DER CHRONIST
Ein Jahr der Gegensätze: Während sich Europa in Maastricht zur Union zusammenschließt, zerfällt im Südosten des Kontinents ein Vielvölkerstaat im Feuer eines Krieges — und in der eigenen Republik, auch nur eine Zugstunde von Kiel entfernt, zeigt rassistischer Hass in Mölln und Rostock-Lichtenhagen sein mörderisches Gesicht, während die Bonner Regierung erst nach der Tat von Mölln mit Vereinsverboten reagiert. Auch jenseits des Atlantiks bricht offene Gewalt aus, als nach dem Freispruch im Fall Rodney King tagelange Unruhen Los Angeles erschüttern, und in London zwingt der „Schwarze Mittwoch" das Pfund Sterling aus dem europäischen Wechselkurssystem. Zugleich zeigt sich die Welt auch von ihrer unbeschwerten Seite: Barcelona feiert Olympia, Dänemark wird sensationell Fußball-Europameister, und bei Paris öffnet mit Euro Disney ein Stück amerikanischer Freizeitkultur seine Tore. Wirbelsturm „Andrew" verwüstet Florida, und in Mitteleuropa besiegeln Prag und Bratislava einvernehmlich die Teilung der Tschechoslowakei – ein Jahr, das zeigt, wie nah Fortschritt und Rückschritt, Feier und Schrecken beieinanderliegen können.
Rechtsextremer Brandanschlag in Mölln: Drei Tote

In der Nacht zum 23. November verüben der 25 Jahre alte Michael Peters und der 19-jährige Lars Christiansen, zwei junge Neonazis, in der schleswig-holsteinischen Kleinstadt Mölln, keine 60 Kilometer südlich von Lübeck und nur gut eine Autostunde von Kiel entfernt, Brandanschläge mit Molotowcocktails auf zwei von türkischstämmigen Familien bewohnte Häuser in der Mühlenstraße und der Ratzeburger Straße. In den Flammen sterben die zehnjährige Yeliz Arslan, ihre 14 Jahre alte Cousine Ayşe Yılmaz und deren Großmutter, die 51 Jahre alte Bahide Arslan, die seit 1967 in Deutschland lebt und seit den siebziger Jahren mit ihrer Familie in der Mühlenstraße wohnt: Nachdem sie zunächst ihren Enkel aus dem brennenden Haus retten kann, kommt sie beim Versuch um, auch ihre Enkelinnen aus den Flammen zu bergen. Neun weitere Menschen werden teils schwer verletzt. Einer der Täter meldet die Brände anonym der Polizei und beendet den Anruf mit den Worten „Heil Hitler!"
Vor dem Oberlandesgericht Schleswig, das den Fall ab April 1993 verhandelt, werden Peters und Christiansen wegen dreifachen Mordes in Tateinheit mit versuchtem Mord angeklagt. Am 8. Dezember 1993 verurteilt das Gericht den zur Tatzeit 25-jährigen Peters zu lebenslanger Haft, den erst 19 Jahre alten und nach Jugendstrafrecht verurteilten Christiansen zu zehn Jahren Jugendstrafe. Nur drei Monate nach den Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen erschüttert die Tat das ganze Land: Bereits am 6. Dezember 1992 ziehen in München mehr als 400.000 Menschen in einer Lichterkette durch die Innenstadt, weitere folgen mit jeweils hunderttausenden Teilnehmern in Hamburg, Nürnberg, Essen und Leipzig. Auch in Kiel ziehen in den Tagen nach der Tat Lichterketten und Mahnwachen durch die Innenstadt, ein stilles, entschiedenes Zeichen gegen Fremdenhass im eigenen Bundesland.
Vertrag von Maastricht: Die Europäische Union wird gegründet

Im niederländischen Maastricht unterzeichnen die Staats- und Regierungschefs der zwölf Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaften den nach der Stadt benannten Vertrag. Er begründet die Europäische Union als politisches Dach über der Gemeinschaft, der Außen- und Sicherheitspolitik sowie der Zusammenarbeit in Justiz und Inneres – ein sogenanntes Drei-Säulen-Modell – und schafft mit der Unionsbürgerschaft erstmals ein gemeinsames staatsbürgerliches Band für alle Angehörigen der Mitgliedstaaten. Mit der geplanten Wirtschafts- und Währungsunion legt der Vertrag zugleich den Grundstein für eine gemeinsame europäische Währung; verbindliche Konvergenzkriterien – unter anderem eine Obergrenze für die jährliche Neuverschuldung von 3 Prozent und für den Gesamtschuldenstand von 60 Prozent der Wirtschaftsleistung – sollen die teilnehmenden Volkswirtschaften auf diesen Weg verpflichten.
Die Ratifizierung gerät jedoch zur Zitterpartie: Bereits am 2. Juni 1992 lehnt eine hauchdünne Mehrheit von 50,7 Prozent der dänischen Wähler den Vertrag in einem Referendum ab, und auch das französische Referendum vom 20. September 1992 – als „Petit Oui" in die Geschichte eingegangen – fällt mit rund 51 Prozent Zustimmung denkbar knapp aus. Erst das im Dezember 1992 in Edinburgh vereinbarte Paket von dänischen Sonderregelungen, das Kopenhagen unter anderem von der gemeinsamen Währung und der Verteidigungspolitik ausnimmt, ebnet den Weg für ein zweites dänisches Referendum, das den Vertrag am 18. Mai 1993 mit 56,8 Prozent annimmt. Wegen dieser langwierigen Ratifizierungshürden tritt der Vertrag erst am
- November 1993 in Kraft. Für die exportorientierte Kieler Hafenwirtschaft und die Werften an der Förde ist der Schritt in Richtung eines offeneren Binnenmarkts von unmittelbarem Interesse.
Aus heutiger Sicht
Am 1. Januar 2002 löst der Euro als Bargeld die D-Mark endgültig ab; die in Maastricht festgeschriebenen Konvergenzkriterien werden in der Praxis jedoch wiederholt aufgeweicht. Die europäische Schuldenkrise ab 2010 stellt die Statik der Währungsunion auf eine harte Probe, die erst mit milliardenschweren Rettungsprogrammen für Griechenland, Irland, Portugal und Spanien abgewendet wird.
Krieg in Bosnien-Herzegowina: Belagerung Sarajevos beginnt

