DER CHRONIST
Ein Jahr der Nervenproben beginnt an der Wahlurne, wo sich eine neue Regierung bestätigt und mit den Grünen erstmals eine vierte Kraft ins Parlament einzieht. Auf den Straßen formiert sich gegen die Nachrüstung der größte Protest der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte, im Blätterwald erschüttert der Skandal um die gefälschten Hitler-Tagebücher das Vertrauen in den Journalismus. Über dem Pazifik fällt mit dem Abschuss von KAL 007 ein Verhängnis vom Himmel, und an der Förde zittern Zehntausende um ihren Arbeitsplatz auf der von der Werftenkrise gebeutelten HDW. Auch jenseits der Landesgrenzen bringt das Jahr Erschütterungen: In Beirut reißt ein Bombenanschlag 299 Menschen in den Tod, auf Grenada landen US-Truppen, und auf den Philippinen kostet ein politischer Mord Oppositionsführer Aquino das Leben. Zugleich meldet Paris die Isolierung des Aids-Erregers, und mit Sally Ride fliegt erstmals eine Amerikanerin ins All — ein Jahr zwischen Abgrund und Aufbruch.
Bundestagswahl: Kohl bestätigt, Grüne ziehen ein — Barschel hält Kiel

Die Wahl ist die Folge eines der dramatischsten Machtwechsel der bundesdeutschen Geschichte: Am 1. Oktober 1982 hatten CDU/CSU gemeinsam mit der Mehrheit der FDP-Abgeordneten Bundeskanzler Helmut Schmidt per konstruktivem Misstrauensvotum gestürzt und Helmut Kohl zum neuen Kanzler gewählt — die sozialliberale Koalition zerbrach, die FDP unter Hans-Dietrich Genscher wechselte die Seiten. Um sich demokratisch legitimieren zu lassen, stellte Kohl im Dezember 1982 bewusst die Vertrauensfrage, verlor sie plangemäß, und Bundespräsident Karl Carstens löste den Bundestag auf. Der Wahlkampf steht im Zeichen des Streits um die NATO-Nachrüstung und einer Wirtschaftskrise mit über zwei Millionen Arbeitslosen.
Bei der vorgezogenen Neuwahl des 10. Deutschen Bundestages gewinnt die CDU/CSU unter Helmut Kohl mit 48,8 Prozent und 244 Sitzen ihr zweitbestes Ergebnis der Nachkriegsgeschichte, die SPD unter Hans-Jochen Vogel stürzt auf 38,2 Prozent (193 Sitze), die FDP zieht mit 7,0 Prozent und 34 Sitzen knapp wieder ein. Historisch aber ist ein anderer Einzug: Mit 5,6 Prozent und 27 Mandaten schaffen erstmals Die Grünen den Sprung ins Parlament — hervorgegangen aus der Umwelt-, Anti-Atomkraft- und Friedensbewegung und 1980 in Karlsruhe als Bundespartei gegründet. Als sich der Bundestag am 29. März konstituiert, betreten 28 grüne Abgeordnete mit Sonnenblumen und Zweigen einer Waldsterben-Fichte im Wollpullover das Plenum. Die Fraktion wählt Petra Kelly und Otto Schily zu Sprechern, Joschka Fischer wird parlamentarischer Geschäftsführer; nach dem selbstauferlegten „Rotationsprinzip" sollen die meisten Mandate zur Halbzeit der Legislaturperiode turnusmäßig weitergereicht werden. Die Nachkriegs-Parteienlandschaft, seit 1957 ohne vierte Kraft, ist damit grundlegend verändert.
