DER CHRONIST
Ein Jahr, in dem alte Ordnungen zerbrechen: Am Golf kehrt der Krieg mit Bildschirmbildern in die Wohnzimmer zurück, auf dem Balkan zerfällt ein Vielvölkerstaat, und im Osten stürzt am Ende sogar die Sowjetunion selbst in sich zusammen — nachdem sie mit Boris Jelzins Wahl zum ersten frei gewählten Präsidenten Russlands zuvor noch einen demokratischen Neuanfang gewagt hatte. Mit dem Warschauer Pakt verschwindet zugleich das letzte große Militärbündnis des Kalten Krieges, während sich die EG-Staaten in Maastricht auf eine engere Union verständigen. Auch abseits der großen Blöcke erschüttert die Welt: In Indien wird der frühere Premierminister Rajiv Gandhi ermordet, in Los Angeles zeigt ein Amateurvideo brutale Polizeigewalt gegen einen Schwarzen, und ein finnischer Student namens Linus Torvalds veröffentlicht still und leise ein kleines Betriebssystem, dessen Tragweite noch niemand ahnt. Mitten in diesem Umbruch öffnet sich auch die Förde ein Stück weiter nach Osten, während Bonn beschließt, die Regierung eines Tages wieder nach Berlin zu verlegen.
Zweiter Golfkrieg: Operation »Wüstensturm« gegen den Irak

Vorausgegangen war die Besetzung Kuwaits durch irakische Truppen am 2. August 1990 auf Befehl von Diktator Saddam Hussein — ein Angriffskrieg, den der UN-Sicherheitsrat verurteilt und mit einem Wirtschaftsembargo sowie, in Resolution 678, einem Ultimatum bis zum 15. Januar 1991 beantwortet. Unter dem Namen »Desert Shield« verlegen die USA und ihre Verbündeten ab August 1990 monatelang Truppen und Material an den Golf, bis eine Koalition aus 34 bis 39 Staaten mit zeitweise mehr als 700.000 Soldaten versammelt ist — rund 300.000 davon US-Amerikaner. Als der Irak das Ultimatum verstreichen lässt, beginnt in der Nacht zum 17. Januar mit Operation Desert Storm der Luftkrieg: Fünf Wochen lang fliegen Koalitionsjets tausende Angriffe gegen Stellungen, Kommandozentralen und Infrastruktur im Irak und in Kuwait, während irakische Scud-Raketen auch Israel und Saudi-Arabien treffen — von US-amerikanischen Patriot-Abwehrsystemen teils abgefangen. Zurückweichende irakische Truppen setzen im Januar und Februar mehrere hundert kuwaitische Ölquellen in Brand und lassen Rohöl ins Meer laufen — eine der größten von Menschenhand verursachten Umweltkatastrophen, deren Feuer erst im November 1991 vollständig gelöscht sind. Am 24. Februar folgt die Bodenoffensive »Desert Sabre«: Amerikanische, britische, französische und arabische Verbände umgehen die irakischen Stellungen weiträumig durch die Wüste; nach nur rund 100 Stunden ist die irakische Armee geschlagen, Kuwait befreit, und US-Präsident George H. W. Bush erklärt am 28. Februar die Waffenruhe. Schätzungen zufolge sterben mehrere zehntausend irakische Soldaten sowie 2.500 bis 3.000 irakische und mehrere hundert kuwaitische Zivilisten; Saddam Hussein bleibt trotz der Niederlage an der Macht und schlägt kurz darauf Aufstände von Kurden und Schiiten blutig nieder. In der Bundesrepublik löst der Krieg die größten Friedensdemonstrationen seit den frühen Achtzigern aus — allein am 26. Januar ziehen mehr als 200.000 Menschen durch den Bonner Hofgarten —, während Bonn eigene Soldaten aus dem Kampfeinsatz heraushält, mit rund 17 Milliarden DM aber einen erheblichen Teil der Kriegskosten trägt und zusätzlich Alpha-Jets und Flugabwehr der Luftwaffe zur Absicherung des NATO-Partners Türkei nach Konya entsendet — die erste Auslandsverlegung von Bundeswehr-Kampfflugzeugen seit 1945, die in Bonn heftige Debatten über die Reichweite des Grundgesetzes auslöst.
Bundestag beschließt: Berlin wird wieder Hauptstadt und Regierungssitz

Seit der Vereinigung im Oktober 1990 ist die Frage, ob Berlin auch wieder Sitz von Parlament und Regierung wird, ungeklärt geblieben — der Einigungsvertrag hatte sie bewusst offengelassen. Nach knapp zwölfstündiger, emotionaler Debatte im provisorischen Plenarsaal des Wasserwerks in Bonn stimmt der Deutsche Bundestag am 20. Juni 1991 hauchdünn für den Antrag »Vollendung der Einheit Deutschlands« und damit für den Umzug von Parlament und Regierung nach Berlin: 338 gegen 320 Stimmen bei namentlicher Abstimmung ohne Fraktionszwang. Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth verkündet das Ergebnis um 21:49 Uhr unter dem Beifall der Berlin-Befürworter. Für Berlin werben unter anderem Altkanzler Willy Brandt, SPD-Fraktionschef Hans-Jochen Vogel und, quer durch die Unions-Fraktion, Wolfgang Schäuble; sie argumentieren mit der Symbolkraft der einst geteilten Stadt und der politischen Glaubwürdigkeit alter Zusagen an den Osten. Für Bonn sprechen sich unter anderem Bundeskanzler Helmut Kohl parteiübergreifend mit vielen Abgeordneten aus dem Rheinland aus, die auf die föderale Bewährung der Bundesrepublik am Rhein sowie auf die historische Hypothek Berlins als einstige Reichshauptstadt verweisen. Der »Hauptstadtbeschluss« markiert den symbolischen Schlusspunkt der deutschen Vereinigung — Bonn soll im Gegenzug als Verwaltungssitz einen Großteil der Ministerien und Arbeitsplätze behalten, der eigentliche Umzug von Bundestag und Regierung zieht sich in der Folge noch bis 1999 hin.
Beginn der Jugoslawienkriege: Slowenien und Kroatien erklären ihre Unabhängigkeit

