DER CHRONIST

Ein Jahr der Zäsuren und Umbrüche: In Karlsruhe wächst aus Bürgerprotest eine neue Partei, in Bonn behauptet sich der Kanzler gegen den bayerischen Herausforderer, und in München reißt eine Bombe mitten im Volksfest Menschen in den Tod. An der Ostsee erhebt sich eine Werftarbeiterschaft gegen die Staatsmacht, während weiter südlich in Bologna rechtsextremer Terror erneut zuschlägt. Afrika gewinnt mit Simbabwe einen neuen unabhängigen Staat, Jugoslawien verliert mit Tito seinen jahrzehntelangen Übervater, und in Amerika kündigt sich mit Ronald Reagans Wahlsieg und dem Sendestart von CNN ein neues Zeitalter der Politik und der Medien an. Mitten in Kiel schließlich weigern sich junge Leute, leerstehende Altbauten weiter leerstehen zu lassen, und besetzen den Sophienhof. Am Ende dieses Jahres steht die Welt an mehreren Wendepunkten zugleich — manche friedlich errungen, manche mit Gewalt erkauft.

Die Schlagzeilen des Jahres

Aus der Protestbewegung wird Partei: Die Grünen gründen sich in Karlsruhe

Die Stadthalle Karlsruhe, Gründungsort der Grünen 1980
Die Stadthalle Karlsruhe, Gründungsort der Grünen 1980 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Der Gründung geht ein jahrelanges Zusammenwachsen lokaler Protestmilieus voraus: Seit 1977 treten in mehreren Bundesländern „Grüne Listen" zu Wahlen an — die Grüne Liste Umweltschutz (GLU) erreicht 1978 bei der niedersächsischen Landtagswahl 3,86 Prozent, die Bunte Liste in Hamburg 3,5 Prozent, und im Oktober 1979 zieht die Bremer Grüne Liste mit 5,1 Prozent als erste grüne Wählervereinigung überhaupt in ein Landesparlament ein. Bundesweit organisiert sich die Bewegung ab dem 17./18. März 1979 in Frankfurt als „Sonstige Politische Vereinigung Die Grünen" (SPV) und holt bei der Europawahl im Juni 1979 aus dem Stand 3,2 Prozent beziehungsweise rund 900.000 Stimmen.

Am 12. und 13. Januar 1980 wird daraus im Kongresszentrum Karlsruhe vor 1.004 Delegierten die Bundespartei Die Grünen — formal eine Umgründung der SPV, die der jungen Partei auch den Zugriff auf 4,5 Millionen Mark Wahlkampfkostenerstattung sichert. Unter dem Motto „ökologisch, basisdemokratisch, sozial, gewaltfrei" wächst aus Anti-Atomkraft-Gruppen, Friedensbewegung, Fraueninitiativen und Neuer Linker die erste neue Kraft im westdeutschen Parteiensystem seit den fünfziger Jahren. Auf dem Programmparteitag im März 1980 in Saarbrücken beschließen die Delegierten ihr Grundsatzprogramm — Atomausstieg, einseitige Abrüstung, die 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich und die Streichung des § 218 — und wählen mit Petra Kelly, Norbert Mann und August Haußleiter eine dreiköpfige Sprecherspitze, die dem basisdemokratischen Prinzip der Ämterrotation Ausdruck verleihen soll.