Eine Woche später, am 13. März, bestätigt der Wähler an der Förde die Kräfteverhältnisse auch im eigenen Land: Ministerpräsident Uwe Barschel, der das Amt erst im Herbst 1982 von Gerhard Stoltenberg übernommen hatte und nun erstmals als Spitzenkandidat antrat, verteidigt mit 49,0 Prozent die absolute Mandatsmehrheit der CDU im Kieler Landtag. Herausforderer Björn Engholm, der für den Wahlkampf sein Bundestagsmandat aufgegeben hatte, führt die SPD auf 43,7 Prozent — ein Zugewinn, der für den Regierungswechsel dennoch nicht reicht, und die Sozialdemokraten bleiben Opposition. FDP (2,2 Prozent) und Grüne (3,6 Prozent) verfehlen beide die Fünf-Prozent-Hürde und bleiben draußen vor dem Landtag; allein der von der Sperrklausel befreite Südschleswigsche Wählerverband der dänischen Minderheit zieht mit 1,3 Prozent erneut mit einem Sitz ein. Die Wahlbeteiligung liegt bei 84,8 Prozent.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Rheinland-Pfalz, 6. März — CDU 51,9 %, SPD 39,6 %. Ministerpräsident Bernhard Vogel baut die absolute Mehrheit weiter aus, die FDP fliegt aus dem Mainzer Landtag.
- Bremen, 25. September — SPD 51,3 %, CDU 33,3 %. Bürgermeister Hans Koschnick verteidigt und vergrößert die absolute Mehrheit, erstmals seit Kriegsende verpasst die FDP den Einzug in die Bürgerschaft.
- Hessen, 25. September — SPD 46,2 %, CDU 39,4 %, Grüne 5,9 %. Keine der denkbaren Koalitionen findet eine Mehrheit; Ministerpräsident Holger Börner regiert vorerst geschäftsführend weiter.
Der »Stern«-Skandal: Die gefälschten Hitler-Tagebücher

Auf einer Pressekonferenz mit 200 Journalisten und 27 Fernsehteams verkündet die Chefredaktion des Hamburger Magazins »Stern«, im Besitz der geheimen Tagebücher Adolf Hitlers zu sein — für 62 angebliche Bände hat der Verlag 9,3 Millionen Mark gezahlt. Eingefädelt hat den Handel Reporter Gerd Heidemann, ein Sammler von NS-Devotionalien, der über Zwischenhändler auf den Dresdener Kunstmaler und Devisenhändler Konrad Kujau gestoßen war; dieser hatte die Bände in seiner Werkstatt mit Schulheften, künstlich gealtertem Papier und mit Tee angesetzter Tinte selbst verfasst. Der britische Historiker Hugh Trevor-Roper (Lord Dacre), zur Prüfung hinzugezogen, hatte die Echtheit zunächst bestätigt, äußerte auf der Pressekonferenz selbst aber bereits erste Zweifel. Die Chefredakteure Peter Koch und Felix Schmidt lassen dennoch schon am 28. April mit dem Abdruck von Auszügen beginnen, ohne das Ergebnis der Echtheitsprüfung des Bundeskriminalamts abzuwarten. Am 6. Mai steht fest: Ein Experte des Bundesarchivs weist anhand optischer Aufheller im Papier und moderner Bindematerialien nach, dass die Bände plumpe Nachkriegsfälschungen sind. Stern-Herausgeber Henri Nannen entschuldigt sich öffentlich, Koch und Schmidt müssen ihre Posten räumen. Im Prozess vor dem Landgericht Hamburg, der von August 1983 bis Juli 1985 über 95 Verhandlungstage läuft, werden Kujau zu vier Jahren und sechs Monaten sowie Heidemann zu vier Jahren und acht Monaten Haft verurteilt. Einer der größten Medienskandale der Bundesrepublik erschüttert das Ansehen des deutschen Journalismus nachhaltig.
Abschuss von KAL 007: Sowjetische Jäger töten 269 Menschen

Vor der Küste der Insel Sachalin schießt ein sowjetischer Abfangjäger die Boeing 747 der Korean Air Lines, Flug 007, ab, nachdem die Passagiermaschine auf dem Weg von Anchorage nach Seoul — vermutlich wegen eines falsch programmierten Autopiloten — unbemerkt um mehrere hundert Kilometer von ihrer Route abgekommen und in sowjetischen Luftraum über Kamtschatka und Sachalin eingedrungen ist. Ein sowjetischer Su-15-Abfangjäger unter dem Kommando von Major Gennadi Ossipowitsch feuert nahe der Insel Moneron zwei Luft-Luft-Raketen auf die Maschine ab. Alle 269 Insassen kommen ums Leben, darunter der US-Kongressabgeordnete Larry McDonald aus Georgia. Moskau hält die Maschine für ein amerikanisches Spionageflugzeug. Die USA lassen im UN-Sicherheitsrat abgehörte Funksprüche der sowjetischen Luftabwehr vorspielen, US-Präsident Ronald Reagan verurteilt den Abschuss als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit" — der Kalte Krieg erreicht einen neuen Tiefpunkt des Misstrauens. Als eine der Konsequenzen ordnet Reagan an, das bis dahin rein militärische Satellitennavigationssystem GPS künftig auch für die zivile Luftfahrt zu öffnen, um Navigationsfehler wie den der KAL 007 künftig auszuschließen.