Die Parlamente in Ljubljana und Zagreb beschließen am selben Tag den Austritt aus der jugoslawischen Föderation — Höhepunkt eines Auseinanderdriftens, das sich seit dem Tod Titos 1980 und dem Erstarken nationalistischer Kräfte, allen voran des serbischen Präsidenten Slobodan Milošević, seit Jahren angekündigt hatte. Slowenische Polizei und Territorialverteidigung übernehmen sofort die Grenzübergänge zu Italien, Österreich und Ungarn; auf Weisung von Ministerpräsident Ante Marković rückt am folgenden Morgen die Jugoslawische Volksarmee (JNA) aus, um die Bundesgrenzen zu sichern. In dem als »Zehntagekrieg« bekannten Konflikt (27. Juni bis 7. Juli) fallen 44 JNA-Soldaten und 18 Slowenen, zwölf weitere Todesopfer sind Ausländer, darunter zwei österreichische Journalisten; zahlreiche kroatische und bosnische JNA-Angehörige, rund 3.800 Mann, ergeben sich kampflos den Slowenen. Im von der EG vermittelten Brioni-Abkommen vom 7. Juli verpflichtet sich Slowenien, den Vollzug seiner Unabhängigkeit für drei Monate auszusetzen; im Gegenzug zieht sich die JNA zurück, und am 8. Oktober 1991 tritt die slowenische Souveränität endgültig in Kraft. In Kroatien dagegen eskaliert der Konflikt zwischen kroatischen Einheiten und von Belgrad unterstützten serbischen Milizen zu einem blutigen Bürgerkrieg, der im Herbst in der monatelangen Belagerung von Vukovar und dem Beschuss von Dubrovnik gipfelt — der Auftakt zu einer Reihe von Kriegen, die den jugoslawischen Vielvölkerstaat über Jahre hinweg zerreißen und Zehntausende Menschenleben kosten werden.
Kiel öffnet sich nach Osten: Die »Anna Karenina« eröffnet die erste Fährlinie nach Russland

Mitten in der 97. Kieler Woche-Saison legt am Schwedenkai ein neues Schiff an, das Kiel zum einzigen deutschen Hafen mit fester Seeverbindung nach Leningrad — bald wieder St. Petersburg — macht: die Fracht- und Fährpassagierfähre »Anna Karenina«. Das 145 Meter lange Schiff, 1980 unter dem Namen »Viking Song« auf der finnischen Wärtsilä-Perno-Werft gebaut und seither auch als »Anna K.«, »Baltica« und »Braemar« unterwegs, nimmt bis zu 1.500 Passagiere und Hunderte Fahrzeuge auf und erreicht gut 21 Knoten. Einmal wöchentlich pendelt sie fortan über Nynäshamn zwischen Förde und Newa. Für Kiel ist die neue Linie, betrieben von der Reederei Baltic Line, ein handfestes Zeichen: Der Eiserne Vorhang, der die Ostsee jahrzehntelang teilte, wird auch von der Förde aus löchriger — nur wenige Wochen, bevor Leningrad im September per Volksentscheid wieder zu St. Petersburg wird und im Dezember die Sowjetunion selbst untergeht. Die Verbindung besteht, mit einer Unterbrechung 1996/97, bis in die 2010er-Jahre und bleibt für viele Jahre die einzige durchgehende Fährlinie zwischen einem deutschen und einem russischen Hafen. Für die Landesregierung von Ministerpräsident Björn Engholm, der die Ostsee bereits seit den späten Achtzigern als Region »aufblühender wirtschaftlicher und kultureller Begegnung« beschworen hatte, passt die neue Linie ins politische Konzept: Schleswig-Holstein positioniert sich in diesen Jahren gezielt als Vorreiter einer Ostseekooperation, die nach dem Ende des Kalten Krieges auch Werften wie HDW an der Förde neue Absatzmärkte im Osten erschließen soll.
August-Putsch scheitert — am Jahresende löst sich die Sowjetunion auf

Sechs Jahre nach Beginn seiner Reformpolitik von Glasnost und Perestroika ist es ausgerechnet Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow selbst, der zur Zielscheibe der letzten Verteidiger der alten Ordnung wird: Während er in seinem Urlaubsdomizil in Foros auf der Krim festgesetzt wird, ruft ein »Staatskomitee für den Ausnahmezustand« (GKtschP) um Vizepräsident Gennadi Janajew, KGB-Chef Wladimir Krjutschkow und Verteidigungsminister Dmitri Jasow am 19. August den Notstand aus und lässt Panzer in Moskau auffahren — einen Tag, bevor Gorbatschow einen neuen Unionsvertrag unterzeichnen sollte, der den Republiken deutlich mehr Eigenständigkeit zugestanden hätte. Die Putschisten scheitern daran, Boris Jelzin, den Präsidenten der Russischen Föderation, zu isolieren: Er erreicht das Weiße Haus, den Sitz des russischen Parlaments, ruft zum Generalstreik auf und besteigt vor laufenden Kameras einen Panzer vor dem Gebäude. Zehntausende Moskauer errichten Barrikaden; in der Nacht zum 21. August sterben drei junge Demonstranten unter den Ketten gepanzerter Fahrzeuge, die Eliteeinheit »Alpha« des KGB verweigert den Sturm auf das Weiße Haus, und Verteidigungsminister Jasow zieht die Truppen aus der Stadt ab. Binnen drei Tagen bricht der Putsch zusammen, Gorbatschow kehrt aus Foros zurück, doch seine Autorität ist erschüttert — die eigentliche Macht liegt fortan bei Jelzin, der noch am Tag der Rückkehr Kommunistische Partei und KGB in Russland entmachtet. Im Westen war der Schrecken über den Putsch groß; Bundeskanzler Helmut Kohl und US-Präsident George Bush verurteilen den Umsturzversuch scharf und atmen mit Gorbatschows Rückkehr sichtlich auf. Jelzin erkennt in den Tagen danach die Unabhängigkeit der drei baltischen Staaten an; bereits am 28. August unterzeichnen die Außenminister Estlands, Lettlands und Litauens in Bonn mit dem Auswärtigen Amt die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen. Der gescheiterte Coup beschleunigt, was ohnehin nicht mehr aufzuhalten ist: Noch im August erklären mehrere Republiken, darunter die Ukraine, ihre Unabhängigkeit, am 8. Dezember besiegeln die Präsidenten Russlands, der Ukraine und Weißrusslands im belarussischen Beloweschskaja Puschtscha das Ende der Sowjetunion, am 21. Dezember schließen sich in Alma-Ata elf ehemalige Sowjetrepubliken der neuen Gemeinschaft Unabhängiger Staaten an. Am 25. Dezember tritt Gorbatschow zurück, die rote Fahne wird über dem Kreml eingeholt und durch die russische Trikolore ersetzt; am 26. Dezember erklärt der Oberste Sowjet die Auflösung des Landes für amtlich vollzogen. Nach fast 69 Jahren ist die UdSSR Geschichte, an ihrer Stelle stehen fünfzehn unabhängige Staaten — und mit Russland, der Ukraine, Weißrussland und Kasachstan gleich vier davon im Besitz sowjetischer Kernwaffen, was die Welt monatelang in Atem hält, bis sich Moskau als einziger Nachfolgestaat mit Atomwaffenstatus durchsetzt.
Amateurvideo aus Los Angeles zeigt brutale Polizeigewalt gegen Rodney King

