DER CHRONIST

Ein Jahr der Erschütterungen und der Hoffnung zugleich: An der Förde zerbricht eine politische Karriere unter dem Verdacht der Intrige, während in Bonn der Kanzler im Amt bestätigt wird. Im Kalten Krieg zeichnet sich mit dem Vertrag über die Mittelstreckenraketen erstmals ein Ende des Wettrüstens ab, und ein Hobbypilot aus Wedel landet ungehindert mitten in Moskau. Die Weltbörsen erinnern am „Schwarzen Montag" daran, wie schnell Vertrauen verfliegen kann, während vor der belgischen Küste und in der Londoner Untergrundbahn Nachlässigkeit Menschenleben kostet. Ein Orkan verwüstet Südengland, und auf dem Kunstmarkt fällt ein Rekordpreis für van Gogh. Ein Jahr, das zeigt, wie eng große Politik, kleine Fehler und das ganz große Geld miteinander verwoben sind.

Die Schlagzeilen des Jahres

Waterkantgate: Barschel-Affäre erschüttert Schleswig-Holstein

Uwe Barschel, im Zentrum der Waterkantgate-Affäre
Uwe Barschel, im Zentrum der „Waterkantgate“-Affäre (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Einen Tag vor der Landtagswahl in Schleswig-Holstein am 13. September veröffentlicht der „Spiegel" schwere Vorwürfe gegen Ministerpräsident Uwe Barschel (CDU): Aus seiner Staatskanzlei in Kiel heraus soll sein Medienreferent Reiner Pfeiffer eine Schmutzkampagne gegen den SPD-Herausforderer Björn Engholm organisiert haben — von angezettelten Steuerprüfungen bis zu anonymen Anzeigen. Pfeiffer, erst wenige Monate zuvor in die Kieler Staatskanzlei geholt, hatte demnach eine anonyme Anzeige wegen Steuerhinterziehung gegen Engholm erstattet, ihn observieren lassen und sich ein Abhörgerät besorgt, mit dem ein SPD-Lauschangriff auf Barschels eigenes Telefon nur vorgetäuscht werden sollte. Schon am 5. Februar 1987 hatte Pfeiffer, unter dem Decknamen „Dr. Wagner", bei Engholm angerufen und ihm weisgemacht, ein an Aids erkrankter Patient habe eine intime Beziehung zu ihm behauptet — ein perfider Versuch, Engholm gesundheitlich zu diskreditieren. Die Wahl selbst bringt ein Patt: Die CDU verliert ihre absolute Mehrheit und kommt auf 42,6 Prozent, die SPD wird mit 45,2 Prozent stärkste Kraft, doch CDU und FDP verfügen gemeinsam über eine knappe Sitzmehrheit. Am 18. September gibt Barschel vor laufenden Kameras auf einer mehrstündigen Pressekonferenz in Kiel sein „Ehrenwort", die Vorwürfe seien „haltlos" und er habe von Pfeiffers Machenschaften nichts gewusst — eine Erklärung, die sich binnen Tagen als Lüge erweist, da weitere Details und Belege ans Licht kommen. Unter wachsendem Druck aus den eigenen Reihen und von der Öffentlichkeit kündigt er am 25. September seinen Rücktritt an, der am 2. Oktober wirksam wird; bis zur Wahl seines Nachfolgers führt er die Geschäfte noch geschäftsführend weiter. Der Kieler Landtag setzt einen Untersuchungsausschuss ein, der die Vorgänge in der Staatskanzlei aufklären soll — seine Arbeit wird durch Barschels Tod nur wenige Wochen später jäh überschattet. Ganz Kiel spricht von nichts anderem: Der Skandal um die Staatskanzlei am Ufer der Förde wird bundesweit als „Waterkantgate" bekannt und gilt bis heute als einer der größten politischen Skandale der Bundesrepublik.

Barschel tot im Genfer Hotelzimmer aufgefunden

Das Hôtel Beau-Rivage in Genf, wo Barschel tot aufgefunden wird
Das Hôtel Beau-Rivage in Genf, wo Barschel tot aufgefunden wird (Wikimedia Commons, CC0)

Nur neun Tage nach seinem Rücktritt wird Uwe Barschel in Zimmer 317 des Genfer Hotel Beau-Rivage tot in der Badewanne aufgefunden — vollständig bekleidet, mit mehreren Medikamenten im Blut. Gefunden wird er von einem Reporter des Magazins „Stern", der nach vergeblichem Klopfen und Anrufen die unverschlossene Zimmertür öffnet; die Redaktion hatte den Aufenthaltsort ihres Gesprächspartners über den Hotelportier ermittelt. Ein mitgereister Fotograf hält die Leiche in der Wanne im Bild fest — Aufnahmen, die der „Stern" später veröffentlicht und die einen Sturm der Entrüstung über die Verletzung der Totenwürde auslösen; ein Genfer Gericht verurteilt den Reporter 1990 wegen Hausfriedensbruchs und Verletzung der Privatsphäre zu einer bedingten Haftstrafe und einer Geldbuße. Warum Barschel allein und unangekündigt nach Genf gereist war, bleibt ungeklärt. Die Genfer Staatsanwaltschaft geht von Suizid aus, doch die Umstände bleiben bis heute umstritten; ein Abschiedsbrief wird nie gefunden, und Barschels Familie sowie zahlreiche Beobachter halten ein Fremdverschulden für möglich. Der Tod mitten in der laufenden Aufklärung der Affäre und kurz vor einer geplanten Aussage vor dem Kieler Untersuchungsausschuss lässt in Schleswig-Holstein und weit darüber hinaus viele Fragen offen — der „Fall Barschel" beschäftigt Untersuchungsausschüsse noch Jahrzehnte später.

Aus heutiger Sicht

Auch mehr als zwei Jahrzehnte nach der Einstellung der Genfer Ermittlungen 1998 bleibt der Tod Barschels rechtsmedizinisch umstritten: Während die Gutachter Janssen und Püschel ebenso wie seinerzeit die Genfer Justiz von Suizid ausgehen, hält der frühere Chefermittler der Kieler Sonderkommission, Heinrich Wille, öffentlich an der These fest, Barschel sei ermordet worden. Eine abschließende, allgemein anerkannte Klärung der Todesumstände steht bis heute aus.

