DER CHRONIST

Ein Jahr, dessen Zahl selbst zum Menetekel wurde: Orwells düstere Vision von 1949 trifft auf ein Jahr voller Umbrüche — technischer Aufbruch in Kalifornien, politischer Mord in Neu-Delhi, eine Chemiekatastrophe mit nie gekanntem Ausmaß in Indien und eine Welt, die sich in Los Angeles im Sport erneut in zwei Blöcke teilt. In Großbritannien ringen Bergleute und Regierung in einem erbitterten Streik um die Zukunft der Kohleindustrie, während ein IRA-Bombenanschlag beim Parteitag der Tories in Brighton nur knapp scheitert, die politische Führung des Landes auszulöschen. Erschütternde Bilder einer Hungersnot in Äthiopien rufen Musiker rund um Bob Geldof auf den Plan, die mit einer Weihnachtssingle binnen Wochen Millionen für Nothilfe sammeln. In den Vereinigten Staaten sichert sich Ronald Reagan einen historischen Erdrutschsieg zur Wiederwahl, während ein englischer Genetiker mit dem genetischen Fingerabdruck der Kriminalistik ein völlig neues Werkzeug an die Hand gibt und der Friedensnobelpreis an einen südafrikanischen Bischof im Kampf gegen die Apartheid geht. Selbst die Unterhaltung bekommt ein neues Gesicht: Aus einem sowjetischen Forschungsinstitut tritt ein simples Fallblock-Spiel namens Tetris seinen Siegeszug um die Welt an — während an der Kieler Förde Segelregatta, Werftenkrise und Landespolitik die Welt im Kleinen bleiben.

Die Schlagzeilen des Jahres

Giftgaskatastrophe von Bhopal: Tausende Tote in Indien

Die Union-Carbide-Fabrik in Bhopal nach der Giftgaskatastrophe
Die Union-Carbide-Fabrik in Bhopal nach der Giftgaskatastrophe (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0)

In der Nacht zum 3. Dezember dringt in einem unterirdischen Lagertank der Pestizidfabrik des US-Chemiekonzerns Union Carbide am Rand der zentralindischen Stadt Bhopal Wasser in rund 40 Tonnen des hochgiftigen Zwischenprodukts Methylisocyanat (MIC) ein. Eine heftige chemische Reaktion überhitzt den Tank, Sicherheitsventile versagen, binnen weniger Stunden entweicht die gesamte Menge als Giftwolke über die dicht besiedelten Armenviertel rund um das Werk. Kühlanlage, Gaswäscher und Fackelsystem, die das Gas hätten neutralisieren oder verbrennen sollen, sind zum Unglückszeitpunkt außer Betrieb oder unterdimensioniert; Alarmsirenen schlagen zunächst nur werksintern an, viele Anwohner werden im Schlaf überrascht. Nach amtlichen indischen Angaben sterben 2259 Menschen noch in den ersten Stunden, in den folgenden zwei Wochen kommen mehrere tausend weitere Todesopfer hinzu; Schätzungen zur Gesamtzahl reichen bis auf 15.000 bis 25.000 Tote, mehr als eine halbe Million Menschen sind den Giftgasen ausgesetzt und leiden bis heute an Atemwegs-, Augen- und Nervenschäden. Werksleiter und Union-Carbide-Chef Warren Anderson wird bei einem Besuch in Bhopal am 7. Dezember festgenommen, gegen eine Kaution von 2100 US-Dollar aber noch am selben Tag freigelassen und mit einem Regierungsflugzeug außer Landes gebracht — er wird sich nie vor einem indischen Gericht verantworten müssen. Erst 1989 zahlt Union Carbide 470 Millionen US-Dollar Entschädigung, ein Bruchteil der von Opferverbänden geforderten Summe. Es ist die schwerste Industriekatastrophe der Geschichte — ihre Folgen wirken bis heute nach.