In der Nacht zum 3. März wird der Schwarze Autofahrer Rodney King nach einer Verfolgungsjagd mit Geschwindigkeiten von bis zu 180 km/h von vier Beamten der Polizei von Los Angeles (LAPD) — Stacey Koon, Laurence Powell, Timothy Wind und Theodore Briseno — auf offener Straße niedergeschlagen: rund fünfzig Schläge mit Schlagstöcken und Fußtritte, wie sich später zeigt. Der Anwohner George Holliday filmt die Szene zufällig von seinem Balkon aus mit einer privaten Videokamera und übergibt die Aufnahme dem Sender KTLA; binnen Tagen läuft das Video, verbreitet auch von CNN, in Nachrichtensendungen rund um den Globus. Am 15. März klagt eine Grand Jury alle vier Beamten wegen des Einsatzes unverhältnismäßiger Gewalt an — der Prozess soll erst im kommenden Jahr beginnen. Für viele Amerikaner, vor allem in der Schwarzen Community von Los Angeles, ist das Video ein seit Langem gesuchter Beweis dafür, was Beobachter seit Jahren beklagen: systematische, oft rassistisch motivierte Polizeigewalt, die sich in der Vergangenheit meist der öffentlichen Aufmerksamkeit entzog. Der Fall wird 1991 landesweit zum Symbol und heizt die Debatte über Bürgerrechte und Polizeiaufsicht in den USA erheblich an, lange bevor der Ausgang des Prozesses bekannt ist.
Attentat in Sriperumbudur: Rajiv Gandhi von LTTE-Selbstmordattentäterin getötet

Bei einer Wahlkampfveranstaltung im südindischen Sriperumbudur, unweit von Madras, nähert sich am Abend des 21. Mai eine junge Frau dem früheren indischen Premierminister Rajiv Gandhi, um ihn traditionell zu begrüßen — und zündet einen unter ihrem Sari verborgenen Sprengstoffgürtel. Gandhi, die Attentäterin Thenmozhi Rajaratnam (genannt „Dhanu") und mindestens 15 weitere Menschen sterben sofort. Die Tat wird der srilankischen Untergrundorganisation LTTE (Tamil Tigers) zugeschrieben, die Gandhi die Entsendung indischer Friedenstruppen (IPKF) nach Sri Lanka zwischen 1987 und 1990 nicht verziehen hatte — ein Einsatz, den Gandhi als Premierminister angeordnet und der sich am Ende gegen die tamilischen Separatisten selbst gerichtet hatte. Gandhi, Sohn von Indira Gandhi und Enkel Jawaharlal Nehrus, hatte Indien von 1984 bis 1989 regiert und befand sich mitten im Wahlkampf um eine Rückkehr ins Amt für die Kongresspartei. Der Mord löst in Indien tiefe Erschütterung aus; die laufende Parlamentswahl wird für zwei Tage unterbrochen und dann unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen fortgesetzt. Die Kongresspartei gewinnt im Zuge einer Sympathiewelle die meisten Sitze, doch Gandhis Witwe Sonia Gandhi lehnt zu diesem Zeitpunkt eine politische Führungsrolle noch ab; stattdessen wird P. V. Narasimha Rao neuer Premierminister.
Boris Jelzin wird erster frei gewählter Präsident Russlands

Nachdem sich die russische Bevölkerung bereits am 14. März 1991 in einem Referendum mit rund 71 Prozent für die Einrichtung eines eigenen, direkt gewählten Präsidentenamtes der Russischen Föderation ausgesprochen hatte, treten am 12. Juni sechs Kandidaten zur ersten Präsidentschaftswahl in der Geschichte Russlands an. Boris Jelzin, der gemeinsam mit seinem Vizepräsidentschaftskandidaten Alexander Ruzkoi antritt, gewinnt bereits im ersten Wahlgang mit rund 58,6 Prozent der Stimmen deutlich vor dem früheren sowjetischen Regierungschef Nikolai Ryschkow (gut 17 Prozent) und dem ultranationalistischen Außenseiter Wladimir Schirinowski, der mit knapp 8 Prozent für sein erstes bundesweites Antreten überraschend gut abschneidet; die Wahlbeteiligung liegt bei fast 75 Prozent. Jelzin ist damit das erste direkt vom Volk gewählte Staatsoberhaupt in der tausendjährigen Geschichte Russlands — ein demokratisches Mandat, das ihm nur zwei Monate später, während des Augustputsches gegen Michail Gorbatschow, die politische Autorität verschafft, sich öffentlich an die Spitze des Widerstands zu stellen. Für viele Beobachter im In- und Ausland markiert dieser Wahltag den eigentlichen Beginn der Nach-Sowjet-Ära, noch bevor die Union selbst im Winter formell aufgelöst wird.
Der Warschauer Pakt löst sich endgültig auf

