DER CHRONIST

Ein Jahr der Erschütterungen und der Hoffnung zugleich: An der Förde zerbricht eine politische Karriere unter dem Verdacht der Intrige, während in Bonn der Kanzler im Amt bestätigt wird. Im Kalten Krieg zeichnet sich mit dem Vertrag über die Mittelstreckenraketen erstmals ein Ende des Wettrüstens ab, und ein Hobbypilot aus Wedel landet ungehindert mitten in Moskau. Die Weltbörsen erinnern am „Schwarzen Montag" daran, wie schnell Vertrauen verfliegen kann, während vor der belgischen Küste und in der Londoner Untergrundbahn Nachlässigkeit Menschenleben kostet. Ein Orkan verwüstet Südengland, und auf dem Kunstmarkt fällt ein Rekordpreis für van Gogh. Ein Jahr, das zeigt, wie eng große Politik, kleine Fehler und das ganz große Geld miteinander verwoben sind.

Die Schlagzeilen des Jahres

Waterkantgate: Barschel-Affäre erschüttert Schleswig-Holstein

Uwe Barschel, im Zentrum der Waterkantgate-Affäre
Uwe Barschel, im Zentrum der „Waterkantgate“-Affäre (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Einen Tag vor der Landtagswahl in Schleswig-Holstein am 13. September veröffentlicht der „Spiegel" schwere Vorwürfe gegen Ministerpräsident Uwe Barschel (CDU): Aus seiner Staatskanzlei in Kiel heraus soll sein Medienreferent Reiner Pfeiffer eine Schmutzkampagne gegen den SPD-Herausforderer Björn Engholm organisiert haben — von angezettelten Steuerprüfungen bis zu anonymen Anzeigen. Pfeiffer, erst wenige Monate zuvor in die Kieler Staatskanzlei geholt, hatte demnach eine anonyme Anzeige wegen Steuerhinterziehung gegen Engholm erstattet, ihn observieren lassen und sich ein Abhörgerät besorgt, mit dem ein SPD-Lauschangriff auf Barschels eigenes Telefon nur vorgetäuscht werden sollte. Schon am 5. Februar 1987 hatte Pfeiffer, unter dem Decknamen „Dr. Wagner", bei Engholm angerufen und ihm weisgemacht, ein an Aids erkrankter Patient habe eine intime Beziehung zu ihm behauptet — ein perfider Versuch, Engholm gesundheitlich zu diskreditieren. Die Wahl selbst bringt ein Patt: Die CDU verliert ihre absolute Mehrheit und kommt auf 42,6 Prozent, die SPD wird mit 45,2 Prozent stärkste Kraft, doch CDU und FDP verfügen gemeinsam über eine knappe Sitzmehrheit. Am 18. September gibt Barschel vor laufenden Kameras auf einer mehrstündigen Pressekonferenz in Kiel sein „Ehrenwort", die Vorwürfe seien „haltlos" und er habe von Pfeiffers Machenschaften nichts gewusst — eine Erklärung, die sich binnen Tagen als Lüge erweist, da weitere Details und Belege ans Licht kommen. Unter wachsendem Druck aus den eigenen Reihen und von der Öffentlichkeit kündigt er am 25. September seinen Rücktritt an, der am 2. Oktober wirksam wird; bis zur Wahl seines Nachfolgers führt er die Geschäfte noch geschäftsführend weiter. Der Kieler Landtag setzt einen Untersuchungsausschuss ein, der die Vorgänge in der Staatskanzlei aufklären soll — seine Arbeit wird durch Barschels Tod nur wenige Wochen später jäh überschattet. Ganz Kiel spricht von nichts anderem: Der Skandal um die Staatskanzlei am Ufer der Förde wird bundesweit als „Waterkantgate" bekannt und gilt bis heute als einer der größten politischen Skandale der Bundesrepublik.

