DER CHRONIST
Ein Jahr, in dem Grenzen fallen und neue gezogen werden: Ein geteiltes Land wird eins, ein Gefangener von 27 Jahren tritt frei ins Licht, und kaum ist der Kalte Krieg zu Ende, droht am Golf schon der nächste. Schon im März reißt Litauen als erste Sowjetrepublik den ersten Riss in die untergehende Sowjetunion, im Mai finden Nord- und Südjemen am Roten Meer zu einem Staat zusammen, und im Dezember wählt Polen mit Lech Wałęsa erstmals seit Jahrzehnten sein Staatsoberhaupt frei. Hoch über alldem öffnet mit dem Weltraumteleskop Hubble ein neues Auge der Menschheit den Blick ins All. Dazwischen jubelt die Republik über einen dritten Stern — und über der Förde tobt im Spätwinter ein Orkan, wie ihn Schleswig-Holstein selten erlebt hat.
Die DDR tritt bei: Deutschland ist wieder eins

Um 0:00 Uhr vollzieht sich, was noch vor zwei Jahren undenkbar schien: Gemäß Artikel 23 des Grundgesetzes tritt die Deutsche Demokratische Republik der Bundesrepublik bei, geregelt im Einigungsvertrag vom 31. August. Vorausgegangen war der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989, Ergebnis monatelanger Montagsdemonstrationen in Leipzig unter der Losung „Wir sind das Volk" und des Rücktritts von SED-Chef Erich Honecker bereits am 18. Oktober 1989. Der Weg zur staatlichen Einheit führt über die erste freie Volkskammerwahl am 18. März, bei der überraschend die „Allianz für Deutschland" mit 48 Prozent siegt — deutlich vor der SPD mit rund 22 Prozent und der SED-Nachfolgepartei PDS mit rund 16 Prozent, bei einer Wahlbeteiligung von über 93 Prozent. CDU-Politiker Lothar de Maizière bildet daraufhin eine große Koalition und wird Ministerpräsident der DDR. Es folgt die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion am 1. Juli, die der D-Mark zur alleinigen Währung in der DDR macht und Löhne wie kleinere Sparguthaben im Verhältnis 1:1 umtauscht. International abgesichert wird der Prozess durch den Zwei-plus-Vier-Vertrag der vier Siegermächte mit beiden deutschen Staaten (siehe „Lichtblicke").
Im Kronprinzenpalais Unter den Linden in Ost-Berlin unterzeichnen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und der DDR-Staatssekretär Günther Krause am 31. August den rund tausendseitigen Einigungsvertrag — in nur acht Wochen ausgehandelt. Er regelt den Beitritt der fünf wiedergegründeten Länder Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie zahllose Detailfragen von Eigentum über Recht bis Verwaltung. Am Abend des 3. Oktober wird vor dem Reichstag in Berlin die Bundesflagge gehisst, Bundespräsident Richard von Weizsäcker spricht zu Hunderttausenden, Glocken läuten im ganzen Land — auch in Kiel. Der 3. Oktober wird fortan als Tag der Deutschen Einheit Nationalfeiertag. Für die neuen Länder beginnt zugleich ein tiefgreifender wirtschaftlicher Umbruch: Die eigens gegründete Treuhandanstalt übernimmt Abwicklung und Privatisierung tausender DDR-Betriebe, in den Folgejahren gehen Hunderttausende Arbeitsplätze verloren — der Preis der Einheit zeigt sich erst allmählich.
