DER CHRONIST
Ein Jahr der Zäsuren: In Moskau übernimmt ein vergleichsweise junger Mann die Macht und öffnet vorsichtig ein Fenster, in Bonn findet ein Bundespräsident Worte, die vierzig Jahre nach Kriegsende Geschichte schreiben, und an der Förde geht mit dem Verkauf der letzten Hamburger Werft-Tochter ein Kapitel der Kieler Schiffbaugeschichte zu Ende — während anderswo auf der Welt Solidarität und Schrecken dicht beieinanderliegen. Auch der Terror kehrt zurück: In Frankfurt sprengt die RAF die Rhein-Main Air Base, vor der italienischen Küste kapern Palästinenser die „Achille Lauro" und ermorden einen wehrlosen Passagier, und über Japan stürzt eine Boeing in der folgenschwersten Flugzeugkatastrophe der Geschichte ab. Zugleich zeigt sich, wozu Wissenschaft und Diplomatie fähig sind: Vor Neufundland taucht das Wrack der „Titanic" nach 73 Jahren wieder auf, in Kolumbien begräbt ein Vulkanausbruch eine ganze Stadt unter Schlammlawinen, und in Genf sitzen sich Reagan und Gorbatschow erstmals gegenüber — ein vorsichtiger erster Schritt aus dem Kalten Krieg heraus. So bunt und widersprüchlich wie das Jahr selbst reicht der Rückblick von der Kieler Werftbank bis zu den Schauplätzen der Weltgeschichte.
Werft im Umbruch: HDW verkauft die letzte Hamburger Tochter, in Kiel läuft das „Schiff der Zukunft" vom Stapel

Bei den Howaldtswerken-Deutsche Werft (HDW) vollzieht sich 1985 ein Umbruch, der Kiel unmittelbar betrifft. Der Konzern, 1968 aus der Fusion der Kieler Howaldtswerke mit der Hamburger Deutschen Werft hervorgegangen, leidet wie fast die gesamte westdeutsche Schiffbaubranche seit der Ölkrise unter einbrechenden Auftragszahlen, Überkapazitäten und asiatischer Konkurrenz — das „Werftensterben" der frühen achtziger Jahre hat bereits reihenweise Standorte an Elbe und Weser gekostet. Zum 1. Oktober wird nun auch das Werk Ross in Hamburg, die frühere Vulkanwerft und letzte verbliebene Hamburger Tochter des Konzerns, aus dem HDW-Verbund herausgelöst; rückwirkend zu diesem Stichtag verkauft HDW den Betrieb mit noch rund 2.200 Beschäftigten Ende November an die Blohm + Voss AG, die ihn als Tochtergesellschaft „Ross Industrie GmbH" weiterführt — schon ab Januar 1986 folgt Kurzarbeit, im Oktober 1987 wird dort endgültig der Betrieb eingestellt. Nach der Schließung des Hamburger Werks Reiherstieg zwei Jahre zuvor bündelt sich der Schiffbau des HDW-Konzerns damit endgültig in Kiel-Gaarden, wo seit den Anfängen der Howaldtswerke 1838 sowohl Handelsschiffe als auch — bis heute für die Stadt prägend — U-Boote gebaut werden. Einen Kontrapunkt zur Werksschließung setzt HDW am selben 1. Oktober mit der Ablieferung der MS „Norasia Samantha" (Baunummer 207) an die Schweizer Reederei Norasia: Das hochautomatisierte Containerschiff ist der erste Prototyp des „Schiffs der Zukunft", Ergebnis eines von Bund und Industrie geförderten, zwölfjährigen Forschungsprogramms zur Rationalisierung des Schiffsbetriebs mit deutlich reduzierter Besatzung. Für die Werftstadt an der Förde, deren Alltag seit Jahrzehnten vom Rhythmus der Docks und vom Stellenwert von HDW als größtem industriellen Arbeitgeber geprägt ist, ist 1985 damit ein Jahr zwischen Abschied und technologischem Aufbruch.
Aus heutiger Sicht
Der Konzentrationsprozess an der Förde setzt sich nach 1985 fort: 2005 übernimmt ThyssenKrupp die Howaldtswerke-Deutsche Werft und bündelt sie im neuen Bereich ThyssenKrupp Marine Systems, 2012 verschwindet der Name HDW schließlich ganz zugunsten dieser Konzernbezeichnung — die Kieler U-Boot-Werft besteht als Betrieb fort, doch die 174 Jahre alte eigenständige Firmengeschichte der Howaldtswerke endet damit endgültig.
Gorbatschow wird Kreml-Chef: Beginn von Glasnost und Perestroika

Konstantin Tschernenko, seit gut dreizehn Monaten Kreml-Chef und gesundheitlich schwer gezeichnet, stirbt am Abend des 10. März 1985 an Leber-, Lungen- und Herzversagen — er ist bereits der dritte sowjetische Staats- und Parteichef, der binnen 28 Monaten im Amt stirbt, nach Leonid Breschnew (1982) und Juri Andropow (1984). Noch in der Nacht empfiehlt Außenminister Andrei Gromyko, dessen Wort im Politbüro erhebliches Gewicht hat, den erst 54 Jahre alten Michail Gorbatschow als Nachfolger; weniger als 24 Stunden nach Tschernenkos Tod, am 11. März, wählt das Politbüro und anschließend das Zentralkomitee der KPdSU Gorbatschow zum neuen Generalsekretär — den jüngsten Kreml-Chef seit Stalins Aufstieg 1922 und den vierten sowjetischen Führer in gut zwei Jahren. Mit ihm zieht ein Vertreter einer neuen, nach dem Krieg geborenen Führungsgeneration an die Spitze der Sowjetunion, der unter dem Schlagwort Uskorenije („Beschleunigung") wirtschaftliche Reformen anstößt und das starre Sowjetsystem in Bewegung bringen will. Bereits im November 1985 trifft Gorbatschow in Genf erstmals mit US-Präsident Ronald Reagan zusammen — der erste amerikanisch-sowjetische Gipfel seit sechs Jahren und Auftakt einer Serie von Begegnungen, die in den Abrüstungsverträgen der Folgejahre münden. Was 1985 als Führungswechsel im Politbüro beginnt, entwickelt sich so zum Auftakt jenes Prozesses, der binnen weniger Jahre den Kalten Krieg beenden und die Teilung Europas aufheben wird.
Aus heutiger Sicht
Gorbatschow wird 1990 mit dem Friedensnobelpreis für seine Rolle beim Abbau der Blockkonfrontation geehrt; am 25. Dezember 1991 tritt er als letzter Präsident der Sowjetunion zurück, einen Tag darauf, am 26. Dezember, löst sich die UdSSR endgültig auf — das Reformprojekt, das er 1985 als Generalsekretär begann, endet so mit dem Ende des Staates selbst, den er zu erneuern angetreten war.
Weizsäckers Rede zum 40. Jahrestag: „Tag der Befreiung"

