DER CHRONIST

Ein Jahr der Zäsuren: Eine Frau übernimmt erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik die Spitze eines Landes, zwölf Staaten verschmelzen zur Europäischen Union, und der Hass auf Fremde reißt in Solingen tiefe Wunden. Der Asylkompromiss verändert das Grundgesetz, während in Washington zum ersten Mal seit Jahrzehnten Hoffnung auf Frieden im Nahen Osten aufscheint. Am anderen Ende der Welt zieht mit Bill Clinton ein neuer US-Präsident ins Weiße Haus, Eritrea erkämpft sich nach dreißig Jahren Krieg die Unabhängigkeit, und in Oslo werden Nelson Mandela und Frederik de Klerk für ihren Weg aus der Apartheid mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Im Kino sorgt Steven Spielberg gleich zweimal für Aufsehen — mit computeranimierten Dinosauriern in „Jurassic Park" und wenig später mit der bedrückenden Wucht von „Schindlers Liste" —, während der grafische Webbrowser Mosaic das noch junge World Wide Web einem Massenpublikum öffnet. Ein Jahr, das zeigt, wie eng Politik, Gewalt, Hoffnung und Fortschritt ineinandergreifen können.

Die Schlagzeilen des Jahres

Heide Simonis wird in Kiel erste Ministerpräsidentin Deutschlands

Heide Simonis, 1993 erste Ministerpräsidentin Deutschlands
Heide Simonis, 1993 erste Ministerpräsidentin Deutschlands (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Im Kieler Landtag wählen die Abgeordneten Heide Simonis (SPD) zur Regierungschefin von Schleswig-Holstein — die erste Frau an der Spitze eines deutschen Bundeslandes überhaupt; erst 2009 folgt mit Christine Lieberknecht in Thüringen die zweite. Der Weg dorthin ist eine der dramatischsten Episoden der Kieler Nachkriegsgeschichte und wurzelt in der Barschel-Affäre von 1987: Nachdem der damalige CDU-Ministerpräsident Uwe Barschel im Landtagswahlkampf gegen Engholm eine schmutzige Kampagne seines Referenten Reiner Pfeiffer hatte laufen lassen, war er zurückgetreten und wenig später tot in einer Genfer Hotelbadewanne aufgefunden worden. Pfeiffer avanciert danach zum Kronzeugen mehrerer Untersuchungsausschüsse — und steht 1993 erneut im Zentrum eines Skandals, der diesmal Engholms eigene Karriere beendet.

Am 1. März 1993 tritt Sozialminister Günther Jansen vor die Presse und gesteht, zwischen 1988 und 1990 dem Kronzeugen Pfeiffer zweimal in bar Geld übergeben zu haben — insgesamt rund 40.000 bis 50.000 Mark, in einer heimischen Küchenschublade aufbewahrt und über den SPD-Pressesprecher Klaus Nilius weitergereicht, um Pfeiffers Aussagen im Sinne der SPD zu lenken. Jansen tritt am 23. März zurück; ein zweiter Kieler Untersuchungsausschuss fördert zutage, dass auch Björn Engholm entgegen seinen früheren Beteuerungen bereits in der Nacht des Lübecker Hotel-Treffens im September 1987 von den Machenschaften gegen ihn gewusst haben muss. Am 3. Mai legt Engholm, der als Kanzlerkandidat der SPD für die Bundestagswahl 1994 gehandelt worden war, sämtliche Parteiämter nieder und tritt als Ministerpräsident zurück — sein Absturz binnen weniger Wochen erschüttert die Bundes-SPD bis in die Spitze.

In diese Lücke rückt Simonis, zuvor Kieler Finanzministerin und langjährige Bundestagsabgeordnete, die im Zuge der Krise zur stellvertretenden Ministerpräsidentin aufgestiegen war. Am 19. Mai wählt sie der Landtag zur Nachfolgerin — sie übernimmt das Ruder einer Landesregierung, die tief erschüttert ist. An der Förde ist die Nachricht das Gespräch der Stadt: Vom Rathausmarkt bis zur Kiellinie spricht man von einer historischen Wende, die weit über die Landesgrenzen hinaus Beachtung findet.

Zwölf Jahre lenkt Simonis von Kiel aus die Geschicke des Landes — sie eröffnet mehrfach die Kieler Woche, empfängt ausländische Gäste zu den Regatten an der Förde und wird bundesweit zu einer der bekanntesten Politikerinnen ihrer Generation, ehe sie 2005 bei der Wiederwahl im Landtag überraschend an einer abtrünnigen Stimme aus den eigenen Reihen scheitert — jener bis heute als „Heide-Mörder" verspotteten Person, deren Votum die rot-grüne Mehrheit kippen lässt. Im selben Jahr zieht mit Angela Merkel erstmals eine Frau ins Bundeskanzleramt ein — ein Umstand, der Simonis' Pionierrolle von 1993 im Rückblick zusätzliches Gewicht verleiht.