Volkskammerwahl: Die Allianz für Deutschland siegt deutlicher als erwartet

Bei einer Wahlbeteiligung von 93,4 Prozent der gut 12,4 Millionen Wahlberechtigten gewinnt die „Allianz für Deutschland" aus CDU, der neu gegründeten Deutschen Sozialen Union (DSU) und dem Demokratischen Aufbruch die erste — und, wie sich zeigen wird, einzige — freie Wahl zur Volkskammer der DDR: 48,0 Prozent und 192 der 400 Sitze, deutlich mehr, als Umfragen vor der Wahl erwarten ließen. Die SPD kommt nur auf 21,9 Prozent (88 Sitze), die SED-Nachfolgepartei PDS auf 16,4 Prozent (66 Sitze). Der Bund Freier Demokraten, ein Wahlbündnis liberaler Parteien, erreicht 5,3 Prozent (21 Sitze). Für das Bündnis 90 — den Zusammenschluss von Neuem Forum, Demokratie Jetzt und der Initiative für Frieden und Menschenrechte, aus dessen Reihen die Herbstrevolution maßgeblich getragen wurde — reicht es nur zu 2,9 Prozent und 12 Sitzen: Die Bürgerbewegungen, die im Herbst die Straße füllten, bleiben an der Wahlurne klein.
Die klare Mehrheit für die Allianz gilt als Votum für eine rasche Vereinigung mit der Bundesrepublik nach Artikel 23 des Grundgesetzes und gegen die von Teilen der Bürgerbewegung und des Runden Tisches favorisierte langsamere Annäherung über einen neuen, gemeinsamen Verfassungsentwurf. CDU-Spitzenkandidat Lothar de Maizière bildet in der Folge eine große Koalition aus Allianz, SPD und Liberalen und wird als erster und letzter frei gewählter Ministerpräsident der DDR vereidigt — mit dem erklärten Ziel, sich möglichst rasch selbst überflüssig zu machen.
Die übrigen Wahlgänge in der untergehenden DDR:
- Kommunalwahlen der DDR, 6. Mai — CDU 30,4 %, SPD 21,0 %, PDS 14,0 %, Beteiligung rund 75 %. Erste und zugleich letzte freie Kommunalwahl der DDR-Geschichte, noch vor der Währungsunion.
Bundestagswahl: Kohl wird als „Kanzler der Einheit" klar bestätigt

Am 2. Dezember findet die erste gesamtdeutsche Wahl seit 1932 statt: 60,4 Millionen Wahlberechtigte in Ost und West sind aufgerufen, den 12. Deutschen Bundestag zu bestimmen, die Wahlbeteiligung liegt bei 77,8 Prozent. Kanzler Helmut Kohls Union gewinnt mit 43,8 Prozent und 319 der nun 662 Sitze deutlich vor der SPD unter Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine mit 33,5 Prozent (239 Sitze); die FDP unter Außenminister Hans-Dietrich Genscher verbessert sich auf 11,0 Prozent (79 Sitze). Einmalig gilt die Fünf-Prozent-Hürde getrennt für die Wahlgebiete Ost und West: So zieht die PDS mit bundesweit 2,4, im Osten aber gut elf Prozent mit 17 Abgeordneten ein, ebenso das ostdeutsche Bündnis 90/Die Grünen mit bundesweit 1,2 Prozent und acht Sitzen — die westdeutsche Grüne Partei dagegen kommt bundesweit nur auf 3,8 Prozent, verfehlt im Westen die dort geltende Fünf-Prozent-Hürde und fliegt erstmals seit 1983 aus dem Bundestag.
Kohl, von den eigenen Anhängern als Architekt der Einheit gefeiert, bildet mit der FDP seine vierte Koalitionsregierung. Im Wahlkampf hatte er den Menschen in den neuen Ländern rasch „blühende Landschaften" versprochen — Zweifel daran werden erst nach der Wahl lauter, als die Auflösung tausender DDR-Betriebe durch die Treuhandanstalt sichtbar Fahrt aufnimmt (siehe Punkt 1). Für den Wahlabend aber überwiegt im ganzen Land die Genugtuung: Zum ersten Mal seit fast sechs Jahrzehnten hat ganz Deutschland frei über seine Regierung entschieden.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Saarland, 28. Januar — SPD 54,4 %, CDU 33,4 %. Oskar Lafontaine regiert mit absoluter Mehrheit weiter.
