DER CHRONIST
Ein Jahr, in dem Grenzen fallen und neue gezogen werden: Ein geteiltes Land wird eins, ein Gefangener von 27 Jahren tritt frei ins Licht, und kaum ist der Kalte Krieg zu Ende, droht am Golf schon der nächste. Schon im März reißt Litauen als erste Sowjetrepublik den ersten Riss in die untergehende Sowjetunion, im Mai finden Nord- und Südjemen am Roten Meer zu einem Staat zusammen, und im Dezember wählt Polen mit Lech Wałęsa erstmals seit Jahrzehnten sein Staatsoberhaupt frei. Hoch über alldem öffnet mit dem Weltraumteleskop Hubble ein neues Auge der Menschheit den Blick ins All. Dazwischen jubelt die Republik über einen dritten Stern — und über der Förde tobt im Spätwinter ein Orkan, wie ihn Schleswig-Holstein selten erlebt hat.
Die DDR tritt bei: Deutschland ist wieder eins

Um 0:00 Uhr vollzieht sich, was noch vor zwei Jahren undenkbar schien: Gemäß Artikel 23 des Grundgesetzes tritt die Deutsche Demokratische Republik der Bundesrepublik bei, geregelt im Einigungsvertrag vom 31. August. Vorausgegangen war der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989, Ergebnis monatelanger Montagsdemonstrationen in Leipzig unter der Losung „Wir sind das Volk" und des Rücktritts von SED-Chef Erich Honecker bereits am 18. Oktober 1989. Der Weg zur staatlichen Einheit führt über die erste freie Volkskammerwahl am 18. März, bei der überraschend die „Allianz für Deutschland" mit 48 Prozent siegt — deutlich vor der SPD mit rund 22 Prozent und der SED-Nachfolgepartei PDS mit rund 16 Prozent, bei einer Wahlbeteiligung von über 93 Prozent. CDU-Politiker Lothar de Maizière bildet daraufhin eine große Koalition und wird Ministerpräsident der DDR. Es folgt die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion am 1. Juli, die der D-Mark zur alleinigen Währung in der DDR macht und Löhne wie kleinere Sparguthaben im Verhältnis 1:1 umtauscht. International abgesichert wird der Prozess durch den Zwei-plus-Vier-Vertrag der vier Siegermächte mit beiden deutschen Staaten (siehe „Lichtblicke").
Im Kronprinzenpalais Unter den Linden in Ost-Berlin unterzeichnen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und der DDR-Staatssekretär Günther Krause am 31. August den rund tausendseitigen Einigungsvertrag — in nur acht Wochen ausgehandelt. Er regelt den Beitritt der fünf wiedergegründeten Länder Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie zahllose Detailfragen von Eigentum über Recht bis Verwaltung. Am Abend des 3. Oktober wird vor dem Reichstag in Berlin die Bundesflagge gehisst, Bundespräsident Richard von Weizsäcker spricht zu Hunderttausenden, Glocken läuten im ganzen Land — auch in Kiel. Der 3. Oktober wird fortan als Tag der Deutschen Einheit Nationalfeiertag. Für die neuen Länder beginnt zugleich ein tiefgreifender wirtschaftlicher Umbruch: Die eigens gegründete Treuhandanstalt übernimmt Abwicklung und Privatisierung tausender DDR-Betriebe, in den Folgejahren gehen Hunderttausende Arbeitsplätze verloren — der Preis der Einheit zeigt sich erst allmählich.
Volkskammerwahl: Die Allianz für Deutschland siegt deutlicher als erwartet

Bei einer Wahlbeteiligung von 93,4 Prozent der gut 12,4 Millionen Wahlberechtigten gewinnt die „Allianz für Deutschland" aus CDU, der neu gegründeten Deutschen Sozialen Union (DSU) und dem Demokratischen Aufbruch die erste — und, wie sich zeigen wird, einzige — freie Wahl zur Volkskammer der DDR: 48,0 Prozent und 192 der 400 Sitze, deutlich mehr, als Umfragen vor der Wahl erwarten ließen. Die SPD kommt nur auf 21,9 Prozent (88 Sitze), die SED-Nachfolgepartei PDS auf 16,4 Prozent (66 Sitze). Der Bund Freier Demokraten, ein Wahlbündnis liberaler Parteien, erreicht 5,3 Prozent (21 Sitze). Für das Bündnis 90 — den Zusammenschluss von Neuem Forum, Demokratie Jetzt und der Initiative für Frieden und Menschenrechte, aus dessen Reihen die Herbstrevolution maßgeblich getragen wurde — reicht es nur zu 2,9 Prozent und 12 Sitzen: Die Bürgerbewegungen, die im Herbst die Straße füllten, bleiben an der Wahlurne klein.
Die klare Mehrheit für die Allianz gilt als Votum für eine rasche Vereinigung mit der Bundesrepublik nach Artikel 23 des Grundgesetzes und gegen die von Teilen der Bürgerbewegung und des Runden Tisches favorisierte langsamere Annäherung über einen neuen, gemeinsamen Verfassungsentwurf. CDU-Spitzenkandidat Lothar de Maizière bildet in der Folge eine große Koalition aus Allianz, SPD und Liberalen und wird als erster und letzter frei gewählter Ministerpräsident der DDR vereidigt — mit dem erklärten Ziel, sich möglichst rasch selbst überflüssig zu machen.
Die übrigen Wahlgänge in der untergehenden DDR:
- Kommunalwahlen der DDR, 6. Mai — CDU 30,4 %, SPD 21,0 %, PDS 14,0 %, Beteiligung rund 75 %. Erste und zugleich letzte freie Kommunalwahl der DDR-Geschichte, noch vor der Währungsunion.
Aus heutiger Sicht
Die PDS, 1990 mit 16,4 Prozent ins Parlament gewählt, benennt sich 2005 in Linkspartei.PDS um und fusioniert 2007 mit der westdeutschen WASG zur Partei Die Linke — die SED-Nachfolgepartei bleibt damit, anders als viele 1990 erwarten, dauerhaft im gesamtdeutschen Parteiensystem vertreten.
Bundestagswahl: Kohl wird als „Kanzler der Einheit" klar bestätigt

