DER CHRONIST
Ein Jahr der Umbrüche und Erschütterungen: An der Förde endet eine Staatsaffäre mit einem Machtwechsel, am Golf schweigen nach acht Jahren endlich die Waffen, und über einer schottischen Kleinstadt zerreißt ein Bombenanschlag den Nachthimmel — die Welt zeigt 1988 ihr Janusgesicht aus Hoffnung und Schrecken. Das Jahr fordert auch anderswo einen hohen Preis: Auf der Nordsee-Bohrinsel Piper Alpha sterben im Juli 167 Menschen in einer Explosion, beim Flugtagunglück von Ramstein reißt im August eine außer Kontrolle geratene Kunstflugstaffel 70 Zuschauer in den Tod, und im Dezember erschüttert ein verheerendes Erdbeben Armenien. Zugleich verschiebt sich die weltpolitische Tektonik: Michail Gorbatschow kündigt vor der UN einen einseitigen Truppenabbau an, in Pakistan wird Benazir Bhutto als erste Frau an der Spitze eines islamischen Staates Regierungschefin, und in den Vereinigten Staaten sichert sich George Bush die Nachfolge Ronald Reagans. In der Literaturwelt sorgt Salman Rushdies Roman „Die satanischen Verse" für Kontroversen, die weit über das Jahr hinausweisen. Zwischen Kieler Landtag, Golfregion und Weltbühne zeigt sich 1988 als ein Jahr, in dem Aufbruch und Abgründe dicht beieinander liegen.
Nach der Barschel-Affäre: Björn Engholm wird Ministerpräsident

Bei den vorgezogenen Landtags-Neuwahlen in Schleswig-Holstein am 8. Mai erringt die SPD unter Björn Engholm mit 54,8 Prozent das beste Ergebnis ihrer Landesgeschichte und die absolute Mandatsmehrheit; die CDU stürzt auf 33,3 Prozent ab, ihr schlechtestes Ergebnis im Lande seit 1954. Am 31. Mai wählt der neu konstituierte Kieler Landtag Engholm zum Ministerpräsidenten — die SPD regiert fortan allein, ohne Koalitionspartner.
Vorausgegangen war eine der größten Staatsaffären der bundesdeutschen Geschichte: Im Landtagswahlkampf 1987 hatte der Medienreferent des Ministerpräsidenten Uwe Barschel, Reiner Pfeiffer, im Auftrag der Staatskanzlei versucht, den Herausforderer Engholm mit fingierten Steuer- und Ausländervorwürfen sowie einer angezettelten Falschanzeige zu diskreditieren — die Öffentlichkeit nennt es bald „Waterkantgate". Als der Spiegel im September 1987 Pfeiffers Aussagen veröffentlicht, bestreitet Barschel jede Verwicklung noch auf sein „Ehrenwort", muss aber am 2. Oktober 1987 zurücktreten. Neun Tage später, am 11. Oktober 1987, wird er tot in der Badewanne seines Zimmers im Genfer Hotel Beau-Rivage aufgefunden — ob Suizid oder Fremdeinwirkung, bleibt trotz mehrerer Ermittlungsverfahren bis heute ungeklärt. Nach einer kurzen geschäftsführenden Übergangszeit unter Henning Schwarz ebnen die Neuwahlen den Weg für den Machtwechsel.
Der 1939 in Lübeck geborene Engholm, gelernter Schriftsetzer und studierter Politik-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, sitzt von 1969 bis 1983 als Lübecker Wahlkreisabgeordneter im Bundestag und amtiert 1981/82 kurz als Bundesminister für Bildung und Wissenschaft, ehe er als SPD-Landesvorsitzender und Oppositionsführer in Kiel zum schärfsten politischen Gegenspieler Barschels wird. In der Landeshauptstadt an der Förde ist die Erleichterung an diesem Frühjahrsabend förmlich zu spüren: Nach Monaten des Ausnahmezustands, in denen ein Untersuchungsausschuss im Kieler Landtag Woche für Woche neue Einzelheiten der Affäre zutage förderte, kehrt mit dem neuen Ministerpräsidenten so etwas wie politische Normalität in die Kieler Staatskanzlei zurück — ein Neuanfang, der erst 1993 durch die „Schubladenaffäre" um Engholms eigene Rolle im Wahlkampf 1987 ein jähes Ende finden sollte.
Weit über die Landesgrenzen hinaus wird der Kieler Machtwechsel als Fanal gelesen: Der Untersuchungsausschuss des Landtags, der die Affäre parallel zum Wahlkampf minutiös aufgearbeitet hatte, liefert der SPD bundesweit Munition gegen die Regierung von Bundeskanzler Helmut Kohl, und Engholm selbst avanciert rasch zur Symbolfigur einer erneuerungswilligen Sozialdemokratie — ein Ansehen, das ihn 1991 an die Spitze der Bundes-SPD und zum gehandelten Kanzlerkandidaten für die Wahl 1994 führen sollte, ehe die eigene Verstrickung in die Barschel-Pfeiffer-Affäre seine Karriere 1993 doch noch beendet.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Baden-Württemberg, 20. März — CDU 49,0 %, SPD 32,0 %, Beteiligung 71,8 %. Die CDU büßt zwar die absolute Stimmenmehrheit ein, verteidigt aber die Mehrheit der Mandate; Lothar Späth regiert ohne Koalitionspartner weiter.
Aus heutiger Sicht
Engholms 54,8 Prozent bleiben bis heute das beste Ergebnis, das die schleswig-holsteinische SPD je bei einer Landtagswahl erzielt hat. Keine spätere Wahl im Land kam diesem Resultat auch nur nahe — die absolute Mandatsmehrheit von 1988 blieb für die Kieler Sozialdemokratie ein historischer Ausreißer, nicht der Beginn einer neuen Normalität.
Acht Jahre Krieg enden: Waffenstillstand zwischen Iran und Irak