Vertrag von Maastricht tritt in Kraft: Die Europäische Union entsteht

Die Flagge der Europäischen Union
Die Flagge der Europäischen Union (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Nach zähem Ratifizierungsstreit tritt der bereits am 7. Februar 1992 in der niederländischen Stadt Maastricht unterzeichnete Vertrag über die Europäische Union endlich in Kraft. Der Weg dorthin ist von Rückschlägen gesäumt: Im Juni 1992 lehnt eine knappe Mehrheit der dänischen Wähler den Vertrag zunächst ab; erst nachdem sich die Staats- und Regierungschefs beim Gipfel in Edinburgh im Dezember 1992 auf Sonderregelungen für Dänemark verständigen — Ausnahmen bei der gemeinsamen Währung, der Verteidigungspolitik und der Unionsbürgerschaft —, stimmt eine Mehrheit der Dänen am 18. Mai 1993 in einem zweiten Referendum zu. Auch in Frankreich hatte der Vertrag im September 1992 nur mit knappstem „petit oui" von rund 51 Prozent der Stimmen eine Mehrheit gefunden. In Karlsruhe prüft das Bundesverfassungsgericht zudem eine Verfassungsbeschwerde gegen die deutsche Zustimmung und billigt den Vertrag am 12. Oktober 1993 im sogenannten Maastricht-Urteil grundsätzlich, macht dem Gesetzgeber aber Auflagen zur demokratischen Legitimation des neuen Staatenverbunds.

Zwölf europäische Staaten, darunter die Bundesrepublik, schließen sich zur Europäischen Union zusammen; neben den bestehenden Gemeinschaften entstehen als zweite und dritte Säule eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik sowie die Zusammenarbeit in Justiz und Inneren. Der Grundstein für die spätere Währungsunion ist gelegt — Konvergenzkriterien für Haushaltsdefizit und Staatsverschuldung sollen die Grundlage für eine gemeinsame Währung schaffen, die Jahre später als Euro Wirklichkeit wird. Aus der Wirtschaftsgemeinschaft wird ein politisches Bündnis mit Anspruch auf gemeinsame Zukunft.

Für die Bürger der zwölf Mitgliedstaaten bringt der Vertrag außerdem die neue Unionsbürgerschaft mit sich, die das Recht auf Freizügigkeit, Kommunalwahlrecht am Wohnort und diplomatischen Schutz durch andere EU-Staaten einschließt. Als Vorstufe zur gemeinsamen Währung nimmt zum Jahreswechsel 1993/94 das Europäische Währungsinstitut, Vorläufer der späteren Europäischen Zentralbank, in Frankfurt am Main seine Arbeit auf.

Rassistischer Brandanschlag von Solingen erschüttert die Republik

Schloss Burg in Solingen, wo 1993 ein rassistischer Brandanschlag fünf Menschen tötet
Schloss Burg in Solingen, wo 1993 ein rassistischer Brandanschlag fünf Menschen tötet (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

In der Nacht auf den 29. Mai legen vier junge Männer im Alter von 16 bis 23 Jahren aus der rechten Szene Feuer an das Wohnhaus der Familie Genç in Solingen. Gürsün İnce, Hatice Genç, Gülüstan Öztürk, Hülya Genç und Saime Genç — fünf Frauen und Mädchen türkischer Herkunft im Alter von 4 bis 27 Jahren — sterben in den Flammen, 14 weitere Familienmitglieder werden zum Teil lebensgefährlich verletzt. Es ist der folgenreichste rassistische Anschlag der bundesdeutschen Geschichte bis dahin und reiht sich in eine Serie fremdenfeindlicher Gewalttaten der frühen neunziger Jahre ein — schon ein halbes Jahr zuvor, im November 1992, waren im schleswig-holsteinischen Mölln bei einem ganz ähnlichen Brandanschlag die 51-jährige Bahide Arslan und ihre beiden Enkelinnen Yeliz Arslan und Ayşe Yılmaz ermordet worden. Der Anschlag von Solingen ereignet sich nur drei Tage nach der Verschärfung des Asylrechts im Bundestag und löst bundesweite Empörung aus: In den folgenden Wochen bilden Hunderttausende Menschen in vielen deutschen Städten Lichterketten gegen Fremdenhass und Gewalt. Bundeskanzler Helmut Kohl bleibt der Trauerfeier für die Opfer fern — wie schon nach dem Anschlag von Mölln, zu dem sein Regierungssprecher Dieter Vogel seinerzeit von drohendem „Beileidstourismus" gesprochen hatte —, was scharfe Kritik und den Vorwurf zögerlicher Reaktion aus Bonn nach sich zieht.