In einer Gedenkstunde des Deutschen Bundestages im Plenarsaal in Bonn nennt Bundespräsident Richard von Weizsäcker den 8. Mai 1945 einen „Tag der Befreiung" vom nationalsozialistischen Gewaltsystem — eine Formulierung, die vierzig Jahre nach Kriegsende mit der bis dahin vorherrschenden Lesart vom „Zusammenbruch" bricht und die westdeutsche Erinnerungskultur nachhaltig prägt. Er mahnt: „Wir brauchen und wir haben die Kraft, der Wahrheit so gut wir es können ins Auge zu sehen, ohne Beschönigung und ohne Einseitigkeit", gedenkt ausdrücklich der sechs Millionen ermordeten Juden sowie aller leidenden Völker, „vor allem der unsäglich vielen Bürger der Sowjetunion und der Polen", und weist eine Kollektivschuld zurück: „Schuld ist, wie Unschuld, nicht kollektiv, sondern persönlich." Die Rede wird live im Fernsehen übertragen, in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt und in über zwei Millionen Exemplaren verbreitet; mehr als 60.000 Bürgerinnen und Bürger schreiben daraufhin an den Bundespräsidenten, aus der israelischen Botschaft in Bonn heißt es, es habe sich um eine „Sternstunde der deutschen Nachkriegsgeschichte" gehandelt. Nicht alle stimmen zu: Der CSU-Abgeordnete Lorenz Niegel und rund dreißig weitere Unionsabgeordnete bleiben der Rede demonstrativ fern, Alfred Dregger wendet sich gegen eine einseitige Deutung des 8. Mai als reinen Befreiungstag, und auch aus der Friedensbewegung, etwa von der Grünen-Politikerin Petra Kelly, kommt Kritik. Vierzig Jahre nach Kriegsende gilt die Rede dennoch bis heute als eine der bedeutendsten politischen Reden der Bundesrepublik.
Geheimdienst-Anschlag: Frankreich versenkt die „Rainbow Warrior"

Im Hafen von Auckland (Neuseeland) bringen Kampfschwimmer des französischen Auslandsgeheimdienstes DGSE im Rahmen der als „Opération Satanique" bezeichneten Aktion zwei Sprengsätze am Rumpf des Greenpeace-Schiffs „Rainbow Warrior" an, das zur geplanten Protestflotte gegen die Atomwaffentests Frankreichs im Mururoa-Atoll gehört. Das Schiff sinkt, der niederländische Fotograf Fernando Pereira ertrinkt beim Versuch, seine Ausrüstung zu bergen. Die neuseeländische Polizei identifiziert über das Kennzeichen eines gemieteten Wohnmobils zwei der Täter, die unter falschen Schweizer Pässen als Ehepaar „Turenge" eingereist waren: Major Alain Mafart und Hauptmann Dominique Prieur. Beide bekennen sich im November 1985 nach nur 34-minütiger Verhandlung des Totschlags und der Sachbeschädigung für schuldig und werden zu je zehn Jahren Haft verurteilt — verbüßen davon jedoch, nach einem 1986 ausgehandelten Vergleich, bei dem Frankreich Neuseeland umgerechnet rund 13 Millionen NZ-Dollar zahlt, nur wenige Jahre auf dem französischen Militärstützpunkt Hao-Atoll, ehe beide bis 1988 wieder in Frankreich sind. Der Skandal reicht bis in die Regierungsspitze um Präsident François Mitterrand: Verteidigungsminister Charles Hernu tritt am 20. September zurück, auch der Chef des Geheimdienstes, Admiral Pierre Lacoste, wird ausgetauscht. Der Anschlag auf ein ziviles Umweltschiff mitten im Frieden erschüttert das Vertrauen in staatliche Geheimdienste und macht Greenpeace international bekannter denn je.
Aus heutiger Sicht
Erst zwanzig Jahre später, 2005, bestätigt der 1985 entlassene Geheimdienstchef Pierre Lacoste gegenüber Le Monde, dass Präsident Mitterrand die Versenkung der „Rainbow Warrior" persönlich autorisiert hatte — ein direkter Regierungsauftrag zur Verübung eines Terroranschlags gegen ein ziviles Schiff im Hafen eines befreundeten Staates, den Paris 1985 stets bestritten hatte.
Live Aid: Ein Tag, zwei Kontinente, eine Milliarde Zuschauer

Zeitgleich in Wembley (London, rund 72.000 Zuschauer) und im JFK-Stadion (Philadelphia, rund 89.000 Zuschauer) veranstalten Bob Geldof, Frontmann der Boomtown Rats, und Midge Ure von Ultravox das bis dahin größte Benefizkonzert der Geschichte: Live Aid. Die beiden Musiker hatten bereits im Dezember 1984 mit dem Bandaid-Projekt und der Single „Do They Know It's Christmas?" auf die Hungerkatastrophe in Äthiopien aufmerksam gemacht, die durch jahrelange Dürre, Bürgerkrieg und eine gescheiterte staatliche Getreidewirtschaft ausgelöst worden war. Rund 16 Stunden lang treten in beiden Stadien Queen, David Bowie, U2, Madonna, Tina Turner, Elton John, Phil Collins — der eigens per Concorde von London nach Philadelphia fliegt, um an beiden Orten aufzutreten —, die wiedervereinigten Led Zeppelin und The Who sowie viele mehr auf; per Satellit verfolgen schätzungsweise 1,5 Milliarden Menschen in rund 110 Ländern die Übertragung. Über 100 Millionen US-Dollar kommen für die Nothilfe in Afrika zusammen — ein Beleg dafür, dass Popmusik weltweite Solidarität mobilisieren kann, und Vorbild für zahlreiche spätere Benefizkonzerte.
Bombenanschlag auf die Rhein-Main Air Base: RAF ermordet zwei Amerikaner

In der Nacht zum 8. August locken Mitglieder der Rote Armee Fraktion (RAF) den 20 Jahre alten US-Soldaten Edward Pimental in Wiesbaden in einen Hinterhalt, erschießen ihn und rauben seinen Militärausweis, um am nächsten Morgen unbemerkt auf das Gelände der amerikanischen Rhein-Main Air Base bei Frankfurt zu gelangen. Dort detoniert ein mit rund 240 Kilogramm Sprengstoff beladener VW Passat, den RAF-Mitglieder gemeinsam mit der französischen Terrorgruppe Action Directe platziert haben — die Bombe tötet zwei weitere US-Bürger und verletzt mehr als zwanzig Menschen, zudem werden rund dreißig Fahrzeuge sowie Gebäude auf dem Stützpunkt beschädigt. Es ist der schwerste Anschlag auf eine amerikanische Einrichtung in der Bundesrepublik seit dem RAF-Bombenanschlag auf die Ramstein Air Base 1981 und Teil einer neuen, gegen die militärische Präsenz der USA gerichteten Anschlagsserie der sogenannten „dritten RAF-Generation". Die Tat reiht sich ein in ein Jahr, in dem der Terrorismus international immer wieder Schlagzeilen macht — von Frankfurt über den Nahen Osten bis zum Mittelmeer.
Absturz von Japan Airlines Flug 123: Schwerstes Flugzeugunglück der Geschichte