Heißer Herbst: Pershing-II-Stationierung trotz Massenprotesten

Der NATO-Doppelbeschluss vom Dezember 1979 sieht als Reaktion auf die sowjetische Stationierung von SS-20-Mittelstreckenraketen zugleich Abrüstungsverhandlungen und die Stationierung neuer US-Mittelstreckenwaffen in Westeuropa vor — und wird zum Kristallisationspunkt der größten Protestbewegung der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte. Nach dem Krefelder Appell (1980/81) mit Millionen Unterschriften und der Bonner Hofgarten-Demonstration vom Juni 1981 mit rund 300.000 Teilnehmern erreicht die Bewegung 1983 ihren Höhepunkt: Am 22. Oktober demonstrieren rund 1,3 Millionen Menschen bundesweit gegen den NATO-Doppelbeschluss, allein auf der Bonner Hofgartenwiese versammeln sich mehrere hunderttausend Gegner der geplanten Nachrüstung mit Rednern wie Heinrich Böll, Willy Brandt und Petra Kelly. Zeitgleich bilden zwischen 300.000 und 400.000 Menschen entlang der Bundesstraße 10 eine 108 Kilometer lange Menschenkette von Stuttgart nach Neu-Ulm — organisiert von der DFG-VK Baden-Württemberg nach dem Vorbild der „Frauen von Greenham Common", das die Aktivistin Eva Quistorp in die Bundesrepublik getragen hatte. Dennoch bestätigt der Bundestag am 22. November mit 296 gegen 226 Stimmen die Stationierung neuer US-Mittelstreckenraketen. Tags darauf bricht die Sowjetunion die Genfer Abrüstungsverhandlungen ab; bereits in der Nacht zum 26. November rollen die ersten Pershing-II-Bauteile per Lkw-Konvoi von Ramstein zur Raketenstation auf der Mutlanger Heide. Am Ende werden 108 Pershing-II- Raketen auf drei Standorte verteilt — Mutlangen, Neu-Ulm/Kettershausen und Heilbronn-Waldheide mit je 36 Systemen.
Werftenkrise an der Förde: HDW Kiel streicht Tausende Stellen

Auch in Kiel ist 1983 ein Jahr der Existenzangst: Im März kündigt Vorstandschef Dr. Norbert Henke von der Leitung der Howaldtswerke-Deutsche Werft (HDW) im „Werftkonzept '83" den Abbau von rund 2.400 Arbeitsplätzen in Kiel und Hamburg an — Folge der seit den Ölkrisen der 1970er-Jahre anhaltenden weltweiten Schiffbaukrise, in der westdeutsche Werften gegen wachsende Überkapazitäten und die scharf kalkulierende Konkurrenz aus Japan und Südkorea nicht mehr bestehen können. Das alte Stammwerk in Dietrichsdorf, wo Georg Howaldt 1876 seine erste Werft gründete, wird 1983 aufgegeben und im Dezember 1984 an die Stadt Kiel verkauft; die Produktion konzentriert sich fortan auf das Werk in Gaarden. Als im September die Entlassung von über 1.300 weiteren HDW-Beschäftigten droht, besetzen Arbeiter vom 12. bis 20. September das Hamburger Ross-Werk in einer spektakulären Aktion mit breiter Solidarität bis hin zu einem Konzert von Hannes Wader und Wolf Biermann. Land und Bund versuchen mit Bürgschaften und Subventionsprogrammen gegenzusteuern, doch an der Förde bleibt die Sorge um die Werftarbeitsplätze das beherrschende Thema des Jahres — Kiels Identität als Werftenstadt gerät erstmals ernsthaft ins Wanken.
