaltenen Skeletts der bis dahin unbekannten Art Australopithecus afarensis. Es ist das bis dahin vollständigste je gefundene Skelett eines derart frühen Vormenschen. Am Abend des Fundtages läuft im Feldlager wiederholt das Beatles-Lied „Lucy in the Sky with Diamonds" — daher der bald weltberühmte Spitzname „Lucy", während sie in Äthiopien selbst unter dem amharischen Namen „Dinkinesh" („Du bist wunderbar") bekannt wird.
Die Analyse des Skeletts liefert einen zentralen Beleg für ein bis dahin umstrittenes Kapitel der Menschheitsgeschichte: Lucys Becken- und Beinknochen zeigen, dass ihre Art bereits aufrecht auf zwei Beinen ging, obwohl ihr Gehirn kaum größer war als das eines heutigen Schimpansen — der aufrechte Gang entwickelte sich demnach lange vor dem Wachstum des Gehirns. Der Fund macht Hadar zu einer der bedeutendsten Fundstätten der Paläoanthropologie und Lucy selbst zu einem der bekanntesten Fossilien der Welt.
AM RANDE NOTIERT
- Nach wochenlangem Hungerstreik stirbt der RAF-Häftling Holger Meins am 9. November; einen Tag später erschießt die „Bewegung 2. Juni" in West-Berlin den Präsidenten des Kammergerichts, Günter von Drenkmann — der Terrorismus der siebziger Jahre nimmt Fahrt auf.
- Nach dem Anwerbestopp vom November 1973 verschärft sich die Debatte um den Familiennachzug ausländischer Arbeitskräfte — auch im Ruhrgebiet prägt der Zuzug der Angehörigen das Bild der Kohle- und Chemiestädte rund um Castrop-Rauxel weiter.
- Am 20. Juli beginnt mit der türkischen Invasion Zyperns ein bis heute andauernder Konflikt: Nach einem von der griechischen Militärjunta gestützten Putsch gegen Präsident Makarios III. landen türkische Truppen auf der Insel und besetzen binnen weniger Wochen deren Nordteil.
- Im Zuge der Kohlekrise werden die Schächte Ickern 1 und 2 in Castrop-Rauxel verfüllt; die Fördertätigkeit der traditionsreichen Zeche Ickern konzentriert sich fortan auf das östliche Grubenfeld mit den Schächten 3 und 4, das bis 1988 in Betrieb bleibt.
SPORT · 1974
Der Weltmeistertitel vom 7. Juli, ausführlich auf der Titelseite gewürdigt, bleibt der sportliche Höhepunkt des Jahres. Wenig beachtet neben dem Jubel: Gerd Müller, Schütze des Siegtors im Finale, beendet danach seine Länderspielkarriere mit 68 Toren in 62 Spielen — bis heute eine der besten Trefferquoten der Fußballgeschichte.
Ein Vereinsteam prägt das deutsche Fußballjahr fast ebenso stark wie die Nationalelf: FC Bayern München, tragende Säule des Weltmeisterteams um Beckenbauer, Maier, Breitner, Müller und Schwarzenbeck, sichert sich 1974 zunächst die deutsche Meisterschaft vor Borussia Mönchengladbach und holt anschließend als erster deutscher Verein überhaupt den Europapokal der Landesmeister: Im Finale von Brüssel erzwingt Georg Schwarzenbeck am 15. Mai in letzter Sekunde mit einem Fernschuss das 1:1 gegen Atlético Madrid, ehe die Bayern das zwei Tage später angesetzte Wiederholungsspiel klar mit 4:0 gewinnen — Uli Hoeneß und Gerd Müller schießen je zwei Tore.