Ministerpräsidentin Indira Gandhi in Neu-Delhi erschossen

Die indische Premierministerin Indira Gandhi, 1984 ermordet
Die indische Premierministerin Indira Gandhi, 1984 ermordet (Wikimedia Commons, GODL-India)

Im Juni 1984 hatte Indira Gandhi die Armee zur „Operation Blue Star" gegen im Goldenen Tempel von Amritsar verschanzte militante Sikh-Separatisten um Jarnail Singh Bhindranwale befohlen; bei der mehrtägigen Erstürmung vom 1. bis 8. Juni sterben Hunderte, der heiligste Ort des Sikhismus wird schwer beschädigt — ein tiefer Schock für die gesamte Sikh-Gemeinschaft. Am Morgen des 31. Oktober, auf dem Weg vom Wohnhaus an der Safdarjung Road zu einem Interviewtermin, feuert ihr Leibwächter Beant Singh aus nächster Nähe drei Schüsse aus einem Revolver auf sie ab, sein Kollege Satwant Singh entlädt anschließend rund 30 Schuss aus einer Maschinenpistole — zusammen die von Zeitzeugen kolportierten 22 Treffer. Andere Wachleute erschießen Beant Singh binnen weniger Minuten, Satwant Singh wird verwundet festgenommen; er wird 1989 zusammen mit dem Mitverschwörer Kehar Singh gehängt. In den folgenden Tagen bricht in Delhi und Nordindien schwere Gewalt gegen Sikhs aus — allein in der Hauptstadt Delhi kommen nach amtlichen Zahlen rund 3000 Menschen bei den Pogromen ums Leben. Gandhis Sohn Rajiv Gandhi übernimmt noch am Todestag die Regierungsgeschäfte; bei der wenige Wochen später abgehaltenen Parlamentswahl im Dezember gewinnt seine Kongresspartei aus einer Welle der Anteilnahme heraus die bis dahin größte Mehrheit in der Geschichte des indischen Unterhauses.

Bundespräsidentenwahl: Weizsäcker mit breiter überparteilicher Mehrheit ins Amt gewählt

Richard von Weizsäcker, 1984 zum Bundespräsidenten gewählt
Richard von Weizsäcker, 1984 zum Bundespräsidenten gewählt (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 DE)

Am 23. Mai wählt die 8. Bundesversammlung in der Bonner Beethovenhalle Richard von Weizsäcker zum sechsten Bundespräsidenten der Bundesrepublik. Der 64-jährige CDU-Politiker, bis Februar Regierender Bürgermeister von Berlin, erhält im ersten Wahlgang 832 der 1028 abgegebenen Stimmen — bei 521 nötigen Stimmen ein deutliches Ergebnis. Möglich wird die überparteiliche Mehrheit, weil die SPD schon vor der Nominierung erklärt hatte, im Fall seiner Kandidatur auf einen eigenen Bewerber zu verzichten, und auch die FDP der Wahl zustimmt; einzige Gegenkandidatin ist die von den Grünen aufgestellte Schriftstellerin Luise Rinser, auf die 68 Stimmen entfallen. Am 1. Juli wird Weizsäcker als Nachfolger von Karl Carstens vereidigt und zieht in die Villa Hammerschmidt ein.

Der neue Bundespräsident, im Krieg Wehrmachtsoffizier und Bruder des Physikers und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker, gilt in Bonn parteiübergreifend als integre, um Ausgleich bemühte Persönlichkeit — seine Wahl fällt in ein politisches Jahr, das die Bundesrepublik gleich dreimal an die Wahlurne ruft: Wenige Wochen zuvor hatten die Wählerinnen und Wähler in Baden-Württemberg einen neuen Landtag bestimmt, wenige Wochen später steht mit der Europawahl der zweite bundesweite Urnengang des Jahres an.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Baden-Württemberg, 25. März — CDU 51,9 %, SPD 32,4 %. Ministerpräsident Lothar Späth (CDU) verteidigt seine absolute Mehrheit, die Grünen ziehen mit 8,0 % erstmals in den Stuttgarter Landtag ein.
  • Europawahl, 17. Juni — CDU/CSU 46,0 %, SPD 37,4 %, Grüne 8,2 % (erstmals im Europaparlament vertreten), FDP 4,8 % (kein Mandat). Die Wahlbeteiligung sinkt gegenüber der ersten Direktwahl 1979 von 65,7 auf 56,8 Prozent.

