DER CHRONIST
Sonderausgabe · Rückschau auf die Tage vom 20. bis 30. März 1982 · Preis 80 Pfennig
Kiel, Donnerstag, den 25. März 1982 — Eine rückblickende Wochenschau: Was in diesen Tagen die Welt, die beiden deutschen Staaten und die Landeshauptstadt an der Förde bewegte.
Zum GeleitDiese Ausgabe erscheint zu Ehren eines an diesem 25. März 1982 in Kiel geborenen Kindes. Sie sammelt die großen Schlagzeilen der Tage seiner Geburt — vom Weltgeschehen bis vor die eigene Haustür zwischen Förde und Landeshaus. Es sind Wochen, in denen sich in Hannover ein politisches Erdbeben ereignet, in Ost-Berlin ein Parlament den Schusswaffengebrauch an der eigenen Grenze in Gesetzesform gießt und am anderen Ende der Welt, auf einer Insel, die in keinem Schulatlas dieser Stadt verzeichnet ist, eine Flagge gehisst wird, von der bald jedermann sprechen wird.
AUFMACHER · Erdbeben in Hannover: Absolute Mehrheit für Albrecht — und die Grünen ziehen ein
Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU), hier auf einer Aufnahme von 1978. (Konrad-Adenauer-Stiftung / CDU, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)
Hannover/Bonn. Am Sonntag, dem 21. März, hat Niedersachsen seinen zehnten Landtag gewählt — und ein Ergebnis geliefert, das in Bonn wie ein Fanal gelesen wird. Die CDU von Ministerpräsident Ernst Albrecht kommt auf 50,7 Prozent und damit auf die absolute Mehrheit der Stimmen; kein Partei hat bei einer niedersächsischen Landtagswahl je mehr erreicht. Die SPD fällt auf 36,5 Prozent zurück, die FDP rettet sich mit 5,9 Prozent knapp über die Fünfprozenthürde. Die Wahlbeteiligung lag bei 77,7 Prozent.
Das eigentlich Neue an diesem Abend aber trägt Turnschuhe: Mit 6,5 Prozent und elf Mandaten ziehen die Grünen erstmals in den Landtag eines Flächenlandes ein. Was in Bremen 1979 als Ausnahme galt und in Baden-Württemberg im vergangenen Jahr Bestätigung fand, ist damit im größten Flächenland des Nordwestens angekommen — getragen von der Bewegung gegen die Kernenergie, die sich in Niedersachsen an Gorleben entzündet hat, und vom Protest gegen den NATO-Doppelbeschluss. Durch Überhang- und Ausgleichsmandate wächst der Landtag von 155 auf 171 Sitze; auf die CDU entfallen 87, auf die SPD 63, auf die Grünen 11 und auf die FDP 10.
Ernst Albrecht, seit 1976 im Amt und bislang auf wechselnde Mehrheiten angewiesen, regiert fortan aus eigener Kraft. In Bonn wird das Ergebnis als Vortest für die Bundestagswahl gelesen. Die sozialliberale Koalition unter Helmut Schmidt hatte die Vertrauensfrage vom 3. Februar zwar überstanden, doch zwischen dem wirtschaftspolitischen Kurs der FDP und dem linken Flügel der SPD liegt inzwischen mehr, als ein Kanzler überbrücken kann. Aus dem Willy-Brandt-Haus wie aus der Bonner Baracke kommen an diesem Montag dieselben zwei Worte: schwerer Rückschlag.
Die übrigen Wahlgänge dieser Wochen:
- Schleswig-Holstein, 7. März (Kommunalwahlen) — CDU 50,1 %, SPD 34,6 %, FDP 6,8 %, Grüne 3,9 %, SSW 1,8 % bei 73,8 % Wahlbeteiligung. Die Grünen traten noch zersplittert an und blieben landesweit ohne nennenswerte Mandatsausbeute.
- Kiel, 7. März (Ratsversammlung) — CDU 44,1 %, SPD 41,4 %. Erstmals seit 1955 ist die CDU in der Landeshauptstadt stärkste Kraft. Näheres im Regionalteil dieser Ausgabe.
