DER CHRONIST

Ein Jahr, das die junge Bundesrepublik bis ins Mark erschüttert: Der Terror der RAF treibt den Staat an die Grenze seiner Belastbarkeit, während in Fernost ein ägyptischer Präsident den Frieden wagt und in Madrid nach Jahrzehnten der Diktatur zum ersten Mal wieder frei gewählt wird. In Prag erheben Bürgerrechtler mit der Charta 77 ihre Stimme gegen ein autoritäres Regime, in Südafrika kostet der Kampf gegen die Apartheid Steve Biko das Leben, und New York versinkt für eine schwüle Julinacht im Dunkeln, während zwei amerikanische Sonden aufbrechen, um das Sonnensystem zu verlassen. An der Förde derweil beginnt für manche Familie, fernab der großen Schlagzeilen, ein neues Kapitel zwischen Werftalltag und Kieler Woche.

Die Schlagzeilen des Jahres

Der Deutsche Herbst beginnt: Mordanschläge auf Buback und Ponto

Generalbundesanwalt Siegfried Buback, 1977 von der RAF ermordet
Generalbundesanwalt Siegfried Buback, 1977 von der RAF ermordet (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Am Morgen des 7. April wird der Dienstwagen von Generalbundesanwalt Siegfried Buback auf dem Weg von seiner Wohnung im Stadtteil Neureut zur Bundesanwaltschaft in Karlsruhe gegen 9:15 Uhr an einer roten Ampel zum Halten gezwungen. Von hinten nähert sich ein Motorrad, eine Suzuki GS 750 mit zwei Personen in olivgrünen Helmen; der Sozius feuert aus einem halbautomatischen Gewehr rund fünfzehn Schüsse auf den Mercedes ab. Buback und sein Fahrer Wolfgang Göbel sind sofort tot, der Justizwachtmeister Georg Wurster erliegt Tage später seinen Verletzungen. Das „Kommando Ulrike Meinhof" der RAF bekennt sich zu der Tat — wer tatsächlich auf dem Motorrad saß und den Abzug betätigte, klärt bis heute niemand zweifelsfrei.

Nur knapp vier Monate später, am 30. Juli, folgt der zweite Schlag: Susanne Albrecht, Patenkind der Familie Ponto, kündigt bei ihrem Bankier-Patenonkel Jürgen Ponto, Vorstandssprecher der Dresdner Bank, in dessen Villa in Oberursel (Taunus) einen Besuch samt Blumenstrauß an. Mit ihr erscheinen Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar — offiziell zum Kaffee, tatsächlich um Ponto zu entführen und gegen inhaftierte RAF-Mitglieder auszutauschen. Als Ponto sich zur Wehr setzt und mit Klar um dessen Waffe ringt, schießt Mohnhaupt mehrfach; Ponto stirbt noch am selben Abend in einer Klinik. Der Plan, ihn lebend in ein Versteck zu bringen, scheitert an seinem Widerstand.

Zwei Morde binnen weniger Monate — Auftakt zu dem, was die RAF selbst „Offensive 77" nennt: einen Feldzug gegen führende Repräsentanten von Staat und Wirtschaft, mit dem Ziel, die Freilassung der inhaftierten Gründer der ersten RAF-Generation zu erzwingen. Wohin dieser Feldzug noch führen wird, ahnt im Frühsommer 1977 noch niemand.

Entführung von Hanns Martin Schleyer

Eine nach Hanns Martin Schleyer benannte Straße
Eine nach Hanns Martin Schleyer benannte Straße (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

In Köln-Braunsfeld überfällt am Nachmittag des 5. September ein RAF-Kommando aus vier bis fünf Personen unter Führung von Stefan Wisniewski die Wagenkolonne des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer in der Vincenz-Statz-Straße. In weniger als zwei Minuten feuern die Täter rund 119 Schüsse ab und töten Schleyers Fahrer Heinz Marcisz (41) sowie die drei Personenschützer Reinhold Brändle (41), Roland Pieler (21) und Helmut Ulmer (24). Schleyer, der als Präsident sowohl der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) als auch des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) zwei der mächtigsten Wirtschaftsämter der Republik in Personalunion innehat, wird unverletzt verschleppt.