Barschel tot im Genfer Hotelzimmer aufgefunden

Das Hôtel Beau-Rivage in Genf, wo Barschel tot aufgefunden wird
Das Hôtel Beau-Rivage in Genf, wo Barschel tot aufgefunden wird (Wikimedia Commons, CC0)

Nur neun Tage nach seinem Rücktritt wird Uwe Barschel in Zimmer 317 des Genfer Hotel Beau-Rivage tot in der Badewanne aufgefunden — vollständig bekleidet, mit mehreren Medikamenten im Blut. Gefunden wird er von einem Reporter des Magazins „Stern", der nach vergeblichem Klopfen und Anrufen die unverschlossene Zimmertür öffnet; die Redaktion hatte den Aufenthaltsort ihres Gesprächspartners über den Hotelportier ermittelt. Ein mitgereister Fotograf hält die Leiche in der Wanne im Bild fest — Aufnahmen, die der „Stern" später veröffentlicht und die einen Sturm der Entrüstung über die Verletzung der Totenwürde auslösen; ein Genfer Gericht verurteilt den Reporter 1990 wegen Hausfriedensbruchs und Verletzung der Privatsphäre zu einer bedingten Haftstrafe und einer Geldbuße. Warum Barschel allein und unangekündigt nach Genf gereist war, bleibt ungeklärt. Die Genfer Staatsanwaltschaft geht von Suizid aus, doch die Umstände bleiben bis heute umstritten; ein Abschiedsbrief wird nie gefunden, und Barschels Familie sowie zahlreiche Beobachter halten ein Fremdverschulden für möglich. Der Tod mitten in der laufenden Aufklärung der Affäre und kurz vor einer geplanten Aussage vor dem Kieler Untersuchungsausschuss lässt in Schleswig-Holstein und weit darüber hinaus viele Fragen offen — der „Fall Barschel" beschäftigt Untersuchungsausschüsse noch Jahrzehnte später.

Reagan fordert Gorbatschow am Brandenburger Tor heraus

Ronald Reagan hält 1987 seine Rede am Brandenburger Tor
Ronald Reagan hält 1987 seine Rede am Brandenburger Tor (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Anlässlich der 750-Jahr-Feier Berlins reist US-Präsident Ronald Reagan in die geteilte Stadt und spricht vor der Kulisse des Brandenburger Tors in West-Berlin, nur wenige Meter von der Mauer entfernt, vor Zehntausenden Zuhörern. Im Publikum sitzt auch Bundeskanzler Helmut Kohl. Reagan wendet sich direkt an den sowjetischen Generalsekretär Michail Gorbatschow, der seit 1985 mit Glasnost und Perestroika einen Reformkurs eingeschlagen hat: „Generalsekretär Gorbatschow, wenn Sie Frieden suchen, wenn Sie Wohlstand für die Sowjetunion und Osteuropa suchen, wenn Sie Liberalisierung suchen: Kommen Sie hierher, zu diesem Tor. Herr Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor! Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!" — im Original: „Mr. Gorbachev, tear down this wall!" Innerhalb der Reagan-Regierung selbst war die Passage umstritten gewesen, Berater des Präsidenten hatten geraten, die Formulierung als zu konfrontativ aus der Rede zu streichen. Der Satz wird zum geflügelten Wort des ausgehenden Kalten Krieges und zum Symbol der Hoffnung auf ein Ende der deutschen Teilung — zwei Jahre vor dem tatsächlichen Mauerfall am 9. November 1989.

Mathias Rust landet mit Sportflugzeug auf dem Roten Platz

Der Rote Platz in Moskau, auf dem Mathias Rust 1987 landet
Der Rote Platz in Moskau, auf dem Mathias Rust 1987 landet (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Der 18-jährige Hobbypilot Mathias Rust aus Wedel bei Hamburg war bereits am 13. Mai vom Flugplatz Uetersen aus gestartet und zwei Wochen lang über die Färöer, Island und Bergen nach Norden geflogen, ehe er am 28. Mai in Helsinki-Malmi auftankt, um 12:21 Uhr startet und der Flugleitung eine Weiterreise nach Stockholm meldet. Kurz nach dem Wegpunkt Nummela dreht er stattdessen scharf nach Osten, überquert den Finnischen Meerbusen und dringt unbehelligt von der sowjetischen Luftabwehr in den Luftraum der UdSSR ein. Seine gecharterte, in Reims gebaute Cessna F172P „Skyhawk" (Kennzeichen D-ECJB) landet er auf der Moskworezki-Brücke unmittelbar am Roten Platz, direkt vor den Mauern des Kreml. Die spektakuläre Aktion offenbart eklatante Lücken in der sowjetischen Luftraumüberwachung: Verteidigungsminister Sergej Sokolow und der Oberbefehlshaber der Luftverteidigungstruppen, Marschall Alexander Koldunow, verlieren ihr Amt, zusammen mit zahlreichen weiteren Offizieren. Gorbatschow nutzt die Blamage des Militärs, um im Zuge seiner Reformpolitik altgediente Generäle auszutauschen. Rust wird wegen Rowdytums, illegalen Grenzübertritts und Verletzung von Flugregeln zu vier Jahren Lagerhaft verurteilt, aber bereits im August 1988 begnadigt und abgeschoben.