Nachdem sich die verbliebenen Mitgliedstaaten bereits am 31. März 1991 auf die Auflösung der militärischen Strukturen verständigt hatten, unterzeichnen Vertreter der Sowjetunion, Bulgariens, Polens, Rumäniens, Ungarns und der Tschechoslowakei am 1. Juli in Prag das Protokoll zur endgültigen Auflösung des 1955 als Gegengewicht zur NATO gegründeten Warschauer Pakts. Die Initiative dazu war maßgeblich von Prag zusammen mit Warschau und Budapest ausgegangen, nicht von Moskau selbst, das seinen einstigen Militärblock schon lange nicht mehr unter Kontrolle hatte. Mit dem Ende des Bündnisses, das über Jahrzehnte sowjetische Truppenpräsenz und mehrfache Interventionen — 1956 in Ungarn, 1968 in der Tschechoslowakei — abgesichert hatte, verschwindet einer der beiden großen Militärblöcke des Kalten Krieges endgültig von der europäischen Landkarte, während die NATO im selben Jahr fortbesteht und sich schrittweise für die neuen Demokratien Mittel- und Osteuropas öffnet. Für die ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten, die sich zunehmend an Westeuropa orientieren, ist der 1. Juli ein symbolischer Schlussstrich unter die Ära sowjetischer Bevormundung.
Aus heutiger Sicht
Nur acht Jahre nach der Auflösung des Warschauer Pakts treten mit Polen, Tschechien und Ungarn am 12. März 1999 die ersten ehemaligen Mitgliedstaaten der NATO bei — dem einstigen Gegenbündnis, das 1991 als einziger der beiden Blöcke fortbesteht. Die seither fortgesetzte NATO-Osterweiterung bleibt eines der dauerhaft umstrittensten Themen im Verhältnis zwischen dem Westen und Russland.
Linus Torvalds veröffentlicht den ersten Linux-Kernel

Bereits am 25. August hatte der 21-jährige finnische Student Linus Torvalds von der Universität Helsinki in der Newsgroup comp.os.minix knapp angekündigt, an einem „freien Betriebssystem (nur ein Hobby, wird nicht groß und professionell wie GNU)" für 386er- und 486er-PCs zu arbeiten. Am 17. September lädt er die erste öffentliche Version 0.01 seines Kernels — gut 10.000 Zeilen Code — auf einen finnischen FTP-Server hoch; den Namen »Linux« hatte sich Torvalds, der selbst lieber »Freax« genannt hätte, zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht ausgesucht, ein Administrator vergibt ihn eigenmächtig für das Serververzeichnis. Motiviert war das Projekt vom Wunsch, eine freie Alternative zum Lehrbetriebssystem Minix von Andrew Tanenbaum zu schaffen, dessen Quellcode zwar einsehbar, aber nicht frei veränderbar war. Was 1991 als studentisches Bastelprojekt ohne jeden Anspruch auf Bedeutung beginnt, wird binnen weniger Jahre, unterstützt von Programmierern rund um den Globus, zum Kern eines der wichtigsten freien Betriebssysteme überhaupt — heute Grundlage von Servern, Smartphones und Supercomputern gleichermaßen, auch wenn davon 1991 noch niemand etwas ahnt.
Aus heutiger Sicht
Was 1991 als Hobbyprojekt eines Studenten beginnt, treibt drei Jahrzehnte später einen Großteil der Server im Internet, die Mehrzahl aller Smartphones über das darauf aufbauende Android sowie sämtliche der 500 schnellsten Supercomputer der Welt an — eine Tragweite, die 1991 niemand, auch Torvalds selbst nicht, für möglich gehalten hätte.
Europäischer Rat einigt sich in Maastricht auf den Vertrag über die Europäische Union

Beim Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs der zwölf EG-Mitgliedstaaten im niederländischen Maastricht einigt man sich am 9. und 10. Dezember auf den Vertragstext, der aus der bisherigen Europäischen Gemeinschaft die Europäische Union machen soll — mit klaren Stufenplänen für eine gemeinsame Währung, einer engeren gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik sowie neuer Zusammenarbeit in Justiz- und Innenpolitik. Der niederländische Ministerpräsident Ruud Lubbers, der die Verhandlungen als amtierender Ratsvorsitzender leitet, verspricht auf der Abschlusspressekonferenz, die gemeinsame europäische Währung werde noch vor Ende des Jahrhunderts Wirklichkeit. Unterzeichnet wird der Vertrag formell erst am 7. Februar 1992 in Maastricht, in Kraft tritt er am 1. November 1993. Für die Bundesrepublik, die sich im selben Jahr innenpolitisch mit den Kosten der Wiedervereinigung befasst, bedeutet die Einigung von Maastricht eine langfristige Weichenstellung: Die D-Mark, gerade erst zur gesamtdeutschen Währung geworden, soll binnen weniger Jahre in einer europäischen Gemeinschaftswährung aufgehen — ein Vorhaben, das in den Neunzigern noch für erhebliche politische Kontroversen sorgen wird.
Landtagswahl in Rheinland-Pfalz: SPD stürzt CDU nach 44 Jahren von der Macht