AUS DEUTSCHLAND · Bonn: Eine Koalition zählt ihre Tage
Bundeskanzler Helmut Schmidt, aufgenommen im Oktober 1981. (Bundesarchiv B 145 Bild-F061600-0012, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)
Bonn. Die Republik zählt in diesem Frühjahr mehr Arbeitslose als je zuvor seit ihrer Gründung. Der zweite Ölpreisschock und die weltweite Rezession haben den Exportboom abgewürgt; im Januar näherte sich die Zahl der Arbeitslosen erstmals der Zweimillionengrenze. Im Jahresdurchschnitt 1982 werden es 1.833.244 sein, eine Quote von 7,5 Prozent — und im November wird die Zwei-Millionen-Marke zum ersten Mal überhaupt überschritten werden.
Der Bundeshaushalt ist damit zum Schauplatz des Koalitionsstreits geworden: Die FDP unter Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff verlangt Einschnitte bei den Sozialleistungen, in der SPD formiert sich gegen diesen Kurs offener Widerstand. Am 3. Februar hatte Kanzler Schmidt die Vertrauensfrage gestellt und gewonnen; zugleich beschloss das Kabinett eine „Gemeinschaftsinitiative für Arbeitsplätze, Wachstum und Stabilität". Beruhigt hat das wenig. Über allem liegt der Streit um den NATO-Doppelbeschluss, der die Friedensbewegung auf die Straße und die SPD in zwei Lager treibt.
(Nachtrag der Redaktion: Am 17. September 1982 wird Helmut Schmidt das Ende der Koalition erklären, am 1. Oktober stürzt ihn der Bundestag durch das erste erfolgreiche konstruktive Misstrauensvotum der deutschen Geschichte und wählt Helmut Kohl zum Kanzler.)
AUS DER DDR · Die Volkskammer gießt den Schusswaffengebrauch in Gesetzesform
Die Berliner Mauer bei Heiligensee, 1982. (Havelbaude, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)
Berlin (Ost). An eben diesem 25. März verabschiedet die Volkskammer zwei Gesetze, die das Verhältnis des Staates zu seinen Bürgern neu ordnen — nach außen wie nach innen.
Das Wehrdienstgesetz löst das Wehrpflichtgesetz von 1962 ab. Es regelt die vormilitärische Ausbildung Jugendlicher und bezieht erstmals Frauen in die allgemeine Wehrpflicht ein: im Verteidigungsfall können Frauen zwischen 18 und 50 Jahren zum Wehrdienst herangezogen werden. Der Grundwehrdienst in der Nationalen Volksarmee und in den Grenztruppen bleibt bei 18 Monaten; einen zivilen Ersatzdienst gibt es weiterhin nicht, nur die waffenlosen Baueinheiten.
Zugleich tritt ein Gesetz über die Staatsgrenze in Kraft, das die bisherige Grenzordnung ersetzt. Es hebt den Schusswaffengebrauch an der Grenze aus dem Bereich interner Dienstanweisungen heraus und schreibt ihn erstmals im Gesetzblatt fest. Was seit dem 13. August 1961 Praxis war, ist damit veröffentlichtes Recht der Deutschen Demokratischen Republik.
Der Beschluss über die Wehrpflicht der Frauen hat eine Folge, die niemand im Palast der Republik vorhergesehen hat: In den Monaten danach entstehen in Ost-Berlin und anderen Städten die Gruppen „Frauen für den Frieden" — Frauen, die sich weigern, für einen Verteidigungsfall eingeplant zu werden, und die zu Keimzellen der unabhängigen Friedensbewegung in der DDR werden.