Am 2. Dezember findet die erste gesamtdeutsche Wahl seit 1932 statt: 60,4 Millionen Wahlberechtigte in Ost und West sind aufgerufen, den 12. Deutschen Bundestag zu bestimmen, die Wahlbeteiligung liegt bei 77,8 Prozent. Kanzler Helmut Kohls Union gewinnt mit 43,8 Prozent und 319 der nun 662 Sitze deutlich vor der SPD unter Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine mit 33,5 Prozent (239 Sitze); die FDP unter Außenminister Hans-Dietrich Genscher verbessert sich auf 11,0 Prozent (79 Sitze). Einmalig gilt die Fünf-Prozent-Hürde getrennt für die Wahlgebiete Ost und West: So zieht die PDS mit bundesweit 2,4, im Osten aber gut elf Prozent mit 17 Abgeordneten ein, ebenso das ostdeutsche Bündnis 90/Die Grünen mit bundesweit 1,2 Prozent und acht Sitzen — die westdeutsche Grüne Partei dagegen kommt bundesweit nur auf 3,8 Prozent, verfehlt im Westen die dort geltende Fünf-Prozent-Hürde und fliegt erstmals seit 1983 aus dem Bundestag.
Kohl, von den eigenen Anhängern als Architekt der Einheit gefeiert, bildet mit der FDP seine vierte Koalitionsregierung. Im Wahlkampf hatte er den Menschen in den neuen Ländern rasch „blühende Landschaften" versprochen — Zweifel daran werden erst nach der Wahl lauter, als die Auflösung tausender DDR-Betriebe durch die Treuhandanstalt sichtbar Fahrt aufnimmt (siehe Punkt 1). Für den Wahlabend aber überwiegt im ganzen Land die Genugtuung: Zum ersten Mal seit fast sechs Jahrzehnten hat ganz Deutschland frei über seine Regierung entschieden.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Saarland, 28. Januar — SPD 54,4 %, CDU 33,4 %. Oskar Lafontaine regiert mit absoluter Mehrheit weiter.
- Niedersachsen, 13. Mai — SPD 44,2 %, CDU 42,0 %. Gerhard Schröder löst Ernst Albrecht ab und bildet eine rot-grüne Koalition.
- Nordrhein-Westfalen, 13. Mai — SPD 50,0 %, CDU 36,7 %. Johannes Rau regiert mit absoluter Mehrheit weiter.
- Bayern, 14. Oktober — CSU 54,9 %, SPD 26,0 %. Ministerpräsident Max Streibl, Nachfolger des 1988 verstorbenen Franz Josef Strauß, bleibt im Amt.
- Brandenburg, 14. Oktober — SPD 38,2 %, CDU 29,4 %. Manfred Stolpe bildet eine Koalition aus SPD, FDP und Bündnis 90 und wird erster Ministerpräsident des wiedergegründeten Landes.
- Mecklenburg-Vorpommern, 14. Oktober — CDU 39,4 %, SPD 27,0 %. Alfred Gomolka bildet eine CDU-FDP-Koalition.
- Sachsen, 14. Oktober — CDU 54,4 %, SPD 19,1 %. Kurt Biedenkopf regiert mit absoluter Mehrheit allein.
- Sachsen-Anhalt, 14. Oktober — CDU 39,0 %, SPD 26,0 %. Gerd Gies bildet eine CDU-FDP-Koalition.
- Thüringen, 14. Oktober — CDU 45,4 %, SPD 22,8 %. Josef Duchač bildet eine CDU-FDP-Koalition.
- Berlin (Abgeordnetenhaus), 2. Dezember — CDU 40,4 %, SPD 30,4 %, Beteiligung 80,8 %. Erste gesamtberliner Wahl seit 1946, zeitgleich mit der Bundestagswahl.
Golfkrise beginnt: Irak überfällt Kuwait

Mit rund 100.000 Soldaten überfällt der Irak unter Saddam Hussein das Nachbaremirat Kuwait und hat noch am selben Tag die Hauptstadt unter Kontrolle. Vorausgegangen waren Streit über die irakischen Kriegsschulden aus dem acht Jahre währenden Krieg gegen den Iran (1980–1988), Vorwürfe gegen Kuwait wegen angeblichen Anzapfens des gemeinsamen Ölfelds Rumaila und einer den Ölpreis drückenden Überproduktion. Der UN-Sicherheitsrat verurteilt die Invasion mit Resolution 660 umgehend und fordert den „sofortigen und bedingungslosen Rückzug" — vergeblich: Kuwait wird annektiert, Emir Jaber al-Ahmad al-Sabah flieht nach Saudi-Arabien. Es folgen ein UN-Handelsembargo (Resolution 661) und der massive Aufmarsch einer US-geführten Koalition unter dem Decknamen „Desert Shield" in Saudi-Arabien. Der Ölpreis schnellt in die Höhe, auch an bundesdeutschen Tankstellen steigen die Preise spürbar. Die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Kohl beteiligt sich, durch das Grundgesetz an einen „Out-of-area"-Einsatz der Bundeswehr gehindert, zunächst mit Milliardenzahlungen an die Golf-Allianz und entsendet Minenräumboote der Marine ins Mittelmeer — eine für die Nachkriegsarmee ungewöhnliche Rolle, die die Debatte um Auslandseinsätze der Bundeswehr für Jahre prägen wird. Fünf Monate nach der Invasion, in der Nacht zum 17. Januar 1991, beginnt die internationale Koalition mit der Operation „Desert Storm" den Gegenschlag. Kaum ist der Ost-West-Konflikt entschärft, zeigt der Nahe Osten, wie fragil der Frieden in der neuen Weltordnung bleibt.
Aus heutiger Sicht
Die 1990 aufgeworfene Frage nach Auslandseinsätzen der Bundeswehr beantwortet das Bundesverfassungsgericht erst am 12. Juli 1994: Solche Einsätze sind verfassungsgemäß, bedürfen aber grundsätzlich der vorherigen Zustimmung des Bundestages — der sogenannte Parlamentsvorbehalt, der spätere Einsätze etwa im Kosovo und in Afghanistan rechtlich absichert.
Nelson Mandela ist frei

Seit der Einführung der Apartheid 1948 kämpft der 1912 gegründete African National Congress (ANC) gegen die Rassentrennung in Südafrika. Nach dem Massaker von Sharpeville 1960 und dem Verbot der Organisation gründet Nelson Mandela den bewaffneten ANC-Flügel Umkhonto we Sizwe, wird 1962 verhaftet und im Rivonia-Prozess 1964 wegen Sabotage zu lebenslanger Haft verurteilt. Es folgen 27 Jahre Haft, davon rund 18 Jahre auf der Gefängnisinsel Robben Island, später in den Gefängnissen Pollsmoor und Victor Verster. International wächst über die Jahrzehnte eine Solidaritätsbewegung mit Wirtschaftssanktionen, Sport- und Kulturboykotten — auch in der Bundesrepublik unterstützen Anti-Apartheid- Gruppen seit den 1970er-Jahren Boykottkampagnen etwa gegen südafrikanisches Obst und Wein. Am 2. Februar 1990 kündigt Staatspräsident Frederik Willem de Klerk vor dem südafrikanischen Parlament die Aufhebung des Verbots von ANC, PAC und Kommunistischer Partei an; neun Tage später, am 11. Februar, wird Mandela aus dem Victor-Verster-Gefängnis bei Paarl entlassen — Hand in Hand mit seiner Frau Winnie Mandela. Nur Stunden später spricht er vom Balkon des Kapstädter Rathauses zu einer jubelnden Menge, dankt seinen Unterstützern weltweit und erklärt, die Apartheid habe keine Zukunft mehr, auch wenn der bewaffnete Kampf noch nicht sofort für beendet erklärt wird. Die Bilder gehen um die Welt und werden zum Symbol dafür, dass friedlicher Wandel selbst scheinbar unerschütterliche Machtsysteme zu Fall bringen kann. Es ist der Auftakt zu den Verhandlungen am „Runden Tisch" (CODESA) über eine demokratische Verfassung: 1991 wird Mandela ANC-Präsident, 1993 erhält er gemeinsam mit de Klerk den Friedensnobelpreis, und im April 1994 führen die ersten freien Wahlen Südafrikas ihn am 10. Mai ins Präsidentenamt.
Dritter Stern: Deutschland wird Fußball-Weltmeister