Das erste Wahljahr der vereinten Republik quittieren die Wähler in mehreren Ländern Bundeskanzler Helmut Kohls Steuererhöhungen, die er im Bundestagswahlkampf des Vorjahres noch ausgeschlossen hatte — allen voran am 21. April in Rheinland-Pfalz. Bei einer Wahlbeteiligung von 73,9 % wird die SPD unter ihrem Landesvorsitzenden Rudolf Scharping mit 44,8 % erstmals stärkste Kraft im Land, ein Zugewinn von rund sechs Punkten. Die CDU von Ministerpräsident Carl-Ludwig Wagner verliert 6,4 Punkte und kommt nur noch auf 38,7 %; FDP und Grüne behaupten sich mit je sieben Mandaten. Damit endet die CDU-Regierung, die das Land seit der ersten Landtagswahl 1947 ununterbrochen geführt hat: Scharping bildet eine sozialliberale Koalition mit der FDP und wird zum ersten SPD-Ministerpräsidenten in der Geschichte des Landes gewählt. Für Bonn hat der Machtwechsel in Mainz Folgen weit über Rheinland-Pfalz hinaus — die Bundesregierung verliert durch ihn ihre bisherige Mehrheit im Bundesrat und ist bei zustimmungspflichtigen Gesetzen fortan auf die Länderkammer mit oppositionell geführter Mehrheit angewiesen.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Hessen, 20. Januar — SPD 40,8 %, CDU 40,2 % bei 70,8 % Beteiligung. Hans Eichel löst als knapper Sieger die CDU-Regierung von Walter Wallmann ab und bildet eine rot-grüne Koalition.
- Hamburg, 2. Juni — SPD 48,0 %, CDU 35,1 % bei 66,1 % Beteiligung. Bürgermeister Henning Voscherau bleibt im Amt und geht ein Bündnis mit der FDP ein.
- Bremen, 29. September — SPD 38,8 %, CDU 30,7 % bei 72,2 % Beteiligung; die rechtsextreme DVU zieht mit 6,2 % erstmals in Fraktionsstärke in eine westdeutsche Bürgerschaft ein. Bürgermeister Klaus Wedemeier bildet mit FDP und Grünen die erste »Ampelkoalition« eines westdeutschen Landes.
Aus heutiger Sicht
Der zum Jahresbeginn 1991 als Übergangslösung angekündigte Solidaritätszuschlag wird erst ab 2021 für rund neun Zehntel der Steuerzahler entfallen — drei Jahrzehnte, nachdem Kohl ihn im Bundestagswahlkampf 1990 noch ausgeschlossen hatte; für Besserverdienende und auf Kapitalerträge gilt er darüber hinaus bis heute fort.
Sensationsfund in den Ötztaler Alpen: Wanderer entdecken 5.300 Jahre alte Gletschermumie

Auf rund 3.200 Metern Höhe, unweit des Similaun an der Grenze zwischen Österreich und Südtirol, entdeckt das Nürnberger Ehepaar Helmut und Erika Simon am 19. September auf dem Rückweg von einer Bergtour eine aus dem Eis ragende, bräunliche Leiche — zunächst für die Überreste eines verunglückten Bergsteigers gehalten. Erst in den folgenden Tagen und Wochen stellt sich heraus, was Fachleute in Atem hält: Der Tote, bald »Ötzi« getauft, ist mehr als 5.300 Jahre im Gletschereis konserviert und damit die älteste bekannte natürlich mumifizierte Leiche eines Menschen weltweit — ein stiller Zeuge der Kupferzeit, komplett mit Kleidung, Werkzeug, Bogen und Kupferbeil. Die genaue Fundstelle am Tisenjoch/Hauslabjoch liegt so nah an der Staatsgrenze, dass sich Österreich und Italien zunächst um die Zuständigkeit streiten müssen, ehe Vermessungen den Fund eindeutig auf Südtiroler, also italienisches Gebiet verorten. Für die Wissenschaft ist der Zufallsfund der beiden deutschen Wanderer ein Glücksfall ohnegleichen: Nie zuvor ließ sich das Alltagsleben eines Menschen aus dem vierten vorchristlichen Jahrtausend so unmittelbar untersuchen.
Aus heutiger Sicht
Erst zehn Jahre nach dem Fund entdecken Forscher 2001 auf Röntgenbildern eine abgebrochene Pfeilspitze in der linken Schulter des Toten — der vermeintliche Bergunfall entpuppt sich damit als vermutlich gewaltsamer Tod, wobei bis heute umstritten bleibt, ob der Pfeil selbst oder ein zusätzlicher Sturz auf den Kopf die Todesursache war.
Berlins Loveparade wird überregional: 6.000 Teilnehmer feiern »Friede, Freude, Eierkuchen«

