DER CHRONIST

Ein Jahr der Zäsuren: In Moskau übernimmt ein vergleichsweise junger Mann die Macht und öffnet vorsichtig ein Fenster, in Bonn findet ein Bundespräsident Worte, die vierzig Jahre nach Kriegsende Geschichte schreiben, und an der Förde geht mit dem Verkauf der letzten Hamburger Werft-Tochter ein Kapitel der Kieler Schiffbaugeschichte zu Ende — während anderswo auf der Welt Solidarität und Schrecken dicht beieinanderliegen. Auch der Terror kehrt zurück: In Frankfurt sprengt die RAF die Rhein-Main Air Base, vor der italienischen Küste kapern Palästinenser die „Achille Lauro" und ermorden einen wehrlosen Passagier, und über Japan stürzt eine Boeing in der folgenschwersten Flugzeugkatastrophe der Geschichte ab. Zugleich zeigt sich, wozu Wissenschaft und Diplomatie fähig sind: Vor Neufundland taucht das Wrack der „Titanic" nach 73 Jahren wieder auf, in Kolumbien begräbt ein Vulkanausbruch eine ganze Stadt unter Schlammlawinen, und in Genf sitzen sich Reagan und Gorbatschow erstmals gegenüber — ein vorsichtiger erster Schritt aus dem Kalten Krieg heraus. So bunt und widersprüchlich wie das Jahr selbst reicht der Rückblick von der Kieler Werftbank bis zu den Schauplätzen der Weltgeschichte.

Die Schlagzeilen des Jahres

Werft im Umbruch: HDW verkauft die letzte Hamburger Tochter, in Kiel läuft das „Schiff der Zukunft" vom Stapel

Der Kieler Hafen — die Werft HDW im Umbruch
Der Kieler Hafen — die Werft HDW im Umbruch (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Bei den Howaldtswerken-Deutsche Werft (HDW) vollzieht sich 1985 ein Umbruch, der Kiel unmittelbar betrifft. Der Konzern, 1968 aus der Fusion der Kieler Howaldtswerke mit der Hamburger Deutschen Werft hervorgegangen, leidet wie fast die gesamte westdeutsche Schiffbaubranche seit der Ölkrise unter einbrechenden Auftragszahlen, Überkapazitäten und asiatischer Konkurrenz — das „Werftensterben" der frühen achtziger Jahre hat bereits reihenweise Standorte an Elbe und Weser gekostet. Zum 1. Oktober wird nun auch das Werk Ross in Hamburg, die frühere Vulkanwerft und letzte verbliebene Hamburger Tochter des Konzerns, aus dem HDW-Verbund herausgelöst; rückwirkend zu diesem Stichtag verkauft HDW den Betrieb mit noch rund 2.200 Beschäftigten Ende November an die Blohm + Voss AG, die ihn als Tochtergesellschaft „Ross Industrie GmbH" weiterführt — schon ab Januar 1986 folgt Kurzarbeit, im Oktober 1987 wird dort endgültig der Betrieb eingestellt. Nach der Schließung des Hamburger Werks Reiherstieg zwei Jahre zuvor bündelt sich der Schiffbau des HDW-Konzerns damit endgültig in Kiel-Gaarden, wo seit den Anfängen der Howaldtswerke 1838 sowohl Handelsschiffe als auch — bis heute für die Stadt prägend — U-Boote gebaut werden. Einen Kontrapunkt zur Werksschließung setzt HDW am selben 1. Oktober mit der Ablieferung der MS „Norasia Samantha" (Baunummer 207) an die Schweizer Reederei Norasia: Das hochautomatisierte Containerschiff ist der erste Prototyp des „Schiffs der Zukunft", Ergebnis eines von Bund und Industrie geförderten, zwölfjährigen Forschungsprogramms zur Rationalisierung des Schiffsbetriebs mit deutlich reduzierter Besatzung. Für die Werftstadt an der Förde, deren Alltag seit Jahrzehnten vom Rhythmus der Docks und vom Stellenwert von HDW als größtem industriellen Arbeitgeber geprägt ist, ist 1985 damit ein Jahr zwischen Abschied und technologischem Aufbruch.

