DER CHRONIST

Ein Jahr der Erschütterungen und der Aufbrüche: In Peking endet mit einem Todesfall eine Ära, in Stuttgart-Stammheim erschüttert ein anderer Tod die junge Bundesrepublik, ein Jahrhundertsommer lässt das Land verdursten — und an den Wahlurnen in Bonn wie in Washington entscheidet sich, wer die kommenden Jahre lenkt. In Uganda befreit ein israelisches Kommando Geiseln aus den Händen von Flugzeugentführern, in Südafrika lehnt sich die Jugend von Soweto blutig gegen die Apartheid auf, und in Argentinien stürzt eine Militärjunta die Regierung. Amerika feiert sein zweihundertjähriges Bestehen, während eine NASA-Sonde erstmals sicher auf dem Mars landet und zwei junge Kalifornier in einer Garage ein Computerunternehmen gründen, das die Welt noch verändern wird. Zwischen Katastrophen wie dem Erdbeben von Tangshan und kleinen Hoffnungszeichen spannt sich ein Jahr, das rückblickend zu den folgenreichsten des Jahrzehnts zählt.

Die Schlagzeilen des Jahres

Mao Zedong stirbt – Chinas „Großer Steuermann" tritt ab

Mao Zedong, der 1976 stirbt
Mao Zedong, der 1976 stirbt (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Nach Monaten sichtbaren Verfalls, seit einem Herzanfall im Mai zunehmend ans Bett gefesselt, stirbt Mao Zedong kurz nach Mitternacht in Peking im Alter von 82 Jahren; erst um 16 Uhr verkündet der Rundfunk die Nachricht und ruft zur Einheit der Partei auf. Eine landesweite Staatstrauerwoche beginnt, Millionen ziehen an seinem aufgebahrten Leichnam vorbei, am 18. September versammeln sich Hunderttausende zur zentralen Trauerkundgebung auf dem Tiananmen-Platz in Peking.

Dem Tod war ein Jahr der Erschütterungen vorausgegangen. Bereits am 8. Januar war Ministerpräsident Zhou Enlai gestorben; als am chinesischen Totengedenktag Qingming, dem 4./5. April, Zehntausende an seinem Denkmal auf dem Tiananmen-Platz Kränze niederlegten, ließ die von der „Viererbande" dominierte Führung den Platz gewaltsam räumen — der „Zwischenfall vom Tiananmen-Platz" kostete den kurz zuvor rehabilitierten Deng Xiaoping erneut alle Ämter. An seiner Stelle rückte der bis dahin wenig bekannte Hua Guofeng im Februar zum Ministerpräsidenten auf; Mao empfahl ihn kurz vor seinem Tod handschriftlich mit den Worten „Mit dir an der Spitze bin ich beruhigt" als Nachfolger. Mit Maos Tod verliert die Kulturrevolution, die er 1966 selbst losgetreten hatte, ihren Urheber: Keine vier Wochen später, am 6. Oktober, lässt Hua gemeinsam mit Marschall Ye Jianying und Sicherheitschef Wang Dongxing in einem unblutigen Handstreich die Mitglieder der „Viererbande" — Maos Witwe Jiang Qing, Zhang Chunqiao, Yao Wenyuan und Wang Hongwen — verhaften und für abgesetzt erklären. Es ist das Ende einer Epoche, die China seit 1966 für ein Jahrzehnt ins Chaos gestürzt hatte, mit Millionen Verfolgten, Vertriebenen und Toten; der zuvor gestürzte Deng Xiaoping kehrt im Sommer 1977 endgültig an die Spitze der Partei zurück und leitet mit seiner Reform- und Öffnungspolitik den grundlegenden Kurswechsel ein, der China in den folgenden Jahrzehnten prägen wird.