Olympia in Los Angeles: Der Ostblock bleibt fern

Das Los Angeles Memorial Coliseum, Olympiastadion 1984
Das Los Angeles Memorial Coliseum, Olympiastadion 1984 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Eröffnet werden die Spiele am 28. Juli im Los Angeles Memorial Coliseum durch US-Präsident Ronald Reagan — die Läuferin Gina Hemphill trägt die Fackel ins Stadion und übergibt sie dem früheren Zehnkämpf-Olympiasieger Rafer Johnson, der die Feuerschale entzündet. Als Retourkutsche für den westlichen Boykott von Moskau 1980 sagt die Sowjetunion ihre Teilnahme an den Sommerspielen in Los Angeles ab, 18 weitere Ostblock- und verbündete Staaten folgen, darunter auch die DDR; Albanien, Iran, Libyen und Obervolta bleiben aus eigenen, unabhängigen Gründen fern. Bemerkenswert bleibt, dass sich mit Rumänien, dem blockfreien Jugoslawien und der Volksrepublik China — erstmals seit 1952 wieder bei Olympia dabei — wichtige sozialistische Staaten dem Boykott gerade nicht anschließen. Trotzdem werden die Spiele mit 140 Nationen und knapp 6800 Athletinnen und Athleten zum bis dahin teilnehmerstärksten Ereignis der olympischen Geschichte. Organisationschef Peter Ueberroth finanziert die Spiele erstmals überwiegend privat über Sponsoring und Fernsehrechte statt mit öffentlichen Geldern und nutzt größtenteils bereits bestehende Sportstätten wie das Coliseum von 1932 — am Ende bleibt ein deutlicher finanzieller Überschuss, ein neues Vorbild für künftige Ausrichterstädte. Sportlich dominieren die USA mit der mit Abstand größten Medaillenausbeute aller teilnehmenden Nationen vor eigenem Publikum.

Apple stellt den Macintosh vor

Steve Jobs stellt 1984 den Apple Macintosh vor
Steve Jobs stellt 1984 den Apple Macintosh vor (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Im vollbesetzten Flint Center des De Anza College in Cupertino zieht Steve Jobs auf der Aktionärsversammlung den neuen Rechner aus einer Tragetasche und lässt ihn sich per Sprachausgabe selbst vorstellen — ein Auftritt, der tosenden Applaus auslöst. Technisch basiert der Apple Macintosh auf einem 8-Megahertz-Prozessor Motorola 68000, verfügt über 128 Kilobyte Arbeitsspeicher, ein eingebautes 9-Zoll-Schwarzweiß-Display und ein 400-Kilobyte-Diskettenlaufwerk; als Grundpreis werden 2495 US-Dollar aufgerufen — ein Kompromiss zwischen den 1995 Dollar, die Jobs eigentlich wollte, und der höheren Summe, mit der Apple-Präsident John Sculley die Entwicklungskosten wieder hereinholen will. Vorbild ist der 1983 vorgestellte, mit rund 10.000 Dollar aber viel zu teure Apple Lisa, von dem der Mac Maus und grafische Benutzeroberfläche übernimmt und damit für ein Massenpublikum erschwinglich macht — der erste massentaugliche Computer dieser Art. Bereits Anfang Mai vermeldet Apple den Verkauf des 70.000. Geräts. Zwei Tage vor der Cupertino-Präsentation war beim Finale der US-Football-Liga, dem Super Bowl XVIII, der von Ridley Scott inszenierte Werbespot „1984" gelaufen — landesweit nur ein einziges Mal ausgestrahlt —, der verspricht, dass der Mac verhindert, was George Orwells gleichnamiger Roman für dieses Jahr an Überwachung und Gleichschaltung heraufbeschwört. Ein neues Kapitel der Computergeschichte beginnt.

