DER CHRONIST

Ein Jahr der Umbrüche und Erschütterungen: An der Förde endet eine Staatsaffäre mit einem Machtwechsel, am Golf schweigen nach acht Jahren endlich die Waffen, und über einer schottischen Kleinstadt zerreißt ein Bombenanschlag den Nachthimmel — die Welt zeigt 1988 ihr Janusgesicht aus Hoffnung und Schrecken. Das Jahr fordert auch anderswo einen hohen Preis: Auf der Nordsee-Bohrinsel Piper Alpha sterben im Juli 167 Menschen in einer Explosion, beim Flugtagunglück von Ramstein reißt im August eine außer Kontrolle geratene Kunstflugstaffel 70 Zuschauer in den Tod, und im Dezember erschüttert ein verheerendes Erdbeben Armenien. Zugleich verschiebt sich die weltpolitische Tektonik: Michail Gorbatschow kündigt vor der UN einen einseitigen Truppenabbau an, in Pakistan wird Benazir Bhutto als erste Frau an der Spitze eines islamischen Staates Regierungschefin, und in den Vereinigten Staaten sichert sich George Bush die Nachfolge Ronald Reagans. In der Literaturwelt sorgt Salman Rushdies Roman „Die satanischen Verse" für Kontroversen, die weit über das Jahr hinausweisen. Zwischen Kieler Landtag, Golfregion und Weltbühne zeigt sich 1988 als ein Jahr, in dem Aufbruch und Abgründe dicht beieinander liegen.

Die Schlagzeilen des Jahres

Nach der Barschel-Affäre: Björn Engholm wird Ministerpräsident

Björn Engholm, 1988 Ministerpräsident von Schleswig-Holstein
Björn Engholm, 1988 Ministerpräsident von Schleswig-Holstein (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Bei den vorgezogenen Landtags-Neuwahlen in Schleswig-Holstein am 8. Mai erringt die SPD unter Björn Engholm mit 54,8 Prozent das beste Ergebnis ihrer Landesgeschichte und die absolute Mandatsmehrheit; die CDU stürzt auf 33,3 Prozent ab, ihr schlechtestes Ergebnis im Lande seit 1954. Am 31. Mai wählt der neu konstituierte Kieler Landtag Engholm zum Ministerpräsidenten — die SPD regiert fortan allein, ohne Koalitionspartner.

Vorausgegangen war eine der größten Staatsaffären der bundesdeutschen Geschichte: Im Landtagswahlkampf 1987 hatte der Medienreferent des Ministerpräsidenten Uwe Barschel, Reiner Pfeiffer, im Auftrag der Staatskanzlei versucht, den Herausforderer Engholm mit fingierten Steuer- und Ausländervorwürfen sowie einer angezettelten Falschanzeige zu diskreditieren — die Öffentlichkeit nennt es bald „Waterkantgate". Als der Spiegel im September 1987 Pfeiffers Aussagen veröffentlicht, bestreitet Barschel jede Verwicklung noch auf sein „Ehrenwort", muss aber am 2. Oktober 1987 zurücktreten. Neun Tage später, am 11. Oktober 1987, wird er tot in der Badewanne seines Zimmers im Genfer Hotel Beau-Rivage aufgefunden — ob Suizid oder Fremdeinwirkung, bleibt trotz mehrerer Ermittlungsverfahren bis heute ungeklärt. Nach einer kurzen geschäftsführenden Übergangszeit unter Henning Schwarz ebnen die Neuwahlen den Weg für den Machtwechsel.

Der 1939 in Lübeck geborene Engholm, gelernter Schriftsetzer und studierter Politik-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, sitzt von 1969 bis 1983 als Lübecker Wahlkreisabgeordneter im Bundestag und amtiert 1981/82 kurz als Bundesminister für Bildung und Wissenschaft, ehe er als SPD-Landesvorsitzender und Oppositionsführer in Kiel zum schärfsten politischen Gegenspieler Barschels wird. In der Landeshauptstadt an der Förde ist die Erleichterung an diesem Frühjahrsabend förmlich zu spüren: Nach Monaten des Ausnahmezustands, in denen ein Untersuchungsausschuss im Kieler Landtag Woche für Woche neue Einzelheiten der Affäre zutage förderte, kehrt mit dem neuen Ministerpräsidenten so etwas wie politische Normalität in die Kieler Staatskanzlei zurück — ein Neuanfang, der erst 1993 durch die „Schubladenaffäre" um Engholms eigene Rolle im Wahlkampf 1987 ein jähes Ende finden sollte.