Der Nährboden liegt auch vor der eigenen Haustür: Keine Autostunde von Kiel entfernt, an der Unterelbe bei Brokdorf, wird seit 1976 gegen den Bau eines Kernkraftwerks demonstriert — bei der Bauplatz- besetzung im Februar 1977 kommt es zu schweren Ausschreitungen zwischen rund 30.000 Demonstranten und der Polizei. Als der Bau Ende 1980 eine Teilerrichtungsgenehmigung erhält, demonstrieren gegen den drohenden Wiederbeginn der Arbeiten erneut rund 10.000 Menschen. Der Widerstand gegen Brokdorf, seit Jahren einer der Brennpunkte der bundesdeutschen Anti-AKW-Bewegung, gehört zu den Wurzeln, aus denen sich die neue Partei speist. Auch in Schleswig-Holstein selbst hat sich bereits im Mai 1978 in Rendsburg eine Grüne Liste Schleswig-Holstein (GLSH) gegründet, die bei der Landtagswahl 1979 mit 2,4 Prozent an der Fünf-Prozent-Hürde scheitert. Die GLSH gehört 1980 zu den Gründungsorganisationen der Bundespartei — nur wenige Wochen später verlassen jedoch viele ihrer Mitglieder die neue Partei wieder, weil ihnen das in Saarbrücken beschlossene Programm zu links ist; erst im November 1982 geht die GLSH im Landesverband der Grünen Schleswig-Holstein auf.

„Kanzler bleibt Kanzler": Schmidt setzt sich gegen Strauß durch

Franz Josef Strauß (r.), Kanzlerkandidat 1980
Franz Josef Strauß (r.), Kanzlerkandidat 1980 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Der Wahlkampf steht im Schatten des NATO-Doppelbeschlusses vom Dezember 1979, der der Bundesrepublik die Stationierung neuer Mittelstreckenraketen in Aussicht stellt und die SPD tief spaltet, sowie im Schatten der zweiten Ölpreiskrise und des sowjetischen Einmarschs in Afghanistan. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß tritt bei der Bundestagswahl zum 9. Deutschen Bundestag als erster CSU-Politiker überhaupt als gemeinsamer Kanzlerkandidat von CDU und CSU an — ein Mann, der ebenso glühende Anhänger wie erbitterte Gegner findet und dessen Kandidatur die Wahl zur Richtungsentscheidung zuspitzt. Amtsinhaber Helmut Schmidt (SPD) punktet dagegen als international erfahrener Krisenmanager. Bei einer Wahlbeteiligung von 88,6 Prozent kommt die Union zwar auf 44,5 Prozent (CSU 57,6, CDU 34,2), die SPD fällt auf 42,9 Prozent zurück — doch die sozialliberale Koalition aus SPD und FDP (10,6 Prozent) verteidigt mit 53,5 Prozent der Stimmen ihre Mehrheit. Im neuen, 497 Sitze zählenden 9. Deutschen Bundestag stellt die Union 226 Abgeordnete, die SPD 218 und die FDP 53 (jeweils zuzüglich der Berliner Abgeordneten ohne Stimmrecht). Am 5. November wählt der Bundestag Schmidt erneut zum Kanzler, tags darauf wird das Kabinett Schmidt III vereidigt — die Koalition hält freilich nur bis zum Herbst 1982, als die FDP die Seiten wechselt und Helmut Kohl zum Kanzler wählen lässt. Die im Januar in Karlsruhe gegründeten Grünen treten erstmals bundesweit an und erreichen 1,5 Prozent — zu wenig für den Einzug ins Parlament, aber ein erstes Achtungszeichen. In Schleswig-Holstein selbst hatte sich die Union anderthalb Jahre zuvor noch deutlicher behauptet: Bei der Landtagswahl vom 29. April 1979 verteidigte die CDU unter Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg im Kieler Landtag mit 48,3 Prozent und nur einem Sitz Vorsprung ihre absolute Mehrheit — obwohl SPD, FDP und SSW zusammengenommen mehr Stimmen erhalten hatten. Ein eigener Landtag wird in Schleswig-Holstein 1980 nicht gewählt.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Baden-Württemberg, 16. März — CDU 53,4 %, SPD 32,5 %. Ministerpräsident Lothar Späth (CDU) verteidigt seine klare Mehrheit, die erstmals angetretenen Grünen ziehen mit 5,3 Prozent in den Stuttgarter Landtag ein.
  • Saarland, 27. April — SPD 45,4 %, CDU 44,0 %. Die SPD unter ihrem neuen Landesvorsitzenden Oskar Lafontaine wird erstmals stärkste Kraft, doch Ministerpräsident Werner Zeyer (CDU) bleibt mit Unterstützung der FDP im Amt.
  • Nordrhein-Westfalen, 11. Mai — SPD 48,4 %, CDU 43,2 %. Die FDP verfehlt knapp die Fünf-Prozent-Hürde; Ministerpräsident Johannes Rau (SPD) regiert fortan mit einer absoluten Mehrheit allein.

