DER CHRONIST

Ein Jahr der Zäsuren: Ein Krieg endet, eine Diktatur stirbt, ein Kontinent unterzeichnet ein brüchiges Versprechen des Friedens — und im Ruhrgebiet entgeht Castrop-Rauxel nur knapp der Eingemeindung nach Dortmund, während die Rezession den Wohlstand der Wirtschaftswunderjahre erstmals ernsthaft erschüttert. Zugleich zerbricht in Indochina und im Nahen Osten die alte Ordnung gleich mehrfach: In Phnom Penh und Saigon übernehmen kommunistische Sieger die Macht, in Beirut entzündet ein Busmassaker einen Bürgerkrieg, der eineinhalb Jahrzehnte dauern wird, und mit dem Ende der portugiesischen Kolonialherrschaft in Mosambik und Angola sowie der indonesischen Besetzung Osttimors geht die Dekolonisierung ihrem blutigen Schlusskapitel entgegen. Zwischen Weltpolitik und Alltagsgeschichte liegen in diesem Jahr nur Wochen: Während in Helsinki Ost und West einen brüchigen Frieden besiegeln und Francos Tod Spanien den Weg in die Demokratie öffnet, gründen zwei junge Amerikaner in Albuquerque eine Softwarefirma namens Microsoft, und in London wählen die Tories mit Margaret Thatcher erstmals eine Frau an ihre Spitze — eine Fußnote 1975, die sich vier Jahre später als Zeitenwende erweisen wird.

Die Schlagzeilen des Jahres

Castrop-Rauxel bleibt Castrop-Rauxel: Gebietsreform bannt die Eingemeindung nach Dortmund

Der Turm der St.-Lambertus-Kirche in der Castroper Altstadt
Der Turm der St.-Lambertus-Kirche in der Castroper Altstadt (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Mit dem Inkrafttreten des Ruhrgebiet-Gesetzes vom 9. Juli 1974 verliert Castrop-Rauxel zum Jahreswechsel zwar seinen Status als kreisfreie Stadt, entgeht aber dem, was viele Bürger jahrelang am meisten fürchteten: der Eingemeindung nach Dortmund. Frühere Neugliederungspläne — zuletzt das umstrittene „Städte- und Kreismodell" — hatten genau das vorgesehen; unter Parolen wie „Hände weg von Castrop-Rauxel" formierte sich dagegen seit Jahren Protest, getragen von Rat, Verwaltung und Bürgerinitiativen gleichermaßen. Stattdessen wird die Stadt, die zugleich die bis dahin selbstständige Gemeinde Henrichenburg (Amt Waltrop) aufnimmt, dem Kreis Recklinghausen zugeordnet und wechselt vom Regierungsbezirk Arnsberg in den Regierungsbezirk Münster. Das gleiche Schicksal wie Castrop-Rauxel ereilt zum Jahreswechsel auch die Nachbarstädte Recklinghausen und, mit kurzer Verzögerung, Gladbeck: Beide verlieren ebenfalls ihre Kreisfreiheit und werden in den Kreis Recklinghausen eingegliedert — eine der einschneidendsten kommunalen Neuordnungen in der Geschichte des Ruhrgebiets, mit der Nordrhein-Westfalen die Zahl seiner Gemeinden und Kreise landesweit drastisch verringert. Für viele im Vest bedeutet das Ergebnis dennoch Erleichterung: Die eigene Stadtidentität bleibt gewahrt, auch wenn die Kreisfreiheit fällt und mit ihr ein Stück kommunaler Selbstbestimmung. Auch sonst bleibt das Ruhrgebiet von den Umbrüchen des Jahres nicht verschont: Die einsetzende Rezession trifft die Zechen und die Stahlindustrie der Region hart. In Castrop-Rauxel spüren das die Bergleute der Zechen Erin und Ickern/Victor unmittelbar — sinkende Kohlepreise, Absatzschwierigkeiten gegenüber Erdöl und wachsende Kurzarbeit prägen den Alltag unter Tage, während die Emscher, seit Jahrzehnten begradigter und offener Abwasserlauf des Reviers, unverändert und übelriechend durch die Innenstadt fließt; an eine ökologische Sanierung des Flusses ist 1975 noch nicht zu denken.