Die Entführer fordern die Freilassung von elf inhaftierten RAF-Mitgliedern der ersten Generation — neben Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe auch Verena Becker, Werner Hoppe, Karl-Heinz Dellwo, Hanna Krabbe, Bernhard Rössner, Ingrid Schubert, Irmgard Möller und Günter Sonnenberg — sowie deren freies Geleit ins Ausland. Bundeskanzler Helmut Schmidt beruft umgehend einen parteiübergreifenden „Großen Krisenstab" ein und vereinbart mit den Chefredaktionen der großen Medien eine freiwillige Nachrichtensperre, um den Entführern keine Verhandlungsvorteile durch Medienberichte zu verschaffen. Schleyer wird zeitweise in einem schaumgummigedämmten Wandschrank versteckt und mehrfach gezwungen, in Video- und Tonbandbotschaften an die Bundesregierung zu appellieren. Der Krisenstab lehnt ein Nachgeben kategorisch ab — ein 43 Tage währendes Ringen um Schleyers Leben beginnt, das die Republik in einen Ausnahmezustand versetzt und die Frage aufwirft, wie weit ein Rechtsstaat gehen darf, um einer Geisel das Leben zu retten, ohne sich dem Terror zu beugen.

Landshut, Mogadischu, Stammheim: Das Ende des Deutschen Herbstes

Eine Lufthansa-Boeing 737 wie die entführte Landshut
Eine Lufthansa-Boeing 737 wie die entführte „Landshut“ (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Am 13. Oktober entführt ein vierköpfiges Kommando der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) unter dem 23-jährigen Zohair Youssif Akache, der sich „Captain Mahmud" nennt, die Lufthansa-Boeing 737 „Landshut" (Flug LH 181) auf dem Weg von Palma de Mallorca nach Frankfurt mit 86 Passagieren und fünf Besatzungsmitgliedern. Die Täter fordern — parallel zu den Schleyer-Entführern — die Freilassung derselben elf RAF-Häftlinge sowie zweier in der Türkei inhaftierter Palästinenser und ein Lösegeld. Es beginnt eine tagelange Odyssee über Rom, Larnaka (Zypern), Bahrain und Dubai, wo die Maschine trotz gesperrten Flughafens wegen Treibstoffmangels notlanden muss, weiter nach Aden in Südjemen. Dort verlässt Kapitän Jürgen Schumann die Maschine, um mit den Behörden über eine Landung zu verhandeln — die Entführer verdächtigen ihn der Kooperation mit den Sicherheitskräften und erschießen ihn nach seiner Rückkehr an Bord. Mit der Leiche des Kapitäns im Frachtraum fliegt die „Landshut" schließlich weiter nach Mogadischu, Somalia.

In der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober, nach fünf Tagen in sengender Hitze und wachsender Verzweiflung an Bord, stürmt ein Kommando der Grenzschutzgruppe 9 (GSG 9) unter Ulrich Wegener — unterstützt von zwei britischen SAS-Beratern — binnen weniger Minuten die Maschine (Operation „Feuerzauber"). Drei der vier Entführer werden getötet, nur Souhaila Andrawes überlebt schwer verletzt; eine Flugbegleiterin wird verwundet, alle 86 Geiseln kommen frei. Die Nachricht von der geglückten Befreiung erreicht noch in derselben Nacht die Häftlinge im Gefängnis Stuttgart-Stammheim: Wenige Stunden später werden Andreas Baader (Schuss in den Kopf), Gudrun Ensslin (erhängt) und Jan-Carl Raspe (Schuss, verstirbt am Folgetag) tot in ihren Zellen aufgefunden; Irmgard Möller überlebt schwere Stichwunden. Die „Todesnacht von Stammheim" — offiziell als abgesprochener Suizid der Gefangenen gewertet — nährt bis heute Zweifel und Verschwörungstheorien, weil die Haftbedingungen im streng gesicherten Hochsicherheitstrakt einen gemeinsamen Suizid organisatorisch kaum erklärbar erscheinen lassen.

