DER CHRONIST
Ein Jahr, das ganze Systeme zum Einsturz bringt: Mauern fallen, Diktatoren stürzen, Völker wählen sich zum ersten Mal seit Jahrzehnten selbst — und andernorts wird mit Panzern und Fatwas die Antwort auf den Ruf nach Freiheit gegeben. Schon im August reißt ein Picknick nahe der ungarisch-österreichischen Grenze das erste Loch in den Eisernen Vorhang, im November zieht die Samtene Revolution in Prag nach, und in Teheran stirbt mit Ayatollah Chomeini der Mann, der zehn Jahre zuvor die Islamische Republik Iran begründet hatte. Selbst die Erde bleibt nicht ruhig: Ein schweres Beben erschüttert San Francisco mitten in der Weltserien-Übertragung, während amerikanische Truppen kurz vor Jahresende in Panama einmarschieren, um einen Diktator zu stürzen. Auch vor den Toren Schleswig-Holsteins reißt die Geschichte in dieser einen Novembernacht eine Grenze nieder, die vierzig Jahre lang unüberwindbar schien.
Die Mauer fällt — und mit ihr die Grenze bei Lübeck-Schlutup

Seit dem 13. August 1961 hatte die Berliner Mauer die Stadt und mit ihr Deutschland geteilt; rund 140 Menschen kamen bei Fluchtversuchen an der innerdeutschen Grenze und der Mauer ums Leben. 1989 gerät das DDR-Regime binnen weniger Monate ins Wanken: Im Mai beginnt Ungarn, seine Grenzsperranlagen zu Österreich abzubauen, und öffnet im September die Grenze offiziell für DDR-Bürger, Zehntausende reisen darüber in den Westen aus. Gleichzeitig harren Tausende Botschaftsflüchtlinge in Prag und Warschau aus, bis Außenminister Hans-Dietrich Genscher ihnen am 30. September von einem Balkon der Prager Botschaft die Ausreise verkündet. Ab September schwellen in Leipzig die Montagsdemonstrationen an, am 9. Oktober gehen rund 70.000 Menschen unter dem Ruf „Wir sind das Volk" auf die Straße, ohne dass die befürchtete gewaltsame Niederschlagung erfolgt. Am 18. Oktober stürzt SED-Chef Erich Honecker über die eigene Parteiführung. Am Abend des 9. November verkündet sein Nachfolger-Funktionär Günter Schabowski auf einer live übertragenen Pressekonferenz, auf Nachfrage des italienischen Journalisten Riccardo Ehrman missverständlich und beiläufig, neue Reiseregelungen für DDR-Bürger träten „sofort, unverzüglich" in Kraft. Noch am selben Abend strömen Zehntausende an die Berliner Grenzübergänge; am Grenzübergang Bornholmer Straße öffnet Oberstleutnant Harald Jäger gegen 23:30 Uhr auf eigene Verantwortung die Schlagbäume, weitere Übergänge folgen kurz vor Mitternacht — die Berliner Mauer ist nach 28 Jahren gefallen. Was in Berlin beginnt, erreicht binnen Stunden auch Schleswig-Holstein: In Lübeck-Schlutup, dem nördlichsten innerdeutschen Grenzübergang, rollt kurz vor 22 Uhr der erste blaue Trabant im Scheinwerferlicht über die Grenze, gefolgt von einem scheinbar endlosen Strom weiterer Fahrzeuge. Der Lübecker Anwohner Horst Schwanke, der auf seinem gewohnten Abendspaziergang unterwegs ist, gehört zu den Ersten, die die ankommenden DDR-Bürger begrüßen; binnen weniger Wochen staut sich der Verkehr rund um die Uhr durch den kleinen Ortsteil. Auch in Kiel bilden sich in den Novembertagen lange Schlangen vor Banken und Sparkassen — DDR-Besucher holen sich ihr Begrüßungsgeld von 100 D-Mark ab, insgesamt zahlt der Bund allein in diesen Wochen rund vier Milliarden Mark aus. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Björn Engholm, der 1988/89 zugleich als Bundesratspräsident amtiert, erlebt die Umwälzung an prominenter Stelle im föderalen Gefüge und spricht später von einem „zutiefst bewegenden Moment". Die Teilung Deutschlands, die auch die Ostseeküste bis vor die Haustür der Kieler Förde reichte, beginnt sich in dieser einen Nacht endgültig aufzulösen.