Gorbatschow wird Kreml-Chef: Beginn von Glasnost und Perestroika

Michail Gorbatschow (l.) mit Ronald Reagan, 1985
Michail Gorbatschow (l.) mit Ronald Reagan, 1985 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Konstantin Tschernenko, seit gut dreizehn Monaten Kreml-Chef und gesundheitlich schwer gezeichnet, stirbt am Abend des 10. März 1985 an Leber-, Lungen- und Herzversagen — er ist bereits der dritte sowjetische Staats- und Parteichef, der binnen 28 Monaten im Amt stirbt, nach Leonid Breschnew (1982) und Juri Andropow (1984). Noch in der Nacht empfiehlt Außenminister Andrei Gromyko, dessen Wort im Politbüro erhebliches Gewicht hat, den erst 54 Jahre alten Michail Gorbatschow als Nachfolger; weniger als 24 Stunden nach Tschernenkos Tod, am 11. März, wählt das Politbüro und anschließend das Zentralkomitee der KPdSU Gorbatschow zum neuen Generalsekretär — den jüngsten Kreml-Chef seit Stalins Aufstieg 1922 und den vierten sowjetischen Führer in gut zwei Jahren. Mit ihm zieht ein Vertreter einer neuen, nach dem Krieg geborenen Führungsgeneration an die Spitze der Sowjetunion, der zunächst unter dem Schlagwort Uskorenije („Beschleunigung") wirtschaftliche Reformen anstößt, in den Folgejahren dann unter Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umbau) das starre Sowjetsystem grundlegend aufzubrechen versucht. Bereits im November 1985 trifft Gorbatschow in Genf erstmals mit US-Präsident Ronald Reagan zusammen — der erste amerikanisch-sowjetische Gipfel seit sechs Jahren und Auftakt einer Serie von Begegnungen, die in den Abrüstungsverträgen der Folgejahre münden. Was 1985 als Führungswechsel im Politbüro beginnt, entwickelt sich so zum Auftakt jenes Prozesses, der binnen weniger Jahre den Kalten Krieg beenden und die Teilung Europas aufheben wird.

Weizsäckers Rede zum 40. Jahrestag: „Tag der Befreiung"

Bundespräsident Richard von Weizsäcker, dessen Rede zum 8. Mai 1985 Geschichte schreibt
Bundespräsident Richard von Weizsäcker, dessen Rede zum 8. Mai 1985 Geschichte schreibt (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

In einer Gedenkstunde des Deutschen Bundestages im Plenarsaal in Bonn nennt Bundespräsident Richard von Weizsäcker den 8. Mai 1945 einen „Tag der Befreiung" vom nationalsozialistischen Gewaltsystem — eine Formulierung, die vierzig Jahre nach Kriegsende mit der bis dahin vorherrschenden Lesart vom „Zusammenbruch" bricht und die westdeutsche Erinnerungskultur nachhaltig prägt. Er mahnt: „Wir brauchen und wir haben die Kraft, der Wahrheit so gut wir es können ins Auge zu sehen, ohne Beschönigung und ohne Einseitigkeit", gedenkt ausdrücklich der sechs Millionen ermordeten Juden sowie aller leidenden Völker, „vor allem der unsäglich vielen Bürger der Sowjetunion und der Polen", und weist eine Kollektivschuld zurück: „Schuld ist, wie Unschuld, nicht kollektiv, sondern persönlich." Die Rede wird live im Fernsehen übertragen, in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt und in über zwei Millionen Exemplaren verbreitet; mehr als 60.000 Bürgerinnen und Bürger schreiben daraufhin an den Bundespräsidenten, aus der israelischen Botschaft in Bonn heißt es, es habe sich um eine „Sternstunde der deutschen Nachkriegsgeschichte" gehandelt. Nicht alle stimmen zu: Der CSU-Abgeordnete Lorenz Niegel und rund dreißig weitere Unionsabgeordnete bleiben der Rede demonstrativ fern, Alfred Dregger wendet sich gegen eine einseitige Deutung des 8. Mai als reinen Befreiungstag, und auch aus der Friedensbewegung, etwa von der Grünen-Politikerin Petra Kelly, kommt Kritik. Vierzig Jahre nach Kriegsende gilt die Rede dennoch bis heute als eine der bedeutendsten politischen Reden der Bundesrepublik.