Nach dem Unabhängigkeitsreferendum vom 29. Februar und 1. März, bei dem sich – von den bosnischen Serben boykottiert – rund 99 Prozent der abstimmenden Wählerschaft für die Loslösung von Jugoslawien aussprechen, erkennen die Europäische Gemeinschaft am 6. und die USA am 7. April Bosnien-Herzegowina als unabhängigen Staat an. Praktisch zeitgleich nehmen Einheiten der bosnisch-serbischen Armee in der Nacht zum 5. April den Flughafen von Sarajevo ein und beginnen mit der Belagerung der Hauptstadt – der Auftakt eines Krieges, der bis 1995 andauern und mit der Einschließung Sarajevos zur längsten Belagerung einer Hauptstadt in der Geschichte des 20. Jahrhunderts werden soll: Erst am 29. Februar 1996, nach 1.425 Tagen, endet der Ring um die Stadt.
Von den Hügeln ringsum und aus Hochhäusern feuern serbische Scharfschützen und Artillerie täglich auf die rund 400.000 verbliebenen Einwohner; eine der Hauptstraßen der Stadt wird als „Sniper Alley" traurige Berühmtheit erlangen, während das Hotel Holiday Inn der internationalen Presse als Basis dient. Strom, Heizung und Lebensmittel werden über weite Strecken der Belagerung knapp; Schätzungen zufolge sterben bis zu deren Ende rund 11.000 Menschen, darunter etwa 1.600 Kinder, weitere 56.000 werden verletzt. Das Grauen von Massakern wie später in Srebrenica wirft schon 1992 seine Schatten voraus. Für die Bundesrepublik bedeutet der Krieg auch die erste große Welle bosnischer Kriegsflüchtlinge, von denen in den Folgejahren Zehntausende – darunter auch in Schleswig-Holstein – Aufnahme finden.
Aus heutiger Sicht
Für die während der Belagerung begangenen Verbrechen werden die verantwortlichen bosnisch-serbischen Kommandeure erst Jahrzehnte später zur Rechenschaft gezogen: Das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag verurteilt Radovan Karadžić im März 2016 unter anderem wegen Völkermords in Srebrenica zu 40 Jahren Haft, sein militärischer Befehlshaber Ratko Mladić wird im November 2017 zu lebenslanger Haft verurteilt.
Landtagswahlen in Kiel und Stuttgart: Engholm verteidigt seine Mehrheit, DVU und Republikaner ziehen in zwei Parlamente ein

Am Palmsonntag, dem 5. April, wird in Schleswig-Holstein ein neuer Landtag gewählt. Ministerpräsident Björn Engholm verteidigt für die SPD mit 46,2 Prozent der Stimmen die absolute Mehrheit, wenn auch denkbar knapp: 45 der 89 Sitze reichen gerade. Die CDU kommt auf 33,8 Prozent, die FDP auf 5,6 Prozent, die Grünen scheitern mit 4,97 Prozent hauchdünn an der Fünf-Prozent-Hürde. Die Wahlbeteiligung liegt bei 71,7 Prozent. Neu und mit bundesweitem Aufsehen zieht die rechtsextreme Deutsche Volksunion (DVU) mit 6,3 Prozent und sechs Abgeordneten als drittstärkste Kraft in den Kieler Landtag ein – der erste Einzug einer rechtsextremen Partei in ein westdeutsches Landesparlament seit Jahren. Engholm bildet mit seiner Mehrheit ein zweites Kabinett Engholm.
Am selben Wahltag stimmt auch Baden-Württemberg ab, und auch dort zieht mit den Republikanern erstmals eine Partei rechts der Union in den Landtag ein. Zwei Landtagswahlen, zwei Parlamente mit rechtsextremer beziehungsweise rechtspopulistischer Vertretung: In einem Jahr, das mit den Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen und dem Brandanschlag von Mölln von Gewalt gegen Ausländer und einer hitzigen Asyldebatte geprägt ist, ist der 5. April der erste Beleg an der Wahlurne, dass diese Stimmung auch politisch Gewicht gewinnt.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Baden-Württemberg, 5. April — CDU 39,6 %, SPD 29,4 %, Republikaner 10,9 % (Ersteinzug), Grüne 9,5 %, FDP 5,9 %. Beteiligung 70,1 %. Die CDU verliert nach zwanzig Jahren ihre absolute Mehrheit; da weder für Schwarz-Gelb noch für Rot-Grün eine Mehrheit reicht, bildet Ministerpräsident Erwin Teufel eine Große Koalition mit der SPD.
Pogrom von Rostock-Lichtenhagen: Rassistische Ausschreitungen erschüttern die Republik