Kommunalwahl in der DDR: Amtliche 98,85 Prozent — von Bürgerrechtlern widerlegt

Am 7. Mai sind die Bürger der DDR zu den Kommunalwahlen aufgerufen — turnusmäßig die einzige Wahl, die das Land in diesem Jahr abhält. Zur Wahl steht, wie stets, allein die Einheitsliste der Nationalen Front: SED, Blockparteien und Massenorganisationen haben die Kandidaten und ihre Reihenfolge vorab untereinander ausgehandelt, eine Gegenliste gibt es nicht. Wer zustimmt, wirft den Stimmzettel unverändert und ungefaltet in die Urne; die Wahlkabinen stehen in den meisten Lokalen leer, wer sie aufsucht, um Namen zu streichen, macht sich schon durch den Gang dorthin auffällig. Nach amtlicher Verkündung durch den zentralen Wahlleiter, SED-Politbüromitglied Egon Krenz, haben 98,77 Prozent der 12.488.742 Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben, und 98,85 Prozent der gültigen Stimmen entfielen auf die Einheitsliste — ein Ergebnis, wie es die DDR-Staatsführung seit Jahrzehnten meldet.
Diesmal jedoch bleibt der Widerspruch nicht aus. Erstmals organisieren kirchliche und oppositionelle Gruppen in zahlreichen Städten eine systematische Auszählungsbeobachtung, gestützt auf die eigene Vorschrift des DDR-Wahlgesetzes, wonach die Auszählung in den Wahllokalen öffentlich zu erfolgen hat. In Berlin-Weißensee tragen Bürgerrechtler die an mehreren Wahllokalen direkt am Auszählungstisch mitgezählten Nein-Stimmen zusammen und kommen, obwohl sie nur einen Teil der Lokale des Bezirks erfasst haben, bereits auf rund 95 Prozent der amtlich für den gesamten Bezirk verkündeten Nein-Stimmen. In Halle an der Saale protokollieren kirchliche Gruppen an etwa einem Fünftel der Wahllokale eigene Zählungen und finden darin bereits 68 Prozent der amtlich gemeldeten Nein-Stimmen des ganzen Kreises wieder. In Berlin-Friedrichshain dokumentiert Pfarrer Rainer Eppelmann die Unstimmigkeiten während der Auszählung am Wahlabend selbst. Eingaben und Beschwerden oppositioneller Gruppen an Wahlkommissionen und Staatsrat werden abgewiesen, das gesammelte Material verbreitet sich über kirchliche Kanäle und westliche Medien dennoch im ganzen Land. Für die kaum organisierte DDR-Opposition ist der öffentlich geführte Nachweis der Fälschung ein seltener Erfolg — und ein Fanal: In mehreren Städten treffen sich seither an jedem Siebten des Monats kleine Gruppen zu stillen Mahnwachen gegen die verfälschte Wahl, während die ohnehin angespannte Ausreise- und Übersiedlungsdebatte das Land in diesem Frühjahr weiter umtreibt.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Berlin (West), 29. Januar — Wahl zum Abgeordnetenhaus: CDU 37,7 %, SPD 37,3 %, Alternative Liste 11,8 %, Republikaner erstmals im Landesparlament mit 7,5 %. Nach der Wahlschlappe des bisherigen Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen bilden SPD und AL unter Walter Momper eine rot-grüne Koalition.
- Bundespräsidentenwahl, 23. Mai — Amtsinhaber Richard von Weizsäcker (CDU), einziger Bewerber, wird von der 9. Bundesversammlung in der Bonner Beethovenhalle mit 881 von 1.022 Stimmen im Amt bestätigt.
- Europawahl, 18. Juni — CDU/CSU 37,7 %, SPD 37,3 %, Grüne 8,4 %; die Republikaner ziehen mit 7,1 % erstmals in ein bundesweites Parlament ein, während die Grünen nach ihrem Rückschlag von 1984 wieder zulegen. Die Wahlbeteiligung steigt gegenüber 1984 von 57 auf 62,3 Prozent.