Geheimdienst-Anschlag: Frankreich versenkt die „Rainbow Warrior"

Die Rainbow Warrior II, Nachfolgerin des 1985 versenkten Greenpeace-Schiffs
Die „Rainbow Warrior II“, Nachfolgerin des 1985 versenkten Greenpeace-Schiffs (Wikimedia Commons, CC BY 2.0)

Im Hafen von Auckland (Neuseeland) bringen Kampfschwimmer des französischen Auslandsgeheimdienstes DGSE im Rahmen der als „Opération Satanique" bezeichneten Aktion zwei Sprengsätze am Rumpf des Greenpeace-Schiffs „Rainbow Warrior" an, das zur geplanten Protestflotte gegen die Atomwaffentests Frankreichs im Mururoa-Atoll gehört. Das Schiff sinkt, der niederländische Fotograf Fernando Pereira ertrinkt beim Versuch, seine Ausrüstung zu bergen. Die neuseeländische Polizei identifiziert über das Kennzeichen eines gemieteten Wohnmobils zwei der Täter, die unter falschen Schweizer Pässen als Ehepaar „Turenge" eingereist waren: Major Alain Mafart und Hauptmann Dominique Prieur. Beide bekennen sich im November 1985 nach nur 34-minütiger Verhandlung des Totschlags und der Sachbeschädigung für schuldig und werden zu je zehn Jahren Haft verurteilt — verbüßen davon jedoch, nach einem 1986 ausgehandelten Vergleich, bei dem Frankreich Neuseeland umgerechnet rund 13 Millionen NZ-Dollar zahlt, nur wenige Jahre auf dem französischen Militärstützpunkt Hao-Atoll, ehe beide bis 1988 wieder in Frankreich sind. Der Skandal reicht bis in die Regierungsspitze um Präsident François Mitterrand: Verteidigungsminister Charles Hernu tritt am 20. September zurück, auch der Chef des Geheimdienstes, Admiral Pierre Lacoste, wird ausgetauscht. Der Anschlag auf ein ziviles Umweltschiff mitten im Frieden erschüttert das Vertrauen in staatliche Geheimdienste und macht Greenpeace international bekannter denn je.

Live Aid: Ein Tag, zwei Kontinente, eine Milliarde Zuschauer

Live Aid im JFK Stadium in Philadelphia, 1985
Live Aid im JFK Stadium in Philadelphia, 1985 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Zeitgleich in Wembley (London, rund 72.000 Zuschauer) und im JFK-Stadion (Philadelphia, rund 89.000 Zuschauer) veranstalten Bob Geldof, Frontmann der Boomtown Rats, und Midge Ure von Ultravox das bis dahin größte Benefizkonzert der Geschichte: Live Aid. Die beiden Musiker hatten bereits im Dezember 1984 mit dem Bandaid-Projekt und der Single „Do They Know It's Christmas?" auf die Hungerkatastrophe in Äthiopien aufmerksam gemacht, die durch jahrelange Dürre, Bürgerkrieg und eine gescheiterte staatliche Getreidewirtschaft ausgelöst worden war. Rund 16 Stunden lang treten in beiden Stadien Queen, David Bowie, U2, Madonna, Tina Turner, Elton John, Phil Collins — der eigens per Concorde von London nach Philadelphia fliegt, um an beiden Orten aufzutreten —, die wiedervereinigten Led Zeppelin und The Who sowie viele mehr auf; per Satellit verfolgen schätzungsweise 1,5 Milliarden Menschen in rund 110 Ländern die Übertragung. Über 100 Millionen US-Dollar kommen für die Nothilfe in Afrika zusammen — ein Beleg dafür, dass Popmusik weltweite Solidarität mobilisieren kann, und Vorbild für zahlreiche spätere Benefizkonzerte.