Reagan fordert Gorbatschow am Brandenburger Tor heraus

Ronald Reagan hält 1987 seine Rede am Brandenburger Tor
Ronald Reagan hält 1987 seine Rede am Brandenburger Tor (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Anlässlich der 750-Jahr-Feier Berlins reist US-Präsident Ronald Reagan in die geteilte Stadt und spricht vor der Kulisse des Brandenburger Tors in West-Berlin, nur wenige Meter von der Mauer entfernt, vor Zehntausenden Zuhörern. Im Publikum sitzt auch Bundeskanzler Helmut Kohl. Reagan wendet sich direkt an den sowjetischen Generalsekretär Michail Gorbatschow, der seit 1985 mit Glasnost und Perestroika einen Reformkurs eingeschlagen hat: „Generalsekretär Gorbatschow, wenn Sie Frieden suchen, wenn Sie Wohlstand für die Sowjetunion und Osteuropa suchen, wenn Sie Liberalisierung suchen: Kommen Sie hierher, zu diesem Tor. Herr Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor! Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!" — im Original: „Mr. Gorbachev, tear down this wall!" Innerhalb der Reagan-Regierung selbst war die Passage umstritten gewesen, Berater des Präsidenten hatten geraten, die Formulierung als zu konfrontativ aus der Rede zu streichen. Der Satz wird zum geflügelten Wort des ausgehenden Kalten Krieges und zum Symbol der Hoffnung auf ein Ende der deutschen Teilung — zwei Jahre vor dem tatsächlichen Mauerfall am 9. November 1989.

Mathias Rust landet mit Sportflugzeug auf dem Roten Platz

Der Rote Platz in Moskau, auf dem Mathias Rust 1987 landet
Der Rote Platz in Moskau, auf dem Mathias Rust 1987 landet (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Der 18-jährige Hobbypilot Mathias Rust aus Wedel bei Hamburg war bereits am 13. Mai vom Flugplatz Uetersen aus gestartet und zwei Wochen lang über die Färöer, Island und Bergen nach Norden geflogen, ehe er am 28. Mai in Helsinki-Malmi auftankt, um 12:21 Uhr startet und der Flugleitung eine Weiterreise nach Stockholm meldet. Kurz nach dem Wegpunkt Nummela dreht er stattdessen scharf nach Osten, überquert den Finnischen Meerbusen und dringt unbehelligt von der sowjetischen Luftabwehr in den Luftraum der UdSSR ein. Seine gecharterte, in Reims gebaute Cessna F172P „Skyhawk" (Kennzeichen D-ECJB) landet er auf der Moskworezki-Brücke unmittelbar am Roten Platz, direkt vor den Mauern des Kreml. Die spektakuläre Aktion offenbart eklatante Lücken in der sowjetischen Luftraumüberwachung: Verteidigungsminister Sergej Sokolow und der Oberbefehlshaber der Luftverteidigungstruppen, Marschall Alexander Koldunow, verlieren ihr Amt, zusammen mit zahlreichen weiteren Offizieren. Gorbatschow nutzt die Blamage des Militärs, um im Zuge seiner Reformpolitik altgediente Generäle auszutauschen. Rust wird wegen Rowdytums, illegalen Grenzübertritts und Verletzung von Flugregeln zu vier Jahren Lagerhaft verurteilt, aber bereits im August 1988 begnadigt und abgeschoben.

Aus heutiger Sicht

Der spätere Weg des einstigen Kreml-Fliegers verläuft weit weniger glimpflich als seine Landung auf dem Roten Platz: 1989 sticht Rust während seines Zivildienstes in einer Hamburger Klinik eine Krankenpflegeschülerin mit einem Messer nieder, wofür ihn das Hamburger Landgericht im April 1991 wegen versuchten Totschlags zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt.

„Schwarzer Montag" lässt die Weltbörsen einbrechen

Die New York Stock Exchange — 1987 bricht der Schwarze Montag los
Die New York Stock Exchange — 1987 bricht der „Schwarze Montag“ los (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Beginnend an der Börse in Hongkong und über Westeuropa nach New York rollend, bricht der Dow Jones an einem einzigen Handelstag um 22,6 Prozent (508 Punkte) ein — bis heute der größte prozentuale Tagesverlust seiner Geschichte, deutlich schwerer als der Crash von 1929. Auch die Börsen in London, Sydney und Toronto verzeichnen zweistellige Verluste, Hongkong verliert binnen weniger Tage rund 45 Prozent. Auslöser sind hohe Bewertungen nach jahrelangem Kursanstieg seit 1985, eine von der US-Notenbank erstmals seit drei Jahren wieder angehobene Leitzinsen sowie automatisierte Computerhandelsprogramme zur „Portfolio-Versicherung", die in der Abwärtsbewegung immer neue Verkaufswellen auslösen und die Talfahrt beschleunigen. Erst rund fünfzehn Monate später erreicht der Dow Jones wieder das Kursniveau von vor dem Crash. Der „Schwarze Montag" wird zum Menetekel für die Verwundbarkeit vernetzter, computergesteuerter Finanzmärkte.

Bundestagswahl bestätigt Kanzler Kohl im Amt

Helmut und Hannelore Kohl auf der CDU-Bundestagswahlparty
Helmut und Hannelore Kohl bei der CDU-Wahlparty am Abend der Bundestagswahl 1987 in Bonn (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Bei der Wahl zum 11. Deutschen Bundestag muss die Union ihre bislang schwerste Schlappe seit Gründung der Bundesrepublik hinnehmen: CDU und CSU kommen zusammen nur noch auf 44,3 Prozent, das schlechteste Ergebnis seit 1949. Die SPD verliert ebenfalls und bleibt bei 37 Prozent, deutlich hinter dem selbst gesteckten Ziel. Klarer Gewinner der Wahl ist die FDP von Außenminister Hans-Dietrich Genscher, die auf 9,1 Prozent zulegt und der bisherigen schwarz-gelben Koalition unter Helmut Kohl so zu einer knappen, aber stabilen Mehrheit verhilft: Von 519 Sitzen entfallen 282 auf CDU/CSU und FDP, 234 davon allein auf die Union. Auch die Grünen verbessern sich auf 8,3 Prozent und ziehen mit 44 Abgeordneten erneut in den Bundestag ein.