Für die Schleyer-Entführer ist mit dem Scheitern der Geiselnahme in Mogadischu jedes Druckmittel verspielt: Noch am 18. Oktober ermorden sie ihre Geisel. Am 19. Oktober wird die Leiche Hanns Martin Schleyers im Kofferraum eines Audi 100 in der Rue Charles Péguy in Mülhausen (Elsass) gefunden — nach 43 Tagen Gefangenschaft. Mit diesen Ereignissen endet der „Deutsche Herbst", doch die RAF setzt ihren bewaffneten Kampf in einer dritten Generation bis in die 1990er Jahre fort; die Wunden dieser Wochen prägen die politische Kultur der Bundesrepublik über Jahrzehnte.

Neue Heimat an der Förde: Kiel zwischen Werftalltag und Kieler Woche

Segelregatta bei der Kieler Woche
Segelregatta bei der Kieler Woche (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 28. Januar rammt ein Frachter auf dem Nord-Ostsee-Kanal die Holtenauer Kanalfähre „Hubert", die daraufhin sinkt — ein Mensch kommt ums Leben, zwei weitere werden gerettet. Der Unfall erinnert daran, wie eng das Alltagsleben der Landeshauptstadt mit dem Kanal und seinem Schiffsverkehr verwoben ist: Seit Ende der 1960er Jahre gilt der 1895 eröffnete Nord-Ostsee-Kanal zwischen Brunsbüttel und Kiel-Holtenau als die meistbefahrene künstliche Wasserstraße der Welt, auf der mehr Schiffe verkehren als auf Suez- und Panamakanal zusammen — und die Fähren, die die Kanalufer verbinden, gehören für die Region ebenso zum Alltag wie die Unfallgefahr durch den dichten Schiffsverkehr.

Auch die Werftindustrie steht 1977 unter Druck: Nach der ersten Ölkrise von 1973/74 ist die Auftragslage im Weltschiffbau eingebrochen, ganze Werftregionen Westeuropas geraten in die sogenannte Werftenkrise. Die Howaldtswerke-Deutsche Werft (HDW) an der Förde behauptet sich dennoch mit einer Serie von Neubauten für deutsche Reedereien, die bis Anfang der 1980er Jahre in Hamburg und Kiel vom Stapel laufen, und bleibt der prägende industrielle Arbeitgeber der Stadt.

Vom 18. bis 26. Juni feiert Kiel die 83. Kieler Woche, das größte Segelsportereignis der Welt, mit tausenden Booten auf der Förde und einer Stadt im Ausnahmezustand. Zwischen den Kränen der HDW, dem Auf und Ab des Schiffbaus und dem Campus der 1665 gegründeten Christian-Albrechts-Universität findet die Familie, frisch aus dem Bergischen Land zugezogen, ihren Platz in einer Stadt, die von Wasser, Werften und Wind lebt.

Sadat besucht Jerusalem: Ein Tabubruch für den Frieden

Anwar Sadat spricht vor der Knesset in Jerusalem, 1977
Anwar Sadat spricht vor der Knesset in Jerusalem, 1977 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Vier Jahre nach dem Jom-Kippur-Krieg von 1973 herrscht zwischen Ägypten und Israel noch immer offiziell der Kriegszustand. Über Vermittler wie den marokkanischen König Hassan II. und den rumänischen Staatschef Nicolae Ceaușescu bahnt sich seit Monaten ein diplomatischer Tabubruch an: Am 9. November erklärt Ägyptens Präsident Anwar as-Sadat vor dem eigenen Parlament, er sei bereit, „bis ans Ende der Welt" für den Frieden zu reisen — notfalls auch vor die Knesset. Israels Ministerpräsident Menachem Begin greift das Angebot auf und lädt Sadat offiziell ein.

