DER CHRONIST

Ein Jahr der Umbrüche in Kirche und Diplomatie, des Terrors und der leisen Weichenstellungen: Während in Rom binnen sieben Wochen drei Päpste den Stuhl Petri besteigen, ringt Camp David um den Frieden im Nahen Osten, und in Italien erschüttert die Entführung und Ermordung Aldo Moros durch die Roten Brigaden die Republik bis ins Mark. Vor der Bretagne färbt die havarierte „Amoco Cadiz" das Meer schwarz, im Dschungel Guyanas endet eine amerikanische Sekte in Massenmord und Massensuizid, und in Kambodscha stürzt eine vietnamesische Invasion das Terrorregime der Roten Khmer. In Peking legt die Kommunistische Partei, vom Rest der Welt kaum bemerkt, mit einem Kurswechsel Deng Xiaopings den Grundstein für Chinas wirtschaftlichen Aufstieg, während in Nicaragua der Aufstand gegen die Somoza-Diktatur beginnt und in England das erste „Retortenbaby" zur Welt kommt. Und in Schleswig-Holstein formiert sich eine Bürgerbewegung gegen die Atomkraft, die das Land nachhaltig verändern wird.

Die Schlagzeilen des Jahres

Camp-David-Abkommen: Sadat und Begin ringen um Frieden

Sadat, Carter und Begin unterzeichnen das Camp-David-Abkommen, 1978
Sadat, Carter und Begin unterzeichnen das Camp-David-Abkommen, 1978 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Vorausgegangen war der Schock des Jom-Kippur-Kriegs von 1973 und ein diplomatischer Paukenschlag: Im November 1977 reiste Sadat als erster arabischer Staatschef nach Jerusalem und sprach vor der Knesset — ein Tabubruch, der ihm in der arabischen Welt scharfe Kritik, in Israel aber Hoffnung einbrachte. Als die folgenden Gespräche ins Stocken geraten, lädt US-Präsident Jimmy Carter beide Delegationen auf seinen Landsitz Camp David in Maryland ein. Dort ringen sie vom 5. bis 17. September 1978 dreizehn Tage lang, streckenweise unter Abbruchdrohungen, um einen gemeinsamen Text; Carters Team um Außenminister Cyrus Vance und Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski legt schließlich einen einzigen Kompromissentwurf vor, den beide Seiten Punkt für Punkt verhandeln. Am 17. September unterzeichnen Anwar as-Sadat und Menachem Begin im Beisein Carters zwei Rahmenabkommen: Das erste sieht den vollständigen israelischen Rückzug aus dem seit dem Sechstagekrieg 1967 besetzten Sinai gegen volle diplomatische Anerkennung durch Ägypten vor, das zweite eine — bis heute nicht verwirklichte — Selbstverwaltung der Palästinenser in Westjordanland und Gazastreifen. Es ist der erste Durchbruch in einem Konflikt, der die Weltpolitik seit Jahrzehnten prägt, und macht Sadat zum ersten arabischen Staatschef, der Israel offiziell anerkennt. Sadat und Begin erhalten dafür gemeinsam den Friedensnobelpreis 1978; der eigentliche Friedensvertrag zwischen Ägypten und Israel wird erst am 26. März 1979 in Washington unterzeichnet. Sadat selbst zahlt für die Annäherung einen hohen Preis: In der arabischen Welt gilt der Alleingang vielen als Verrat, Ägypten wird zeitweise aus der Arabischen Liga ausgeschlossen — am 6. Oktober 1981 fällt Sadat einem Attentat islamistischer Offiziere zum Opfer.

