DER CHRONIST
Ein Jahr, in dem der Himmel selbst zur Gefahr wird: eine unsichtbare Wolke über Europa, ein Feuerball über dem Atlantik, ein rot gefärbter Strom durch das Herz des Kontinents — und an der Förde die bange Frage, was Wind und Regen mit sich bringen. Doch 1986 ist auch das Jahr, in dem der Himmel selbst zum Schauplatz wird: Ein Komet kehrt nach 75 Jahren zurück, eine neue Raumstation nimmt Fahrt auf, und zwei Männer ringen in einem isländischen Gästehaus um das Ende des atomaren Wettrüstens. In Stockholm fällt ein Ministerpräsident einem bis heute ungeklärten Mord zum Opfer, in Washington bringt ein aufgedeckter Waffendeal die Regierung Reagan ins Wanken. Zwischen Katastrophen und Aufbrüchen, zwischen Protest an der Unterelbe und Diplomatie am Nordpolarkreis, zeichnet sich ein Jahr ab, das Europa und die Welt nachhaltig verändert.
Reaktorkatastrophe von Tschernobyl: Eine radioaktive Wolke zieht über Europa

Um 1:23:44 Uhr Ortszeit explodiert Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat. Auslöser ist ein nächtlicher Sicherheitstest: Die Mannschaft will simulieren, wie lange die Kühlmittelpumpen bei einem totalen Stromausfall allein aus der Restenergie der auslaufenden Turbine weiterlaufen können. Wegen gravierender Konstruktionsschwächen des Reaktortyps RBMK-1000 und schwerer Verstöße gegen die eigenen Sicherheitsvorschriften gerät die Kettenreaktion außer Kontrolle; eine Dampfexplosion sprengt den 2.000-Tonnen-Reaktordeckel, der als Moderator dienende Graphit fängt Feuer und brennt rund zehn Tage lang. Die Stadt Prypjat, kaum drei Kilometer entfernt, wird erst mehr als 36 Stunden später, am 27. April, evakuuert — rund 49.000 Menschen müssen ihre Wohnungen für immer verlassen; insgesamt werden aus der späteren 30-Kilometer-Sperrzone etwa 115.000 Menschen umgesiedelt. Die Sowjetunion schweigt zunächst, erst als am 28. April in Schweden — im Kernkraftwerk Forsmark — an den Schuhen von Arbeitern erhöhte Radioaktivität gemessen wird, gesteht Moskau den Unfall knapp ein. Der havarierte Reaktor setzt große Mengen Radioaktivität frei, die in den folgenden Tagen mit den Winden über Skandinavien, Mitteleuropa und schließlich weite Teile der nördlichen Erdhalbkugel ziehen. Ab dem 30. April erreichen die ersten belasteten Luftmassen die Bundesrepublik, ab dem 3. Mai überqueren sie das Land in breiter Front — Regenschauer tragen die Radionuklide auf Böden, Weiden und Gemüse; Spielplätze werden gesperrt, vom Verzehr frischen Blattgemüses und Pilzen wird abgeraten. Sogenannte Liquidatoren — Feuerwehrleute, Soldaten, Bergleute — riskieren beim Notfalleinsatz auf dem havarierten Block ihre Gesundheit, um das Feuer zu löschen und den Reaktor einzuschließen; offizielle sowjetische Zählungen sprechen von 31 unmittelbaren Todesopfern, während Ausmaß und Zahl der langfristigen Krebstoten bis heute wissenschaftlich umstritten bleiben. Auch an der Kieler Förde wächst die Unsicherheit: Wie hoch ist die Belastung wirklich, und wem soll man trauen? Messungen der Bundesforschungsanstalt für Fischerei zeigen später, dass ausgerechnet die Kieler Bucht unter den Ostseegewässern die höchsten Werte an Cäsium-137 aufweist — ein Fund, der die Verunsicherung an der Förde bis weit in den Sommer hinein nährt.
Aus heutiger Sicht
Die neue Schutzhülle „New Safe Confinement" wird im November 2016 über den havarierten Reaktorblock geschoben und soll die Ruine für mindestens 100 Jahre sichern; russische Truppen besetzen das Kraftwerksgelände 2022 im Zuge ihres Angriffskriegs gegen die Ukraine vorübergehend, ein Drohnenangriff beschädigt die Schutzhülle 2025. Der Streit über die Gesamtzahl der Krebstoten hält an: Das WHO-nahe „Chernobyl Forum" geht 2005 von rund 4.000 langfristigen Todesfällen aus, andere Studien nennen deutlich höhere Zahlen.
Explosion der Raumfähre Challenger kurz nach dem Start

Nur 73 Sekunden nach dem Abheben von Cape Canaveral zerreißt eine Explosion die US-Raumfähre Challenger — alle sieben Astronauten an Bord sterben: Kommandant Francis „Dick" Scobee, Pilot Michael Smith, die Missionsspezialisten Ellison Onizuka, Judith Resnik und Ronald McNair sowie die Nutzlastspezialisten Gregory Jarvis und die Lehrerin Christa McAuliffe, die im Rahmen des Programms „Teacher in Space" als erste Zivilistin ins All fliegen und von dort aus Schulunterricht senden sollte — Millionen amerikanische Schulkinder verfolgen den Start deshalb live im Klassenzimmer. Es ist der kälteste Shuttle-Start der Geschichte: In der Nacht zuvor sind an der Startrampe Eiszapfen gewachsen, die Lufttemperatur liegt bei nur rund −8 °C. Ursache der Katastrophe sind bei dieser Kälte spröde gewordene Gummidichtungsringe („O-Ringe") an einem der Feststoffbooster; Ingenieure des Herstellers Morton Thiokol, darunter Roger Boisjoly, hatten am Vorabend eindringlich vor einem Start bei derart niedrigen Temperaturen gewarnt, wurden aber überstimmt. Die von Präsident Reagan eingesetzte Rogers-Kommission — mit Mitgliedern wie dem früheren Mondastronauten Neil Armstrong, der Astronautin Sally Ride und dem Physiker und Nobelpreisträger Richard Feynman, der die Sprödigkeit der Dichtungen in einer legendären Anhörung mit einem Glas Eiswasser demonstriert — rekonstruiert später jede Sekunde des Unglücks. Die Katastrophe, live im Fernsehen mitverfolgt, erschüttert das Vertrauen in die Raumfahrt und legt das amerikanische Shuttle-Programm für fast drei Jahre lahm; erst im September 1988 hebt mit der „Discovery" wieder eine Raumfähre ab.
Bonn reagiert: Gründung des Bundesumweltministeriums