Kurz nach der Wahl bestätigt der Bundestag Kohl im Amt, der sein drittes Kabinett bildet. Die Wahlanalysen sprechen von einer „Bestätigung des Wandels": Die Wähler bestrafen beide großen Volksparteien zugunsten der kleineren Partner — ein Trend, der die Bonner Koalitionsarithmetik der folgenden Jahre prägt.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Hessen, 5. April — CDU 42,1 %, SPD 40,2 %. Walter Wallmann bildet als erster CDU-Ministerpräsident der hessischen Geschichte eine Koalition mit der FDP.
  • Hamburg, 17. Mai — SPD 45,0 %, CDU 40,5 %. Erster Bürgermeister Klaus von Dohnanyi setzt die sozialliberale Koalition mit der FDP fort.
  • Rheinland-Pfalz, 17. Mai — CDU 45,1 %, SPD 38,8 %. Die CDU verliert ihre absolute Mehrheit, Ministerpräsident Bernhard Vogel geht eine Koalition mit der FDP ein.
  • Bremen, 13. September — SPD 50,5 %, CDU 23,4 %. Bürgermeister Klaus Wedemeier verteidigt die absolute Mehrheit der SPD.
  • Schleswig-Holstein, 13. September — siehe „Waterkantgate"-Bericht.

Fähre „Herald of Free Enterprise" kentert vor Zeebrügge

Die „Herald of Free Enterprise" nach der Bergung
Die gekenterte Fähre „Herald of Free Enterprise" wird nach der Bergung in den Hafen von Vlissingen geschleppt (Wikimedia Commons, CC BY-SA 1.0)

Nur wenige Minuten nach dem Ablegen im belgischen Hafen Zeebrügge kentert die britische Fähre „Herald of Free Enterprise" auf der Route nach Dover. Mit rund 459 Passagieren, 80 Besatzungsmitgliedern und 131 Fahrzeugen an Bord war das Schiff losgefahren, obwohl das Bugtor offenbar nicht geschlossen worden war; einströmendes Wasser bringt die Fähre binnen weniger Minuten zum Kentern, sie sinkt auf der Seite liegend im flachen Wasser vor der Hafeneinfahrt. 193 Menschen kommen ums Leben, viele von ihnen erliegen der Unterkühlung im eiskalten Wasser, ehe Rettungshubschrauber und die belgische Marine sie bergen können.

Es ist das schwerste Unglück eines britischen Schiffes in Friedenszeiten seit dem Untergang der „Titanic" 1912. Die anschließende Untersuchung macht organisatorisches Versagen der Reederei Townsend Thoresen verantwortlich, die es versäumt hatte, klare Verantwortlichkeiten für das Schließen der Bugklappen festzulegen; das Unglück löst in Großbritannien eine grundlegende Reform der Sicherheitsvorschriften für Fährschiffe aus und gilt bis heute als Lehrbuchbeispiel für organisationsbedingtes Versagen.

Rekordpreis für van Goghs „Sonnenblumen" bei Christie's

Van Goghs „Vase mit fünfzehn Sonnenblumen", das 1987 versteigerte Gemälde
Vincent van Goghs „Vase mit fünfzehn Sonnenblumen" (1888), seit der Rekordauktion 1987 im Sompo Museum of Art, Tokio (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Im Auktionshaus Christie's in London wird eines der „Sonnenblumen"-Gemälde von Vincent van Gogh für 24,75 Millionen Pfund (umgerechnet rund 39,9 Millionen US-Dollar) versteigert — ein Weltrekordpreis für ein Kunstwerk. Ersteigert wird das Bild von Yasuo Gotō im Auftrag der japanischen Versicherungsgesellschaft Yasuda Fire and Marine Insurance, die damit ihr 100-jähriges Bestehen feiert; das Gemälde hängt seither in Tokio. Der Zuschlag markiert einen Wendepunkt am internationalen Kunstmarkt: Erstmals überschreitet der Preis für ein einzelnes Gemälde die Marke von 20 Millionen Pfund und läutet einen Boom bei Auktionen impressionistischer und post-impressionistischer Meister ein, der die Kunstwelt der späten achtziger Jahre prägt.

Der Rekordkauf bleibt jedoch nicht unumstritten: Die britische Kunsthistorikerin Geraldine Norman äußert später Zweifel an der Echtheit des Bildes und vermutet, es könne sich um eine Fälschung des französischen Malers Émile Schuffenecker handeln — ein Verdacht, der bis heute nicht abschließend geklärt ist, dem Rekordpreis der Auktion aber keinen Abbruch tut.

Der „große Sturm" verwüstet Südengland

Sturmschäden nach dem „Great Storm" von 1987 in Südengland
Entwurzelte Bäume nach dem „Great Storm" vom Oktober 1987 in Südengland (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0)

In der Nacht zum 16. Oktober fegt der schwerste Orkan seit 1703 über den Südosten Englands hinweg. Mit Böen von bis zu 185 Stundenkilometern — Werten, wie sie sonst nur bei Hurrikans der Kategorie 3 gemessen werden — entwurzelt der Sturm nach Schätzungen rund 15 Millionen Bäume, darunter historische Alleen und Parks bis hinein nach London. 18 bis 22 Menschen sterben, der Sachschaden wird auf umgerechnet mehrere Milliarden Pfund geschätzt.

Bekannt wird der Sturm auch wegen einer folgenschweren Fehleinschätzung des Wetters: Nur Stunden zuvor hatte der BBC-Meteorologe Michael Fish in seiner Sendung eine Zuschauerin beruhigt, die von einem herannahenden Hurrikan gehört habe — „keine Sorge, es gibt keinen". Fish hatte sich tatsächlich auf ein anderes System über dem Atlantik bezogen, doch der Satz geht als vermeintliche Fehlprognose in die britische Fernsehgeschichte ein. Der „Great Storm of 1987" führt in Großbritannien zu einer grundlegenden Überarbeitung der Sturmwarnsysteme.

Brand in der Londoner U-Bahn-Station King's Cross

Der Brand in der U-Bahn-Station King's Cross am 18. November 1987
Das Feuer in der Station King's Cross St. Pancras am Abend des 18. November 1987 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Am frühen Abend des 18. November bricht in der Londoner U-Bahn-Station King's Cross St. Pancras ein Feuer aus, das binnen kurzer Zeit zur Katastrophe wird. Ausgangspunkt ist offenbar ein brennendes Streichholz, das unter eine der hölzernen Rolltreppen der Piccadilly Line fällt; Fett- und Staubablagerungen unter der Treppe entzünden sich, und die Flammen breiten sich durch den sogenannten „Trench-Effekt" — eine bis dahin unbekannte Verbrennungsdynamik entlang der geneigten Rolltreppenschächte — mit ungewöhnlicher Geschwindigkeit aus. In der Schalterhalle kommt es zu einem Flashover, der die Halle in Sekunden in Rauch und Flammen hüllt und Fahrgästen wie Rettungskräften den Fluchtweg abschneidet.