Nachdem Ayatollah Chomeini am 18. Juli die UN-Resolution 598 widerwillig angenommen hat, tritt am 20. August um 3 Uhr morgens der von den Vereinten Nationen vermittelte Waffenstillstand zwischen Iran und Irak in Kraft. Chomeini selbst soll die Entscheidung später als schmerzlicher als das Trinken von Gift bezeichnet haben — so tief saß der Wille, den Krieg militärisch für sich zu entscheiden.
Ausgelöst hatte den Krieg Saddam Hussein, der am 22. September 1980 den seit langem schwelenden Grenzstreit um den Schatt al-Arab zum Anlass nahm, den durch die islamische Revolution geschwächten Nachbarn Iran anzugreifen — aus Sorge vor einem Übergreifen der Chomeini-Revolution auf die eigene schiitische Bevölkerung. Was als Blitzfeldzug gedacht war, erstarrt rasch zu einem jahrelangen Stellungskrieg mit Schützengräben, Massenangriffen schlecht ausgerüsteter iranischer Freiwilliger und, auf irakischer Seite, dem systematischen Einsatz von Giftgas — am 16. März 1988 fordert der Chemiewaffenangriff auf die kurdische Stadt Halabdscha allein mehrere tausend zivile Todesopfer. Ab 1984 weitet sich der Krieg auf den sogenannten „Tankerkrieg" im Persischen Golf aus; als am 3. Juli 1988 der amerikanische Kreuzer USS Vincennes das iranische Passagierflugzeug Iran Air 655 irrtümlich abschießt und alle 290 Insassen ums Leben kommen, wächst in Teheran die Bereitschaft, die UN-Resolution doch noch zu akzeptieren. Der seit dem 22. September 1980 tobende Erste Golfkrieg fordert nach Schätzungen bis zu einer Million Tote auf beiden Seiten, ohne dass sich die Grenzverläufe am Ende nennenswert verschoben hätten. Ein förmlicher Friedensvertrag wird nie unterzeichnet — der brüchige Waffenstillstand bleibt vorerst der einzige Ausweg aus einem der blutigsten und verlustreichsten Kriege der Nachkriegszeit, dessen wirtschaftliche Lasten beide Staaten noch Jahre belasten.
Geiseldrama von Gladbeck erschüttert die Republik

Am Morgen des 16. August überfallen Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski eine Filiale der Deutschen Bank in Gladbeck und nehmen zwei Bankangestellte als Geiseln. Gemeinsam mit Rösners Freundin Marion Löblich treten sie eine an Wendungen reiche, rund 54 Stunden dauernde Flucht quer durch die Bundesrepublik und über die niederländische Grenze an — von Gladbeck über Bremen, wo sie in Huckelriede einen Linienbus mit 32 Fahrgästen kapern, weiter über die Grenze bei Oldenzaal, zurück nach Wuppertal und Köln bis auf die Autobahn 3 bei Bad Honnef. Unterwegs drängen sich Journalisten bis in das Fluchtfahrzeug und an die Raststätten: Reporter wie Hans Meiser und Frank Plasberg interviewen die Geiselnehmer live vor laufender Kamera, ein Boulevardjournalist fährt zeitweise sogar als vermeintlicher Verhandlungshelfer im Fluchtauto mit — Bilder, die international für Entsetzen sorgen. Bei dem Drama sterben drei Menschen: der 15-jährige Emanuele De Giorgi, den Degowski am 17. August an der Raststätte Grundbergsee erschießt und der kurz darauf im Krankenhaus stirbt; die 18-jährige Rechtsanwaltsgehilfin Silke Bischoff, die beim Zugriff der Polizei auf der Autobahn nahe Bad Honnef von einem der Täter erschossen wird; sowie der 31-jährige Polizeiobermeister Ingo Hagen, der auf der Anfahrt zum Tatort in Bremen bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt. Erst am 18. August, nach rund 62 abgegebenen Schüssen, rammt ein Sondereinsatzkommando aus Köln den Fluchtwagen und nimmt die Täter fest. Die Bilder lösen eine bis heute nachwirkende Debatte über die Grenzen des Boulevardjournalismus und das Versagen der Polizeiführung aus — sie führen zu einer Verschärfung des Pressekodex und zu grundlegenden Reformen in der Einsatztaktik deutscher Polizeikräfte. Erst im März 1991 verurteilt das Landgericht Essen Degowski wegen Mordes an Emanuele De Giorgi zu lebenslanger Haft, Rösner ebenfalls zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung wegen fahrlässiger Tötung Silke Bischoffs; Marion Löblich erhält neun Jahre Gefängnis. Die tagelange Hilflosigkeit von Polizei und Einsatzleitung, die den Tätern trotz zahlreicher Gelegenheiten nicht Einhalt gebieten konnte, bleibt bis heute Lehrstück in der Ausbildung deutscher Sondereinsatzkommandos.
Anschlag auf Pan-Am-Flug 103 über Lockerbie

Kurz nach 19 Uhr Ortszeit zerreißt eine in einem Kofferradio versteckte Bombe aus Plastiksprengstoff die Boeing 747 „Clipper Maid of the Seas" der Pan American World Airways auf dem Weg von London nach New York in rund 9.450 Metern Höhe über der schottischen Kleinstadt Lockerbie. Der Jet war zuvor als Zubringerflug aus Frankfurt am Main kommend in London-Heathrow umgestiegen; Ermittler rekonstruieren später, dass der Sprengsatz über mehrere Zwischenstationen unbegleitet eingecheckt worden sein soll. Beim Absturz reißen Trümmerteile im Ortsteil Sherwood Crescent einen riesigen Krater und zerstören mehrere Wohnhäuser. Alle 259 Menschen an Bord sowie elf Bewohner Lockerbies am Boden sterben. Mit 190 getöteten US-Amerikanern gilt der Anschlag bis zum 11. September 2001 als der folgenschwerste gegen amerikanische Zivilisten.
Die Ermittlungen ziehen sich über Jahre und führen schließlich zu zwei mutmaßlichen Agenten des libyschen Geheimdienstes, Abdelbaset al-Megrahi und Lamin Khalifah Fhimah. Erst 1999 liefert Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi die beiden zur Aburteilung nach einem eigens eingerichteten schottischen Sondergericht im niederländischen Kamp van Zeist aus; 2001 wird al-Megrahi zu lebenslanger Haft verurteilt, Fhimah freigesprochen. Libyen übernimmt 2003 offiziell die Verantwortung und zahlt den Hinterbliebenen Entschädigung, ohne die Tat ausdrücklich zuzugeben. Al-Megrahi wird 2009 aus humanitären Gründen wegen fortgeschrittenen Prostatakrebses vorzeitig entlassen und stirbt 2012 in Tripolis — Zweifel an seiner Alleinschuld und Spekulationen über andere Drahtzieher, etwa im Umfeld des iranisch-syrischen Lagers als Vergeltung für den Abschuss von Iran Air 655 im Juli desselben Jahres, bleiben bis heute nicht vollständig ausgeräumt. Der Anschlag führt weltweit zu einer deutlichen Verschärfung der Gepäck- und Sicherheitskontrollen im Luftverkehr. Für die traditionsreiche Pan American World Airways selbst wird die Katastrophe, neben Schadenersatz klagen in Millionenhöhe und einem einschneidenden Bußgeld der amerikanischen Luftfahrtbehörde FAA wegen Sicherheitsmängeln, zu einem Menetekel: Das angeschlagene Vertrauen der Passagiere trägt mit dazu bei, dass die Fluggesellschaft im Januar 1991 Gläubigerschutz beantragen muss und im Dezember 1991, nach 64 Jahren, ihren letzten Flug durchführt.
Aus heutiger Sicht
Die juristische Aufarbeitung ist bis heute nicht abgeschlossen: Im Dezember 2022 liefert Libyen mit Abu Agila Mas'ud einen dritten mutmaßlichen Bombenbauer an die USA aus, der sich seit Februar 2023 vor einem Bundesgericht in Washington verantworten muss. Der Prozess wird jedoch mehrfach verschoben — zuletzt wegen neu aufgetauchter Beweismittel auf September 2026 —, sodass mehr als 38 Jahre nach dem Anschlag noch immer kein rechtskräftiges Urteil gegen alle mutmaßlichen Täter vorliegt.
George Bush gewinnt die amerikanische Präsidentschaftswahl