RAF-Terrorwelle erschüttert die Republik

Die Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim, Schauplatz des RAF-Prozesses
Die Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim, Schauplatz des RAF-Prozesses (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Drei Schläge in einem Jahr erschüttern die junge Bundesrepublik und zeigen zwei Jahre vor dem „Deutschen Herbst" 1977, wie verwundbar der Staat gegenüber dem Terror der ersten RAF-Generation und ihrer Sympathisanten ist. Am 27. Februar entführt ein Kommando der „Bewegung 2. Juni" den Berliner CDU-Spitzenkandidaten Peter Lorenz nur drei Tage vor der Abgeordnetenhauswahl auf dem Weg zu seinem Wahlkampfbüro. Die Täter fordern die Freilassung und Ausreise von sechs inhaftierten „Gesinnungsgenossen": RAF-Mitgründer Horst Mahler, Verena Becker, Gabriele Kröcher-Tiedemann, Ingrid Siepmann, Rolf Heißler und Rolf Pohle. Der Berliner Senat unter Bürgermeister Klaus Schütz gibt dem Druck nach; Mahler allein lehnt die Ausreise ab und bleibt in Haft, die übrigen fünf werden am 3. März nach Aden im damaligen Südjemen ausgeflogen. Lorenz kommt tags darauf, am 4. März, unversehrt frei — der erste Fall, in dem der westdeutsche Staat den Forderungen von Terroristen nachgibt, und ein Präzedenzfall, der die Bundesregierung nur wenige Wochen später vor eine weit härtere Probe stellt. Am 24. April stürmt das sechsköpfige „Kommando Holger Meins" der RAF — benannt nach dem im November 1974 im Hungerstreik gestorbenen RAF-Mitglied — die deutsche Botschaft in Stockholm, nimmt zwölf Geiseln und fordert diesmal die Freilassung von 26 inhaftierten RAF-Mitgliedern, darunter die Anführer Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof. Die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt lehnt jede Verhandlung ab; als die schwedische Polizei sich nicht wie gefordert zurückzieht, erschießen die Geiselnehmer den Militärattaché Andreas von Mirbach und wenig später den Wirtschaftsattaché Heinz Hillegaart. In der Nacht detoniert unerwartet ein Sprengsatz im Botschaftsgebäude; zwei der Attentäter, Ulrich Wessel und Siegfried Hausner, erliegen ihren schweren Verletzungen. Die überlebenden Täter — unter ihnen Karl-Heinz Dellwo, Hanna Krabbe, Lutz Taufer und Bernhard Rössner — werden festgenommen und später in der Bundesrepublik zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Und am 21. Mai beginnt in einem eigens auf dem Gelände der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim errichteten Hochsicherheitssaal der Prozess gegen Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe wegen vierfachen Mordes und zahlreicher Sprengstoffanschläge. Das Verfahren, das die Bundesrepublik bis zum Urteil 1977 in Atem hält, wird von Beginn an von Befangenheitsanträgen der Verteidigung, Verfahrensunterbrechungen und dem fortgesetzten Hungerstreik der Angeklagten überschattet und spaltet die Gesellschaft tief in Befürworter harter Terrorismusbekämpfung und Kritiker der Isolationshaft der Gefangenen.

Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen: Kühn verteidigt die Regierung gegen die erstarkte CDU

Der SPD-Ministerpräsident Heinz Kühn, der nach der Landtagswahl 1975 im Amt bestätigt wird
Der SPD-Ministerpräsident Heinz Kühn, der nach der Landtagswahl 1975 im Amt bestätigt wird (Wikimedia Commons, CC BY 3.0 DE)

Bei einer Wahlbeteiligung von 86,1 Prozent — der höchsten, die eine nordrhein-westfälische Landtagswahl je verzeichnet hat — wird das bevölkerungsreichste Bundesland am 4. Mai zur Zitterpartie. Die CDU legt unter ihrem Spitzenkandidaten kräftig zu und kommt auf 47,1 Prozent, ihr zweitbestes Ergebnis im Land überhaupt; die SPD gibt gegenüber 1970 leicht nach und landet bei 45,1 Prozent, die FDP hält sich mit 6,7 Prozent knapp über der Fünf-Prozent-Hürde. Trotz des CDU-Vorsprungs bei den Stimmen reicht es der Union mit 95 von 200 Sitzen nicht zum Regierungswechsel: Die seit 1966 amtierende sozial-liberale Koalition aus SPD und FDP verfügt weiter über eine knappe Mehrheit von zehn Sitzen. Am 4. Juni wählt der neue Landtag Ministerpräsident Heinz Kühn mit 105 Stimmen erneut ins Amt; sein Kabinett wird am selben Tag vereidigt. Die Wahl fällt mitten in die Nachwirkungen der Ölkrise, mit steigender Arbeitslosigkeit und den ersten Anzeichen des Strukturwandels im Revier — Themen, die auch in Castrop-Rauxel und dem übrigen Ruhrgebiet den Wahlkampf bestimmt hatten.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Berlin, 2. März — Nur drei Tage nach der Entführung ihres Spitzenkandidaten Peter Lorenz überholt die CDU mit 43,9 % erstmals die SPD (42,6 %) bei Stimmen und Mandaten; die Sozialdemokraten verlieren ihre absolute Mehrheit, bilden unter Bürgermeister Klaus Schütz aber erneut eine Koalition mit der FDP.
  • Rheinland-Pfalz, 9. März — Die CDU unter Ministerpräsident Helmut Kohl baut ihre absolute Mehrheit auf 53,9 % aus, die SPD kommt auf 38,5 %; Kohl bleibt im Amt.
  • Schleswig-Holstein, 13. April — Die CDU unter Gerhard Stoltenberg verteidigt ihre absolute Mehrheit mit 50,4 %, die SPD verliert leicht auf 40,1 %.
  • Saarland, 4. Mai — Die regierende CDU unter Franz-Josef Röder kommt auf 49,1 %, SPD und FDP erreichen zusammen 49,2 %; bei rechnerischem Patt im Landtag regiert Röder zunächst mit einer Minderheitsregierung weiter.
  • Bremen, 28. September — Die SPD unter Bürgermeister Hans Koschnick bleibt mit 48,7 % klar stärkste Kraft vor der CDU mit 33,8 %.