Das Drei-Päpste-Jahr: Rom erlebt einen historischen Wechsel

Papst Johannes Paul II. (spätere Aufnahme)
Papst Johannes Paul II. (spätere Aufnahme) (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Am 6. August stirbt Papst Paul VI. (bürgerlich Giovanni Battista Montini) im Sommersitz Castel Gandolfo nach fünfzehn Amtsjahren, in denen er das Zweite Vatikanische Konzil zu Ende geführt und mit der Enzyklika „Humanae vitae" (1968) das Verbot künstlicher Empfängnisverhütung bekräftigt hatte — eine bis heute umstrittene Entscheidung. Am 26. August wählt das Konklave nach nur einem Tag Beratung den Patriarchen von Venedig, Albino Luciani, zum Nachfolger; wegen seines freundlichen Auftretens bald „der lächelnde Papst" genannt, nennt er sich Johannes Paul I. — als erster Papst der Geschichte mit einem Doppelnamen, zum Zeichen der Kontinuität zu seinen beiden Vorgängern. Doch schon in der Nacht zum 28. September, nur 33 Tage nach seiner Wahl, wird er tot in seinem Bett aufgefunden; als Todesursache stellt der Leibarzt einen Herzinfarkt fest. Weil der Vatikan zunächst verschweigt, dass ihn die Ordensschwester Vincenza Taffarel entdeckt hatte, und keine Obduktion vornehmen lässt, ranken sich bis heute Verschwörungstheorien um seinen plötzlichen Tod. Am 16. Oktober überrascht das zweite Konklave des Jahres die Weltöffentlichkeit: Mit dem Erzbischof von Krakau, Karol Wojtyła, besteigt erstmals seit Hadrian VI. im Jahr 1522 wieder ein Nicht-Italiener als Johannes Paul II. den Stuhl Petri — und erstmals überhaupt ein Slawe. Für die kommunistisch regierten Länder Osteuropas, allen voran sein Heimatland Polen, ist die Wahl eines Papstes aus dem eigenen Land ein Ereignis mit erheblicher politischer Sprengkraft, dessen Folgen sich erst in den achtziger Jahren mit der Solidarność-Bewegung voll entfalten. Binnen sieben Wochen hat die katholische Kirche damit drei Päpste — ein Vorgang ohne Beispiel in der jüngeren Kirchengeschichte, der auch die katholische Minderheit im überwiegend evangelischen Schleswig-Holstein mit Anteilnahme verfolgt.

Erstes „Retortenbaby": Louise Brown kommt zur Welt

In-vitro-Fertilisation im Labor — 1978 kommt das erste Retortenbaby zur Welt
In-vitro-Fertilisation im Labor — 1978 kommt das erste „Retortenbaby“ zur Welt (Wikimedia Commons, CC BY 3.0)

Im nordenglischen Oldham bringt Lesley Brown nach neun kinderlosen Jahren — beide Eileiter waren verschlossen — um 23:47 Uhr per Kaiserschnitt ihre Tochter Louise Joy Brown zur Welt, 2.600 Gramm schwer: den ersten Menschen, der durch künstliche Befruchtung außerhalb des Körpers (In-vitro-Fertilisation) gezeugt wurde. Der Gynäkologe Patrick Steptoe vom Oldham General Hospital und der Physiologe Robert Edwards aus Cambridge haben das Verfahren seit Ende der 1960er Jahre über mehr als hundert erfolglose Versuche hinweg entwickelt: eine Eizelle wird der Mutter entnommen, im Labor mit dem Samen des Vaters außerhalb des Körpers befruchtet und der so entstandene Embryo anschließend in die Gebärmutter eingesetzt. Die Geburt löst weltweit ein enormes Medienecho aus — Reporter belagern tagelang die Klinik —, während Kirchenvertreter, darunter der Vatikan, ethische Bedenken gegen den Eingriff in die menschliche Fortpflanzung äußern. Edwards erhält für die Entwicklung 2010 den Nobelpreis für Medizin; Steptoe, 1988 verstorben, kann posthum nicht mehr ausgezeichnet werden. In der Bundesrepublik kommt das erste „Retortenbaby", der kleine Oliver, erst am 16. April 1982 an der Universitätsklinik Erlangen zur Welt. Was viele Zeitgenossen 1978 als Sensation und manche als Zumutung empfinden, wird binnen weniger Jahrzehnte Routine: Millionen Kinder verdanken der Methode seither ihr Leben.