AUS ALLER WELT · Südatlantik: Eine Flagge über Leith
Das britische Antarktis-Patrouillenschiff HMS Endurance, aufgenommen 1982. (U.S. Navy, Wikimedia Commons, gemeinfrei)
Leith Harbour/London/Buenos Aires. Es beginnt mit Altmetall. Der argentinische Schrotthändler Constantino Davidoff hatte 1979 die stillgelegte Walfangstation Leith Harbour auf Südgeorgien — 1.300 Kilometer südöstlich der Falklandinseln, britisches Hoheitsgebiet — von ihren Edinburgher Eigentümern gekauft; rund 30.000 Tonnen Schrott hofft er dort abzuräumen. Weil sich kein günstiger Frachter fand, vermietete ihm die argentinische Kriegsmarine ihren Flottentransporter Bahía Buen Suceso. Am 19. März setzt das Schiff nach Angaben seines Kapitäns rund 40 Arbeiter an Land — und über der Station weht die argentinische Flagge.
London reagiert scharf: Weil argentinische Flottenversorger üblicherweise ein Kommando Marineinfanterie mitführen, geht der britische Geheimdienst davon aus, dass mit den Schrottarbeitern Soldaten an Land gegangen sind. Das Antarktis-Patrouillenschiff HMS Endurance wird mit einer kleinen Einheit Royal Marines in Marsch gesetzt und erreicht am 24. März die Forschungsstation Grytviken. Einen Tag später, an diesem 25. März, geht vor Leith das bewaffnete argentinische Antarktisschiff Bahía Paraíso vor Anker und setzt Marineinfanteristen an Land; die Endurance entdeckt es am 26. März. Zwei kleine Schiffe liegen einander in einer menschenleeren Bucht gegenüber, und keine Regierung will nachgeben.
(Nachtrag der Redaktion: Am 2. April 1982 landen argentinische Truppen auf den Falklandinseln. Der Krieg, der daraus wird, endet am 14. Juni mit der britischen Rückeroberung und fordert auf beiden Seiten rund 900 Tote.)
LANDESHAUPTSTADT & LAND · Schleswig-Holstein in Stoltenbergs elftem Jahr
Das Landeshaus am Düsternbrooker Weg, Sitz des schleswig-holsteinischen Landtags — Aufnahme von 1971. (Friedrich Magnussen, Stadtarchiv Kiel, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)
Kiel. Im Landeshaus am Düsternbrooker Weg regiert Gerhard Stoltenberg (CDU) im elften Jahr. Der Ministerpräsident, seit 1971 im Amt und zugleich Landesvorsitzender seiner Partei, kann sich auf eine komfortable Mehrheit stützen — und hat sie am 7. März in den Kreisen und Gemeinden noch einmal bestätigt bekommen: Landesweit kam die CDU bei den Kommunalwahlen auf 50,1 Prozent, die SPD auf 34,6 Prozent.
Zwei Themen bestimmen die Landespolitik dieser Wochen. Das eine ist die Werftenkrise: Der Schiffbau zwischen Flensburg, Kiel und Rendsburg kann gegen die Preise japanischer und südkoreanischer Werften kaum noch bestehen, die Auftragsbücher schrumpfen, und das Land hält an der Howaldtswerke-Deutsche Werft eine Beteiligung, die aus einer Industriepolitik besserer Jahre stammt.
Das andere ist die Kernenergie. Der Bau des Kernkraftwerks Brokdorf an der Unterelbe, den Stoltenberg gegen Massenproteste durchgesetzt hat, spaltet das Land seit Jahren; die Polizeieinsätze gegen die Demonstrationen — zuletzt das weiträumige Demonstrationsverbot vom Februar 1981 — verantwortet Innenminister Uwe Barschel, 38 Jahre alt und seit 1971 im Landtag.
(Nachtrag der Redaktion: Nach der Bonner Wende wechselt Stoltenberg im Oktober 1982 als Bundesfinanzminister in das Kabinett Kohl. Am 14. Oktober wählt der Kieler Landtag Uwe Barschel zu seinem Nachfolger — den jüngsten Ministerpräsidenten der Bundesrepublik.)