Der Vietnamkrieg endet: Saigon fällt

Evakuierung per Hubschrauber beim Fall von Saigon, April 1975
Evakuierung per Hubschrauber beim Fall von Saigon, April 1975 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Den Anfang vom Ende markiert der Angriff dreier nordvietnamesischer Divisionen auf die Provinzstadt Ban Me Thuot in den zentralen Hochländern am 10. März — der Auftakt der Frühjahrsoffensive, die Hanoi rasch in die „Ho-Chi-Minh-Kampagne" umbenennt, als sich der Vormarsch schneller als erwartet entwickelt. Die südvietnamesische Armee (ARVN) bricht binnen weniger Wochen zusammen: Am 25. März fällt die alte Kaiserstadt Hue, am 28. März die Hafenstadt Da Nang — Zehntausende Soldaten und Zivilisten fliehen in chaotischen Szenen über Land und See. Präsident Nguyen Van Thieu, dessen überstürzter Rückzug aus den Hochländern die Auflösung erst beschleunigt hatte, tritt am 21. April zurück und geht ins Exil; sein Nachfolger Tran Van Huong hält sich nur eine Woche, ehe am 28. April General Duong Van Minh, der auf eine Verhandlungslösung mit Hanoi setzt, die Präsidentschaft übernimmt. Es ist zu spät: Am 29. April beginnt der nordvietnamesische Endsturm auf Saigon mit schwerem Artilleriebeschuss auf den Flughafen Tan Son Nhut. In letzter Minute lässt US-Botschafter Graham Martin die „Operation Frequent Wind" anlaufen — amerikanische Hubschrauber evakuieren binnen weniger als 24 Stunden mehr als 7.000 Menschen, Amerikaner, Vietnamesen und Angehörige dritter Staaten, vom Dach der US-Botschaft und anderen Sammelpunkten der Stadt; Bilder der überfüllten Hubschrauber und der an den Botschaftstoren zurückgelassenen Menschen gehen um die Welt. Am Morgen des 30. April schließlich rollen nordvietnamesische Panzer durch die Tore des Präsidentenpalasts in Saigon. General Duong Van Minh, gerade erst zwei Tage im Amt, verkündet im Rundfunk die bedingungslose Kapitulation. Nach fast drei Jahrzehnten Krieg — vom Kampf gegen die französische Kolonialherrschaft in den 1940er und 1950er Jahren bis zur direkten amerikanischen Intervention seit Mitte der 1960er Jahre — endet damit der Vietnamkrieg. Die formelle Wiedervereinigung des Landes zur Sozialistischen Republik Vietnam unter kommunistischer Führung folgt im Juli 1976; Saigon wird in Ho-Chi-Minh-Stadt umbenannt. In den Monaten und Jahren danach fliehen zudem Hunderttausende Vietnamesen als sogenannte Boatpeople über das Südchinesische Meer — der Auftakt einer der größten Fluchtbewegungen der Nachkriegszeit.