Kieler Woche unter dem Motto des Friedens

Segelregatta bei der Kieler Woche
Segelregatta bei der Kieler Woche (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Die 90. Kieler Woche — die weltbekannte Segelregatta an der Förde — wird am 19. Juni durch Bundespräsident Karl Carstens eröffnet. Ihren Ursprung nahm die Veranstaltung am 23. Juli 1882, als 20 Yachten vor dem Düsternbrooker Ufer zu einer Regatta starteten; aus diesem bescheidenen Anfang ist über ein Jahrhundert die größte Segelsportveranstaltung der Welt gewachsen, die Wettkampfsegler aus aller Welt auf die Kieler Förde und weiter auf die Ostsee bis zum Nord-Ostsee-Kanal führt. Das kulturelle Rahmenprogramm steht in diesem Jahr, mitten im Kalten Krieg und kurz vor der Nachrüstungsdebatte um Mittelstreckenraketen, unter dem Motto „Frieden erleben, erhalten, gestalten" — ein bewusstes Zeichen der Segelstadt gegen die Blockkonfrontation, die wenige Monate zuvor erst den sowjetischen Olympia-Boykott ausgelöst hatte. In Kiel regiert seit 1982 CDU- Ministerpräsident Uwe Barschel mit absoluter Mehrheit im Landtag — sein Kabinett bringt 1984 unter anderem eine Bundesratsinitiative zum Umweltschutz in die Wege, verstärkt die Förderung dänischer Minderheiten- schulen in Schleswig und lässt im Juli das Nationalparkgesetz für das schleswig-holsteinische Wattenmeer verabschieden. Die Landeshauptstadt selbst steckt zugleich mitten im Strukturwandel: Die traditionsreiche Howaldtswerke-Deutsche Werft (HDW) schließt im Zuge der Werftenkrise ihr Stammwerk in Dietrichsdorf — während die Kieler Woche mit ihren Windjammerparaden auf der Förde noch einmal zeigt, welche Bedeutung die maritime Tradition für die Stadt behält.

Bergarbeiterstreik erschüttert Großbritannien

Arthur Scargill bei einer Kundgebung gegen Zechenschließungen
Arthur Scargill bei einer Kundgebung gegen Zechenschließungen (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Anfang März kündigt das staatliche Kohleunternehmen National Coal Board unter seinem Vorsitzenden Ian MacGregor die Schließung von rund zwanzig unrentablen Zechen an — mit dem Verlust von etwa 20.000 Arbeitsplätzen. In Yorkshire legen Bergleute daraufhin sofort die Arbeit nieder; am 12. März ruft Arthur Scargill, Präsident der Bergarbeitergewerkschaft National Union of Mineworkers (NUM), ohne vorherige Urabstimmung zum landesweiten Streik auf — ein juristischer Angriffspunkt, der die Bergarbeiterschaft zugleich spaltet, da vor allem in Nottinghamshire viele Kumpel weiterarbeiten. Premierministerin Margaret Thatcher, die den Ausstand später als Kampf gegen „the enemy within" bezeichnet, hatte zuvor umfangreiche Kohlevorräte anlegen und die Polizeieinsätze landesweit zentral koordinieren lassen; es kommt zu schweren Zusammenstößen zwischen Streikposten und Polizei, am bekanntesten die „Battle of Orgreave" im Juni. Der Streik zieht sich bis in den März 1985 und endet ohne Vereinbarung mit einer Niederlage der Bergleute — ein Wendepunkt für die britische Gewerkschaftsbewegung und ein Fanal für Thatchers Konfrontationskurs gegen die alten Industrien, wie ihn zur selben Zeit auch die Werftenkrise an der Kieler Förde spiegelt.

IRA-Bombenanschlag auf Parteitag der Tories in Brighton

Das Grand Hotel in Brighton nach dem IRA-Bombenanschlag
Das Grand Hotel in Brighton am Morgen nach dem IRA-Bombenanschlag, 12. Oktober 1984 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