Bombenanschlag auf die Rhein-Main Air Base: RAF ermordet zwei Amerikaner

Zerstörtes Fahrzeug nach dem Bombenanschlag auf die Rhein-Main Air Base, 8. August 1985
Zerstörtes Fahrzeug nach dem Bombenanschlag auf die Rhein-Main Air Base, 8. August 1985 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In der Nacht zum 8. August locken Mitglieder der Rote Armee Fraktion (RAF) den 20 Jahre alten US-Soldaten Edward Pimental in Wiesbaden in einen Hinterhalt, erschießen ihn und rauben seinen Militärausweis, um am nächsten Morgen unbemerkt auf das Gelände der amerikanischen Rhein-Main Air Base bei Frankfurt zu gelangen. Dort detoniert ein mit rund 240 Kilogramm Sprengstoff beladener VW Passat, den RAF-Mitglieder gemeinsam mit der französischen Terrorgruppe Action Directe platziert haben — die Bombe tötet zwei weitere US-Bürger und verletzt mehr als zwanzig Menschen, zudem werden rund dreißig Fahrzeuge sowie Gebäude auf dem Stützpunkt beschädigt. Es ist der schwerste Anschlag auf eine amerikanische Einrichtung in der Bundesrepublik seit dem RAF-Bombenanschlag auf die Ramstein Air Base 1981 und Teil einer neuen, gegen die militärische Präsenz der USA gerichteten Anschlagsserie der sogenannten „dritten RAF-Generation". Die Tat reiht sich ein in ein Jahr, in dem der Terrorismus international immer wieder Schlagzeilen macht — von Frankfurt über den Nahen Osten bis zum Mittelmeer.

Absturz von Japan Airlines Flug 123: Schwerstes Flugzeugunglück der Geschichte

Wrackteile des Rumpfhecks von Japan Airlines Flug 123 am Mount Osutaka
Wrackteile des Rumpfhecks von Japan Airlines Flug 123 am Mount Osutaka (Wikimedia Commons, CC BY 4.0, Japan Transport Safety Board)

Auf dem innerjapanischen Linienflug von Tokio nach Osaka verliert die Boeing 747 der Japan Airlines (Flug 123) rund 30 Minuten nach dem Start die Kontrolle über das Höhen- und Seitenruder, nachdem die hintere Druckschott-Trennwand des Flugzeugs birst — Folge einer mangelhaften Reparatur nach einem Heckaufsetzer sieben Jahre zuvor, bei der Boeing-Techniker die vorgeschriebene doppelte Nietreihe durch eine einzelne ersetzt hatten. 34 Minuten lang ringt die Besatzung unter Kapitän Masami Takahama vergeblich um die Maschine, ehe sie in den Bergen der Präfektur Gunma am Mount Osutaka zerschellt. Von den 524 Menschen an Bord sterben 520 — es ist bis heute das folgenschwerste Unglück eines einzelnen Flugzeugs in der Geschichte der Luftfahrt; nur vier Passagiere überleben, unter ihnen eine junge Flugbegleiterin. Die späte und schwierige Rettungsaktion in unwegsamem Gelände sowie technische Verwechslungen bei der Ortung des Wracks werden in Japan bis heute diskutiert, die Katastrophe führt zu verschärften Wartungsvorschriften bei Boeing und in der zivilen Luftfahrt weltweit.

Wrack der „Titanic" entdeckt: Robert Ballard findet den legendären Ozeanriesen

Der Bug des „Titanic"-Wracks am Grund des Atlantiks
Der Bug des „Titanic"-Wracks am Grund des Atlantiks (Wikimedia Commons, gemeinfrei, NOAA/IFE/URI)