Nicaragua: Aufstand gegen die Somoza-Diktatur

Der Nationalpalast in Managua, Nicaragua
Der Nationalpalast in Managua, Nicaragua (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Seit 1936 regiert die Familie Somoza mit Hilfe der von ihr kontrollierten Nationalgarde Nicaragua nahezu unangefochten; Widerstand formiert sich seit 1961 in der sandinistischen Befreiungsfront FSLN, benannt nach dem 1934 ermordeten Rebellenführer Augusto César Sandino. Die Ermordung des Oppositionsjournalisten Pedro Joaquín Chamorro, Herausgeber der Zeitung „La Prensa" und schärfster Kritiker des Regimes, am 10. Januar entfacht landesweite Proteste, einen Generalstreik der Wirtschaft und einen spontanen Aufstand im indigenen Stadtviertel Monimbó von Masaya gegen die Diktatur Anastasio Somozas. Am 22. August besetzt ein Kommando von 26 Guerilleros der FSLN unter Edén Pastora den Nationalpalast in Managua, in dem gerade das Parlament tagt, und nimmt rund 1.500 Geiseln, darunter Abgeordnete und Verwandte Somozas; nach zwei Tagen erpresst das Kommando freien Abzug, die Freilassung politischer Gefangener und ein hohes Lösegeld. Der allgemeine Volksaufstand, der Anfang September in mehreren Städten — darunter León, Estelí und Chinandega — ausbricht und zeitweise vier der fünf größten Städte des Landes in Aufständischenhand bringt, wird von Somozas Nationalgarde mit Luftangriffen und Panzern niedergeschlagen: Bis Mitte September sind die Städte zurückerobert, schätzungsweise 5.000 Menschen sterben, rund 10.000 werden verletzt. Der Weg zum endgültigen Sturz Somozas im Sommer 1979 ist damit vorgezeichnet.

Schleswig-Holstein wird zum Zentrum des Widerstands gegen Atomkraft

Das Kernkraftwerk Brokdorf, Brennpunkt der Anti-Atomkraft-Bewegung
Das Kernkraftwerk Brokdorf, Brennpunkt der Anti-Atomkraft-Bewegung (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Rund 70 Kilometer westlich der Kieler Förde, an der Unterelbe bei Brokdorf, plant die Energiewirtschaft eines der größten Kernkraftwerke der Bundesrepublik — und stößt bereits seit der Gründung der Bürgerinitiative Umweltschutz Unterelbe (BUU) in Wewelsfleth im November 1973 auf wachsenden Widerstand. Schon am 30. Oktober und 13. November 1976 liefern sich rund 8.000 bzw. mehrere zehntausend Demonstranten am Bauzaun stundenlange Auseinandersetzungen mit der Polizei, die mit Wasserwerfern, Schlagstöcken und aus Hubschraubern versprühtem Tränengas vorgeht; ein gerichtlich verhängter Baustopp vom Dezember 1976 wird im Februar 1977 bestätigt, weil ein Entsorgungsnachweis für den Atommüll fehlt. Bei der Demonstration vom 19. Februar 1977, aufgeteilt auf Itzehoe und den Bauplatz selbst, zählen die Veranstalter rund 50.000 Teilnehmer. Nachdem Landesregierung und Betreiber gleichwohl am Standort festhalten, formiert sich aus den örtlichen Bürgerinitiativen 1978 in Rendsburg die Grüne Liste Schleswig-Holstein (GLSH), eine der ersten „Grünen" Listen der Republik, die bei den Kreistagswahlen in Steinburg und Nordfriesland auf Anhieb über sechs Prozent holt. Die Auseinandersetzung um Brokdorf, die 1981 mit rund 100.000 Demonstranten einen der größten Protestaufmärsche der bundesdeutschen Geschichte und Grundsatzurteile des Bundesverfassungsgerichts zur Versammlungsfreiheit nach sich zieht, prägt von nun an Politik und Öffentlichkeit im ganzen, von der CDU-Landesregierung unter Gerhard Stoltenberg regierten Schleswig-Holstein — auch in der Landeshauptstadt Kiel, deren HDW-Werften an der Förde zugleich mit den Folgen der Öl- und Tankerkrise kämpfen.