Nach den verlorenen Endspielen 1982 und 1986 (jeweils gegen Italien beziehungsweise Argentinien) reist die deutsche Elf unter Teamchef Franz Beckenbauer mit Kapitän Lothar Matthäus, Torwart Bodo Illgner und Angreifern wie Jürgen Klinsmann und Rudi Völler zur WM nach Italien. Nach Siegen in der Gruppenphase folgt im Achtelfinale ein hitziges 2:1 gegen die Niederlande, bei dem Rudi Völler und der Niederländer Frank Rijkaard nach einem Wortgefecht und einer Bespuck-Szene beide vom Platz fliegen. Im Viertelfinale bezwingt Deutschland die Tschechoslowakei 1:0 durch einen Foulelfmeter von Matthäus, im Halbfinale reicht es gegen England nach Verlängerung nur zu einem 1:1 — das Elfmeterschießen gewinnt Deutschland mit 4:3, nachdem die Engländer Stuart Pearce und Chris Waddle verschießen. Im Olympiastadion von Rom gewinnt die deutsche Nationalmannschaft vor rund 73.600 Zuschauern das WM-Finale gegen Argentinien mit 1:0 — Andreas Brehme verwandelt in der 85. Minute einen umstrittenen Foulelfmeter nach einem Foul an Rudi Völler. Argentinien beendet die Partie nach zwei Platzverweisen (Pedro Monzón, dem ersten Feldverweis in einem WM-Finale, und Gustavo Dezotti) nur noch zu neunt; ein weinender Diego Maradona verlässt nach der Niederlage den Rasen. Es ist der dritte WM-Titel für die deutsche Elf und der erste Finalsieg eines europäischen Teams gegen eine südamerikanische Mannschaft; Beckenbauer wird als erster Mensch überhaupt Weltmeister sowohl als Kapitän (1974) als auch als Teamchef (1990). Nur drei Monate vor der Wiedervereinigung feiert ein noch geteiltes, aber bald vereintes Land gemeinsam auf den Straßen — auch an der Kieler Förde wird bis in den Morgen gefeiert.
Aus heutiger Sicht
Teamchef Franz Beckenbauer erklärt nach dem Finale, mit den bald hinzukommenden Spielern aus der DDR sei die deutsche Mannschaft „auf Jahre hinaus nicht zu besiegen" — tatsächlich scheidet die DFB-Elf schon bei der folgenden Weltmeisterschaft 1994 im Viertelfinale gegen Bulgarien aus.
Orkane »Vivian« und »Wiebke« fegen über Schleswig-Holstein

Binnen weniger Tage ziehen gleich zwei schwere Orkane über den Norden: Vivian (25.–27. Februar) und Wiebke (28. Februar/1. März), Teil einer Serie von acht Stürmen — darunter bereits im Januar und Anfang Februar „Daria" und „Herta" —, die von einem ungewöhnlich kräftigen Jetstream angetrieben werden und den Winter 1990 zum stürmischsten seit Menschengedenken machen. Auf Sylt fällt der Luftdruck auf 957 Hektopascal, in St. Peter-Ording werden Orkanböen von 148 km/h gemessen; in den Alpen misst die Wetterstation Wendelstein bei Vivian sogar 225 km/h. Allein für Vivian wird der versicherte Schaden in Deutschland auf rund 1,5 Milliarden Euro geschätzt, europaweit fordert der Sturm rund 64 Todesopfer, Wiebke weitere rund 35. Deutschlandweit fordern die Stürme 35 Menschenleben und richten Milliardenschäden an Wäldern, Häusern und Leitungen an — Forstexperten schätzen die Menge des umgeworfenen Holzes bundesweit auf 60 bis 70 Millionen Festmeter, etwa das Doppelte des jährlichen deutschen Holzeinschlags. Auch in Schleswig-Holstein bleiben umgestürzte Bäume, abgedeckte Dächer und tagelange Stromausfälle zurück, Zug- und Fährverkehr an Nord- und Ostseeküste kommen zeitweise zum Erliegen. Für die Küstenregion ist es eine der schwersten Sturmserien der Nachkriegszeit.
Litauen erklärt sich unabhängig

Als erste der fünfzehn Sowjetrepubliken bricht Litauen offen mit Moskau: Das im Februar frei gewählte Oberste Sowjet des Landes tritt am Abend des 11. März 1990 unter Vorsitz von Vytautas Landsbergis zusammen, erklärt die sowjetische Verfassung auf litauischem Gebiet für ungültig und ruft die Wiederherstellung der unabhängigen Republik Litauen aus — jenes Staates, den die Sowjetunion 1940 im Zuge des Hitler-Stalin-Pakts annektiert hatte. Landsbergis, Musikwissenschaftler und Vorsitzender der Unabhängigkeitsbewegung Sąjūdis, wird zum ersten Staatsoberhaupt des neuen, alten Litauen.
Moskau reagiert scharf: Kremlchef Michail Gorbatschow erklärt die Erklärung für nichtig, ab April verhängt die Sowjetunion eine Wirtschaftsblockade mit Öl- und Gaslieferstopp gegen die Republik, im Januar 1991 kommt es in Vilnius zu einem blutigen sowjetischen Militäreinsatz mit 14 Toten. Erst nach dem gescheiterten Moskauer Putsch gegen Gorbatschow erkennt die sowjetische Führung am 6. September 1991 die Unabhängigkeit Litauens sowie der Nachbarstaaten Lettland und Estland an. Der litauische Alleingang gilt rückblickend als früher Anfang vom Ende der Sowjetunion — ein Jahr, bevor auch sie selbst zerfällt.
Hubble startet: Ein neues Fenster ins All