In den frühen Morgenstunden des 12. Oktober explodiert im Grand Hotel in Brighton eine von der Provisorischen IRA rund drei Wochen zuvor eingebaute Bombe — platziert in einem Zimmer im sechsten Stock, während dort zur Jahrestagung der britischen Konservativen Partei zahlreiche Regierungsmitglieder untergebracht sind. Der Anschlag zielt auf Premierministerin Margaret Thatcher und ihr Kabinett; Thatcher selbst bleibt unverletzt, arbeitete zum Explosionszeitpunkt noch in ihrem Zimmer an der Konferenzrede und tritt nur wenige Stunden später wie geplant vor die Delegierten, um Entschlossenheit zu demonstrieren. Fünf Menschen sterben in den Trümmern, darunter der Abgeordnete Anthony Berry, 34 weitere werden verletzt — unter ihnen die Ehefrau des Handelsministers Norman Tebbit, die seither querschnittsgelähmt ist. Der Attentäter Patrick Magee wird erst 1986 gefasst und zu mehrfach lebenslanger Haft verurteilt, 1999 im Zuge des Karfreitagsabkommens vorzeitig entlassen. Der Anschlag gilt als einer der schwersten Angriffe der IRA auf dem britischen Festland während der „Troubles" und als nur knapp gescheiterter Versuch, die politische Führung des Vereinigten Königreichs auf einen Schlag auszulöschen.

Hungersnot in Äthiopien und die Geburt von Band Aid

Bob Geldof, Initiator von Band Aid, im Europäischen Parlament in Straßburg
Bob Geldof, Initiator von Band Aid, im Oktober 1985 im Europäischen Parlament in Straßburg — hier warb er ein Jahr nach der Aktion für Nothilfe für Äthiopien (Wikimedia Commons, Attribution)

Ende Oktober strahlt die BBC einen Bericht des Reporters Michael Buerk über die katastrophale Hungersnot in Äthiopien aus, die durch Dürre, Missernten und den anhaltenden Bürgerkrieg Millionen Menschen bedroht; die erschütternden Bilder aus Flüchtlingslagern wie Korem gehen um die Welt und lösen eine Welle internationaler Anteilnahme aus. Der irische Musiker Bob Geldof ist von den Fernsehbildern so bewegt, dass er zusammen mit Midge Ure binnen weniger Tage den Song „Do They Know It's Christmas?" schreibt. Am 25. November versammelt Geldof unter dem Projektnamen Band Aid rund vierzig britische und irische Musiker — unter ihnen Bono, George Michael, Sting, Phil Collins und Boy George — im Sarm-West-Studio in London, um den Titel an einem einzigen Tag aufzunehmen. Veröffentlicht am 7. Dezember, steigt die Single sofort auf Platz eins der britischen Charts, hält sich dort fünf Wochen und wird zur bis dahin meistverkauften Single der britischen Geschichte; die Erlöse von mehreren Millionen Pfund fließen direkt in Nothilfeprogramme für Äthiopien. Die Aktion wird zum Vorbild zahlreicher weiterer Benefizprojekte, allen voran das Live-Aid-Konzert im Folgejahr.

Ronald Reagan gewinnt Wiederwahl in den USA

Ronald Reagan bei einer Wahlkampfkundgebung in Orange County, Kalifornien, 1984
Ronald Reagan bei einer Wahlkampfkundgebung in Orange County, Kalifornien, 1984 (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Bei der Präsidentschaftswahl am 6. November setzt sich der amtierende Präsident Ronald Reagan in einem historischen Erdrutschsieg gegen seinen demokratischen Herausforderer Walter Mondale durch. Reagan gewinnt 49 der 50 Bundesstaaten und erhält 525 von 538 Wahlmännerstimmen; Mondale kann sich nur in seinem Heimatstaat Minnesota sowie im District of Columbia behaupten. Mit rund 59 Prozent der Stimmen erzielt Reagan eines der besten Ergebnisse in der Geschichte amerikanischer Präsidentschaftswahlen. Mondale hatte im Sommer mit Geraldine Ferraro erstmals eine Frau als Vizepräsidentschaftskandidatin einer großen US-Partei nominiert — ein historischer Schritt, der den Wahlausgang jedoch nicht beeinflusst. Reagan, der im Wahlkampf mit dem Werbespot „Morning in America" auf die wirtschaftliche Erholung nach der Rezession der frühen Achtziger sowie auf sein Image als durchsetzungsstarker Anführer im Kalten Krieg setzt, tritt seine zweite Amtszeit im Januar 1985 an. Für die Bundesrepublik bedeutet der Wahlsieg Kontinuität in der Bündnispolitik — Reagans Kurs der Nachrüstung und Härte gegenüber der Sowjetunion, gegen den in Bonn und anderen westdeutschen Städten im Vorjahr Hunderttausende demonstriert hatten, bleibt bestehen.