Nur sechs Wochen nach Tschernobyl zieht die Bundesregierung unter Helmut Kohl Konsequenzen: Per Organisationserlass wird das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit geschaffen, bislang über mehrere Ressorts verstreute Zuständigkeiten für Umwelt-, Strahlen- und Reaktorschutz werden gebündelt. Aus dem Innenministerium wandern die Zuständigkeiten für Umweltschutz, die Sicherheit kerntechnischer Anlagen und den Strahlenschutz in das neue Haus, aus dem Landwirtschaftsministerium die Zuständigkeit für Umwelt und Naturschutz, aus dem Ministerium für Jugend, Familie und Gesundheit die gesundheitlichen Aspekte des Umweltschutzes, die Strahlenhygiene sowie die Zuständigkeit für Chemikalien und Schadstoffrückstände in Lebensmitteln. Erster Amtsinhaber wird Walter Wallmann (CDU), zuvor Oberbürgermeister von Frankfurt am Main; sein neues Ministerium muss anfangs ganz ohne eigenes Gebäude und mit geliehenem Personal aus den Ressorts auskommen, ein Provisorium, das die Eile hinter der Gründung spiegelt. Es ist das sichtbarste politische Signal des Jahres: Umweltschutz rückt vom Rand ins Zentrum der Bundespolitik — und bleibt es, weit über die Ära Kohl hinaus, als eigenständiges Ressort.
Aus heutiger Sicht
Das 1986 aus der Not geborene Ministerium besteht bis heute fort, mehrfach erweitert und umbenannt — zuletzt 2025 als Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit unter Minister Carsten Schneider, zuvor von 2021 bis 2025 mit zusätzlicher Verbraucherschutz-Zuständigkeit unter Steffi Lemke. Aus der 1986 provisorisch mit geliehenem Personal gestarteten Behörde ist damit eines der dauerhaften politischen Erbstücke des Tschernobyl-Jahres geworden.
Brokdorf im Ausnahmezustand: Schleswig-Holstein wird zur Bühne der Anti-Atomkraft-Proteste

Das Kernkraftwerk Brokdorf an der Unterelbe, keine zwei Autostunden von Kiel entfernt, ist schon vor 1986 zum Symbol des westdeutschen Anti-Atomkraft-Widerstands geworden: 1976, kurz nach Baubeginn, besetzen rund 1.000 Demonstranten den Bauplatz, im November desselben Jahres ziehen bereits 30.000 Menschen nach Brokdorf; ein Gerichtsbeschluss verhängt 1977 einen Baustopp, der erst 1981 aufgehoben wird — die Bauarbeiten werden gegen eine Demonstration von mehr als 100.000 Menschen und einen der größten Polizeieinsätze der bundesdeutschen Geschichte fortgesetzt. Nur wenige Wochen nach Tschernobyl formiert sich 1986 erneut bundesweiter Protest — und sein Brennpunkt liegt wieder vor der eigenen Haustür: Am 7. Juni demonstrieren zehntausende Menschen gegen die unmittelbar bevorstehende Inbetriebnahme der Anlage; zeitgleich richtet sich ein zweiter Großprotest gegen die geplante Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf. Die Polizei setzt Wasserwerfer und Tränengas ohne Vorwarnung gegen die Demonstrierenden ein, ein Autokonvoi mit über 10.000 Teilnehmern aus Hamburg wird bei Kleve gewaltsam gestoppt, zahlreiche Fahrzeuge werden beschädigt. Der Protest kann die Anlage nicht mehr verhindern: Am 8. Oktober 1986 geht Brokdorf ans Netz — als erstes Kernkraftwerk der Welt nach der Katastrophe von Tschernobyl, im Dezember beginnt der kommerzielle Leistungsbetrieb. Die Kieler Landesregierung reagiert auf die Tschernobyl-Ängste in der Bevölkerung mit eigenen, deutlich strengeren Grenzwerten für radioaktiv belastete Milch — 50 statt der vom Bund empfohlenen 500 Becquerel pro Liter; in Hessen setzt Umweltminister Joschka Fischer mit 20 Becquerel sogar noch strengere Maßstäbe. Die harten Polizeieinsätze gegen die Brokdorf-Demonstranten beschäftigen über Jahre auch die Gerichte und werfen erneut die Frage nach den Grenzen des Grundrechts auf Versammlungsfreiheit auf. Mitten in diese aufgeheizte Stimmung fällt Ende Juni die traditionelle Kieler Woche, das größte Segelsportereignis der Welt — Volksfest und Angst vor unsichtbarer Strahlung liegen in diesem Sommer an der Förde dicht beieinander, zumal Messungen ausgerechnet in der Kieler Bucht zu den höchsten Cäsium-137-Werten der gesamten Ostsee kommen.
Aus heutiger Sicht
Das Kernkraftwerk Brokdorf bleibt bis zum 31. Dezember 2021 am Netz und geht dann im Rahmen des deutschen Atomausstiegs endgültig vom Netz. Die harten Polizeieinsätze gegen die Brokdorf-Demonstranten hatten bereits nach der Großdemonstration von 1981 den „Brokdorf-Beschluss" des Bundesverfassungsgerichts zur Versammlungsfreiheit ausgelöst, der bis heute als Grundsatzurteil zum Demonstrationsrecht gilt.
Wahljahr im Schatten von Tschernobyl: Albrecht hält Niedersachsen mit knapper Mehrheit, die Grünen legen zu

Sieben Wochen nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und nur acht Tage nach den Protesten von Brokdorf wählt Niedersachsen einen neuen Landtag — und liefert das knappste Ergebnis des Jahres. Die CDU von Ministerpräsident Ernst Albrecht kommt auf 44,3 Prozent, die SPD unter ihrem Spitzenkandidaten Gerhard Schröder auf 42,1 Prozent; die Grünen springen auf 7,1 Prozent und ziehen erneut in den Landtag ein, die FDP hält sich mit 6,0 Prozent. Bei einer Wahlbeteiligung von 77,3 Prozent reicht es für Schwarz-Gelb nur zu einer Mehrheit von einer einzigen Stimme: 69 CDU- und 9 FDP-Abgeordnete stehen 77 Sitzen der Opposition gegenüber. Albrecht bleibt im Amt, Schröder legt sein Bundestagsmandat nieder und übernimmt den Fraktionsvorsitz der SPD im Landtag zu Hannover. Beobachter werten die deutlichen Zugewinne der Grünen als Ausdruck der Verunsicherung, die Tschernobyl und die Proteste an der Unterelbe im Land hinterlassen haben — die Atomfrage ist zum festen Bestandteil der Landtagsdebatten geworden.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- DDR, 8. Juni — Volkskammerwahl über die Einheitsliste der Nationalen Front, eine Auswahl zwischen Parteien gibt es nicht. Amtlich stimmen 99,94 Prozent der Wähler der Liste zu, die Wahlbeteiligung wird amtlich mit 99,74 Prozent angegeben; die Sitzverteilung stand bereits vor der Wahl fest.
- Bayern, 12. Oktober — CSU 55,8 %, SPD 27,5 %, Grüne 7,5 % (erster Einzug in den Landtag), FDP 3,8 % scheitert an der Fünf-Prozent-Hürde. Franz Josef Strauß bleibt Ministerpräsident.
- Hamburg, 9. November — CDU 41,9 %, SPD 41,7 %, GAL 10,4 %, FDP 4,8 % scheitert ebenfalls. Koalitionsgespräche kommen bis Jahresende zu keinem Ergebnis; Erster Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD) führt die Geschäfte ohne stabile Mehrheit in der Bürgerschaft weiter.
Aus heutiger Sicht
Die Volkskammerwahl vom 8. Juni ist eine der letzten DDR-Wahlen nach dem alten Muster der Einheitsliste ohne echte Auswahl zwischen Parteien — eine durchorganisierte Zustimmungsübung, keine freie Wahl. Erst dreieinhalb Jahre später, am 18. März 1990, findet in der DDR die erste — und einzige — frei und geheim abgehaltene Volkskammerwahl ihrer Geschichte statt, die den Weg zur deutschen Wiedervereinigung ebnet.
Der Rhein wird rot: Chemiekatastrophe von Sandoz bei Basel