Wochenlang ist die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAst) in Rostock-Lichtenhagen hoffnungslos überfüllt, Hunderte Asylsuchende campieren mangels Betten auf dem Gehweg davor – ein Zustand, den rechtsextreme Gruppen in der aufgeheizten bundesweiten Asyldebatte des Sommers 1992 gezielt für Hetze nutzen. Am Samstag, dem 22. August, versammelt sich vor dem benachbarten „Sonnenblumenhaus", in dem auch vietnamesische Vertragsarbeiter wohnen, erstmals eine johlende Menge, die rechte Parolen skandiert und Steine wirft.
Am folgenden Montag, dem 24. August, wird die ZAst evakuiert – doch der Mob, zeitweise mehrere Tausend Rechtsextremisten und applaudierende Schaulustige, wendet sich nun gegen das Sonnenblumenhaus selbst. In der Nacht zum 25. August bewerfen Angreifer das Gebäude mit Molotowcocktails und Steinen, während darin noch mehr als hundert vietnamesische Bewohner und ein Kamerateam des ZDF ausharren; die Polizei zieht sich zeitweise zurück und bringt die Lage tagelang nicht unter Kontrolle. Die Eingeschlossenen entkommen den Flammen nur knapp über das Dach. Es sind die schwersten fremdenfeindlichen Ausschreitungen im Nachkriegsdeutschland – ein Menetekel, dessen mörderische Fortsetzung nur drei Monate später in Mölln folgt.
Die Bilder von applaudierenden Anwohnern und einer überforderten Polizei lösen eine bundesweite Debatte über Asylrecht und Ausländerfeindlichkeit aus; sie tragen mit dazu bei, dass Bundestag und Bundesrat 1993 im sogenannten Asylkompromiss das bis dahin nahezu unbeschränkte Grundrecht auf Asyl aus Artikel 16 des Grundgesetzes einschränken.
Aus heutiger Sicht
Die juristische Aufarbeitung bleibt dürftig: Von rund 250 eröffneten Strafverfahren enden die meisten mit Einstellung, nur elf Beteiligte werden wegen Landfriedensbruchs und Brandstiftung verurteilt, überwiegend zu Bewährungsstrafen. Der Großteil der Angreifer bleibt bis heute unbehelligt – eine Bilanz, die Historiker und Bürgerrechtler noch Jahrzehnte später als Versagen des Rechtsstaats kritisieren.
Bill Clinton wird zum 42. Präsidenten der USA gewählt

Der demokratische Gouverneur von Arkansas, Bill Clinton, setzt sich mit seinem Running Mate, dem Senator Al Gore aus Tennessee, in der Präsidentschaftswahl gegen den amtierenden Republikaner George H. W. Bush und den unabhängigen Milliardär Ross Perot durch und gewinnt mit 370 von 538 Wahlmännerstimmen deutlich, bei einem Stimmenanteil von 43 Prozent gegenüber 37,4 Prozent für Bush; Perot, der mit knapp 19 Prozent den besten Ergebnis eines unabhängigen Kandidaten seit acht Jahrzehnten einfährt, geht trotz seines Achtungserfolgs an der Wahlmännerhürde leer aus. Bush, dessen Popularität nach dem Golfkrieg 1991 zwischenzeitlich bei über 90 Prozent gelegen hatte, leidet im Wahlkampf unter dem gebrochenen Versprechen „Read my lips: no new taxes" und der anhaltenden Rezession.
Seine im Wahlkampfhauptquartier in Little Rock von Stratege James Carville geprägte Formel „It's the economy, stupid!" trifft die Stimmung eines Landes, das nach der Rezession der frühen neunziger Jahre vor allem wirtschaftliche Erneuerung erwartet. Mit Clintons Amtsantritt am 20. Januar 1993 übernimmt erstmals seit zwölf Jahren wieder ein Demokrat das Weiße Haus.
Rassenunruhen in Los Angeles nach dem Rodney-King-Urteil

Am 29. April spricht eine Geschworenenjury im kalifornischen Simi Valley vier weiße Polizisten des Los Angeles Police Department vom Vorwurf der Körperverletzung frei, obwohl ein Amateurvideo im März 1991 gezeigt hatte, wie sie den schwarzen Autofahrer Rodney King nach einer Verkehrskontrolle mit Schlagstöcken und Fußtritten traktierten, während er längst wehrlos am Boden lag. Nur Stunden nach dem Freispruch bricht in South Central Los Angeles ein tagelanger Aufruhr los: Geschäfte werden geplündert und in Brand gesteckt, es kommt zu Schießereien und offener Gewalt auf den Straßen; besonders die auf Video festgehaltene brutale Attacke auf den weißen Lkw-Fahrer Reginald Denny an der Kreuzung Florence/Normandie geht um die Welt.
Erst der Einsatz der Nationalgarde und von Bundestruppen unter Präsident George H. W. Bush bringt die Lage nach rund sechs Tagen wieder unter Kontrolle. Etwa 53 Menschen sterben, mehr als 2.000 werden verletzt, tausende Gebäude brennen nieder; der Sachschaden wird auf rund eine Milliarde Dollar geschätzt – die schwersten Rassenunruhen in der Geschichte der USA seit den sechziger Jahren. Ein zweiter, bundesgerichtlicher Prozess führt 1993 zur Verurteilung zweier der vier Beamten wegen Verletzung der Bürgerrechte Kings.
Eröffnung des Euro Disney Resort bei Paris

Nach vier Jahren Bauzeit öffnet Euro Disneyland im Vorort Marne-la-Vallée, gut 30 Kilometer östlich von Paris, seine Tore – der erste Vergnügungspark des amerikanischen Disney-Konzerns auf europäischem Boden. Bereits am 10. und 11. April feiern Prominente wie Cher, die Gipsy Kings und der Tenor José Carreras die Eröffnung der Hotelanlagen und des Disney Village in einer international übertragenen Gala; am Ostersonntag strömen die ersten Besucher durch das Tor zum Themenpark.
Der Empfang in Frankreich fällt gemischt aus: Während der Konzern auf Millionen Besucher jährlich setzt, spottet die Regisseurin Ariane Mnouchkine öffentlich über einen „kulturellen Tschernobyl" mitten im Herzen Europas, und Kritiker fürchten um die kulinarische und kulturelle Eigenart des Landes. Überzogene Baukosten von umgerechnet weit über vier Milliarden US-Dollar, unterschätzte Besucherzahlen im ersten Winter und Konflikte um Kleidungs- und Alkoholvorschriften für das Personal bescheren dem Unternehmen in den folgenden Jahren hohe Verluste – Probleme, die erst eine finanzielle Rettungsaktion 1994 und die spätere Umbenennung in Disneyland Paris lösen.
Wirbelsturm „Andrew" verwüstet Florida