Auf dem innerjapanischen Linienflug von Tokio nach Osaka verliert die Boeing 747 der Japan Airlines (Flug 123) rund 30 Minuten nach dem Start die Kontrolle über das Höhen- und Seitenruder, nachdem die hintere Druckschott-Trennwand des Flugzeugs birst — Folge einer mangelhaften Reparatur nach einem Heckaufsetzer sieben Jahre zuvor, bei der Boeing-Techniker die vorgeschriebene doppelte Nietreihe durch eine einzelne ersetzt hatten. 34 Minuten lang ringt die Besatzung unter Kapitän Masami Takahama vergeblich um die Maschine, ehe sie in den Bergen der Präfektur Gunma am Mount Osutaka zerschellt. Von den 524 Menschen an Bord sterben 520 — es ist bis heute das folgenschwerste Unglück eines einzelnen Flugzeugs in der Geschichte der Luftfahrt; nur vier Passagiere überleben, unter ihnen eine junge Flugbegleiterin. Die späte und schwierige Rettungsaktion in unwegsamem Gelände sowie technische Verwechslungen bei der Ortung des Wracks werden in Japan bis heute diskutiert, die Katastrophe führt zu verschärften Wartungsvorschriften bei Boeing und in der zivilen Luftfahrt weltweit.
Wrack der „Titanic" entdeckt: Robert Ballard findet den legendären Ozeanriesen

In der Nacht zum 1. September lokalisiert ein amerikanisch-französisches Forscherteam unter dem Meeresgeologen Robert Ballard (Woods Hole Oceanographic Institution) und Jean-Louis Michel (Institut français de recherche pour l'exploitation de la mer) mit Hilfe des unbemannten Tauchroboters „Argo" das Wrack der 1912 gesunkenen „Titanic" rund 600 Kilometer vor der Küste Neufundlands in fast 3.800 Metern Tiefe — ein Kessel des Ozeandampfers auf den ersten Bildern liefert den entscheidenden Beweis. Das Schiff liegt, wie sich zeigt, in zwei große, weit auseinanderliegende Teile zerbrochen auf dem Meeresgrund. Erst Jahrzehnte später wird öffentlich, dass die Fahrt offiziell im Auftrag der US-Marine stattfand, um zuvor zwei havarierte amerikanische Atom-U-Boote, die „Thresher" und die „Scorpion", zu untersuchen — die Suche nach der „Titanic" diente auch als Tarnung für die eigentliche, geheime Mission. Ballards Fund macht Schlagzeilen rund um den Globus und löst eine Welle neuen Interesses an dem Schiffsunglück aus, das seit über siebzig Jahren als Sinnbild für die Grenzen menschlicher Technikgläubigkeit gilt.
Geiseldrama auf hoher See: Die Entführung der „Achille Lauro"

Vor der ägyptischen Küste kapern vier bewaffnete Mitglieder der Palästinensischen Befreiungsfront (PLF) unter der Führung von Abu Abbas das italienische Kreuzfahrtschiff „Achille Lauro" mit rund 450 Menschen an Bord und fordern die Freilassung inhaftierter Palästinenser. Als ihr ursprünglicher Plan auffliegt, erschießen die Geiselnehmer den 69-jährigen, im Rollstuhl sitzenden US-Bürger Leon Klinghoffer und zwingen Besatzungsmitglieder, seine Leiche über Bord zu werfen. Nach zähen Verhandlungen sichert Ägypten den Entführern freies Geleit zu; als jedoch eine ägyptische Passagiermaschine mit den Tätern an Bord in Richtung Tunesien fliegt, zwingen amerikanische F-14-Kampfjets der US-Marine sie zur Landung auf dem NATO-Stützpunkt Sigonella in Sizilien. Der italienische Ministerpräsident Bettino Craxi lässt die Attentäter jedoch nach Rom weiterreisen und ermöglicht auch Abu Abbas die Ausreise aus Italien — ein Vorgehen, das in Rom zur „Sigonella-Krise" zwischen den USA und Italien führt und Craxis Koalitionsregierung kurzzeitig ins Wanken bringt. Die Entführung macht den internationalen Terrorismus im Nahost- Konflikt einem breiten Publikum bewusst und bleibt als einer der spektakulärsten Geiselfälle der achtziger Jahre in Erinnerung.
Vulkanausbruch in Kolumbien: Die Lahar-Katastrophe von Armero

Nach 69 Jahren Ruhe bricht der Vulkan Nevado del Ruiz im kolumbianischen Andengebiet aus — obwohl Vulkanologen bereits Wochen zuvor vor genau diesem Szenario gewarnt hatten, unterbleibt eine rechtzeitige Evakuierung der Region. Die Explosion schmilzt Teile des Gletschereises am Gipfel; die dadurch ausgelösten Lahars (Schlamm- und Gerölllawinen) rasen mit hoher Geschwindigkeit die Flusstäler hinab und treffen die Stadt Armero gegen 23:30 Uhr nahezu ohne Vorwarnung. Von rund 29.000 Einwohnern sterben mehr als 23.000 Menschen, Zehntausende weitere werden verletzt oder obdachlos; Straßen, Brücken, Krankenhäuser und Schulen werden komplett zerstört. Weltweite Bekanntheit erlangt das Schicksal der 13-jährigen Omayra Sánchez, die tagelang bis zur Brust im Schlamm eingeschlossen bleibt und vor laufenden Kameras stirbt, ohne dass sie gerettet werden kann — ihr Bild wird zum Symbol für das Versagen von Katastrophenschutz und Warnsystemen. Der Ausbruch gilt bis heute als einer der folgenschwersten Vulkanausbrüche des 20. Jahrhunderts.
Genfer Gipfel: Reagan und Gorbatschow treffen sich erstmals