In der Nacht zum 1. September lokalisiert ein amerikanisch-französisches Forscherteam unter dem Meeresgeologen Robert Ballard (Woods Hole Oceanographic Institution) und Jean-Louis Michel (Institut français de recherche pour l'exploitation de la mer) mit Hilfe des unbemannten Tauchroboters „Argo" das Wrack der 1912 gesunkenen „Titanic" rund 600 Kilometer vor der Küste Neufundlands in fast 3.800 Metern Tiefe — ein Kessel des Ozeandampfers auf den ersten Bildern liefert den entscheidenden Beweis. Das Schiff liegt, wie sich zeigt, in zwei große, weit auseinanderliegende Teile zerbrochen auf dem Meeresgrund. Erst Jahrzehnte später wird öffentlich, dass die Fahrt offiziell im Auftrag der US-Marine stattfand, um zuvor zwei havarierte amerikanische Atom-U-Boote, die „Thresher" und die „Scorpion", zu untersuchen — die Suche nach der „Titanic" diente auch als Tarnung für die eigentliche, geheime Mission. Ballards Fund macht Schlagzeilen rund um den Globus und löst eine Welle neuen Interesses an dem Schiffsunglück aus, das seit über siebzig Jahren als Sinnbild für die Grenzen menschlicher Technikgläubigkeit gilt.

Geiseldrama auf hoher See: Die Entführung der „Achille Lauro"

Das italienische Kreuzfahrtschiff „Achille Lauro", 1986
Das italienische Kreuzfahrtschiff „Achille Lauro", 1986 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Vor der ägyptischen Küste kapern vier bewaffnete Mitglieder der Palästinensischen Befreiungsfront (PLF) unter der Führung von Abu Abbas das italienische Kreuzfahrtschiff „Achille Lauro" mit rund 450 Menschen an Bord und fordern die Freilassung inhaftierter Palästinenser. Als ihr ursprünglicher Plan auffliegt, erschießen die Geiselnehmer den 69-jährigen, im Rollstuhl sitzenden US-Bürger Leon Klinghoffer und zwingen Besatzungsmitglieder, seine Leiche über Bord zu werfen. Nach zähen Verhandlungen sichert Ägypten den Entführern freies Geleit zu; als jedoch eine ägyptische Passagiermaschine mit den Tätern an Bord in Richtung Tunesien fliegt, zwingen amerikanische F-14-Kampfjets der US-Marine sie zur Landung auf dem NATO-Stützpunkt Sigonella in Sizilien. Der italienische Ministerpräsident Bettino Craxi lässt die Attentäter jedoch nach Rom weiterreisen und ermöglicht auch Abu Abbas die Ausreise aus Italien — ein Vorgehen, das in Rom zur „Sigonella-Krise" zwischen den USA und Italien führt und Craxis Koalitionsregierung kurzzeitig ins Wanken bringt. Die Entführung macht den internationalen Terrorismus im Nahost- Konflikt einem breiten Publikum bewusst und bleibt als einer der spektakulärsten Geiselfälle der achtziger Jahre in Erinnerung.

Vulkanausbruch in Kolumbien: Die Lahar-Katastrophe von Armero

Schlammlawinen-Trümmerfeld in den Ruinen von Armero, Dezember 1985
Schlammlawinen-Trümmerfeld in den Ruinen von Armero, Dezember 1985 (Wikimedia Commons, gemeinfrei, USGS)

Nach 69 Jahren Ruhe bricht der Vulkan Nevado del Ruiz im kolumbianischen Andengebiet aus — obwohl Vulkanologen bereits Wochen zuvor vor genau diesem Szenario gewarnt hatten, unterbleibt eine rechtzeitige Evakuierung der Region. Die Explosion schmilzt Teile des Gletschereises am Gipfel; die dadurch ausgelösten Lahars (Schlamm- und Gerölllawinen) rasen mit hoher Geschwindigkeit die Flusstäler hinab und treffen die Stadt Armero gegen 23:30 Uhr nahezu ohne Vorwarnung. Von rund 29.000 Einwohnern sterben mehr als 23.000 Menschen, Zehntausende weitere werden verletzt oder obdachlos; Straßen, Brücken, Krankenhäuser und Schulen werden komplett zerstört. Weltweite Bekanntheit erlangt das Schicksal der 13-jährigen Omayra Sánchez, die tagelang bis zur Brust im Schlamm eingeschlossen bleibt und vor laufenden Kameras stirbt, ohne dass sie gerettet werden kann — ihr Bild wird zum Symbol für das Versagen von Katastrophenschutz und Warnsystemen. Der Ausbruch gilt bis heute als einer der folgenschwersten Vulkanausbrüche des 20. Jahrhunderts.