Kurz nach Mitternacht brennt Lagerhalle 956 des Chemiekonzerns Sandoz im Basler Industriegebiet Schweizerhalle, in der rund 1.350 Tonnen Chemikalien lagern, darunter mehr als 1.000 Tonnen hochgiftiger Pflanzenschutzmittel. Die Ursache des Feuers bleibt letztlich ungeklärt. Die Feuerwehr bekämpft den Brand stundenlang mit gewaltigen Wassermengen — doch die Löschwasser-Rückhaltung des Werks versagt, rund 15 Millionen Liter kontaminiertes Löschwasser fließen ungehindert in den Rhein und ins Erdreich. Mit ihm gelangen schätzungsweise 20 bis 30 Tonnen hochgiftiger Pestizide sowie rund 150 Kilogramm quecksilberhaltiger Verbindungen in den Fluss — der Rhein färbt sich stellenweise rot, die Giftfracht zieht in den folgenden Tagen über 400 Kilometer flussabwärts bis an die niederländische Grenze, praktisch der gesamte Aalbestand auf dieser Strecke stirbt, Bilder toter Fische gehen um die Welt. Auch die Trinkwassergewinnung aus dem Rhein wird in mehreren Städten zeitweise eingestellt, in den Niederlanden ist die Wasserversorgung beeinträchtigt. Der französische Staatspräsident François Mitterrand nennt die Katastrophe später ein „Tschernobâle" — ein Wortspiel aus Tschernobyl und Basel, das zeigt, wie sehr die beiden Unglücke des Jahres 1986 in der öffentlichen Wahrnehmung zusammenrücken. Der „Sandoz-Unfall" wird zum Menetekel für die Verwundbarkeit europäischer Flüsse und Ökosysteme und trägt Jahre später mit dazu bei, dass die Rheinanliegerstaaten das internationale Rheinaktionsprogramm auflegen, das den Fluss über Jahrzehnte wieder in einen lebensfähigen Zustand zurückführen soll.
Ermordung des schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme

Kurz nach 23 Uhr wird Olof Palme, seit 1982 zum zweiten Mal Ministerpräsident Schwedens, mitten in Stockholm erschossen. Er kommt gerade mit seiner Frau Lisbeth Palme aus dem Kino „Grand" an der Sveavägen, die beiden gehen — ohne Personenschutz, wie es in Schweden für Regierungschefs damals üblich ist — zu Fuß nach Hause. An der Kreuzung zur Tunnelgatan schießt ein Unbekannter aus nächster Nähe zweimal: Palme wird tödlich in den Rücken getroffen, Lisbeth leicht verletzt. Der Täter flieht die Tunnelgatan hinauf und verschwindet spurlos; Palme stirbt wenig später, kurz nach Mitternacht, im Sabbatsberg-Krankenhaus.
Die Tat erschüttert Schweden, das sich seiner offenen, unbewachten politischen Kultur bis dahin rühmte, und löst eine der aufwendigsten Mordermittlungen der europäischen Kriminalgeschichte aus: Über Jahrzehnte hinweg werden mehr als 10.000 Menschen befragt und mehr als hundert Geständnisse abgelegt, ohne dass ein Täter je verurteilt wird. Erst 2020 benennt die schwedische Staatsanwaltschaft mit dem 2000 verstorbenen Werbegrafiker Stig Engström einen Hauptverdächtigen — und schließt die Akte zugleich, weil eine Anklage nicht mehr möglich ist. Palme, international als Vermittler und scharfer Kritiker sowohl amerikanischer Vietnampolitik als auch der Apartheid bekannt, bleibt so ein bis heute ungeklärter politischer Mordfall.
Der Halleysche Komet kehrt zur Erde zurück

Alle rund 75 Jahre nähert sich der Halleysche Komet der Sonne — 1986 ist es wieder soweit: Am 9. Februar durchläuft er sein Perihel, seinen sonnennächsten Punkt. Für Sternfreunde an der Förde wie überall auf der Nordhalbkugel ist der Anblick allerdings enttäuschend blass, da Erde und Komet diesmal ungünstig zueinander stehen; in die Geschichte geht die Wiederkehr trotzdem als wissenschaftliche Sensation ein. Die europäische Raumsonde Giotto, bereits im Juli 1985 von Kourou aus gestartet, fliegt in der Nacht zum 14. März in nur rund 600 Kilometern Entfernung am Kometenkern vorbei und funkt am 13. März die ersten Nahaufnahmen zur Erde: einen schwarzen, kartoffelförmigen Brocken aus Eis und Staub, aus dem helle Gasfontänen ins All schießen — zum ersten Mal überhaupt sehen Menschen den festen Kern eines Kometen. Kurz vor der größten Annäherung wird Giotto von einem Staubteilchen des Kometen getroffen und schwer beschädigt, funktioniert aber weiter.
Der Vorbeiflug liefert entscheidende Erkenntnisse über Aufbau und Zusammensetzung von Kometenkernen und gilt als einer der großen Erfolge der europäischen Raumfahrtorganisation ESA. Die nächste Wiederkehr des Halleyschen Kometen wird erst für das Jahr 2061 erwartet.
Aufbruch ins All: Die sowjetische Raumstation Mir nimmt ihren Betrieb auf

Passend zum 27. Parteitag der KPdSU bringt die Sowjetunion am 19. Februar das Basismodul der neuen Raumstation Mir in den Erdorbit — mit 13,3 Metern Länge zunächst ein vergleichsweise kleiner, aber als Kern für spätere Erweiterungsmodule konzipierter Außenposten. Am 13. März startet mit Sojus T-15 die erste Besatzung, die Kosmonauten Leonid Kisim und Wladimir Solowjow; zwei Tage später docken sie an und beziehen als erste Menschen die neue Station. Zur Besonderheit dieser Mission wird ein rund fünfzigtägiger Abstecher zur älteren Raumstation Saljut 7, die die beiden Kosmonauten warten und teils demontieren, um Ausrüstung für die Mir zu übernehmen — bis heute der einzige Flug einer Besatzung zwischen zwei bemannten Raumstationen.
Die Mir wird in den folgenden Jahren durch weitere angedockte Module zur bis dahin größten und langlebigsten Raumstation der Welt ausgebaut und bleibt bis zu ihrem kontrollierten Absturz 2001 ein Symbol sowjetischer und später russischer Raumfahrtkompetenz, ein Gegenpol zum amerikanischen Shuttle-Programm, das in diesem Jahr nach der Challenger-Katastrophe am Boden bleibt.
Gipfeltreffen von Reykjavík: Reagan und Gorbatschow ringen um die atomare Abrüstung