In Genf kommen US-Präsident Ronald Reagan und der neue sowjetische Generalsekretär Michail Gorbatschow zu ihrem ersten persönlichen Treffen zusammen — ausgerichtet vom Schweizer Bundespräsidenten Kurt Furgler, sprechen die beiden Staatsmänner insgesamt rund fünf Stunden unter vier Augen. Konkrete Ergebnisse in den zentralen Streitfragen um atomare Abrüstung, den Krieg in Afghanistan und Menschenrechte bleiben aus, doch in einer gemeinsamen Abschlusserklärung halten beide Seiten fest, „dass ein Atomkrieg nicht gewonnen werden kann und niemals ausgefochten werden darf", und verständigen sich in Grundzügen auf eine Halbierung der strategischen Atomwaffenarsenale sowie auf gegenseitige Staatsbesuche — Reagan in die USA 1986, Gorbatschow nach Moskau 1987. Trotz des Ausbleibens greifbarer Vereinbarungen gilt der sogenannte „Geist von Genf" rückblickend als Wendepunkt: Erstmals seit sechs Jahren sprechen die Führer der beiden Supermächte wieder direkt miteinander, was den Weg zu den Folgegipfeln in Reykjavík (1986) und Washington (1987) und schließlich zu den Abrüstungsverträgen ebnet, die das Ende des Kalten Krieges einläuten.
Wahljahr an Rhein und Saar: SPD gewinnt Nordrhein-Westfalen wie nie zuvor

Für die Bonner Koalition aus CDU/CSU und FDP unter Bundeskanzler Helmut Kohl wird 1985 zum Jahr der Landtags-Rückschläge. Den Auftakt macht der 10. März: Im Saarland erobert die zuvor oppositionelle SPD unter Oskar Lafontaine aus dem Stand die absolute Mehrheit der Mandate — Lafontaine wird der erste sozialdemokratische Ministerpräsident in der Geschichte des kleinen Landes und bildet eine Alleinregierung. Den größten Ausschlag gibt zwei Monate später jedoch Nordrhein-Westfalen: Am 12. Mai steigert Ministerpräsident Johannes Rau die SPD im bevölkerungsreichsten Bundesland auf 52,1 Prozent der Stimmen — das beste Ergebnis, das eine Partei je bei einer nordrhein-westfälischen Landtagswahl erzielt hat — während die CDU mit 36,5 Prozent ihr bis dahin schlechtestes Landesergebnis einfährt und die FDP mit knapp 6 Prozent nach fünf Jahren außerparlamentarischer Zeit in den Landtag zurückkehrt; die Grünen verfehlen mit rund 4,6 Prozent erneut die Fünf-Prozent-Hürde. Bei einer Wahlbeteiligung von 75,2 Prozent regiert Rau damit weiterhin allein und mit komfortabler Mehrheit im Landtag, der noch im alten Düsseldorfer Ständehaus tagt. Für die Regierungskoalition in Bonn bedeuten beide Wahlgänge mitten in der Legislaturperiode ein deutliches Stimmungssignal aus zwei wichtigen Flächenländern.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Berlin (West), 10. März — CDU 46,4 %, SPD 32,4 %, Alternative Liste 10,6 %, FDP 8,5 % (Beteiligung 83,6 %). Die seit 1983 regierende Koalition aus CDU und FDP unter Regierendem Bürgermeister Eberhard Diepgen, der 1984 die Nachfolge des zum Bundespräsidenten gewählten Richard von Weizsäcker angetreten hatte, wird bestätigt.
Aus heutiger Sicht
Oskar Lafontaine bleibt bis 1998 Ministerpräsident des Saarlandes und wird 1995 SPD-Bundesvorsitzender, tritt aber im März 1999 als Parteichef und Bundesfinanzminister überraschend zurück. 2005 verlässt er die SPD ganz, ist Mitgründer der Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) und führt sie 2007 in die Fusion zur Partei Die Linke, deren Ko-Vorsitzender er beim Gründungsparteitag am 16. Juni 2007 mit 87,9 Prozent der Delegiertenstimmen wird — aus dem Wahlsieger von 1985 wird so einer der Gründerväter einer neuen Partei links von der SPD.
Physik-Nobelpreis für Klaus von Klitzing: Der quantisierte Hall-Effekt

Die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften gibt am 16. Oktober bekannt, dass der Physik-Nobelpreis 1985 an Klaus von Klitzing vom Max-Planck-Institut für Festkörperforschung in Stuttgart geht — „für die Entdeckung des quantisierten Hall-Effekts". Die entscheidende Messung war dem heute 42-jährigen Physiker bereits in der Nacht zum 5. Februar 1980 am Hochfeld-Magnetlabor im französischen Grenoble gelungen: An der Grenzschicht zwischen Metall und Halbleiter ändert sich der elektrische Widerstand unter starkem Magnetfeld nicht kontinuierlich, sondern in exakten, ganzzahligen Stufen — einen Effekt, den von Klitzing gemeinsam mit den Kollegen Gerhard Dorda und Michael Pepper noch 1980 erstmals veröffentlicht hatte. Die Auszeichnung wird von Klitzing traditionsgemäß am 10. Dezember in Stockholm überreicht.
Aus heutiger Sicht
Die nach ihm benannte von-Klitzing-Konstante wird 1990 per internationaler Übereinkunft zur weltweiten Bezugsgröße für Widerstandskalibrierungen und dient seit der SI-Neudefinition vom 20. Mai 2019 als exakt festgelegter Wert, über den die physikalische Einheit Ohm definiert ist — aus einer Stuttgarter Laborentdeckung von 1980 wird so ein Baustein des internationalen Einheitensystems.
Prozess um die Hitler-Tagebücher: Fälscher Kujau und Stern-Reporter Heidemann verurteilt

Zwei Jahre nach der Blamage um die angeblichen „Hitler-Tagebücher", die das Hamburger Magazin Stern 1983 für 9,34 Millionen D-Mark erworben und in 62 Bänden präsentiert hatte, spricht das Landgericht Hamburg am 8. Juli sein Urteil: Der Stuttgarter Kunsthändler und Fälscher Konrad Kujau, der Hitlers Handschrift nachgeahmt, sich in historischen Details aber immer wieder verraten hatte, wird wegen Betrugs und Urkundenfälschung zu vier Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Der Stern-Reporter Gerd Heidemann, der die Fälschungen der Redaktion als echt verkauft hatte, erhält mit vier Jahren und acht Monaten die höhere Strafe — das Gericht stellt fest, dass er einen erheblichen Teil der von Stern gezahlten Summe nicht an Kujau weitergereicht, sondern veruntreut hat; eine lückenlose Aufklärung des Verbleibs des Geldes gelingt im Prozess nicht. Der Skandal, der die Illustrierte 1983 international blamiert hatte, endet damit strafrechtlich, doch die Erschütterung des Ansehens des Stern wirkt noch lange nach.
Glykolwein-Skandal: Gepanschter Wein erschüttert österreichische und deutsche Winzer