Weit über die Landesgrenzen hinaus wird der Kieler Machtwechsel als Fanal gelesen: Der Untersuchungsausschuss des Landtags, der die Affäre parallel zum Wahlkampf minutiös aufgearbeitet hatte, liefert der SPD bundesweit Munition gegen die Regierung von Bundeskanzler Helmut Kohl, und Engholm selbst avanciert rasch zur Symbolfigur einer erneuerungswilligen Sozialdemokratie — ein Ansehen, das ihn 1991 an die Spitze der Bundes-SPD und zum gehandelten Kanzlerkandidaten für die Wahl 1994 führen sollte, ehe die eigene Verstrickung in die Barschel-Pfeiffer-Affäre seine Karriere 1993 doch noch beendet.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Baden-Württemberg, 20. März — CDU 49,0 %, SPD 32,0 %, Beteiligung 71,8 %. Die CDU büßt zwar die absolute Stimmenmehrheit ein, verteidigt aber die Mehrheit der Mandate; Lothar Späth regiert ohne Koalitionspartner weiter.

Acht Jahre Krieg enden: Waffenstillstand zwischen Iran und Irak

Der UN-Sicherheitsrat — 1988 endet der Iran-Irak-Krieg
Der UN-Sicherheitsrat — 1988 endet der Iran-Irak-Krieg (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Nachdem Ayatollah Chomeini am 18. Juli die UN-Resolution 598 widerwillig angenommen hat, tritt am 20. August um 3 Uhr morgens der von den Vereinten Nationen vermittelte Waffenstillstand zwischen Iran und Irak in Kraft. Chomeini selbst soll die Entscheidung später als schmerzlicher als das Trinken von Gift bezeichnet haben — so tief saß der Wille, den Krieg militärisch für sich zu entscheiden.

Ausgelöst hatte den Krieg Saddam Hussein, der am 22. September 1980 den seit langem schwelenden Grenzstreit um den Schatt al-Arab zum Anlass nahm, den durch die islamische Revolution geschwächten Nachbarn Iran anzugreifen — aus Sorge vor einem Übergreifen der Chomeini-Revolution auf die eigene schiitische Bevölkerung. Was als Blitzfeldzug gedacht war, erstarrt rasch zu einem jahrelangen Stellungskrieg mit Schützengräben, Massenangriffen schlecht ausgerüsteter iranischer Freiwilliger und, auf irakischer Seite, dem systematischen Einsatz von Giftgas — am 16. März 1988 fordert der Chemiewaffenangriff auf die kurdische Stadt Halabdscha allein mehrere tausend zivile Todesopfer. Ab 1984 weitet sich der Krieg auf den sogenannten „Tankerkrieg" im Persischen Golf aus; als am 3. Juli 1988 der amerikanische Kreuzer USS Vincennes das iranische Passagierflugzeug Iran Air 655 irrtümlich abschießt und alle 290 Insassen ums Leben kommen, wächst in Teheran die Bereitschaft, die UN-Resolution doch noch zu akzeptieren. Der seit dem 22. September 1980 tobende Erste Golfkrieg fordert nach Schätzungen bis zu einer Million Tote auf beiden Seiten, ohne dass sich die Grenzverläufe am Ende nennenswert verschoben hätten. Ein förmlicher Friedensvertrag wird nie unterzeichnet — der brüchige Waffenstillstand bleibt vorerst der einzige Ausweg aus einem der blutigsten und verlustreichsten Kriege der Nachkriegszeit, dessen wirtschaftliche Lasten beide Staaten noch Jahre belasten.