Ulrike Meinhof tot in ihrer Zelle – Erschütterung mitten in der Republik

Die JVA Stuttgart-Stammheim, wo Ulrike Meinhof tot aufgefunden wird
Die JVA Stuttgart-Stammheim, wo Ulrike Meinhof tot aufgefunden wird (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

In der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim, wo seit dem 21. Mai 1975 in einem eigens auf dem Gefängnisgelände errichteten, fensterlosen Gerichtssaal der Prozess gegen die Führungsköpfe der Roten Armee Fraktion läuft, wird Ulrike Meinhof erhängt in ihrer Zelle aufgefunden — ein aus Handtuchstreifen geknüpfter Strick am Fenstergitter. Die frühere Journalistin hatte die RAF 1970 gemeinsam mit Andreas Baader, Gudrun Ensslin und weiteren Weggefährten gegründet; nach einem Guerilla-Ausbildungslager in Jordanien und einer Serie von Banküberfällen sowie, im „Mai-Offensive" genannten Bombenanschlägen von 1972, auf US-Kasernen in Frankfurt und Heidelberg und das Springer-Hochhaus in Hamburg war die Gruppe im Juni 1972 durch die Festnahme ihrer Gründungsmitglieder weitgehend zerschlagen worden; seither saßen Meinhof, Baader, Ensslin und Jan-Carl Raspe im eigens für die RAF eingerichteten Hochsicherheitstrakt Stammheim ein. Die offizielle Untersuchung stuft den Tod als Suizid ein, begünstigt offenbar auch durch die zunehmende Isolationshaft und die Entfremdung von einstigen Mitstreitern wie Ensslin; eine von Anwälten und Sympathisanten berufene internationale Untersuchungskommission bezweifelt das Ergebnis, ohne dass sich Belege für ein Fremdverschulden erhärten lassen — bis heute begleiten Zweifel und Verschwörungstheorien den Fall. Zwischen 6.000 und 8.000 Menschen nehmen am 15. Mai unter starkem Polizeiaufgebot in Berlin-Mariendorf an ihrer Beerdigung teil, es kommt zu Auseinandersetzungen zwischen Sympathisanten und Polizei. Der Tod mitten im Stammheim-Prozess vertieft die Zerrissenheit einer Republik, die mit dem RAF-Terror ringt: Ein Jahr später, am 28. April 1977, werden Baader, Ensslin und Raspe zu lebenslanger Haft verurteilt; im „Deutschen Herbst" um die Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer sterben alle drei am 18. Oktober 1977 in der sogenannten „Todesnacht von Stammheim" — Meinhofs Tod im Mai 1976 wirft seine Schatten bereits auf dieses blutige Ende der ersten RAF-Generation voraus.

Bundestagswahl: „Zwei Sieger namens Helmut" – Schmidt bleibt Kanzler

Helmut Schmidt (r.) mit Giscard d'Estaing, 1976
Helmut Schmidt (r.) mit Giscard d'Estaing, 1976 (Wikimedia Commons, CC0)