Alec Jeffreys entdeckt den genetischen Fingerabdruck

Autoradiograph des ersten genetischen Fingerabdrucks von 1984
Autoradiograph des allerersten genetischen Fingerabdrucks aus Alec Jeffreys' Labor, 1984 (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Am Morgen des 10. September, um 9:05 Uhr, gelingt dem Genetiker Alec Jeffreys an der University of Leicester ein Zufallsfund, den er selbst später als seinen „Heureka-Moment" bezeichnet: Bei Untersuchungen an variablen Wiederholungssequenzen im menschlichen Erbgut — sogenannten Minisatelliten — entdeckt er, dass sich damit ein für jeden Menschen einzigartiges Bandenmuster erzeugen lässt, vergleichbar einem Fingerabdruck, jedoch aus DNA gewonnen. Als Testobjekt nutzt er DNA-Proben einer Laborangestellten und ihrer Eltern und stellt fest, dass sich das Muster der Tochter eindeutig aus den Mustern beider Eltern zusammensetzt, während Proben von Tabakpflanze, Kuh und Seehund völlig andere Muster zeigen — der Beweis für Individualität und Vererbbarkeit der Methode. Jeffreys erkennt sofort das Potenzial für Vaterschaftstests und Kriminalfälle; bereits 1985/86 kommt seine Methode erstmals bei einem Einwanderungsstreit und wenig später bei der Aufklärung eines Doppelmordfalls in Leicestershire zum Einsatz — der weltweit erste durch genetischen Fingerabdruck gelöste Mordfall. Die Entdeckung revolutioniert binnen weniger Jahre Forensik, Vaterschaftstests und Genealogie weltweit und gilt als eine der folgenreichsten biowissenschaftlichen Innovationen des Jahrzehnts.

Friedensnobelpreis für Desmond Tutu

Der südafrikanische Bischof und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu, 1986
Der südafrikanische Bischof und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu, hier bei einem Auftritt im Januar 1986 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Das Nobelkomitee verleiht dem südafrikanischen Bischof Desmond Tutu den Friedensnobelpreis 1984 „für seine Rolle als einigende Führungsfigur in der gewaltlosen Kampagne zur Lösung des Apartheid-Problems in Südafrika". Tutu, seit 1978 Generalsekretär des südafrikanischen Kirchenrats, hatte sich seit Jahren als einer der prominentesten innerstaatlichen Kritiker des Apartheid-Regimes hervorgetan, ohne — anders als Teile des militanten Widerstands — zur Gewalt aufzurufen; stattdessen fordert er international wirtschaftliche und politische Sanktionen gegen Pretoria und wirbt zugleich im Land für Dialog und Versöhnung zwischen Schwarz und Weiß. Die Auszeichnung, die Tutu im Dezember in Oslo entgegennimmt, verschafft der internationalen Anti-Apartheid-Bewegung zusätzliches Gewicht und rückt das südafrikanische Regime unter wachsenden diplomatischen Druck — in den USA und Europa nehmen in der Folge Boykott- und Desinvestitionskampagnen gegen Südafrika spürbar zu. Tutu selbst nutzt die neue internationale Sichtbarkeit in den kommenden Jahren, um unermüdlich für einen gewaltfreien Übergang zu einer demokratischen, nicht-rassistischen Ordnung in Südafrika zu werben — ein Ziel, das erst ein Jahrzehnt später mit dem Ende der Apartheid und der Wahl Nelson Mandelas verwirklicht wird.