In den frühen Morgenstunden des 24. August trifft der Hurrikan „Andrew" mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 240 Kilometern pro Stunde als Sturm der höchsten Kategorie 5 auf die Küste südlich von Miami. Innerhalb weniger Stunden fegt er über die Vororte Homestead und Florida City hinweg und legt ganze Straßenzüge in Trümmer: Rund 63.000 Häuser werden zerstört oder unbewohnbar, etwa 250.000 Menschen verlieren ihr Zuhause. 26 Menschen kommen in Florida unmittelbar durch den Sturm ums Leben.
Mit einem Sachschaden von rund 26,5 Milliarden Dollar ist Andrew bis dahin die teuerste Naturkatastrophe der US-Geschichte – ein Rekord, den erst 2005 der Hurrikan Katrina übertrifft. Die chaotische föderale Hilfsreaktion in den Tagen danach löst scharfe öffentliche Kritik aus und führt in der Folge zu einer grundlegenden Reform der US-Katastrophenschutzbehörde FEMA sowie zu verschärften Bauvorschriften für Windlasten in Florida.
Tschechoslowakei beschließt ihre Teilung

Im Garten der Brünner Villa Tugendhat einigen sich der tschechische Ministerpräsident Václav Klaus und sein slowakischer Amtskollege Vladimír Mečiar darauf, die gemeinsame Föderative Republik zum Jahresende aufzulösen. Nach der Wende von 1989 hatten wirtschaftliche Spannungen zwischen dem industriell stärkeren Tschechien und der ärmeren Slowakei sowie der Machtanspruch beider Politiker eine gemeinsame Zukunft zunehmend erschwert; anders als in Jugoslawien vollzieht sich die Trennung jedoch ganz ohne Gewalt. Am 25. November billigt das gesamtstaatliche Parlament in Prag den Fahrplan – ohne Volksabstimmung.
Zum 1. Januar 1993 entstehen daraus zwei souveräne Staaten, die Tschechische Republik und die Slowakei. Weil der Prozess ohne Blutvergießen und im gegenseitigen Einvernehmen verläuft, geht er als „Samtene Scheidung" in die Geschichte ein, benannt nach der ebenso gewaltfreien „Samtenen Revolution" von 1989.
Aus heutiger Sicht
Die einvernehmliche Trennung hindert beide Nachfolgestaaten nicht an einer engen Westanbindung: Am 1. Mai 2004 treten sowohl die Tschechische Republik als auch die Slowakei gemeinsam mit acht weiteren Staaten der Europäischen Union bei, nachdem beide zuvor bereits der NATO beigetreten waren.
„Schwarzer Mittwoch": Pfund Sterling fliegt aus dem Europäischen Währungssystem

Am 16. September gerät das britische Pfund unter massiven Abwertungsdruck im Europäischen Wechselkursmechanismus (EWS), dem Vorläufer der erst wenige Monate zuvor in Maastricht vereinbarten Währungsunion. Spekulanten, allen voran der Investor George Soros mit seinem Quantum Fund, wetten in großem Stil gegen die aus ihrer Sicht überbewertete Währung. Die Bank of England erhöht binnen weniger Stunden zweimal den Leitzins, zeitweise bis auf 15 Prozent, und kauft milliardenschwer eigene Pfund auf, um den Kurs zu stützen – vergeblich.
Am Abend gibt die britische Regierung unter Premierminister John Major auf: Das Pfund scheidet aus dem EWS aus und wird deutlich abgewertet. Soros soll mit seiner Wette an diesem einzigen Tag mehr als eine Milliarde Dollar Gewinn gemacht und sich damit den Ruf erworben haben, „die Bank of England gesprengt" zu haben. Der Schwarze Mittwoch erschüttert das Vertrauen in die europäische Währungsordnung ausgerechnet in dem Jahr, in dem die Zwölf in Maastricht den Grundstein für den Euro gelegt haben.
Nach Mölln: Bundesinnenminister verbietet rechtsextreme Organisationen

Nur vier Tage nach dem Brandanschlag von Mölln verbietet Bundesinnenminister Rudolf Seiters am 27. November die neonazistische „Nationalistische Front", eine der aktivsten rechtsextremen Kaderorganisationen der Republik. Am 10. Dezember folgen die Verbote der „Deutschen Alternative" und der „Nationalen Offensive", zweier weiterer neonazistischer Gruppierungen aus dem Umfeld der „Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front". Kurz darauf ziehen auch mehrere Bundesländer nach: Die Innenminister von Nordrhein-Westfalen, Bayern, Niedersachsen und Baden-Württemberg verbieten unter anderem den „Deutschen Kameradschaftsbund" und die „Heimattreue Vereinigung Deutschlands".
Die Verbotswelle ist die unmittelbare politische Antwort auf Mölln und die Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen im selben Jahr; sie soll zeigen, dass der Staat der rechtsextremen Gewalt nicht tatenlos zusieht. Kritiker wenden gleichwohl ein, dass viele der verbotenen Kader in loseren, schwerer greifbaren Strukturen weiterarbeiten – eine Debatte, die die deutsche Sicherheitspolitik über die neunziger Jahre hinaus begleiten wird.
Handgriff im All: US-Astronauten bergen den gestrandeten Satelliten Intelsat VI

Auf ihrem Jungfernflug STS-49 (7. bis 16. Mai) übernimmt die neue US-Raumfähre Endeavour eine ungewöhnliche Bergungsmission: Der Kommunikationssatellit Intelsat VI-F3 war 1990 wegen einer fehlgeschlagenen Raketenstufe auf einer nutzlosen Umlaufbahn gestrandet. Nach zwei gescheiterten Versuchen mit einer eigens gebauten Fangstange unternehmen die Astronauten Pierre Thuot, Richard Hieb und Thomas Akers unter Kommandant Daniel Brandenstein am 13. Mai den weltweit ersten Weltraumausstieg mit drei Personen gleichzeitig: Sie fangen den gut vier Tonnen schweren Satelliten von Hand ein und docken ihn an eine neue Raketenstufe, die ihn wenig später erfolgreich in seine geostationäre Zielumlaufbahn befördert.
„Aktion Standesamt": Homosexuelle Paare fordern bundesweit das Recht auf Eheschließung