Am 19. November landet Sadat als erster arabischer Staatschef überhaupt auf dem Flughafen Ben Gurion und wird von Begin und Staatspräsident Ephraim Katzir empfangen. Am 20. November hält er vor der israelischen Knesset eine historische Rede: Er bietet Israel volle Anerkennung und Sicherheit an, verlangt im Gegenzug aber den Rückzug aus den 1967 besetzten Gebieten und eine Heimstatt für die Palästinenser. Am 21. November kehrt er nach Kairo zurück. Der Besuch bricht mit jahrzehntelanger arabischer Ablehnung Israels, löst in weiten Teilen der arabischen Welt Empörung aus und ebnet zugleich den Weg zum Camp-David-Abkommen von 1978 und zum ägyptisch-israelischen Friedensvertrag von 1979 — ein mutiger Schritt, für den Sadat 1981 mit dem Leben bezahlen wird.

Charta 77: Bürgerrechtler fordern Menschenrechte in der ČSSR

Der Schriftsteller Václav Havel, führender Kopf der Charta 77
Der Schriftsteller Václav Havel, hier 1965, wird 1977 zu einem der bekanntesten Erstunterzeichner der Charta 77 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Am 1. Januar veröffentlichen tschechoslowakische Dissidenten ein Manifest, das als Charta 77 in die Geschichte eingehen wird: 242 Erstunterzeichner, unter ihnen der Philosoph Jan Patočka, der Schriftsteller Václav Havel und der frühere Außenminister Jiří Hájek, verlangen von der eigenen Regierung nichts weiter, als die Menschen- und Bürgerrechte einzuhalten, zu denen sich die ČSSR mit der Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte von Helsinki 1975 selbst verpflichtet hat. Am 7. Januar drucken westliche Leitmedien wie „Times", „Le Monde" und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung" den Text ab und tragen ihn so in die Weltöffentlichkeit.

Das Prager Regime reagiert mit harter Repression: Patočka stirbt im März nach stundenlangen Verhören, Havel wird mehrfach inhaftiert, eine staatlich orchestrierte „Anticharta" soll die Unterzeichner öffentlich diskreditieren. Dennoch wächst die Bewegung — bis zum Ende des kommunistischen Regimes 1989 unterschreiben knapp 1.900 Menschen die Charta. In der Bundesrepublik und anderen westlichen Staaten wird sie zum Bezugspunkt der Solidarität mit Dissidenten im gesamten Ostblock und zu einem frühen Baustein jener Bürgerbewegung, die zwölf Jahre später mit Havel als Staatspräsidenten endet.

Transición: Spanien wählt zum ersten Mal seit dem Bürgerkrieg frei

Ministerpräsident Adolfo Suárez im spanischen Wahlkampf, Juni 1977
Ministerpräsident Adolfo Suárez im Wahlkampf vor den ersten freien Wahlen seit 1936, Juni 1977 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Anderthalb Jahre nach dem Tod des Diktators Francisco Franco und der Wiedereinsetzung der Monarchie unter Juan Carlos I. vollzieht Spanien 1977 den entscheidenden Schritt seiner „Transición": Nachdem im April auch die zuvor verbotene Kommunistische Partei um Santiago Carrillo legalisiert wurde, finden am 15. Juni die ersten freien Wahlen seit 1936 statt. Ministerpräsident Adolfo Suárez führt seine erst wenige Monate zuvor gegründete Mitte-Partei Unión de Centro Democrático (UCD) mit rund 34 Prozent der Stimmen zum Sieg, knapp vor der sozialistischen PSOE unter Felipe González mit rund 29 Prozent.

Millionen Spanier stehen an diesem Junitag zum ersten Mal seit über vierzig Jahren wieder vor einer echten Wahlurne — für viele ist es überhaupt die erste Wahl ihres Lebens. Die neu gewählten Cortes erhalten den Auftrag, eine demokratische Verfassung auszuarbeiten, die 1978 per Referendum verabschiedet wird. Der friedliche Übergang von der Diktatur zur parlamentarischen Demokratie gilt bis heute als Modellfall einer gelungenen Transformation und beendet Spaniens jahrzehntelange politische Isolation in Westeuropa.