Genfer Gipfel: Reagan und Gorbatschow treffen sich erstmals

Reagan und Gorbatschow beim ersten Gipfeltreffen in Genf, 19. November 1985
Reagan und Gorbatschow beim ersten Gipfeltreffen in Genf, 19. November 1985 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In Genf kommen US-Präsident Ronald Reagan und der neue sowjetische Generalsekretär Michail Gorbatschow zu ihrem ersten persönlichen Treffen zusammen — ausgerichtet vom Schweizer Bundespräsidenten Kurt Furgler, sprechen die beiden Staatsmänner insgesamt rund fünf Stunden unter vier Augen. Konkrete Ergebnisse in den zentralen Streitfragen um atomare Abrüstung, den Krieg in Afghanistan und Menschenrechte bleiben aus, doch in einer gemeinsamen Abschlusserklärung halten beide Seiten fest, „dass ein Atomkrieg nicht gewonnen werden kann und niemals ausgefochten werden darf", und verständigen sich in Grundzügen auf eine Halbierung der strategischen Atomwaffenarsenale sowie auf gegenseitige Staatsbesuche — Reagan in die USA 1986, Gorbatschow nach Moskau 1987. Trotz des Ausbleibens greifbarer Vereinbarungen gilt der sogenannte „Geist von Genf" rückblickend als Wendepunkt: Erstmals seit sechs Jahren sprechen die Führer der beiden Supermächte wieder direkt miteinander, was den Weg zu den Folgegipfeln in Reykjavík (1986) und Washington (1987) und schließlich zu den Abrüstungsverträgen ebnet, die das Ende des Kalten Krieges einläuten.

Wahljahr an Rhein und Saar: SPD gewinnt Nordrhein-Westfalen wie nie zuvor

Das Ständehaus in Düsseldorf, bis 1988 Sitz des nordrhein-westfälischen Landtags
Das Ständehaus in Düsseldorf, bis 1988 Sitz des nordrhein-westfälischen Landtags (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Für die Bonner Koalition aus CDU/CSU und FDP unter Bundeskanzler Helmut Kohl wird 1985 zum Jahr der Landtags-Rückschläge. Den Auftakt macht der 10. März: Im Saarland erobert die zuvor oppositionelle SPD unter Oskar Lafontaine aus dem Stand die absolute Mehrheit der Mandate — Lafontaine wird der erste sozialdemokratische Ministerpräsident in der Geschichte des kleinen Landes und bildet eine Alleinregierung. Den größten Ausschlag gibt zwei Monate später jedoch Nordrhein-Westfalen: Am 12. Mai steigert Ministerpräsident Johannes Rau die SPD im bevölkerungsreichsten Bundesland auf 52,1 Prozent der Stimmen — das beste Ergebnis, das eine Partei je bei einer nordrhein-westfälischen Landtagswahl erzielt hat — während die CDU mit 36,5 Prozent ihr bis dahin schlechtestes Landesergebnis einfährt und die FDP mit knapp 6 Prozent nach fünf Jahren außerparlamentarischer Zeit in den Landtag zurückkehrt; die Grünen verfehlen mit rund 4,6 Prozent erneut die Fünf-Prozent-Hürde. Bei einer Wahlbeteiligung von 75,2 Prozent regiert Rau damit weiterhin allein und mit komfortabler Mehrheit im Landtag, der noch im alten Düsseldorfer Ständehaus tagt. Für die Regierungskoalition in Bonn bedeuten beide Wahlgänge mitten in der Legislaturperiode ein deutliches Stimmungssignal aus zwei wichtigen Flächenländern.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Berlin (West), 10. MärzCDU 46,4 %, SPD 32,4 %, Alternative Liste 10,6 %, FDP 8,5 % (Beteiligung 83,6 %). Die seit 1983 regierende Koalition aus CDU und FDP unter Regierendem Bürgermeister Eberhard Diepgen, der 1984 die Nachfolge des zum Bundespräsidenten gewählten Richard von Weizsäcker angetreten hatte, wird bestätigt.
Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Beim Europapokalfinale der Landesmeister im Brüsseler Heysel-Stadion sterben am 29. Mai 39 Menschen, als vor dem Anpfiff zwischen FC Liverpool und Juventus Turin eine Mauer unter dem Ansturm flüchtender Fans einstürzt — der englische Fußball wird danach jahrelang von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen.
  • Britische Forscher der British Antarctic Survey weisen 1985 erstmals das Ozonloch über der Antarktis nach — ein Fund, der zwei Jahre später zum Montrealer Protokoll gegen FCKW führt.
  • Am 19. September erschüttert ein Erdbeben der Stärke 8,0 Mexiko-Stadt; mehrere zehntausend Menschen sterben oder werden obdachlos.
  • Am 5. Mai besuchen Bundeskanzler Helmut Kohl und US-Präsident Ronald Reagan den Soldatenfriedhof von Bitburg, auf dem auch Angehörige der Waffen-SS liegen — der Besuch löst international heftige Kritik aus und wird zu einem der umstrittensten Termine der deutsch-amerikanischen Nachkriegsgeschichte.
  • Der Getränkeriese Coca-Cola ersetzt am 23. April seine acht Jahrzehnte alte Rezeptur durch die süßere „New Coke" — der Aufschrei der Kundschaft ist so groß, dass der Konzern bereits am 11. Juli zur alten Formel als „Coca-Cola Classic" zurückkehrt.
  • Der Nord-Ostsee-Kanal feiert 1985 sein 90-jähriges Jubiläum: Die 1895 eröffnete Wasserstraße zwischen Nord- und Ostsee zählt bis heute zu den meistbefahrenen künstlichen Schifffahrtsstraßen der Welt und prägt die Region um Kiel bis in die Gegenwart.