- Niedersachsen, 13. Mai — SPD 44,2 %, CDU 42,0 %. Gerhard Schröder löst Ernst Albrecht ab und bildet eine rot-grüne Koalition.
- Nordrhein-Westfalen, 13. Mai — SPD 50,0 %, CDU 36,7 %. Johannes Rau regiert mit absoluter Mehrheit weiter.
- Bayern, 14. Oktober — CSU 54,9 %, SPD 26,0 %. Ministerpräsident Max Streibl, Nachfolger des 1988 verstorbenen Franz Josef Strauß, bleibt im Amt.
- Brandenburg, 14. Oktober — SPD 38,2 %, CDU 29,4 %. Manfred Stolpe bildet eine Koalition aus SPD, FDP und Bündnis 90 und wird erster Ministerpräsident des wiedergegründeten Landes.
- Mecklenburg-Vorpommern, 14. Oktober — CDU 39,4 %, SPD 27,0 %. Alfred Gomolka bildet eine CDU-FDP-Koalition.
- Sachsen, 14. Oktober — CDU 54,4 %, SPD 19,1 %. Kurt Biedenkopf regiert mit absoluter Mehrheit allein.
- Sachsen-Anhalt, 14. Oktober — CDU 39,0 %, SPD 26,0 %. Gerd Gies bildet eine CDU-FDP-Koalition.
- Thüringen, 14. Oktober — CDU 45,4 %, SPD 22,8 %. Josef Duchač bildet eine CDU-FDP-Koalition.
- Berlin (Abgeordnetenhaus), 2. Dezember — CDU 40,4 %, SPD 30,4 %, Beteiligung 80,8 %. Erste gesamtberliner Wahl seit 1946, zeitgleich mit der Bundestagswahl.
Golfkrise beginnt: Irak überfällt Kuwait

Mit rund 100.000 Soldaten überfällt der Irak unter Saddam Hussein das Nachbaremirat Kuwait und hat noch am selben Tag die Hauptstadt unter Kontrolle. Vorausgegangen waren Streit über die irakischen Kriegsschulden aus dem acht Jahre währenden Krieg gegen den Iran (1980–1988), Vorwürfe gegen Kuwait wegen angeblichen Anzapfens des gemeinsamen Ölfelds Rumaila und einer den Ölpreis drückenden Überproduktion. Der UN-Sicherheitsrat verurteilt die Invasion mit Resolution 660 umgehend und fordert den „sofortigen und bedingungslosen Rückzug" — vergeblich: Kuwait wird annektiert, Emir Jaber al-Ahmad al-Sabah flieht nach Saudi-Arabien. Es folgen ein UN-Handelsembargo (Resolution 661) und der massive Aufmarsch einer US-geführten Koalition unter dem Decknamen „Desert Shield" in Saudi-Arabien. Der Ölpreis schnellt in die Höhe, auch an bundesdeutschen Tankstellen steigen die Preise spürbar. Die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Kohl beteiligt sich, durch das Grundgesetz an einen „Out-of-area"-Einsatz der Bundeswehr gehindert, zunächst mit Milliardenzahlungen an die Golf-Allianz und entsendet Minenräumboote der Marine ins Mittelmeer — eine für die Nachkriegsarmee ungewöhnliche Rolle, die die Debatte um Auslandseinsätze der Bundeswehr für Jahre prägen wird. Fünf Monate nach der Invasion, in der Nacht zum 17. Januar 1991, beginnt die internationale Koalition mit der Operation „Desert Storm" den Gegenschlag. Kaum ist der Ost-West-Konflikt entschärft, zeigt der Nahe Osten, wie fragil der Frieden in der neuen Weltordnung bleibt.