AUS DER REGION · Kiel: Die CDU zieht am Rathaus vorbei
Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg bei einem Besuch der Howaldtswerke-Deutsche Werft in Kiel, 1972. (Friedrich Magnussen, Stadtarchiv Kiel, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)
Kiel. In der Stadt, in der das Kind dieser Ausgabe zur Welt kommt, hat die Kommunalwahl vom 7. März eine Ära beendet. Bei einer Wahlbeteiligung von 68,3 Prozent wurde die CDU mit 44,1 Prozent und 23 Sitzen stärkste Kraft in der Ratsversammlung; die SPD, die Kiel seit den fünfziger Jahren geprägt hatte, fiel von 50,3 Prozent im Jahr 1978 auf 41,4 Prozent und 22 Sitze — der tiefste Stand ihrer Nachkriegsgeschichte an der Förde. Erstmals sitzen auch die Grünen mit 5,09 Prozent und zwei Mandaten in der Ratsversammlung, dicht gefolgt von der FDP mit 5,06 Prozent und ebenfalls zwei Sitzen. Von 49 Mandaten hat damit keine Seite eine bequeme Mehrheit; die neue Ratsversammlung wird sich Ende April konstituieren. Oberbürgermeister bleibt Karl Heinz Luckhardt (SPD), seit dem 1. November 1980 im Amt.
Über der Stadt aber liegt in diesen Wochen weniger die Politik als die Sorge um die Arbeit. Die Howaldtswerke-Deutsche Werft, größter Arbeitgeber Kiels, steckt in der schwersten Krise ihrer Nachkriegszeit. Noch in diesem Jahr wird der Konzern sein Hamburger Reiherstieg-Werk schließen — rund 2.100 Arbeitsplätze fallen dort weg —, und die Konzentration auf den Standort Kiel wird auch an der Förde in den Folgejahren rund 1.430 Stellen kosten. Wer in Gaarden oder Dietrichsdorf wohnt, rechnet in diesem Frühjahr nicht in Aufträgen, sondern in Monaten.
Und doch wird 1982 auch ein Festjahr: Am Bollhörnkai entsteht ein neuer Fähranlieger für den Verkehr nach Göteborg, der im Juni als Schwedenkai in Betrieb geht. Vom 18. bis 27. Juni feiert die Kieler Woche ihr hundertjähriges Bestehen — 1882 waren die ersten Wettfahrten auf der Förde ausgetragen worden. Die Vorbereitungen laufen, während auf den Hellingen die Arbeit knapp wird.
SPORT · Zwei Punkte gegen den kommenden Meister
Die Ostseehalle in Kiel, Heimstätte des THW — Aufnahme von 1967. (Friedrich Magnussen, Stadtarchiv Kiel, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)
Kiel. Für den THW Kiel sind es zwei ungleiche Wochenenden in der Handball-Bundesliga. Am 20. März verlieren die Kieler auswärts bei TuS Nettelstedt mit 17:22. Am 27. März dann, in der Ostseehalle, gelingt das Kunststück der Saison: 20:16 gegen den VfL Gummersbach, der die Liga mit großem Abstand anführt und am Saisonende Deutscher Meister sein wird. Für den THW selbst reicht es in dieser Spielzeit nur zu einem Platz im Mittelfeld — bei ausgeglichener Punktbilanz.
Im Fußball spielt Holstein Kiel nach dem Abstieg aus der 2. Bundesliga Nord im Sommer 1981 wieder in der Oberliga Nord; am Saisonende wird ein siebter Platz stehen. In der Bundesliga liegt der Norden vorn: Der Hamburger SV unter Trainer Ernst Happel ist auf Meisterkurs, verfolgt vom 1. FC Köln, der die Hinrunde als Herbstmeister beendet hatte. Am Ende der Saison wird der HSV mit 48 zu 45 Punkten die Meisterschale holen.
Aus der weiteren Sportwelt dieser Tage: Am 19. März gewinnt Ghana im Elfmeterschießen gegen Libyen die Fußball-Afrikameisterschaft. Am 27. März stehen die Gesamtsieger im alpinen Skiweltcup fest — bei den Herren der Amerikaner Phil Mahre, bei den Damen die Schweizerin Erika Hess.