Alexei Paschitnow erfindet Tetris

Titelbildschirm der MS-DOS-Version von Tetris
Titelbildschirm der 1986 veröffentlichten MS-DOS-Version von Tetris (AcademySoft) — die Originalversion von 1984 lief textbasiert auf einem sowjetischen Elektronika-60-Rechner (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am Rechenzentrum der sowjetischen Akademie der Wissenschaften in Moskau programmiert der 29-jährige Informatiker Alexei Paschitnow im Juni auf einem Elektronika-60-Computer ein kleines Puzzlespiel, das er nach dem griechischen Wort für „vier" (tetra) und seinem Lieblingssport Tennis „Tetris" nennt: Aus dem Himmel fallende Blöcke aus je vier Quadraten — sogenannte Tetrominos — müssen so gedreht und gestapelt werden, dass sie lückenlose Reihen bilden, die sich dann auflösen; füllt sich der Spielraum bis oben, ist die Partie verloren. Gemeinsam mit seinen Kollegen Dmitri Pawlowski und Wadim Gerassimow portiert Paschitnow das Spiel bald auf den IBM-kompatiblen PC, von wo aus es sich — zunächst ohne jede kommerzielle Vermarktung — auf Disketten rasant unter Programmierern in Moskau und darüber hinaus verbreitet. Da die Sowjetunion sämtliche Rechte an Software staatlichen Institutionen zuordnet, verdient Paschitnow selbst zunächst nichts an seiner Erfindung; erst 1996 erhält er nach dem Ende der Sowjetunion eigene Lizenzrechte zurück. In den folgenden Jahren entfacht sich ein internationaler Rechtsstreit um die Lizenzen, bevor Tetris ab 1989 als Startspiel des Nintendo Game Boy zu einem der meistverkauften Videospiele aller Zeiten wird — der Beginn einer bis heute ungebrochenen weltweiten Popularität.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • In Bonn weitet sich die Flick-Parteispendenaffäre aus — Ermittlungen gegen Politiker mehrerer Parteien wegen verdeckter Zuwendungen des Industriekonzerns erschüttern das Vertrauen in die Bundesrepublik.
  • Ausgerechnet im Jahr 1984 wird George Orwells 1949 erschienener Roman gleichen Titels in Feuilletons und Werbekampagnen wieder allgegenwärtig — die Zahl selbst wird zum Symbol.
  • In Kiel schließt die Howaldtswerke-Deutsche Werft (HDW) im Zuge der bundesweiten Werftenkrise ihr traditionsreiches Stammwerk in Dietrichsdorf — das Gelände geht im Dezember an die Stadt Kiel über, ein Menetekel für den Niedergang des deutschen Schiffbaus.
  • Bundeskanzler Helmut Kohl und Frankreichs Präsident François Mitterrand halten sich bei einer Gedenkfeier im französischen Verdun minutenlang an den Händen — der Händedruck von Verdun wird zum Symbol der deutsch-französischen Versöhnung.

SPORT · 1984

Bei den Olympischen Sommerspielen in Los Angeles — deren Boykott durch den Ostblock bereits unter den Schlagzeilen dieser Ausgabe steht — wird der amerikanische Leichtathlet Carl Lewis zum Star des Turniers: Mit vier Goldmedaillen (100 m, 200 m, Weitsprung, 4×100 m) wiederholt er die Leistung seines Vorbilds Jesse Owens, der bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin dieselben vier Titel geholt hatte. Bei den Winterspielen im jugoslawischen Sarajevo holt Katarina Witt am 9. Februar ihr erstes Olympia-Gold im Eiskunstlauf — bereits unter den Lichtblicken dieser Ausgabe gewürdigt —, während das britische Eistanz-Paar Torvill/Dean mit seiner Kür zu Ravels „Boléro" für ihren Auftritt die Höchstwertung von neun Kampfrichtern erhält und die Zuschauer weltweit begeistert. Im Vereinshandball behauptet sich der THW Kiel in der Bundesliga-Saison 1983/84 mit 32 Siegen aus 52 Spielen als eine der stärksten Mannschaften des Landes und beendet die Saison auf dem vierten Tabellenplatz — Grundstein für die spätere Ära als Serienmeister an der Förde.