Nelson Mandela ist frei

Seit der Einführung der Apartheid 1948 kämpft der 1912 gegründete African National Congress (ANC) gegen die Rassentrennung in Südafrika. Nach dem Massaker von Sharpeville 1960 und dem Verbot der Organisation gründet Nelson Mandela den bewaffneten ANC-Flügel Umkhonto we Sizwe, wird 1962 verhaftet und im Rivonia-Prozess 1964 wegen Sabotage zu lebenslanger Haft verurteilt. Es folgen 27 Jahre Haft, davon rund 18 Jahre auf der Gefängnisinsel Robben Island, später in den Gefängnissen Pollsmoor und Victor Verster. International wächst über die Jahrzehnte eine Solidaritätsbewegung mit Wirtschaftssanktionen, Sport- und Kulturboykotten — auch in der Bundesrepublik unterstützen Anti-Apartheid- Gruppen seit den 1970er-Jahren Boykottkampagnen etwa gegen südafrikanisches Obst und Wein. Am 2. Februar 1990 kündigt Staatspräsident Frederik Willem de Klerk vor dem südafrikanischen Parlament die Aufhebung des Verbots von ANC, PAC und Kommunistischer Partei an; neun Tage später, am 11. Februar, wird Mandela aus dem Victor-Verster-Gefängnis bei Paarl entlassen — Hand in Hand mit seiner Frau Winnie Mandela. Nur Stunden später spricht er vom Balkon des Kapstädter Rathauses zu einer jubelnden Menge, dankt seinen Unterstützern weltweit und erklärt, die Apartheid habe keine Zukunft mehr, auch wenn der bewaffnete Kampf noch nicht sofort für beendet erklärt wird. Die Bilder gehen um die Welt und werden zum Symbol dafür, dass friedlicher Wandel selbst scheinbar unerschütterliche Machtsysteme zu Fall bringen kann. Es ist der Auftakt zu den Verhandlungen am „Runden Tisch" (CODESA) über eine demokratische Verfassung: 1991 wird Mandela ANC-Präsident, 1993 erhält er gemeinsam mit de Klerk den Friedensnobelpreis, und im April 1994 führen die ersten freien Wahlen Südafrikas ihn am 10. Mai ins Präsidentenamt.
Dritter Stern: Deutschland wird Fußball-Weltmeister

Nach den verlorenen Endspielen 1982 und 1986 (jeweils gegen Italien beziehungsweise Argentinien) reist die deutsche Elf unter Teamchef Franz Beckenbauer mit Kapitän Lothar Matthäus, Torwart Bodo Illgner und Angreifern wie Jürgen Klinsmann und Rudi Völler zur WM nach Italien. Nach Siegen in der Gruppenphase folgt im Achtelfinale ein hitziges 2:1 gegen die Niederlande, bei dem Rudi Völler und der Niederländer Frank Rijkaard nach einem Wortgefecht und einer Bespuck-Szene beide vom Platz fliegen. Im Viertelfinale bezwingt Deutschland die Tschechoslowakei 1:0 durch einen Foulelfmeter von Matthäus, im Halbfinale reicht es gegen England nach Verlängerung nur zu einem 1:1 — das Elfmeterschießen gewinnt Deutschland mit 4:3, nachdem die Engländer Stuart Pearce und Chris Waddle verschießen. Im Olympiastadion von Rom gewinnt die deutsche Nationalmannschaft vor rund 73.600 Zuschauern das WM-Finale gegen Argentinien mit 1:0 — Andreas Brehme verwandelt in der 85. Minute einen umstrittenen Foulelfmeter nach einem Foul an Rudi Völler. Argentinien beendet die Partie nach zwei Platzverweisen (Pedro Monzón, dem ersten Feldverweis in einem WM-Finale, und Gustavo Dezotti) nur noch zu neunt; ein weinender Diego Maradona verlässt nach der Niederlage den Rasen. Es ist der dritte WM-Titel für die deutsche Elf und der erste Finalsieg eines europäischen Teams gegen eine südamerikanische Mannschaft; Beckenbauer wird als erster Mensch überhaupt Weltmeister sowohl als Kapitän (1974) als auch als Teamchef (1990). Nur drei Monate vor der Wiedervereinigung feiert ein noch geteiltes, aber bald vereintes Land gemeinsam auf den Straßen — auch an der Kieler Förde wird bis in den Morgen gefeiert.