Bombenanschlag auf das Münchner Oktoberfest

Die Theresienwiese in München, Ort des Oktoberfest-Attentats 1980
Die Theresienwiese in München, Ort des Oktoberfest-Attentats 1980 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.5)

Um 22.19 Uhr detoniert am Haupteingang des Oktoberfests an der Bavariaring eine selbstgebaute Rohrbombe: 13 Menschen sterben, darunter der 21-jährige Attentäter Gundolf Köhler, 221 weitere werden verletzt, 68 von ihnen schwer. Es ist der folgenschwerste Terroranschlag in der Geschichte der Bundesrepublik.

Köhler, ein Geologiestudent aus Donaueschingen, war Mitglied der neonazistischen Wiking-Jugend und der Wehrsportgruppe Hoffmann (WSG) gewesen — jener paramilitärischen, 400 bis 600 Mitglieder zählenden Neonazi-Miliz um den Unternehmer Karl-Heinz Hoffmann, die Bundesinnenminister Gerhart Baum bereits am 30. Januar 1980, acht Monate vor dem Anschlag, als verfassungswidrig verboten und bei Razzien in 23 Objekten in drei Bundesländern hatte auflösen lassen — rund 500 Polizisten stellten damals unter anderem Handgranaten, Maschinenpistolen, Karabiner und sogar ein Flakgeschütz sicher. Hoffmann selbst verlegte seine Gruppe daraufhin ins Ausland und bestritt zeitlebens jede Verbindung zum Attentat.

Die erste Sonderkommission stufte Köhler noch 1982 als politisch isolierten Einzeltäter ein; Zweifel an dieser Version — genährt durch zerstörte Asservate und ein nie restlos aufgeklärtes, am Tatort gefundenes Handfragment — begleiten den Fall seit Jahrzehnten. Erst ab dem 11. Dezember 2014 nahm der Generalbundesanwalt die Ermittlungen wieder auf; am 6. Juli 2020 wurden sie endgültig eingestellt. Das Ergebnis: Köhlers rechtsextreme, auf eine Umwälzung hin zu einem „Führerstaat" zielende Motivation gilt seither als erwiesen, Mittäter oder Mitwisser konnten jedoch weder bewiesen noch ausgeschlossen werden. Seit 1991 erinnert eine dauerhafte Gedenkstätte auf der Theresienwiese an die Opfer, seither jährlich auch eine Gedenkveranstaltung am 26. September.

Streik an der Ostsee: Danziger Werftarbeiter gründen Solidarność

Lech Wałęsa, Mitbegründer der Solidarność, 1980
Lech Wałęsa, Mitbegründer der Solidarność, 1980 (Wikimedia Commons, CC0)