KSZE-Schlussakte: 35 Staaten unterzeichnen in Helsinki

Die KSZE-Schlussakte von Helsinki, 1975
Die KSZE-Schlussakte von Helsinki, 1975 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Nach zwei Jahren zäher Verhandlungen unterzeichnen Vertreter von 35 Staaten aus Ost und West — darunter Bundeskanzler Helmut Schmidt für die Bundesrepublik, Erich Honecker für die DDR, US-Präsident Gerald Ford und der sowjetische Partei- und Staatschef Leonid Breschnew — in Helsinki die Schlussakte der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE). Vorausgegangen waren, nach ersten Sondierungsgesprächen in Helsinki 1972/73, zwei Jahre detaillierter Verhandlungen in Genf (18. September 1973 bis 21. Juli 1975), an denen mit Ausnahme Albaniens alle europäischen Staaten sowie die USA und Kanada teilnehmen: sieben Staaten des Warschauer Pakts, fünfzehn NATO-Staaten und dreizehn neutrale und blockfreie Länder. Das Abschlussdokument gliedert sich in drei „Körbe": Ein erster enthält einen Prinzipienkatalog zu souveräner Gleichheit, Unverletzlichkeit der Grenzen, friedlicher Streitbeilegung, Nichteinmischung und Achtung der Menschenrechte; ein zweiter regelt die Zusammenarbeit in Wirtschaft, Wissenschaft und Umwelt; ein dritter, humanitärer Korb widmet sich der Erleichterung menschlicher Kontakte, des Informationsaustauschs und der Familienzusammenführung über den Eisernen Vorhang hinweg. Rechtlich bindend ist das Dokument nicht, doch seine im dritten Korb verankerten Menschenrechtsklauseln werden in den Folgejahren zur Handhabe für Bürgerrechtsbewegungen im gesamten Ostblock — von den sogenannten Helsinki-Gruppen in der Sowjetunion bis zur Charta 77 in der Tschechoslowakei. Als erste Überprüfungskonferenz der neuen Vereinbarungen ist bereits für 1977 ein Folgetreffen in Belgrad vorgesehen.

Francos Tod beendet 36 Jahre Diktatur — Juan Carlos wird König

Juan Carlos I., der 1975 König von Spanien wird (spätere Aufnahme)
Juan Carlos I., der 1975 König von Spanien wird (spätere Aufnahme) (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.5)

Der Tod des Diktators kommt nach langem Verfall: Bereits im Juli 1974 hatte eine schwere Erkrankung Franco vorübergehend zur Übergabe der Amtsgeschäfte an Juan Carlos gezwungen; im September desselben Jahres kehrte er noch einmal ins Amt zurück. Im November 1975 verschlechtert sich sein Zustand endgültig — Herzinfarkt, Magen-Darm-Blutungen, eine Bauchfellentzündung und schließlich vollständiges Organversagen fesseln den seit Jahren an Parkinson leidenden „Caudillo" in seinen letzten Wochen an eine immer aufwendigere Apparatemedizin. Wenige Wochen zuvor hatte sein Regime international noch einmal für Empörung gesorgt: Am 27. September 1975 lässt Ministerpräsident Carlos Arias Navarro trotz Protesten aus dem In- und Ausland — von den Vereinten Nationen über die Europäische Gemeinschaft bis zum Vatikan — fünf zum Tode verurteilte Mitglieder der baskischen ETA und der maoistischen FRAP durch Erschießungskommandos hinrichten; es sind die letzten Todesurteile, die in Spanien je vollstreckt werden. Nach wochenlangem Todeskampf stirbt Generalísimo Francisco Franco am 20. November im Alter von 82 Jahren in einer Madrider Klinik. Bereits zwei Tage später, am 22. November, ruft ihn das spanische Parlament, die Cortes, zum König aus: Juan Carlos I., den Franco bereits 1969 per Gesetz — unter der vielzitierten Devise, die Nachfolge sei „atado y bien atado" (fest und gut verschnürt) geregelt — als künftigen Staatschef designiert hatte, übernimmt den Thron. Viele erwarten, der junge König werde das autoritäre System fortführen — stattdessen entlässt er binnen Jahresfrist Ministerpräsident Arias Navarro und leitet mit dessen Nachfolger Adolfo Suárez die Transición ein, den vorsichtigen, aber entschlossenen demokratischen Wandel Spaniens, der binnen weniger Jahre zu freien Wahlen und einer neuen Verfassung führt.