Geiseldrama von Gladbeck erschüttert die Republik

Die Innenstadt von Gladbeck, Schauplatz des Geiseldramas 1988
Die Innenstadt von Gladbeck, Schauplatz des Geiseldramas 1988 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Am Morgen des 16. August überfallen Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski eine Filiale der Deutschen Bank in Gladbeck und nehmen zwei Bankangestellte als Geiseln. Gemeinsam mit Rösners Freundin Marion Löblich treten sie eine an Wendungen reiche, rund 54 Stunden dauernde Flucht quer durch die Bundesrepublik und über die niederländische Grenze an — von Gladbeck über Bremen, wo sie in Huckelriede einen Linienbus mit 32 Fahrgästen kapern, weiter über die Grenze bei Oldenzaal, zurück nach Wuppertal und Köln bis auf die Autobahn 3 bei Bad Honnef. Unterwegs drängen sich Journalisten bis in das Fluchtfahrzeug und an die Raststätten: Reporter wie Hans Meiser und Frank Plasberg interviewen die Geiselnehmer live vor laufender Kamera, ein Boulevardjournalist fährt zeitweise sogar als vermeintlicher Verhandlungshelfer im Fluchtauto mit — Bilder, die international für Entsetzen sorgen. Bei dem Drama sterben drei Menschen: der 15-jährige Emanuele De Giorgi, den Degowski am 17. August an der Raststätte Grundbergsee erschießt und der kurz darauf im Krankenhaus stirbt; die 18-jährige Rechtsanwaltsgehilfin Silke Bischoff, die beim Zugriff der Polizei auf der Autobahn nahe Bad Honnef von einem der Täter erschossen wird; sowie der 31-jährige Polizeiobermeister Ingo Hagen, der auf der Anfahrt zum Tatort in Bremen bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt. Erst am 18. August, nach rund 62 abgegebenen Schüssen, rammt ein Sonder­einsatz­kommando aus Köln den Fluchtwagen und nimmt die Täter fest. Die Bilder lösen eine bis heute nachwirkende Debatte über die Grenzen des Boulevardjournalismus und das Versagen der Polizeiführung aus — sie führen zu einer Verschärfung des Pressekodex und zu grundlegenden Reformen in der Einsatztaktik deutscher Polizeikräfte. Erst im März 1991 verurteilt das Landgericht Essen Degowski wegen Mordes an Emanuele De Giorgi zu lebenslanger Haft, Rösner ebenfalls zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung wegen fahrlässiger Tötung Silke Bischoffs; Marion Löblich erhält neun Jahre Gefängnis. Die tage­lange Hilflosigkeit von Polizei und Einsatzleitung, die den Tätern trotz zahlreicher Gelegenheiten nicht Einhalt gebieten konnte, bleibt bis heute Lehrstück in der Ausbildung deutscher Sondereinsatzkommandos.

Anschlag auf Pan-Am-Flug 103 über Lockerbie

Der Gedenkgarten in Lockerbie für die Opfer von Pan-Am-Flug 103
Der Gedenkgarten in Lockerbie für die Opfer von Pan-Am-Flug 103 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0)

Kurz nach 19 Uhr Ortszeit zerreißt eine in einem Kofferradio versteckte Bombe aus Plastiksprengstoff die Boeing 747 „Clipper Maid of the Seas" der Pan American World Airways auf dem Weg von London nach New York in rund 9.450 Metern Höhe über der schottischen Kleinstadt Lockerbie. Der Jet war zuvor als Zubringerflug aus Frankfurt am Main kommend in London-Heathrow umgestiegen; Ermittler rekonstruieren später, dass der Sprengsatz über mehrere Zwischenstationen unbegleitet eingecheckt worden sein soll. Beim Absturz reißen Trümmerteile im Ortsteil Sherwood Crescent einen riesigen Krater und zerstören mehrere Wohnhäuser. Alle 259 Menschen an Bord sowie elf Bewohner Lockerbies am Boden sterben. Mit 190 getöteten US-Amerikanern gilt der Anschlag bis zum 11. September 2001 als der folgenschwerste gegen amerikanische Zivilisten.

Die Ermittlungen ziehen sich über Jahre und führen schließlich zu zwei mutmaßlichen Agenten des libyschen Geheimdienstes, Abdelbaset al-Megrahi und Lamin Khalifah Fhimah. Erst 1999 liefert Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi die beiden zur Aburteilung nach einem eigens eingerichteten schottischen Sondergericht im niederländischen Kamp van Zeist aus; 2001 wird al-Megrahi zu lebenslanger Haft verurteilt, Fhimah freigesprochen. Libyen übernimmt 2003 offiziell die Verantwortung und zahlt den Hinterbliebenen Entschädigung, ohne die Tat ausdrücklich zuzugeben. Al-Megrahi wird 2009 aus humanitären Gründen wegen fortgeschrittenen Prostatakrebses vorzeitig entlassen und stirbt 2012 in Tripolis — Zweifel an seiner Alleinschuld und Spekulationen über andere Drahtzieher, etwa im Umfeld des iranisch-syrischen Lagers als Vergeltung für den Abschuss von Iran Air 655 im Juli desselben Jahres, bleiben bis heute nicht vollständig ausgeräumt. Der Anschlag führt weltweit zu einer deutlichen Verschärfung der Gepäck- und Sicherheitskontrollen im Luftverkehr. Für die traditionsreiche Pan American World Airways selbst wird die Katastrophe, neben Schadenersatz­ klagen in Millionenhöhe und einem einschneidenden Bußgeld der amerikanischen Luftfahrtbehörde FAA wegen Sicherheitsmängeln, zu einem Menetekel: Das angeschlagene Vertrauen der Passagiere trägt mit dazu bei, dass die Fluggesellschaft im Januar 1991 Gläubigerschutz beantragen muss und im Dezember 1991, nach 64 Jahren, ihren letzten Flug durchführt.