Es ist nicht der erste Aufstand der Ostseewerften: Schon im Dezember 1970 hatte die Danziger und Gdinger Werftarbeiterschaft gegen Preiserhöhungen gestreikt, die Staatsmacht schlug den Protest damals blutig nieder; 1976 folgten nach erneuten Preiserhöhungen Streiks in Ursus und Radom. Im Sommer 1980 lösen weitere Preissteigerungen für Fleisch eine neue Streikwelle aus, die im Juli in Lublin beginnt (der „Lubliner Juli") und sich über das Land ausbreitet. Ausgelöst durch die Entlassung der Kranführerin Anna Walentynowicz, legen am 14. August die Arbeiter der Leninwerft in Danzig die Arbeit nieder; der Elektriker Lech Wałęsa, selbst 1976 aus der Werft entlassen, klettert über den Werftzaun und übernimmt die Führung des Streiks. Am 16. August schließen sich Danziger Betriebe zu einem überbetrieblichen Streikkomitee (MKS) zusammen, das am Folgetag 21 Forderungen verkündet — an erster Stelle das Recht auf freie, von der Partei unabhängige Gewerkschaften. Bis Ende August vertritt das MKS bereits rund 700 Betriebe. Parallel handeln Streikkomitees in Stettin und im oberschlesischen Kohlerevier eigene Abkommen aus; in Danzig verhandelt für die Regierung Vizepremier Mieczysław Jagielski. Am 31. August unterzeichnet die polnische Regierung das „Danziger Abkommen" und erkennt Streikrecht sowie unabhängige, selbstverwaltete Gewerkschaften an — am 17. September gründet sich in Danzig die Solidarność („Solidarität"), die erste freie Gewerkschaft im gesamten sowjetischen Machtbereich. Sie wächst binnen weniger Monate auf rund zehn Millionen Mitglieder und trägt einen fünfzehn Monate währenden „Karneval der Solidarität" bis zur gewaltsamen Unterdrückung durch das von General Wojciech Jaruzelski verhängte Kriegsrecht am 13. Dezember 1981. Wenige Monate zuvor hatte die Bundesrepublik, gemeinsam mit den USA und insgesamt 64 weiteren Staaten, aus Protest gegen den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan die Olympischen Sommerspiele in Moskau boykottiert — die niedrigste Teilnehmerzahl seit 1956 (siehe Sportspiegel). Solidarność und Boykott stehen für dasselbe Jahr des Ost-West-Konflikts.

Kiel: Der Sophienhof wird besetzt — „Wir bleiben drin!"

Der Sophienhof in Kiel
Der Sophienhof in Kiel (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Um 18 Uhr besetzen Aktivisten der Initiative „Schöner Wohnen" zwei Wohnungen in den Jugendstilbauten Sophieneck und Sophienhof am Kieler Sophienblatt — über 400 Quadratmeter, die seit mehr als fünf Jahren leer stehen, während in der Landeshauptstadt Wohnungen knapp sind. Es ist die erste Hausbesetzung in Kiel überhaupt. Rund 700 Menschen feiern ein Solidaritätsfest vor den besetzten Häusern; ein Flugblatt vom 5. Dezember verkündet trotzig „Wir bleiben drin!". Die Stadt, vertreten durch das Liegenschaftsamt unter Hans Mehrens und Ordnungsdezernent Claus Möller, verhandelt in den folgenden Wochen mit den Besetzern — Streitpunkt bleibt, ob die alte Bausubstanz einem geplanten Einkaufszentrum weichen soll. Die Aktion reiht sich ein in die bundesweite Hausbesetzerbewegung, die sich seit dem Frühjahr — mit ersten Treffen im Berliner Kreuzberg — von Stadt zu Stadt ausbreitet: Bundesweit stehen rund eine Million Wohnungssuchende Zehntausenden leerstehenden, oft aus Spekulation ungenutzten Wohnungen gegenüber. In Kiel findet die Bewegung im März 1981 einen Nachfolger, als Aktivisten ein Haus in der Hansastraße 48 besetzen; anders als am Sophienblatt bleibt diese Besetzung von Dauer. Der Kampf um die Sophienblatt-Altbauten dagegen bleibt bis zu ihrer Räumung und ihrem Abriss 1983 ein Politikum — an ihrer Stelle entsteht das noch heute so benannte Einkaufszentrum Sophienhof.

Aus Rhodesien wird Simbabwe: Ein neuer Staat feiert seine Freiheit

Unabhängigkeitsfeier Simbabwes im Rufaro-Stadion, 18. April 1980
Unabhängigkeitsfeier Simbabwes im Rufaro-Stadion, 18. April 1980 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0)

Nach dem im Dezember 1979 in London geschlossenen Lancaster-House-Abkommen und britisch überwachten Wahlen im Februar 1980, aus denen Robert Mugabes ZANU-Partei als klarer Sieger hervorgeht, endet um Mitternacht auf den 18. April im Rufaro-Stadion der Hauptstadt Salisbury neunzig Jahre weißer Siedlerherrschaft: Der britische Union Jack wird ein letztes Mal eingeholt, die neue Flagge Simbabwes gehisst. Die Stadt trägt fortan wieder ihren vorkolonialen Namen Harare. Der jahrelange Bürgerkrieg zwischen der weißen Minderheitsregierung Ian Smiths, der 1965 einseitig die Unabhängigkeit von Rhodesien erklärt hatte, und den schwarzen Befreiungsbewegungen ZANU und ZAPU findet damit ein Ende, das international als seltenes Beispiel eines friedlich ausgehandelten Machtwechsels gilt.