MODE · 1974
Diane von Furstenbergs Wickelkleid wird 1974 zum globalen Phänomen: Das schlichte, im Jersey-Stoff gehaltene Kleid mit dem charakteristischen Wickelverschluss lässt sich mühelos an- und ausziehen, kostet zum Marktstart rund 80 US-Dollar und trifft den Nerv einer Frauengeneration, die zwischen Berufstätigkeit und Selbstbestimmung neue, unkomplizierte Kleidung sucht. Binnen weniger Monate verkauft sich das Kleid Zehntausende Male pro Woche; bis 1976 gehen mehr als eine Million Exemplare über die Ladentheke, und die aus Belgien stammende Designerin selbst wird zur Symbolfigur der „Frau, die alles unter Kontrolle hat". Daneben bleiben Schlaghosen, Cordanzüge und Plateauschuhe im Alltag präsent, während der amerikanische Designer Ralph Lauren mit seiner seit 1971 auch für Frauen angebotenen, klassisch-sportlichen Polo-Linie einen betont zurückhaltenden Gegenpol zur Bunt- und Glitzermode der frühen Siebziger setzt.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1974
- Start der Sonnensonde Helios 1 (10. Dezember). Die vom deutschen Unternehmen MBB gebaute Sonde startet als deutsch-amerikanisches Gemeinschaftsprojekt zur Erforschung der Sonne, gesteuert von einer Bodenstation bei München — das bis dahin größte deutsche Weltraumforschungsprojekt.
- Eröffnung des Allwetterzoos Münster (2. Mai). Als erster Allwetterzoo Europas mit überdachten Wegen bietet die Anlage in Nordrhein-Westfalen ein für die Zeit innovatives Zoo-Konzept.
- Muhammad Ali kämpft sich zurück an die Weltspitze (30. Oktober). Im „Rumble in the Jungle" von Kinshasa bezwingt der krasse Außenseiter mit seiner „Rope-a-Dope"-Taktik den bis dahin ungeschlagenen George Foreman durch K.o. in der achten Runde und wird zum zweiten Mal Boxweltmeister im Schwergewicht.
- Nobelpreis für die Entdeckung der Pulsare (10. Dezember). Der britische Astrophysiker Antony Hewish erhält gemeinsam mit Martin Ryle den Physik-Nobelpreis — als erste Astronomen überhaupt ausgezeichnet für die bahnbrechende Radioastronomie und die Entdeckung der Pulsare.
DAS WETTER · 1974 in Castrop-Rauxel
An diesem 13. Juli war es im Ruhrgebiet ein milder Sommertag mit etwas Regen: Höchstwert 21,2 °C, in der Nacht 14,3 °C, im Mittel 17,8 °C; 3,2 mm Regen fielen.
Das Jahr über: Im Mittel 10,0 °C. Wärmster Tag 31,7 °C am 16. August, kältester −4,0 °C am 2. Januar. 1 Hitzetage (≥ 30 °C), 0 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 1055 mm — ein nasses Jahr, dazu ein sehr milder Winter ohne Eistag.
(Messwerte der Station Essen, rund 30 km westlich von Castrop-Rauxel — nächstgelegene durchgehend messende Station im Ruhrgebiet; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1974
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts (amtliche Charts ab 1959).
- Charly — Santabárbara
- Theo, Wir Fahr'n Nach Lodz — Vicky Leandros
- TSOP (The Sound Of Philadelphia) — MFSB feat. The Three Degrees
- Juanita — Nick MacKenzie
- Sugar Baby Love — The Rubettes
- Du Kannst Nicht Immer Siebzehn Sein — Chris Roberts
- Hey Boß - Ich Brauch Mehr Geld — Gunter Gabriel
- Das Kartenspiel — Bruce Low
- Seasons In The Sun — Terry Jacks
- Waterloo — ABBA
- This Flight Tonight — Nazareth
- Dan The Banjoman — Dan The Banjoman
- The Air That I Breathe — The Hollies
- Rock Your Baby — George McCrae
- Be My Day — The Cats
- The Night Chicago Died — Paper Lace
- Honey Honey — ABBA
- Fahrende Musikanten — Nina & Mike
- Kansas City — Les Humphries Singers
- My Coo Ca Choo — Alvin Stardust
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (chartsurfer.de / offizielle Charts).