Mit der Parole „Freiheit statt Sozialismus" — gemünzt auf die Ostpolitik der sozialliberalen Koalition — zieht die CDU unter Kanzlerkandidat Helmut Kohl in den Wahlkampf. Bei der Wahl zum 8. Deutschen Bundestag am 3. Oktober, die mit 90,7 Prozent die zweithöchste Wahlbeteiligung der bundesdeutschen Geschichte verzeichnet, erzielt die Union mit 48,6 Prozent und 254 Sitzen das zweitbeste Ergebnis ihrer Geschichte nach 1957, verfehlt die absolute Mehrheit im auf 518 Sitze angewachsenen Bundestag aber um sechs Mandate. Die SPD von Kanzler Helmut Schmidt fällt auf 42,6 Prozent und 224 Sitze zurück, die FDP kommt auf 7,9 Prozent und 40 Sitze; für die sozialliberale Koalition aus SPD und FDP reicht es dennoch nur für eine knappe Mehrheit von zehn Mandaten. Schmidt bleibt im Amt, Hans-Dietrich Genscher bleibt Vizekanzler und Außenminister. Kohl selbst gibt sein Amt als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz auf, wechselt als Oppositionsführer nach Bonn und übernimmt dort neben dem CDU-Vorsitz auch den Vorsitz der Bundestagsfraktion — der Beginn seines langen Wegs ins Kanzleramt; in Mainz folgt ihm am 2. Dezember Bernhard Vogel nach. Kaum ist das Ergebnis verkündet, gerät die Union selbst ins Wanken: Am 19. November beschließt die CSU-Landesgruppe unter Franz Josef Strauß im oberbayerischen Wildbad Kreuth mit 30 zu 18 Stimmen, die jahrzehntelange Fraktionsgemeinschaft mit der CDU aufzukündigen — ein offener Machtkampf mit dem designierten Fraktionsvorsitzenden Kohl. Erst am 12. Dezember einigen sich beide Parteien auf eine Fortsetzung der gemeinsamen Fraktion; der „Geist von Kreuth" bleibt als Menetekel der Spannungen zwischen CDU und CSU in Erinnerung. Auch im Ruhrgebiet, seit den Nachkriegsjahren die „Herzkammer" der Sozialdemokratie, steht der Wahlkampf 1976 im Schatten gleich zweier Ausnahmeentwicklungen: Wochen zuvor hatte der „Jahrhundertsommer" mit extremer Hitze und wochenlanger Trockenheit auch Castrop-Rauxel und das Revier fest im Griff. Die Talsperren des Ruhrverbands, aus denen die Region ihr Wasser bezieht, sinken auf einen der niedrigsten je gemessenen Stände; in weiten Teilen Westdeutschlands klagen Landwirte über erhebliche Ernteausfälle bei Heu und Futter. Erst der Herbstregen entspannt die Lage, kurz bevor die Wählerinnen und Wähler an die Urnen treten. Zugleich schreitet in Castrop-Rauxel der Strukturwandel voran: Nach dem Ende der Förderung auf Zeche Ickern I/II 1973 und der Verfüllung der beiden Schächte 1974 und 1975 hält im Stadtgebiet nur noch die Zeche Erin den Bergbau am Leben — ein Vorbote des langsamen Zechensterbens, das die SPD-Hochburgen im Revier in den kommenden Jahrzehnten vor wachsende Probleme stellen wird.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Baden-Württemberg, 4. April — CDU 56,7 %, SPD 33,3 %, Beteiligung 75,5 %. Die CDU baut ihre absolute Mehrheit weiter aus, Hans Filbinger bleibt Ministerpräsident.
  • DDR, Volkskammerwahl 17. Oktober — Einheitsliste der Nationalen Front laut amtlichem Ergebnis 99,86 % Ja-Stimmen bei einer amtlich mit 98,6 Prozent angegebenen Beteiligung; eine andere Wahl als die vorgegebene Liste gibt es nicht. Zur konstituierenden Sitzung der neuen Volkskammer am 29. Oktober wählt diese Erich Honecker, bereits seit 1971 SED-Generalsekretär, zusätzlich zum Staatsratsvorsitzenden.

Erdbeben von Tangshan: Die tödlichste Katastrophe des Jahrhunderts

Gedenkpark für das Erdbeben von Tangshan, 1976
Gedenkpark für das Erdbeben von Tangshan, 1976 (Wikimedia Commons, CC0)

Um 3.42 Uhr Ortszeit erschüttert ein Beben der Stärke 7,8 die nordchinesische Industrie- und Bergbaustadt Tangshan, damals Heimat von rund einer Million Menschen, und legt sie binnen etwa 15 Sekunden fast vollständig in Trümmer; nur wenige Stunden später, um 18.45 Uhr, folgt ein starkes Nachbeben der Stärke 7,1, das viele bereits beschädigte Gebäude endgültig zum Einsturz bringt und Rettungskräfte zusätzlich gefährdet. Offiziellen chinesischen Angaben zufolge sterben 242.419 Menschen, unabhängige Schätzungen westlicher Seismologen und Historiker reichen bis zu 650.000 Opfern — das verheerendste Erdbeben des 20. Jahrhunderts, dessen tatsächliches Ausmaß die Pekinger Führung jahrelang unter Verschluss hält. Die Staatsführung unter dem sterbenskranken Mao Zedong, der nur sechs Wochen später selbst stirbt, verzichtet aus Stolz und Misstrauen gegenüber dem Ausland zunächst bewusst auf internationale Hilfsangebote und lässt die Bergung weitgehend durch die Volksbefreiungsarmee und die Überlebenden selbst organisieren; erst Jahrzehnte später, 1979, öffnet sich China ausländischen Journalisten und Helfern für das Ausmaß der Katastrophe. Die Trümmerstadt wird in den Folgejahren komplett neu errichtet und gilt in China bis heute als Sinnbild für den Wiederaufbauwillen des Landes; zugleich trifft die Katastrophe das Land mitten in einem Jahr des politischen Umbruchs, das viele Chinesen abergläubisch als Vorzeichen des nahenden Machtwechsels deuten.