Im schlichten Gästehaus Höfði am Rande der isländischen Hauptstadt Reykjavík treffen US-Präsident Ronald Reagan und der sowjetische Generalsekretär Michail Gorbatschow zu ihrem zweiten Gipfeltreffen zusammen — ganz ohne roten Teppich, Staatsbankett oder Hymnen, begleitet nur von ihren Außenministern George Shultz und Eduard Schewardnadse. Was als kurzes Arbeitstreffen zur Vorbereitung eines größeren Gipfels gedacht ist, entwickelt sich zu stundenlangen, überraschend weitreichenden Verhandlungen: Gorbatschow schlägt vor, binnen zehn Jahren sämtliche ballistischen Raketen, zeitweise sogar alle Kernwaffen beider Supermächte abzuschaffen. Reagan zeigt sich grundsätzlich interessiert, besteht aber darauf, sein Raketenabwehrprogramm Strategic Defense Initiative (SDI) weiter im Weltraum erproben zu dürfen — an dieser Frage scheitern die Gespräche in letzter Minute, beide Seiten reisen ohne Abkommen ab.
Im Moment selbst gilt Reykjavík vielen Beobachtern als Fehlschlag. Rückblickend markiert das Treffen jedoch einen Wendepunkt im Kalten Krieg: Die dort erzielte Annäherung ebnet den Weg für den INF-Vertrag von 1987, mit dem beide Seiten erstmals eine ganze Kategorie atomarer Mittelstreckenwaffen tatsächlich verschrotten — ein erster konkreter Schritt der nuklearen Abrüstung nach Jahrzehnten des Wettrüstens.
Iran-Contra-Affäre: Geheime Waffengeschäfte und Nicaragua-Hilfe erschüttern Washington

Am 3. November veröffentlicht die libanesische Zeitschrift Ash-Shiraa eine Enthüllung, die in Washington einschlägt: Die USA hätten heimlich Waffen an den Iran verkauft, um im Gegenzug die Freilassung amerikanischer Geiseln in Beirut zu erwirken — ein offener Bruch mit der eigenen Politik, keine Waffen an den mit dem Westen verfeindeten Gottesstaat zu liefern. Drei Wochen später, am 25. November, folgt die eigentliche Bombe: Justizminister Edwin Meese räumt öffentlich ein, dass ein Teil der Erlöse aus diesen Waffengeschäften heimlich an die Contra-Rebellen in Nicaragua weitergeleitet wurde — just zu jener Zeit, als der US-Kongress per Gesetz jede Militärhilfe für die Contras verboten hatte. Zentrale Figur der verdeckten Operation im Stab des Nationalen Sicherheitsrats ist Oberstleutnant Oliver North, dessen Akten in den Tagen der Aufdeckung teils vernichtet oder verändert werden.
Die Affäre stürzt die Regierung Reagan in die schwerste Krise ihrer Amtszeit, ein unabhängiger Sonderermittler und mehrere Kongressausschüsse nehmen die Ermittlungen auf, es kommt zu Anklagen gegen führende Regierungsmitglieder. Ob Reagan selbst von der Umleitung der Gelder wusste, bleibt bis heute umstritten; sein Ansehen erholt sich erst in den letzten Amtsjahren wieder.
Aus heutiger Sicht
Oliver North wird 1988 wegen Justizbehinderung verurteilt, das Urteil aber 1990 in der Berufung wegen Verfahrensfehlern aufgehoben, ein neuer Prozess findet nicht statt. Am 24. Dezember 1992 begnadigt Präsident George H. W. Bush kurz vor Ende seiner Amtszeit sechs der ranghöchsten Beteiligten, darunter den früheren Verteidigungsminister Caspar Weinberger — Kritiker werfen Bush vor, damit auch Ermittlungen zu seiner eigenen Rolle als Vizepräsident zu blockieren.
Agentenaustausch an der Glienicker Brücke: Der sowjetische Dissident Natan Scharanski kommt frei

Am Morgen des 11. Februar überquert der sowjetische Bürgerrechtler Anatoli (später Natan) Scharanski allein zu Fuß die Glienicker Brücke zwischen Potsdam und West-Berlin — jene schmale Havel-Querung, die während des Kalten Krieges schon mehrfach Schauplatz von Agentenaustauschen zwischen Ost und West war. Scharanski, ein jüdischer Mathematiker und Ausreisewilliger („Refusenik"), saß seit 1977 wegen angeblicher Spionage für die USA in sowjetischer Lagerhaft; sein Fall machte ihn international zur Symbolfigur der Menschenrechtsbewegung. Im Gegenzug lässt der Westen den tschechoslowakisch-amerikanischen Doppelagenten Karel Koecher frei, der jahrelang für den sowjetischen und tschechoslowakischen Geheimdienst auch die CIA infiltriert hatte.
Scharanski wandert nach seiner Freilassung nach Israel aus, wo ihn Ministerpräsident Schimon Peres am Flughafen Ben Gurion empfängt; er nennt sich fortan Natan Scharanski und wird später israelischer Minister. Der Austausch an der Glienicker Brücke gilt rückblickend als einer der letzten großen Agentenaustausche des Kalten Krieges, nur wenige Jahre bevor der Fall der Mauer die Grenzanlage endgültig zur gewöhnlichen Fußgängerbrücke macht.
Eklat um „Scheibenwischer": Bayerischer Rundfunk schaltet sich aus der ARD-Sendung mit Dieter Hildebrandt aus

In der Ausgabe der ARD-Kabarettsendung „Scheibenwischer" vom 22. Mai nimmt sich Dieter Hildebrandt mit beißendem Spott die staatliche Informationspolitik nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor. Dem Bayerischen Rundfunk geht das zu weit: Programmdirektor Helmut Oeller bezeichnet Teile der Sendung als „makaber" und „nicht gemeinschaftsverträglich" — der BR schaltet sich noch während der laufenden Ausstrahlung aus dem gemeinsamen ARD-Programm aus, seine Zuschauer in Bayern bekommen stattdessen ein Ersatzprogramm zu sehen. Es ist nicht der erste Versuch konservativer Rundfunkverantwortlicher, Hildebrandts Kabarett zu zähmen — schon in den Jahrzehnten zuvor gab es wiederholt Auseinandersetzungen um seine Sendungen.
Der Eklat sorgt bundesweit für Schlagzeilen und wird zum Symbol für den Streit um die Grenzen der Meinungsfreiheit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen — und dafür, wie tief die Verunsicherung und der Vertrauensverlust nach Tschernobyl auch die politische Kultur der Bundesrepublik aufwühlen.
RAF ermordet Spitzenmanager Karl Heinz Beckurts und Diplomat Gerold von Braunmühl