Nachdem bereits im Dezember 1984 eine anonym eingereichte Weinprobe bei der Landwirtschaftlich-chemischen Bundesversuchsanstalt in Wien Verdacht erregt hatte, warnt das Bundesgesundheitsministerium in Bonn am 9. Juli offiziell vor mit Diethylenglykol gepanschten Weinen: Zahlreiche österreichische Winzer hatten die als Frostschutzmittel bekannte Substanz statt einfachen Zuckers zugesetzt, um billige Massenweine geschmacklich und in der amtlichen Zuckerprobe als teure Prädikatsweine — Spät- und Auslesen — erscheinen zu lassen. Der Skandal reicht bis nach Deutschland: Mehrere rheinland-pfälzische Weingroßabfüller, unter ihnen die Firma Pieroth, geraten unter Verdacht, österreichischen Fasswein mit der verbotenen Beigabe in deutsche Weine eingemischt zu haben. Rund vier Millionen Liter Wein werden beschlagnahmt, der österreichische Weinexport bricht binnen kurzer Zeit fast vollständig ein, und mehrere Winzer werden in Österreich zu Haftstrafen von bis zu acht Jahren verurteilt. Gesundheitsschäden bei Konsumenten werden nicht bekannt, doch das Vertrauen der Käufer in heimischen wie österreichischen Wein ist erschüttert.
Aus heutiger Sicht
Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) kürt „Glykol" zum Wort des Jahres 1985. Damit reiht sich der Weinskandal in die Wortwahl-Chronik der frühen 1980er ein, die zuvor „Ellenbogengesellschaft" (1982), „heißer Herbst" (1983) und „Umweltauto" (1984) verzeichnet hatte.
Letzte Fahrt der Kieler Straßenbahn

Nach fast neunzig Jahren elektrischem Betrieb — die erste elektrische Linie war am 12. Mai 1896 vom Hauptbahnhof über die Holtenauer Straße nach Belvedere gerollt — geht am Sonnabend, dem 4. Mai, die Ära der Kieler Straßenbahn zu Ende. Um 20:20 Uhr erreicht der letzte Wagen der Linie 4, der DÜWAG-Großraumtriebwagen 270 mit dem Uerdinger Beiwagen 81, den Betriebshof Gaarden. Die Linie hatte zuletzt Holtenau über den Hauptbahnhof mit Wellingdorf verbunden und trug zuletzt rund ein Viertel bis knapp ein Drittel aller Fahrgäste der Kieler Verkehrs-AG (KVAG).
Der Einstellungsbeschluss geht auf den Generalverkehrsplan von 1977 zurück; die KVAG stellt den Betrieb nun endgültig auf Busse um und führt Bus- und Fährverkehr künftig in einem gemeinsamen System. Für Kiel endet mit diesem Abend eine Institution des Stadtbilds, während die Stadt auf ein neues Verkehrszeitalter umschaltet.
AIDS erreicht das öffentliche Bewusstsein