Jimmy Carter besiegt Gerald Ford – Amerika wählt nach Watergate neu

Wahlkampfplakat von Jimmy Carter, 1976
Wahlkampfplakat von Jimmy Carter, 1976 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Zwei Jahre nach Nixons Rücktritt und der umstrittenen Begnadigung durch seinen Nachfolger gewinnt der Demokrat Jimmy Carter, ehemaliger Gouverneur von Georgia, die Präsidentschaftswahl gegen den republikanischen Amtsinhaber Gerald Ford — mit 297 zu 240 Wahlmännerstimmen und 50,1 zu 48,0 Prozent der Stimmen ein knappes, aber klares Ergebnis. Den Wahlkampf prägen die ersten im Fernsehen übertragenen Präsidentschaftsdebatten seit 1960: Im ersten Rededuell am 23. September gilt Ford den meisten Zuschauern noch als Sieger, im zweiten unterläuft ihm am 6. Oktober mit der Behauptung, Osteuropa stehe „nicht unter sowjetischer Dominanz", ein folgenschwerer Patzer. Carter wiederum gerät durch ein freimütiges Interview im Magazin „Playboy" in Bedrängnis, in dem er einräumt, im Herzen schon oft „Ehebruch begangen" zu haben — ein Ausrutscher, der ihn bei konservativen und evangelikalen Wählern Sympathien kostet, dem Wahlausgang letztlich aber nicht schadet. An der Seite Carters kandidiert der Senator Walter Mondale aus Minnesota, für Ford der Senator Bob Dole aus Kansas; auch das erste Fernsehduell zweier Vizepräsidentschaftskandidaten der Geschichte gilt als Punktsieg für die Demokraten. Carter, der sich als „New Southerner" jenseits des Washingtoner Establishments präsentiert, holt den „Solid South" zurück ins demokratische Lager und zieht am 20. Januar 1977 als 39. Präsident ins Weiße Haus ein.

Geiselbefreiung von Entebbe – ein israelisches Kommando schlägt in Uganda zu

Befreite Geiseln nach der Landung in Israel, Juli 1976
Befreite Geiseln nach der Landung in Israel, Juli 1976 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Am 27. Juni entführen zwei Mitglieder der Volksfront für die Befreiung Palästinas und zwei deutsche Mitstreiter der „Revolutionären Zellen" eine Air-France-Maschine mit 248 Menschen an Bord kurz nach dem Zwischenstopp in Athen und lassen sie über Bengasi nach Entebbe in Uganda fliegen, wo Diktator Idi Amin den Entführern Unterschlupf und Unterstützung gewährt. Nichtjüdische und nichtisraelische Passagiere werden bald freigelassen, rund 100 verbleiben als Geiseln; die Entführer fordern die Freilassung von 53 in Israel, Kenia und Westdeutschland inhaftierten Gesinnungsgenossen. In der Nacht zum 4. Juli fliegen vier israelische Hercules-Transportmaschinen der Spezialeinheit Sajeret Matkal nach rund 4.000 Kilometern Anflug unbemerkt den Flughafen von Entebbe an; binnen weniger als einer Stunde stürmen die Soldaten das alte Terminalgebäude, erschießen alle sieben Entführer sowie mehrere ugandische Wachsoldaten und bringen 102 der 103 verbliebenen Geiseln unversehrt über einen Tankstopp in Nairobi zurück nach Israel.

Einziges israelisches Todesopfer ist der Kommandoführer Jonathan Netanyahu, älterer Bruder des späteren Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu; die zurückgelassene, zuvor ins Krankenhaus verlegte Geisel Dora Bloch wird später von ugandischen Schergen ermordet. Die als „Operation Donnerschlag" geplante und später zu Ehren des gefallenen Kommandeurs in „Operation Jonathan" umbenannte Aktion gilt bis heute als eine der spektakulärsten Geiselbefreiungen der Militärgeschichte.