Vizepräsident George H. W. Bush setzt sich gegen den Demokraten Michael Dukakis, den Gouverneur von Massachusetts, durch — mit 53,4 zu 45,6 Prozent der Stimmen (48,9 gegenüber 41,8 Millionen Wählerstimmen) und einem deutlichen Vorsprung im Electoral College von 426 zu 111 Wahlmännern bei 40 gewonnenen Bundesstaaten. Bush ist der erste amtierende Vizepräsident seit Martin Van Buren 1836, dem der Sprung ins Weiße Haus direkt gelingt, und führt die Politik seines Amtsvorgängers Ronald Reagan fort. Im Wahlkampf hatte sich Bush auf dem Nominierungsparteitag der Republikaner in New Orleans mit dem Versprechen „Read my lips: no new taxes" festgelegt — ein Satz, der ihn während seiner Amtszeit noch einholen sollte — und mit seinem umstrittenen Vizekandidaten Dan Quayle ins Rennen geschickt, dem im TV-Duell der demokratische Vizekandidat Lloyd Bentsen mit dem später oft zitierten Konter „Senator, du bist kein Jack Kennedy" begegnete. Eine scharf kritisierte Wahlwerbung um den vorbestraften Straftäter Willie Horton prägt zudem die Debatte über den harten Wahlkampfstil dieses Jahres.
Explosion der Bohrinsel „Piper Alpha" in der Nordsee

Kurz vor 22 Uhr britischer Zeit erschüttert eine Kettenreaktion von Explosionen die Bohrinsel „Piper Alpha" rund 170 Kilometer nordöstlich von Aberdeen in der Nordsee. Bei Wartungsarbeiten war zuvor ein Sicherheitsventil ausgebaut worden, ohne dass die nachfolgende Schicht davon erfuhr; als eine andere Pumpe wieder in Betrieb genommen wird, entweicht Gas und entzündet sich. Innerhalb weniger Stunden versinkt die von Occidental Petroleum betriebene Plattform, auf der zeitweise mehr als 200 Menschen arbeiten, in einem Flammeninferno. 167 Männer sterben, nur 61 können sich retten — das folgenschwerste Unglück in der Geschichte der Offshore-Ölförderung.
Die von Lord Cullen geleitete öffentliche Untersuchung deckt eklatante Sicherheitsmängel auf: mangelhafte Kommunikation zwischen den Schichten, brennbare Rohrleitungen dicht an Wohn- und Kontrollräumen sowie eine Betriebskultur, die Produktion über Sicherheit stellte. Der 1990 vorgelegte Cullen-Report führt zu einer grundlegenden Neuordnung der britischen Offshore-Sicherheitsvorschriften und macht Piper Alpha zum Menetekel für eine ganze Industrie, die fortan Design, Wartung und Notfallpläne ihrer Bohrinseln neu überdenken muss.
Flugtagunglück von Ramstein

Auf der von den US-Streitkräften betriebenen Air Base Ramstein bei Kaiserslautern kollidieren beim internationalen Flugtag vor mehr als 300.000 Zuschauern drei Kunstflugzeuge der italienischen Staffel Frecce Tricolori. Die Piloten fliegen gerade ihre Schlussfigur, ein von neun Maschinen geformtes „durchstoßenes Herz", als eine zehnte Maschine hindurchstoßen soll — dabei berühren sich zwei der Jets, ein drittes gerät in den Trümmerregen. Eine brennende Maschine stürzt in die dicht gedrängte Zuschauermenge, eine weitere trifft einen bereitstehenden Rettungshubschrauber.
70 Menschen sterben, rund 1.000 werden verletzt, viele davon schwer und mit Verbrennungen — das letzte Todesopfer erliegt seinen Verletzungen erst Anfang Oktober. Die Bilder der Katastrophe gehen um die Welt und lösen eine grundsätzliche Debatte über die Sicherheit von Flugschauen aus. Kunstflugvorführungen werden in der Bundesrepublik zunächst vollständig untersagt und erst Jahre später unter strengen Auflagen — Mindestflughöhe, Mindestabstand zu den Zuschauern, keine Manöver in Richtung des Publikums — wieder zugelassen.
Salman Rushdies „Die satanischen Verse" erscheint

Der britisch-indische Schriftsteller Salman Rushdie veröffentlicht bei Viking Press seinen Roman „Die satanischen Verse" („The Satanic Verses"), der das Schicksal indisch-muslimischer Einwanderer in Großbritannien mit traumhaft verfremdeten Passagen über die Frühzeit des Islam verwebt. Literaturkritiker feiern das Buch zunächst als sprachlich virtuoses Meisterwerk; im November wird es mit dem britischen Whitbread Award ausgezeichnet.
Doch schon in den Wochen nach Erscheinen formiert sich unter Muslimen weltweit Protest gegen Passagen, die als Verunglimpfung des Propheten Mohammed und seiner Frauen gelesen werden. Bereits im Oktober verbietet Indien als erstes Land den Import des Buches, weitere islamisch geprägte Staaten folgen. Was 1988 als literarischer Streit beginnt, weitet sich in den Folgemonaten zu einer der folgenreichsten Kontroversen der jüngeren Literaturgeschichte aus: Am 14. Februar 1989 ruft der iranische Revolutionsführer Ayatollah Chomeini in einer Fatwa zur Tötung Rushdies auf — ein Todesurteil, das den Autor jahrzehntelang unter Polizeischutz zwingt.
Benazir Bhutto wird Pakistans Regierungschefin