Aldo Moro: Entführung und Ermordung durch die Roten Brigaden

Porträt Aldo Moros, italienischer Ministerpräsident a. D.
Aldo Moro, mehrfacher italienischer Ministerpräsident, Vorsitzender der Democrazia Cristiana (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am Morgen des 16. März, dem Tag, an dem das italienische Parlament über die erstmalige Tolerierung einer Regierung durch die Kommunistische Partei unter Enrico Berlinguer abstimmen soll — den von Moro selbst eingefädelten „historischen Kompromiss" —, überfällt ein Kommando der Roten Brigaden (Brigate Rosse) in der römischen Via Fani den Wagen des früheren fünfmaligen Ministerpräsidenten Aldo Moro, Vorsitzender der Democrazia Cristiana. Die fünf Leibwächter werden erschossen, Moro selbst verschleppt und in einer eigens eingerichteten, „Volksgefängnis" genannten Wohnung in Rom festgehalten. 55 Tage lang verhandeln die Entführer über Kommuniqués mit der Öffentlichkeit und verlangen die Freilassung inhaftierter Brigatisten; Regierungschef Giulio Andreotti und die Democrazia Cristiana halten jedoch an der Linie der „fermezza" (Unnachgiebigkeit) fest und lehnen jede Verhandlung ab, auch als aus der Gefangenschaft Briefe Moros an Familie und Weggefährten auftauchen, die eindringlich zum Einlenken mahnen. Am 9. Mai wird Moros Leiche, erschossen mit elf Kugeln, im Kofferraum eines Renault 4 in der Via Caetani aufgefunden — symbolisch auf halbem Weg zwischen den Parteizentralen von Democrazia Cristiana und Kommunisten. Der Mord markiert den Höhepunkt der italienischen „Bleiernen Jahre" und erschüttert die junge Republik bis in ihre Grundfesten; bis heute ranken sich zahlreiche Verschwörungstheorien um Hintergründe und mögliche Mitwisser des Falls.

Jonestown: Massenmord und Massensuizid im Dschungel Guyanas

Das Eingangsschild „Welcome to Jonestown" der Siedlung im Dschungel Guyanas
Das Eingangsschild der Siedlung Jonestown, Guyana, Sitz der Sekte Peoples Temple (Wikimedia Commons, Attribution — The Jonestown Institute, San Diego State University)

In den 1970er Jahren verlegt der US-amerikanische Sektenprediger Jim Jones seine Gemeinschaft Peoples Temple nach Vorwürfen von Missbrauch und Kindesmisshandlung aus Kalifornien in eine eigens gerodete Siedlung im Dschungel Guyanas: Jonestown, benannt nach ihm selbst, in der zuletzt rund 1.000 Anhänger nahezu isoliert von der Außenwelt leben. Als Berichte über Zwangsverhältnisse und Gewalt in der Kolonie die USA erreichen, reist der kalifornische Kongressabgeordnete Leo Ryan mit einer Delegation nach Guyana, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Am 18. November wird Ryan beim Versuch, mit einigen Aussteigern von der Behelfslandebahn in Port Kaituma abzufliegen, gemeinsam mit vier weiteren Personen von bewaffneten Sektenmitgliedern erschossen. Noch am selben Abend lässt Jones seine Anhänger auf einer Versammlung zyanidhaltigen Fruchtpunsch trinken beziehungsweise ihn den Kindern verabreichen; wer sich weigert, wird von bewaffneten Wächtern dazu gezwungen. Über 900 Menschen sterben, darunter mehr als 300 Kinder — bis zu den Anschlägen vom 11. September 2001 die größte Zahl ziviler US-Opfer eines einzelnen, nicht natürlichen Ereignisses. Jones selbst wird tot mit einer Schussverletzung aufgefunden. Das Ereignis, seither Synonym für blinden Sektengehorsam, führt in den USA zu einer bis heute anhaltenden öffentlichen Debatte über die Kontrolle destruktiver religiöser Gemeinschaften.