Am Morgen des 9. Juli reißt eine ferngezündete Sprengfalle den Siemens-Vorstand Karl Heinz Beckurts, zuständig unter anderem für die Kerntechniksparte des Konzerns, und seinen Fahrer Eckhard Groppler auf der Grünwalder Straße in Straßlach bei München in den Tod. Ein „Kommando Mara Cagol" der Rote Armee Fraktion bekennt sich zu dem Anschlag. Nur drei Monate später, am Abend des 10. Oktober, wird Gerold von Braunmühl, Politischer Direktor im Auswärtigen Amt und zuständig unter anderem für die Ostpolitik der Bundesrepublik, vor seinem Wohnhaus in Bonn-Ippendorf von zwei Attentätern erschossen; ein „Kommando Ingrid Schubert" der RAF bekennt sich in einem an der tschechoslowakischen Botschaft hinterlegten Schreiben zur Tat.
Beide Morde reihen sich ein in die als „zweite Generation" bekannte Terrorwelle der RAF gegen Repräsentanten aus Wirtschaft, Politik und Militär, die auch in den folgenden Jahren anhält. Die Täter beider Anschläge werden nie zweifelsfrei identifiziert und verurteilt; der Verdacht fällt unter anderem auf untergetauchte RAF-Mitglieder, die zeitweise Zuflucht in der DDR gefunden hatten.
„Anti-WAAhnsinns-Festival" in Burglengenfeld: Hunderttausend feiern gegen die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf

Am letzten Juliwochenende verwandelt sich der Lanzenanger bei Burglengenfeld in der Oberpfalz in eine gewaltige Protestbühne: Über zwei Tage treten mehr als zwanzig Künstler und Gruppen mit über 600 Mitwirkenden auf, darunter Herbert Grönemeyer, Udo Lindenberg, Rio Reiser, BAP und Die Toten Hosen — alle ohne Gage, zugunsten der Prozesskosten inhaftierter Demonstranten. Schätzungsweise 100.000 bis 120.000 Besucher kommen zum „Anti-WAAhnsinns-Festival", das sich gegen die geplante Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf richtet und bundesweit als „deutsches Woodstock" der Anti-Atomkraft-Bewegung in die Geschichte eingeht.
Zeitzeugen beschreiben den gemeinsamen Gesang von hunderttausend Menschen am letzten Abend als das eigentliche „Erweckungserlebnis" der Bewegung gegen die WAA. Ein Nachspiel hat das Festival dennoch: Von den erwarteten rund 840.000 D-Mark Erlös erreichen wegen ungezählter Eintritte und verschwundener Kassen am Ende nur etwa 365.000 D-Mark tatsächlich die Widerstandsbewegung.
Der „Hamburger Kessel": Polizei schließt 861 Demonstranten dreizehn Stunden ein