Was der Berliner DJ Matthias Roeingh, besser bekannt als »Dr. Motte«, 1989 mit gerade einmal 150 Teilnehmern als angemeldete politische Demonstration für Frieden, Freude und Eierkuchen auf dem Kurfürstendamm begonnen hatte, wächst binnen zweier Jahre zu einem überregionalen Ereignis: Am 6. Juli ziehen bereits rund 6.000 Techno-Anhänger durch West-Berlin — nach 150 im Gründungsjahr und 2.000 im Jahr zuvor. Erstmals reisen auch Wagen und Anhänger aus Frankfurt und Köln an, sodass sich in Berlin zum ersten Mal die verstreuten Techno-Szenen mehrerer westdeutscher Städte begegnen; aus dem Ostteil der Stadt strömen dank der gefallenen Mauer zusätzlich zahlreiche junge Ost-Berliner herbei. Formal bleibt die »Loveparade« bis 1995 eine angemeldete Demonstration — ein verwaltungstechnischer Kniff, der den Veranstaltern die Straßensperrung ohne Kosten für eine gewöhnliche Genehmigungsparty erlaubt und der Behörde in Berlin-Charlottenburg noch manches Kopfzerbrechen bereiten wird, während die Zahl der Teilnehmer von Jahr zu Jahr weiter steigt.
AM RANDE NOTIERT
- Am 6. August stellt der Brite Tim Berners-Lee am Forschungszentrum CERN sein »World Wide Web«-Projekt öffentlich vor und macht die erste Website der Welt (info.cern.ch) allgemein zugänglich — ein Datum, das im Rückblick als Geburtsstunde des heutigen Internets gilt.
- Am 13. Januar tritt Baden-Württembergs Ministerpräsident Lothar Späth zurück — Auslöser ist die »Traumschiff-Affäre«: SEL-Chef Helmut Lohr hatte ihm 1984 eine unbezahlte Ägäis-Reise samt Firmenflugzeug spendiert. Noch am 7. Januar hatte Späth vor Kameras beteuert: „Der Späth lässt sich nicht kaufen, er ist kein Playboy, und er ist nicht bestechlich."
- Vom 17. bis 23. September kommt es im sächsischen Hoyerswerda zu tagelangen fremdenfeindlichen Ausschreitungen gegen vietnamesische Vertragsarbeiter und ein Asylbewerberheim; die Behörden evakuieren am Ende die Angegriffenen — ein Alarmsignal für den Umgang mit Migranten im vereinten Deutschland.
- Am 30. April um 14:51 Uhr läuft im sächsischen Zwickau der letzte Trabant vom Band — 3.096.099 Exemplare hat das VEB Sachsenring in 34 Jahren gebaut, nun endet die Ära des Duroplast-Wagens endgültig.
- Am 24. November stirbt Freddie Mercury, der Sänger der Band Queen, in London an den Folgen von Aids — einen Tag, nachdem er seine Erkrankung erstmals öffentlich bestätigt hat.
- Auf dem Bremer Parteitag wird der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Björn Engholm am 29. Mai zum neuen SPD-Bundesvorsitzenden gewählt und tritt damit die Nachfolge von Hans-Jochen Vogel an.
- In der Nacht zum 17. August, exakt am Todestag, werden die Särge Friedrichs des Großen und seines Vaters Friedrich Wilhelms I. unter großem Zeremoniell auf die Terrasse von Schloss Sanssouci in Potsdam umgebettet — Bundeskanzler Helmut Kohl ist zugegen. Erst die Vereinigung macht möglich, was der König testamentarisch verfügt hatte: eine Bestattung „ohne Prunk, ohne Gepränge, und bei Nacht".
WIRTSCHAFT · 1991
Das erste volle Jahr der Vereinigung bringt Westdeutschland dank des »Vereinigungsbooms« ein reales Wirtschaftswachstum von rund 5 % — die höchste Rate seit Jahren —, während in den neuen Ländern die Produktion nach dem Zusammenbruch der DDR-Industrie einbricht. Die Inflationsrate steigt auf 4,04 %, angetrieben auch von den Kosten der Einheit. Die Arbeitslosigkeit bleibt zweigeteilt: Im Westen liegt die Quote bei 6,2 %, im Osten, wo Zehntausende Industriearbeitsplätze wegfallen, bereits bei 10,2 %. Zur Finanzierung der Einheit beschließt der Bundestag im Sommer den befristeten »Solidaritätszuschlag« von 7,5 % auf die Einkommen- und Körperschaftsteuer — Kohls Wahlversprechen aus dem Bundestagswahlkampf 1990, es werde deswegen keine Steuererhöhungen geben, gilt damit als gebrochen.
Was die Mark noch wert war:
- Brot (1 kg) — 3,19 DM
- Butter (1 kg) — 8,56 DM
- Milch (1 l) — 1,37 DM
- Bier (0,5 l) — 1,09 DM
- Benzin, Super (1 l) — 1,29 DM
- Eier (1 Stück) — 0,23 DM
- Kaffee (1 kg) — 14,90 DM
STIMMEN DER PRESSE · 1991
Im September, während der Ausschreitungen im sächsischen Hoyerswerda, kommentiert der Spiegel unter Verweis auf die johlenden Zuschauer am Rand des Geschehens:
„Und die Männer in den Unterhemden? Die Mütter, die braven Bürger Hoyerswerdas? Sie haben sich gefreut." — Der Spiegel, 30. September 1991
„In dieser Nacht ist Hoyerswerda überall. (…) Und überall wird jetzt Randale gemeldet. Hoyerswerda war ein Anfang." — Der Spiegel, 30. September 1991
Aus Sachsen selbst, wo die Ausschreitungen ihren Ausgang nahmen, meldet sich mit anderem, nüchternerem Ton die Regionalpresse zu Wort — Kommentator Peter Blochwitz warnt schon zwei Tage nach Beginn der Angriffe vor Verharmlosung:
„Obgleich hier nur eine Minderheit (…) agierte, es ist nur die Spitze des Eisbergs gewesen." — Sächsische Zeitung, 26. September 1991
SPORT · 1991
Vom 16. bis 30. November wird in der südchinesischen Provinz Guangdong erstmals eine Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen ausgetragen, offiziell noch unter dem vorsichtigen Namen »Erster Weltpokal der FIFA für Frauenfußball«, gesponsert von einem Zigarettenhersteller. Vom Chronisten kaum wahrgenommen, setzt sich am Ende im Finale vor 63.000 Zuschauern im Guangzhou Tianhe Stadium die Auswahl der USA mit 2:1 gegen Norwegen durch — Torschützin Michelle Akers trifft in der 20. und, nach dem norwegischen Ausgleich durch Linda Medalen, erneut in der 78. Minute und wird mit zehn Turniertoren zugleich Torschützenkönigin. Der erste Weltmeistertitel im Frauenfußball geht damit an die US-Auswahl um Akers, Carin Jennings und April Heinrichs — ein Wettbewerb, dem die Männerdomäne Fußball hierzulande noch Jahre kaum Beachtung schenken wird. In der Formel 1 gibt derweil, wie an anderer Stelle vermerkt, ein 22-jähriger Rennfahrer aus Kerpen sein Debüt, das erst Jahre später seine ganze Tragweite zeigen wird.
MODE · 1991
Aus Seattle schwappt mit der Band Nirvana ein neuer Stil nach Europa: Grunge — Flanellhemd, zerschlissene Jeans, Doc Martens — verdrängt in den Jugendzimmern langsam die glatten Achtziger-Silhouetten. Am 24. September erscheint mit »Nevermind«, dem zweiten Album der Band um Kurt Cobain, das Werk, das dem rauen Sound aus dem US-amerikanischen Nordwesten zum internationalen Durchbruch verhilft und noch im selben Jahr sogar Michael Jacksons »Dangerous« von der Spitze der US-Albumcharts verdrängt — Hair-Metal-Bands mit toupierten Frisuren und Lederhosen wirken über Nacht aus der Zeit gefallen. Auch an der Förde, wo Segeljacken und Norwegerpullover ohnehin Alltag sind, findet der Anti-Glamour-Look williges Publikum unter Schülern und Studenten.