25 Stunden Dunkelheit: Der große Stromausfall von New York

Skyline von Manhattan mit dem World Trade Center, New York in den 1970er Jahren
Symbolfoto: Skyline von Manhattan mit dem World Trade Center, aufgenommen 1973 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Gegen 20:37 Uhr Ortszeit schlagen am 13. Juli mehrere Blitze in Umspannwerke des Versorgers Con Edison am Hudson River nördlich von New York City ein. Binnen einer Stunde kollabiert das Verbundnetz, und um 21:34 Uhr liegt die gesamte Stadt mit rund zehn Millionen Menschen im Dunkeln. Anders als beim vergleichsweise ruhig verlaufenen Stromausfall von 1965 sorgt die Kombination aus Sommerhitze, drückender Wirtschaftskrise und hoher Arbeitslosigkeit diesmal für Plünderungen, Brandstiftungen und Straßenkrawalle in zahlreichen Stadtvierteln.

Bürgermeister Abraham Beame spricht von einer „Nacht des Terrors": Über 1.000 Brände werden gezählt, rund 4.500 Menschen festgenommen, mehr als 550 verletzt, vier Menschen sterben. Erst um 22:14 Uhr am folgenden Abend, nach mehr als 25 Stunden, kehrt in den letzten Vierteln der Strom zurück. Die Katastrophe wird zum Symbol für den Niedergang New Yorks in den späten 1970er Jahren und stößt zugleich eine breite Debatte über die Verwundbarkeit moderner Großstädte an.

Aufbruch ins Interstellare: Start der Voyager-Sonden

Start der Raumsonde Voyager 2 auf einer Titan-Centaur-Rakete, 20. August 1977
Start der Raumsonde Voyager 2 von Cape Canaveral, 20. August 1977 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Eine seltene Planetenkonstellation, die sich nur alle 176 Jahre ergibt, erlaubt es der NASA 1977, gleich mehrere äußere Planeten mit einer Mission per Schwerkraft-Schleuder nacheinander anzufliegen. Am 20. August startet Voyager 2 von Cape Canaveral aus mit einer Titan-Centaur-Rakete, am 5. September folgt Voyager 1 auf einer schnelleren Bahn — und überholt ihre Schwestersonde noch vor Erreichen des Jupiter. Beide Sonden tragen die „Golden Record", eine vergoldete Schallplatte mit Klängen, Musik und Bildern der Erde, für den unwahrscheinlichen Fall, dass sie dereinst außerirdischer Intelligenz in die Hände fällt.

Die Voyager-Mission soll ursprünglich nur Jupiter und Saturn erkunden, liefert in den folgenden Jahren aber auch die ersten Nahaufnahmen von Uranus und Neptun und wird damit zur „Grand Tour" durch das äußere Sonnensystem. Beide Sonden fliegen bis heute weiter durchs All und senden noch Daten aus dem interstellaren Raum jenseits der Heliosphäre — ein technisches Vermächtnis, das die Ingenieure von 1977 sich kaum hätten erträumen können.

Tod von Steve Biko: Ein Fanal gegen die Apartheid

Steve Biko, Anti-Apartheid-Aktivist, 1977
Steve Biko, Gründer der „Black Consciousness"-Bewegung, 1977 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Der 30-jährige Steve Biko, Gründer der „Black Consciousness"-Bewegung und einer der einflussreichsten Wortführer der schwarzen Anti-Apartheid-Bewegung Südafrikas, wird am 18. August an einer Straßensperre bei Grahamstown festgenommen und nach dem Anti-Terror-Gesetz ohne Anklage in Haft genommen. In der Zelle in Port Elizabeth wird er von Sicherheitsbeamten so schwer misshandelt, dass er schwerste Hirnschäden davonträgt; dennoch transportieren ihn die Behörden nackt und in Ketten rund 1.200 Kilometer nach Pretoria, wo er am 12. September ohne angemessene medizinische Versorgung stirbt. Justizminister Jimmy Kruger behauptet zunächst, Biko sei die Folge eines Hungerstreiks — eine Version, die eine unabhängige Autopsie rasch widerlegt.