Zur Feier reisen Delegationen aus rund hundert Staaten an, unter ihnen elf Staatsoberhäupter sowie Prinz Charles als Vertreter der bisherigen Kolonialmacht. Den eigentlichen Höhepunkt der Nacht liefert jedoch ein Musiker: Bob Marley lässt sich Auftritt samt Bühnentechnik seiner Band The Wailers selbst finanzieren und verzichtet auf jede Gage, um vor Zehntausenden sein eigens komponiertes Lied „Zimbabwe" zu spielen — für ihn, sagt er später, die größte Ehre seiner Karriere. Simbabwe wird zum letzten Staat des früheren Zentralafrikanischen Föderation, der die Unabhängigkeit erlangt.

Jugoslawien verliert seinen Übervater: Josip Broz Titos Tod

Staatsbegräbnis von Josip Broz Tito, 8. Mai 1980
Staatsbegräbnis von Josip Broz Tito in Belgrad, 8. Mai 1980 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 rs)

Nach monatelangem Siechtum und der Amputation eines Beins stirbt Josip Broz Tito am 4. Mai um 15.05 Uhr in einer Klinik in Ljubljana — wenige Tage vor seinem 88. Geburtstag. Der Partisanenführer des Zweiten Weltkriegs, der 1948 als einziger kommunistischer Staatschef den Bruch mit Stalin wagte und danach einen eigenen Weg des „Selbstverwaltungssozialismus" einschlug, hatte Jugoslawien 35 Jahre lang als Präsident auf Lebenszeit zusammengehalten. 1961 rief er in Belgrad gemeinsam mit Nehru und Nasser die Bewegung der Blockfreien Staaten ins Leben und verschaffte dem kleinen Vielvölkerstaat damit weit über seine Größe hinaus weltpolitisches Gewicht.

Sein Staatsbegräbnis am 8. Mai in Belgrad gilt als das größte der Geschichte: Delegationen aus 127 Ländern nehmen teil, darunter Sowjetführer Leonid Breschnew, Bundeskanzler Helmut Schmidt, DDR-Staatschef Erich Honecker und die britische Premierministerin Margaret Thatcher — Repräsentanten aus NATO-, Warschauer-Pakt- und blockfreien Staaten stehen gemeinsam am Grab. Weil Tito rechtzeitig vorgesorgt hatte, geht die Macht ohne Bruch an ein von ihm selbst eingerichtetes, nach der Verfassung von 1974 jährlich rotierendes Staatspräsidium über, dessen Vorsitz ab Mai 1980 der Bosnier Cvijetin Mijatović übernimmt. Ob das lose Bündnis der jugoslawischen Teilrepubliken auch ohne den einigenden „Übervater" Bestand haben wird, bleibt eine offene, folgenschwere Frage.

Rund um die Uhr Nachrichten: Der Kabelsender CNN geht auf Sendung

Ted Turner, Gründer von CNN
Ted Turner, Gründer von CNN, bei einem späteren Auftritt (2015) — ein zeitgenössisches Foto vom Sendestart 1980 ist nicht verfügbar (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Um 18 Uhr Ostküstenzeit strahlt der amerikanische Unternehmer Ted Turner in Atlanta die erste Sendung des Cable News Network (CNN) aus — des weltweit ersten Fernsehsenders, der rund um die Uhr ausschließlich Nachrichten zeigt. Mit rund 170 Mitarbeitern am Hauptsitz und weiteren 130 in Studios in Chicago, Dallas, Los Angeles, New York, San Francisco und Washington startet Turner gemeinsam mit Mitgründer Reese Schonfeld ein Projekt, das Branchenkenner zunächst als „Chicken Noodle News" verspotten — ein Nachrichtensender ganz ohne die etablierten Abendshows der großen Networks ABC, CBS und NBC schien vielen unwirtschaftlich.