Nach dem Tod des langjährigen Militärmachthabers Muhammad Zia-ul-Haq bei einem bis heute ungeklärten Flugzeugabsturz am 17. August finden in Pakistan am 16. November die ersten freien Parlamentswahlen seit elf Jahren statt. Die Pakistan Peoples Party (PPP) unter ihrer Vorsitzenden Benazir Bhutto geht als stärkste Kraft hervor; am 2. Dezember wird die 35-Jährige als Premierministerin vereidigt.
Bhutto, Tochter des 1979 vom Militärregime hingerichteten früheren Premierministers Zulfikar Ali Bhutto, war nach Jahren im Exil und unter Hausarrest 1986 nach Pakistan zurückgekehrt und hatte die PPP als Oppositionsführerin gegen die Militärdiktatur neu aufgebaut. Mit ihrer Vereidigung wird sie zur ersten Frau, die in der Neuzeit an die Spitze eines mehrheitlich muslimischen Staates gewählt wird — ein international vielbeachtetes Signal in einem Jahr, das mit dem Ende der Ära Zia auch eine, wenn auch fragile, demokratische Öffnung Pakistans einleitet.
Aus heutiger Sicht
Bhuttos politische Karriere bleibt von Brüchen gezeichnet — zweimal wird sie als Regierungschefin wegen Korruptionsvorwürfen entlassen, zweimal geht sie ins Exil. Am 27. Dezember 2007 wird sie, kurz nach ihrer Rückkehr nach Pakistan und mitten im Wahlkampf um eine dritte Amtszeit, bei einem Anschlag in Rawalpindi ermordet — ein gewaltsames Ende, das die fragile demokratische Öffnung von 1988 nachträglich in ein tragisches Licht rückt.
Gorbatschow kündigt vor der UN einseitigen Truppenabbau an

Vor der 43. Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York überrascht der sowjetische Partei- und Staatschef Michail Gorbatschow die Weltöffentlichkeit mit der Ankündigung, die sowjetischen Streitkräfte binnen drei Jahren einseitig um eine halbe Million Soldaten zu verringern und sechs Panzerdivisionen aus den Staaten des Warschauer Pakts abzuziehen. Es ist die bis dahin weitreichendste Abrüstungsofferte eines sowjetischen Führers und wird von vielen Beobachtern später als das ideologische Ende des Kalten Krieges gedeutet, weil Moskau damit erstmals von der sogenannten Breschnew-Doktrin des Rechts auf militärisches Eingreifen im „sozialistischen Lager" abrückt.
Noch am selben Tag muss Gorbatschow seine New Yorker Reise abbrechen: Ein verheerendes Erdbeben erschüttert seine armenische Heimatrepublik. Die Rede vor der UN bleibt dennoch als Fanal in Erinnerung — sie ebnet rhetorisch den Weg für die friedlichen Umwälzungen in Ostmitteleuropa im Jahr darauf, vom Rückzug der Sowjetunion aus Afghanistan über die ersten halbfreien Wahlen in Polen bis zum Fall der Berliner Mauer im November 1989.
Franz Josef Strauß stirbt nach Jagdausflug bei Regensburg

Nach einem Besuch des Oktoberfests fliegt der bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß am 1. Oktober per Hubschrauber zu einer von Johannes von Thurn und Taxis ausgerichteten Hirschjagd am Aschenbrennermarter bei Regensburg. Kurz nachdem er den Hubschrauber verlassen hat, bricht er gegen 16 Uhr bewusstlos zusammen — ein Schlaganfall. Die Fahrt ins Regensburger Krankenhaus der Barmherzigen Brüder dauert so lange, dass das Gehirn bereits irreparabel geschädigt ist; eine Notoperation kann daran nichts mehr ändern. Strauß erlangt das Bewusstsein nicht wieder und stirbt am 3. Oktober um 11:45 Uhr an multiplem Organversagen, im Alter von 73 Jahren.
Kaum ein Politiker der Bundesrepublik polarisiert so sehr wie Strauß: Von 1956 bis zu seinem erzwungenen Rücktritt infolge der Spiegel-Affäre am 30. November 1962 Bundesverteidigungsminister, von Dezember 1966 bis Oktober 1969 unter Kanzler Kurt Georg Kiesinger Bundesfinanzminister, seit dem 6. November 1978 bayerischer Ministerpräsident und seit 1961 CSU-Vorsitzender, tritt er 1980 als gemeinsamer Kanzlerkandidat von CDU und CSU gegen den amtierenden Bundeskanzler Helmut Schmidt an und unterliegt mit 44,5 Prozent der Stimmen.
Am 19. Oktober wählt der Bayerische Landtag Max Streibl mit 124 von 193 Stimmen zu Strauß' Nachfolger als Ministerpräsident; den CSU-Vorsitz übernimmt im November Theo Waigel. Mit Strauß verliert die bundesdeutsche Politik eine ihrer prägendsten und umstrittensten Figuren der Nachkriegszeit.
Eklat im Bundestag: Jenningers Gedenkrede zur Reichspogromnacht

Zur Gedenkstunde des Bundestags anlässlich des 50. Jahrestags der Reichspogromnacht hält Bundestagspräsident Philipp Jenninger am 10. November eine Rede, die den Versuch unternimmt, die Anziehungskraft des Nationalsozialismus aus der Perspektive der Zeitgenossen von damals nachzuzeichnen — in weiten Passagen referiert er dabei rhetorisch NS-Diktion und -Denkweise, ohne dies für die Zuhörer im Plenum hinreichend kenntlich zu machen. Mehr als 50 Abgeordnete verlassen noch während der Rede unter Protest den Plenarsaal; in Presse und Öffentlichkeit löst der Auftritt einen Sturm der Entrüstung aus.
Angesichts des anhaltenden öffentlichen Drucks erklärt Jenninger bereits am 11. November seinen Rücktritt als Bundestagspräsident — nach nur eineinhalb Jahren im Amt. Die Kontroverse um die missglückte Form einer im Kern gut gemeinten Gedenkrede wird zu einem der schärfsten innenpolitischen Eklats des Jahres und zu einem vielzitierten Lehrstück über die Schwierigkeit, NS-Rhetorik im Bundestag referierend zu zitieren, ohne selbst missverstanden zu werden.
Aus heutiger Sicht
Die Süddeutsche Zeitung würdigt die Rede anlässlich eines Rückblicks im Jahr 2002 als inhaltlich differenzierter, als es der Skandal um ihre Form 1988 vermuten ließ — ein später Beleg dafür, wie sehr die mediale Empörung der Uraufführungsstunde und die historische Bewertung eines Textes auseinanderfallen können.
Rätselhaftes Robbensterben an Nord- und Ostsee