Bikos Tod löst weltweite Empörung aus und macht ihn zum Märtyrer der Anti-Apartheid-Bewegung; im November verhängt der UN-Sicherheitsrat ein verbindliches Waffenembargo gegen Südafrika. Bis zum Ende des Apartheid-Regimes 1994 bleibt Biko eines der prägendsten Symbole des Widerstands gegen die Rassentrennung.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Am 16. August stirbt Elvis Presley im Alter von 42 Jahren in seinem Anwesen Graceland in Memphis — das Ende einer Ära des Rock 'n' Roll.
  • Mit dem Apple II, im Juni auf den Markt gebracht, beginnt das Zeitalter des Heimcomputers für Privathaushalte.
  • Am 27. März kollidieren auf dem Flughafen von Teneriffa zwei Jumbojets der Pan Am und der KLM; mit 583 Toten wird es zum schwersten Unglück der Luftfahrtgeschichte.
  • Im schleswig-holsteinischen Brokdorf stoppt das Verwaltungsgericht Schleswig im Februar vorläufig den Bau des geplanten Kernkraftwerks — ein Etappensieg für die Anti-Atomkraft-Bewegung nach den gewaltsamen Protesten des Vorjahres.

SPORT · 1977

Der Deutsche Herbst dominiert dieses Jahr auch abseits der Politik die öffentliche Aufmerksamkeit — der Sport tritt spürbar in den Hintergrund. Fußballerisch entscheidet sich die Meisterschaft der Bundesliga-Saison 1976/77 erst am letzten Spieltag: Borussia Mönchengladbach sichert sich mit einem 2:2 im direkten Duell beim FC Bayern München den dritten Titel in Folge und den fünften insgesamt — nach einem furiosen Start (23:3 Punkte nach 13 Spieltagen) und einer Krise, in der zwischenzeitlich Eintracht Braunschweig die Tabelle anführte, ehe die Gladbacher die Führung zurückeroberten. Nur zwei Wochen später verpasst dieselbe Mannschaft im Endspiel um den Europapokal der Landesmeister in Rom gegen den FC Liverpool den ganz großen Wurf: Nach einem Ausgleichstreffer von Allan Simonsen entscheidet ein Elfmeter von Phil Neal die Partie 3:1 für die Engländer, die damit ihren ersten Titel in diesem Wettbewerb feiern. Neben dem bereits gewürdigten Europapokalsieg des Hamburger SV gegen Anderlecht liefern sich Mönchengladbach und Bayern damit zumindest am Saisonende das prägende Duell der Fußball-Bundesliga dieser Saison.

MODE · 1977

Der Punk, im Vorjahr in London geboren, explodiert nun richtig: Am 27. Mai veröffentlichen die Sex Pistols zur Silberjubiläumswoche der Queen die Single „God Save the Queen" — die BBC verhängt am 31. Mai ein Sendeverbot, dennoch verkaufen sich in der ersten Woche rund 150.000 Exemplare. Designerin Vivienne Westwood kleidet die Band in ihrer Londoner Boutique auf der King's Road (zunächst „SEX", später „Seditionaries") ein; Sicherheitsnadeln, zerrissene Shirts und Bondage-Elemente werden vom Bühnenkostüm zum Straßenlook einer ganzen Subkultur. Gleichzeitig eröffnet am 26. April in New York der Nachtclub Studio 54 und macht die Discowelt um Designer Halston und Stargäste wie Bianca Jagger und Liza Minnelli über Nacht zum glamourösen Gegenpol — zwei gegensätzliche Stile, die das Modejahr zwischen Rebellion und Glamour aufspannen.