Orkane »Vivian« und »Wiebke« fegen über Schleswig-Holstein

Binnen weniger Tage ziehen gleich zwei schwere Orkane über den Norden: Vivian (25.–27. Februar) und Wiebke (28. Februar/1. März), Teil einer Serie von acht Stürmen — darunter bereits im Januar und Anfang Februar „Daria" und „Herta" —, die von einem ungewöhnlich kräftigen Jetstream angetrieben werden und den Winter 1990 zum stürmischsten seit Menschengedenken machen. Auf Sylt fällt der Luftdruck auf 957 Hektopascal, in St. Peter-Ording werden Orkanböen von 148 km/h gemessen; in den Alpen misst die Wetterstation Wendelstein bei Vivian sogar 225 km/h. Allein für Vivian wird der versicherte Schaden in Deutschland auf rund 1,5 Milliarden Euro geschätzt, europaweit fordert der Sturm rund 64 Todesopfer, Wiebke weitere rund 35. Deutschlandweit fordern die Stürme 35 Menschenleben und richten Milliardenschäden an Wäldern, Häusern und Leitungen an — Forstexperten schätzen die Menge des umgeworfenen Holzes bundesweit auf 60 bis 70 Millionen Festmeter, etwa das Doppelte des jährlichen deutschen Holzeinschlags. Auch in Schleswig-Holstein bleiben umgestürzte Bäume, abgedeckte Dächer und tagelange Stromausfälle zurück, Zug- und Fährverkehr an Nord- und Ostseeküste kommen zeitweise zum Erliegen. Für die Küstenregion ist es eine der schwersten Sturmserien der Nachkriegszeit.
Litauen erklärt sich unabhängig

Als erste der fünfzehn Sowjetrepubliken bricht Litauen offen mit Moskau: Das im Februar frei gewählte Oberste Sowjet des Landes tritt am Abend des 11. März 1990 unter Vorsitz von Vytautas Landsbergis zusammen, erklärt die sowjetische Verfassung auf litauischem Gebiet für ungültig und ruft die Wiederherstellung der unabhängigen Republik Litauen aus — jenes Staates, den die Sowjetunion 1940 im Zuge des Hitler-Stalin-Pakts annektiert hatte. Landsbergis, Musikwissenschaftler und Vorsitzender der Unabhängigkeitsbewegung Sąjūdis, wird zum ersten Staatsoberhaupt des neuen, alten Litauen.
Moskau reagiert scharf: Kremlchef Michail Gorbatschow erklärt die Erklärung für nichtig, ab April verhängt die Sowjetunion eine Wirtschaftsblockade mit Öl- und Gaslieferstopp gegen die Republik, im Januar 1991 kommt es in Vilnius zu einem blutigen sowjetischen Militäreinsatz mit 14 Toten. Erst nach dem gescheiterten Moskauer Putsch gegen Gorbatschow erkennt die sowjetische Führung am 6. September 1991 die Unabhängigkeit Litauens sowie der Nachbarstaaten Lettland und Estland an. Der litauische Alleingang gilt rückblickend als früher Anfang vom Ende der Sowjetunion — ein Jahr, bevor auch sie selbst zerfällt.