Margaret Thatcher wird erste Frau an der Spitze der britischen Tories

Margaret Thatcher im September 1975
Margaret Thatcher im September 1975, wenige Monate nach ihrer Wahl zur Parteichefin (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nach zwei Wahlniederlagen gegen Labour im Jahr 1974 wächst in der britischen Conservative Party der Unmut über den glücklosen Parteichef Edward Heath. Im ersten Wahlgang um den Vorsitz am 4. Februar unterliegt Heath überraschend seiner bis dahin wenig bekannten Schattenfinanzministerin Margaret Thatcher, die von ihrem Vertrauten Airey Neave geschickt gegen den Amtsinhaber in Stellung gebracht wird; Heath zieht sich daraufhin zurück. Eine Woche später, am 11. Februar, setzt sich Thatcher im zweiten Wahlgang gegen vier neue Bewerber, darunter den favorisierten William Whitelaw, klar durch und wird damit die erste Frau an der Spitze einer großen britischen Partei. Wenige beobachten zu diesem Zeitpunkt, welche Tragweite die Wahl haben wird: Als Oppositionsführerin profiliert sich Thatcher in den folgenden Jahren mit einem wirtschaftsliberalen, staatsskeptischen Kurs, der ihr in der sowjetischen Presse bald den Beinamen „Eiserne Lady" einträgt — und der sie 1979 ins Amt der Premierministerin führen wird.

Bill Gates und Paul Allen gründen Microsoft

Lochstreifen mit dem Altair-BASIC-Interpreter von Gates, Allen und Davidoff
Originaler Lochstreifen mit dem 8K-BASIC-Interpreter für den Altair 8800, geschrieben von Bill Gates, Paul Allen und Monte Davidoff (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Aus einer Wette auf die Zukunft des Personal Computers wird ein Weltkonzern: Am 4. April vereinbaren die beiden Jugendfreunde Bill Gates, der dafür sein Studium in Harvard unterbricht, und Paul Allen, der seine Programmiererstelle in Boston aufgibt, in Albuquerque im US-Bundesstaat New Mexico eine Partnerschaft im Verhältnis 60 zu 40 — die Geburtsstunde der Firma „Micro-Soft", einer Wortschöpfung aus „Microcomputer" und „Software". Anlass ist ein Programmierauftrag: Wenige Wochen zuvor hatten Gates und Allen, beeindruckt von einer Titelstory des Magazins „Popular Electronics" über den ersten erschwinglichen Mikrocomputer-Bausatz Altair 8800, dessen Hersteller einen lauffähigen BASIC-Interpreter für die neue Maschine angeboten — obwohl zu diesem Zeitpunkt noch gar keine fertige Software existierte. Der Coup gelingt: Der Interpreter läuft, der Auftrag kommt, und aus der kleinen Programmierbude wird binnen weniger Jahre einer der einflussreichsten Software-Konzerne der Computergeschichte. 1975 ist davon freilich noch nichts zu ahnen — die junge Firma zieht erst 1979 ins Bundesstaat Washington nach Bellevue um, wo sie zum Ausgangspunkt der PC-Revolution der achtziger Jahre wird.

Bürgerkrieg im Libanon beginnt: Das Busmassaker von Beirut

Der Bus von Ain al-Rummaneh nach dem Anschlag vom 13. April 1975
Der Bus von Ain al-Rummaneh, Tatort des Massakers, das den libanesischen Bürgerkrieg auslöste (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Ein einzelner Gewaltausbruch reißt den Libanon in einen Krieg, der fünfzehn Jahre dauern wird. Nachdem am Vormittag des 13. April ein Attentat auf den christlich-maronitischen Politiker Pierre Gemayel, Gründer der Phalange-Partei, misslungen war, eröffnen bewaffnete Phalangisten am Nachmittag im Beiruter Vorort Ain al-Rummaneh das Feuer auf einen Bus mit größtenteils palästinensischen und linken libanesischen Passagieren. 27 Menschen sterben, weitere werden verletzt — die Tat wird als Vergeltung für den Mordanschlag verstanden, obwohl die Opfer damit nichts zu tun hatten. Noch am selben Abend eskaliert die Gewalt: Muslimische und linke, meist palästinafreundliche Milizen im Westen der Stadt beginnen, christlich-maronitische Stellungen im Osten Beiruts unter Beschuss zu nehmen. Was als Vergeltungsschlag beginnt, entwickelt sich in den folgenden Wochen und Monaten zu einem offenen Bürgerkrieg zwischen einem fein verästelten Geflecht christlicher, muslimischer, drusischer und palästinensischer Milizen, das den ohnehin fragilen Konfessionsproporz des Landes sprengt. Bis zum Ende des Krieges 1990 fordert er schätzungsweise 150.000 Todesopfer und macht Beirut mit seiner geteilten „Green Line" zwischen West- und Ostteil zum Symbol eines Staates, der über Jahre handlungsunfähig zwischen seinen Nachbarn Syrien und Israel zerrieben wird.