Am 19. August treten in zahlreichen deutschen Städten gleichgeschlechtliche Paare gemeinsam vor die Standesämter und beantragen die Eheschließung – im Wissen, dass ihnen dies nach geltendem Recht verwehrt wird. Die bundesweit koordinierte „Aktion Standesamt", getragen von schwul-lesbischen Verbänden, soll die rechtliche Ungleichbehandlung öffentlichkeitswirksam sichtbar machen. Die Standesbeamten weisen die Anträge erwartungsgemäß zurück; die Aktion markiert dennoch einen frühen Meilenstein auf dem Weg zur eingetragenen Lebenspartnerschaft, die erst 2001 eingeführt wird, und zur vollständigen Ehe für alle im Jahr 2017.
Berlins Loveparade wächst zur Massenbewegung: 15.000 tanzen unter dem Motto „The Spirit Makes You Move"

Am 4. Juli zieht die Loveparade zum vierten Mal durch den Berliner Tiergarten. Unter dem Motto „The Spirit Makes You Move" wächst der Umzug von zuvor kleinen, hundertköpfigen Aufmärschen auf rund 15.000 Teilnehmer an. Erstmals reisen Techno-Anhänger aus dem gesamten Bundesgebiet – aus München, Köln, Stuttgart, Hamburg, Nürnberg und Frankfurt – gemeinsam nach Berlin und erleben, dass die junge Musik- und Tanzkultur längst keine Berliner Lokalerscheinung mehr ist, sondern zu einer bundesweiten Jugendbewegung herangewachsen ist.
Die Michelangelo-Hysterie: Deutschland fürchtet den Computervirus, der nie kam