Blutiges Ende der Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens

Auslöser ist der Tod des zuvor entmachteten Reformpolitikers Hu Yaobang am 15. April; bereits zwei Tage später ziehen rund 2.000 Studenten der Pekinger Universitäten auf den Tiananmen-Platz, um seine Rehabilitierung zu fordern. Aus der Trauerkundgebung wird binnen weniger Wochen eine landesweite Demokratiebewegung: Am 13. Mai treten etwa 300 Studierende auf dem Platz in einen Hungerstreik, zeitweise demonstrieren nach Schätzungen bis zu einer Million Menschen in Peking mit ihnen. Reformgeneralsekretär Zhao Ziyang besucht am 19. Mai unter Tränen die Hungerstreikenden auf dem Platz — sein letzter öffentlicher Auftritt, kurz darauf wird er entmachtet und unter Hausarrest gestellt. Noch am selben Tag verhängt die Regierung erstmals seit Gründung der Volksrepublik 1949 das Kriegsrecht über Peking. Wochenlange Verhandlungen scheitern, und in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni lässt die Führung um Deng Xiaoping Panzer und bewaffnete Truppen der Volksbefreiungsarmee aus mehreren Richtungen auf den Platz vorrücken und die Proteste blutig niederschlagen. Die Zahl der Todesopfer bleibt bis heute umstritten — Peking spricht von rund 300 Toten, Menschenrechtsorganisationen gehen von bis zu 3.000 aus. Das Bild eines einzelnen Mannes, der sich am 5. Juni einer Panzerkolonne in den Weg stellt und vom US-Fotografen Jeff Widener festgehalten wird, geht um die Welt und wird zum Symbol für den Widerstand gegen die gewaltsame Niederschlagung der chinesischen Demokratiebewegung. Die westlichen Staaten, darunter die Bundesrepublik und die Europäische Gemeinschaft, verhängen in den Folgewochen Waffenembargos und diplomatische Sanktionen gegen Peking.
Solidarność gewinnt die halbfreien Wahlen in Polen

Vorausgegangen waren die Verhandlungen des „Runden Tisches", die vom 6. Februar bis zum 5. April 1989 in Warschau zwischen der kommunistischen Staatspartei PZPR unter Wojciech Jaruzelski, der wiederzugelassenen Gewerkschaft Solidarność und Vertretern der katholischen Kirche geführt wurden. Auf Seiten der Opposition prägen Berater wie Tadeusz Mazowiecki, Bronisław Geremek, Jacek Kuroń und Adam Michnik die Verhandlungen; im Ergebnis wird Solidarność wieder legalisiert und halbfreie Wahlen werden vereinbart. Am selben Tag, an dem in Peking Panzer auffahren, wählt Polen zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg teilweise frei: Bei den Wahlen erringt die Bürgerbewegung Solidarność alle 161 frei zu vergebenden Sitze im Sejm sowie — nach der Stichwahl am 18. Juni — 99 von 100 Sitzen im neu geschaffenen Senat. Am 19. Juli wählt der Sejm Jaruzelski mit denkbar knapper Mehrheit von nur einer Stimme zum Staatspräsidenten, ehe im August/September mit Tadeusz Mazowiecki erstmals ein Nicht-Kommunist Ministerpräsident eines Ostblockstaates wird. Der überwältigende Sieg der Gewerkschaftsbewegung um Lech Wałęsa markiert den Anfang vom Ende der kommunistischen Herrschaft in Polen und ebnet den Weg für die Umwälzungen, die im selben Jahr auch die DDR, die Tschechoslowakei und Ungarn erfassen.