Rote Khmer erobern Phnom Penh: Beginn der Schreckensherrschaft Pol Pots

Bewaffnete Kämpfer ziehen am 17. April 1975 durch Phnom Penh
Soldaten der mit den Roten Khmer verbündeten MONATIO-Miliz ziehen am 17. April 1975 durch Phnom Penh (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Fünf Jahre nach dem Sturz der Monarchie und mitten im Zusammenbruch des benachbarten Südvietnam fällt auch Kambodscha: Am 17. April ziehen die kommunistischen Roten Khmer unter ihrem Anführer Pol Pot kampflos in die Hauptstadt Phnom Penh ein, nachdem die von den USA gestützte Regierung des Generals Lon Nol zusammengebrochen war. Zunächst werden die siegreichen Guerillakämpfer von Teilen der erschöpften Stadtbevölkerung noch als Friedensbringer begrüßt — die Erleichterung währt nur Stunden. Noch am selben Tag ordnen die neuen Machthaber die vollständige Evakuierung der rund zwei Millionen Einwohner zählenden Stadt an; unter dem Vorwand drohender amerikanischer Bombardements werden Kranke, Alte und Kinder zu tagelangen Fußmärschen aufs Land gezwungen. Es ist der Auftakt zu einem beispiellosen gesellschaftlichen Umsturzprogramm: Die Rote-Khmer- Führung ruft das „Jahr Null" aus, schafft Geld, Privateigentum, Schulen und Religion ab und treibt die gesamte Bevölkerung in landwirtschaftliche Zwangsarbeitslager. Bis zum Ende ihrer Herrschaft 1979, als vietnamesische Truppen das Regime stürzen, fallen dem als „Killing Fields" bekannt gewordenen Terror nach Schätzungen von Historikern bis zu zwei Millionen Menschen zum Opfer — durch Hinrichtung, Zwangsarbeit, Hunger und Krankheit etwa ein Viertel der kambodschanischen Bevölkerung.

Ende des portugiesischen Kolonialreichs: Mosambik und Angola werden unabhängig

Agostinho Neto, Führer der MPLA, im Jahr 1975
Agostinho Neto, Führer der MPLA und erster Präsident Angolas, im Jahr 1975 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 nl)

Die Nelkenrevolution, die im April 1974 in Lissabon die Diktatur Portugals stürzte, beschleunigt binnen eines Jahres den Zerfall des letzten großen europäischen Kolonialreichs in Afrika. Am 25. Juni erklärt die marxistische Befreiungsbewegung Frelimo unter ihrem Führer Samora Machel in Mosambik die Unabhängigkeit — nach einem im September 1974 vereinbarten Waffenstillstand geht die Machtübergabe vergleichsweise geordnet vonstatten, wenngleich Zehntausende weiße Siedler das Land in den folgenden Monaten verlassen. Weit blutiger verläuft der Übergang in Angola: Das im Januar 1975 im portugiesischen Alvor geschlossene Abkommen sieht eigentlich eine gemeinsame Übergangsregierung der drei rivalisierenden Befreiungsbewegungen MPLA, FNLA und UNITA vor, doch schon Monate vor dem für den 11. November angesetzten Unabhängigkeitstermin brechen zwischen ihnen offene Kämpfe um die Vormacht in der Hauptstadt Luanda aus. Als Portugal am Mitternacht des 11. November die Souveränität an „das angolanische Volk" übergibt, ohne dass eine der Bewegungen die Macht allein übernehmen kann, ruft die von Kuba unterstützte MPLA unter Agostinho Neto in Luanda die Volksrepublik Angola aus, während FNLA und die von Südafrika unterstützte UNITA in anderen Landesteilen Gegenregierungen bilden. Aus dem Machtvakuum entsteht ein Bürgerkrieg, der mit kubanischen und südafrikanischen Truppen im Land zum Schauplatz des Kalten Krieges auf afrikanischem Boden wird und, mit Unterbrechungen, bis 2002 andauert.