MODE · 1984

Mode trägt 1984 einen Namen: Madonna. Mit Spitzenhandschuhen, Kruzifixen als Schmuck, wild toupiertem Haar und dem selbstbewussten „Boy Toy"-Gürtel prägt die amerikanische Popsängerin einen Look, der binnen Monaten von New Yorker Clubs auf Schulhöfe rund um die Welt überschwappt — auch an der Kieler Förde tragen Teenager plötzlich Spitzenhandschuhe zur Jeansjacke. Ihren endgültigen Durchbruch als Stilikone verschafft ihr der Auftritt bei der allerersten Verleihung der MTV Video Music Awards am 14. September in der New Yorker Radio City Music Hall: Im weißen Brautkleid mit Tüllschleier, „Boy Toy"-Gürtelschnalle und einer choreografierten Szene mit einer riesigen Hochzeitstorte performt sie „Like a Virgin" und macht das Bild binnen einer Nacht weltberühmt. Parallel treibt der Designer Azzedine Alaïa mit körperbetonten, elastischen Schnitten die Silhouette der Achtziger in eine sinnlichere Richtung.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1984

  • Medizin-Nobelpreis für Georges Köhler (1984). Der Immunologe vom Max-Planck-Institut Freiburg wird für die Hybridom-Technik zur Herstellung monoklonaler Antikörper geehrt.
  • Wim Wenders gewinnt mit „Paris, Texas" die Goldene Palme (Mai 1984). Die einstimmige Auszeichnung in Cannes bestätigt Wenders als Hauptvertreter des Neuen Deutschen Films.
  • Katarina Witt holt Olympia-Gold im Eiskunstlauf (9. Februar 1984, Sarajevo). Der erste von zwei Olympiasiegen macht die DDR-Läuferin zu einer der bekanntesten deutschen Sportlerinnen überhaupt.
  • Bruce McCandless fliegt als erster Mensch frei und ungesichert im All (7. Februar 1984). Mit dem raketengetriebenen Rucksack MMU entfernt sich der NASA-Astronaut bei der Shuttle-Mission STS-41-B bis zu 100 Meter vom Space Shuttle Challenger — ein Meilenstein der Raumfahrt.
  • Start des Privatfernsehens in der Bundesrepublik (1./2. Januar 1984). Mit dem Kabelpilotprojekt Ludwigshafen gehen der spätere Sender Sat.1 und aus Luxemburg RTL plus erstmals auf Sendung und beenden das Monopol von ARD und ZDF.
  • Landtag beschließt Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer (22. Juli 1984). Unter Ministerpräsident Uwe Barschel verabschiedet Kiel das Nationalparkgesetz für die Nordseeküste — einer der größten Naturschutzerfolge des Landes.

DAS WETTER · 1984 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein kühler Sommertag mit etwas Regen: Höchstwert 19,4 °C, in der Nacht 13,8 °C, im Mittel 16,0 °C; 2,6 mm Regen fielen.

Das Jahr über: Im Mittel 8,1 °C. Wärmster Tag 28,4 °C am 31. Juli, kältester −7,6 °C am 26. Januar. 0 Hitzetage (≥ 30 °C), 13 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 890 mm.

(Messwerte der Station Schleswig, rund 40 km nordwestlich — die nächstgelegene durchgehend messende Station, da die Kieler Station Holtenau für diese Jahre Messlücken aufweist; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1984

Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.

  1. Männer — Herbert Grönemeyer
  2. Happy Children — P. Lion
  3. Big In Japan — Alphaville
  4. Such A Shame — Talk Talk
  5. Two Tribes — Frankie Goes To Hollywood
  6. Self Control — Laura Branigan
  7. 1000 Und 1 Nacht — Klaus Lage Band
  8. Relax — Frankie Goes To Hollywood
  9. What's Love Got To Do With It — Tina Turner
  10. Footloose — Kenny Loggins
  11. Send Me An Angel — Real Life
  12. Smalltown Boy — Bronski Beat
  13. Dr. Mabuse — Propaganda
  14. Never Ending Story — Limahl
  15. Only You — The Flying Pickets
  16. Time After Time — Cyndi Lauper
  17. Love Is A Battlefield — Pat Benatar
  18. Precious Little Diamond — Fox The Fox
  19. Sounds Like A Melody — Alphaville
  20. High Energy — Evelyn Thomas

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).