Aufstand von Soweto – Südafrikas Jugend lehnt sich gegen die Apartheid auf

Mbuyisa Makhubu trägt den sterbenden Hector Pieterson, Soweto 1976
Mbuyisa Makhubu trägt den sterbenden Hector Pieterson, Soweto 1976 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Als die Regierung des Apartheid-Staates Südafrika per „Afrikaans Medium Decree" von 1974 anordnet, an schwarzen Schulen künftig die Hälfte des Unterrichts auf Afrikaans statt in den Muttersprachen oder auf Englisch abzuhalten, formiert sich unter Schülern im schwarzen Township Soweto bei Johannesburg Widerstand: Am Morgen des 16. Juni ziehen mehrere tausend Schülerinnen und Schüler in einem friedlich geplanten Protestmarsch durch die Straßen. Die Polizei riegelt den Zug ab und eröffnet das Feuer auf die unbewaffnete Menge; unter den ersten Toten ist der erst 13-jährige Hector Pieterson, dessen Foto — getragen vom Mitschüler Mbuyisa Makhubu neben der weinenden Schwester Antoinette Sithole — um die Welt geht und zum Symbol des Aufstands wird.

In den folgenden Tagen und Wochen breiten sich die Proteste auf zahlreiche weitere Townships im ganzen Land aus; die offiziellen Opferzahlen sprechen von 176 Toten, unabhängige Schätzungen gehen von bis zu 700 Toten aus, überwiegend Jugendliche. Tausende junger Südafrikaner fliehen ins Exil und schließen sich dem bewaffneten Arm des African National Congress an, der dadurch nach Jahren der Schwäche neuen Zulauf erhält. Der 16. Juni wird in Südafrika nach dem Ende der Apartheid als „Youth Day" zum nationalen Feiertag erklärt und gilt bis heute als Wendepunkt im Kampf gegen die Rassentrennung.

Zweihundert Jahre Unabhängigkeit – Amerika feiert sein Bicentennial

Großsegler Amerigo Vespucci bei der Operation Sail in New York, 1976
Großsegler Amerigo Vespucci bei der Operation Sail in New York, 1976 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 4. Juli begehen die Vereinigten Staaten den 200. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung von 1776 mit einer der größten koordinierten Feiern ihrer Geschichte: Landesweit werden rund 66.000 Veranstaltungen gezählt, von einer Flaggenzeremonie im Morgengrauen auf dem Mars Hill Mountain im Bundesstaat Maine, der als erster Ort auf dem Festland den Sonnenaufgang sieht, bis zu einem Feuerwerk vor rund einer Million Menschen auf der National Mall in Washington am Abend. In New York zieht die „Operation Sail" mit 16 großen Segelschiffen aus aller Welt den New Yorker Hafen entlang und wird von Millionen Zuschauern an den Ufern verfolgt.

Präsident Gerald Ford reist per Hubschrauber unter anderem nach Valley Forge in Pennsylvania, wo er vor rund 15.000 Menschen ein Gesetz unterzeichnet, das den historischen Ort zum Nationalpark erklärt; auch die britische Königin Elisabeth II. reist anlässlich des Jubiläums in die frühere Kolonialmacht. In Washington eröffnet am 1. Juli, passend zum Jubiläum, das neue National Air and Space Museum der Smithsonian Institution seine Tore. Trotz aller Feierlaune wird das Bicentennial auch von Protesten begleitet, etwa gegen den Vietnamkrieg oder für Bürgerrechte, die daran erinnern, dass das Versprechen der Unabhängigkeitserklärung längst nicht für alle Amerikaner gleichermaßen eingelöst ist.

Viking 1 landet auf dem Mars – Amerikas Roboter erreicht den Roten Planeten

Erstes Foto der Marsoberfläche, aufgenommen von Viking 1, 1976
Erstes Foto der Marsoberfläche, aufgenommen von Viking 1, 1976 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nach einem rund elfmonatigen Flug setzt die amerikanische Sonde Viking 1 der Raumfahrtbehörde NASA um 8.12 Uhr Ortszeit sanft in der Ebene Chryse Planitia auf dem Mars auf — der erste erfolgreiche Landeversuch eines amerikanischen Raumfahrzeugs auf einem anderen Planeten, und durch Zufall genau am siebten Jahrestag der Mondlandung von Apollo 11. Ursprünglich war die Landung für den 4. Juli geplant gewesen, passend zum 200. Unabhängigkeitstag der USA; Aufnahmen aus der Umlaufbahn zeigten das vorgesehene Landegebiet jedoch als zu felsig, sodass die Ingenieure erst eine sicherere Stelle suchen mussten und die Landung um gut zwei Wochen verschoben.