Hubble startet: Ein neues Fenster ins All

Nach einem am 10. April wegen einer defekten Turbopumpe abgebrochenen ersten Anlauf hebt am 24. April 1990 die Raumfähre Discovery vom Kennedy Space Center in Florida ab und bringt mit der Mission STS-31 das Hubble-Weltraumteleskop ins All. An Bord sind unter anderen Kommandant Loren Shriver und die Astronautin Kathryn Sullivan; wenige Tage später setzt der Roboterarm der Fähre das gut 13 Tonnen schwere Teleskop in rund 610 Kilometern Höhe aus — oberhalb der störenden Erdatmosphäre, benannt nach dem US-Astronomen Edwin Hubble.
Schon kurz nach Betriebsbeginn zeigt sich ein Rückschlag: Der Hauptspiegel weist einen winzigen, aber folgenreichen Schleiffehler auf, der die Bilder zunächst unscharf macht — erst eine aufwendige Korrekturoptik, die eine Space-Shuttle-Crew 1993 nachrüstet, macht Hubble zu jenem Instrument, das in den Folgejahrzehnten mit gestochen scharfen Aufnahmen ferner Galaxien das Bild der Menschheit vom Universum verändert. 1990 aber ist der Start selbst schon die Sensation: Erstmals blickt ein optisches Teleskop dauerhaft von außerhalb der Atmosphäre ins All.
Nord- und Südjemen vereinigen sich

Am 22. Mai 1990 schließen sich die Jemenitische Arabische Republik (Nordjemen) und die marxistisch regierte Demokratische Volksrepublik Jemen (Südjemen) zur Republik Jemen zusammen — eine der wenigen Vereinigungen zweier zuvor getrennter arabischer Staaten der jüngeren Geschichte. Nordpräsident Ali Abdullah Salih, seit 1978 an der Macht, wird Staatspräsident des neuen Gesamtstaates mit Hauptstadt Sanaa, der bisherige Machthaber des Südens, Ali Salim al-Baid, sein Vizepräsident; die Hafenstadt Aden bleibt Wirtschaftszentrum des Landes.
Die Einheit bleibt fragil: Die beiden Armeen bestehen zunächst getrennt fort, der Süden fühlt sich politisch dominiert und wirtschaftlich benachteiligt, obgleich vor seiner Küste bedeutende Ölvorkommen entdeckt werden. Nach ersten freien Gesamtwahlen 1993 eskalieren die Spannungen weiter; 1994 erklärt der Süden den Austritt aus der Union, ein kurzer Bürgerkrieg endet mit dem Einmarsch nordjemenitischer Truppen in Aden und der Fortsetzung der Einheit unter nördlicher Dominanz. 1990 aber ist der 22. Mai zunächst ein Tag der Hoffnung — in einem Jahr, in dem an anderer Stelle der Welt ebenfalls Staaten neu zusammenfinden.
Ausreisewelle sowjetischer Juden erreicht Höhepunkt

Seit Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow ab 1987 die restriktive sowjetische Ausreisepolitik lockert, schwillt die Auswanderung jüdischer Bürgerinnen und Bürger aus der Sowjetunion Jahr für Jahr an; 1990 erreicht sie mit rund 171.000 Ausreisen ihren historischen Höhepunkt. Ausgelöst wird die Fluchtbewegung auch durch wachsenden Antisemitismus im Zuge des politischen und wirtschaftlichen Zerfalls des Landes; die meisten Ausreisenden gehen im Rahmen der „Alija" nach Israel, das in diesen Jahren fast eine Million sowjetische Juden aufnimmt und mit ihnen — vielfach gut ausgebildeten Fachkräften — eine Grundlage für den späteren Aufstieg zur Hightech-Nation legt.
Ein kleinerer, aber symbolisch bedeutsamer Teil der Bewegung führt auch nach Deutschland: Am 11. Juli 1990 beschließt der Ministerrat der noch bestehenden DDR unter Ministerpräsident Lothar de Maizière, sowjetischen Juden Einreise und dauerhaften Aufenthalt in der DDR zu gewähren — eine der letzten eigenständigen außenpolitischen Entscheidungen des untergehenden Staates, nur Wochen vor dessen Beitritt zur Bundesrepublik. Nach dem endgültigen Zerfall der Sowjetunion 1991 wird die Ausreise noch einmal leichter, und in den Folgejahren wächst gerade in den ostdeutschen Ländern eine neue jüdische Zuwanderergemeinde heran.