Turner selbst tritt bei der Eröffnung mit dem Versprechen an, so lange zu senden, „bis die Welt untergeht" — und tatsächlich etabliert CNN in den folgenden Jahren das rund um die Uhr laufende Nachrichtenformat, das spätestens mit der Live-Berichterstattung aus dem Golfkrieg 1991 weltberühmt wird. In der Bundesrepublik, wo 1980 noch allein ARD und ZDF das Fernsehprogramm bestreiten, wirkt ein privater Nachrichtenkanal rund um die Uhr wie Zukunftsmusik; erst 1984 mit dem Kabelpilotprojekt und der Gründung von RTL und Sat.1 beginnt hierzulande das Zeitalter des Privatfernsehens, für das CNN in Amerika bereits den Weg bereitet hat.

Rechtsterror in Italien: Bombenanschlag auf den Bahnhof von Bologna

Der wiederhergestellte Warteraum im Bahnhof Bologna mit Gedenkkränzen
Der wiederhergestellte Warteraum im Bahnhof Bologna, Ort des Anschlags — hier mit Gedenkkränzen, fotografiert 2012 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Um 10.25 Uhr, mitten in der Hauptreisezeit des italienischen Sommers, zerreißt eine in einem Koffer versteckte Bombe den Warteraum zweiter Klasse im Hauptbahnhof von Bologna: 85 Menschen sterben, mehr als 200 weitere werden verletzt. Es ist der folgenschwerste Terroranschlag der italienischen Nachkriegsgeschichte — im selben Jahr, in dem auch das Münchner Oktoberfest Ziel rechtsextremen Terrors wird (siehe Schlagzeile 3).

Die Ermittlungen führen zur neofaschistischen Gruppe Nuclei Armati Rivoluzionari (NAR), einem Ableger der verbotenen Organisation Ordine Nuovo. Verhaftungen gibt es bis zum Jahresende nicht; die Ermittlungen dauern an. Der Anschlag reiht sich ein in die sogenannte „Strategia della tensione", jene Serie rechtsextremer Bombenattentate, die seit dem Anschlag auf die Piazza Fontana in Mailand 1969 Italien immer wieder erschüttert und ein Klima der Angst erzeugen soll, das autoritäre „Ordnungslösungen" begünstigt. Die Bahnhofsuhr blieb beim Anschlag auf 10.25 Uhr stehen; sie soll nach dem Willen der Stadt in diesem Zustand bleiben.

Erdrutschsieg in Amerika: Reagan löst Carter als Präsident ab

Ronald Reagan bei einer Wahlkampfkundgebung vor dem US-Kapitol, 15. September 1980
Ronald Reagan, George Bush und Howard Baker bei einer Wahlkampfkundgebung vor dem US-Kapitol, 15. September 1980 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Bei der Präsidentschaftswahl am 4. November unterliegt der demokratische Amtsinhaber Jimmy Carter dem republikanischen Herausforderer Ronald Reagan, einem früheren Hollywood-Schauspieler und Gouverneur von Kalifornien, in einem historischen Erdrutschsieg: Reagan erhält 50,7 Prozent der Stimmen gegen 41,0 Prozent für Carter, der unabhängige Kandidat John B. Anderson kommt auf 6,6 Prozent. Im Electoral College fällt das Ergebnis noch deutlicher aus — 489 zu 49 Wahlmännerstimmen, 44 der 50 Bundesstaaten gehen an Reagan. Carters Amtszeit war überschattet von der seit November 1979 andauernden Geiselnahme in der amerikanischen Botschaft in Teheran, dem Scheitern der militärischen Befreiungsaktion „Eagle Claw" im April 1980 sowie einer Wirtschaft aus hoher Inflation und Arbeitslosigkeit zugleich.