„Schwarzer Montag" lässt die Weltbörsen einbrechen

Die New York Stock Exchange — 1987 bricht der Schwarze Montag los
Die New York Stock Exchange — 1987 bricht der „Schwarze Montag“ los (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Beginnend an der Börse in Hongkong und über Westeuropa nach New York rollend, bricht der Dow Jones an einem einzigen Handelstag um 22,6 Prozent (508 Punkte) ein — bis heute der größte prozentuale Tagesverlust seiner Geschichte, deutlich schwerer als der Crash von 1929. Auch die Börsen in London, Sydney und Toronto verzeichnen zweistellige Verluste, Hongkong verliert binnen weniger Tage rund 45 Prozent. Auslöser sind hohe Bewertungen nach jahrelangem Kursanstieg seit 1985, eine von der US-Notenbank erstmals seit drei Jahren wieder angehobene Leitzinsen sowie automatisierte Computerhandelsprogramme zur „Portfolio-Versicherung", die in der Abwärtsbewegung immer neue Verkaufswellen auslösen und die Talfahrt beschleunigen. Erst rund fünfzehn Monate später erreicht der Dow Jones wieder das Kursniveau von vor dem Crash. Der „Schwarze Montag" wird zum Menetekel für die Verwundbarkeit vernetzter, computergesteuerter Finanzmärkte.

Bundestagswahl bestätigt Kanzler Kohl im Amt

Helmut und Hannelore Kohl auf der CDU-Bundestagswahlparty
Helmut und Hannelore Kohl bei der CDU-Wahlparty am Abend der Bundestagswahl 1987 in Bonn (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Bei der Wahl zum 11. Deutschen Bundestag muss die Union ihre bislang schwerste Schlappe seit Gründung der Bundesrepublik hinnehmen: CDU und CSU kommen zusammen nur noch auf 44,3 Prozent, das schlechteste Ergebnis seit 1949. Die SPD verliert ebenfalls und bleibt bei 37 Prozent, deutlich hinter dem selbst gesteckten Ziel. Klarer Gewinner der Wahl ist die FDP von Außenminister Hans-Dietrich Genscher, die auf 9,1 Prozent zulegt und der bisherigen schwarz-gelben Koalition unter Helmut Kohl so zu einer knappen, aber stabilen Mehrheit verhilft: Von 519 Sitzen entfallen 282 auf CDU/CSU und FDP, 234 davon allein auf die Union. Auch die Grünen verbessern sich auf 8,3 Prozent und ziehen mit 44 Abgeordneten erneut in den Bundestag ein.

Kurz nach der Wahl bestätigt der Bundestag Kohl im Amt, der sein drittes Kabinett bildet. Die Wahlanalysen sprechen von einer „Bestätigung des Wandels": Die Wähler bestrafen beide großen Volksparteien zugunsten der kleineren Partner — ein Trend, der die Bonner Koalitionsarithmetik der folgenden Jahre prägt.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Hessen, 5. April — CDU 42,1 %, SPD 40,2 %. Walter Wallmann bildet als erster CDU-Ministerpräsident der hessischen Geschichte eine Koalition mit der FDP.
  • Hamburg, 17. Mai — SPD 45,0 %, CDU 40,5 %. Erster Bürgermeister Klaus von Dohnanyi setzt die sozialliberale Koalition mit der FDP fort.
  • Rheinland-Pfalz, 17. Mai — CDU 45,1 %, SPD 38,8 %. Die CDU verliert ihre absolute Mehrheit, Ministerpräsident Bernhard Vogel geht eine Koalition mit der FDP ein.
  • Bremen, 13. September — SPD 50,5 %, CDU 23,4 %. Bürgermeister Klaus Wedemeier verteidigt die absolute Mehrheit der SPD.
  • Schleswig-Holstein, 13. September — siehe „Waterkantgate"-Bericht.