31 Menschen sterben, darunter der Feuerwehrmann Colin Townsley, der als einziger Angehöriger der Feuerwehr bei dem Einsatz ums Leben kommt. Der nachfolgende Untersuchungsbericht deckt gravierende Sicherheitsmängel auf: Die betroffene Rolltreppe war zwei Wochen zuvor inspiziert und trotz erkennbarer Mängel nicht außer Betrieb genommen worden. Das Unglück führt zu einem grundlegenden Umbau der Sicherheitskultur der Londoner Untergrundbahn, darunter dem schrittweisen Ersatz sämtlicher Holzrolltreppen durch feuerfeste Materialien.

Europäischer Gerichtshof kippt das deutsche Bier-Reinheitsgebot für Importe

Bierkronkorken zum 500. Jubiläum des Münchner Reinheitsgebots
Bierkronkorken zum 500. Jubiläum des Münchner Reinheitsgebots 1487–1987 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Der Europäische Gerichtshof in Luxemburg entscheidet in einem seit 1984 anhängigen Vertragsverletzungsverfahren (Rechtssache 178/84), dass die Bundesrepublik ausländisches Bier nicht länger vom deutschen Markt fernhalten darf, nur weil es nicht dem deutschen Reinheitsgebot von 1516 entspricht — Wasser, Hopfen, Malz und Hefe als einzig zulässige Zutaten. Die Richter sehen in dem seit Jahrhunderten geltenden Gebot einen unzulässigen Eingriff in den freien Warenverkehr der Europäischen Gemeinschaft und verpflichten Bonn, in anderen Mitgliedstaaten rechtmäßig hergestelltes Bier zum Verkauf zuzulassen, auch wenn es dort zulässige Zusatzstoffe enthält, die hierzulande verboten sind. Für das Reinheitsgebot als Vorschrift für im Inland gebraute Biere ändert das Urteil zunächst nichts — betroffen ist allein der grenzüberschreitende Handel, und ausgerechnet im Jubiläumsjahr „500 Jahre Reinheitsgebot" sorgt das Urteil aus Luxemburg für Unmut unter deutschen Brauern.

Aus heutiger Sicht

Am Reinheitsgebot für im Inland gebraute Biere ändert sich in der Folge nichts: Die deutschen Brauereien halten bis heute überwiegend freiwillig daran fest und vermarkten es als Gütesiegel, während ausländisches Bier mit deklarierten Zusatzstoffen seither ganz legal in deutschen Regalen steht — ein Nebeneinander zweier Biermärkte, wie es das Urteil vom März 1987 erst möglich gemacht hat.

Wim Wenders holt in Cannes den Regiepreis für „Der Himmel über Berlin"

Der Regisseur Wim Wenders
Der Regisseur Wim Wenders, ausgezeichnet 1987 in Cannes für „Der Himmel über Berlin" (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Beim Festival von Cannes wird der deutsche Regisseur Wim Wenders mit dem Regiepreis ausgezeichnet — für „Der Himmel über Berlin", die Geschichte zweier Engel, die unsichtbar durch das geteilte Berlin streifen und das Leben der Menschen begleiten, bis einer von ihnen, gespielt von Bruno Ganz, sich in eine Trapezkünstlerin (Solveig Dommartin) verliebt und beschließt, sterblich zu werden. An ihrer Seite spielen Otto Sander als zweiter Engel und Peter Falk in einer Gastrolle als er selbst. Der überwiegend in Schwarzweiß gedrehte Film, der nur für die menschliche Perspektive in Farbe wechselt, gilt als poetisches Porträt der geteilten Stadt und wird international als einer der Höhepunkte des Neuen Deutschen Films gefeiert.

Aus heutiger Sicht

Der poetische Blick der Engel auf das geteilte Berlin bleibt Wenders' international meistgerühmtes Werk; 1998 dreht Hollywood mit „Stadt der Engel" (Original: „City of Angels", mit Nicolas Cage und Meg Ryan) eine freie, in Los Angeles angesiedelte Neuverfilmung des Stoffes.

DDR-Staatsrat schafft die Todesstrafe ab

Das Staatsratsgebäude der DDR in Berlin
Das Staatsratsgebäude der DDR in Berlin, Sitz des Gremiums, das die Abschaffung der Todesstrafe beschließt (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Der Staatsrat der DDR beschließt am 17. Juli die Abschaffung der Todesstrafe im Strafrecht der Deutschen Demokratischen Republik. Seit Gründung des Staates 1949 waren nach DDR-Angaben 166 Menschen zum Tode verurteilt und größtenteils durch den „unblutigen" Nackenschuss hingerichtet worden, zuletzt 1981. Weil die DDR-Verfassung für eine solche Änderung eigentlich einen Beschluss der Volkskammer verlangt, greift die SED-Führung auf eine Sonderregelung zurück, nach der der Staatsrat in dringenden Fällen auch ohne das Parlament handeln kann; die Volkskammer bestätigt die Abschaffung erst im Dezember nachträglich im Strafgesetzbuch. Beobachter werten den Schritt als gezielte Geste des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker, der sich damit kurz vor seinem für September geplanten ersten Staatsbesuch in der Bundesrepublik als an internationalen Rechtsnormen orientierter Partner präsentieren will.

Rudolf Heß, letzter Häftling von Spandau, stirbt im Alter von 93 Jahren

Rudolf Heß, hier 1933 und 1945 im Vergleich
Rudolf Heß 1933 und 1945 im Vergleich (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Im alliierten Militärgefängnis Spandau in West-Berlin wird der 93-jährige Rudolf Heß tot aufgefunden — erdrosselt mit einem elektrischen Verlängerungskabel in einem kleinen Gartenhaus im Gefängnishof, das ihm zum Lesen diente. Heß, einst Hitlers Stellvertreter in der NSDAP, war 1941 im Alleinflug nach Schottland geflogen, um auf eigene Faust Friedensverhandlungen anzubahnen, und seit seiner Verurteilung zu lebenslanger Haft im Nürnberger Prozess 1946 ununterbrochen in Spandau inhaftiert — zuletzt, seit 1966, als dessen letzter und einziger Insasse. Die Behörden gehen von Suizid aus; Heß' Familie und zahlreiche Anhänger bezweifeln dies bis heute und sprechen von Mord, ohne dafür stichhaltige Beweise vorzulegen. Kurz nach seinem Tod wird das Gefängnis abgerissen, um zu verhindern, dass es zur Pilgerstätte für Neonazis wird.