Beim Abstieg bremst zunächst ein Fallschirm die Sonde auf rund 60 Meter pro Sekunde ab, ehe in 1,5 Kilometern Höhe Landebeine ausfahren und Bremstriebwerke die letzte Etappe abfedern. Schon binnen weniger Minuten funkt der Lander das erste Foto von der staubigen, rotbraunen Marsoberfläche zur Erde. Viking 1 arbeitet in der Folge sechs Jahre lang bis November 1982 und liefert gemeinsam mit dem baugleichen, im September folgenden Viking 2 grundlegende Daten über Atmosphäre, Wetter und Oberfläche des Planeten sowie erste — letztlich nicht eindeutige — Experimente zur Suche nach mikrobiellem Leben.

Zwei Tüftler in einer Garage – die Gründung von Apple

Ein Apple-I-Computer von 1976
Ein Apple-I-Computer von 1976 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

In Los Altos im kalifornischen Silicon Valley gründen der 21-jährige Steve Jobs und der 25-jährige Elektronikbastler Steve Wozniak gemeinsam mit ihrem Bekannten Ronald Wayne die „Apple Computer Company", um den von Wozniak in seiner Freizeit entwickelten Bausatz-Computer Apple I zu vermarkten. Jobs und Wozniak halten je 45 Prozent der Firmenanteile, Wayne die restlichen zehn Prozent; aus Sorge um eine mögliche persönliche Haftung für Firmenschulden verkauft Wayne seinen Anteil bereits zwölf Tage später für 800 Dollar zurück an die beiden Gründer — ein Anteil, der Jahrzehnte später mehrere Milliarden Dollar wert wäre.

Der Apple I, für 666,66 Dollar verkauft, besteht zunächst nur aus einer bestückten Platine ohne Gehäuse, Tastatur oder Bildschirm und wird vor allem an Elektronik-Hobbyisten im Umfeld des „Homebrew Computer Club" verkauft, dem auch Wozniak angehört. Erst am 3. Januar 1977 wird aus der Gründerpartnerschaft offiziell die Kapitalgesellschaft Apple Computer, Inc.; noch im selben Jahr folgt mit dem Apple II einer der ersten in Serie gefertigten und kommerziell erfolgreichen Personalcomputer für den privaten Gebrauch — der Beginn eines Unternehmens, das die persönliche Computernutzung in den folgenden Jahrzehnten grundlegend verändern wird.

Militärputsch in Argentinien – Beginn einer blutigen Diktatur

Offizielles Porträt von Juntachef Jorge Rafael Videla, 1976
Offizielles Porträt von Juntachef Jorge Rafael Videla, 1976 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In den frühen Morgenstunden des 24. März setzt das argentinische Militär Präsidentin Isabel Perón, die seit dem Tod ihres Mannes Juan Perón 1974 ein von Wirtschaftskrise, Guerillakrieg linker und rechter Gruppen sowie galoppierender Inflation zerrüttetes Land führt, unblutig ab und verhaftet sie. Eine dreiköpfige Militärjunta unter Führung von Heeresgeneral Jorge Rafael Videla, Marineadmiral Emilio Massera und Luftwaffengeneral Orlando Agosti übernimmt die Macht und ruft den sogenannten „Prozess der nationalen Reorganisation" aus; der Kongress wird aufgelöst, Parteien und Gewerkschaften werden verboten, eine strenge Zensur verhängt.