Fähre „Herald of Free Enterprise" kentert vor Zeebrügge

Die „Herald of Free Enterprise" nach der Bergung
Die gekenterte Fähre „Herald of Free Enterprise" wird nach der Bergung in den Hafen von Vlissingen geschleppt (Wikimedia Commons, CC BY-SA 1.0)

Nur wenige Minuten nach dem Ablegen im belgischen Hafen Zeebrügge kentert die britische Fähre „Herald of Free Enterprise" auf der Route nach Dover. Mit rund 459 Passagieren, 80 Besatzungsmitgliedern und 131 Fahrzeugen an Bord war das Schiff losgefahren, obwohl das Bugtor offenbar nicht geschlossen worden war; einströmendes Wasser bringt die Fähre binnen weniger Minuten zum Kentern, sie sinkt auf der Seite liegend im flachen Wasser vor der Hafeneinfahrt. 193 Menschen kommen ums Leben, viele von ihnen erliegen der Unterkühlung im eiskalten Wasser, ehe Rettungshubschrauber und die belgische Marine sie bergen können.

Es ist das schwerste Unglück eines britischen Schiffes in Friedenszeiten seit dem Untergang der „Titanic" 1912. Die anschließende Untersuchung macht organisatorisches Versagen der Reederei Townsend Thoresen verantwortlich, die es versäumt hatte, klare Verantwortlichkeiten für das Schließen der Bugklappen festzulegen; das Unglück löst in Großbritannien eine grundlegende Reform der Sicherheitsvorschriften für Fährschiffe aus und gilt bis heute als Lehrbuchbeispiel für organisationsbedingtes Versagen.

Rekordpreis für van Goghs „Sonnenblumen" bei Christie's

Van Goghs „Vase mit fünfzehn Sonnenblumen", das 1987 versteigerte Gemälde
Vincent van Goghs „Vase mit fünfzehn Sonnenblumen" (1888), seit der Rekordauktion 1987 im Sompo Museum of Art, Tokio (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Im Auktionshaus Christie's in London wird eines der „Sonnenblumen"-Gemälde von Vincent van Gogh für 24,75 Millionen Pfund (umgerechnet rund 39,9 Millionen US-Dollar) versteigert — ein Weltrekordpreis für ein Kunstwerk. Ersteigert wird das Bild von Yasuo Gotō im Auftrag der japanischen Versicherungsgesellschaft Yasuda Fire and Marine Insurance, die damit ihr 100-jähriges Bestehen feiert; das Gemälde hängt seither in Tokio. Der Zuschlag markiert einen Wendepunkt am internationalen Kunstmarkt: Erstmals überschreitet der Preis für ein einzelnes Gemälde die Marke von 20 Millionen Pfund und läutet einen Boom bei Auktionen impressionistischer und post-impressionistischer Meister ein, der die Kunstwelt der späten achtziger Jahre prägt.

Der Rekordkauf bleibt jedoch nicht unumstritten: Die britische Kunsthistorikerin Geraldine Norman äußert später Zweifel an der Echtheit des Bildes und vermutet, es könne sich um eine Fälschung des französischen Malers Émile Schuffenecker handeln — ein Verdacht, der bis heute nicht abschließend geklärt ist, dem Rekordpreis der Auktion aber keinen Abbruch tut.

Der „große Sturm" verwüstet Südengland

Sturmschäden nach dem „Great Storm" von 1987 in Südengland
Entwurzelte Bäume nach dem „Great Storm" vom Oktober 1987 in Südengland (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0)

In der Nacht zum 16. Oktober fegt der schwerste Orkan seit 1703 über den Südosten Englands hinweg. Mit Böen von bis zu 185 Stundenkilometern — Werten, wie sie sonst nur bei Hurrikans der Kategorie 3 gemessen werden — entwurzelt der Sturm nach Schätzungen rund 15 Millionen Bäume, darunter historische Alleen und Parks bis hinein nach London. 18 bis 22 Menschen sterben, der Sachschaden wird auf umgerechnet mehrere Milliarden Pfund geschätzt.

Bekannt wird der Sturm auch wegen einer folgenschweren Fehleinschätzung des Wetters: Nur Stunden zuvor hatte der BBC-Meteorologe Michael Fish in seiner Sendung eine Zuschauerin beruhigt, die von einem herannahenden Hurrikan gehört habe — „keine Sorge, es gibt keinen". Fish hatte sich tatsächlich auf ein anderes System über dem Atlantik bezogen, doch der Satz geht als vermeintliche Fehlprognose in die britische Fernsehgeschichte ein. Der „Great Storm of 1987" führt in Großbritannien zu einer grundlegenden Überarbeitung der Sturmwarnsysteme.