Wochenlang vor dem 6. März – dem Geburtstag Michelangelos und zugleich dem programmierten Auslösetag eines gleichnamigen Computervirus – warnen auch deutsche Medien und Computerhersteller vor einer drohenden Datenkatastrophe: Der über infizierte Disketten verbreitete Virus überschreibt an diesem Stichtag die Festplatten befallener PCs. Die „Michelangelo-Hysterie" treibt in Deutschland kurzzeitig den Absatz von Antivirensoftware in die Höhe. Am Stichtag selbst bleibt der befürchtete Kollaps aus: Bundesweit werden nur rund 150 tatsächliche Infektionsfälle bekannt – ein frühes Lehrstück darüber, wie Medienberichterstattung technische Risiken über- oder unterschätzen kann.
AM RANDE NOTIERT
- Vom 3. bis 14. Juni tagt in Rio de Janeiro der „Erdgipfel" der Vereinten Nationen – mit der Klimarahmenkonvention und der Agenda 21 setzt die Staatengemeinschaft erstmals ein globales Zeichen für Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung.
- Vom 25. Juli bis 9. August feiert Barcelona die Olympischen Sommerspiele – erstmals seit 1972 wieder ohne politisch motivierten Boykott eines der beiden Machtblöcke und mit der wiedervereinigten deutschen Mannschaft.
- Am 26. Juni wird Dänemark im Finale von Göteborg sensationell Fußball-Europameister: Erst zehn Tage vor Turnierbeginn als Ersatz für das wegen des Bürgerkriegs ausgeschlossene Jugoslawien nachnominiert, schlägt die dänische Mannschaft die deutsche Nationalelf mit 2:0 – eine der größten Überraschungen der Fußballgeschichte.
- Vom 20. bis 28. Juni feiert Kiel die 98. Kieler Woche – das weltgrößte Segelsportereignis lockt trotz der angespannten politischen Lage im Land wieder Hunderttausende an die Förde und zu den Werften von HDW.
- Am 13. Mai erteilt das Europäische Patentamt das erste Patent auf ein gentechnisch verändertes Tier, die „Harvard-Krebsmaus" – eine Maus, der Forscher ein menschliches Krebsgen eingepflanzt haben. Die Entscheidung löst eine bis heute andauernde Debatte über die Patentierbarkeit von Lebewesen aus.
- Am 31. Januar kürt die Gesellschaft für deutsche Sprache das Wort „ausländerfrei" zum Unwort des Jahres 1991 – eine sprachliche Reaktion auf die fremdenfeindlichen Parolen, die im Vorjahr an Hausfassaden und in Demonstrationen aufgetaucht waren und die die Debatte des Jahres 1992 bereits vorwegnehmen.
WIRTSCHAFT · 1992
Die westdeutsche Wirtschaft wächst 1992 nur noch um 2,0 Prozent – nach den Vereinigungsjahren mit ihren hohen Wachstumsraten deutlich schwächer. Die Inflationsrate klettert im Jahresdurchschnitt auf 5,0 Prozent, den höchsten Stand seit der zweiten Ölkrise. Die Arbeitslosigkeit steigt gesamtdeutsch auf eine Quote von 7,7 Prozent; im Jahresdurchschnitt sind 2.978.570 Menschen ohne Arbeit gemeldet. Am 27. April legt die Gewerkschaft ÖTV im öffentlichen Dienst die Arbeit nieder – der erste große Streik im wiedervereinigten Deutschland endet nach mehreren Streiktagen mit einem Tarifabschluss oberhalb der ursprünglichen Angebote der Arbeitgeberseite.
Preisspiegel 1992:
- Mischbrot: 3,60 DM pro Kilogramm
- Milch: 1,40 DM pro Liter
- Benzin (Normal): 1,33 DM pro Liter
- Zigaretten: 4,45 DM pro Schachtel
- Standardbrief-Porto: 1,00 DM
STIMMEN DER PRESSE · 1992
Nach dem Pogrom von Rostock-Lichtenhagen und im Zuge der aufgeheizten Asyldebatte reagiert die Presse quer durchs politische Spektrum – von linksliberaler Anklage bis zu einer Verteidigung der aufgebrachten Zuschauer im Boulevard:
„Für die rund sechs Millionen in Deutschland lebenden Ausländer ist seit Hoyerswerda, spätestens aber seit dem vergangenen Wochenende klar, daß ihr Leib und Leben in diesem Land nicht mehr gesichert sind." — taz, 26. August 1992 (Bahman Nirumand)
„Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Vereinigungspolitik begünstigen die Ausländerfeindlichkeit und den Rechtsextremismus." — Frankfurter Rundschau, 25. September 1992 („Frankfurter Aufruf")
„Die Randale beklatschen, sind keine Neonazis — manche von ihnen nicht einmal Ausländerfeinde. Sie verstehen die Sprüche und Widersprüche unserer Politiker nicht." — Bild, 27. August 1992 (Peter Boenisch)
SPORT · 1992
Bereits vom 8. bis 23. Februar tragen die Winterspiele im französischen Albertville den Olympia-Reigen dieses Jahres ein. Die gesamtdeutsche Mannschaft, die dort erstmals seit der Wiedervereinigung wieder gemeinsam antritt, wird mit 26 Medaillen – zehnmal Gold, zehnmal Silber, sechsmal Bronze – erfolgreichste Nation der Spiele; als überragende Athleten ragen der Biathlet Mark Kirchner und die Eisschnellläuferin Gunda Niemann heraus, die beide je zweimal Gold und einmal Silber gewinnen. Ehe im Sommer, wie bereits vermerkt, Barcelona die Sommerspiele ausrichtet — für die deutsche Mannschaft die erste gesamtdeutsche Olympia-Teilnahme seit 1964 —, sorgt in den USA das nordamerikanische Basketball-„Dream Team" für Furore.
Mit Michael Jordan, Magic Johnson, Larry Bird, Charles Barkley, Patrick Ewing, Scottie Pippen, Karl Malone, John Stockton, Clyde Drexler, Chris Mullin, David Robinson und dem einzigen college-gebliebenen Christian Laettner tritt in Barcelona erstmals eine US-Olympiamannschaft mit aktiven NBA-Profis an. Das Team lässt der internationalen Konkurrenz keine Chance, gewinnt souverän Gold und markiert damit zugleich den Beginn der globalen NBA-Vermarktung.
MODE · 1992
Auf den Laufstegen New Yorks zeigt Marc Jacobs am 3. November seine Grunge-Kollektion für Perry Ellis und sorgt damit für einen handfesten Skandal — Flanellhemden vom Trödel werden zu bedrucktem Seidenstoff, Holzfäller-Thermounterwäsche zu Kaschmir, dazu laufen Topmodels wie Naomi Campbell, Kate Moss und Christy Turlington in Doc-Martens-Boots über den Steg, während im Hintergrund Musik von Sonic Youth und L7 läuft. Der Chic der Straße hält damit auch offiziell Einzug in die Haute Couture, doch die Kritik fällt vernichtend aus – die einflussreiche Modekritikerin Cathy Horyn schreibt, Grunge sei „ein Anathema für die Mode". Nur wenige Wochen später, kurz nachdem Jacobs im Januar 1993 als „Designer of the Year" ausgezeichnet wird, trennt sich Perry Ellis von ihm; erst Jahre später gilt die Kollektion als stilbildend für eine ganze Modedekade.
Parallel erobert der Wonderbra die Auslagen der Kaufhäuser und mit ihm ein neues, offensiveres Körperbewusstsein: Der Push-up-BH mit Formschale und verstellbaren Trägern, seit Jahrzehnten in Kanada im Handel, wird nun auch in Europa und den USA zum meistdiskutierten Unterwäsche-Accessoire der Saison.
KINO & FERNSEHEN · 1992