KULTUR · 1977

Mit dem Umzug an die Förde findet die Familie in diesem Winter auch ein vertrautes Stück Kindheit wieder: Seit 1953 gastiert die Eisrevue Holiday on Ice alljährlich in der Ostseehalle Kiel, und in dieser Saison steht sie ganz im Zeichen von „Pink Panther" und „Dickens" — Slapstick-Comic und Weihnachtsmärchen auf Kufen, choreografiert zu einer Show voller Lichteffekte und Kostümpracht. Für die neu zugezogene Familie ist der Besuch in der Ostseehalle mehr als Unterhaltung: Zwischen Werftalltag und Kieler-Woche-Trubel wird die weltbekannte Revue zum ersten vertrauten Fixpunkt im neuen Wohnort. Was einst in Dortmund und dem Bergischen Land selbstverständliches Winterprogramm war, gibt es nun, kaum umgezogen, gleich wieder — nur mit Blick auf die Förde statt auf die Ruhr.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1977

  • Kraftwerk fährt mit dem „Trans-Europa Express" um die Welt (März 1977). Im Düsseldorfer Kling-Klang-Studio produziert, wird das Album zu einem der einflussreichsten Meilensteine der elektronischen Musik und macht deutsche Klangkunst weltweit hoffähig.
  • documenta 6 öffnet in Kassel (ab 24. Juni 1977). Die Ausstellung zeigt erstmals verstärkt Medienkunst und bestätigt Kassel einmal mehr als Schauplatz von Weltrang für zeitgenössische Kunst.
  • Hamburger SV holt den Europapokal der Pokalsieger (11. Mai 1977). Mit einem 2:0 gegen Anderlecht (Tore: Volkert, Magath) gewinnt der Klub von der Elbe, nicht weit von der Förde, seinen ersten internationalen Titel.
  • „Star Wars" startet in den amerikanischen Kinos (25. Mai 1977). George Lucas' Weltraumsaga wird zum globalen Kassenschlager und Kulturphänomen und verändert mit ihren Spezialeffekten das Blockbuster-Kino nachhaltig.
  • Amnesty International erhält den Friedensnobelpreis (10. Oktober 1977). Die Menschenrechtsorganisation wird für ihren weltweiten Einsatz gegen politische Haft und Folter ausgezeichnet — ein Hoffnungszeichen in einem von Gewalt geprägten Jahr.
  • THW Kiel steigt erstmals in die Handball-Bundesliga auf (Saison 1977/78). Der Verein von der Förde schafft den Sprung in die höchste deutsche Spielklasse und legt damit den Grundstein für seinen späteren Aufstieg zur internationalen Handball-Größe.

DAS WETTER · 1977 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein milder Sommertag: Höchstwert 20,5 °C, in der Nacht 12,4 °C, im Mittel 15,1 °C; kein Tropfen Regen fiel.

Das Jahr über: Im Mittel 8,5 °C. Wärmster Tag 27,5 °C am 16. Juni, kältester −6,5 °C am 2. Februar. 0 Hitzetage (≥ 30 °C), 10 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 870 mm.

(Messwerte der Station Schleswig, rund 40 km nordwestlich — die nächstgelegene durchgehend messende Station, da die Kieler Station Holtenau für diese Jahre Messlücken aufweist; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1977

Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.

  1. Don't Cry For Me Argentina — Julie Covington
  2. Lost In France — Bonnie Tyler
  3. Car Wash — Rose Royce
  4. Yes Sir, I Can Boogie — Baccara
  5. Standing In The Rain — John Paul Young
  6. Ma Baker — Boney M.
  7. Oh, Susi (Der Zensierte Song) — Frank Zander
  8. Porque Te Vas — Jeanette
  9. Magic Fly — Space
  10. Lay Back In The Arms Of Someone — Smokie
  11. Orzowei — Oliver Onions
  12. Knowing Me, Knowing You — ABBA
  13. Living Next Door To Alice — Smokie
  14. Le Rêve — Ricky King
  15. Mußt Du Jetzt Gerade Gehen, Lucille — Michael Holm
  16. Hotel California — The Eagles
  17. So You Win Again — Hot Chocolate
  18. Liebe Auf Zeit — Bernhard Brink
  19. Sunny — Boney M.
  20. Blood And Honey — Amanda Lear

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).