Indonesien besetzt Osttimor

Indonesische Soldaten mit erbeuteter portugiesischer Flagge, November 1975
Indonesische Soldaten posieren im November 1975 in Batugade, Osttimor, mit einer erbeuteten portugiesischen Flagge (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nur wenige Tage nach der Ausrufung der Unabhängigkeit gerät auch der letzte portugiesische Außenposten in Südostasien unter fremde Herrschaft. Nachdem Portugal seine Kolonialverwaltung in Osttimor im August 1975 inmitten innerer Kämpfe zwischen rivalisierenden timoresischen Parteien faktisch aufgegeben hatte, ruft die linksgerichtete Fretilin-Bewegung am 28. November die unabhängige Demokratische Republik Osttimor aus — in der Hoffnung, damit einer befürchteten Invasion des großen Nachbarn zuvorzukommen. Der Schritt bleibt folgenlos: In den frühen Morgenstunden des 7. Dezember beschießt die indonesische Marine die Hafenstadt Dili, während Fallschirmjäger und Landungstruppen unter dem Codenamen „Operation Seroja" die Stadt im Sturm nehmen. Präsident Suharto hatte sich für die Invasion tags zuvor in Jakarta grünes Licht des zu Besuch weilenden US-Präsidenten Gerald Ford und seines Außenministers Henry Kissinger geholt, die den Vorstoß gegen eine als kommunistisch verdächtigte Regierung stillschweigend billigen. Es beginnt eine mehr als zwei Jahrzehnte währende Besatzung, während der nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen bis zu 200.000 der rund 800.000 Osttimoresen durch Kampfhandlungen, Hunger und Repression ums Leben kommen — erst 1999 leitet ein Referendum unter UN-Aufsicht den Weg in die 2002 vollzogene Unabhängigkeit Osttimors ein.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Die Zahl der Arbeitslosen in der Bundesrepublik übersteigt 1975 erstmals die Millionenmarke (1,074 Millionen, 4,6 Prozent) — die Wirtschaft schrumpft um 1,4 Prozent, Spätfolge der Ölkrise von 1973.
  • Im Juli koppeln erstmals eine amerikanische Apollo- und eine sowjetische Sojus-Raumkapsel im Erdorbit an — das „Apollo-Sojus-Testprojekt" gilt als symbolisches Ende des Wettlaufs ins All und als Geste der Entspannungspolitik.
  • Am 5. Juni öffnet Ägypten den Suezkanal nach achtjähriger Sperrung wieder für die internationale Schifffahrt — Staatschef Anwar as-Sadat legt die Zeremonie bewusst auf den Jahrestag der Kanalschließung infolge des Sechstagekriegs von 1967.
  • In Castrop-Rauxel wird am 24. Mai der Hochbunker am Engelsburgplatz gesprengt — Tausende Schaulustige verfolgen die Detonation, die Platz für den geplanten Ausbau des Altstadtrings schafft.

SPORT · 1975

Der Europapokalsieg des FC Bayern München gegen Leeds United, bereits in den Lichtblicken vermerkt, ist die zweite von insgesamt drei Landesmeister-Trophäen in Serie, mit denen der Klub Mitte der siebziger Jahre den europäischen Vereinsfußball dominiert — ein bis dahin nur wenigen deutschen Vereinen vorbehaltener Erfolg.

Auch jenseits des Rasens schreibt 1975 große Sportgeschichte. In der Formel 1 beendet der Österreicher Niki Lauda am 5. Oktober beim Großen Preis von Italien in Monza mit einem dritten Platz Ferraris elfjährige Durststrecke ohne WM-Titel und sichert sich im neu entwickelten Ferrari 312T seine erste Fahrerweltmeisterschaft — der Auftakt einer Erfolgsära, die die Scuderia über Jahre prägen wird. Bei der Tour de France entthront der Franzose Bernard Thévenet den fünfmaligen Toursieger Eddy Merckx: Nachdem ein Zuschauer den Belgier auf der Bergetappe zum Puy de Dôme in die Seite geschlagen hatte, bricht Merckx zwei Tage später auf dem Anstieg zum Pra-Loup ein, Thévenet übernimmt das Gelbe Trikot und fährt es bis nach Paris. Und im Ring liefern sich Muhammad Ali und Joe Frazier am 1. Oktober in der Hitze von Quezon City auf den Philippinen mit dem „Thrilla in Manila" den dritten und letzten, wohl brutalsten Akt ihrer Rivalität: Nach der 14. Runde gibt Frazier auf, weil sein Trainer Eddie Futch den Kampf abbricht — Ali bleibt Weltmeister im Schwergewicht.

MODE · 1975

Die Silhouette wird glatter und eleganter: Der amerikanische Designer Halston prägt mit fließenden, minimalistischen Abendroben den Übergang von der Hippie-Ära zur aufkommenden Disco-Mode. Auf der Straße halten sich Batikmuster und Cordstoffe hartnäckig als Erbe der frühen Siebziger, während sich am Horizont bereits die glitzernden Clubnächte der zweiten Jahrzehnthälfte ankündigen.