Der deutsche Kinoerfolg des Jahres heißt „Schtonk!": Helmut Dietls bissige Satire auf die gefälschten Hitler-Tagebücher, mit Götz George und Uwe Ochsenknecht in den Hauptrollen, verzeichnet rund 1,9 Millionen Kinobesucher, gewinnt den Deutschen Filmpreis und wird 1993 als erster Beitrag des wiedervereinigten Deutschlands für den Auslands-Oscar nominiert. International füllen „Kevin – Allein in New York", Disneys Zeichentrickfilm „Aladdin" sowie die Thriller „Basic Instinct" und „Erbarmungslos" von und mit Clint Eastwood die Kinosäle. Im Fernsehen startet am 23. Dezember mit RTL 2 ein weiterer bundesweiter Privatsender und erweitert damit die junge deutsche Fernsehlandschaft um einen weiteren Kanal.
GESTORBEN · 1992
- Marlene Dietrich (90), Schauspielerin und Sängerin — 6. Mai, Paris.
- Karl Carstens (77), Bundespräsident a. D. — 30. Mai, Bonn.
- Heinz Galinski (79), Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland — 19. Juli, Berlin.
- Willy Brandt (78), Bundeskanzler a. D. und Friedensnobelpreisträger — 8. Oktober, Unkel.
- Alexander Dubček (70), slowakischer Reformpolitiker und Symbolfigur des Prager Frühlings — 7. November, Prag (Folgen eines Autounfalls im September).
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1992
- documenta 9 in Kassel begeistert die Kunstwelt (Juni–September). Unter der Leitung von Jan Hoet zieht die neunte Ausgabe der weltweit bedeutendsten Ausstellungsreihe zeitgenössischer Kunst erstmals mehr als eine halbe Million Besucher an – ein kulturelles Gegengewicht in einem von Krieg und Fremdenhass überschatteten Jahr.
- Die erste SMS der Welt wird verschickt (3. Dezember). Der britische Ingenieur Neil Papworth schickt über das Vodafone-Netz die Kurzmitteilung „Merry Christmas" von einem PC an ein Mobiltelefon – der unscheinbare Beginn einer Kommunikationsrevolution, die binnen weniger Jahre das mobile Schreiben in aller Welt selbstverständlich macht.
- Maria Jepsen wird erste evangelische Bischöfin der Welt (30. August). Die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche in Hamburg wählt Jepsen an die Spitze ihres Sprengels – ein Novum in der Geschichte des lutherischen Bischofsamts, das auch in Schleswig-Holstein mit Interesse verfolgt wird.
- Sevilla eröffnet die Weltausstellung Expo '92 (20. April–12. Oktober). Rund zwölf Millionen Besucher erleben unter dem Motto „Zeitalter der Entdeckungen" die 500-Jahr-Feier zur Ankunft Kolumbus' in Amerika.
- Astronomen weisen erstmals Planeten außerhalb unseres Sonnensystems nach (9. Januar). Die Forscher Aleksander Wolszczan und Dale Frail entdecken zwei Planeten, die den Pulsar PSR B1257+12 umkreisen – der erste bestätigte Fund von Exoplaneten in der Geschichte der Astronomie.
DAS WETTER · 1992 in Kiel
An diesem 13. Juli war es an der Förde ein milder Sommertag mit kräftigem Schauer: Höchstwert 21,3 °C, in der Nacht 13,2 °C, im Mittel 16,8 °C; 8,9 mm Regen.
Das Jahr über: Im Mittel 9,5 °C. Wärmster Tag heiße 35,0 °C am 9. August, kältester −7,9 °C am 25. Januar. 3 Hitzetage (≥ 30 °C), 6 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 670 mm.
(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1992
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.
- It's My Life — Dr. Alban
- Rhythm Is a Dancer — Snap!
- November Rain — Guns N' Roses
- Das Boot — U96
- To Be With You — Mr. Big
- Knockin' on Heaven's Door — Guns N' Roses
- Abba-Esque — Erasure
- Temple of Love (1992) — The Sisters of Mercy
- Don't Talk Just Kiss — Right Said Fred
- Jive Connie — Connie Francis
- Nothing Else Matters — Metallica
- Please Don't Go — Double You
- Stay — Shakespear's Sister
- You — Ten Sharp
- Just Another Day — Jon Secada
- How Do You Do! — Roxette
- Justified and Ancient (Stand by the Jams) — The KLF & Tammy Wynette
- Smells Like Teen Spirit — Nirvana
- I Can't Dance — Genesis
- Dream a Little Dream of Me — Mama Cass with The Mamas & the Papas
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).
Wechsel im Rathaus: Luckhardt geht, Kelling kommt
Zwölf Jahre hat Karl Heinz Luckhardt (SPD) die Stadt geführt, am 31. Oktober endet seine Amtszeit. Der Oberbürgermeister, seit dem 1. November 1980 im Amt, geht nach zwei sechsjährigen Wahlperioden in den Ruhestand. In seine Zeit fallen die Erschließung neuer Wohngebiete in Klausbrook und Wellsee, das Einkaufszentrum Sophienhof und der Einstieg in die Sanierung der Hörn.
Luckhardt, 1932 in Bochum geboren, hatte einen ungewöhnlichen Weg ins Rathaus. Als Kind wurde er wegen eines „nicht befriedigenden Ariernachweises“ von weiterführenden Schulen ausgeschlossen, er arbeitete elf Jahre als Maler, dann als Kranführer im Stahlwerk und studierte mit einem Gewerkschaftsstipendium. Im Trio „Die Maikaifer“ spielte er Gitarre und sang Arbeiterlieder. Und er machte die „Tomatoffel“ bekannt, eine Pfropfung aus Tomate und Kartoffel, die er auf dem Rathausbalkon vorzeigte.
Sein Nachfolger tritt am 1. November an: Dr. Otto Kelling (SPD), geboren am 12. Januar 1949 in Lingen, mit 43 Jahren ein junger Oberbürgermeister. Der Diplom-Kaufmann und Diplom-Sozialwirt war zuletzt Erster Beigeordneter in Iserlohn, wo er 1986 als Kämmerer begonnen hatte; zuvor arbeitete er in der Düsseldorfer Kämmerei. Zu seinen Vorhaben zählen eine Verwaltungsreform, eine Kieler Wirtschaftsförderungs-Gesellschaft (KIWI) und die Ostufer-Tangente.
Aus heutiger Sicht
Der hoffnungsvolle Auftakt endete im Streit mit der SPD-Fraktion. Ein Abwahlverfahren scheiterte an der Zwei-Drittel-Mehrheit, Kelling trat aus der SPD aus und machte im Herbst 1996 als letzter vom Rat gewählter Oberbürgermeister den Weg frei.
750 Jahre Kiel: Eine Stadt wird älter und bekommt eine Briefmarke
Kiel feiert 1992 sein 750-jähriges Bestehen. Das Jubiläum geht auf das Jahr 1242 zurück; die Stadt wurde zwischen 1233 und 1242 von Graf Adolf IV. von Holstein gegründet.
Die Deutsche Bundespost würdigt den Anlass am 12. März mit einer Sondermarke zu 60 Pfennig. Das Motiv, entworfen von Peter Korn, zeigt das Stadtwappen, eine Hafenansicht mit Segelyacht und Schlepper sowie die Stadtsilhouette. Die Auflage im Offsetdruck beträgt 31.495.000 Stück.
Auch zum Lesen gibt es Anlass. Im Verlag Wachholtz erschien die „Geschichte der Stadt Kiel. Kiel, 1242–1992, 750 Jahre Stadt“, herausgegeben von Jürgen Jensen und Peter Wulf. Die Christian-Albrechts-Universität schenkt der Stadt zum Jubiläum den Band „Begegnungen mit Kiel“, herausgegeben von Werner Paravicini. Und die Gemeinde St. Nikolai hat „Kirche in Kiel. 750 Jahre Kiel. 750 Jahre St. Nikolai“ vorgelegt.
Genesis auf dem Norder: Die Tour „We Can’t Dance“ macht Station in Kiel