Nach einem am 10. April wegen einer defekten Turbopumpe abgebrochenen ersten Anlauf hebt am 24. April 1990 die Raumfähre Discovery vom Kennedy Space Center in Florida ab und bringt mit der Mission STS-31 das Hubble-Weltraumteleskop ins All. An Bord sind unter anderen Kommandant Loren Shriver und die Astronautin Kathryn Sullivan; wenige Tage später setzt der Roboterarm der Fähre das gut 13 Tonnen schwere Teleskop in rund 610 Kilometern Höhe aus — oberhalb der störenden Erdatmosphäre, benannt nach dem US-Astronomen Edwin Hubble.
Schon kurz nach Betriebsbeginn zeigt sich ein Rückschlag: Der Hauptspiegel weist einen winzigen, aber folgenreichen Schleiffehler auf, der die Bilder zunächst unscharf macht — erst eine aufwendige Korrekturoptik, die eine Space-Shuttle-Crew 1993 nachrüstet, macht Hubble zu jenem Instrument, das in den Folgejahrzehnten mit gestochen scharfen Aufnahmen ferner Galaxien das Bild der Menschheit vom Universum verändert. 1990 aber ist der Start selbst schon die Sensation: Erstmals blickt ein optisches Teleskop dauerhaft von außerhalb der Atmosphäre ins All.
Nord- und Südjemen vereinigen sich

Am 22. Mai 1990 schließen sich die Jemenitische Arabische Republik (Nordjemen) und die marxistisch regierte Demokratische Volksrepublik Jemen (Südjemen) zur Republik Jemen zusammen — eine der wenigen Vereinigungen zweier zuvor getrennter arabischer Staaten der jüngeren Geschichte. Nordpräsident Ali Abdullah Salih, seit 1978 an der Macht, wird Staatspräsident des neuen Gesamtstaates mit Hauptstadt Sanaa, der bisherige Machthaber des Südens, Ali Salim al-Baid, sein Vizepräsident; die Hafenstadt Aden bleibt Wirtschaftszentrum des Landes.
Die Einheit bleibt fragil: Die beiden Armeen bestehen zunächst getrennt fort, der Süden fühlt sich politisch dominiert und wirtschaftlich benachteiligt, obgleich vor seiner Küste bedeutende Ölvorkommen entdeckt werden. Nach ersten freien Gesamtwahlen 1993 eskalieren die Spannungen weiter; 1994 erklärt der Süden den Austritt aus der Union, ein kurzer Bürgerkrieg endet mit dem Einmarsch nordjemenitischer Truppen in Aden und der Fortsetzung der Einheit unter nördlicher Dominanz. 1990 aber ist der 22. Mai zunächst ein Tag der Hoffnung — in einem Jahr, in dem an anderer Stelle der Welt ebenfalls Staaten neu zusammenfinden.
Ausreisewelle sowjetischer Juden erreicht Höhepunkt

Seit Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow ab 1987 die restriktive sowjetische Ausreisepolitik lockert, schwillt die Auswanderung jüdischer Bürgerinnen und Bürger aus der Sowjetunion Jahr für Jahr an; 1990 erreicht sie mit rund 171.000 Ausreisen ihren historischen Höhepunkt. Ausgelöst wird die Fluchtbewegung auch durch wachsenden Antisemitismus im Zuge des politischen und wirtschaftlichen Zerfalls des Landes; die meisten Ausreisenden gehen im Rahmen der „Alija" nach Israel, das in diesen Jahren fast eine Million sowjetische Juden aufnimmt und mit ihnen — vielfach gut ausgebildeten Fachkräften — eine Grundlage für den späteren Aufstieg zur Hightech-Nation legt.
Ein kleinerer, aber symbolisch bedeutsamer Teil der Bewegung führt auch nach Deutschland: Am 11. Juli 1990 beschließt der Ministerrat der noch bestehenden DDR unter Ministerpräsident Lothar de Maizière, sowjetischen Juden Einreise und dauerhaften Aufenthalt in der DDR zu gewähren — eine der letzten eigenständigen außenpolitischen Entscheidungen des untergehenden Staates, nur Wochen vor dessen Beitritt zur Bundesrepublik. Nach dem endgültigen Zerfall der Sowjetunion 1991 wird die Ausreise noch einmal leichter, und in den Folgejahren wächst gerade in den ostdeutschen Ländern eine neue jüdische Zuwanderergemeinde heran.
Wałęsa wird Polens erster frei gewählter Präsident

In der Stichwahl am 9. Dezember 1990 gewinnt Lech Wałęsa, Elektriker aus der Danziger Lenin-Werft und Gründer der Gewerkschaft Solidarność, mit 74,25 Prozent der Stimmen deutlich gegen den bis dahin unbekannten, lange in Kanada und Peru lebenden Geschäftsmann Stanisław Tymiński und wird damit erster frei gewählter Präsident Polens seit über sechs Jahrzehnten. Im ersten Wahlgang am 25. November hatte Wałęsa mit knapp 40 Prozent zwar klar vorn gelegen, war aber überraschend nicht gegen den amtierenden Ministerpräsidenten Tadeusz Mazowiecki angetreten, sondern gegen Tymiński, der aus dem Stand auf Platz zwei kam — Mazowiecki, seit 1989 erster nichtkommunistischer Regierungschef des Ostblocks, schied bereits in der ersten Runde aus.
Wałęsa, 1983 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, hatte die unabhängige Gewerkschaftsbewegung Solidarność bereits 1980 mit dem Streik auf der Danziger Werft mitbegründet und über die Jahre der Illegalität hinweg zum Symbol des gewaltlosen Widerstands gegen die kommunistische Herrschaft gemacht. Seine Wahl zum Staatsoberhaupt beschließt den 1989 mit dem Rundtischgespräch begonnenen friedlichen Systemwechsel in Polen — ein weiteres Kapitel in einem Jahr, das den Kommunismus in Mittel- und Osteuropa endgültig ablöst.
Sturm auf die Stasi-Zentrale in der Ost-Berliner Normannenstraße

Nach einem Aufruf des Neuen Forums und anderer Bürgerbewegungen ziehen am Abend Zehntausende Ost-Berliner zum Gelände des Ministeriums für Staatssicherheit in der Normannenstraße in Berlin-Lichtenberg. Hintergrund ist die Sorge, die im Auflösung befindliche Stasi vernichte weiterhin Akten und lasse Beweise für ihre jahrzehntelange Bespitzelung der eigenen Bevölkerung verschwinden — Vorwürfe, die seit der Besetzung der Bezirksverwaltungen in Erfurt und Leipzig im Dezember 1989 im Raum stehen. Aus der aufgeheizten Menge löst sich ein Teil der Demonstranten, durchbricht die Absperrungen und dringt in mehrere Gebäude des weitläufigen Komplexes ein, darunter das „Haus 1", in dem einst Minister Erich Mielke residierte; Bürgerkomitees sichern noch in der Nacht Räume und Aktenbestände. Als Bärbel Bohley von der Bürgerrechtsbewegung versucht, die aufgebrachte Menge zur Ruhe zu mahnen, wird sie ausgebuht — ein Zeichen dafür, wie tief das Misstrauen gegenüber dem Staatssicherheitsapparat sitzt. Die Erstürmung markiert das faktische Ende der Stasi als Institution, wenige Wochen bevor die Regierung Modrow ihre offizielle Auflösung einleitet.
Aus heutiger Sicht
Ohne die Besetzung vom 15. Januar 1990 wäre das Stasi-Unterlagen-Gesetz vom 14. November 1991 kaum denkbar gewesen, das erstmals in der deutschen Geschichte Betroffenen Einsicht in die über sie geführten Geheimdienstakten gewährt — bis heute Grundlage der Aufarbeitung der SED-Diktatur.
Attentat auf Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble

Nur wenige Wochen nach seinem größten politischen Erfolg — als Chefunterhändler der Bundesregierung hatte Wolfgang Schäuble am 31. August den Einigungsvertrag mitunterzeichnet — wird der CDU-Politiker und Bundesinnenminister nach einer Wahlkampfveranstaltung im badischen Oppenau im Schwarzwald Opfer eines Attentats. Ein psychisch kranker Mann gibt aus nächster Nähe mehrere Schüsse aus einem Revolver auf ihn ab; ein Geschoss trifft Schäuble im Gesicht, ein weiteres in der Wirbelsäule. Auch ein Begleiter wird verletzt. Ärzte retten Schäuble das Leben, doch die Verletzung an der Wirbelsäule ist so schwer, dass er von diesem Tag an querschnittsgelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen bleibt. Trotz des Anschlags kehrt er nach monatelanger Behandlung und Reha in die Politik zurück und bleibt Bundestagsabgeordneter.
Aus heutiger Sicht
Seit dem Attentat querschnittsgelähmt, bleibt Schäuble Berufspolitiker: Von 2009 bis 2017 lenkt er als Bundesfinanzminister die deutsche Europapolitik durch die Eurokrise, von 2017 bis 2021 ist er Bundestagspräsident. Er stirbt am 26. Dezember 2023 im Alter von 81 Jahren.
Aus Karl-Marx-Stadt wird wieder Chemnitz

Nach einem Bürgerentscheid vom 17. bis 22. April, an dem sich rund drei Viertel der 251.962 Wahlberechtigten beteiligen, votieren 76,1 Prozent für die Rückbenennung ihrer Stadt: Aus Karl-Marx-Stadt, wie die sächsische Industriemetropole seit 1953 zu Ehren des Namensgebers des Marxismus hieß, wird zum 1. Juni wieder Chemnitz. Die Stadtverordnetenversammlung beschließt die Rückbenennung mit großer Mehrheit; um 20.30 Uhr tritt sie offiziell in Kraft. Chemnitz reiht sich damit in eine Serie von Rückbenennungen ein, mit denen Städte und Straßen in der untergehenden DDR ihre vorsozialistischen Namen zurückerhalten — das monumentale Karl-Marx-Kopf-Denkmal, der „Nischel", bleibt der Stadt jedoch als Wahrzeichen erhalten.
Mauerstücke unterm Hammer: Die Berliner Mauer wird zur Handelsware

Was im November 1989 mit Hammer und Meißel begann, ist im Sommer 1990 ein regelrechtes Gewerbe: Kosteten kleine Brocken der Mauer damals noch fünf bis 30 D-Mark, verlangen Händler inzwischen bis zu 2.500 D-Mark für ein 20-mal-20-Zentimeter-Stück, für komplette bemalte Segmente werden 90.000 D-Mark aufgerufen, unbemalte immerhin noch 40.000. Zwei Firmen teilen sich das Geschäft: Das volkseigene Unternehmen Limex-Bau Export-Import, das seit einem Regierungsbeschluss vom 4. Januar für den Verkauf der Mauer zuständig ist, bedient Museen und Institutionen und stellt Käufern „Echtheitszertifikate" aus; das „ungleich gewinnbringendere" Geschäft mit Privatleuten, Unternehmen und Galeristen übernimmt die im selben Monat gegründete West-Berliner Agentur LeLé Berlin unter Judith B. LaCroix und Christian Herms, per Exklusivvertrag mit Limex verbunden.
Höhepunkt des Mauerhandels ist die Versteigerung am 23. Juni im Nobelhotel Metropole Palace von Monte Carlo: 70 komplette Segmente und elf große Bruchstücke, darunter Teile vom Potsdamer Platz und vom Brandenburger Tor, kommen unter der Schirmherrschaft zweier Ärzte der Ost-Berliner Charité unter den Hammer — der Erlös, zwischen 1,8 und 2,2 Millionen D-Mark, soll dem Gesundheitswesen der DDR zugutekommen. Die italienische Verlegerin Jaguba Rizzoli und die französische Unternehmerin Ljiljana Hennessy zahlen je 170.000 D-Mark für ein Segment, ein Schweizer Unternehmer legt für zwei Stücke 1,3 Millionen Franken hin. Wie begehrt gerade die bunt besprühten Segmente sind, nutzt LeLé im Frühjahr auf eigene Weise: Im Auftrag der Agentur bemalen Künstler mehrere unbemalte Segmente neu, in Anlehnung an Motive der bekannten Mauerkünstler Thierry Noir und Kiddy Citny, und bieten sie als „originale" Mauerkunst an — noch im selben Jahr erwirbt der amerikanische Sammler Cal Worthington mehrere davon für mehrere Hunderttausend US-Dollar. Noir und Citny, die von den Geschäften nichts wussten, ziehen im Herbst vor Gericht. Wo bis vor kurzem Grenzsoldaten mit Schießbefehl patrouillierten, verhandeln nun Kunsthändler über Echtheitszertifikate.
Vom Statussymbol zum Wegwerfauto: Der Trabant verliert seinen Wert