Unter dem Vorwand der Bekämpfung linker Guerillagruppen wie der Montoneros beginnt ein bis 1983 andauerndes System des „Verschwindenlassens": Regimekritiker, Studenten, Gewerkschafter und vermeintliche Sympathisanten werden ohne Gerichtsverfahren verschleppt, in geheimen Lagern gefoltert und getötet; Menschenrechtsorganisationen gehen von bis zu 30.000 „Desaparecidos" aus, deren Schicksal bis heute nicht vollständig aufgeklärt ist. Die Mütter verschwundener Kinder, die sich später als „Madres de Plaza de Mayo" wöchentlich vor dem Präsidentenpalast in Buenos Aires versammeln, werden zum bekanntesten Symbol des zivilen Widerstands gegen die Junta, die erst nach dem verlorenen Falklandkrieg 1982 gegen Großbritannien und dem folgenden wirtschaftlichen wie politischen Zusammenbruch 1983 der Demokratie weicht.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Am 21. Januar startet die Concorde gleichzeitig von London nach Bahrain und von Paris nach Rio de Janeiro zu ihren ersten Linienflügen — das Zeitalter des zivilen Überschallflugs beginnt.
  • Am 10. Juli entweicht bei einem Ventilbruch in der Chemiefabrik Icmesa im norditalienischen Seveso eine Wolke hochgiftigen Dioxins über dicht besiedeltem Gebiet — der Unfall wird zum Fanal für schärferes europäisches Umweltrecht.
  • Am 1. April feiert Castrop-Rauxel sein goldenes Stadtjubiläum: Vor genau 50 Jahren, 1926, war die Stadt durch den Zusammenschluss von Castrop mit Rauxel und zahlreichen umliegenden Gemeinden im Vest Recklinghausen entstanden.
  • Am 30. Oktober demonstrieren rund 6.000 Menschen am geplanten Standort des Kernkraftwerks Brokdorf in Schleswig-Holstein; im Dezember verhängt das Verwaltungsgericht Schleswig einen vorläufigen Baustopp — der Auftakt einer bundesweiten Anti-Atomkraft-Bewegung.

SPORT · 1976

Nach Rosi Mittermaiers Gold-Doppel in Innsbruck, bereits in den Lichtblicken gewürdigt — nur 0,12 Sekunden fehlen ihr im Riesenslalom zum dritten Gold und einem historischen Triumph —, sorgt im Sommer die erst vierzehnjährige rumänische Turnerin Nadia Comăneci in Montreal für ein Novum: Am 18. Juli erhält sie am Stufenbarren als erste Turnerin überhaupt in der Geschichte der Olympischen Spiele die Traumnote 10,0 — die Anzeigetafeln, technisch gar nicht auf eine perfekte Wertung eingerichtet, zeigen versehentlich „1.00" an. Es bleibt nicht bei diesem einen Coup: Bis zum Ende der Spiele wiederholt Comăneci das Kunststück sechsmal, gewinnt drei Goldmedaillen und wird zum Gesicht dieser Olympiade. Die Spiele selbst stehen im Schatten eines Boykotts von rund 29, überwiegend afrikanischen Staaten, die gegen die Teilnahme Neuseelands protestieren, dessen Rugby-Nationalmannschaft kurz zuvor trotz internationaler Ächtung der Apartheid im südafrikanischen Staat getourt war, sowie explodierender Ausrichterkosten, die Montreal jahrzehntelang in die Schulden treiben. Auffällig erfolgreich schneidet derweil die DDR mit ihrem staatlich geförderten „Sportwunder" ab und landet im Medaillenspiegel knapp hinter der Sowjetunion und noch vor den USA. Auch Bayern Münchens Titel-Hattrick im Europapokal der Landesmeister, ebenfalls schon vermerkt — am 12. Mai im schottischen Hampden Park entscheidet Franz Roths Treffer in der 57. Minute das Finale gegen AS Saint-Étienne —, fällt in dieses sportlich intensive Jahr.

MODE · 1976

In London führt Vivienne Westwood mit Partner Malcolm McLaren ihre Boutique „SEX" an der King's Road Nummer 430 — seit 1974 unter diesem Namen firmierend, nachdem der Laden zuvor „Let It Rock" und „Too Fast to Live Too Young to Die" geheißen hatte — 1976 zum Epizentrum einer neuen Jugendkultur und schneidert die Bühnenkostüme für die von McLaren 1975 zusammengestellte Punkband Sex Pistols: zerrissene Stoffe, Sicherheitsnadeln, Ketten und Bondage-Elemente werden zum Manifest einer aggressiv-anarchischen Ästhetik, die sich gegen jede Konvention stellt. Im November veröffentlicht die Band mit „Anarchy in the U.K." ihre erste Single, im Dezember sorgt ein von Moderator Bill Grundy provozierter Fluch-Wortwechsel im britischen Fernsehen für einen landesweiten Skandal, der Punk endgültig aus den Kellerclubs in die Boulevardschlagzeilen katapultiert. Als Gegenpol dazu erobert die romantisch-verspielte Landhausmode von Laura Ashley, deren Firma seit den 1950er-Jahren von Wales aus expandiert, mit Blümchenmustern, Rüschen und hochgeschlossenen Kleidern die bürgerliche Frauenmode — zwei gegensätzliche Pole prägen das Modejahr 1976, das zwischen anarchischem Aufbruch und nostalgischer Bodenständigkeit schwankt.