Verhaftung des „Schlächters von Lyon": Klaus Barbie an Frankreich ausgeliefert

Nach jahrzehntelanger Fahndung liefert Bolivien am 5. Februar 1983 den früheren Gestapo-Chef von Lyon, Klaus Barbie, an Frankreich aus. Barbie hatte während der deutschen Besatzung als Leiter der Lyoner Gestapo hunderte Widerstandskämpfer und Juden foltern und deportieren lassen, unter ihnen der Resistance-Anführer Jean Moulin und die 44 jüdischen Kinder von Izieu; wegen seiner Grausamkeit trug er den Beinamen „Schlächter von Lyon". Nach Kriegsende hatte ihn der US-Geheimdienst CIC (Counter Intelligence Corps) als Informanten gegen den Kommunismus angeworben und ihm 1951 unter dem Decknamen Klaus Altmann die Flucht nach Bolivien ermöglicht, wo er unbehelligt lebte und zeitweise bolivianische Militärregime beriet.
Erst die unermüdliche Suche des Ehepaars Beate und Serge Klarsfeld, unterstützt von Überlebenden wie Fortunée Benguigui, führt zu seiner Enttarnung und schließlich zur Ausweisung durch die neue bolivianische Zivilregierung. In Lyon wird gegen Barbie wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit ermittelt; der Prozess, der ihn 1987 zu lebenslanger Haft verurteilen wird, gilt später als einer der bedeutendsten NS-Prozesse Frankreichs. Die USA räumen im Zuge des Falls offiziell ein, Barbie nach 1945 selbst beschäftigt und seine Flucht gedeckt zu haben.
Aids-Erreger erstmals isoliert: Pariser Forscher entdecken das spätere HI-Virus

Im Fachmagazin „Science" veröffentlicht ein Team um Luc Montagnier, Françoise Barré-Sinoussi und Jean-Claude Chermann vom Institut Pasteur in Paris am 20. Mai 1983 die Entdeckung eines bislang unbekannten Retrovirus, das sie LAV (Lymphadenopathie-assoziiertes Virus) nennen und das an der seit 1981 in den USA beobachteten neuen Immunschwächekrankheit Aids beteiligt sein könnte. Das Labor hatte bereits im Januar mit der Untersuchung einer Lymphknotenprobe eines an Aids erkrankten Patienten begonnen. Zeitgleich, aber unabhängig davon, arbeitet in den USA der Forscher Robert Gallo an einem verwandten Virus namens HTLV-III — ein Streit um die Priorität der Entdeckung, der jahrelang auch juristisch ausgetragen wird, ehe sich 1986 herausstellt, dass LAV und HTLV-III derselbe Erreger sind: Er erhält den Namen HIV (Humanes Immundefizienz-Virus).
Für die Bundesrepublik, wo erste Aids-Fälle seit 1982 registriert werden und die Krankheit zunehmend Ängste schürt, markiert die Entdeckung des Erregers einen entscheidenden Schritt: Erstmals lässt sich die Ursache der bis dahin rätselhaften Krankheit benennen — die Grundlage für spätere Bluttests und, Jahrzehnte danach, wirksame Medikamente. Montagnier und Barré-Sinoussi erhalten für die Entdeckung 2008 den Nobelpreis für Medizin.
Sally Ride fliegt als erste Amerikanerin ins All

An Bord der Raumfähre Challenger startet am 18. Juni 1983 von Cape Canaveral die Mission STS-7 — mit der 32-jährigen Physikerin Sally Ride als Missionsspezialistin die erste US-Amerikanerin im Weltraum, nach der Sowjetin Walentina Tereschkowa (1963) und Swetlana Sawizkaja (1982) erst die dritte Frau überhaupt im All. Ride, die 1978 mit fünf weiteren Frauen zur ersten gemischtgeschlechtlichen Astronautenklasse der NASA gehört hatte, bedient während der sechstägigen Mission unter Kommandant Robert Crippen den Roboterarm des Shuttles, um erstmals einen ausgesetzten Satelliten (SPAS-1) wieder einzufangen; die Besatzung setzt zudem zwei Kommunikationssatelliten aus. Die Landung erfolgt am 24. Juni auf einer Trockenseebahn der Edwards Air Force Base in Kalifornien.