Seit April häufen sich an den Küsten der westlichen Ostsee, bald auch der Nordsee und des Wattenmeers, Berichte von toten und sterbenden Seehunden. Die Tiere zeigen Lungenentzündungssymptome; binnen weniger Monate sterben insgesamt rund 18.000 Seehunde, davon allein rund 8.600 im Wattenmeer vor der schleswig-holsteinischen und niedersächsischen Küste — nach Schätzungen mehr als die Hälfte der dortigen Population.
Als Erreger identifizieren Wissenschaftler ein bis dahin bei Seehunden unbekanntes Staupevirus (Phocine Distemper Virus, PDV), das vermutlich über grönländische Sattelrobben in die Nordsee eingeschleppt wurde. Die Epidemie trifft auf Bestände, deren Immunsystem bereits durch die hohe Schadstoffbelastung der Nordsee geschwächt ist — ein Zusammenspiel aus Umweltgift und Virus, das Fachleute als eigentliche Ursache der Verheerung ausmachen. Für die Küstenregion an Nord- und Ostsee, auch für Schleswig-Holstein, wird das Robbensterben 1988 zu einem der einprägsamsten Umweltereignisse des Jahres.
Aus heutiger Sicht
Die Warnung verhallt nicht ungehört, verhindert aber keine Wiederholung: 2002 sterben in derselben Region erneut Seehunde am selben Erreger — diesmal rund 21.700 Tiere und damit noch mehr als 1988, ein Beleg dafür, wie lange geschwächte Ökosysteme für solche Epidemien anfällig bleiben.
Verhaftungen bei der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration in Ost-Berlin

Bei der alljährlichen, von der SED selbst ausgerichteten Liebknecht-Luxemburg-Demonstration in Ost-Berlin am 17. Januar zeigen unabhängige Bürgerrechtler eigene, kritische Transparente mit Losungen wie Rosa Luxemburgs Diktum von der „Freiheit der Andersdenkenden" — ein Affront gegen die Staatsführung, der zu zahlreichen Festnahmen führt. In den Tagen danach werden unter anderem Bärbel Bohley, Werner Fischer und Ralf Hirsch wegen „landesverräterischer Nachrichtenübermittlung" wegen ihrer Kontakte zu westlichen Journalisten verhaftet; die Schriftstellerin Freya Klier und der Liedermacher Stephan Krawczyk werden im Zuge der Affäre gegen ihren Willen in den Westen abgeschoben.
Die international beachteten Verhaftungen gelten rückblickend als eine der sichtbarsten Erschütterungen der DDR-Opposition im letzten Jahrzehnt vor der Wende — ein Vorbeben, das die staatliche Kontrolle über die eigenen Jubiläumsrituale bereits 1988 brüchig erscheinen lässt.
Deutsche Erstaufführung von „Starlight Express" in Bochum

Am 12. Juni feiert Andrew Lloyd Webbers Musical „Starlight Express" im eigens dafür errichteten Starlight Express Theater in Bochum seine deutsche Erstaufführung — die erste Produktion des Stücks außerhalb Londons. Das Theater ist auf die Inszenierung zugeschnitten: Die Darsteller bestreiten die Handlung, in der Eisenbahnwaggons als Rennfahrer personifiziert werden, komplett auf Rollschuhen, auf Rampen und Stegen, die mitten durch den Zuschauerraum führen.
Die Bochumer Inszenierung wird zu einem der größten kommerziellen Theatererfolge der deutschen Musical-Geschichte und macht das Ruhrgebietstheater über Jahrzehnte zu einem festen Anlaufpunkt für Musical-Publikum aus dem gesamten Bundesgebiet — ein ungewöhnlicher kultureller Leuchtturm in einer Region, die zu dieser Zeit vor allem mit dem Niedergang von Kohle und Stahl assoziiert wird.
Jürgen Sparwassers Flucht in den Westen