Brand in der Londoner U-Bahn-Station King's Cross

Der Brand in der U-Bahn-Station King's Cross am 18. November 1987
Das Feuer in der Station King's Cross St. Pancras am Abend des 18. November 1987 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Am frühen Abend des 18. November bricht in der Londoner U-Bahn-Station King's Cross St. Pancras ein Feuer aus, das binnen kurzer Zeit zur Katastrophe wird. Ausgangspunkt ist offenbar ein brennendes Streichholz, das unter eine der hölzernen Rolltreppen der Piccadilly Line fällt; Fett- und Staubablagerungen unter der Treppe entzünden sich, und die Flammen breiten sich durch den sogenannten „Trench-Effekt" — eine bis dahin unbekannte Verbrennungsdynamik entlang der geneigten Rolltreppenschächte — mit ungewöhnlicher Geschwindigkeit aus. In der Schalterhalle kommt es zu einem Flashover, der die Halle in Sekunden in Rauch und Flammen hüllt und Fahrgästen wie Rettungskräften den Fluchtweg abschneidet.

31 Menschen sterben, darunter der Feuerwehrmann Colin Townsley, der als einziger Angehöriger der Feuerwehr bei dem Einsatz ums Leben kommt. Der nachfolgende Untersuchungsbericht deckt gravierende Sicherheitsmängel auf: Die betroffene Rolltreppe war zwei Wochen zuvor inspiziert und trotz erkennbarer Mängel nicht außer Betrieb genommen worden. Das Unglück führt zu einem grundlegenden Umbau der Sicherheitskultur der Londoner Untergrundbahn, darunter dem schrittweisen Ersatz sämtlicher Holzrolltreppen durch feuerfeste Materialien.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Die für 1983 geplante Volkszählung der Bundesrepublik findet, nach Verschiebung durch eine Klage vor dem Bundesverfassungsgericht, im Mai 1987 endlich statt — begleitet von einer breiten Boykottbewegung, die vor „gläsernen Bürgern" warnt.
  • Am 8. Dezember unterzeichnen Reagan und Gorbatschow in Washington den INF-Vertrag: Erstmals verpflichten sich beide Supermächte zur Verschrottung einer ganzen Kategorie von Atomwaffen, den landgestützten Mittelstreckenraketen.
  • Die Kieler Woche findet im Juni wie gewohnt statt und lockt trotz der politischen Turbulenzen um die Staatskanzlei wieder Hunderttausende Segelbegeisterte an die Förde.
  • In Lyon wird der frühere Gestapo-Chef Klaus Barbie am 4. Juli nach monatelangem Prozess wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt – der erste Prozess dieser Art vor einem französischen Gericht.

SPORT · 1987

Im Tennis krönt Steffi Graf aus Brühl ein Ausnahmejahr: Im Juni gewinnt die 18-Jährige in Paris ihren ersten Grand-Slam-Titel und bezwingt im Finale der French Open die bis dahin über Jahre dominierende Martina Navratilova in einem dramatischen Dreisatzmatch (6:4, 4:6, 8:6). Am 17. August übernimmt sie nach einem Erfolg über Chris Evert in Los Angeles erstmals die Weltranglistenspitze der Damen und beendet damit die jahrelange Vorherrschaft von Evert und Navratilova — den Beginn einer Rekordserie von 186 Wochen an der Weltranglistenspitze, die sie über Jahre hinweg nicht mehr abgibt. Mit einer Saisonbilanz von 75 Siegen bei nur zwei Niederlagen — beide gegen Navratilova — läutet Graf die bis heute nachwirkende deutsche Tennis-Dominanz jener Jahre ein. Bei den Herren sorgt Boris Becker dagegen für die Überraschung des Jahres, als der Titelverteidiger in Wimbledon bereits in der zweiten Runde dem Australier Peter Doohan unterliegt — ein Ausrutscher, der Becker jedoch als feste Größe im Herrenfeld nicht ernsthaft in Frage stellt. Eine Fußball-Weltmeisterschaft oder Olympische Spiele stehen 1987 nicht an; das Sportjahr steht ganz im Zeichen der beiden deutschen Tennisstars.