DAS WETTER · Ein trockener, grauer Donnerstag
Der Frühling ließ sich an diesem Donnerstag, dem 25. März, nicht blicken — und die Sonne auch nicht: keine einzige Minute Sonnenschein wurde gemessen. Unter einer geschlossenen Wolkendecke stieg das Thermometer auf 7,3 Grad, in der Nacht war es auf 0,7 Grad zurückgegangen, im Mittel wurden 4,0 Grad notiert. Niederschlag fiel keiner. Ein zügiger Westwind (im Mittel 16,9 km/h, in Böen bis 33,5 km/h) strich über das Land, der Luftdruck stand mit 1032 hPa hoch.
Die ganze Woche stand unter dem Einfluss eines kräftigen Hochs: Am 23. März schien die Sonne mehr als sieben Stunden, in der Nacht zum 24. März sank das Thermometer noch einmal auf −2,2 Grad, und der Luftdruck erreichte an jenem Tag 1038 hPa. Danach wurde es rasch milder — am 27. März wurden 15,9 Grad gemessen, der wärmste Wert dieser Tage. Vom 23. bis zum 31. März blieb es nahezu vollständig trocken.
(Messwerte der Station Schleswig, rund 40 km nordwestlich — die nächstgelegene durchgehend messende Station, da die Kieler Station Holtenau für diese Jahre Messlücken aufweist. Quelle: Meteostat / DWD.)
VERMISCHTES & TECHNIK
Start der Raumfähre Columbia zur Mission STS-3 am 22. März 1982 in Cape Canaveral. (NASA, Wikimedia Commons, gemeinfrei)
- Cape Canaveral (22.–30. März): Die Raumfähre Columbia startet mit Jack Lousma und Gordon Fullerton zu STS-3, dem dritten Testflug des Space Shuttle. Acht Tage lang erproben die beiden den Greifarm und eine Reihe wissenschaftlicher Nutzlasten. Weil die Seenplatte von Edwards in Kalifornien überschwemmt ist, landet die Fähre am 30. März auf dem Gipssand des Northrup Strip auf der Raketenversuchsanlage White Sands in New Mexico — die einzige Shuttle-Landung, die dort je stattfinden wird.
- Guatemala-Stadt (23. März): Ein Militärputsch unter General Efraín Ríos Montt entmachtet Präsident Fernando Romeo Lucas García und annulliert die Ergebnisse der eben erst abgehaltenen Wahl.
- Dhaka (24. März): In Bangladesch stürzt Generalstabschef Hossain Mohammad Ershad Präsident Abdus Sattar und verhängt das Kriegsrecht.
- Taschkent (24. März): Der sowjetische Partei- und Staatschef Leonid Breschnew kündigt in einer vielbeachteten Rede eine Kurskorrektur gegenüber der Volksrepublik China an und bietet Gespräche über die Grenzfragen an — das erste Entspannungssignal seit dem Bruch der sechziger Jahre. Beim Besuch eines Flugzeugwerks in derselben Stadt stürzt ein überfüllter Laufsteg über ihm ein; der 75-Jährige erleidet ein gebrochenes Schlüsselbein und eine Gehirnerschütterung. Öffentlich wird davon nichts gesagt.
- Chusistan (22. März): Iran eröffnet mit der Operation Fath ol-Mobin eine Großoffensive gegen die irakischen Truppen im eigenen Land — die bis dahin erfolgreichste Gegenoffensive des Golfkrieges.
- Pretoria (20. März): Andries Treurnicht gründet die Konservative Partei und spaltet damit das weiße Regierungslager Südafrikas von rechts.
- Wien/Riad (20. März): Saudi-Arabien sagt den übrigen OPEC-Staaten eine Förderkürzung zu, um den fallenden Ölpreis zu stützen.
- Hitparade: Seit dem 15. März steht „Skandal im Sperrbezirk" von der Münchner Spider Murphy Gang auf Platz 1 der deutschen Single-Charts — und wird sich dort bis Ende April halten.