Am Rande einer Demonstration gegen den Weltwirtschaftsgipfel und die Startbahn West umstellt die Hamburger Polizei am Nachmittag des 8. Juni auf dem Heiligengeistfeld einen Demonstrationszug und schließt ihn vollständig ein. 861 Menschen — Demonstranten, Passanten und mehrere Journalisten — werden über dreizehn Stunden lang, bis in die Nacht hinein, ohne Verpflegung, ohne Zugang zu Toiletten und ohne Kontakt nach draußen auf engstem Raum festgehalten, ehe die Polizei sie einzeln erkennungsdienstlich behandelt und erst danach entlässt. Es ist die größte Masseneinschließung in der Geschichte der Bundesrepublik.
Der Einsatz löst scharfe Kritik von Kirchen, Anwaltsverein und Bürgerrechtlern aus; Hamburgs Innensenator Rolf Lange verteidigt das Vorgehen zunächst als notwendig, um Gewalttäter aus der Menge zu identifizieren. Zahlreiche der Eingeschlossenen erstatten Anzeige wegen Freiheitsberaubung.
AM RANDE NOTIERT
- Der Fall der Diktatur auf den Philippinen: Nach der „People Power"-Revolution flieht Ferdinand Marcos im Februar ins Exil, Corazon Aquino wird Präsidentin.
- Bei den Kommunalwahlen in Schleswig-Holstein am 2. März verliert die CDU spürbar an Boden — ein Vorzeichen der politischen Erdrutsche, die das Land in den Folgejahren erschüttern werden.
- Bombenanschlag auf die Diskothek „La Belle" in West-Berlin am 5. April: Drei Menschen sterben, rund 230 werden verletzt, die Tat wird dem libyschen Geheimdienst zugeschrieben — die USA antworten wenige Tage später mit Luftangriffen auf Tripolis und Bengasi.
- 22. August — Die Deutsche Bundespost bringt eine Sondermarke zu 80 Pfennig heraus, die den Halleyschen Kometen und die Raumsonde Giotto zeigt — ein philatelistisches Andenken an einen Besucher, der erst wieder 2061 vorbeischaut.
- Werftenkrise an der Förde: Die Kieler Howaldtswerke-Deutsche Werft (HDW) übernimmt im Januar die insolvente Rendsburger Werft Nobiskrug, nachdem zuvor der Hamburger Standort geschlossen werden musste — ein Rettungsanker für den Schiffbau in Schleswig-Holstein in schwerer See.
- 31. Dezember — Der ARD unterläuft beim Fernsehprogramm zum Jahreswechsel ein peinlicher Bandtausch: Statt der aktuellen Neujahrsansprache von Bundeskanzler Helmut Kohl läuft die Ansprache des Vorjahres, in der er den Zuschauern ein gutes Jahr 1986 wünscht — der Sender räumt den Fehler erst rund neunzig Minuten später im laufenden Silvesterprogramm ein.
WIRTSCHAFT · 1986
Der drastische Verfall des Ölpreises prägt die Weltwirtschaft: Innerhalb weniger Monate fällt der Preis für ein Barrel Rohöl von rund 27 auf unter 10 US-Dollar, nachdem Saudi-Arabien seine Politik der Förderbegrenzung aufgibt. Für die Bundesrepublik, die praktisch ihr gesamtes Erdöl importiert, bedeutet das spürbar sinkende Energiekosten — während die Arbeitslosigkeit trotz der günstigen weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen ein drückendes Problem bleibt, mit dem die Bundesregierung unter Helmut Kohl auch 1986 zu kämpfen hat.
Preisspiegel 1986 (Beispiele in DM):
- Mischbrot (1 kg): 2,93 DM
- Milch (1 Liter): 1,24 DM
- Bier (0,5 Liter): 0,94 DM
- Ei (1 Stück): 0,24 DM
- Superbenzin (1 Liter): 1,01 DM
STIMMEN DER PRESSE · 1986
„Teile Schwedens, Finnlands und Norwegens waren gestern erheblicher radioaktiver Strahlung ausgesetzt, die nach offiziellen Angaben aus den drei Ländern möglicherweise aus einem defekten sowjetischen Atomreaktor stammt. Die sowjetische Atom-Energiebehörde erklärte hingegen der schwedischen Botschaft in Moskau, ihr lägen keine Informationen über einen derartigen Zwischenfall vor, von dem sie in jedem Fall Kenntnis haben müsste." — Die Welt, 29. April 1986
„Gestern wurden in Berlin von der Strahlenmessstelle des Senators für Stadtentwicklung und Umweltschutz radioaktive Zerfallsprodukte in der Luft nachgewiesen. Diese dürften, so Senator Starnick am Abend, ‚aus einer Kernspaltanlage entwichen sein'." — die tageszeitung, 30. April 1986
„Angesichts dieser Tatsachen ruft es Befremden und absolutes Unverständnis hervor, wenn die Havarie in Tschernobyl von Medien und gewissen politischen Kreisen in westlichen Ländern zum Anlass genommen wird, um mit Halbwahrheiten und Spekulationen die Bevölkerung in Unruhe zu versetzen. […] Alles spricht dafür, dass es sich hier um gezielte Panikmache handelt, die die Weltöffentlichkeit von den Abrüstungsinitiativen der Sowjetunion ablenken soll." — Neues Deutschland, 2. Mai 1986
SPORT · 1986
Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko, ausgetragen zwischen dem 31. Mai und dem 29. Juni: Argentinien unter Trainer Carlos Bilardo gewinnt im Finale im Estadio Azteca in Mexiko-Stadt vor 114.600 Zuschauern mit 3:2 gegen die von Franz Beckenbauer trainierte Bundesrepublik — Jose Brown, Jorge Valdano und in der 84. Minute Jorge Burruchaga treffen für Argentinien, Karl-Heinz Rummenigge und Rudi Völler verkürzen für die Deutschen noch einmal auf 2:3, ehe Burruchaga nach einem Steilpass von Maradona aus dem Nichts zum Endstand trifft. Der eigentliche Star des Turniers aber heißt Diego Maradona, der als Kapitän Argentiniens fünf Tore selbst erzielt und fünf weitere vorbereitet. Im Viertelfinale gegen England erzielt er binnen weniger Minuten zwei der berühmtesten Tore der Fußballgeschichte: erst die per Faust ins Tor gelenkte „Hand Gottes", dann im direkten Anschluss ein Solo über das halbe Feld an halb der englischen Mannschaft vorbei, später zum „Jahrhunderttor" gekürt; im Halbfinale gegen Belgien gelingen ihm gleich zwei weitere Treffer. Für Beckenbauer, der 1966 schon als Spieler ein WM-Finale verloren hatte, und für die deutsche Mannschaft bleibt nach 1982 zum zweiten Mal in Folge nur der Vize-Titel. An der Kieler Förde, mitten in der Sorge um Tschernobyl-Fallout und Brokdorf-Proteste, sorgt das Turnier im Juni immerhin für einige Wochen Ablenkung — wenige Tage zuvor hatte zudem Boris Becker, unter den Lichtblicken gewürdigt, im Finale gegen Ivan Lendl seinen Wimbledon-Titel erfolgreich verteidigt.
MODE · 1986
Auf der Straße setzt sich der Sportswear-Look durch: Adidas-Trainingsjacken und dicke Goldketten, wie sie die HipHop-Gruppe Run-D.M.C. trägt, machen Logos und Markensportswear zum urbanen Statussymbol weit über den Sport hinaus. Mit ihrem Song „My Adidas", der Hymne auf die eigenen Turnschuhe, und einem Auftritt vor 40.000 Fans im Madison Square Garden am 19. Juli handelt die New Yorker Gruppe im selben Jahr einen rund 1,6 Millionen Dollar schweren Werbevertrag mit Adidas aus — der erste Sponsoringdeal des Konzerns mit Musikern statt Sportlern und der Startschuss für die bis heute anhaltende Verbindung von HipHop und Streetwear. In der eleganten Gegenwelt setzt Prinzessin Diana mit taillierten Kostümen und großen Hüten den Ton für konservativere Eleganz; daneben prägen wattierte, kastenförmige Schulterpartien im Stil der US-Serie „Der Denver-Clan" das sogenannte „Power Dressing" berufstätiger Frauen, während Madonna mit Spitzenhandschuhen, Krawatten als Accessoire und üppigem Kruzifix-Schmuck einen ganz eigenen, unverkennbaren Stil vorlebt — mehrere Pole, zwischen denen sich die Mode der mittleren Achtziger bewegt.
KINO & FERNSEHEN · 1986
In den deutschen Kinos dominiert Jean-Jacques Annauds Mittelalter-Krimi „Der Name der Rose" mit Sean Connery in der Hauptrolle die Jahrescharts mit rund 5,9 Millionen Besuchern, vor dem afrikanischen Kolonialdrama „Jenseits von Afrika" (rund 4,5 Millionen) und dem amerikanischen Actionfilm „Top Gun" mit Tom Cruise (rund 4,3 Millionen) — ein Jahr, in dem sich das Publikum zwischen europäischem Autorenkino und amerikanischem Blockbuster gleichermaßen begeistern lässt.
Im Fernsehen wächst das noch junge private Programm weiter in die westdeutschen Kabelhaushalte hinein: RTL plus, seit 1984 auf Sendung, erreicht 1986 rund 1,25 Millionen Kabel- und Satellitenhaushalte; im Mai steigt der Essener Zeitungskonzern WAZ mit zehn Prozent bei RTL plus ein, neben den luxemburgischen und Bertelsmann-nahen Gesellschaftern. Zusammen mit dem Konkurrenten Sat.1 profitiert der Sender vom fortschreitenden Ausbau der Kabelnetze und von der Satellitenausstrahlung über den ECS-1/Eutelsat-I-F1 — die Zuschauerzahlen der beiden Privatsender bleiben 1986 noch klein gegenüber ARD und ZDF, doch der Grundstein für das duale Rundfunksystem der kommenden Jahre ist gelegt.
GESTORBEN · 1986
- Joseph Beuys (64), Bildhauer und Aktionskünstler — 23. Januar, Düsseldorf.
- Heinz Nixdorf (60), Computerunternehmer — 17. März, Hannover.
- Simone de Beauvoir (78), Schriftstellerin und Philosophin — 14. April, Paris.
- Jorge Luis Borges (86), Schriftsteller — 14. Juni, Genf.
- Cary Grant (82), Schauspieler — 29. November, Davenport (Iowa, USA).
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1986
- Neuer Nationalpark an der Nordseeküste (1. Januar). Zum Jahresbeginn wird das Niedersächsische Wattenmeer zum Nationalpark erklärt – Deutschlands zweitgrößter und heute UNESCO-Weltnaturerbe. Mitten in einem Jahr voller Sorgen um Tschernobyl und Brokdorf ein stilles Zeichen, dass großflächiger Naturschutz gelingen kann.
- Doppelter Physik-Nobelpreis für deutsche Forscher (Oktober). Ernst Ruska wird für die Erfindung des Elektronenmikroskops geehrt, Gerd Binnig gemeinsam mit Heinrich Rohrer für das Rastertunnelmikroskop – zwei deutsche Physiker unter den höchsten Auszeichnungen der Wissenschaft in einem einzigen Jahr.
- Boris Becker verteidigt seinen Wimbledon-Titel (5. Juli). Im Drei-Satz-Sieg gegen Ivan Lendl bleibt der 18-Jährige jüngster Titelverteidiger der Turniergeschichte – ein Jahr nach seinem Debütsieg bestätigt sich der Leimener endgültig als neuer Star des deutschen Sports.
- Friedensnobelpreis für Elie Wiesel (14. Oktober). Der Schriftsteller und Auschwitz-Überlebende wird als „Botschafter der Menschheit" für sein lebenslanges Zeugnis gegen Vergessen und Gewalt geehrt – eine Stimme der Menschlichkeit erhält die höchste Anerkennung in einem von Katastrophen geprägten Jahr.
- Premiere des Schleswig-Holstein Musik Festivals (Sommer 1986). Pianist Justus Frantz gründet das SHMF; schon zur ersten Ausgabe kommen Weltstars wie Yehudi Menuhin und Mstislav Rostropowitsch ins Land zwischen den Meeren – mit Konzerten auch an der Kieler Förde entwickelt es sich zu einem der bedeutendsten Musikfestivals Europas.
- Reinhold Messner bezwingt als Erster alle 14 Achttausender (16. Oktober). Mit der Besteigung der Lhotse vollendet der Südtiroler Bergsteiger als erster Mensch überhaupt die Sammlung sämtlicher Achttausender der Erde – eine einsame Höchstleistung, die ihn endgültig zur Bergsteiger-Legende macht.
DAS WETTER · 1986 in Kiel
An diesem 13. Juli war es an der Förde ein kühler Sommertag: Höchstwert 18,1 °C, in der Nacht 9,3 °C, im Mittel 13,1 °C; kein Tropfen Regen fiel.
Das Jahr über: Im Mittel 7,8 °C. Wärmster Tag 31,5 °C am 3. Juli, kältester −19,0 °C am 10. Januar. 1 Hitzetag (≥ 30 °C), 28 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 555 mm — ein trockenes Jahr.
(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1986
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.
- Jeanny (Part 1) — Falco
- Lessons in Love — Level 42
- Midnight Lady — Chris Norman
- Wonderful World — Sam Cooke
- The Final Countdown — Europe
- Touch Me (I Want Your Body) — Samantha Fox
- Ohne Dich (Schlaf' Ich Heut Nacht Nicht Ein) — Münchener Freiheit
- Venus — Bananarama
- Rage Hard — Frankie Goes to Hollywood
- Holiday Rap — MC Miker G & Deejay Sven
- When the Going Gets Tough, the Tough Get Going — Billy Ocean
- Geil — Bruce & Bongo
- Papa Don't Preach — Madonna
- Brother Louie — Modern Talking
- Atlantis Is Calling (S.O.S. for Love) — Modern Talking
- West End Girls — Pet Shop Boys
- Coming Home (Jeanny Part 2) — Falco
- I Engineer — Animotion
- Irresistible — Stephanie
- A Love Bizarre — Sheila E.
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).
U-Boot-Pläne für Südafrika: Die „Kieler Nachrichten“ bringen den Fall HDW ans Licht