George Bush gewinnt die amerikanische Präsidentschaftswahl

George H. W. Bush, 1988 zum US-Präsidenten gewählt
George H. W. Bush, 1988 zum US-Präsidenten gewählt (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Vizepräsident George H. W. Bush setzt sich gegen den Demokraten Michael Dukakis, den Gouverneur von Massachusetts, durch — mit 53,4 zu 45,6 Prozent der Stimmen (48,9 gegenüber 41,8 Millionen Wählerstimmen) und einem deutlichen Vorsprung im Electoral College von 426 zu 111 Wahlmännern bei 40 gewonnenen Bundesstaaten. Bush ist der erste amtierende Vizepräsident seit Martin Van Buren 1836, dem der Sprung ins Weiße Haus direkt gelingt, und führt die Politik seines Amtsvorgängers Ronald Reagan fort. Im Wahlkampf hatte sich Bush auf dem Nominierungsparteitag der Republikaner in New Orleans mit dem Versprechen „Read my lips: no new taxes" festgelegt — ein Satz, der ihn während seiner Amtszeit noch einholen sollte — und mit seinem umstrittenen Vizekandidaten Dan Quayle ins Rennen geschickt, dem im TV-Duell der demokratische Vizekandidat Lloyd Bentsen mit dem später oft zitierten Konter „Senator, du bist kein Jack Kennedy" begegnete. Eine scharf kritisierte Wahlwerbung um den vorbestraften Straftäter Willie Horton prägt zudem die Debatte über den harten Wahlkampfstil dieses Jahres.

Explosion der Bohrinsel „Piper Alpha" in der Nordsee

Gedenkstätte für die Opfer der Piper-Alpha-Katastrophe im Hazlehead Park, Aberdeen
Gedenkstätte für die Opfer der Piper-Alpha-Katastrophe im Hazlehead Park, Aberdeen (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0)

Kurz vor 22 Uhr britischer Zeit erschüttert eine Kettenreaktion von Explosionen die Bohrinsel „Piper Alpha" rund 170 Kilometer nordöstlich von Aberdeen in der Nordsee. Bei Wartungsarbeiten war zuvor ein Sicherheitsventil ausgebaut worden, ohne dass die nachfolgende Schicht davon erfuhr; als eine andere Pumpe wieder in Betrieb genommen wird, entweicht Gas und entzündet sich. Innerhalb weniger Stunden versinkt die von Occidental Petroleum betriebene Plattform, auf der zeitweise mehr als 200 Menschen arbeiten, in einem Flammeninferno. 167 Männer sterben, nur 61 können sich retten — das folgenschwerste Unglück in der Geschichte der Offshore-Ölförderung.

Die von Lord Cullen geleitete öffentliche Untersuchung deckt eklatante Sicherheitsmängel auf: mangelhafte Kommunikation zwischen den Schichten, brennbare Rohrleitungen dicht an Wohn- und Kontrollräumen sowie eine Betriebskultur, die Produktion über Sicherheit stellte. Der 1990 vorgelegte Cullen-Report führt zu einer grundlegenden Neuordnung der britischen Offshore-Sicherheitsvorschriften und macht Piper Alpha zum Menetekel für eine ganze Industrie, die fortan Design, Wartung und Notfallpläne ihrer Bohrinseln neu überdenken muss.