Rides Flug, jahrelang von der NASA und den Medien mit besonderem Interesse begleitet — sie musste sich unter anderem öffentlich Fragen gefallen lassen, ob Raumfahrt ihre Fruchtbarkeit beeinträchtigen könne —, gilt später als Meilenstein für Frauen in Wissenschaft und Raumfahrt. Sie fliegt 1984 ein zweites Mal ins All, wird nach ihrem Ausscheiden bei der NASA Physikprofessorin und gründet ein Bildungsunternehmen, das Mädchen für Naturwissenschaften begeistern soll.
Mord an Oppositionsführer Aquino erschüttert die Philippinen

Kaum aus dem Flugzeug gestiegen, wird der philippinische Oppositionsführer Benigno „Ninoy" Aquino am 21. August 1983 auf dem Rollfeld des Flughafens von Manila durch einen Kopfschuss getötet — Sicherheitskräfte des Regimes von Ferdinand Marcos führen ihn gerade von der Gangway zu einem Fahrzeug, das ihn ins Gefängnis bringen soll. Aquino, führender Kritiker der seit 1972 andauernden Marcos-Diktatur, kehrte nach dreijährigem Exil in den USA bewusst in die Heimat zurück, obwohl er mit seiner Verhaftung rechnete. Auch der mutmaßliche Todesschütze Rolando Galman wird am Tatort erschossen; Ermittlungen legen eine Beteiligung des Militärs nahe, ohne Marcos selbst je unmittelbar belasten zu können.
Aquinos Ermordung löst Massenproteste aus, stürzt die philippinische Wirtschaft in eine Krise und macht seine Witwe Corazon Aquino zur Symbolfigur der Opposition — sie wird 1986 nach der „People-Power- Revolution" Marcos' Sturz besiegeln und als erste Präsidentin der Philippinen ins Amt kommen. Der Flughafen von Manila trägt seit 1987 zu Aquinos Ehren den Namen „Ninoy Aquino International Airport".
Anschlag auf US- und französische Kasernen in Beirut: 299 Tote

Zwei mit jeweils mehreren Tonnen Sprengstoff beladene Lastwagen rasen am Morgen des 23. Oktober 1983 in Gebäude der multinationalen Friedenstruppe im libanesischen Beirut: Ein Selbstmordattentäter durchbricht die Absperrungen der Kaserne des US-Marine-Korps am Flughafen und lässt die nach FBI-Angaben schwerste nicht-nukleare Explosion seit dem Zweiten Weltkrieg detonieren, wenige Minuten später folgt ein zweiter Anschlag auf eine Unterkunft französischer Fallschirmjäger. Bei den Anschlägen sterben 241 US-Soldaten, 58 französische Soldaten und mehrere Zivilisten — insgesamt 299 Tote. Die USA und Frankreich hatten seit 1982 im Rahmen der Multinationalen Truppe im Libanon nach dem Massaker von Sabra und Schatila zur Stabilisierung des von Bürgerkrieg zerrütteten Landes Soldaten stationiert.
Die Verantwortung für den Anschlag wird der pro-iranischen, gerade erst entstehenden Schiitenmiliz Hisbollah zugeschrieben; ein US-Gericht stellt Jahrzehnte später eine Anweisung der iranischen Führung fest. Für US-Präsident Ronald Reagan ist der Anschlag ein schwerer Rückschlag: Schon im Februar 1984 zieht er die US-Truppen aus dem Libanon ab — ein früher Vorbote der Bedrohung durch islamistischen Terrorismus, der Jahrzehnte später die internationale Politik prägen wird.