Das Nordmarksportfeld an der Eckernförder Straße, in Kiel nur „der Norder“ genannt, wird am 29. Juli zum Konzertplatz für 65.000 Zuschauer. Die Rockband Genesis gastiert hier auf ihrer Tournee zum Album „We Can’t Dance“. Auch Joe Cocker steht an diesem Tag auf der Bühne.
Auf der Titelliste der Band stehen unter anderem „Land of Confusion“, „No Son of Mine“, „I Know What I Like“ und „I Can’t Dance“. Als Zugaben folgen „Tonight, Tonight, Tonight“, „Invisible Touch“ und „Turn It On Again“.
Der Platz hat eine wechselvolle Geschichte. Er begann als Sportplatz des frühen 20. Jahrhunderts und diente zugleich als Flug- und Luftschiffplatz. Wo einst Luftschiffe und Flugzeuge starteten und landeten, steht nun eine Bühne für Genesis, im Jubiläumsjahr der Stadt.
Der Kran knickt, der Träger fällt aufs Auto
Der Abbruch der Prinz-Heinrich-Brücke nimmt am Nachmittag des 2. August einen unplanmäßigen Verlauf. Die stählerne Hochbrücke von 1912, die westliche der Holtenauer Hochbrücken zwischen Holtenau und Wik, wird wegen Baufälligkeit abgerissen. Am 7. Oktober 1988 hatte das Motorschiff „Fort“ sie gerammt.
Fünf Kräne sollen ein 40 Meter langes, 280 Tonnen schweres Stück des Fachwerkträgers ans Kanalufer heben. Dann knickt einer der Kräne plötzlich um und reißt einen zweiten mit sich, ein weiterer wird zerstört. Der Träger stürzt auf die Uferstraße und begräbt ein dort abgestelltes Auto. Verletzt wird niemand.
Der Abbruch macht Platz für den Neubau an gleicher Stelle. Er hat im Mai begonnen und kostet rund 74 Millionen DM. Die Konstruktion der östlichen Brücke, die 1972 zur Segelolympiade entstand, wird dabei gespiegelt übernommen.
KURZ NOTIERT · Kiel 1992
- 16. Januar — Die Ratsversammlung gibt der Straße in der ökologischen Modellsiedlung in Hassee den Namen „Am Moorwiesengraben“. Gebaut hat die Siedlung die Genossenschaft Kieler Scholle; die Siedlung erhielt 1990 den Umweltpreis des Landes.
- 25. Januar — Kiel erneuert den Partnerschaftsvertrag mit Tallinn, nach der Wiedererlangung der estnischen Selbständigkeit. Vertraglich besteht die Partnerschaft seit dem 13. Mai 1986.
- Juni — Der frühere Kieler Generalmusikdirektor Klaus Tennstedt erhält den Kulturpreis der Stadt Kiel, der seit 1952 zur Kieler Woche verliehen wird. Erster Preisträger war Emil Nolde. Tennstedt, 1926 in Merseburg geboren, war von 1972 bis 1976 Generalmusikdirektor am Kieler Opernhaus.
- 18. Juni — Kiel schließt Partnerschaften mit Sovetsk (Tilsit) und Kaliningrad (Königsberg). Nach Tilsit heißt in Wellingdorf bereits seit 1957 der Tilsiter Platz mit der Bronze „Ellerbeker Buttjer“.
- 21. Oktober — Hain Rebas, seit 1980 Professor für Nordische Geschichte an der Christian-Albrechts-Universität, wird estnischer Verteidigungsminister im Kabinett Laar.
- 24. Oktober — Kiel erneuert den Vertrag mit Stralsund, der seit dem 17. September 1987 besteht und noch mit der DDR geschlossen wurde.
- 31. Dezember — Das reetgedeckte Fachwerkhaus von 1830 an der Rendsburger Landstraße 398 brennt in den frühen Abendstunden bis auf die Grundmauern nieder.
RUND UM DIE FÖRDE · 1992
- 2. April, Schönberg — Die Probsteigemeinde Schönberg schließt eine Gemeindepartnerschaft mit Haljala in Estland.
SPORT AN DER FÖRDE · 1992
- THW Kiel, Bundesliga 1991/92 — Die Kieler beenden die Staffel Nord auf Platz 2 (16 Siege, 7 Unentschieden, 3 Niederlagen, 39:13 Punkte; Staffelmeister ist TUSEM Essen). In den Play-offs gewinnen sie das Viertelfinale gegen den TSV Milbertshofen und scheiden im Halbfinale gegen SG Wallau/Massenheim aus, das Meister wird. Seit dem Sommer 1991 spielen die Flügelspieler Martin Schmidt und Christian Scheffler für den THW.
- THW Kiel, DHB-Pokal 1991/92 — Am 25. April gewinnt der THW 29:22 gegen den VfL/BHW Hameln, vier Tage später ist beim TUSEM Essen im Achtelfinale mit 23:32 Schluss.
- THW Kiel in Hamburg — Zwei Heimspiele tragen die Kieler in der Alsterdorfer Sporthalle in Hamburg aus: am 8. März gegen den SC Magdeburg und am 28. März das dritte Viertelfinalspiel gegen Milbertshofen.
- THW Kiel, 1. Juli — Als erster deutscher Handballverein gliedert der THW seinen Bundesliga-Spielbetrieb in die „THW Kiel Handball-Bundesliga GmbH & Co. KG“ aus. Neues Logo wird ein stilisierter Zebrakopf mit dem Schriftzug „THW Kiel“; zur Saison 1992/93 wird Uwe Schwenker Manager, Thomas Knorr kommt.