Flugtagunglück von Ramstein

Gedenkstätte für die Opfer des Flugtagunglücks von Ramstein
Gedenkstätte für die Opfer des Flugtagunglücks von Ramstein (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Auf der von den US-Streitkräften betriebenen Air Base Ramstein bei Kaiserslautern kollidieren beim internationalen Flugtag vor mehr als 300.000 Zuschauern drei Kunstflugzeuge der italienischen Staffel Frecce Tricolori. Die Piloten fliegen gerade ihre Schlussfigur, ein von neun Maschinen geformtes „durchstoßenes Herz", als eine zehnte Maschine hindurchstoßen soll — dabei berühren sich zwei der Jets, ein drittes gerät in den Trümmerregen. Eine brennende Maschine stürzt in die dicht gedrängte Zuschauermenge, eine weitere trifft einen bereitstehenden Rettungshubschrauber.

70 Menschen sterben, rund 1.000 werden verletzt, viele davon schwer und mit Verbrennungen — das letzte Todesopfer erliegt seinen Verletzungen erst Anfang Oktober. Die Bilder der Katastrophe gehen um die Welt und lösen eine grundsätzliche Debatte über die Sicherheit von Flugschauen aus. Kunstflugvorführungen werden in der Bundesrepublik zunächst vollständig untersagt und erst Jahre später unter strengen Auflagen — Mindestflughöhe, Mindestabstand zu den Zuschauern, keine Manöver in Richtung des Publikums — wieder zugelassen.

Salman Rushdies „Die satanischen Verse" erscheint

Ausgabe von Salman Rushdies „Die satanischen Verse", 1988 erstmals erschienen
Ausgabe von Salman Rushdies „Die satanischen Verse" — hier eine spätere illegale iranische Ausgabe des 1988 erstveröffentlichten Romans (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Der britisch-indische Schriftsteller Salman Rushdie veröffentlicht bei Viking Press seinen Roman „Die satanischen Verse" („The Satanic Verses"), der das Schicksal indisch-muslimischer Einwanderer in Großbritannien mit traumhaft verfremdeten Passagen über die Frühzeit des Islam verwebt. Literaturkritiker feiern das Buch zunächst als sprachlich virtuoses Meisterwerk; im November wird es mit dem britischen Whitbread Award ausgezeichnet.

Doch schon in den Wochen nach Erscheinen formiert sich unter Muslimen weltweit Protest gegen Passagen, die als Verunglimpfung des Propheten Mohammed und seiner Frauen gelesen werden. Bereits im Oktober verbietet Indien als erstes Land den Import des Buches, weitere islamisch geprägte Staaten folgen. Was 1988 als literarischer Streit beginnt, weitet sich in den Folgemonaten zu einer der folgenreichsten Kontroversen der jüngeren Literaturgeschichte aus: Am 14. Februar 1989 ruft der iranische Revolutionsführer Ayatollah Chomeini in einer Fatwa zur Tötung Rushdies auf — ein Todesurteil, das den Autor jahrzehntelang unter Polizeischutz zwingt.

Benazir Bhutto wird Pakistans Regierungschefin

Benazir Bhutto, Premierministerin von Pakistan, im Gespräch mit der Presse
Benazir Bhutto, Premierministerin von Pakistan, im Gespräch mit der Presse, 1989 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nach dem Tod des langjährigen Militärmachthabers Muhammad Zia-ul-Haq bei einem bis heute ungeklärten Flugzeugabsturz am 17. August finden in Pakistan am 16. November die ersten freien Parlamentswahlen seit elf Jahren statt. Die Pakistan Peoples Party (PPP) unter ihrer Vorsitzenden Benazir Bhutto geht als stärkste Kraft hervor; am 2. Dezember wird die 35-Jährige als Premierministerin vereidigt.

Bhutto, Tochter des 1979 vom Militärregime hingerichteten früheren Premierministers Zulfikar Ali Bhutto, war nach Jahren im Exil und unter Hausarrest 1986 nach Pakistan zurückgekehrt und hatte die PPP als Oppositionsführerin gegen die Militärdiktatur neu aufgebaut. Mit ihrer Vereidigung wird sie zur ersten Frau, die in der Neuzeit an die Spitze eines mehrheitlich muslimischen Staates gewählt wird — ein international vielbeachtetes Signal in einem Jahr, das mit dem Ende der Ära Zia auch eine, wenn auch fragile, demokratische Öffnung Pakistans einleitet.