Am 26. November berichten die „Kieler Nachrichten“ unter dem Namen ihres Redakteurs Peter Höver, das Ingenieurkontor Lübeck (IKL) und die Howaldtswerke-Deutsche Werft hätten ohne Genehmigung der Behörden Blaupausen und womöglich auch U-Boot-Komponenten nach Südafrika geliefert. Der Preis: 46 Millionen DM. Gegen Südafrika gilt seit 1977 ein verbindliches Waffenembargo der Vereinten Nationen.
Die Meldung zieht rasch Kreise. Am 10. Dezember richtet der Bundestag einen Untersuchungsausschuss ein. Am 23. Dezember berichtet die „tageszeitung“ unter Berufung auf die KN, Teile der Unterlagen unterlägen strenger militärischer Geheimhaltung; es soll sich zum Teil um Mikrofilme und Akten mit Konstruktionsplänen für das U-Boot Typ 209 handeln, das die HDW auch für Indien baut (1.500 Tonnen Verdrängung). Aus einem Brief des IKL an Bundesfinanzminister Stoltenberg zitieren die KN den Satz, am 16. Juni 1984 hätten HDW und IKL mit dem Kunden einen Vertrag über die „kleine Lösung“, den Blaupausenverkauf an Südafrika, beschlossen; dafür sei die Genehmigung der Bundesregierung nötig gewesen. Den KN ist außerdem bekannt geworden, dass der Kaufpreis von 46 Millionen DM inzwischen in der HDW-Bilanz nachgewiesen ist; die Beteuerung der Werft, es sei „kein Geld vereinnahmt worden“, ist damit fragwürdig.
Generalbundesanwalt Kurt Rebmann sieht keinen Grund, Ermittlungen einzuleiten; zuständig wäre er nur bei Landesverrat oder Agententätigkeit. Die Staatsanwaltschaft Kiel sieht „bisher keinen Anlass“ für Ermittlungen, ist aber „eingeschaltet worden“. Am Zug ist die Oberfinanzdirektion Kiel: Sie prüft seit einem Jahr, ob der Verkauf gegen das Außenwirtschaftsgesetz verstößt, und könnte ein Bußgeld von bis zu 500.000 DM verhängen.
Gewerkschafter gegen die Änderung des § 116: DGB-Zug durch die Innenstadt, Marsch der Werftarbeiter