Noch wenige Jahre zuvor war er das begehrteste Statussymbol der DDR: Wer sich einen Trabant bestellte, musste je nach Bezirk und Modell acht bis fünfzehn Jahre auf die Auslieferung warten. 1989 sind rund 2,2 Millionen der Kunststoff-Kleinwagen zugelassen — 53 Prozent aller Personenwagen der untergehenden Republik. Mit der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion vom 1. Juli und dem plötzlichen Zugang zu gebrauchten Westautos verkehrt sich das Bild ins Gegenteil: Der Kleinanzeigenmarkt dieser Monate dokumentiert, dass selbst fahrtüchtige Trabis mitunter für einen Kasten Bier oder eine Flasche Wein den Besitzer wechseln oder gleich verschenkt werden — ein Verkauf lohnt sich für viele Halter kaum noch. Der Witz, den sich die Menschen in diesem Sommer erzählen, bringt es auf den Punkt: „Wie verdoppelt man den Wert eines Trabis? – Indem man ihn volltankt." Am Fließband in Zwickau läuft die Produktion unterdessen weiter, wenn auch mit sinkenden Stückzahlen; am 30. April 1991 wird sie nach 33 Jahren endgültig eingestellt.
AM RANDE NOTIERT
- Das Land Schleswig-Holstein verkauft 1990 seine Anteile an den Howaldtswerken-Deutsche Werft (HDW) in Kiel — ein früher Schritt in der Umstrukturierung der norddeutschen Werftenlandschaft, die die Fördestadt noch Jahrzehnte beschäftigen wird.
- Vom 16. bis 24. Juni feiert Kiel die Kieler Woche — im Jahr der deutschen Einheit gestaltet die Schweizer Grafikerin Rosmarie Tissi das offizielle Plakat der Regatta an der Förde.
- „Das Wunder vom Kaukasus" (15./16. Juli): Bei Gesprächen mit Kreml-Chef Michail Gorbatschow sichert Bundeskanzler Helmut Kohl der Sowjetunion Finanzhilfen in Milliardenhöhe zu; im Gegenzug verspricht Gorbatschow den vollständigen Abzug der sowjetischen Truppen aus Ostdeutschland binnen drei bis vier Jahren, spätestens bis 1994 — das letzte große Hindernis auf dem Weg zur staatlichen Einheit ist ausgeräumt.
- Zweite Loveparade in Berlin (1. Juli): Mit 2.000 Tänzern und sechs Wagen auf dem Kurfürstendamm verzehnfacht sich die von Dr. Motte 1989 mit 150 Teilnehmern gegründete Techno-Demonstration binnen eines Jahres — ein Wachstumssprung, den die Loveparade in ihrer gesamten weiteren Geschichte nicht mehr übertreffen wird.
- Nach elf Jahren im Amt tritt Margaret Thatcher am 28. November als britische Premierministerin zurück, gestürzt von einer Revolte im eigenen Kabinett; Nachfolger wird John Major.
- Bananen-Boom im Osten: Nach der Währungsunion vom 1. Juli greifen ostdeutsche Verbraucher, für die die Frucht jahrzehntelang Symbol des unerreichbaren Westens war, so herzhaft zu, dass die Bundesrepublik 1990 mit mehr als einer Million Tonnen die bisher größte Bananen-Importmenge ihrer Geschichte verzeichnet — ein Rekord, an dem sich noch Jahre später messen lässt.
WIRTSCHAFT · 1990
Das Vereinigungsjahr ist wirtschaftlich ein Boomjahr für die alte Bundesrepublik: Das Bruttoinlandsprodukt wächst um 5,7 Prozent — einer der höchsten Werte der Nachkriegszeit. Die Arbeitslosenquote in den alten Ländern sinkt bis Ende Oktober auf 5,8 Prozent; Fachkräfte sind gefragt, auch weil die Wirtschaft im Zuge der Einheit zusätzliche Aufträge verbucht. In der Metallindustrie einigen sich IG Metall und Arbeitgeber auf einen Tarifabschluss mit 6 Prozent mehr Lohn und Gehalt sowie einer Einmalzahlung von 215 DM für die Übergangsmonate.
Preisspiegel (Bundesrepublik, alte Länder):
- Mischbrot (1 kg): 3,23 DM
- Butter (1 kg): 8,72 DM
- Trinkmilch (1 l): 1,35 DM
- Eier (1 Stück): 0,23 DM
- Röstkaffee (1 kg): 14,20 DM
- Bier, Pils (0,5 l): 0,98 DM
- Benzin, Super (1 l): 1,32 DM
- Benzin, Normal (1 l): 1,14 DM
Quelle: was-war-wann.de, Preisübersicht 1990.
STIMMEN DER PRESSE · 1990
„Gestern um Mitternacht hörte die Deutsche Demokratische Republik auf zu existieren." — Neues Deutschland, 3. Oktober 1990 (Gregor Gysi, „Adieu DDR – der Zukunft zugewandt")
„Die erste gesamtdeutsche Wahl hat einen Schlussstrich unter den Einigungsprozess gezogen." — Die Zeit, 7. Dezember 1990 (Theo Sommer)
Stimmungsbild aus der untergehenden DDR: Das Zentralinstitut für Jugendforschung (ZIJ) Leipzig ermittelt Ende Juni 1990 in einer Umfrage unter DDR-Bürgern eine Zustimmung von 84 Prozent zur deutschen Einheit — doch 55 Prozent der Befragten geben zugleich an, das Tempo des Vereinigungsprozesses sei ihnen zu schnell.
SPORT · 1990
Der dritte WM-Stern für die deutsche Elf ist bereits die Hauptschlagzeile dieser Ausgabe (siehe Punkt 4). Für Furore sorgt bei diesem Turnier auch Kamerun: Die „Unbezähmbaren Löwen" schlagen zur Eröffnung sogar Titelverteidiger Argentinien, erreichen als erste afrikanische Mannschaft das WM-Viertelfinale und begeistern mit Roger Millas Hüftschwung-Torjubel die Welt. Torschützenkönig wird der Italiener Salvatore Schillaci mit sechs Treffern im eigenen Land.
Auch abseits der Weltmeisterschaft ist 1990 sportlich ereignisreich: In der Fußball-Bundesliga wird der FC Bayern München Deutscher Meister, im DFB-Pokalfinale in Berlin setzt sich der 1. FC Kaiserslautern mit einer frühen 3:0-Führung knapp gegen Werder Bremen durch. In der Handball-Bundesliga, die 1990 erstmals ihren Meister in einer Playoff-Runde der besten acht Teams ermittelt, scheitert der THW Kiel als Tabellenfünfter der Hauptrunde schon im Viertelfinale am späteren Überraschungsmeister, dem nur viertplatzierten TV Großwallstadt. In der Formel 1 sichert sich Ayrton Senna im McLaren-Honda seinen zweiten WM-Titel, nachdem er sich beim Saisonfinale in Suzuka in einer folgenreichen Kollision mit seinem Rivalen Alain Prost durchsetzt. Bei den Tennis-Grand-Slams bleibt Boris Becker zwar ohne Titel — er unterliegt im dritten Wimbledon-Finale in Folge Stefan Edberg —, wird zum Jahresende aber zum „Sportler des Jahres" gewählt; Steffi Graf gewinnt die Australian Open, verliert aber überraschend die Endspiele in Paris (gegen Monica Seles) und New York (gegen Gabriela Sabatini).
MODE · 1990