Gorbatschow kündigt vor der UN einseitigen Truppenabbau an

Michail Gorbatschow spricht vor der UN-Generalversammlung, 7. Dezember 1988
Michail Gorbatschow spricht vor der UN-Generalversammlung, 7. Dezember 1988 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Vor der 43. Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York überrascht der sowjetische Partei- und Staatschef Michail Gorbatschow die Weltöffentlichkeit mit der Ankündigung, die sowjetischen Streitkräfte binnen drei Jahren einseitig um eine halbe Million Soldaten zu verringern und sechs Panzerdivisionen aus den Staaten des Warschauer Pakts abzuziehen. Es ist die bis dahin weitreichendste Abrüstungsofferte eines sowjetischen Führers und wird von vielen Beobachtern später als das ideologische Ende des Kalten Krieges gedeutet, weil Moskau damit erstmals von der sogenannten Breschnew-Doktrin des Rechts auf militärisches Eingreifen im „sozialistischen Lager" abrückt.

Noch am selben Tag muss Gorbatschow seine New Yorker Reise abbrechen: Ein verheerendes Erdbeben erschüttert seine armenische Heimatrepublik. Die Rede vor der UN bleibt dennoch als Fanal in Erinnerung — sie ebnet rhetorisch den Weg für die friedlichen Umwälzungen in Ostmitteleuropa im Jahr darauf, vom Rückzug der Sowjetunion aus Afghanistan über die ersten halbfreien Wahlen in Polen bis zum Fall der Berliner Mauer im November 1989.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Am 15. Mai beginnt der Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan — der Anfang vom Ende der fast neunjährigen sowjetischen Intervention am Hindukusch.
  • Vom 17. September bis 2. Oktober finden in Seoul die Olympischen Sommerspiele statt, überschattet vom Dopingskandal um den kanadischen Sprinter Ben Johnson.
  • Vom 17. bis 26. Juni feiert die Kieler Woche trotz der politischen Turbulenzen des Frühjahrs wie gewohnt Segelsport und Volksfest an der Förde — nach wie vor das größte Segelsportereignis der Welt.
  • Am 7. Dezember erschüttert ein schweres Erdbeben die armenische Sowjetrepublik, dem allein rund um die Stadt Spitak Zehntausende Menschen zum Opfer fallen — die international koordinierte Hilfe markiert zugleich eine seltene Öffnung der Sowjetunion für westliche Katastrophenhilfe.

SPORT · 1988

Die Olympischen Sommerspiele in Seoul — bereits unter „Am Rande notiert" erwähnt — geraten zum Politikum, als der kanadische Sprinter Ben Johnson nur Tage nach seinem Weltrekord über 100 Meter positiv auf das anabole Steroid Stanozolol getestet und disqualifiziert wird; der Sieg geht nachträglich an Carl Lewis. Die DDR dominiert das Schwimmbecken: Kristin Otto gewinnt allein sechs Goldmedaillen, so viele wie keine Schwimmerin vor ihr — Erfolge, die nach dem Ende der DDR durch Stasi-Akten in ein zwiespältiges Licht rücken, als das planmäßige Staatsdoping des DDR-Spitzensports öffentlich wird. Auf dem Tennisplatz vollendet Steffi Graf mit dem Olympiasieg in Seoul ihren „Golden Slam" — bereits unter den Lichtblicken dieser Ausgabe gewürdigt —, während Katarina Witt in Calgary im Februar ihr zweites Eiskunstlauf-Gold in Folge holt, ebenfalls dort vermerkt. Im Fußball richtet die Bundesrepublik die Europameisterschaft aus; im Finale in München bezwingt die Niederlande um Torschütze Marco van Basten — dessen artistischer Volleytreffer zum 2:0 als eines der schönsten Tore der EM-Geschichte gilt — die Sowjetunion mit 2:0. In der Handball-Bundesliga liefert sich THW Kiel in der Saison 1987/88 zeitweise ein Kopf-an-Kopf-Rennen an der Tabellenspitze, ehe der VfL Gummersbach zum elften Mal Deutscher Meister wird — die Förde-Städter legen damit den Grund für ihren Vizemeistertitel der Folgesaison.