Sturz und Hinrichtung des rumänischen Diktators Ceaușescu

Seit 1965 regiert Nicolae Ceaușescu Rumänien mit einem ausufernden Personenkult und der gefürchteten Geheimpolizei Securitate; ein rigider Sparkurs zur Tilgung der Auslandsschulden hat die Bevölkerung in den achtziger Jahren in bittere Armut gestürzt. Am 16. Dezember eskaliert im westrumänischen Timișoara der Protest gegen die geplante Zwangsversetzung des reformierten Pfarrers László Tőkés: Hunderte, später Tausende Demonstranten verschiedener Volksgruppen stellen sich Miliz und Securitate entgegen. In der Nacht zum 17. Dezember eröffnen Sicherheitskräfte das Feuer auf die Menge, Dutzende Tote werden von der Securitate heimlich nach Bukarest zur Einäscherung gebracht, um die wahre Opferzahl zu verschleiern. Ein Generalstreik am 19. Dezember und der Unmut greifen binnen weniger Tage auf Bukarest über: Bei einer Kundgebung am 21. Dezember, live im Fernsehen übertragen, wird Ceaușescu erstmals von der eigenen Menge ausgebuht und muss die Rede fassungslos abbrechen. Am 22. Dezember läuft das Militär zur Bevölkerung über, Ceaușescu flieht mit seiner Frau Elena per Hubschrauber aus Bukarest — beide werden noch am selben Tag bei Târgoviște festgenommen. Nach einem summarischen Schnellprozess wegen Völkermords werden die Ceaușescus am 25. Dezember um 14:50 Uhr von einem Erschießungskommando hingerichtet, die Aufnahmen der Exekution werden im rumänischen Fernsehen ausgestrahlt. Die Macht übernimmt die provisorische Front zur Nationalen Rettung unter Ion Iliescu. Landesweit kommen im Zuge der Revolution über 1.000 Menschen ums Leben — als einziges Land des Ostblocks erlebt Rumänien 1989 einen gewaltsamen Umsturz mit gefilmter Exekution des Staatschefs, ein Kontrastbild zu den weitgehend friedlichen Revolutionen andernorts.
Chomeini verhängt die Fatwa gegen Salman Rushdie

Der Roman „Die satanischen Verse" war am 26. September 1988 beim Verlag Viking Press erschienen und hatte wegen angeblich blasphemischer Passagen über den Propheten Mohammed bereits zuvor Empörung in mehreren muslimischen Ländern ausgelöst; Indien verhängte noch im Erscheinungsjahr ein Importverbot. Am 14. Januar 1989 wird das Buch bei einer Demonstration im nordenglischen Bradford öffentlich verbrannt, das Bild geht um die Welt. Nur wenige Wochen später, am 12. Februar, werden bei Protesten gegen das Buch in Pakistan mehrere Menschen getötet. Am 14. Februar schließlich ruft der iranische Revolutionsführer Ayatollah Chomeini in einer Fatwa alle Muslime der Welt dazu auf, den britisch-indischen Schriftsteller Salman Rushdie und die Verleger des Romans wegen angeblicher Gotteslästerung zu töten; iranische Organisationen setzen zusätzlich ein Kopfgeld auf ihn aus. Rushdie muss fortan jahrelang unter dem Schutz der britischen Polizei im Untergrund leben, während sich mehrere seiner Übersetzer und Verleger in den folgenden Jahren tödlichen Anschlägen ausgesetzt sehen. Der Fall markiert einen der ersten großen Konflikte zwischen freier Meinungsäußerung und religiösem Fundamentalismus im Zeitalter der Globalisierung.
Tod Ayatollah Chomeinis stürzt Iran in kollektive Staatstrauer

In der Nacht zum 3. Juni 1989 stirbt Ayatollah Ruhollah Chomeini, der Begründer und erste Revolutionsführer der Islamischen Republik Iran, im Alter von 86 Jahren in einem Krankenhaus bei Teheran. Vorausgegangen waren mehrere Herzinfarkte binnen weniger Tage sowie eine Operation wegen innerer Blutungen im Verdauungstrakt, von der sich Chomeini nicht mehr erholt. Der schiitische Geistliche hatte 1979 den Sturz von Schah Mohammad Reza Pahlavi angeführt und den Iran in den zehn Jahren danach als Oberster Führer geprägt — von der Geiselnahme in der US-Botschaft über den achtjährigen Krieg gegen den Irak bis zur wenige Monate zuvor verhängten Fatwa gegen Salman Rushdie.
Bei der Beerdigung am 6. Juni strömen nach Schätzungen mehrere Millionen Trauernde nach Teheran; das Chaos um den offenen Sarg eskaliert derart, dass die Menge das Leichenfahrzeug stürmt, das Leichentuch zerreißt und der Leichnam zu Boden fällt — die Beisetzung muss unterbrochen und später unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen nachgeholt werden; mehr als zehn Menschen sterben in den Menschenmassen, über 10.000 werden verletzt. Der von Chomeini selbst als Nachfolger wenig favorisierte Ali Chamenei, bis dahin Staatspräsident, wird bereits am 4. Juni vom Expertenrat zum neuen Obersten Führer bestimmt, obwohl ihm zu diesem Zeitpunkt noch der geistliche Rang eines Ayatollahs fehlt — eine Nachfolgeregelung, die die Machtstrukturen der Islamischen Republik bis heute prägt.