Die Mode bekommt neue Gesichter: Linda Evangelista, Naomi Campbell und Cindy Crawford werden zu den ersten „Supermodels", deren Namen allein Kollektionen verkaufen — befeuert auch durch Madonnas Video zu „Vogue", das den alten Hollywood-Glamour zitiert. Die wattierten Schulterpolster der Achtziger weichen allmählich schlichteren Linien: Als „Queen of Less" gilt die Hamburger Designerin Jil Sander, deren Modehaus 1989 als eines der ersten deutschen Modeunternehmen an die Börse geht und die mit klar konturierter, meist in gedeckten Farben gehaltener Kleidung norddeutschen Minimalismus zum internationalen Exportgut macht. Parallel wächst, getragen vom wachsenden Umweltbewusstsein der ausgehenden Achtziger, das Interesse an Recycling-Materialien und ökologisch produzierter Kleidung — ein leiser Vorbote der Neunziger.
KINO & FERNSEHEN · 1990
An der Spitze der deutschen Kinocharts steht 1990 die US-Komödie Pretty Woman mit rund 10,6 Millionen Besuchern, gefolgt von Kuck mal, wer da spricht (rund 5,3 Millionen) und dem deutschen Überraschungserfolg Werner – Beinhart! (rund 4,9 Millionen) — der ersten Verfilmung von Rötger „Brösel" Feldmanns Comicfigur, produziert von Bernd Eichinger und gemixt aus gezeichneten und real gedrehten Szenen. Im Fernsehen wächst der Marktanteil der privaten Sender RTL und Sat.1 zusammen auf 20,3 Prozent — ARD und ZDF bleiben zwar weiterhin die Platzhirsche, verlieren aber spürbar Publikum an die jungen Konkurrenten. In der Nacht zum 3. Oktober übertragen beide öffentlich-rechtlichen Sender live die Einheitsfeier vor dem Reichstag.
GESTORBEN · 1990
- Herbert Wehner (83), SPD-Politiker und langjähriger Fraktionsvorsitzender — 19. Januar, Bonn.
- Greta Garbo (84), Schauspielerin — 15. April, New York.
- Jim Henson (53), Puppenspieler, Schöpfer der Muppets — 16. Mai, New York.
- Sammy Davis Jr. (64), Entertainer — 16. Mai, Beverly Hills.
- Leonard Bernstein (72), Dirigent und Komponist — 14. Oktober, New York.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1990
- Zwei-plus-Vier-Vertrag besiegelt die Einheit völkerrechtlich (12. September, Moskau). Die vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs und beide deutschen Staaten regeln in einem einzigen Vertragswerk friedlich alle äußeren Fragen der deutschen Einheit – die diplomatische Grundlage, ohne die der 3. Oktober kaum denkbar gewesen wäre.
- Michail Gorbatschow erhält den Friedensnobelpreis (15. Oktober, Oslo). Das Nobelkomitee würdigt sein Wirken für den friedlichen Umbruch in Ost- und Mitteleuropa – ohne seine Politik von Perestroika und Glasnost wären weder das Ende des Kalten Krieges noch die deutsche Einheit in dieser Form denkbar gewesen.
DAS WETTER · 1990 in Kiel
An diesem 13. Juli war es an der Förde ein kühler Sommertag: Höchstwert 16,0 °C, in der Nacht 8,5 °C, im Mittel 11,9 °C; kein Tropfen Regen fiel.
Das Jahr über: Im Mittel 9,8 °C — ein sehr mildes Jahr. Wärmster Tag 32,0 °C am 4. August, kältester −4,3 °C am 9. April. 1 Hitzetag (≥ 30 °C), 4 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 925 mm — das Orkanjahr Vivian/Wiebke brachte reichlich Niederschlag.
(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1990
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.
- Verdammt, Ich Lieb' Dich — Matthias Reim
- Kingston Town — UB40
- I Promised Myself — Nick Kamen
- Herzilein — Die Wildecker Herzbuben
- Nothing Compares 2 U — Sinéad O'Connor
- The Power — Snap!
- It Must Have Been Love — Roxette
- In Private — Dusty Springfield
- We Love to Love — P.M. Sampson & Double Key
- I Can't Stand It — Twenty 4 Seven feat. Captain Hollywood
- Infinity (1990's... Time for the Guru) — Guru Josh
- Ooops Up — Snap!
- Black Velvet — Alannah Myles
- Close to You — Maxi Priest
- Enjoy the Silence — Depeche Mode
- U Can't Touch This — MC Hammer
- Tom's Diner — DNA & Suzanne Vega
- No More Bolero's — Gerard Joling
- Vogue — Madonna
- Killer — Adamski
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).
Kommunalwahl in Kiel: Die SPD behauptet mit 51,3 Prozent die absolute Mehrheit
Bei der Kommunalwahl am 25. März bleibt die Ratsversammlung fest in sozialdemokratischer Hand. Von 190 753 Wahlberechtigten gehen 119 020 an die Urnen, das ist eine Wahlbeteiligung von 62,4 Prozent. Vier Jahre zuvor hatten 60,8 Prozent gewählt.
Die SPD kommt auf 60 859 Stimmen oder 51,3 Prozent, nach 50,6 Prozent bei der Wahl 1986. Die CDU erreicht 38 850 Stimmen (32,8 Prozent), die Grünen 9 227 (7,8 Prozent), die FDP 6 394 (5,4 Prozent). Auf die sonstigen Bewerber entfallen 3 218 Stimmen oder 2,7 Prozent.
In der Ratsversammlung mit 49 Sitzen bedeutet das 26 Mandate für die SPD, 17 für die CDU, vier für die Grünen und zwei für die FDP. Die Sozialdemokraten behalten damit wie schon nach der Wahl von 1986 allein die Mehrheit im Rathaus.
Im Land fällt das Bild enger aus: Zusammengerechnet über alle Kreise und kreisfreien Städte Schleswig-Holsteins liegt die SPD mit 42,9 Prozent nur knapp vor der CDU mit 41,3 Prozent, die Wahlbeteiligung beträgt dort 69,4 Prozent. Die Fördestadt wählt also röter und, was den Gang zur Urne betrifft, zurückhaltender als das Land insgesamt.
Aus der Landessatzung wird eine Verfassung: Der Landtag beschließt die Neufassung
Der Schleswig-Holsteinische Landtag verabschiedet am 30. Mai die Neufassung der Landesgrundordnung. Aus der „Landessatzung“ von 1949 wird die „Verfassung des Landes Schleswig-Holstein“; das Gesetz zur Änderung der Landessatzung wird am 13. Juni verkündet und tritt am 1. August in Kraft.
Den Anstoß gab die Barschel-Affäre von 1987. Sie führte zu einer Enquete-Kommission zur Verfassungs- und Parlamentsreform, die 1989 ihren Schlussbericht vorlegte. Die ursprüngliche Landessatzung vom 13. Dezember 1949 war am 12. Januar 1950 in Kraft getreten.
Neu sind Staatszielbestimmungen. Artikel 5 gibt der dänischen Minderheit und der friesischen Volksgruppe Anspruch auf Schutz und Förderung, Artikel 6 macht die Gleichstellung von Frauen und Männern zur Aufgabe des Landes, Artikel 7 stellt die natürlichen Grundlagen des Lebens unter besonderen Schutz. Artikel 9 macht die Förderung der Kultur und der Erwachsenenbildung zur Aufgabe von Land und Gemeinden. Hinzu kommen weitreichende Elemente der direkten Demokratie.
Dass ausgerechnet der Name wechselt, ist die sichtbarste Änderung: Ein Land, das seine Ordnung vier Jahrzehnte lang „Satzung“ nannte, schreibt nun „Verfassung“ über das Dokument.
Color Line entsteht: Kiel–Oslo bekommt eine neue Reederei