KINO & FERNSEHEN · 1991
An den deutschen Kinokassen dominiert Hollywood: Vorn liegt »Der mit dem Wolf tanzt« mit knapp 6,8 Millionen Besuchern, dicht gefolgt von »Kevin – Allein zu Haus« mit 6,5 Millionen; auch »Robin Hood – König der Diebe«, »Terminator 2« und »Das Schweigen der Lämmer« füllen die Säle. Der erfolgreichste deutsche Film des Jahres ist »Pappa ante Portas« mit Loriot (Vicco von Bülow) in der Hauptrolle als frisch pensionierter Manager, der seiner Frau mit übereifriger Häuslichkeit auf die Nerven geht — knapp 3,55 Millionen Zuschauer machen die Komödie zu einem der größten deutschen Kinoerfolge der Nachkriegszeit. Im Fernsehen startet im Februar mit Premiere der erste deutsche Bezahlsender, während sich RTL plus und SAT.1 als feste Größen neben ARD und ZDF etablieren; im September zeigt das ZDF erstmals »Die Simpsons«. Die mit Abstand größte Fernsehpräsenz aber hat im Januar und Februar der Golfkrieg: Nächtelang schalten ARD und ZDF in Sondersendungen live nach Bagdad und an den Golf und machen den Krieg — mit CNN-Bildern von Bombenangriffen in Echtzeit — zu einem der ersten „Wohnzimmerkriege" des Fernsehzeitalters.
GESTORBEN · 1991
- Max Frisch (79), Schweizer Schriftsteller — 4. April, Zürich.
- Roy Black (48), Schlagersänger und Schauspieler — 9. Oktober, Heldenstein bei Mühldorf am Inn.
- Miles Davis (65), US-amerikanischer Jazzmusiker — 28. September, Santa Monica.
- Yves Montand (70), französischer Schauspieler und Chansonnier — 9. November, Senlis.
- Klaus Kinski (65), Schauspieler — 23. November, Lagunitas-Forest Knolls, Kalifornien.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1991
- Medizin-Nobelpreis für Patch-Clamp-Pioniere (Oktober). Erwin Neher und Bert Sakmann, beide am Max-Planck-Institut in Göttingen tätig, werden für die von ihnen entwickelte Patch-Clamp-Technik geehrt, mit der sich erstmals die Funktion einzelner Ionenkanäle in Zellmembranen messen lässt.
- 90 Jahre Wuppertaler Schwebebahn (1. März). Weit im Westen der Republik, im Bergischen Land, feiert das über den Köpfen der Stadt schwebende Wahrzeichen sein 90-jähriges Bestehen – ein bundesweit beachtetes Kuriosum der deutschen Verkehrsgeschichte seit 1901.
- Michael Schumachers Formel-1-Debüt (25. August, Spa). Als kurzfristiger Einspringer qualifiziert sich der erst 22-jährige Rennfahrer sensationell auf Startplatz sieben – der unscheinbare Beginn einer Karriere, die ihn später zum erfolgreichsten deutschen Rennfahrer aller Zeiten machen wird.
- Friedensnobelpreis für Aung San Suu Kyi (14. Oktober). Die unter Hausarrest stehende birmanische Oppositionsführerin wird für ihren gewaltlosen Einsatz für Demokratie und Menschenrechte geehrt – ein Hoffnungszeichen weit über Birma hinaus.
- Boris Becker wird Tennis-Weltranglistenerster (27./28. Januar). Mit seinem Sieg bei den Australian Open in Melbourne verdrängt der Leimener Ivan Lendl von der Spitze – als erster deutscher Tennisprofi überhaupt an der Spitze der ATP-Weltrangliste.
- HDW Kiel liefert Spitzentechnologie nach Südkorea (15. September). Auf den Howaldtswerken läuft ein U-Boot der Chang-Bogo-Klasse vom Stapel – ein Exporterfolg, der in Zeiten der Werftenkrise Hoffnung auf Arbeitsplätze an der Förde macht.
DAS WETTER · 1991 in Kiel
An diesem 13. Juli war es an der Förde ein milder Sommertag: Höchstwert 19,2 °C, in der Nacht mild 16,0 °C, im Mittel 17,0 °C; kaum Regen (0,7 mm).
Das Jahr über: Im Mittel 8,5 °C. Wärmster Tag 29,6 °C am 8. Juli, kältester −10,6 °C am 13. Februar. 0 Hitzetage (≥ 30 °C), 16 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 805 mm.
(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1991
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.
- Wind of Change — Scorpions
- Joyride — Roxette
- (Everything I Do) I Do It for You — Bryan Adams
- The Shoop Shoop Song (It's in His Kiss) — Cher
- Secret Love — The Bee Gees
- Senza Una Donna (Without a Woman) — Zucchero & Paul Young
- Sailing on the Seven Seas — OMD
- Ich Bin Der Martin, Ne — Diether Krebs & Gundula
- Rhythm of My Heart — Rod Stewart
- Bow Down Mister — Jesus Loves You
- Bacardi Feeling (Summer Dreamin') — Kate Yanai
- Crazy — Seal
- You Could Be Mine — Guns N' Roses
- Hello Afrika — Dr. Alban feat. Leila K.
- Just the Way It Is, Baby — The Rembrandts
- Aloha Heja He — Achim Reichel
- Shiny Happy People — R.E.M.
- Fading Like a Flower (Every Time You Leave) — Roxette
- Because I Love You (The Postman Song) — Stevie B
- All Together Now — The Farm
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).
»Wetten, dass..?« kommt aus der Ostseehalle: Drei Kapitäne in der Badewanne
Am Samstagabend wird die Ostseehalle zum Fernsehstudio: Das ZDF sendet die 71. Ausgabe von »Wetten, dass..?« aus Kiel. Es ist nach dem 19. Mai 1984 und dem 31. Oktober 1987 bereits die dritte Sendung der Show aus der Halle am Europaplatz.
Als Wettpaten sitzen Ministerpräsident Björn Engholm, die Schauspielerin Marie-Luise Marjan, die Sprinterin Katrin Krabbe sowie Phil Collins, Mike Rutherford und Tony Banks von der Gruppe Genesis auf dem Sofa. Musikalisch ist das Programm breit angelegt: Genesis spielen »No Son of Mine«, Joe Cocker singt »I Can Hear the River«, das Russische Staatsballett zeigt eine Tanzshow, und das Munich Philharmonic Orchestra bringt ein Abba-Medley.
Die Stadtwette gehört der Förde: Drei Schiffskapitäne sollen in einer mit Wasser gefüllten Wanne sitzen, jeweils von sechs Matrosen getragen, und dabei »In meiner Badewanne bin ich Kapitän« singen.
Falcon verunglückt bei der Landung in Holtenau: Ein Toter, mehrere Verletzte
Auf dem Flugplatz Kiel-Holtenau ist eine zweistrahlige Dassault Falcon 20C der italienischen Gesellschaft Groupair bei der Landung verunglückt. Ein Mensch an Bord kam ums Leben, die übrigen Insassen wurden verletzt, einige von ihnen schwer. Das Flugzeug mit dem Kennzeichen I-NLAE war in Mailand-Linate gestartet; an Bord war unter anderem ein Team des italienischen Senders Rai 3.
Über der Förde herrschten starker Wind und Regen. Die Maschine setzte zu weit hinten auf der nassen Bahn auf, es kam zu Aquaplaning. Ein verspätetes Durchstarten misslang: Das Flugzeug schoss über das Bahnende hinaus, riss Bäume um, zerbrach und fing Feuer. Die Maschine wurde zerstört.
Die Hansekogge ist fertig: Ein Hanseschiff aus Friedrichsort