Für die Bundesrepublik und die NATO-Verbündeten bedeutet der Machtwechsel in Washington einen deutlich härteren Kurs gegenüber der Sowjetunion: Reagan, der am 20. Januar 1981 vereidigt wird — am selben Tag, an dem die 52 amerikanischen Geiseln in Teheran endlich freikommen —, setzt in den kommenden Jahren auf massive Aufrüstung und konsequente Umsetzung des NATO-Doppelbeschlusses (siehe Schlagzeile 2). Die Friedensbewegung, die sich auch in Kiel und Schleswig-Holstein gegen die geplante Stationierung neuer Mittelstreckenraketen formiert, gewinnt damit in den kommenden Jahren erst recht an Zulauf.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Am 8. Dezember wird John Lennon vor seinem Wohnhaus, dem Dakota-Building in New York, von einem seiner eigenen Fans, Mark David Chapman, erschossen — die Welt trauert um die Stimme einer ganzen Generation.
  • Am 22. September überfällt der Irak unter Saddam Hussein den Iran und eröffnet damit den Ersten Golfkrieg, der acht Jahre dauern und rund eine Million Menschenleben kosten wird.
  • Am 18. Mai bricht im US-Bundesstaat Washington der Vulkan Mount St. Helens aus — der gewaltigste Vulkanausbruch in der Geschichte der USA reißt den halben Gipfel weg, tötet 57 Menschen und legt weite Landstriche unter meterdicker Asche.
  • Am 10. September läuft auf der Kieler Werft Howaldtswerke-Deutsche Werft (HDW) das für die indonesische Marine gebaute U-Boot „Nanggala" vom Stapel — ein Exporterfolg, der die Bedeutung des Kieler Schiffbaus für den Weltmarkt unterstreicht.

SPORT · 1980

Das Sportjahr steht im Zeichen des Boykotts: Die Bundesrepublik bleibt, einem Aufruf des amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter folgend und nach einem entsprechenden Bundestagsbeschluss, den Olympischen Sommerspielen in Moskau (19. Juli bis 3. August) fern — Protest gegen den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan (siehe Schlagzeile 4). Insgesamt 64 Staaten boykottieren die Spiele, darunter die USA, Japan und weite Teile Westeuropas; es ist die niedrigste Teilnehmerzahl seit 1956. Nur die Segelwettbewerbe finden ohnehin fernab von Moskau statt: Sie werden ins estnische Tallinn an die Ostsee verlegt — auch dort bleiben westdeutsche Segler dem Boykott treu fern. Die DDR dagegen tritt in Moskau an. Bei den Winterspielen im amerikanischen Lake Placid sorgt Eisschnellläufer Eric Heiden für Aufsehen: Er gewinnt als bislang einziger Sportler überhaupt bei Olympischen Winterspielen alle fünf Eisschnelllauf-Wettbewerbe (500 m, 1000 m, 1500 m, 5000 m, 10.000 m) und damit fünf Goldmedaillen. Die US-Eishockeyauswahl, ein Team aus Collegespielern und Amateuren, schreibt am 22. Februar mit ihrem 4:3-Sieg über die favorisierte Sowjetunion im Halbfinale als „Miracle on Ice" Sportgeschichte und holt tags darauf gegen Finnland auch noch Gold. Fußballerisch ist 1980 für die Bundesrepublik ohnehin ein Erfolgsjahr — der EM-Titel in Rom findet sich bereits unter den Lichtblicken dieser Ausgabe.