Für den Tag setzt sich unterdessen ein ganz anderer Look durch: Das von Diane von Fürstenberg 1973 eingeführte Wickelkleid aus Jerseystoff hat sich zum Verkaufsschlager entwickelt — bis 1975 gehen mehr als fünf Millionen Exemplare über den Ladentisch, zeitweise verlassen rund 15.000 Stück pro Woche allein diese eine Produktion. Das Kleid trifft den Nerv der Zeit: bequem, erschwinglich und praktisch für Frauen, die zunehmend berufstätig sind, und ein Gegenentwurf zu den taillierten, aufwendigen Silhouetten früherer Jahrzehnte. Auch sonst wird die Mode legerer: Jeans, Pullover und T-Shirts prägen den Alltag beider Geschlechter, bei den Herren setzt sich zunehmend der leger geschnittene „Freizeitanzug" durch — ein Zeichen dafür, dass die strengen Kleiderregeln der Nachkriegsjahrzehnte endgültig aufweichen.

KULTUR · 1975

Ein Jahr vor der 200-Jahr-Feier der Vereinigten Staaten stimmt Holiday on Ice die Westfalenhalle Dortmund in dieser Saison bereits auf das Jubiläum ein: Das Programm „Bicentennial" feiert amerikanische Geschichte in Kostümen, Musik und aufwendigen Eisrevue-Bildern. Für die Castrop-Rauxeler Familie, nur einen Katzensprung von der Halle entfernt, gehört der winterliche Ausflug zur Eisshow inzwischen zum festen Jahresprogramm. Zwischen RAF-Terror und Kriegsende in Vietnam bietet der Abend auf den Rängen der Westfalenhalle eine willkommene Auszeit.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1975

  • Volljährigkeit von 21 auf 18 Jahre gesenkt (in Kraft 1. Januar). Rund 2,5 Millionen junge Menschen werden über Nacht voll geschäftsfähig und wahlberechtigt — eine der weitreichendsten gesellschaftspolitischen Reformen der Bundesrepublik.
  • FC Bayern verteidigt den Europapokal der Landesmeister (28. Mai). Mit einem 2:0 gegen Leeds United (Tore Roth, Müller) sichert sich der Münchner Klub seinen zweiten Titel in Folge auf europäischer Bühne.
  • Friedensnobelpreis für Andrei Sacharow (10. Dezember). Das norwegische Nobelkomitee würdigt den sowjetischen Physiker und Bürgerrechtler für seinen gewaltlosen Einsatz für Menschenrechte; da ihm die Ausreise verweigert wird, nimmt seine Frau Jelena Bonner die Auszeichnung in Oslo entgegen.
  • Bundespräsident Walter Scheel fährt auf Zeche Erin unter Tage ein (19. März). Auf Einladung der IG Bergbau und Energie besucht das Staatsoberhaupt die Bergleute in Castrop-Rauxel — ein sichtbares Zeichen der Solidarität mit dem Ruhrbergbau inmitten der einsetzenden Kohlekrise.

DAS WETTER · 1975 in Castrop-Rauxel

An diesem 13. Juli war es im Ruhrgebiet ein warmer Sommertag: Höchstwert 24,7 °C, in der Nacht 15,8 °C, im Mittel 20,4 °C; kein Tropfen Regen fiel.

Das Jahr über: Im Mittel 10,2 °C. Wärmster Tag 31,7 °C am 7. August, kältester −6,3 °C am 16. Dezember. 8 Hitzetage (≥ 30 °C), 3 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 660 mm.

(Messwerte der Station Essen, rund 30 km westlich von Castrop-Rauxel — nächstgelegene durchgehend messende Station im Ruhrgebiet; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1975

Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts (amtliche Charts ab 1959).

  1. Paloma Blanca — George Baker Selection
  2. Griechischer Wein — Udo Jürgens
  3. Deine Spuren Im Sand — Howard Carpendale
  4. Only You Can — Fox
  5. Fox On The Run — The Sweet
  6. I Can Help — Billy Swan
  7. Schön Wie Mona Lisa — Demis Roussos
  8. Ein Lied Zieht Hinaus In Die Welt — Jürgen Marcus
  9. Guitar King — Hank the Knife and the Jets
  10. Ich Trink' Auf Dein Wohl, Marie — Frank Zander
  11. Bye Bye Baby — Bay City Rollers
  12. Tu T'en Vas — Alain Barrière & Noëlle Cordier
  13. The Hustle — Van McCoy
  14. I Can Do It — The Rubettes
  15. Es War Einmal Ein Jäger — Katja Ebstein
  16. S.O.S. — ABBA
  17. Oh Boy — Mud
  18. Shame, Shame, Shame — Shirley & Company
  19. Down, Down — Status Quo
  20. Longfellow Serenade — Neil Diamond

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (chartsurfer.de / offizielle Charts).