Wałęsa wird Polens erster frei gewählter Präsident

In der Stichwahl am 9. Dezember 1990 gewinnt Lech Wałęsa, Elektriker aus der Danziger Lenin-Werft und Gründer der Gewerkschaft Solidarność, mit 74,25 Prozent der Stimmen deutlich gegen den bis dahin unbekannten, lange in Kanada und Peru lebenden Geschäftsmann Stanisław Tymiński und wird damit erster frei gewählter Präsident Polens seit über sechs Jahrzehnten. Im ersten Wahlgang am 25. November hatte Wałęsa mit knapp 40 Prozent zwar klar vorn gelegen, war aber überraschend nicht gegen den amtierenden Ministerpräsidenten Tadeusz Mazowiecki angetreten, sondern gegen Tymiński, der aus dem Stand auf Platz zwei kam — Mazowiecki, seit 1989 erster nichtkommunistischer Regierungschef des Ostblocks, schied bereits in der ersten Runde aus.
Wałęsa, 1983 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, hatte die unabhängige Gewerkschaftsbewegung Solidarność bereits 1980 mit dem Streik auf der Danziger Werft mitbegründet und über die Jahre der Illegalität hinweg zum Symbol des gewaltlosen Widerstands gegen die kommunistische Herrschaft gemacht. Seine Wahl zum Staatsoberhaupt beschließt den 1989 mit dem Rundtischgespräch begonnenen friedlichen Systemwechsel in Polen — ein weiteres Kapitel in einem Jahr, das den Kommunismus in Mittel- und Osteuropa endgültig ablöst.
AM RANDE NOTIERT
- Das Land Schleswig-Holstein verkauft 1990 seine Anteile an den Howaldtswerken-Deutsche Werft (HDW) in Kiel — ein früher Schritt in der Umstrukturierung der norddeutschen Werftenlandschaft, die die Fördestadt noch Jahrzehnte beschäftigen wird.
- Vom 16. bis 24. Juni feiert Kiel die Kieler Woche — im Jahr der deutschen Einheit gestaltet die Schweizer Grafikerin Rosmarie Tissi das offizielle Plakat der Regatta an der Förde.
- Nach elf Jahren im Amt tritt Margaret Thatcher am 28. November als britische Premierministerin zurück, gestürzt von einer Revolte im eigenen Kabinett; Nachfolger wird John Major.
SPORT · 1990
Der dritte WM-Stern für die deutsche Elf ist bereits die Hauptschlagzeile dieser Ausgabe (siehe Punkt 4). Für Furore sorgt bei diesem Turnier auch Kamerun: Die „Unbezähmbaren Löwen" schlagen zur Eröffnung sogar Titelverteidiger Argentinien, erreichen als erste afrikanische Mannschaft das WM-Viertelfinale und begeistern mit Roger Millas Hüftschwung-Torjubel die Welt. Torschützenkönig wird der Italiener Salvatore Schillaci mit sechs Treffern im eigenen Land.