MODE · 1987

Der französische Designer Christian Lacroix, zuvor Chefdesigner beim Haus Patou, gründet 1987 mit Unterstützung der Finanzgruppe Agache-Willot sein eigenes Couture-Haus in der Pariser Rue du Faubourg Saint-Honoré und zeigt im Juli seine erste eigene Haute-Couture-Kollektion. Mit dem sogenannten „Pouf"-Rock — kurz, üppig gebauscht, opulent verziert und in knalligen Farben gehalten — sorgt er für Aufsehen auf den Laufstegen von Paris und wird von der internationalen Modepresse frenetisch gefeiert; er gilt fortan als der aufsehenerregendste Neuzugang der Haute Couture seit Jahren. Die Silhouette markiert den Höhepunkt einer Dekade, die auf Fülle, Farbe und demonstrativen Luxus setzt — ein deutlicher Kontrapunkt zur kühlen Strenge, mit der japanische Designer wie Rei Kawakubo und Yohji Yamamoto wenige Jahre zuvor debütiert hatten.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1987

  • Physik-Nobelpreis für Georg Bednorz (Oktober). Nur eineinhalb Jahre nach der Entdeckung der Hochtemperatur-Supraleitung wird der deutsche Physiker gemeinsam mit K. Alex Müller geehrt – eine der schnellsten Nobelpreis-Verleihungen der Geschichte.
  • Wim Wenders holt den Regiepreis in Cannes (Mai). Für „Der Himmel über Berlin", seine poetische Geschichte von Engeln über der geteilten Stadt, wird der deutsche Regisseur ausgezeichnet – ein weiterer Höhepunkt des international gefeierten Neuen Deutschen Films.
  • Die Geburtsstunde von MP3 (1987). Am Fraunhofer-Institut in Erlangen beginnt ein Team um Karlheinz Brandenburg mit der Forschung zur Audiokompression – der stille Anfang einer Erfindung, die später das Musikhören weltweit verändern wird.
  • Friedensnobelpreis für Óscar Arias Sánchez (Oktober). Der costa-ricanische Präsident wird für seinen Plan zur Befriedung der zerstrittenen Bürgerkriegsländer Mittelamerikas geehrt – ein Hoffnungszeichen mitten im Kalten Krieg.
  • Erstes zugelassenes Aids-Medikament (20. März). Die US-Arzneimittelbehörde FDA lässt Zidovudin (AZT) zu, das erste Mittel, das den Verlauf einer HIV-Infektion nachweislich verlangsamt – ein erster medizinischer Hoffnungsschimmer in der Aids-Krise.
  • Björn Engholm wird Ministerpräsident von Schleswig-Holstein (29. Oktober). Nach den Erschütterungen der Barschel-Affäre wählt der Kieler Landtag den SPD-Politiker zum Regierungschef – ein Neuanfang für das Land an der Förde.

DAS WETTER · 1987 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein kühler Sommertag: Höchstwert 17,9 °C, in der Nacht 10,2 °C, im Mittel 14,2 °C; kein Tropfen Regen fiel.

Das Jahr über: Im Mittel 7,3 °C — ein kühles Jahr mit hartem Winter. Wärmster Tag 28,8 °C am 30. Juni, kältester −15,0 °C am 11. Januar. 0 Hitzetage (≥ 30 °C), 37 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 735 mm.

(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1987

Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.

  1. You Want Love (Maria, Maria...) — Mixed Emotions
  2. Voyage Voyage — Desireless
  3. La Isla Bonita — Madonna
  4. Crockett's Theme — Jan Hammer
  5. Guten Morgen, Liebe Sorgen — Jürgen von der Lippe
  6. I Wanna Dance With Somebody (Who Loves Me) — Whitney Houston
  7. Sweet Sixteen — Billy Idol
  8. You're the Voice — John Farnham
  9. Ich Liebe Dich — Clowns & Helden
  10. Electrica Salsa (Baba Baba) — Off
  11. It's a Sin — Pet Shop Boys
  12. With or Without You — U2
  13. I Want Your Sex — George Michael
  14. Nothing's Gonna Stop Us Now — Starship
  15. Caravan of Love — The Housemartins
  16. Don't Break My Heart — Den Harrow
  17. Boys (Summertime Love) — Sabrina
  18. Miss You So — Bonnie Bianco
  19. City Lights — William Pitt
  20. Reality — Richard Sanderson

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).