Erich Honecker besucht als erster DDR-Staatschef die Bundesrepublik

Erich Honecker und Helmut Kohl beim Besuch in Bonn 1987
Erich Honecker und Bundeskanzler Helmut Kohl vor dem Bundeskanzleramt in Bonn, September 1987 (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Der Vorsitzende des Staatsrats der DDR, Erich Honecker, reist vom 7. bis 11. September zu einem offiziellen Besuch nach Bonn — der erste und einzige Aufenthalt eines DDR-Staats- und Parteichefs in der Bundesrepublik seit der deutschen Teilung. Bundeskanzler Helmut Kohl empfängt ihn vor dem Bundeskanzleramt mit den Ehren eines Staatsgastes, während die Hymnen beider deutscher Staaten gespielt werden; offiziell wird der Besuch als „Arbeitsbesuch" bezeichnet, um verfassungsrechtliche Bedenken auf westdeutscher Seite zu umgehen. Im Mittelpunkt der fünftägigen Gespräche stehen der innerdeutsche Reise- und Besucherverkehr, Familienzusammenführungen, Wirtschaftskontakte und Umweltschutz. Für Honecker, dem Generalsekretär Michail Gorbatschow im Zuge seiner Öffnungspolitik im Herbst 1986 grünes Licht für die Reise gegeben hatte, markiert der Besuch den Höhepunkt seines jahrelangen Strebens nach internationaler Anerkennung der DDR als gleichberechtigter deutscher Staat; Kohl betont bei allen protokollarischen Zugeständnissen zugleich die Offenheit der deutschen Frage.

Aus heutiger Sicht

Die von Honecker in Bonn gesuchte internationale Anerkennung der DDR als gleichberechtigter deutscher Staat erweist sich als kurzlebiger Triumph: Keine zwei Jahre später fällt am 9. November 1989 die Mauer, und im Oktober 1990 hört die DDR auf zu existieren.

Physik-Nobelpreis für Georg Bednorz und K. Alex Müller

Der Physiker Georg Bednorz
Der Physiker Georg Bednorz, Nobelpreisträger für Physik 1987 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften verleiht den Nobelpreis für Physik dem deutschen Physiker Georg Bednorz und seinem Schweizer Kollegen K. Alex Müller, beide tätig am IBM-Forschungslabor in Rüschlikon bei Zürich. Die beiden hatten 1986 mit einer keramischen Verbindung aus Lanthan, Barium, Kupfer und Sauerstoff erstmals einen Werkstoff gefunden, der bereits bei minus 238 Grad Celsius supraleitend wird — eine Temperatur, die sich mit dem vergleichsweise einfachen Kühlmittel flüssiger Stickstoff statt des teuren flüssigen Heliums erreichen lässt und weit höher liegt, als es die Fachwelt zuvor für möglich gehalten hatte. Der 1950 im westfälischen Neuenkirchen geborene Bednorz, ein früherer Doktorand Müllers, hatte das Projekt mit seinem 23 Jahre älteren Mentor zunächst als vertrauliches „U-Boot-Projekt" betrieben, ohne die IBM-Vorgesetzten einzuweihen; erst nach mehr als achtzig synthetisierten Verbindungen und etlichen Rückschlägen gelang der Durchbruch. Zwischen Entdeckung und Nobelpreis-Verleihung liegen nur eineinhalb Jahre — die kürzeste Zeitspanne, die die Physik-Kategorie des Nobelpreises je gesehen hat; Laboratorien rund um den Globus arbeiten seither fieberhaft daran, noch höhere Sprungtemperaturen für die sogenannte Hochtemperatursupraleitung zu finden.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Die für 1983 geplante Volkszählung der Bundesrepublik findet, nach Verschiebung durch eine Klage vor dem Bundesverfassungsgericht, im Mai 1987 endlich statt — begleitet von einer breiten Boykottbewegung, die vor „gläsernen Bürgern" warnt.
  • Am 8. Dezember unterzeichnen Reagan und Gorbatschow in Washington den INF-Vertrag: Erstmals verpflichten sich beide Supermächte zur Verschrottung einer ganzen Kategorie von Atomwaffen, den landgestützten Mittelstreckenraketen.
  • Die Kieler Woche findet im Juni wie gewohnt statt und lockt trotz der politischen Turbulenzen um die Staatskanzlei wieder Hunderttausende Segelbegeisterte an die Förde.
  • In Lyon wird der frühere Gestapo-Chef Klaus Barbie am 4. Juli nach monatelangem Prozess wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt – der erste Prozess dieser Art vor einem französischen Gericht.

WIRTSCHAFT · 1987

Die westdeutsche Wirtschaft wächst 1987 nach Angaben der Bundesregierung real um rund 1,5 Prozent; die Verbraucherpreise liegen im November nur 1,0 Prozent über dem Vorjahresniveau — eine der niedrigsten Inflationsraten der Nachkriegszeit. Die Zahl der Arbeitslosen verharrt im November bei 2,133 Millionen, das entspricht einer Arbeitslosenquote von 8,5 Prozent unter den abhängig Beschäftigten (7,5 Prozent bezogen auf alle Erwerbspersonen) — rund 65.400 mehr als im Vorjahresmonat.