Ölkatastrophe der „Amoco Cadiz" vor der Bretagne

Der havarierte Supertanker „Amoco Cadiz" zerbricht in der Brandung vor der bretonischen Küste
Der havarierte Supertanker „Amoco Cadiz" zerbricht in der Brandung vor Portsall, März 1978 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Vor der Nordküste der Bretagne verliert der unter liberianischer Flagge fahrende Supertanker Amoco Cadiz bei stürmischer See die Steuerung, nachdem das Ruder ausfällt; Rettungsversuche eines herbeigerufenen deutschen Schleppers scheitern zunächst, weil sich Reederei und Bergungsunternehmen über die Vertragsbedingungen streiten. Am 16. März läuft der 334 Meter lange Tanker vor dem Fischerdorf Portsall auf Felsen auf und bricht binnen weniger Tage vollständig auseinander. Die gesamte Ladung von rund 223.000 Tonnen Rohöl läuft ins Meer — bis dahin die größte Ölkatastrophe in europäischen Gewässern. Der Ölteppich verschmutzt in der Folge mehr als 360 Kilometer bretonischer Küste, vernichtet Austern- und Muschelzucht ganzer Landstriche und tötet Zehntausende Seevögel. Tausende Soldaten und freiwillige Helfer sind über Monate mit der Reinigung von Stränden und Felsen beschäftigt. Der anschließende Rechtsstreit zwischen den betroffenen bretonischen Gemeinden, dem französischen Staat und dem US-Ölkonzern Standard Oil (Amoco) zieht sich vor amerikanischen Gerichten über vierzehn Jahre hin, ehe 1992 rund 190 Millionen Euro Entschädigung zugesprochen werden. Die Katastrophe verändert den internationalen Umgang mit Tankerhavarien nachhaltig und beschleunigt die Verschärfung internationaler Haftungs- und Sicherheitsabkommen für den Öltransport zur See.

Chinas Wende: Drittes Plenum leitet die Reform- und Öffnungspolitik ein

Deng Xiaoping (Mitte) bei einem Staatsbesuch in Tokio, Oktober 1978
Deng Xiaoping (Mitte) mit dem japanischen Ministerpräsidenten Takeo Fukuda (rechts), Tokio, Oktober 1978 (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Zwei Jahre nach dem Tod Mao Zedongs und dem Sturz der radikalmaoistischen „Viererbande" tagt in Peking vom 18. bis 22. Dezember die Dritte Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas. Deng Xiaoping, der sich in innerparteilichen Machtkämpfen gegenüber Mao-Nachfolger Hua Guofeng durchgesetzt hat, nutzt die Tagung, um das Land von der maoistischen Fixierung auf Klassenkampf abzuwenden und stattdessen die wirtschaftliche Modernisierung zum obersten Ziel der Partei zu erklären — verbunden mit einer, wenn auch vorsichtigen, Distanzierung von den Exzessen der Kulturrevolution und der Rehabilitierung zahlreicher zuvor verfolgter Funktionäre. Beschlossen wird der Kurs der „Reform- und Öffnungspolitik" (改革开放): schrittweise Zulassung von Marktmechanismen und privater Initiative in der Landwirtschaft, Öffnung für ausländische Investitionen und Technologie sowie — in den Folgejahren umgesetzt — die Einrichtung von Sonderwirtschaftszonen wie Shenzhen ab 1980. Im Westen zunächst kaum beachtet, erweist sich das Plenum rückblickend als einer der folgenreichsten politischen Kurswechsel des 20. Jahrhunderts: Es leitet den Übergang der Volksrepublik von der Planwirtschaft zu einem staatlich gelenkten Marktsystem ein, der China binnen weniger Jahrzehnte zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Erde werden lässt.

Vietnam stürzt die Roten Khmer in Kambodscha

Soldaten der neuen kambodschanischen Revolutionsarmee am Mekong bei Phnom Penh
Soldaten der neuen, von Vietnam unterstützten Revolutionsarmee Kampucheas am Mekong nahe Phnom Penh (Wikimedia Commons, CC0)

Nach Jahren blutiger Grenzkonflikte — Einheiten der Roten Khmer unter Pol Pot hatten wiederholt vietnamesische Grenzdörfer überfallen und im April 1978 beim Massaker von Ba Chúc rund 3.000 Zivilisten getötet — marschieren am 25. Dezember rund 150.000 Soldaten der vietnamesischen Volksarmee in das von den Roten Khmer als „Demokratisches Kampuchea" beherrschte Nachbarland ein. Der militärisch weit überlegenen, sowjetisch unterstützten Invasion hat das von China unterstützte Regime Pol Pots wenig entgegenzusetzen: Bereits am 7. Januar 1979 erobern vietnamesische Truppen die Hauptstadt Phnom Penh und beenden damit die seit 1975 währende Terrorherrschaft der Roten Khmer, der schätzungsweise 1,7 Millionen Menschen — ein Viertel der kambodschanischen Bevölkerung — durch Hinrichtungen, Zwangsarbeit und Hunger zum Opfer gefallen waren. Vietnam installiert mit Heng Samrin eine ihm nahestehende Regierung der neuen „Volksrepublik Kampuchea". International stößt der Einmarsch, trotz der damit beendeten Gräuel, überwiegend auf Verurteilung als Verletzung der Souveränität; die Vereinten Nationen erkennen noch jahrelang die gestürzten Roten Khmer als rechtmäßige kambodschanische Vertretung an. China revanchiert sich im Februar 1979 mit einem eigenen, wochenlangen Grenzkrieg gegen Vietnam, während versprengte Reste der Roten Khmer von den Grenzgebieten zu Thailand aus noch ein weiteres Jahrzehnt Guerillakrieg führen.