MODE · 1980

Die Mode kündigt den Stilwechsel des neuen Jahrzehnts an: Schulterpolster erobern Blazer und Kleider, der glamouröse „Dynasty"-Look mit betonter Silhouette und kräftigen Farben nimmt seinen Anfang. Der italienische Designer Giorgio Armani, der Ende der siebziger Jahre den weich fallenden „Power-Anzug" für Männer wie Frauen salonfähig gemacht hat, prägt mit seiner entspannten, aber statusbewussten Linie den neuen Business-Look. Gleichzeitig erobern Jogginganzüge und Trainingsjacken zunehmend die Straße statt nur den Sportplatz — ein Vorbote der Freizeit- und Fitnesswelle der frühen Achtziger. Auch an der Förde greifen jüngere Kielerinnen in den Modehäusern der Holstenstraße die selbstbewusste neue Business-Optik auf — ein Kontrast zum wollbepullten Öko-Look der gerade gegründeten Grünen.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1980

  • Deutschland wird Fußball-Europameister (22. Juni 1980). Mit einem 2:1 gegen Belgien in Rom, beide Tore durch Horst Hrubesch, sichert sich die bundesdeutsche Nationalmannschaft ihren zweiten EM-Titel nach 1972.
  • „Die Blechtrommel" gewinnt als erster deutscher Film den Oscar (April 1980). Die Verfilmung des Günter-Grass-Romans wird als bester fremdsprachiger Film ausgezeichnet — ein historischer Erfolg für das deutsche Nachkriegskino.
  • Pina Bausch zeigt „1980 – Ein Stück von Pina Bausch" (18. Mai 1980, Wuppertal). Mit grünem Rasen als Bühnenbild wird das Tanztheaterstück zu einem der meistbeachteten deutschen Kulturereignisse des Jahres.
  • Die WHO erklärt die Pocken für ausgerottet (8. Mai 1980). Die Weltgesundheitsversammlung besiegelt den Erfolg einer weltweiten Impfkampagne — die erste und bislang einzige Krankheit, die die Menschheit vollständig besiegt hat.
  • Nobelpreis für die Entschlüsselung des Erbguts (Oktober 1980). Frederick Sanger, Walter Gilbert und Paul Berg erhalten den Chemie-Nobelpreis für ihre Methoden zur DNA-Sequenzierung und Gentechnik — die Grundlage der modernen Biotechnologie ist gelegt.
  • Die 86. Kieler Woche lockt wieder die Welt an die Förde (21.–29. Juni 1980). Trotz Kaltem Krieg und Olympia-Boykott treffen sich Zehntausende Segler und Gäste aus aller Welt zur größten Segelsportveranstaltung der Welt — ein Fest der Begegnung mitten in angespannter Zeit.

DAS WETTER · 1980 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein nasskalter Sommertag: Höchstwert nur 14,2 °C, in der Nacht 10,6 °C, im Mittel 11,8 °C; ein kräftiger Landregen brachte 25,5 mm.

Das Jahr über: Im Mittel 7,5 °C — kühl und nass. Wärmster Tag 27,2 °C am 5. Juni, kältester −12,3 °C am 7. Dezember. 0 Hitzetage (≥ 30 °C), 26 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 1115 mm.

(Messwerte der Station Schleswig, rund 40 km nordwestlich — die nächstgelegene durchgehend messende Station, da die Kieler Station Holtenau für diese Jahre Messlücken aufweist; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1980

Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.

  1. Sun Of Jamaica — Goombay Dance Band
  2. Another Brick In The Wall (Part II) — Pink Floyd
  3. D.I.S.C.O. — Ottawan
  4. It's A Real Good Feeling — Peter Kent
  5. Boat On The River — Styx
  6. Bobby Brown — Frank Zappa
  7. Take That Look Off Your Face — Marti Webb
  8. Weekend — Earth & Fire
  9. Oh! Susie — Secret Service
  10. Matador — Garland Jeffreys
  11. The Ballad Of Lucy Jordan — Marianne Faithfull
  12. Xanadu — Olivia Newton-John & Electric Light Orchestra
  13. Der Nippel — Mike Krüger
  14. Que Sera Mi Vida (If You Should Go) — Gibson Brothers
  15. Highway To Hell — AC/DC
  16. Rapper's Delight — The Sugarhill Gang
  17. Funkytown — Lipps Inc.
  18. I Have A Dream — ABBA
  19. Zabadak — Saragossa Band
  20. Sexy Eyes — Dr. Hook

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).