Der Preisspiegel:

  • Brot (1 kg) — 3,06 DM
  • Butter (1 kg) — 9,12 DM
  • Milch (1 Liter) — 1,25 DM
  • Bier (0,5 Liter) — 0,96 DM
  • Benzin, Normal (1 Liter) — 0,89 DM
  • Benzin, Super (1 Liter) — 1,06 DM
  • Diesel (1 Liter) — 0,93 DM

STIMMEN DER PRESSE · 1987

„Der Erste Mann der DDR ist gekommen, um den Ertrag seiner Abgrenzungspolitik zu ernten." — Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. September 1987

„Medialpolitisches Fest" — Die Welt, 8. September 1987

„Dauerhaft gute Nachbarschaft erfordert die Respektierung der Realitäten." — Neues Deutschland, 16. September 1987

SPORT · 1987

Im Tennis krönt Steffi Graf aus Brühl ein Ausnahmejahr: Im Juni gewinnt die 18-Jährige in Paris ihren ersten Grand-Slam-Titel und bezwingt im Finale der French Open die bis dahin über Jahre dominierende Martina Navratilova in einem dramatischen Dreisatzmatch (6:4, 4:6, 8:6). Am 17. August übernimmt sie nach einem Erfolg über Chris Evert in Los Angeles erstmals die Weltranglistenspitze der Damen und beendet damit die jahrelange Vorherrschaft von Evert und Navratilova — den Beginn einer Rekordserie von 186 Wochen an der Weltranglistenspitze, die sie über Jahre hinweg nicht mehr abgibt. Mit einer Saisonbilanz von 75 Siegen bei nur zwei Niederlagen — beide gegen Navratilova — läutet Graf die bis heute nachwirkende deutsche Tennis-Dominanz jener Jahre ein. Bei den Herren sorgt Boris Becker dagegen für die Überraschung des Jahres, als der Titelverteidiger in Wimbledon bereits in der zweiten Runde dem Australier Peter Doohan unterliegt — ein Ausrutscher, der Becker jedoch als feste Größe im Herrenfeld nicht ernsthaft in Frage stellt. Eine Fußball-Weltmeisterschaft oder Olympische Spiele stehen 1987 nicht an; das Sportjahr steht ganz im Zeichen der beiden deutschen Tennisstars.

MODE · 1987

Der französische Designer Christian Lacroix, zuvor Chefdesigner beim Haus Patou, gründet 1987 mit Unterstützung der Finanzgruppe Agache-Willot sein eigenes Couture-Haus in der Pariser Rue du Faubourg Saint-Honoré und zeigt im Juli seine erste eigene Haute-Couture-Kollektion. Mit dem sogenannten „Pouf"-Rock — kurz, üppig gebauscht, opulent verziert und in knalligen Farben gehalten — sorgt er für Aufsehen auf den Laufstegen von Paris und wird von der internationalen Modepresse frenetisch gefeiert; er gilt fortan als der aufsehenerregendste Neuzugang der Haute Couture seit Jahren. Die Silhouette markiert den Höhepunkt einer Dekade, die auf Fülle, Farbe und demonstrativen Luxus setzt — ein deutlicher Kontrapunkt zur kühlen Strenge, mit der japanische Designer wie Rei Kawakubo und Yohji Yamamoto wenige Jahre zuvor debütiert hatten.

KINO & FERNSEHEN · 1987

An den deutschen Kinokassen dominiert 1987 überraschend „Dirty Dancing" mit rund 8,7 Millionen Zuschauern, deutlich vor Otto Waalkes' „Otto – Der neue Film" (6,5 Millionen) und „Crocodile Dundee" (5,8 Millionen); eine Wiederaufführung von Disneys „Das Dschungelbuch" (5,5 Millionen), „Beverly Hills Cop II" (3,4 Millionen) sowie Bernardo Bertoluccis „Der letzte Kaiser" (3,1 Millionen) runden die Spitzengruppe ab. Mit „Der Hauch des Todes" debütiert Timothy Dalton als neuer James Bond, während Werner Herzog mit Klaus Kinski in der Hauptrolle im Dezember seinen Abenteuerfilm „Cobra Verde" ins Kino bringt.

Im Fernsehen startet am 10. Februar auf dem ZDF die Arztserie „Der Landarzt", die über zwei Jahrzehnte im Programm bleiben wird. Das Privatfernsehen zeigt seine wachsende Reichweite: Sat.1 übernimmt im August die US-Serie „MacGyver" ins Programm, während mit dem Start von „ARD 1 Plus" im März ein weiterer Kabelkanal hinzukommt.

GESTORBEN · 1987

  • Hans Rosenthal (61), Rundfunk- und Fernsehmoderator („Dalli Dalli") — 10. Februar, Berlin.
  • Liberace (67), US-Entertainer und Pianist — 4. Februar, Palm Springs.
  • Danny Kaye (76), US-Schauspieler und Entertainer — 3. März, Los Angeles.
  • Bernhard Grzimek (77), Zoologe und Tierfilmer — 13. März, Frankfurt am Main.
  • Andy Warhol (58), US-Künstler der Pop-Art — 22. Februar, New York.
  • Fred Astaire (88), US-Tänzer und Schauspieler — 22. Juni, Los Angeles.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1987

  • Die Geburtsstunde von MP3 (1987). Am Fraunhofer-Institut in Erlangen beginnt ein Team um Karlheinz Brandenburg mit der Forschung zur Audiokompression – der stille Anfang einer Erfindung, die später das Musikhören weltweit verändern wird.
  • Friedensnobelpreis für Óscar Arias Sánchez (Oktober). Der costa-ricanische Präsident wird für seinen Plan zur Befriedung der zerstrittenen Bürgerkriegsländer Mittelamerikas geehrt – ein Hoffnungszeichen mitten im Kalten Krieg.
  • Erstes zugelassenes Aids-Medikament (20. März). Die US-Arzneimittelbehörde FDA lässt Zidovudin (AZT) zu, das erste Mittel, das den Verlauf einer HIV-Infektion nachweislich verlangsamt – ein erster medizinischer Hoffnungsschimmer in der Aids-Krise.
  • Björn Engholm wird Ministerpräsident von Schleswig-Holstein (29. Oktober). Nach den Erschütterungen der Barschel-Affäre wählt der Kieler Landtag den SPD-Politiker zum Regierungschef – ein Neuanfang für das Land an der Förde.

DAS WETTER · 1987 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein kühler Sommertag: Höchstwert 17,9 °C, in der Nacht 10,2 °C, im Mittel 14,2 °C; kein Tropfen Regen fiel.

Das Jahr über: Im Mittel 7,3 °C — ein kühles Jahr mit hartem Winter. Wärmster Tag 28,8 °C am 30. Juni, kältester −15,0 °C am 11. Januar. 0 Hitzetage (≥ 30 °C), 37 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 735 mm.

(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1987

Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.