Bei einem Freundschaftsspiel der Traditionself des 1. FC Magdeburg im westdeutschen Saarbrücken setzt sich der frühere DDR-Nationalspieler Jürgen Sparwasser am 10. Januar von seiner Mannschaft ab und bleibt in der Bundesrepublik. Im Hotel hinterlässt er einen Brief, in dem er mitteilt, nicht in die DDR zurückkehren zu wollen; der Delegationsleiter meldet ihn als vermisst. Auslöser ist auch der Ausreiseantrag seiner Tochter, der Sparwassers berufliche Stellung in der DDR zunehmend gefährdet hatte; seine Frau, die sich zu diesem Zeitpunkt gerade bei Verwandten im Westen aufhält, kann nach seiner Flucht mit ihm zusammenkommen.
Die Flucht sorgt für erhebliches Aufsehen, weil kaum ein DDR-Sportler enger mit einem historischen Moment verbunden ist als Sparwasser: Sein Tor zum 1:0-Sieg der DDR-Nationalmannschaft gegen die Bundesrepublik bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 in Hamburg — bis heute schlicht das „Sparwasser-Tor" genannt — hatte ihn zu einer Symbolfigur des DDR-Sports gemacht. Dass ausgerechnet er sich 1988 in den Westen absetzt, wird von vielen als Menetekel für den brüchigen Zustand des Landes gelesen, das er einst sportlich repräsentierte.
AM RANDE NOTIERT
- Am 1. Mai stellt der InterCityExperimental (ICE) auf der Schnellfahrstrecke Hannover–Würzburg bei Gemünden am Main mit 406,9 km/h einen Weltrekord für Schienenfahrzeuge auf.
- Am 15. Mai beginnt der Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan — der Anfang vom Ende der fast neunjährigen sowjetischen Intervention am Hindukusch.
- Vom 17. September bis 2. Oktober finden in Seoul die Olympischen Sommerspiele statt, überschattet vom Dopingskandal um den kanadischen Sprinter Ben Johnson.
- Am 9. Juli wirft Gabriele Reinsch beim Länderkampf DDR–Italien in Neubrandenburg mit 76,80 Metern einen Diskus-Weltrekord, der bis heute ungebrochen ist.
- Vom 17. bis 26. Juni feiert die Kieler Woche trotz der politischen Turbulenzen des Frühjahrs wie gewohnt Segelsport und Volksfest an der Förde — nach wie vor das größte Segelsportereignis der Welt.
- Im November lässt SED-Generalsekretär Erich Honecker die Auslieferung der sowjetischen Zeitschrift „Sputnik" in der DDR stoppen — die moskautreue Führung verbietet damit ausgerechnet ein Organ aus der Sowjetunion Gorbatschows, weil es „Glasnost" zu wörtlich nimmt.
- Am 7. Dezember erschüttert ein schweres Erdbeben die armenische Sowjetrepublik, dem allein rund um die Stadt Spitak Zehntausende Menschen zum Opfer fallen — die international koordinierte Hilfe markiert zugleich eine seltene Öffnung der Sowjetunion für westliche Katastrophenhilfe.
- Vom 16. bis 18. Dezember gewinnt die bundesdeutsche Tennis-Mannschaft um Boris Becker in Göteborg mit 4:1 gegen Schweden erstmals den Davis Cup.
WIRTSCHAFT · 1988
Die westdeutsche Konjunktur zeigt sich 1988 robust: Der Export boomt, und die Deutsche Bundesbank unter ihrem Präsidenten Karl Otto Pöhl hält unbeirrt an ihrem Kurs der Geldwertstabilität fest. Zum 1. Februar tritt in der Bundesrepublik ein Verbot von verbleitem Normalbenzin in Kraft — ein Meilenstein der schrittweisen Umstellung des westdeutschen Kraftfahrzeugparks auf bleifreies Benzin und den Drei-Wege-Katalysator, mit dem die Bundesregierung auf wachsenden Druck der Umweltbewegung reagiert.
Der Preisspiegel:
- Brot (1 kg) — 3,03 DM
- Butter (1 kg) — 9,04 DM
- Eier (1 Stück) — 0,24 DM
- Milch (1 Liter) — 1,28 DM
- Bier (0,5 Liter) — 0,96 DM
- Benzin, Normal (1 Liter) — 0,94 DM
STIMMEN DER PRESSE · 1988
„Zu einem Eklat kam es gestern nach der Rede des Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger aus Anlaß der Pogrome der Nationalsozialisten gegen die jüdische Bevölkerung in Deutschland 1938." — die tageszeitung, 11. November 1988
„Schon während der Rede des Bundestagspräsidenten entstand Unruhe im Plenum." — Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. November 1988
„...als habe sich der Bundestagspräsident die Sprache der Nazi-Verbrecher zu eigen gemacht." — Süddeutsche Zeitung, 11. November 1988
SPORT · 1988
Die Olympischen Sommerspiele in Seoul — bereits unter „Am Rande notiert" erwähnt — geraten zum Politikum, als der kanadische Sprinter Ben Johnson nur Tage nach seinem Weltrekord über 100 Meter positiv auf das anabole Steroid Stanozolol getestet und disqualifiziert wird; der Sieg geht nachträglich an Carl Lewis. Die DDR dominiert das Schwimmbecken: Kristin Otto gewinnt allein sechs Goldmedaillen, so viele wie keine Schwimmerin vor ihr — Erfolge, die nach dem Ende der DDR durch Stasi-Akten in ein zwiespältiges Licht rücken, als das planmäßige Staatsdoping des DDR-Spitzensports öffentlich wird. Auf dem Tennisplatz vollendet Steffi Graf mit dem Olympiasieg in Seoul ihren „Golden Slam" — bereits unter den Lichtblicken dieser Ausgabe gewürdigt —, während Katarina Witt in Calgary im Februar ihr zweites Eiskunstlauf-Gold in Folge holt, ebenfalls dort vermerkt. Im Fußball richtet die Bundesrepublik die Europameisterschaft aus; im Finale in München bezwingt die Niederlande um Torschütze Marco van Basten — dessen artistischer Volleytreffer zum 2:0 als eines der schönsten Tore der EM-Geschichte gilt — die Sowjetunion mit 2:0. In der Handball-Bundesliga liefert sich THW Kiel in der Saison 1987/88 zeitweise ein Kopf-an-Kopf-Rennen an der Tabellenspitze, ehe der VfL Gummersbach zum elften Mal Deutscher Meister wird — die Förde-Städter legen damit den Grund für ihren Vizemeistertitel der Folgesaison.
MODE · 1988
Ein Modejahr ohne einen einzelnen großen Umbruch: Die Schulterpolster-Silhouette der Achtziger hält sich, befeuert von Fernseh-Vorbildern wie den Serien „Dallas" und „Der Denver-Clan" und den strengen Kostümen von Designern wie Thierry Mugler und Claude Montana. Aus den Fitnessstudios schwappt der Aerobic-Boom in den Alltag: Leggings, Stirnbänder und Lycra-Bodys im Stil der Trainingsvideos von Jane Fonda werden auch abseits des Sports zur Alltagskleidung, während sich Designerin Katharine Hamnett mit überdimensionierten Slogan-T-Shirts einen Namen als politisches Gewissen der Modewelt macht. Doch erste Gegenbewegungen werden hörbar — wachsendes Umweltbewusstsein und ein aufkommender Do-it-yourself-Gedanke lassen erste Zweifel am demonstrativen Konsum der Dekade aufkommen, und naturbelassene Stoffe sowie gedeckte Erdtöne finden als „Öko-Look" ein wachsendes, wenn auch noch kleines Publikum.
KINO & FERNSEHEN · 1988
An den westdeutschen Kinokassen dominiert 1988 die Beziehungstragikomödie „Eine verhängnisvolle Affäre" (4,68 Mio. Besucher) knapp vor Loriots „Ödipussi" (4,61 Mio.) und dem Zeichentrick-Realfilm-Hybrid „Falsches Spiel mit Roger Rabbit" (4,30 Mio.); es folgen „Der Prinz aus Zamunda" (3,90 Mio.) und „Crocodile Dundee II" (3,75 Mio.). Der deutsche Film erlebt mit einem Marktanteil von 27 Prozent und vier einheimischen Titeln unter den Top Ten sein bis dahin bestes Kinojahr seit Langem.
Im Fernsehen startet am 11. Januar mit Tele 5 (als Nachfolger der Musicbox) ein neuer bundesweiter Privatsender, während das ZDF am 25. März mit „Das Literarische Quartett" unter Marcel Reich-Ranicki ein Bücherformat etabliert, das zum vielbeachteten kulturellen Gesprächsstoff der folgenden Jahre wird.
GESTORBEN · 1988
- Kurt Georg Kiesinger (84), CDU-Politiker und Bundeskanzler 1966–1969 — 9. März, Tübingen.
- Franz Josef Strauß (73), bayerischer Ministerpräsident und CSU-Vorsitzender — 3. Oktober, Regensburg (siehe Bericht oben).
- Gert Fröbe (75), Schauspieler, bekannt als „Goldfinger" in der gleichnamigen James-Bond-Verfilmung — 5. September, München.
- Enzo Ferrari (90), Gründer des Automobilherstellers Ferrari — 14. August, Modena, Italien.
- Roy Orbison (52), US-amerikanischer Rock-'n'-Roll- und Rockabilly-Sänger („Oh, Pretty Woman") — 6. Dezember, Hendersonville, Tennessee.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1988
- Chemie-Nobelpreis für drei deutsche Forscher (Oktober). Johann Deisenhofer, Robert Huber und Hartmut Michel werden für die Aufklärung der dreidimensionalen Struktur eines photosynthetischen Reaktionszentrums geehrt – gleich drei deutsche Wissenschaftler unter den Preisträgern eines einzigen Jahres.
- Steffi Graf gelingt der „Golden Slam" (1988). Die deutsche Tennisspielerin gewinnt in einem einzigen Jahr alle vier Grand-Slam-Turniere und zusätzlich Olympiagold – ein Kunststück, das bis heute niemandem sonst gelungen ist.
- Katarina Witt verteidigt olympisches Eiskunstlauf-Gold (Februar, Calgary). Nach der vielbeachteten „Battle of the Carmens" gegen die US-Amerikanerin Debi Thomas wird die DDR-Läuferin als erst zweite Eiskunstläuferin nach Sonja Henie Olympiasiegerin in Folge.
- Friedensnobelpreis für die UN-Friedenstruppen (29. September). Die Vereinten Nationen werden für ihre weltweiten Blauhelm-Einsätze geehrt – ein versöhnliches Signal in einem Jahr, in dem am Golf und in Afghanistan zugleich erste Waffenstillstände und Truppenabzüge greifen.
- Physik-Nobelpreis für die Entdeckung des Myon-Neutrinos (Oktober). Leon Lederman, Melvin Schwartz und Jack Steinberger werden für die Neutrino-Strahl-Methode geehrt, mit der sie ein zweites Neutrino nachwiesen – ein weiterer Baustein im Verständnis der kleinsten Teilchen der Materie.
- Schleswig-Holstein Musik Festival wächst in seine dritte Auflage (Sommer). Unter Intendant Justus Frantz verwandeln sich wieder Scheunen, Kirchen und Schlösser im ganzen Land in Konzertsäle; an der von Leonard Bernstein gegründeten Orchesterakademie auf Schloss Salzau musizieren junge Talente aus aller Welt.
DAS WETTER · 1988 in Kiel
An diesem 13. Juli war es an der Förde ein milder Sommertag mit etwas Regen: Höchstwert 23,0 °C, in der Nacht 12,1 °C, im Mittel 17,9 °C; 4,5 mm Regen fielen.
Das Jahr über: Im Mittel 9,0 °C — ein mildes Jahr mit sehr sanftem Winter. Wärmster Tag 25,5 °C am 28. Mai, kältester −6,7 °C am 21. November. 0 Hitzetage (≥ 30 °C), nur 1 Eistag (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 800 mm.
(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1988
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.
- Girl You Know It's True — Milli Vanilli
- Im Nin'alu — Ofra Haza
- Macho Macho — Rainhard Fendrich
- Okay — O.K.
- Ella, Elle L'a — France Gall
- Yeke Yeke — Mory Kanté
- The Twist (Yo, Twist) — Fat Boys
- Tell It to My Heart — Taylor Dayne
- My Love Is a Tango — Guillermo Marchena
- A Groovy Kind of Love — Phil Collins
- Always on My Mind — Pet Shop Boys
- Don't Worry, Be Happy — Bobby McFerrin
- Gimme Hope Jo'anna — Eddy Grant
- Dirty Diana — Michael Jackson
- Push It — Salt 'n' Pepa
- I Need You — B.V.S.M.P.
- One Moment in Time — Whitney Houston
- Theme From S-Express — S'Express
- The Race — Yello
- Was Soll Das? — Herbert Grönemeyer
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).
Kieler Chirurgen verpflanzen erfolgreich einen Dünndarm
An der Universitätsklinik Kiel ist einem Team um den Chirurgen Eberhard Deltz eine Dünndarm-Transplantation gelungen. Nach Angabe der Kieler Chirurgen handelt es sich um die erste erfolgreiche Operation dieser Art überhaupt. Der Eingriff vom 9. August gelang mit Hilfe immunsuppressiver Medikamente, die die Abstoßung des fremden Organs unterdrücken sollen.
Behandelt wurde ein Kurzdarmsyndrom: Der Patientin fehlte so viel Darm, dass sie Nahrung nicht mehr ausreichend aufnehmen konnte und künstlich ernährt werden musste. Das Verfahren hatte die Chirurgische Klinik der Christian-Albrechts-Universität zuvor in umfangreichen Tierversuchen entwickelt. Das Transplantat, ein 60 Zentimeter langes Stück Dünndarm, stammte von der Schwester der Patientin.
Ein früherer Versuch der Kieler Gruppe bei einem kleinen Jungen war gescheitert: Das Transplantat musste am zwölften Tag nach der Operation wegen Abstoßung wieder entfernt werden.
Aus heutiger Sicht
Nach 22 Monaten hatte sich das Transplantat vollständig an seine Aufgabe angepasst, die Patientin war von der künstlichen Ernährung unabhängig. Sie lebte mit dem übertragenen Darm noch mehrere Jahre.
Sophienhof eröffnet gegenüber dem Hauptbahnhof