Im Oktober schließen sich die norwegischen Reedereien Jahre Line und Norway Line zur Color Line zusammen. Im Dezember übernimmt die neue Gesellschaft zusätzlich den Fährbetrieb der Fred. Olsen Lines.
Für Kiel ist das der Wechsel des Namens am Oslokai. Das Terminal war 1988 eingeweiht worden; dort legt die „Kronprins Harald“ an. Das Schiff, 1987 bei Wärtsilä Perno in Turku gebaut, fährt seit dem 26. März 1987 auf der Linie Kiel–Oslo. Es bietet 1458 Passagieren und 750 Pkw Platz. Bis 1990 gehörte es der Reederei A. Jahre aus Sandefjord, nun der Color Line; im Oktober erhält es Oslo als neuen Heimathafen. Auch die „Prinsesse Ragnhild“ geht an die Color Line und bekommt Oslo als Heimathafen.
Seit April 1961 hatte die Jahre Line die Linie vom Oslokai nach Norwegen betrieben; nach fast drei Jahrzehnten trägt die Fährstrecke von der Förde nun einen neuen Reedereinamen.
Computer-Sammlung geht an die Fachhochschule: Kiels Verein rettete die Rechner vor der Verschrottung
Im Dezember 1981 hatten Enthusiasten den Verein „Schleswig-holsteinisches Museum für Rechen- und Schreibtechnik e. V.“ gegründet. Ihr Ziel: Meilensteine der Rechentechnik zu bewahren, ehe sie auf dem Schrott landen. Bereits im März 1982 eröffnete der Verein in den Räumen der Datenzentrale Schleswig-Holstein in Altenholz „die erste Computerschausammlung Deutschlands“.
Mehr als acht Jahre nach der Eröffnung übergibt Gerhard Karck vom Museumsverein, der inzwischen „Museum für Informations- und Kommunikationstechnik e. V.“ heißt, die stark angewachsene Sammlung der Fachhochschule Kiel. Jahrelang hatte der Verein einen Träger gesucht und zwischenzeitlich sogar erwogen, die Geräte zu verschenken. Die Wende kam, als das Land Sach- und Personalmittel zusagte und Räume im Neubau der Fachhochschule in Dietrichsdorf einplante; bis dahin lagern die Exponate dicht gedrängt in der alten Fachhochschule.
Zeigen soll die Schausammlung unter anderem mehrere Zuse-Rechner der Z-Reihe, darunter Z11, Z22 und Z25; Konrad Zuse selbst ist Ehrenmitglied des Vereins. Die Computergesellschaft Konstanz, eine Siemens-Tochter, stiftet einen renovierten Telefunken-Großrechner TR 440.
Aus heutiger Sicht
2006 fiel die Entscheidung, den Hochbunker Eichenbergskamp vom Bund zu kaufen; der Umbau begann im April 2010. Am 14. Juni 2011 öffnete dort das Computermuseum der Fachhochschule Kiel mit rund 360 Exponaten auf etwa 800 Quadratmetern, darunter der Relais-Computer Z11 der Zuse KG von 1958.
KURZ NOTIERT · Kiel 1990
- 11. Februar — In Kiel stirbt Oskar Protz, geboren am 27. Juni 1905, von 1954 bis 1968 Vorstandsmitglied der Kieler Howaldtswerke. Bekannt wurde er durch den Fischfabrikschiff-Auftrag der Sowjetunion von 1954: 24 Schiffe für 200 Millionen DM.
- 15. März — Die Ratsversammlung benennt in Wellsee den Paul-Pfiel-Weg, nach dem Gründer der „Siedlungsgemeinschaft Wellsee“ von 1956, der 1984 starb.
- 31. März — In der Ostseehalle wird der Radiopreis RSH-Gold verliehen, moderiert von Christian Schröder und übertragen von RTL Plus. Ausgezeichnet werden unter anderem Boney M., Udo Lindenberg als Künstler National und Juliane Werding; Heino erhält den Preis in der Kategorie „Covern“.
- 11. April — Das Kaufhaus Woolworth am Berliner Platz brennt nach einer Brandstiftung vollständig aus.
- 15. April — In Lübeck stirbt Helmut Lemke (CDU), in Kiel 1907 geboren, von 1963 bis 1971 Ministerpräsident und von 1971 bis 1983 Landtagspräsident.
- 23. Juni — In Kiel stirbt der Historiker Karl Dietrich Erdmann, von 1953 bis 1978 Inhaber des Lehrstuhls für Neuere Geschichte an der Universität. Er begründete die Zeitschrift „Geschichte in Wissenschaft und Unterricht“.
- 19. Juli — Das Kreuzfahrtschiff „Royal Viking Sun“ der Royal Viking Line liegt am Bollhörnkai; am 29. Juli folgt dort die „Royal Viking Sky“ derselben Reederei.
- Ende Dezember — Die UFA schließt das Kino Regina in der Holtenauer Straße 94, 1956 mit 186 Plätzen eröffnet und seit 1980 das erste Kieler Programmkino mit der „Rocky Horror Picture Show“ als Dauerbrenner. Name und Programmkinokonzept ziehen ins Metro-Kino, Holtenauer Straße 162–170. Stadtbekannt war die schlagfertige Karten- und Eisverkäuferin Christel Thomsen.
RUND UM DIE FÖRDE · 1990
- 3. Oktober, Lütjenburg — Am Tag der deutschen Einheit schließt Lütjenburg einen Partnerschaftsvertrag mit Sternberg in Mecklenburg; die Stadtvertretungen beider Orte halten schon seit der Wende über Delegationen Kontakt.
SPORT AN DER FÖRDE · 1990
- THW Kiel — In der Handball-Bundesliga beendet der THW die Hauptrunde 1989/90 nach 26 Spieltagen als Fünfter (14 Siege, 1 Unentschieden, 11 Niederlagen, 577:550 Tore, 29:23 Punkte). Im Play-off-Viertelfinale scheidet er gegen den TV Großwallstadt aus (27:30 nach Verlängerung, 31:25, 21:24 nach Verlängerung).
- DHB-Pokal — Im Finale um den DHB-Pokal unterliegt der THW dem TSV Milbertshofen: 12:16 im Hinspiel am 9. Juni in Kiel, 17:17 im Rückspiel am 16. Juni, zusammen 29:33. Für Milbertshofen ist es der erste Pokalsieg. Im Halbfinale am 1. Juni hatte der THW den TBV Lemgo mit 26:20 geschlagen.
- Wechsel zum THW — Der schwedische Handball-Weltmeister von 1990, Magnus Wislander (26) von Redbergslids IK, wechselt nach Kiel und wird 1990 zum Welthandballer gewählt.
- Holstein Kiel — In der Oberliga Nord (dritte Liga) belegen die Störche in der Saison 1989/90 Platz 7 von 18 Mannschaften: 15 Siege, 10 Unentschieden, 9 Niederlagen, 55:47 Tore, 40:28 Punkte. Meister wird der VfB Oldenburg, der mit dem TSV Havelse in die 2. Bundesliga aufsteigt.
- American Football — Am 10. Februar wird in Kiel der American Football Verband Schleswig-Holstein gegründet. Gründungsvereine sind der American Sports Club Kiel, der American Sports Club Lübeck und Flensburg 08.