Golda Meir, erste Regierungschefin Israels, stirbt in Jerusalem

Porträt Golda Meirs, ehemalige Ministerpräsidentin Israels
Golda Meir, erste und bislang einzige Ministerpräsidentin Israels (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Golda Meir, 1898 als Golda Mabovitch im ukrainischen Kiew geboren, in Milwaukee aufgewachsen und 1921 nach Palästina ausgewandert, gehört 1948 zu den Unterzeichnerinnen der israelischen Unabhängigkeitserklärung und dient dem jungen Staat als Botschafterin in Moskau sowie als Arbeits- und Außenministerin, ehe sie 1969 als erste und bislang einzige Frau Ministerpräsidentin Israels wird. Ihre Amtszeit endet 1974 unter dem Eindruck massiver Kritik an der mangelnden Vorbereitung auf den Überraschungsangriff im Jom-Kippur-Krieg 1973, wenngleich die Untersuchungskommission unter Richter Shimon Agranat sie später von direkter persönlicher Schuld entlastet. Am 8. Dezember stirbt Meir 80-jährig in Jerusalem; erst nach ihrem Tod wird bekannt, dass sie zwölf Jahre lang heimlich an Leukämie gelitten hatte. Zu ihrem Staatsbegräbnis, an dem Vertreter aus aller Welt teilnehmen, kondolieren auch die Protagonisten des erst wenige Monate zuvor in Camp David geschlossenen Friedensabkommens, Anwar as-Sadat und Menachem Begin — eine Randnotiz, die zeigt, wie eng die Ereignisse dieses Jahres im Nahen Osten miteinander verwoben sind. Meir wird auf dem Herzlberg in Jerusalem beigesetzt.

Bayern wählt: CSU verteidigt die Alleinregierung, Strauß löst Goppel ab

Franz Josef Strauß beim CSU-Wahlkongress in der Münchner Olympiahalle, September 1978
Franz Josef Strauß beim CSU-Wahlkongress in der Münchner Olympiahalle, September 1978 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Die folgenreichste der vier Landtagswahlen dieses Jahres fand am 15. Oktober in Bayern statt. Bei einer Wahlbeteiligung von 76,6 Prozent holte die CSU 59,1 Prozent der Stimmen und 129 der 204 Sitze, die SPD kam auf 31,4 Prozent (65 Sitze), die FDP auf 6,2 Prozent (10 Sitze). Nach 16 Jahren im Amt trat Ministerpräsident Alfons Goppel nicht mehr an; sein Nachfolger an der Staatsregierung wurde CSU-Parteichef Franz Josef Strauß, der mit dem Rückenwind des Wahlsiegs eine erneute Alleinregierung seiner Partei bildete. Für die CSU, die in München bereits im September zu ihrem Wahlkongreß in die Olympiahalle geladen hatte, ist es der ungebrochene Beleg ihrer Sonderstellung im Freistaat.