US-Truppen landen auf Grenada

Nur zwei Tage nach dem Anschlag von Beirut befiehlt US-Präsident Ronald Reagan die Invasion des kleinen Karibikstaats Grenada — die größte US-Militäraktion seit dem Vietnamkrieg. Auslöser ist ein blutiger innerparteilicher Umsturz: Am 19. Oktober hatte der stellvertretende Ministerpräsident Bernard Coard den marxistischen Regierungschef Maurice Bishop entmachten lassen; Soldaten der „People's Revolutionary Army" unter General Hudson Austin erschießen Bishop und mehrere Minister, nachdem Zehntausende ihn zuvor aus dem Hausarrest befreit hatten.
Unter Berufung auf die Bitte der Organisation Ostkaribischer Staaten und Generalgouverneur Paul Scoon sowie die Sicherheit von rund 600 amerikanischen Medizinstudenten an der St. George's University landen am 25. Oktober US-Fallschirmjäger und Marineinfanteristen auf der Insel. Nach wenigen Tagen schwerer Kämpfe, in denen 19 US-Soldaten und mindestens 45 grenadische und kubanische Verteidiger sterben, ist die Militärregierung gestürzt. International sorgt die Aktion für scharfe Kritik — auch von der engen Verbündeten Margaret Thatcher — und wird von der UN-Generalversammlung als Verstoß gegen das Völkerrecht verurteilt, während sie in den USA selbst als Erfolg im Kalten Krieg gefeiert wird.
AM RANDE NOTIERT
- Am 21. September erhält Motorolas DynaTAC 8000X — vorgestellt bereits am 13. Juni — als weltweit erstes kommerzielles Mobiltelefon die Zulassung der US-Behörde FCC: knapp 800 Gramm schwer, eine Stunde Sprechzeit, 3.995 Dollar teuer.
- Am 15. Dezember kippt das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe das Volkszählungsgesetz und begründet das Grundrecht auf „informationelle Selbstdestimmung" — die für 1983 geplante Volkszählung wird verschoben und erst 1987 in geänderter Form nachgeholt.
- Im März 1983 kommt die Compact Disc erstmals auf den europäischen und deutschen Markt — nach der Einführung in Japan im Oktober 1982 beginnt mit den ersten Philips- und Sony-Geräten die digitale Revolution der Musikwiedergabe.
- Bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein im März 1983 verteidigt die CDU unter Ministerpräsident Uwe Barschel die absolute Mehrheit der Sitze im Kieler Landtag — ein Rückenwind, der Barschels Kurs in der Landespolitik zunächst festigt.
SPORT · 1983
Sportlich ist 1983 vor allem ein norddeutsches Jahr: Der Hamburger SV unter Trainer Ernst Happel schafft sogar das Double — nach dem Bundesliga-Meistertitel, den Hamburg dank besserer Tordifferenz vor Werder Bremen verteidigt, gewinnt der Klub am 25. Mai in Athen mit 1:0 gegen Juventus Turin (Tor: Felix Magath) auch den Europapokal der Landesmeister, gewürdigt unter den Lichtblicken dieser Ausgabe. Der Erfolg des Klubs von der Elbe, des großen Nachbarn Schleswig-Holsteins, sorgt auch an der Kieler Förde für Stolz. Im Handball bleibt Kiel dagegen noch zweite Reihe: THW Kiel beendet die Bundesliga-Saison 1983/84 als Vierter hinter Meister TV Großwallstadt, TUSEM Essen und MTSV Schwabing — der Weg zur Handball-Hochburg, als die Kiel Jahrzehnte später gilt, beginnt erst noch. International bleibt es ein Jahr ohne Fußball-Weltmeisterschaft oder Olympische Spiele; in der Formel 1 sichert sich Nelson Piquet im Brabham mit BMW-Turbomotor den Fahrertitel. Die großen Turniere lassen erst 1984 wieder auf sich warten.