SPORT · 1985

Der 7. Juli macht Tennisgeschichte: Der ungesetzte Boris Becker aus Leimen schlägt im Wimbledon-Finale den Amerikaner Kevin Curren mit 6:3, 6:7, 7:6, 6:4 und wird mit 17 Jahren und 227 Tagen als jüngster und erster deutscher Sieger überhaupt Champion im Herren-Einzel — gewürdigt bereits unter den Lichtblicken dieser Ausgabe, doch die Wirkung reicht weit über den Centre Court hinaus: Über Nacht wird der rothaarige Leimener zum Idol einer ganzen Generation und löst einen Tennisboom aus, der in den Folgejahren auch Vereinen an der Kieler Förde spürbaren Zulauf beschert. Wenige Monate zuvor, am 14. April, hatte bereits Bernhard Langer als erster Deutscher überhaupt einen Golf-Major gewonnen: Beim US Masters in Augusta setzte er sich, in Rot gekleidet, mit vier Birdies auf den letzten sieben Löchern gegen Curtis Strange, Seve Ballesteros und Raymond Floyd durch und siegte am Ende mit zwei Schlägen Vorsprung — Strange hatte sechs Löcher vor Schluss noch drei Schläge Vorsprung gehabt, ehe ihm an den Bahnen 13 und 15 Bälle im Wasser landeten. Überschattet wird das Sportjahr vom Unglück im Brüsseler Heysel-Stadion am 29. Mai, wo vor dem Europapokalfinale der Landesmeister zwischen dem FC Liverpool und Juventus Turin eine überalterte Stützmauer unter dem Ansturm vor Hooligans flüchtender italienischer Fans einstürzt — 39 Menschen, überwiegend Italiener, sterben, mehr als 450 werden verletzt. Als Konsequenz sperrt die UEFA alle englischen Vereine für fünf Jahre, den FC Liverpool sogar für sieben Jahre von europäischen Wettbewerben aus; vierzehn Liverpooler Anhänger werden später wegen Totschlags verurteilt. Bereits unter „Am Rande notiert" vermerkt.