Der Tod des Hollywood-Schauspielers Rock Hudson am 2. Oktober markiert weltweit einen Wendepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung der Immunschwächekrankheit AIDS: Erstmals wird der Tod eines großen Filmstars öffentlich mit der Krankheit in Verbindung gebracht. In den USA übersteigt das Spendenaufkommen für die AIDS-Forschung in den folgenden Monaten nach Angaben des Magazins People das gesamte Spendenvolumen des Jahres 1984 um mehr als das Doppelte.
Auch in der Bundesrepublik gewinnt das Thema an Dringlichkeit. Nachdem die Zahl der Ansteckungen durch verunreinigte Blutprodukte seit 1982 spürbar gestiegen war, wird im Laufe des Jahres 1985 der HIV-Antikörpertest bei Blutspenden verpflichtend eingeführt — Blutkonserven und Blutprodukte gelten seither als weitgehend sicher. Auch die Illustrierten greifen das Thema mit alarmierendem Ton auf: Der Spiegel stellt 1985 unter dem Titel „Die großen Seuchen" AIDS neben Pest, Cholera und Pocken.
Aus heutiger Sicht
Repräsentative Umfragen zur AIDS-Wahrnehmung in der Bundesrepublik gibt es erst ab 1987, als die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mit einer Jahresumfrage beginnt — die Angst vor der Krankheit war 1985 also bereits da, bevor belastbare Zahlen sie maßen. Eine frühe Allensbach-Erhebung von 1989 zeigt das Ausmaß im Rückblick: Im Juli jenes Jahres halten 84 Prozent der Befragten AIDS für tödlich, während sich im Juni nur 6 Prozent persönlich bedroht fühlen.
AM RANDE NOTIERT
- Beim Europapokalfinale der Landesmeister im Brüsseler Heysel-Stadion sterben am 29. Mai 39 Menschen, als vor dem Anpfiff zwischen FC Liverpool und Juventus Turin eine Mauer unter dem Ansturm flüchtender Fans einstürzt — der englische Fußball wird danach jahrelang von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen.
- Britische Forscher der British Antarctic Survey weisen 1985 erstmals das Ozonloch über der Antarktis nach — ein Fund, der zwei Jahre später zum Montrealer Protokoll gegen FCKW führt.
- Am 19. September erschüttert ein Erdbeben der Stärke 8,0 Mexiko-Stadt; mehrere zehntausend Menschen sterben oder werden obdachlos.
- Am 5. Mai besuchen Bundeskanzler Helmut Kohl und US-Präsident Ronald Reagan den Soldatenfriedhof von Bitburg, auf dem auch Angehörige der Waffen-SS liegen — der Besuch löst international heftige Kritik aus und wird zu einem der umstrittensten Termine der deutsch-amerikanischen Nachkriegsgeschichte.
- Der Getränkeriese Coca-Cola ersetzt am 23. April seine acht Jahrzehnte alte Rezeptur durch die süßere „New Coke" — der Aufschrei der Kundschaft ist so groß, dass der Konzern bereits am 11. Juli zur alten Formel als „Coca-Cola Classic" zurückkehrt.
- Am 1. Juli knackt eine Hausfrau aus Niedersachsen mit 6,97 Millionen D-Mark den bis dahin höchsten je an eine Einzelperson ausgezahlten Lottogewinn Europas.
- Der Nord-Ostsee-Kanal feiert 1985 sein 90-jähriges Jubiläum: Die 1895 eröffnete Wasserstraße zwischen Nord- und Ostsee zählt bis heute zu den meistbefahrenen künstlichen Schifffahrtsstraßen der Welt und prägt die Region um Kiel bis in die Gegenwart.
WIRTSCHAFT · 1985
Die Arbeitslosigkeit bleibt 1985 auf hohem Niveau: Im Jahresdurchschnitt sind rund 2,3 Millionen Menschen ohne Arbeit gemeldet, die Arbeitslosenquote liegt bei 8,2 Prozent. Die Verbraucherpreise steigen im Jahresdurchschnitt um 2,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr — spürbar weniger als noch zu Beginn der Achtziger. In der Metall- und Elektroindustrie einigen sich Arbeitgeber und die IG Metall auf eine Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit von 40 auf 38,5 Stunden bei 3,9 Prozent Lohnausgleich für den Zeitverlust sowie zusätzlich 2 Prozent mehr Lohn und Gehalt zum 1. April — ein Etappensieg auf dem Weg zur von der Gewerkschaft angestrebten 35-Stunden-Woche, wenn auch kein voller Durchbruch.
Der Preisspiegel 1985:
- Brot (1 kg) — 2,87 DM
- Butter (1 kg) — 9,68 DM
- Milch (1 l) — 1,22 DM
- Eier (1 Stück) — 0,24 DM
- Bier (0,5 l) — 0,94 DM
- Benzin, Normal (1 l) — 1,39 DM
STIMMEN DER PRESSE · 1985
Kein Ereignis des Jahres beschäftigt die Kommentarspalten so sehr wie der Umgang mit der deutschen Vergangenheit anlässlich des 40. Jahrestages des Kriegsendes — insbesondere der Bitburg-Besuch von Bundeskanzler Kohl und Präsident Reagan am 5. Mai:
„Der geplante Besuch hat einen wochenlangen Sturm der Entrüstung ausgelöst, der ans Absurde grenzt." — Der Bund (Bern), 30. April 1985
„Der Präsident hat die Wahlen gegen die Medien gewonnen. […] So ist gerade bei denen, die sich durch einen nichtgewünschten Präsidenten besiegt sehen, die Versuchung zum nachhaltigen Besserwissen groß." — Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. Mai 1985
„Der Händedruck von Bitburg hätte also beides verschmelzen sollen — die Abkehr von einer destabilisierenden Vergangenheitsbewältigung und die Bezeugung aktueller Waffenbrüderschaft." — Die Zeit, 17. Mai 1985 (Jürgen Habermas, „Die Entsorgung der Vergangenheit")
SPORT · 1985
Der 7. Juli macht Tennisgeschichte: Der ungesetzte Boris Becker aus Leimen schlägt im Wimbledon-Finale den Amerikaner Kevin Curren mit 6:3, 6:7, 7:6, 6:4 und wird mit 17 Jahren und 227 Tagen als jüngster und erster deutscher Sieger überhaupt Champion im Herren-Einzel — gewürdigt bereits unter den Lichtblicken dieser Ausgabe, doch die Wirkung reicht weit über den Centre Court hinaus: Über Nacht wird der rothaarige Leimener zum Idol einer ganzen Generation und löst einen Tennisboom aus, der in den Wochen nach Wimbledon die ganze Republik erfasst. Wenige Monate zuvor, am 14. April, hatte bereits Bernhard Langer als erster Deutscher überhaupt einen Golf-Major gewonnen: Beim US Masters in Augusta setzte er sich, in Rot gekleidet, mit vier Birdies auf den letzten sieben Löchern gegen Curtis Strange, Seve Ballesteros und Raymond Floyd durch und siegte am Ende mit zwei Schlägen Vorsprung — Strange hatte sechs Löcher vor Schluss noch drei Schläge Vorsprung gehabt, ehe ihm an den Bahnen 13 und 15 Bälle im Wasser landeten. Überschattet wird das Sportjahr vom Unglück im Brüsseler Heysel-Stadion am 29. Mai, wo vor dem Europapokalfinale der Landesmeister zwischen dem FC Liverpool und Juventus Turin eine überalterte Stützmauer unter dem Ansturm vor Hooligans flüchtender italienischer Fans einstürzt — 39 Menschen, überwiegend Italiener, sterben, mehr als 450 werden verletzt. Als Konsequenz sperrt die UEFA alle englischen Vereine für fünf Jahre, den FC Liverpool sogar für sieben Jahre von europäischen Wettbewerben aus; vierzehn Liverpooler Anhänger werden später wegen Totschlags verurteilt. Bereits unter „Am Rande notiert" vermerkt.
MODE · 1985
Die Schulterpolster erreichen 1985 ihre Hochphase — Blazer und Kleider wachsen im Zeichen des „Power Dressing" förmlich in die Breite, mit betont breiten Revers und auffälligen Accessoires, während der um 1980 in den USA aufgekommene Begriff „Yuppie" (Young Urban Professional) für den karrierebewussten, großstädtischen Aufsteiger im nadelgestreiften Anzug zum Symbol der neuen Wirtschaftswunder-Generation wird. Am Handgelenk setzt sich unterdessen ein ganz anderer Trend durch: Die bunte, günstige Plastikuhr Swatch, die der Schweizer Uhrenkonzern ASUAG samt seiner Werkstochter ETA bereits 1983 unter maßgeblicher Regie des Managers Nicolas Hayek auf den Markt gebracht hatte, um die krisengeschüttelte Schweizer Uhrenindustrie gegen die asiatische Quarzkonkurrenz zu retten, erlebt 1985 ihren eigentlichen Durchbruch: Zum 1. Januar wird eigens die Swatch AG gegründet, im Sommer entsteht mit der SMH ein Uhrenkonzern mit über 300 Betriebsstätten, und monatlich verlassen rund eine Million der bunten Plastikuhren die Fabriken — sie machen die Armbanduhr wieder zum spielerischen Accessoire statt reinem Statussymbol.
KINO & FERNSEHEN · 1985
Im deutschen Fernsehen beginnt 1985 das Zeitalter des Privatfernsehens: Der zum Jahreswechsel 1984 in Ludwigshafen als Kabelpilotprojekt gestartete Sender PKS firmiert zum 1. Januar 1985 als SAT.1 um und sendet fortan unter diesem Namen als erstes deutsches Vollprogramm neben ARD und ZDF. Im Herbst folgt der bis heute größte Straßenfeger der Fernsehgeschichte: Mit dem Pilotfilm „Die Heimkehr" startet das ZDF am 22. Oktober die Arztserie „Die Schwarzwaldklinik", die schon zur Erstausstrahlung rund 28 Millionen Zuschauer vor die Bildschirme lockt; die Folge „Die Schuldfrage" erreicht am 17. November mit 27,97 Millionen Zuschauern einen bis heute unerreichten Rekordwert für eine fiktionale Sendung. Auch im Kino ist 1985 ein deutsches Jahr: „Otto — Der Film" mit Otto Waalkes, gestartet am 19. Juli, wird mit 8,78 Millionen Zuschauern erstmals seit 22 Jahren wieder ein deutscher Film zum meistgesehenen Kinofilm des Jahres in der Bundesrepublik — vor Doris Dörries Tragikomödie „Männer" (5,2 Millionen Zuschauer) und dem US-Zeitreise-Abenteuer „Zurück in die Zukunft", das ab dem 3. September in den deutschen Kinos läuft und mit 5,06 Millionen Zuschauern der erfolgreichste amerikanische Film des Jahres wird.
GESTORBEN · 1985
- Marc Chagall (97), Maler — 28. März, Saint-Paul-de-Vence (Frankreich).
- Heinrich Böll (67), Schriftsteller und Nobelpreisträger für Literatur 1972 — 16. Juli, Langenbroich/Eifel.
- Simone Signoret (64), Schauspielerin — 30. September, bei Paris.
- Rock Hudson (59), Schauspieler — 2. Oktober, Beverly Hills.
- Orson Welles (70), Regisseur und Schauspieler — 10. Oktober, Los Angeles.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1985
- Boris Becker gewinnt Wimbledon (7. Juli 1985). Mit 17 Jahren wird er jüngster, erster deutscher und erster ungesetzter Sieger des Turniers — der Beginn eines nationalen Tennisbooms.
- Bernhard Langer gewinnt das US Masters (14. April 1985). Als erster Deutscher holt er einen Golf-Major-Titel und löst damit einen Golfboom in der Bundesrepublik aus.
- Nobelpreis für Medizin für Michael Brown und Joseph Goldstein (Oktober 1985). Die US-amerikanischen Forscher werden für die Entdeckung des LDL-Rezeptors und die Aufklärung des Cholesterinstoffwechsels ausgezeichnet — eine Grundlage moderner Cholesterinsenker.
- Premiere von Rock am Ring (17. August 1985). Auf dem Nürburgring findet das erste Rock-am-Ring-Festival statt — der Auftakt zu einem der größten und langlebigsten Musikfestivals Deutschlands.
- Kieler Woche 1985 begeistert erneut die Förde (Juni 1985). Das weltgrößte Segelsportfest lockt wie jedes Jahr Hunderttausende Besucher und internationale Segler nach Kiel und unterstreicht die maritime Tradition der Stadt.
DAS WETTER · 1985 in Kiel
An diesem 13. Juli war es an der Förde ein warmer Sommertag: Höchstwert 24,3 °C, in der Nacht 16,4 °C, im Mittel 19,4 °C; kein Tropfen Regen fiel.
Das Jahr über: Im Mittel 7,2 °C — ein kühles Jahr mit hartem Winter. Wärmster Tag 28,2 °C am 14. Juli, kältester −16,6 °C am 8. Januar. 0 Hitzetage (≥ 30 °C), 42 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 970 mm.
(Messwerte der Station Schleswig, rund 40 km nordwestlich — die nächstgelegene durchgehend messende Station, da die Kieler Station Holtenau für diese Jahre Messlücken aufweist; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1985
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.
- Live Is Life — Opus
- You're My Heart, You're My Soul — Modern Talking
- Rock Me Amadeus — Falco
- (I'll Never Be) Maria Magdalena — Sandra
- We Don't Need Another Hero — Tina Turner
- 19 — Paul Hardcastle
- Tarzan Boy — Baltimora
- One Night in Bangkok — Murray Head
- Cheri Cheri Lady — Modern Talking
- Shout — Tears for Fears
- Theme From Rocky — Round One
- Axel F — Harold Faltermeyer
- You Can Win If You Want — Modern Talking
- Take on Me — a-ha
- We Are the World — USA for Africa
- I Want to Know What Love Is — Foreigner
- This Is Not America — David Bowie & Pat Metheny Group
- Comanchero — Raggio di Luna
- Blue Night Shadow — Two of Us
- You're a Woman — Bad Boys Blue
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).
Kiel und Gdynia besiegeln ihre Zusammenarbeit
Die Landeshauptstadt hat einen neuen Partner an der Ostsee, und er liegt jenseits des Eisernen Vorhangs. Am 25. Juli schließen Kiel und die polnische Hafenstadt Gdynia eine Rahmenvereinbarung über ihre Zusammenarbeit. Es ist die erste Städtepartnerschaft Kiels mit einer Stadt im Ostblock.
Der Vertrag setzt einen Weg fort, den die Stadt seit Mitte der sechziger Jahre geht: Ab 1966 baut Kiel gezielt Beziehungen zu Ostseestädten aus. 1971 finden in Kiel die ersten „Polnischen Tage“ statt, 1972 folgen die „Kieler Tage“ in Gdynia, und am 24. Mai 1972 gründet sich in Kiel die Deutsch-Polnische Gesellschaft.
Gdynia, früher Gdingen und von 1939 bis 1945 Gotenhafen, bildet zusammen mit Sopot und Gdańsk (Danzig) die „Dreistadt“ an der Danziger Bucht. Für Kiel ist der Name mit einem Datum verbunden: Am 30. Januar 1945 verließ die „Wilhelm Gustloff“, überfüllt mit Flüchtlingen, Gotenhafen mit Ziel Kiel und wurde noch am selben Abend vor Stolpmünde torpediert.
Aus heutiger Sicht
Die Rahmenvereinbarung wurde am 7. Februar 1997 in aktualisierter Fassung erneuert, weil sich die politischen Strukturen in Polen geändert hatten. In Gdynia entstand von 1997 bis 2001 als gemeinsames Projekt der Grünflächenämter der „Kiel-Park“, und in Kiel wurde die Gdynia-Halle in der Poppenrade nach der Partnerstadt benannt.
Ein Journalist und Holzbildhauer wird 80: Karl Rickers