Paneuropäisches Picknick reißt erstes Loch in den Eisernen Vorhang

Am ungarisch-österreichischen Grenzübergang zwischen Sankt Margarethen im Burgenland und Sopronkőhida organisieren das oppositionelle Ungarische Demokratische Forum und die Paneuropa-Union unter der Schirmherrschaft des CSU-Europaabgeordneten Otto von Habsburg und des ungarischen Staatsministers Imre Pozsgay ein grenzüberschreitendes Picknick für ein offenes Europa. Amtlich genehmigt ist lediglich eine symbolische Öffnung des Grenztors von 15 bis 18 Uhr — doch kurz vor Beginn strömen bereits DDR-Urlauber heran, die Absperrung wird aufgerissen, und in drei Wellen nutzen zwischen 600 und 700 DDR-Bürger die kurze Lücke, um unkontrolliert nach Österreich zu fliehen. Es ist die größte Massenflucht aus der DDR seit dem Mauerbau 1961.
Für die Organisatoren, die mit der Aktion zugleich testen wollen, wie Moskau auf eine faktische Grenzöffnung reagiert, bleibt die von sowjetischer Seite ausbleibende Intervention ein entscheidendes Signal. Wenige Wochen später, am 11. September, öffnet Ungarn seine Grenze zu Österreich dann offiziell und dauerhaft für alle DDR-Bürger — der erste sichtbare Riss im Eisernen Vorhang, der über den Herbst hinweg die Kette der Ereignisse bis zum Mauerfall am 9. November mit in Gang setzt.
Erdbeben der Stärke 7,1 erschüttert San Francisco

Um 17:04 Uhr Ortszeit reißt ein Erdbeben der Magnitude 7,1 mit Epizentrum nahe dem Berg Loma Prieta in den Santa-Cruz-Bergen die Bucht von San Francisco auf — das stärkste Beben in der Region seit der großen Katastrophe von 1906. Die gut 15 Sekunden dauernden Erschütterungen richten bis in 110 Kilometer Entfernung schwere Schäden an: Ein Teilstück der oberen Fahrbahn der San Francisco–Oakland Bay Bridge stürzt ein, in Oakland bricht der doppelstöckige Cypress-Street-Viadukt der Interstate 880 zusammen und begräbt zahlreiche Autofahrer unter sich. Insgesamt sterben 62 Menschen, der Sachschaden beläuft sich auf rund sechs Milliarden US-Dollar.
Besondere Aufmerksamkeit erhält das Beben, weil es sich wenige Minuten vor Anpfiff des dritten Spiels der Baseball-World Series zwischen den Oakland Athletics und den San Francisco Giants im Candlestick Park ereignet — landesweit sind bereits die Fernsehkameras für die Live-Übertragung des „Bay Bridge Series" genannten Duells eingeschaltet, sodass Millionen Zuschauer das Beben, kurz bevor es zum Stromausfall im Stadion kommt, live mitverfolgen. Ein Geologe hatte wenige Tage zuvor unter der scherzhaften Überschrift „Is 'World Series' Quake Coming?" öffentlich vor einem bevorstehenden Beben gewarnt.
Samtene Revolution beendet die kommunistische Herrschaft in der Tschechoslowakei

Nur eine Woche nach dem Berliner Mauerfall schlägt die Prager Polizei am 17. November eine genehmigte Gedenkdemonstration von Studierenden zum 50. Jahrestag der Schließung tschechischer Hochschulen durch die Nationalsozialisten brutal nieder; rund 600 Menschen werden verletzt. Aus dem Protest erwächst binnen Tagen eine landesweite Bewegung: Am 19. November gründet sich unter Führung des Dramatikers und Dissidenten Václav Havel das Bürgerforum, in der Slowakei formiert sich parallel die Bewegung „Öffentlichkeit gegen Gewalt". Immer wieder tritt auch Alexander Dubček, das Symbol des 1968 niedergeschlagenen Prager Frühlings, an die Seite der Demonstranten. Am 24. November tritt die gesamte Führung der Kommunistischen Partei um Generalsekretär Miloš Jakeš zurück, am 27. November legen bei einem zweistündigen Generalstreik bis zu 80 Prozent der Beschäftigten landesweit die Arbeit nieder.