Am Donnerstag ist das Einkaufszentrum Sophienhof am Sophienblatt feierlich eingeweiht worden. Der Neubau liegt dem Hauptbahnhof genau gegenüber; vom Empfangsgebäude des Bahnhofs führt ein Fußgängersteg hinüber. Damit endet ein Vorhaben, das die Stadt weit über zehn Jahre beschäftigt hat: Im Sanierungsgebiet wurde geplant, umgeplant, verkleinert und verworfen.
Das Häuserensemble an der Ecke Herzog-Friedrich-Straße und Sophienblatt, das Sophieneck von 1903, sollte im Zuge der Umgestaltung der Innenstadt im Sinne der „autogerechten Stadt“ einem Einkaufszentrum weichen. Dagegen regte sich Widerstand. 1980 wurden die ersten Wohnungen besetzt, Zentrum der Hausbesetzungen bis 1983 war das Wohn- und Geschäftshaus Sophienblatt 22–24, das dem Neubau seinen Namen gibt. Im Juli 1983 wurde alles abgerissen; am Sonnabend, dem 23. Juli, „ging der Sophienhof in die Knie“, wie die Kieler Nachrichten schrieben.
Vom alten Haus ist etwas geblieben: Zwei sandsteinerne Sphinx-Reliefs wurden links und rechts über dem nördlichen Eingang in die Fassade des Neubaus eingearbeitet.
Arbeitslose Jugendliche bauen eine Hansekogge
In einer Werfthalle in Friedrichsort entsteht seit Anfang Februar ein Schiff nach Art des Jahres 1380. Vorbild ist die Kogge, die 1962 in der Weser bei Bremen gefunden wurde. Der Nachbau soll möglichst originalgetreu werden, damit sich Segel- und Transportleistungen der Hansezeit am Schiff selbst erproben lassen. Das Deutsche Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven begleitet das Vorhaben wissenschaftlich.
Gebaut wird bei der Yacht- und Bootswerft Erich Rathje, die Bauleitung hat Uwe Baykowski. Träger ist der Verein „Jugend in Arbeit Kiel e. V.“. Er will arbeitslose und förderungsbedürftige junge Menschen mit einem sinnvollen Projekt motivieren, weiterbilden und in Arbeit bringen; zwei Lehrer arbeiten am Bau mit.
Auf dem Werftgelände waren seit 1986 die Einzelteile vorbereitet worden: Gangspill, Bratspill aus einem 4,5 Meter langen Eichenstamm von 60 Zentimetern Stärke, Ruder und die Mallen aus Fichtenholz. Nun können die Jugendlichen am Rumpf arbeiten. Vorgesehen sind Planken von 4,5 Zentimetern Stärke, rund 10.000 handgeschmiedete Nägel aus V4A-Stahl und ein Mast aus dänischer Lärche; das Schiff soll 23 Meter lang werden.
Gondelbahn über den Bootshafen steht still