MODE · 1983
In Paris übernimmt Karl Lagerfeld im Januar 1983 die künstlerische Leitung von Chanel und zeigt bereits am 5. Februar in der Rue Cambon seine erste Haute-Couture-Kollektion für das Haus. Chanel galt seit dem Tod seiner Gründerin 1971 zunehmend als verstaubt, die Kundschaft überaltert, während andere Modehäuser längst auf Prêt-à-porter setzten. Lagerfeld greift die Codes der Gründerin — Tweed-Kostüm, Perlenketten, Kamelien — auf und übersetzt sie mit ironischer Übertreibung in die Gegenwart; binnen weniger Jahre macht er Chanel wieder zum einflussreichsten Modehaus der Welt — der Beginn einer jahrzehntelangen Erfolgsgeschichte an der Spitze des Hauses. Auf der Straße dagegen dominiert ein ganz anderer Look: Der 1983 angelaufene Kinoerfolg „Flashdance" mit Jennifer Beals macht zerrissene Sweatshirts, die über eine Schulter rutschen, und Beinwärmer zum Massenphänomen — befeuert vom parallelen Aerobic- und Fitnessboom, den Jane Fondas Workout-Videos seit 1982 ausgelöst hatten.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1983
- Nena landet mit „99 Luftballons" einen Welthit (Januar 1983). Der Song wird zu einem der international erfolgreichsten deutschsprachigen Popsongs überhaupt und zum Höhepunkt der Neuen Deutschen Welle.
- Hamburger SV gewinnt den Europapokal der Landesmeister (25. Mai 1983). Mit einem 1:0 gegen Juventus Turin, Tor Felix Magath, holt der Klub von der Elbe seinen bislang größten Titel — ein Erfolg, der auch an der nahen Förde für Stolz sorgt.
- Ulf Merbold fliegt als erster westdeutscher Astronaut ins All (28. November 1983). An Bord der Spacelab-1-Mission der Columbia (STS-9) wird er zugleich zum ersten Nicht-US-Bürger auf einer NASA-Mission.
- Barbara McClintock erhält als erste Frau einen ungeteilten Nobelpreis für Physiologie oder Medizin (Oktober 1983). Die US-Genetikerin wird für ihre Entdeckung „springender Gene" (Transposons) geehrt — eine Pionierleistung, die jahrzehntelang zunächst nicht anerkannt worden war.
- Michael Groß stellt bei den Schwimm-Europameisterschaften in Rom gleich mehrere Weltrekorde auf (August 1983). Der erst 19-jährige Frankfurter wird als „Albatros" gefeiert und begründet seinen Ruf als einer der besten Schwimmer der Welt.
- Die Kieler Woche 1983 bringt wieder Zehntausende Segelbegeisterte an die Förde (Juni 1983). Trotz der Sorgen um die Werftarbeitsplätze bleibt das weltweit größte Segelsportereignis ein sommerlicher Lichtblick für Kiel und zieht internationales Publikum an.
DAS WETTER · 1983 in Kiel
An diesem 13. Juli war es an der Förde ein milder Sommertag: Höchstwert 20,5 °C, in der Nacht 14,9 °C, im Mittel 17,5 °C; kein Tropfen Regen fiel.
Das Jahr über: Im Mittel 8,9 °C. Wärmster Tag 29,6 °C am 11. Juli, kältester −10,0 °C am 13. Februar. 0 Hitzetage (≥ 30 °C), 11 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 910 mm.
(Messwerte der Station Schleswig, rund 40 km nordwestlich — die nächstgelegene durchgehend messende Station, da die Kieler Station Holtenau für diese Jahre Messlücken aufweist; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1983
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.
- Moonlight Shadow — Mike Oldfield
- Flashdance... What A Feeling — Irene Cara
- Billie Jean — Michael Jackson
- Juliet — Robin Gibb
- 99 Luftballons — Nena
- Major Tom (Völlig Losgelöst) — Peter Schilling
- Africa (Voodoo Master) — Rose Laurens
- Sweet Dreams (Are Made Of This) — Eurythmics
- Blue Monday — New Order
- Bruttosozialprodukt — Geier Sturzflug
- Let's Dance — David Bowie
- You Can't Hurry Love — Phil Collins
- Wot! — Captain Sensible
- Sunshine Reggae — Laid Back
- Baby Jane — Rod Stewart
- I Like Chopin — Gazebo
- The Safety Dance — Men Without Hats
- Living On Video — Trans-X
- Our House — Madness
- Dream On — Nazareth
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).