Auch in Bayern war zum ersten Mal eine grüne Liste angetreten: Ein Bündnis aus Umweltschützern und der Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher kam auf 1,8 Prozent und blieb damit, wie schon zuvor im Jahr in Niedersachsen, Hamburg und Hessen, unterhalb der Fünf-Prozent-Hürde. Vier Landtagswahlen, vier Auftritte solcher „bunter" oder „grüner" Listen — ein Vorgang, der in den etablierten Parteien registriert, aber noch nicht ernst genommen wird. Wie viel daraus wird, muß sich erst noch zeigen.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Niedersachsen, 4. Juni — CDU 48,7 %, SPD 42,2 %. Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) bildet mit knapper Mehrheit erneut eine Alleinregierung; die „Grüne Liste Umweltschutz" verfehlt mit 3,9 % nur knapp den Einzug.
  • Hamburg, 4. Juni — SPD 51,5 %, CDU 37,6 %. Die SPD gewinnt unter Erstem Bürgermeister Hans-Ulrich Klose die absolute Mehrheit zurück; die „Bunte Liste" kommt auf 3,5 %.
  • Hessen, 8. Oktober — CDU 46,0 %, SPD 44,3 %. Die CDU wird erstmals seit 1966 stärkste Kraft, doch SPD und FDP setzen die Koalition unter Ministerpräsident Holger Börner fort; die „Grüne Liste Hessen" bleibt bei 1,1 %.
Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Bei der Kieler Woche stellen 1978 erstmals Nationen ihre Zelte unter dem Rathausturm auf — zunächst als „Europäischer Markt", aus dem sich der bis heute bestehende Internationale Markt auf dem Rathausplatz entwickelt.
  • Im eigenen Land gewinnt Argentinien die Fußball-Weltmeisterschaft: Am 25. Juni schlägt die Gastgeber-Elf im Finale von Buenos Aires die Niederlande mit 3:1 nach Verlängerung.
  • Nach einer sechstägigen Fahrt über den Atlantik landet der Ballon Double Eagle II am 17. August nahe Paris — die erste erfolgreiche Ballon-Atlantiküberquerung der Geschichte, nach mehr als hundert Jahren gescheiterter Versuche.
  • Zum Jahresbeginn tritt in der Bundesrepublik das Bundesdatenschutzgesetz in Kraft — eines der ersten umfassenden Datenschutzgesetze weltweit, das Bürgern erstmals Auskunfts- und Berichtigungsrechte über die eigenen, maschinell verarbeiteten Daten einräumt.

SPORT · 1978

Wie schon vermerkt, wird Argentinien im eigenen Land Fußball-Weltmeister: Im Finale von Buenos Aires am 25. Juni schlägt die Gastgeber-Elf die Niederlande nach Verlängerung mit 3:1 — Mario Kempes, mit sechs Turniertoren bester Torschütze der WM, trifft zum 1:0 und, nach dem niederländischen Ausgleich durch Dick Nanninga, erneut zum 2:1, ehe Daniel Bertoni in der Schlussphase der Verlängerung den Endstand markiert. Das Turnier findet unter der seit dem Militärputsch von 1976 herrschenden Junta um General Jorge Videla statt, die während der Weltmeisterschaft tausende politische Gegner verschleppen und in Geheimgefängnissen foltern lässt; die Nähe von FIFA und Gastgebern zu diesem Regime, dem der Titelgewinn international zu Ansehen verhilft, macht das Turnier bis heute zu einem der politisch umstrittensten der WM-Geschichte. National setzt der 1. FC Köln unter Trainer Hennes Weisweiler mit seinem Double aus Meisterschaft und Pokal den sportlichen Höhepunkt des deutschen Fußballjahres — mit einem der dramatischsten Schlusstage der Bundesliga-Geschichte: Am letzten Spieltag, dem 29. April, besiegt der Lokalrivale Borussia Mönchengladbach zwar Borussia Dortmund mit 12:0, dem bis heute höchsten Sieg der Bundesliga-Historie — doch Köln gewinnt zeitgleich in Hamburg gegen den FC St. Pauli mit 5:0 und sichert sich bei Punktgleichheit dank des besseren Torverhältnisses um drei Tore die Meisterschaft, nachdem der Klub bereits zuvor den DFB-Pokal gegen Fortuna Düsseldorf gewonnen hatte.

MODE · 1978

Der Kinoerfolg „Saturday Night Fever" mit John Travolta, in Deutschland bereits 1977 angelaufen und 1978 in aller Munde, wirkt weit ins Jahr nach: Der von den Bee Gees geprägte Soundtrack — Titel wie „Stayin' Alive" und „Night Fever" belegen 1978 auch in den deutschen Jahrescharts vordere Plätze — macht Disco endgültig zum Massenphänomen. Discomode mit glänzenden Lurex-Stoffen, weiten Hemdkragen über der Jacke, tief sitzenden Gürteln und eng sitzenden Jeans erobert Tanzflächen und Straßen gleichermaßen; Plateauschuhe, die die Straßenmode der vorangegangenen Jahre prägten, verlieren zusehends an Boden. Wer nicht selbst zum Discoball wird, trägt zumindest hautenge Hosen und auffällige Stoffe, die das Kunstlicht der Clubs reflektieren — ein Stil, der auch in den Diskotheken Kiels und der Landeshauptstadt-Umgebung an der Förde Einzug hält, während sich andernorts in der Bundesrepublik mit der aufkommenden Punk-Bewegung bereits ein bewusster Gegenentwurf zur glatten Glamour-Ästhetik der Discowelle formiert.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1978