Am 28. Januar zieht der Deutsche Gewerkschaftsbund durch die Kieler Innenstadt. Anlass ist die geplante Änderung des § 116 des Arbeitsförderungsgesetzes, die vorsieht, indirekt vom Streik betroffenen Arbeitnehmern das Kurzarbeitergeld zu streichen. Der Zug führt über die Rathausstraße und den Rathausplatz, wo der SPD-Landesvorsitzende Günther Jansen am Redepult spricht, weiter durch die Gneisenaustraße und die Legienstraße, in der auch Oberbürgermeister Karl Heinz Luckhardt mitgeht. Die Abschlusskundgebung findet auf dem Asmus-Bremer-Platz statt. Neben Luckhardt stehen dort Ilse Brusis vom DGB-Bundesvorstand, der Landtagsabgeordnete Hans Wiesen (SPD) und DGB-Geschäftsführer Horst Herchenröder.
Am 6. März folgt der Protestmarsch der Werftarbeiter der HDW vom Werk Gaarden zur Kundgebung auf dem Vinetaplatz. Am Redepult steht der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Kiel, Alfred Prezewowsky, neben ihm der Bundestagsabgeordnete Norbert Gansel (SPD).
Am 20. März beschließt der Bundestag die Neufassung gegen die Stimmen von SPD und Grünen und gegen den Widerstand der Gewerkschaften; das „Gesetz zur Sicherung der Neutralität der Bundesanstalt für Arbeit bei Arbeitskämpfen“ vom 15. Mai tritt am 24. Mai in Kraft.
Kiel und Tallinn besiegeln ihre Städtepartnerschaft
Am 13. Mai unterzeichnen Kiel und Tallinn, die Hauptstadt der Estnischen SSR, einen Vertrag über eine offizielle Städtepartnerschaft. An der Ostsee ist Kiel bereits mit Vaasa (seit 1967) und Gdynia (seit 1985) partnerschaftlich verbunden.
Die Beziehungen sind älter als der Vertrag: Seit 1972 bestehen freundschaftliche Kontakte. Kiel richtete in jenem Jahr die olympischen Segelwettbewerbe aus; als Tallinn 1980 Gastgeber der olympischen Regatten war, holte sich die Stadt dafür Rat in Kiel.
Der Vertrag sieht einen festen Rhythmus vor: Alle drei Jahre werden im Wechsel „Tallinner Tage“ in Kiel und „Kieler Tage“ in Tallinn veranstaltet, anfangs mit sportlichem und kulturellem Schwerpunkt.
Aus heutiger Sicht
Estland erklärte am 20. August 1991 seine Unabhängigkeit; Kiel und Tallinn erneuerten den Vertrag am 25. Januar 1992. 2016 feierte Kiel das 30-jährige Jubiläum der Partnerschaft mit einer Feierstunde im Ratssaal und einer Delegation aus Tallinn.
„Lotosblüten für Hiroshima und Nagasaki“: Erste Gedenkstunde am Kleinen Kiel
Am Abend des 6. August findet in den Bismarckanlagen zwischen Rathaus und Kleinem Kiel erstmals eine Gedenkstunde zur Erinnerung an den Atombombenabwurf auf Hiroshima statt, unter dem Motto „Lotosblüten für Hiroshima und Nagasaki“. Die Bombe fiel am 6. August 1945; über Nagasaki folgte am 9. August der zweite Abwurf.
Getragen wird die Veranstaltung von Kieler Friedensinitiativen, mehreren Ratsfraktionen und der Stadt Kiel. Nach Rede- und Kulturbeiträgen setzen die Teilnehmer bei Einbruch der Dunkelheit selbstgefaltete Origami-Lotusblüten mit Teelichten auf das Wasser des Kleinen Kiels. Das Vorbild kommt aus Japan: Dort gedenkt man der Opfer seit den Abwürfen alljährlich mit leuchtenden Lotosblüten, die auf die Flüsse von Hiroshima und Nagasaki gesetzt werden.
Aus heutiger Sicht
Die Ratsversammlung gab den Bismarckanlagen am 21. Mai 1987 den Namen Hiroshimapark. Die Gedenkstunde fand von da an jedes Jahr am Abend des 6. August dort statt.
KURZ NOTIERT · Kiel 1986
- 1. Januar — Die Kieler Hafen- und Verkehrsbetriebe verkaufen den neuen Silo am Nordhafen an die Firma Wünsche.
- 17. April — Silke Reyer (SPD) wird Stadtpräsidentin. Sie folgt Günther Schmidt-Brodersen, der das Amt seit dem 17. Januar 1985 innehatte.
- April — Auf der „Gorch Fock“ wechselt das Kommando: Nickels Peter Hinrichsen, der das Segelschulschiff seit April 1982 geführt hat, übergibt an Immo von Schnurbein. Heimathafen des Schiffs ist Kiel.
- 26. Mai — Ida Hinz stirbt in Kiel. Die Sozialdemokratin aus Gaarden saß von 1946 bis 1974 in der Ratsversammlung, wurde 1970 als erste Frau in der Bundesrepublik Stadtpräsidentin und 1974 Ehrenbürgerin; die Kieler nannten sie „uns' Ida“.
- 27. August — Die Ratsversammlung benennt eine Grünfläche in Gaarden-Ost, Teil des Grünzugs von der Hörn zum Langseebecken, nach der im Mai gestorbenen früheren Stadtpräsidentin: Ida-Hinz-Platz.
- 31. August — Bei Wärtsilä in Turku läuft die „Kronprins Harald“ der Jahre Line vom Stapel. Die beiden Oslo-Fähren der Reederei reichen bei steigender Nachfrage nicht mehr aus; am Kieler Oslokai lässt sich das neue Schiff in der bisherigen Form nicht abfertigen.
- Ende des Jahres — Der Ausbau des Oslokais beginnt.
RUND UM DIE FÖRDE · 1986
- 14. Mai, Eckernförde — Eckernförde führt ab dem 14. Mai die Bezeichnung „UNO-Stadt“.
- 9. Juni, Heikendorf — Heikendorfer Geschäftsleute gründen den Handels- und Gewerbeverein Heikendorf; er soll die wirtschaftlichen Belange seiner Mitglieder und die Interessen der Gemeinde fördern.
SPORT AN DER FÖRDE · 1986
- THW Kiel — Die Handballer beenden die Bundesliga-Saison 1985/86 am letzten Spieltag, dem 7. Juni, auf Platz 5, mit 14 Siegen, 4 Unentschieden, 8 Niederlagen und 579:546 Toren. Erstmals Meister wird TUSEM Essen, das den THW am 19. Mai mit 29:14 schlägt: Das 14:29 ist die höchste Auswärtsniederlage des THW in der Bundesliga, gleichauf mit dem 17:32 beim VfL Gummersbach vom 2. März 1968. THW-Trainer Jóhann Ingi Gunnarsson verlässt den Verein und wechselt nach Essen.
- Holstein Kiel — In der drittklassigen Oberliga Nord 1985/86 belegen die Störche Platz 15 von 18 mit 10 Siegen, 8 Unentschieden, 16 Niederlagen und 48:51 Toren. Holsteins André Bistram ist mit 27 Treffern Torschützenkönig der Liga; Meister wird der FC St. Pauli.
- Sportpressefest — Am 17. Januar ehrt Ministerpräsident Uwe Barschel in der Ostseehalle die Hochspringerin Heike Redetzky als Sportlerin des Jahres 1985 von Schleswig-Holstein. Sie startete bis 1985 für den TSV Kronshagen, wurde 1985 deutsche Meisterin in der Halle und im Freien und wechselte im Winter zu LG Bayer Leverkusen. Bei der Europameisterschaft 1986 in Stuttgart wird sie mit 1,90 m Sechste.
- Kronenkompass — Am 10. Januar überreicht Konsul Wulf Rauno, Vorsitzender des Kieler Yacht-Clubs, den Kronenkompass an Thorolf, Oleif und Reimer Böttger. Der Kronenkompass ist die Trophäe des Schlimbach-Preises, der höchsten deutschen Auszeichnung im Hochseesegeln; den Preis für 1985 erhält Reimer Böttger für seine Fahrt „Rund Südamerika“.