Im Stadtmuseum Warleberger Hof wird am 20. Februar Karl Rickers zum 80. Geburtstag geehrt. Es gibt Geschenke und eine Dankesrede des Jubilars; unter den Anwesenden sind die Journalistin Susanne Materleitner, Albert Witte, der frühere Büroleiter des Oberbürgermeisters, und Oberbürgermeister Karl Heinz Luckhardt.
Rickers wurde am 20. Februar 1905 in Neukirchen in Holstein geboren und lernte bis 1923 an der Kieler Handwerker- und Kunstgewerbeschule das Handwerk des Holzbildhauers. 1926 holte ihn der Lokalredakteur Andreas Gayk, von 1946 bis 1954 Kiels Oberbürgermeister, zur sozialdemokratischen „Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung“. 1933 wurde das Blatt verboten, die letzte Ausgabe erschien am 27. Februar; Rickers ging nach Berlin. 1946 holte Gayk ihn als Lokalredakteur der wieder erscheinenden Volkszeitung nach Kiel zurück; von 1954 bis zur Einstellung des Blattes Ende 1968 war er ihr Chefredakteur.
Die Stadt ehrt ihn in diesem Jahr zusätzlich mit ihrem Kulturpreis. Das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse trägt er seit 1970.
Neuer Botanischer Garten der Universität eingeweiht