  1. You Want Love (Maria, Maria...) — Mixed Emotions
  2. Voyage Voyage — Desireless
  3. La Isla Bonita — Madonna
  4. Crockett's Theme — Jan Hammer
  5. Guten Morgen, Liebe Sorgen — Jürgen von der Lippe
  6. I Wanna Dance With Somebody (Who Loves Me) — Whitney Houston
  7. Sweet Sixteen — Billy Idol
  8. You're the Voice — John Farnham
  9. Ich Liebe Dich — Clowns & Helden
  10. Electrica Salsa (Baba Baba) — Off
  11. It's a Sin — Pet Shop Boys
  12. With or Without You — U2
  13. I Want Your Sex — George Michael
  14. Nothing's Gonna Stop Us Now — Starship
  15. Caravan of Love — The Housemartins
  16. Don't Break My Heart — Den Harrow
  17. Boys (Summertime Love) — Sabrina
  18. Miss You So — Bonnie Bianco
  19. City Lights — William Pitt
  20. Reality — Richard Sanderson

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).

Lokalteil Kiel / Schleswig-Holstein

Aus den Bismarckanlagen wird der Hiroshimapark

Blick über den Kleinen Kiel zur Vorstadt mit Stadttheater und Rathaus
Kleiner Kiel, Mai 1987 (Georg Gasch, Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 de)

Die Grünanlage zwischen Rathaus und Kleinem Kiel trägt künftig einen anderen Namen: Die Kieler Ratsversammlung beschloss am 21. Mai, die Bismarckanlagen im Stadtteil Damperhof in „Hiroshimapark“ umzubenennen. Den alten Namen hatte der Kieler Polizeipräsident am 18. Mai 1934 genehmigt. Als Hintergrund des Beschlusses gilt die Stationierung amerikanischer Nuklearwaffensysteme in Deutschland in den Jahren 1983 bis 1986.

Das Gedenken hat in der Stadt schon einen festen Termin: Seit 1986 findet am Abend des 6. August eine Gedenkstunde zum Atombombenabwurf statt. Am Parkrand bleibt das 1897 von Harro Magnussen geschaffene Bismarck-Denkmal gegenüber dem Opernhaus stehen, es wurde 1907 an diesen Platz versetzt.

Die Ratsversammlung hatte an diesem Donnerstag noch weitere Namensfragen auf dem Tisch. Sie beschloss den Namen Olof-Palme-Damm für die vierspurige Kraftfahrstraße, die zunächst von der Holtenauer Hochbrücke bis zum Holsteinkreisel führt, und verlieh die Andreas-Gayk-Medaille an Altoberbürgermeister Günther Bantzer, der die Stadt von 1965 bis 1980 geleitet hatte.

„Wetten, dass..?“ kommt aus der Ostseehalle

Am Sonnabend, dem 31. Oktober, blickte das Fernsehpublikum zwischen Flensburg und Passau auf die Kieler Ostseehalle: Das ZDF übertrug von hier die 41. Ausgabe von „Wetten, dass..?“. Es war erst die zweite Sendung mit Thomas Gottschalk als Moderator. Bei seiner Premiere am 26. September in Hof hatte es keine Saalwette gegeben; in Kiel gab es wieder eine.

Sie fiel ausgesprochen norddeutsch aus: Gesucht wurden zehn Förster, die ohne Hilfsmittel den Brunftschrei eines Hirsches nachahmen können.

Zu Gast waren unter anderem der Schriftsteller Ephraim Kishon, Brigitte Nielsen und Christopher Lee sowie Peter O’Toole. Für die Musik sorgten Cher mit „I Found Someone“, Peter Maffay mit „Bedtime Story“ sowie Mike Oldfield und Bonnie Tyler mit „Islands“.

Die Ostseehalle kannte das Format bereits: Schon am 19. Mai 1984 war die Show hier zu Gast gewesen.

Neue „Kronprins Harald“ nimmt den Dienst Kiel–Oslo auf

Fährschiff Kronprins Harald am Oslokai
Die Vorgängerin: Fährschiff „Kronprins Harald“ am Oslokai, Juni 1980, mit der Plastik „Segler“ von Karlheinz Goedtke an der Seegartenbrücke (Friedrich Magnussen, Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 de)

Am Oslokai liegt seit dem 26. März ein neues Schiff im Liniendienst: Die „Kronprins Harald“ der Jahre Line fährt von nun an zwischen Kiel und Oslo. Gebaut wurde sie bei Wärtsilä in Turku, wo sie am 31. August 1986 vom Stapel lief. Am 23. März wurde sie in Oslo abgeliefert und getauft; ihr Heimathafen ist Sandefjord. Das Schiff misst 166,26 Meter und 31.914 BRZ.

Sie löst die gleichnamige zweite „Kronprins Harald“ ab, die 1976 bei Nobiskrug in Rendsburg gebaut worden war und die Route noch bis zum 1. März bediente. Die Vorgängerin wird an DFDS verkauft und fährt künftig als „Hamburg“. Zweites Schiff der Linie bleibt die „Prinsesse Ragnhild“ von 1981; von 1985 bis 1987 war zudem die „Jalina“ gechartert.

Die Verbindung selbst ist nicht neu: Seit 1961 läuft Kiel–Oslo, zunächst mit der ersten „Kronprins Harald“, die bei den Howaldtswerken in Kiel gebaut worden war. Ihre Jungfernfahrt ab Oslo begann am 2. Mai 1961.

Aus heutiger Sicht

Das Schiff fuhr bis zum 31. August 2007 auf der Route Kiel–Oslo, seit 1990 unter der Flagge der Color Line, danach als „Oscar Wilde“ für Irish Ferries.

Kiel und Stralsund besiegeln die Städtepartnerschaft

Die Landeshauptstadt hat eine Partnerstadt in der DDR: Am Donnerstag, dem 17. September, besiegelten Kiel und Stralsund ihre Städtepartnerschaft mit einer Rahmenvereinbarung. Die Kieler Ratsversammlung hatte zuvor zugestimmt.

Kiel hatte sich seit 1985 um eine Partnerschaft mit einer Stadt in der DDR bemüht. Möglich wurde der Vertrag mit Stralsund erst durch eine Entscheidung, die in Ostberlin und in Bonn fiel. Auf Stralsunder Seite fehlte noch der förmliche Beschluss: Die dortige Stadtverordnetenversammlung billigte die Rahmenvereinbarung am Dienstag, dem 20. Oktober, einstimmig. Für Stralsund ist es nicht die einzige Partnerschaft des Jahres, auch mit Ventspils und mit Stargard bestehen 1987 Verbindungen.

Aus heutiger Sicht

Am 24. Oktober 1992 wurde der Vertrag erneuert. Nach der Partnerstadt wurden die Stralsunder Straße in der Wik und die Stralsund-Halle am Winterbeker Weg benannt.