Weil sich der gesamte Umsturz — anders als zur selben Zeit in Rumänien — nahezu ohne Gewalt vollzieht, prägt sich im Westen rasch der Begriff „Samtene Revolution". Am 29. Dezember wählt das Parlament Václav Havel zum Staatspräsidenten der Tschechoslowakei; binnen weniger Wochen ist damit auch das letzte kommunistisch regierte Land Mitteleuropas neben der DDR in die Reihe der demokratischen Umbrüche des Jahres 1989 eingetreten.
US-Truppen stürzen mit „Operation Just Cause" den Diktator Noriega in Panama

Nach Jahren wachsender Spannungen um Drogenhandel, annullierte Wahlen im Mai 1989 und wiederholte Übergriffe auf US-Bürger — darunter die tödliche Erschießung eines US-Soldaten an einer Straßensperre am 16. Dezember — befiehlt US-Präsident George H. W. Bush in der Nacht zum 20. Dezember den Einmarsch von rund 26.000 amerikanischen Soldaten unter Führung von General Maxwell Thurman in Panama. Ziel der „Operation Just Cause" genannten Invasion ist die Entmachtung des Machthabers Manuel Noriega, der als Drogenpate gesucht wird, sowie die Einsetzung des bei der annullierten Wahl eigentlich siegreichen Guillermo Endara als Präsidenten, der noch am selben Tag vereidigt wird. Die Kampfhandlungen gegen Noriegas Verteidigungsstreitkräfte sind binnen weniger Tage entschieden, wenngleich vereinzelte Gefechte bis Anfang Januar andauern.
Noriega selbst entzieht sich der Festnahme zunächst durch Zuflucht in der Nuntiatur des Vatikans in Panama-Stadt, ehe er nach tagelanger Belagerung — US-Soldaten beschallen das Gebäude unter anderem mit Rockmusik — am 3. Januar 1990 kapituliert und in die USA ausgeflogen wird, wo er später wegen Drogenhandels verurteilt wird. Die Invasion, die größte US-Militäroperation seit dem Vietnamkrieg, kostet rund 23 amerikanische Soldaten, mehrere hundert panamaische Kombattanten sowie eine bis heute umstrittene Zahl ziviler Todesopfer das Leben.
AM RANDE NOTIERT
- Am 24. März läuft der Öltanker Exxon Valdez vor Alaska auf ein Riff; rund 40.000 Tonnen Rohöl verseuchen den Prince-William-Sund — eine der größten Umweltkatastrophen der Schifffahrtsgeschichte.
- Bei der Kieler Werft HDW endet 1989 der klassische U-Boot-Bau am Standort Süd — während die Welt sich neu ordnet, verändert sich auch das traditionsreiche Kieler Werftgeschehen an der Förde.
- Am 12. März legt der Brite Tim Berners-Lee am Genfer Forschungszentrum CERN sein Konzeptpapier für ein vernetztes Hypertext-System vor — die unscheinbare Geburtsstunde des späteren World Wide Web, das sein Vorgesetzter zunächst nur als „vage, aber interessant" abtut.
- Am 18. Oktober wird SED-Chef Erich Honecker von der eigenen Parteiführung zum Rücktritt gezwungen; Nachfolger als Generalsekretär und Staatsratsvorsitzender wird Egon Krenz — ein weiteres Fanal für die Auflösung der DDR-Führung in diesem Herbst.
SPORT · 1989
Auch 1989 bleibt die Tennisbühne fest in deutscher Hand: Steffi Graf gewinnt mit den Australian Open, den French Open und Wimbledon (Finalsieg gegen Martina Navratilova) drei der vier Grand-Slam-Turniere und schließt das Jahr mit einer Bilanz von 86 Siegen bei nur zwei Niederlagen ab; einzig im US-Open-Finale unterliegt sie zunächst Navratilova im ersten Satz, ehe sie sich noch zum Titel zurückkämpft. Boris Becker bleibt mit Wimbledon- und US-Open-Titel ebenfalls an der Weltspitze. Im Fußball führt der FC Bayern München die Bundesliga an, während in der Handball-Bundesliga der THW Kiel mit 17 Siegen und 34:18 Punkten Vizemeister wird — Meister werden zum dritten Mal die TUSEM Essen, doch die Förde-Handballer bestätigen mit dieser Saison ihren Aufstieg in die nationale Spitzengruppe. Eine Fußball-Weltmeisterschaft oder Olympische Spiele stehen in diesem von weltpolitischen Umbrüchen geprägten Jahr nicht an — das Sportjahr wirkt fast wie eine Verschnaufpause vor dem historischen Herbst, der die Welt 1989 sonst erfasst.