AUCH AN EINEM 25. MÄRZ GEBOREN
Das Kind, dem diese Ausgabe gilt, tritt in eine ansehnliche Reihe von Geburtstagsgefährten:
- Friedrich Naumann (1860–1919) — Theologe, Publizist und Sozialreformer, Namensgeber des linksliberalen Erbes in Deutschland.
- Alexej von Jawlensky (1865–1941) — russisch-deutscher Maler des Expressionismus, dem Blauen Reiter verbunden.
- Luise Zietz (1865–1922) — Arbeiterin aus Holstein, erste Frau im Parteivorstand der SPD und Mitbegründerin der USPD.
- Arturo Toscanini (1867–1957) — italienischer Dirigent, der als einer der wenigen dem Faschismus das Pult verweigerte.
- Agnes Karll (1868–1927) — Reformerin der deutschen Krankenpflege und Begründerin ihrer Berufsorganisation.
- Käthe Loewenthal (1878–1942) — Malerin, im besetzten Polen ermordet.
- Béla Bartók (1881–1945) — ungarischer Komponist und Volksliedforscher.
- Albrecht Mertz von Quirnheim (1905–1944) — Offizier des Widerstands, am Abend des 20. Juli 1944 im Bendlerblock erschossen.
- Helmut Käutner (1908–1980) — Filmregisseur, der mit „Große Freiheit Nr. 7" und „Die letzte Brücke" das deutsche Nachkriegskino prägte.
- David Lean (1908–1991) — britischer Regisseur von „Die Brücke am Kwai" und „Lawrence von Arabien".
- Maria Gräfin von Maltzan (1909–1997) — Tierärztin, die im Berliner Untergrund Verfolgte versteckte.
- Norman Borlaug (1914–2009) — amerikanischer Agrarwissenschaftler, Vater der Grünen Revolution, Friedensnobelpreis 1970.
- Simone Signoret (1921–1985) — französische Schauspielerin.
- Reimar Lüst (1923–2020) — Astrophysiker, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft.
- Jim Lovell (geb. 1928) — amerikanischer Astronaut, Kommandant von Apollo 13.
- Aretha Franklin (geb. 1942) — amerikanische Sängerin, die Königin des Soul.
- Elton John (geb. 1947) — britischer Sänger und Pianist.
- Sarah Jessica Parker (geb. 1965) — amerikanische Schauspielerin.
- Wladimir Klitschko (geb. 1976) — ukrainischer Boxer.
Und wer am selben Tag desselben Jahres zur Welt kam: die amerikanische Automobilrennfahrerin Danica Patrick, die als erste Frau ein Indy-Car-Rennen gewinnen wird, sowie in Bad Frankenhausen die Handballspielerin Nadine Krause — 2007 wird sie zur Welthandballerin des Jahres gewählt, in einer Sportart, die in dieser Stadt zu Hause ist.
MONATSKUNDE · Woher der März seinen Namen hat
Der März trägt den Namen des römischen Kriegsgottes Mars: Martius hieß er den Römern, und er stand am Anfang — im altrömischen Kalender war er der erste Monat des Jahres, weshalb der September noch heute den siebten, der Dezember den zehnten im Namen führt. Erst 153 v. Chr. rückte der Januar an die Spitze. Dass der Monat des Kriegsgottes zugleich der Monat der Aussaat war, ist kein Widerspruch: Im Frühjahr begannen Feldzüge wie Feldarbeit.
In deutschen Landen hieß er Lenzing, Lenzmonat oder Frühlingsmonat; Karl der Große soll ihn Lenzinmanoth genannt haben, andernorts sprach man vom Windmonat. Am 20. März hat in diesem Jahr der Frühling kalendarisch begonnen.
Der 25. März selbst ist ein Datum mit Geschichte. Als Mariä Verkündigung — neun Monate vor Weihnachten — galt er weiten Teilen des mittelalterlichen Europa als Jahresbeginn; in England wurde erst 1752 davon abgerückt. Venedig führt seine Gründung auf den 25. März des Jahres 421 zurück, Griechenland begeht ihn als Nationalfeiertag zum Andenken an den Aufstand von 1821, und im Jahre 1957 wurden an diesem Tag in Rom die Römischen Verträge unterzeichnet, aus denen die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft hervorging — an diesem 25. März genau ein Vierteljahrhundert her.