Die Christian-Albrechts-Universität hat ihren neuen Botanischen Garten eingeweiht: Nach Jahren des Bauens und des Umzugs der Pflanzen ist die Anlage am Campus fertig. Seit dem 6. Juni steht er Studierenden und Lehrenden offen und dauerhaft auch der Allgemeinheit. Er liegt auf dem Universitätsgelände am Ende der Leibnizstraße.
Bis 1985 wurde die große Schaugewächshausanlage in mehreren Bauabschnitten fertiggestellt. Gebaut wurde seit 1975. Der Umzug der Pflanzen war bereits 1978 abgeschlossen. Damit ist der Garten am Campus der fünfte Standort in der Geschichte des Kieler Botanischen Gartens, dessen erster hortus botanicus auf das Jahr 1669 zurückgeht. An die Neuanlage erinnert die Straße „Am Botanischen Garten“.
Der vierte Standort am Düsternbrooker Weg, ab 1873 nach den Plänen von Adolf Engler nach pflanzengeographischen Gesichtspunkten angelegt, wurde von der Universität bis 1985 genutzt.
Aus heutiger Sicht
Der Alte Botanische Garten am Düsternbrooker Weg blieb als öffentlicher Park erhalten und wurde als Kulturdenkmal eingetragen.
Aus dem Kino „Central“ wird eine Tanzschule
Am 17. Oktober geht in der Eckernförder Straße 20 der Betrieb der Central-Lichtspiele zu Ende. Das Kino hatte am 14. Juni 1951 mit 938 Plätzen eröffnet, bei der Eröffnung Kiels größtes Haus und drittes Erstaufführungstheater der Stadt. Bei einem Umbau Anfang der sechziger Jahre wurde der Saal auf 532 Plätze verkleinert.
Zum 1. August 1980 verkaufte der Kinobetreiber Scepanik alle seine Kinos an die UFA, die das „Central“ bis zur Schließung betrieb. In die Räume zieht nun die Tanzschule Ströhemann-Brinck ein. Wo Filme liefen, wird nun getanzt.
Bauherr des Central war 1951 August G. Scepanik gewesen, sein Architekt Richard Wahls.
KURZ NOTIERT · Kiel 1985
- Januar — Das Kieler Karnevalsprinzenpaar Fred II. und Renate III., bürgerlich Fred und Renate Preißing, zieht zum Karnevalsauftakt ins Rathaus ein.
- 21. Februar — Die Ratsversammlung gibt dem ehemaligen Dorfplatz von Pries den Namen Friedrich-Karl-Gotsch-Platz. Namensgeber ist der Maler und Grafiker Friedrich Karl Gotsch, geboren 1900 in Pries, gestorben im September 1984 in Schleswig.
- 24. Februar — In der Ostseehalle findet im Rahmen des Kieler Umschlags die „Asmus-Bremer-Parade“ statt. Das Volksfest, 1975 neu eröffnet, erinnert an den Bürgermeister Asmus Bremer († 1720) und den historischen Umschlag, der seit 1431 bestand und 1911 eingestellt wurde.
- 30. April — Tina Turner gastiert mit ihrer „Private-Dancer-Tour“ in der Ostseehalle. Es ist der 55. Termin der Tournee, die am 19. Februar in Helsinki begonnen hat.
- Mai — An der Rendsburger Landstraße, am Platz des früheren Lagereingangs, wird eine Betonstele mit bronzener Informationstafel für das „Arbeitserziehungslager Nordmark“ aufgestellt, das die Gestapo von Juni 1944 bis Mai 1945 am Stadtrand betrieb. Sie ergänzt den Gedenkstein von 1971.
- 6. Juni — Elisabeth Vormeyer stirbt, Jahrgang 1893. Die Kommunalpolitikerin war Mitbegründerin und Vorsitzende des Landesfrauenrates Schleswig-Holstein.
- 13. Juni — Die Ratsversammlung benennt in der Wik die Hans-Detlev-Prien-Straße, an der die Wirtschaftsakademie liegt, und auf dem Universitätsgelände den Heinrich-Hecht-Platz. Dr. Heinrich Hecht, geboren 1880 in Magdeburg, war Ehrenbürger der Universität.
- 13. Juni — Im Kieler Schloss tagt die 23. Bundeshauptversammlung des Bundes der Deutschen Zollbeamten; am Rednerpult steht der Bundesvorsitzende Richard Müller.
- 22. September — Die Christengemeinschaft weiht ihre neu gebaute Raphael-Kirche in der Hofholzallee 25 ein. Die Grundsteinlegung war am 2. September 1984, das Grundstück, früher die Gaststätte „Waldeck“, hatte die Gemeinde 1980 erworben.
RUND UM DIE FÖRDE · 1985
- 25. Juni, Preetz — Der Kirchenmusiker Alfred Dressel stirbt. Der 1912 in Kiel Geborene war 1934 als erster hauptamtlicher Organist nach Preetz berufen worden und hatte dort 1945 einen gemischten Chor gegründet.
- 29. September, Ascheberg — Zwischen Neumünster und Ascheberg wird der Personenverkehr eingestellt. Die Altona-Kieler Eisenbahn-Gesellschaft hatte die Strecke am 31. Mai 1866 als Verbindung von Neumünster über Ascheberg nach Neustadt eröffnet; ihr Abschnitt ab Ascheberg wurde später Teil der Strecke Kiel–Lübeck. Eilzüge hielten zwischen Neumünster und Ascheberg nur in Wankendorf.
SPORT AN DER FÖRDE · 1985
- THW Kiel — Die Handballer des THW beenden die Bundesliga-Saison 1984/85 als Vizemeister: Platz 2 mit 20 Siegen aus 26 Spielen, 577:490 Toren und 40:12 Punkten. Meister wird der VfL Gummersbach mit 41:11 Punkten, nur ein Punkt vor den Kielern. Trainer ist Johann-Ingi Gunnarsson; den Schlusspunkt setzt am 18. Mai ein 30:20 gegen die SG Wallau-Massenheim.
- DHB-Pokal — Im Pokal 1984/85 gewinnt der THW am 5. April gegen den VfL Eintracht Hagen 24:11, am 30. April beim VfL Fredenbeck 29:22 und am 15. Mai im Achtelfinale gegen den TSV Verden 31:12. Im Viertelfinale scheidet er am 25. Mai beim VfL Gummersbach mit 19:20 aus.
- IHF-Pokal — Als Vizemeister spielt der THW im Herbst im IHF-Pokal gegen Dimitrov Sofia: Das Hinspiel am 3. November endet 19:19, das Rückspiel am 10. November gewinnt Kiel 24:19. Im Rückspiel treffen Schwenker siebenmal sowie Panas und Gersch je fünfmal.
- Holstein Kiel — Die „Störche“ halten in der drittklassigen Oberliga Nord die Klasse: Platz 14 von 18 Mannschaften mit 11 Siegen, 8 Unentschieden und 15 Niederlagen, 51:67 Toren und 30:38 Punkten. Absteiger sind der OSC Bremerhaven und TuS Hessisch Oldendorf.
- Segeln — Am 7. und 8. August liegen Trimarane und Katamarane der Europa-Regatta an der Blücherbrücke, im Sportboothafen Düsternbrook und in der Schwentinemündung, darunter „Paragon“, „Royale“, „Crédit Agricole“ und „Lada Poch“.