MODE · 1988

Ein Modejahr ohne einen einzelnen großen Umbruch: Die Schulterpolster-Silhouette der Achtziger hält sich, befeuert von Fernseh-Vorbildern wie den Serien „Dallas" und „Der Denver-Clan" und den strengen Kostümen von Designern wie Thierry Mugler und Claude Montana. Aus den Fitnessstudios schwappt der Aerobic-Boom in den Alltag: Leggings, Stirnbänder und Lycra-Bodys im Stil der Trainingsvideos von Jane Fonda werden auch abseits des Sports zur Alltagskleidung, während sich Designerin Katharine Hamnett mit überdimensionierten Slogan-T-Shirts einen Namen als politisches Gewissen der Modewelt macht. Doch erste Gegenbewegungen werden hörbar — wachsendes Umweltbewusstsein und ein aufkommender Do-it-yourself-Gedanke lassen erste Zweifel am demonstrativen Konsum der Dekade aufkommen, und naturbelassene Stoffe sowie gedeckte Erdtöne finden als „Öko-Look" ein wachsendes, wenn auch noch kleines Publikum.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1988

  • Chemie-Nobelpreis für drei deutsche Forscher (Oktober). Johann Deisenhofer, Robert Huber und Hartmut Michel werden für die Aufklärung der dreidimensionalen Struktur eines photosynthetischen Reaktionszentrums geehrt – gleich drei deutsche Wissenschaftler unter den Preisträgern eines einzigen Jahres.
  • Steffi Graf gelingt der „Golden Slam" (1988). Die deutsche Tennisspielerin gewinnt in einem einzigen Jahr alle vier Grand-Slam-Turniere und zusätzlich Olympiagold – ein Kunststück, das bis heute niemandem sonst gelungen ist.
  • Katarina Witt verteidigt olympisches Eiskunstlauf-Gold (Februar, Calgary). Nach der vielbeachteten „Battle of the Carmens" gegen die US-Amerikanerin Debi Thomas wird die DDR-Läuferin als erst zweite Eiskunstläuferin nach Sonja Henie Olympiasiegerin in Folge.
  • Friedensnobelpreis für die UN-Friedenstruppen (29. September). Die Vereinten Nationen werden für ihre weltweiten Blauhelm-Einsätze geehrt – ein versöhnliches Signal in einem Jahr, in dem am Golf und in Afghanistan zugleich erste Waffenstillstände und Truppenabzüge greifen.
  • Physik-Nobelpreis für die Entdeckung des Myon-Neutrinos (Oktober). Leon Lederman, Melvin Schwartz und Jack Steinberger werden für die Neutrino-Strahl-Methode geehrt, mit der sie ein zweites Neutrino nachwiesen – ein weiterer Baustein im Verständnis der kleinsten Teilchen der Materie.
  • Schleswig-Holstein Musik Festival wächst in seine dritte Auflage (Sommer). Unter Intendant Justus Frantz verwandeln sich wieder Scheunen, Kirchen und Schlösser im ganzen Land in Konzertsäle; an der von Leonard Bernstein gegründeten Orchesterakademie auf Schloss Salzau musizieren junge Talente aus aller Welt.

DAS WETTER · 1988 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein milder Sommertag mit etwas Regen: Höchstwert 23,0 °C, in der Nacht 12,1 °C, im Mittel 17,9 °C; 4,5 mm Regen fielen.

Das Jahr über: Im Mittel 9,0 °C — ein mildes Jahr mit sehr sanftem Winter. Wärmster Tag 25,5 °C am 28. Mai, kältester −6,7 °C am 21. November. 0 Hitzetage (≥ 30 °C), nur 1 Eistag (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 800 mm.

(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1988

Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.

  1. Girl You Know It's True — Milli Vanilli
  2. Im Nin'alu — Ofra Haza
  3. Macho Macho — Rainhard Fendrich
  4. Okay — O.K.
  5. Ella, Elle L'a — France Gall
  6. Yeke Yeke — Mory Kanté
  7. The Twist (Yo, Twist) — Fat Boys
  8. Tell It to My Heart — Taylor Dayne
  9. My Love Is a Tango — Guillermo Marchena
  10. A Groovy Kind of Love — Phil Collins
  11. Always on My Mind — Pet Shop Boys
  12. Don't Worry, Be Happy — Bobby McFerrin
  13. Gimme Hope Jo'anna — Eddy Grant
  14. Dirty Diana — Michael Jackson
  15. Push It — Salt 'n' Pepa
  16. I Need You — B.V.S.M.P.
  17. One Moment in Time — Whitney Houston
  18. Theme From S-Express — S'Express
  19. The Race — Yello
  20. Was Soll Das? — Herbert Grönemeyer

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).