Von den Bauernregeln: „Märzenstaub bringt Gras und Laub" — und wer in diesen trockenen, sonnigen Tagen an der Förde spazieren ging, durfte auf ein gutes Jahr hoffen. „Trockener März, nasser April, kühler Mai: füllt Scheune und Fass und bringt viel Heu."
NOTIERT
Ein grauer, windiger Donnerstag ohne Regen und ohne Sonne. In Hannover zählt eine Partei zum ersten Mal über fünfzig Prozent und eine andere zum ersten Mal überhaupt ihre Mandate; in Ost-Berlin schreibt ein Parlament auf, was an der Grenze längst geschieht; und in einer Bucht am Ende der Welt liegen zwei Schiffe voreinander, deren Regierungen noch glauben, das ließe sich regeln. In Kiel geht an diesem Tag die Sorge um die Werften um — und wird ein Kind geboren, dem all das später einmal Geschichte heißen wird.
Quellen
- Wikipedia — Landtagswahl in Niedersachsen 1982
- Wikipedia — März 1982 · Wikipedia (en) — March 1982
- bpb — Deutschland-Chronik, 25. März 1982
- verfassungen.de — Gesetz über die allgemeine Wehrpflicht der DDR (1982)
- Heinrich-Böll-Stiftung — Die „Frauen für den Frieden"
- Wikipedia — Falklandkrieg
- The History Press — The Falklands War: A chronology of events
- Deutscher Bundestag — Ende der sozialliberalen Ära (1980 bis 1983)
- Deutscher Bundestag — 1. Oktober 1982: Konstruktives Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt
- Statistisches Bundesamt — Registrierte Arbeitslose und Arbeitslosenquote
- Wikipedia — Kommunalwahlen in Schleswig-Holstein
- Wikipedia — Ergebnisse der Kommunalwahlen in Kiel
- Kiel-Wiki — Oberbürgermeisterin / Oberbürgermeister
- Konrad-Adenauer-Stiftung — Gerhard Stoltenberg
- Kiel-Wiki — Howaldtswerke-Deutsche Werft AG (HDW)
- Wikipedia — Schwedenkai
- Stadtarchiv Kiel — Erinnerungstag 23. Juli 1882: Erste Kieler Woche
- THW Kiel — Bundesliga 1981/82: Alle Ergebnisse
- Wikipedia — Handball-Bundesliga 1981/82
- Wikipedia — Fußball-Oberliga Nord 1981/82
- Wikipedia — Fußball-Bundesliga 1981/82
- NASA — STS-3 Columbia Lands at the White Sands Missile Range · Wikipedia (en) — STS-3
- Wikipedia — Leonid Iljitsch Breschnew
- Wikipedia — Liste der Nummer-eins-Hits in Deutschland (1982)
- Wikipedia — 25. März
- Meteostat — Station Schleswig (10035), Tageswerte März 1982 (25. März: Tmax 7,3 °C · Tmin 0,7 °C · Tmittel 4,0 °C · Niederschlag 0,0 mm · Sonne 0 min · Wind 16,9 km/h, Böen 33,5 km/h · Luftdruck 1031,9 hPa; 24. März: Tmin −2,2 °C, Luftdruck 1037,7 hPa; 27. März: Tmax 15,9 °C)
Redaktioneller Hinweis: Berichtet wird über den Zeitraum 20. bis 30. März 1982. Ereignisse nach dem 25. März (die Landung der Columbia, das Skiweltcup-Finale, das Heimspiel des THW gegen Gummersbach) waren am Erscheinungstag noch nicht bekannt und erscheinen hier als Rückschau. Zum Datum von Breschnews Unfall in Taschkent weichen die Quellen voneinander ab; genannt werden der 23. und der 25. März 1982. Der Verkaufspreis im Kopf dieser Ausgabe ist zeitüblich geschätzt, nicht belegt.