KULTUR · 1976

Zwischen Comicfigur und Filmglamour pendelt Holiday on Ice in dieser Saison in der Westfalenhalle Dortmund: Das Programm trägt wahlweise den Titel „Snoopy" oder „Hollywood" und bringt sowohl den beliebten Beagle aus den Peanuts als auch großes Kinoflair aufs Eis. Die Eiskunstläuferinnen und -läufer verwandeln die Halle mit aufwendigen Kostümen und Choreografien einmal mehr in eine funkelnde Bühne. Für die Familie aus Castrop-Rauxel, für die die Halle nur einen kurzen Weg entfernt liegt, gehört der Besuch der Revue längst zum winterlichen Ritual.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1976

  • Gold-Rosi in Innsbruck (Februar 1976). Ski-Rennläuferin Rosi Mittermaier gewinnt bei den Olympischen Winterspielen Gold in Abfahrt und Slalom sowie Silber im Riesenslalom — als „Gold-Rosi" wird sie zur gefeierten Ausnahmesportlerin der Bundesrepublik.
  • Bayern Münchens Titel-Hattrick (12. Mai 1976). Mit einem 1:0 durch Franz Roth gegen AS Saint-Étienne gewinnt der FC Bayern zum dritten Mal in Folge den Europapokal der Landesmeister und darf die Trophäe endgültig behalten — ein bis dahin einmaliger deutscher Erfolg auf europäischer Bühne.
  • Friedensbewegung in Nordirland (Ende August 1976). Nach dem gewaltsamen Tod dreier Kinder in Belfast gründen Betty Williams und Mairead Corrigan die Bürgerbewegung „Community of Peace People" gegen den Nordirlandkonflikt — für ihren Mut werden beide mit dem Friedensnobelpreis für 1976 ausgezeichnet.
  • BVB zurück in der Bundesliga (23. Juni 1976). Mit einem 3:2 gegen den 1. FC Nürnberg im Relegations-Rückspiel im Westfalenstadion sichert sich Borussia Dortmund nach vier Jahren in der 2. Liga die Rückkehr ins deutsche Fußball-Oberhaus — Jubel auch im nahen Castrop-Rauxel.

DAS WETTER · 1976 in Castrop-Rauxel

An diesem 13. Juli war es im Ruhrgebiet ein warmer Tag mit einem seltenen Schauer: Höchstwert 25,4 °C, in der Nacht 16,4 °C, im Mittel 17,7 °C; ein Schauer brachte 5,8 mm.

Das Jahr über: Im Mittel 10,2 °C. Wärmster Tag 34,3 °C am 3. Juli, kältester −10,9 °C am 30. Januar. 13 Hitzetage (≥ 30 °C), 9 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 560 mm — der Jahrhundert-Dürresommer.

(Messwerte der Station Essen, rund 30 km westlich von Castrop-Rauxel — nächstgelegene durchgehend messende Station im Ruhrgebiet; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1976

Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts (amtliche Charts ab 1959).

  1. Die Kleine Kneipe — Peter Alexander
  2. Mississippi — Pussycat
  3. Schmidtchen Schleicher — Nico Haak
  4. Lieder Der Nacht — Marianne Rosenberg
  5. Fernando — ABBA
  6. Rocky — Frank Farian
  7. Girls, Girls, Girls — Sailor
  8. A Glass Of Champagne — Sailor
  9. Let Your Love Flow — Bellamy Brothers
  10. Horoscope — Harpo
  11. Ein Bett Im Kornfeld — Jürgen Drews
  12. Daddy Cool — Boney M.
  13. River Lady (A Little Goodbye) — Roger Whittaker
  14. Georgie — Pussycat
  15. Der Brief — Christian Anders
  16. Mamma Mia — ABBA
  17. You Sexy Thing — Hot Chocolate
  18. Aber Bitte Mit Sahne — Udo Jürgens
  19. Dancing Queen — ABBA
  20. I Love To Love (But My Baby Loves To Dance) — Tina Charles

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (chartsurfer.de / offizielle Charts).