Im Dezember ist die Seilbahn des Kaufhauses Weipert über den Bootshafen aus Kostengründen stillgelegt worden. Der Unterhalt kostete jährlich 70.000 Mark, und 1989 wäre ein neues Seil für 30.000 Mark fällig gewesen.
Die kostenlose Bahn verband das Haupthaus am Wall in 18 Metern Höhe über 144 Meter mit dem Parkhaus an der Hafenstraße und Kaistraße. Gebaut hat sie die Schweizer Firma Habegger, jede ihrer beiden Kabinen nahm 15 Fahrgäste auf. Am 28. März 1974 um 9 Uhr eröffnete Firmenchef Franz Weipert sie; bis zu 300 Fahrgäste in der Stunde waren möglich. In ihrer Betriebszeit beförderte sie über drei Millionen Fahrgäste.
Das Kuriose daran: Die Bahn überlebte das Kaufhaus, zu dem sie gehörte. Weipert hatte das Haus am Wall zur „Einkaufsstadt“ umgebaut, die im September 1982 eröffnet wurde, und war ein Jahr später in Konkurs gegangen; im Gebäude richtete sich das Förde-Einkaufs-Zentrum ein. Die Gondelbahn lief nach dem Konkurs weiter; seit 1986, als ein Immobilienfonds Haus und Bahn übernahm, fuhr aus Spargründen nur noch eine der beiden Kabinen.
KURZ NOTIERT · Kiel 1988
- Anfang 1988 — Am Ostuferhafen ist die erste Ausbaustufe abgeschlossen: Kran bis 50 Tonnen, neuer Gleisanschluss und neuer Ro-Ro-Anleger. Die Stadt hatte das 28 Hektar große Werftgelände Dietrichsdorf im Dezember 1984 für rund 25 Millionen DM gekauft.
- 10. Februar — Die „Stena Scandinavica“ wird in Kiel von Königin Silvia getauft, am selben Tag von der Leninwerft Danzig an die Stena Line abgeliefert. Seit dem 29. Februar fährt sie zusammen mit der „Stena Germanica“ fast täglich nachts nach Göteborg. Sie löst die „Kronprinsessan Victoria“ ab.
- Sommer — Die „Kieler Rundschau“ erscheint nicht mehr. Die linksliberale Wochenzeitung war am 23. Oktober 1980 mit 10.000 Exemplaren gestartet, getragen von Lesern, die Verlagsanteile gezeichnet hatten. Ein „rot-grünes Boulevard-Outfit“ von 1987 nahmen die Leser nicht an.
- 1988 — Die Cellpap errichtet am Ostuferhafen am Liegeplatz 1 eine 10.000 Quadratmeter große Halle für Papier- und Forstprodukte mit eigenem 40-Tonnen-Kran. Umgebaut und eingeweiht wird auch der Oslokai samt Terminalgebäude für die dritte Fährgeneration der Jahre Line.
- 15. November — Im „Oma Plüsch“ am Jungfernstieg, Ecke Sternstraße, gründet sich die Hochschulgruppe „Graue Panther“.
- Dezember — Die „Stena Project“ wird an die Oy Rettig AB in Åbo verkauft und fährt als „Bore Britannica“ künftig von Kiel nach Helsinki. Cellpap fertigt für die Reedereien Bore Line und Krogius ab Jahreswechsel Schiffe im Liniendienst nach Finnland ab.
RUND UM DIE FÖRDE · 1988
- September, Preetz — Zum ersten Mal findet in Preetz das Papiertheatertreffen statt, ins Leben gerufen von dem Papiertheaterspieler und Sammler Dirk Reimers.
SPORT AN DER FÖRDE · 1988
- Holstein Kiel — In der Oberliga Nord 1987/88, die am 12. Mai zu Ende geht, wird Holstein Fünfter mit 43:25 Punkten und 56:38 Toren; Meister wird Eintracht Braunschweig. Carsten Nemitz trifft 24-mal für die Kieler.
- THW im DHB-Pokal — Am 1. Oktober gewinnt der THW Kiel sein Spiel der ersten Hauptrunde gegen den TSV Bayer Dormagen 19:15, zur Pause hatte er 7:8 zurückgelegen. Gespielt wird in der Sporthalle Altenholz.
- American Football — In Kiel wird der American Sports Club Kiel gegründet, seine erste Sparte sind die Kiel Baltic Hurricanes. Footballbegeisterte hatten sich schon 1987 zusammengefunden.