In Friedrichsort ist ein Stück Hansegeschichte wieder entstanden. Auf der Yacht- und Bootswerft Erich Rathje wurde von 1988 bis 1991 der Nachbau jener Kogge von 1380 fertiggestellt, die 1962 in der Weser bei Bremen gefunden worden war. Unter Anleitung von Bootsbaumeister Uwe Baykowski bauten arbeitslose Jugendliche das Schiff; der Verein »Jugend in Arbeit« qualifizierte sie in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen.
Das Schiff ist 23,27 Meter lang und 7,62 Meter breit, trägt 200 Quadratmeter Segel und fährt vorerst ohne Motor: Solange ihre Segelleistungen wissenschaftlich erprobt werden, bleibt sie im historischen Zustand und braucht für Hafenmanöver ein Begleitboot. Zehn Mann Besatzung sind vorgesehen. Getauft wurde sie in diesem Jahr auf den Namen „Hansekogge“.
Ihre erste große Bühne fand die Kogge in Dänemark: Beim internationalen Symposium der Schiffsarchäologen, das vom 2. bis 5. September im Wikingerschiffsmuseum Roskilde tagte, war der Kieler Nachbau dabei.
Aus heutiger Sicht
Die Kogge fand ihren Liegeplatz am Seegarten vor dem Schifffahrtsmuseum; der Förderverein Historische Hansekogge e.V. betreute sie. 2014 erhielt sie einen neuen Mast, 2015 neue Dieselmotoren, 2022 wurden morsche Planken ersetzt.
Der Kieler Hunger verteidigt den Weltmeistertitel vor Brisbane
Der Kieler Steuermann Wolfgang Hunger hat bei der 470er-Weltmeisterschaft vor Brisbane (11. bis 21. Dezember) seinen Titel aus dem Vorjahr verteidigt. Der 31-jährige Arzt gewann mit Vorschoter Rolf Schmidt nach schwachem Auftakt: In der ersten Wettfahrt kam das Boot nur auf Platz 50, der als Streichresultat nicht zählte. Danach segelten Hunger und Schmidt auf die Plätze 2, 7, 1, 2 und 9 und gewannen mit 34 Punkten vor den Niederländern um Benny Kouwenhoven, die auf 61,7 Punkte kamen.
Bei den Frauen holten Susanne Peters aus Ribnitz und Wiebke Bull aus Berlin die Bronzemedaille; Gold ging an die Crew um Isler aus den Vereinigten Staaten.
Schon 1990 in Medemblik hatten Hunger und Schmidt den Titel gewonnen; Bronze ging diesmal an die Briten Brotherton und Hemmings.
KURZ NOTIERT · Kiel 1991
- 21. Januar — Der Weg vom Rondell an der Bismarckallee durch den Park hinunter zur Kiellinie heißt nun Hirschfeld-Blick, nach dem Gartenkünstler Christian Cay Lorenz Hirschfeld (1742–1792).
- 21. März — Der Schleiweg erhält seinen Namen.
- 15. Mai — Füssener Weg und Tölzer Weg erhalten Namen; ein Teil der Sternstraße wird zur Stephan-Heinzel-Straße, benannt nach dem Kieler SPD-Pionier Stephan Heinzel (1841–1899).
- 20. Juni — Anneliese Pinn, Gründerin der Marie-Christian-Heime, stirbt.
- 7. August — Der Bildhauer Fritz Theilmann, Schöpfer des Flanderndenkmals von 1927 und vieler Keramiken in Kiel, stirbt in Kieselbronn bei Pforzheim.
- 22. August — Der Helmut-Hänsler-Platz erhält seinen Namen; er erinnert an den 1990 verstorbenen Ratsherrn, der von 1970 bis 1986 der Ratsversammlung angehörte.
SPORT AN DER FÖRDE · 1991
- THW Kiel — Die Hauptrunde 1990/91 schloss der THW als Dritter von 14 Mannschaften ab (13 Siege, 5 Unentschieden, 8 Niederlagen, 533:523 Tore, 31:21 Punkte). Im Meisterschafts-Play-off schlug er im Viertelfinale TuS Schutterwald (18:13, 22:25, 19:16) und im Halbfinale die SG Wallau/Massenheim (15:13 und 18:15). Im Finale unterlag er dem VfL Gummersbach mit 14:22 und 11:13.
- Holstein Kiel, Oberliga Nord — In der Saison 1990/91 belegte Holstein Platz 4 (17 Siege, 8 Unentschieden, 9 Niederlagen, 54:33 Tore, 42:26 Punkte). Meister wurde der VfL Wolfsburg.
- Holstein Kiel im DFB-Pokal — In der 2. Hauptrunde unterlag Holstein nach einem Freilos in der ersten am 17. August vor 3.700 Zuschauern im Holstein-Stadion dem Bayer 05 Uerdingen mit 1:2 (1:2). Mladenovic glich in der 24. Minute zum 1:1 aus, nachdem Adler Uerdingen in der 20. Minute in Führung gebracht hatte; Peschke traf kurz vor der Pause zum 1:2.
- Kieler Woche, Regatten (22. bis 30. Juni) — Die Sieger: Soling Jesper Bank (Dänemark), Tornado Hagara (Österreich), Laser Michael Hestbaek (Dänemark), 470er der Männer Wolfgang Hunger, 470er der Frauen Larissa Moskalenko (UdSSR), Finn Anders Lundmark (Schweden), Europe Tine Moberg (Norwegen) und Mistral Jorunn Horgen (Norwegen).