MODE · 1985

Die Schulterpolster erreichen 1985 ihre Hochphase — Blazer und Kleider wachsen im Zeichen des „Power Dressing" förmlich in die Breite, mit betont breiten Revers und auffälligen Accessoires, während der um 1980 in den USA aufgekommene Begriff „Yuppie" (Young Urban Professional) für den karrierebewussten, großstädtischen Aufsteiger im nadelgestreiften Anzug zum Symbol der neuen Wirtschaftswunder-Generation wird. Am Handgelenk setzt sich unterdessen ein ganz anderer Trend durch: Die bunte, günstige Plastikuhr Swatch, die der Schweizer Uhrenkonzern ASUAG samt seiner Werkstochter ETA bereits 1983 unter maßgeblicher Regie des Managers Nicolas Hayek auf den Markt gebracht hatte, um die krisengeschüttelte Schweizer Uhrenindustrie gegen die asiatische Quarzkonkurrenz zu retten, erlebt 1985 ihren eigentlichen Durchbruch: Zum 1. Januar wird eigens die Swatch AG gegründet, im Sommer entsteht mit der SMH ein Uhrenkonzern mit über 300 Betriebsstätten, und monatlich verlassen rund eine Million der bunten Plastikuhren die Fabriken — sie machen die Armbanduhr wieder zum spielerischen Accessoire statt reinem Statussymbol.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1985

  • Physik-Nobelpreis für Klaus von Klitzing (1985). Der Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut Stuttgart wird für die Entdeckung des quantisierten Hall-Effekts geehrt, der später zum weltweiten Widerstandsstandard wird.
  • Boris Becker gewinnt Wimbledon (7. Juli 1985). Mit 17 Jahren wird er jüngster, erster deutscher und erster ungesetzter Sieger des Turniers — der Beginn eines nationalen Tennisbooms.
  • Bernhard Langer gewinnt das US Masters (14. April 1985). Als erster Deutscher holt er einen Golf-Major-Titel und löst damit einen Golfboom in der Bundesrepublik aus.
  • Nobelpreis für Medizin für Michael Brown und Joseph Goldstein (Oktober 1985). Die US-amerikanischen Forscher werden für die Entdeckung des LDL-Rezeptors und die Aufklärung des Cholesterinstoffwechsels ausgezeichnet — eine Grundlage moderner Cholesterinsenker.
  • Premiere von Rock am Ring (17. August 1985). Auf dem Nürburgring findet das erste Rock-am-Ring-Festival statt — der Auftakt zu einem der größten und langlebigsten Musikfestivals Deutschlands.
  • Kieler Woche 1985 begeistert erneut die Förde (Juni 1985). Das weltgrößte Segelsportfest lockt wie jedes Jahr Hunderttausende Besucher und internationale Segler nach Kiel und unterstreicht die maritime Tradition der Stadt.

DAS WETTER · 1985 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein warmer Sommertag: Höchstwert 24,3 °C, in der Nacht 16,4 °C, im Mittel 19,4 °C; kein Tropfen Regen fiel.

Das Jahr über: Im Mittel 7,2 °C — ein kühles Jahr mit hartem Winter. Wärmster Tag 28,2 °C am 14. Juli, kältester −16,6 °C am 8. Januar. 0 Hitzetage (≥ 30 °C), 42 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 970 mm.

(Messwerte der Station Schleswig, rund 40 km nordwestlich — die nächstgelegene durchgehend messende Station, da die Kieler Station Holtenau für diese Jahre Messlücken aufweist; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1985

Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.

  1. Live Is Life — Opus
  2. You're My Heart, You're My Soul — Modern Talking
  3. Rock Me Amadeus — Falco
  4. (I'll Never Be) Maria Magdalena — Sandra
  5. We Don't Need Another Hero — Tina Turner
  6. 19 — Paul Hardcastle
  7. Tarzan Boy — Baltimora
  8. One Night in Bangkok — Murray Head
  9. Cheri Cheri Lady — Modern Talking
  10. Shout — Tears for Fears
  11. Theme From Rocky — Round One
  12. Axel F — Harold Faltermeyer
  13. You Can Win If You Want — Modern Talking
  14. Take on Me — a-ha
  15. We Are the World — USA for Africa
  16. I Want to Know What Love Is — Foreigner
  17. This Is Not America — David Bowie & Pat Metheny Group
  18. Comanchero — Raggio di Luna
  19. Blue Night Shadow — Two of Us
  20. You're a Woman — Bad Boys Blue

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).