MODE · 1989
Aus den Clubs Londons und Ibizas schwappt die Acid-House- und Rave-Kultur nach Europa: Bereits im Sommer 1987 hatten DJs wie Danny Rampling und Paul Oakenfold auf Ibiza den von DJ Alfredo geprägten „Balearic"-Mixstil kennengelernt und ihn in Londoner Clubs wie dem von Rampling gegründeten „Shoom" heimisch gemacht; 1988/89 wird daraus die sogenannte „Second Summer of Love", die von dort aus ganz Großbritannien und den Kontinent erfasst. Das gelbe Smiley-Symbol, weite T-Shirts und übergroße Hosen werden zur Uniform einer jungen Bewegung, die sich bewusst von der körperbetonten, glamourösen Mode der frühen Achtziger absetzt — ein Vorbote der neunziger Jahre.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1989
- Erste Loveparade zieht durch Berlin (1. Juli). Rund 150 junge Leute feiern unter dem Motto Frieden und Völkerverständigung über den Kurfürstendamm – der bescheidene Auftakt einer Bewegung, die binnen weniger Jahre zum größten Techno-Umzug der Welt anwächst.
- Physik-Nobelpreis für Wolfgang Paul (Oktober). Der Bonner Physiker wird gemeinsam mit dem gebürtig deutschen Hans Dehmelt und Norman Ramsey für die Entwicklung der Ionenfallen-Technik ausgezeichnet – Grundlagenforschung mit Signalwirkung bis in die heutige Präzisionsmesstechnik.
- Friedensnobelpreis für den Dalai Lama (5. Oktober). Das Osloer Nobelkomitee würdigt den gewaltlosen Einsatz des tibetischen Oberhaupts für die Menschenrechte seines Volkes – ein Hoffnungszeichen mitten in einem Jahr voller weltpolitischer Umbrüche.
- Jochen Schümann gewinnt die Soling-Klasse bei der Kieler Woche (16.–25. Juni). Der Olympiasieger aus Ost-Berlin siegt auf der Kieler Förde souverän vor westdeutscher Konkurrenz – ein sportlicher Vorgeschmack auf das Zusammenwachsen, das nur wenige Monate später mit dem Mauerfall beginnt.
DAS WETTER · 1989 in Kiel
An diesem 13. Juli war es an der Förde ein milder Sommertag: Höchstwert 19,2 °C, in der Nacht 13,0 °C, im Mittel 14,9 °C; etwas Regen (0,9 mm).
Das Jahr über: Im Mittel 9,7 °C — ein sehr mildes Jahr. Wärmster Tag 31,9 °C am 7. Juli, kältester −7,0 °C am 2. Dezember. 1 Hitzetag (≥ 30 °C), 2 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 680 mm.
(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1989
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.
- Looking for Freedom — David Hasselhoff
- Das Omen (Teil 1) — Mysterious Art
- The First Time — Robin Beck
- The Look — Roxette
- Lambada — Kaoma
- Like a Prayer — Madonna
- Swing the Mood — Jive Bunny & the Mastermixers
- She Drives Me Crazy — Fine Young Cannibals
- The Way to Your Heart — Soul Sisters
- Don't Worry, Be Happy — Bobby McFerrin
- Something's Gotten Hold of My Heart — Marc Almond
- Lullaby — The Cure
- Americanos — Holly Johnson
- French Kiss — Lil Louis
- Eternal Flame — Bangles
- Twist in My Sobriety — Tanita Tikaram
- Straight Up — Paula Abdul
- Love Is a Shield — Camouflage
- Belfast Child (Ballad of the Streets) — Simple Minds
- Orinoco Flow — Enya
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).