Regionalschnellbahn Kiel–Flensburg: Zehn Halte fallen weg

Steindamm in Kronshagen mit Blick Richtung Bahnstrecke Kiel–Eckernförde
Steindamm in Kronshagen, Blickrichtung Bahnstrecke Kiel–Eckernförde, Mai 1987 (Friedrich Magnussen, Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 de)

Seit dem 27. April fährt auf der Strecke Kiel–Flensburg die neue Zuggattung der Bundesbahn, die Regionalschnellbahn, ein „Qualitätszug des Regionalverkehrs“; am Vortag hatte die Bahn sie beim „Fest der Bahnen und Busse“ in Süderbrarup vor rund 20.000 Besuchern vorgestellt und die Triebwagen getauft. Kiel–Flensburg ist die erste Einsatzstrecke, zum Sommerfahrplan am 31. Mai folgt Stuttgart–Aalen. Die Strecke wird seit 1986 im Stundentakt bedient; der Nahverkehr wird zugunsten der Regionalschnellbahn aufgegeben.

Der Preis für den schnelleren Takt: Stillgelegt werden die Haltestellen Kiel-Hassee, Kronshagen, Suchsdorf, Neuwittenbek, Altenhof, Lindaunis, Mohrkirch, Winderatt, Husby und Maasbüll. Die Züge halten nur noch in Mittel- und Unterzentren wie Eckernförde und Süderbrarup. Eingesetzt werden meist Triebwagen der Baureihe 628 statt der VT 08 und lokbespannter Züge. Für Altenhof endet die Bedienung des Bahnhofs 1987, in Neuwittenbek halten fahrplanmäßig keine Personenzüge mehr. Zwei der Stationen, Hassee und Suchsdorf, liegen im Kieler Stadtgebiet; der Bahnhof Hassee wird 1987 aufgegeben. Kronshagen, die Nachbargemeinde im Westen, verliert seinen Halt ebenfalls. Auch auf der Strecke Kiel-Hassee–Osterrönfeld Richtung Rendsburg werden Regionalschnellbahnen eingeführt.

Aus heutiger Sicht

Kronshagen und Suchsdorf bekamen ihre Haltepunkte zurück, Kiel-Hassee 2007 einen neuen Bahnhof.

KURZ NOTIERT · Kiel 1987

  • 14. Januar — HDW liefert das Kreuzfahrtschiff „Astor“ ab, Baunummer 218, gut 176 Meter lang. Bestellt hatte es die südafrikanische Reederei Safmarine, Eigner ist die Marlan Corporation in Port Louis auf Mauritius. Kiellegung war am 21. Januar 1986, Stapellauf im Mai 1986.
  • 27. Mai — Hans Stade, geboren am 7. November 1888 und Träger der Andreas-Gayk-Medaille, stirbt.
  • 2. Juli — Das Land Schleswig-Holstein gründet per Gesetz die „Stiftung für marine Geowissenschaften (GEOMAR)“, eine Stiftung des öffentlichen Rechts zum Betrieb eines Forschungsinstituts am Kieler Ostufer. Das Institut für Meereskunde erforscht seit 1937 die physikalischen, chemischen und biologischen Prozesse im Meer; GEOMAR soll die geologischen, geophysikalischen und geochemischen Prozesse des Meeresbodens untersuchen.
  • Im Lauf des Jahres — HDW baut das U-Boot U 1 der Klasse 205 zur Erprobung eines Brennstoffzellenantriebs um.
  • 27. Oktober — Im Gemeinschaftskraftwerk am Ostufer geht eine Großwärmepumpe mit höchstens 9 Megawatt Wärmeleistung in Betrieb. Sie hebt das aus dem Verteilnetz zurückfließende Heizwasser mit Wärme aus der Förde von 50 auf 85 Grad Celsius an und unterstützt das Fernheizwerk.
  • 1. Dezember — Günter Lütgens, Jahrgang 1923, stirbt. Er war von 1966 bis 1983 Kieler Sozialdezernent und von 1948 bis 1966 Ratsmitglied, von 1969 bis 1983 führte er die AWO in Schleswig-Holstein als Landesvorsitzender.
  • Ende Dezember — Das Seenotrettungsboot „Martje“ der 7-Meter-Klasse, seit 1976 in Schilksee stationiert, wird ausgemustert. Ab 1987 versieht dort die „Asmus Bremer“ der 8,5-Meter-Klasse den Dienst.

RUND UM DIE FÖRDE · 1987

  • 25. August, Laboe — Max Herchenröder, 1904 in Laboe geboren, Kunsthistoriker und Denkmalpfleger, stirbt in Pfungstadt.

SPORT AN DER FÖRDE · 1987

  • THW Kiel — Die Handballer beenden die Bundesliga-Saison 1986/87 auf Platz 4 von 14 Mannschaften mit 32:20 Punkten (14 Siege, 4 Unentschieden, 8 Niederlagen, 591:541 Tore). Vor ihnen liegen Meister TUSEM Essen (42:10 Punkte), Großwallstadt und Gummersbach. Der höchste Heimsieg der Saison gelingt mit 30:14 gegen TuS Schutterwald.
  • Holstein Kiel — In der Oberliga Nord, der dritten Liga, wird Holstein in der Saison 1986/87 Vierter mit 40:24 Punkten (15 Siege, 10 Unentschieden, 7 Niederlagen) bei 59:44 Toren. Carsten Nemitz teilt sich mit 17 Treffern den sechsten Platz der Torschützenliste. Meister ist der SV Meppen.
  • Sportpressefest — Am 16. Januar findet in der Ostseehalle das Sportpressefest statt. Zu den Programmpunkten zählt eine Prominenten-Rallye im Tretmobil, bei der Landessportverband-Präsident Hans Hansen und Siegfried Brandt, Sportchef der Kieler Nachrichten, im Fahrzeug sitzen; dazu zeigen Rhönrad-Turner des Deutschen Turnerbundes ihr Können.
  • Holstein Kiel — Seit 1987 laufen die Fußballer allein mit „Gothaer“ auf der Brust auf; in der Saison 1986/87 warb neben der Versicherung auch „Sport Aktuell“.
  • THW Kiel — Zur Saison 1987/88 läuft die Mannschaft in orangefarbenen Trikots auf; in den Spielzeiten 1983/84 und 1984/85 hatte sie in Rot gespielt.