Auch abseits der Weltmeisterschaft ist 1990 sportlich ereignisreich: In der Fußball-Bundesliga wird der FC Bayern München Deutscher Meister, im DFB-Pokalfinale in Berlin setzt sich der 1. FC Kaiserslautern mit einer frühen 3:0-Führung knapp gegen Werder Bremen durch. In der Handball-Bundesliga, die 1990 erstmals ihren Meister in einer Playoff-Runde der besten acht Teams ermittelt, verpasst der THW Kiel als Tabellenzweiter der Hauptrunde den Titel — der geht überraschend an den nur viertplatzierten TV Großwallstadt. In der Formel 1 sichert sich Ayrton Senna im McLaren-Honda seinen zweiten WM-Titel, nachdem er sich beim Saisonfinale in Suzuka in einer folgenreichen Kollision mit seinem Rivalen Alain Prost durchsetzt. Bei den Tennis-Grand-Slams bleibt Boris Becker zwar ohne Titel — er unterliegt im dritten Wimbledon-Finale in Folge Stefan Edberg —, wird zum Jahresende aber zum „Sportler des Jahres" gewählt; Steffi Graf gewinnt die Australian Open, verliert aber überraschend die Endspiele in Paris (gegen Monica Seles) und New York (gegen Gabriela Sabatini).
MODE · 1990
Die Mode bekommt neue Gesichter: Linda Evangelista, Naomi Campbell und Cindy Crawford werden zu den ersten „Supermodels", deren Namen allein Kollektionen verkaufen — befeuert auch durch Madonnas Video zu „Vogue", das den alten Hollywood-Glamour zitiert. Die wattierten Schulterpolster der Achtziger weichen allmählich schlichteren Linien: Als „Queen of Less" gilt die Hamburger Designerin Jil Sander, deren Modehaus 1989 als eines der ersten deutschen Modeunternehmen an die Börse geht und die mit klar konturierter, meist in gedeckten Farben gehaltener Kleidung norddeutschen Minimalismus zum internationalen Exportgut macht. Parallel wächst, getragen vom wachsenden Umweltbewusstsein der ausgehenden Achtziger, das Interesse an Recycling-Materialien und ökologisch produzierter Kleidung — ein leiser Vorbote der Neunziger.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1990
- Zwei-plus-Vier-Vertrag besiegelt die Einheit völkerrechtlich (12. September, Moskau). Die vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs und beide deutschen Staaten regeln in einem einzigen Vertragswerk friedlich alle äußeren Fragen der deutschen Einheit – die diplomatische Grundlage, ohne die der 3. Oktober kaum denkbar gewesen wäre.
- Michail Gorbatschow erhält den Friedensnobelpreis (15. Oktober, Oslo). Das Nobelkomitee würdigt sein Wirken für den friedlichen Umbruch in Ost- und Mitteleuropa – ohne seine Politik von Perestroika und Glasnost wären weder das Ende des Kalten Krieges noch die deutsche Einheit in dieser Form denkbar gewesen.
DAS WETTER · 1990 in Kiel
An diesem 13. Juli war es an der Förde ein kühler Sommertag: Höchstwert 16,0 °C, in der Nacht 8,5 °C, im Mittel 11,9 °C; kein Tropfen Regen fiel.
Das Jahr über: Im Mittel 9,8 °C — ein sehr mildes Jahr. Wärmster Tag 32,0 °C am 4. August, kältester −4,3 °C am 9. April. 1 Hitzetag (≥ 30 °C), 4 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 925 mm — das Orkanjahr Vivian/Wiebke brachte reichlich Niederschlag.
(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1990
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.
- Verdammt, Ich Lieb' Dich — Matthias Reim
- Kingston Town — UB40
- I Promised Myself — Nick Kamen
- Herzilein — Die Wildecker Herzbuben
- Nothing Compares 2 U — Sinéad O'Connor
- The Power — Snap!
- It Must Have Been Love — Roxette
- In Private — Dusty Springfield
- We Love to Love — P.M. Sampson & Double Key
- I Can't Stand It — Twenty 4 Seven feat. Captain Hollywood
- Infinity (1990's... Time for the Guru) — Guru Josh
- Ooops Up — Snap!
- Black Velvet — Alannah Myles
- Close to You — Maxi Priest
- Enjoy the Silence — Depeche Mode
- U Can't Touch This — MC Hammer
- Tom's Diner — DNA & Suzanne Vega
- No More Bolero's — Gerard Joling
- Vogue — Madonna
- Killer — Adamski
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).