  • Sigmund Jähn fliegt als erster Deutscher ins All (26. August 1978). Der DDR-Kosmonaut startet mit Sojus 31 zur Raumstation Saljut 6 — eine bundesweit beachtete Premiere der deutschen Raumfahrtgeschichte, diesseits wie jenseits der Mauer.
  • Pina Bausch bringt „Kontakthof" zur Uraufführung (9. Dezember 1978, Wuppertal). Eines der berühmtesten Werke der Choreografin feiert in Wuppertal Premiere und wird zu einem Meilenstein des deutschen Tanztheaters, der weit über das Bergische Land hinaus Beachtung findet.
  • 1. FC Köln gewinnt das Double (April 1978). Nach dem 2:0 im DFB-Pokalfinale gegen Fortuna Düsseldorf sichert sich der Klub vom Rhein zwei Wochen später auch die Deutsche Meisterschaft — die erfolgreichste Saison seiner Vereinsgeschichte, bundesweit gefeiert.
  • Werner Arber, Daniel Nathans und Hamilton Smith erhalten den Medizin-Nobelpreis für die Entdeckung der Restriktionsenzyme (Oktober 1978). Die bakteriellen „Genscheren" erlauben es erstmals, DNA gezielt zu zerschneiden, und legen damit den Grundstein für die moderne Gentechnik.
  • Muhammad Ali wird als erster Boxer dreimal Schwergewichts-Weltmeister (15. September 1978). Im Rückkampf gegen Leon Spinks in New Orleans holt er sich den Titel nach Punkten zurück — ein Rekord, der bis heute Bestand hat.
  • THW Kiel bestreitet seine erste Saison in der neuen, bundesweit eingleisigen Handball-Bundesliga (Saison 1977/78). Der Verein von der Kieler Ostseehalle hält die Klasse und ist seither ohne Unterbrechung erstklassig — der Grundstein für den späteren Aufstieg zum Rekordmeister der Bundesliga-Geschichte.

DAS WETTER · 1978 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein kühler, trüber Sommertag: Höchstwert nur 14,0 °C, in der Nacht 10,7 °C, im Mittel 12,3 °C; kein Tropfen Regen fiel.

Das Jahr über: Im Mittel 7,8 °C — ein kühles Jahr. Wärmster Tag 29,1 °C am 1. August, kältester −15,2 °C am 20. Februar. 0 Hitzetage (≥ 30 °C), 23 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 1055 mm.

(Messwerte der Station Schleswig, rund 40 km nordwestlich — die nächstgelegene durchgehend messende Station, da die Kieler Station Holtenau für diese Jahre Messlücken aufweist; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1978

Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.

  1. Das Lied Der Schlümpfe — Vader Abraham
  2. Rivers Of Babylon — Boney M.
  3. You're The One That I Want — John Travolta & Olivia Newton-John
  4. Hiroshima — Wishful Thinking
  5. Stayin' Alive — Bee Gees
  6. Mull Of Kintyre — Wings
  7. I Can't Stand The Rain — Eruption feat. Precious Wilson
  8. Heidi — Gitti und Erica
  9. Lay Love On You — Luisa Fernandez
  10. Follow Me — Amanda Lear
  11. Und Dabei Liebe Ich Euch Beide — Andrea Jürgens
  12. Follow You Follow Me — Genesis
  13. Baker Street — Gerry Rafferty
  14. We Are The Champions — Queen
  15. Ça Plane Pour Moi — Plastic Bertrand
  16. Night Fever — Bee Gees
  17. Take A Chance On Me — ABBA
  18. One For You, One For Me — La Bionda
  19. Love Is In The Air — John Paul Young
  20. If You Can't Give Me Love — Suzi Quatro

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).