Die vier mutmaßlichen Täter werden binnen weniger Tage festgenommen; der international beachtete Prozess vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf beginnt im April 1994 und endet nach 127 Verhandlungstagen am 13. Oktober 1995 mit Verurteilungen wegen fünffachen Mordes, vierzehnfachen versuchten Mordes und besonders schwerer Brandstiftung zu Jugend- und Freiheitsstrafen zwischen zehn und fünfzehn Jahren. Mevlüde Genç, die bei dem Anschlag zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte verliert, ruft dennoch schon kurz nach der Tat zur Versöhnung statt zur Vergeltung auf und wird in den Folgejahren zur Symbolfigur des deutsch-türkischen Miteinanders.

Bundestag beschließt Asylkompromiss und ändert das Grundgesetz

Der Plenarsaal des Bundeshauses in Bonn, wo 1993 der Asylkompromiss beschlossen wird
Der Plenarsaal des Bundeshauses in Bonn, wo 1993 der Asylkompromiss beschlossen wird (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Vorausgegangen ist eine jahrelange politische Auseinandersetzung, befeuert von einem historischen Höchststand der Asylbewerberzahlen — 1992 stellen rund 438.000 Menschen einen Asylantrag in der Bundesrepublik, so viele wie nie zuvor — und von einer Serie fremdenfeindlicher Ausschreitungen wie den tagelangen Krawallen vor dem Aufnahmeheim in Rostock-Lichtenhagen im August 1992. Bereits am 6. Dezember 1992 hatten sich CDU/CSU, FDP und die SPD-Spitze auf dem Petersberg bei Bonn auf die Grundzüge einer Neuregelung verständigt. Nach monatelangem Streit debattiert der Bundestag den „Asylkompromiss" schließlich am 26. Mai 1993 in einer der emotionalsten Sitzungen der Wahlperiode — mehr als 80 Rednerinnen und Redner melden sich zu Wort, während draußen mehr als 10.000 Menschen für den Erhalt des uneingeschränkten Grundrechts demonstrieren. Am Ende verabschiedet der Bundestag mit den Stimmen von CDU/CSU, FDP und der Mehrheit der SPD die Neuregelung: Das Grundrecht auf Asyl aus Artikel 16 wird in den neuen Artikel 16a überführt und um Regelungen zu „sicheren Drittstaaten" und „sicheren Herkunftsstaaten" eingeschränkt. 521 Abgeordnete stimmen dafür, 132 dagegen — die für eine Verfassungsänderung nötige Zweidrittelmehrheit ist erreicht.

Wer künftig über einen als sicher geltenden Staat einreist, kann sich nicht mehr auf das Asylrecht berufen. Zum 1. Juli treten die neuen Regelungen samt Asylverfahrensgesetz in Kraft, zum 1. November folgt zusätzlich das neue Asylbewerberleistungsgesetz, das die Sozialleistungen für Asylsuchende eigenständig und niedriger regelt. Die Entscheidung fällt nur drei Tage vor dem Anschlag von Solingen und bleibt bis heute Gegenstand heftiger Debatten über Ursache und Zeichenwirkung.

Bürgerschaftswahl in Hamburg: SPD verliert Alleinregierung, STATT Partei stürmt ins Rathaus

Der Plenarsaal der Hamburgischen Bürgerschaft
Der Plenarsaal der Hamburgischen Bürgerschaft (Wikimedia Commons, CC0)

Es ist eine Wahl, die es eigentlich gar nicht geben sollte: Das Hamburgische Verfassungsgericht hatte am 4. Mai 1993 die reguläre Bürgerschaftswahl von 1991 für ungültig erklärt, weil die CDU bei ihrer Kandidatenaufstellung gegen demokratische Grundsätze verstoßen hatte — und Neuwahlen angeordnet. Bei der Wiederholungswahl am 19. September verliert die SPD in der Hansestadt bei einer Wahlbeteiligung von 69,6 Prozent ihre seit Jahrzehnten gewohnte absolute Mehrheit: Die Sozialdemokraten kommen auf 40,4 Prozent, die CDU auf 25,1 Prozent, die GAL (Grüne) auf 13,5 Prozent. Für Aufsehen sorgt das Antreten einer erst wenige Monate zuvor gegründeten Partei: Die STATT Partei des Hamburger Verlegers Markus Wegner, der selbst einst als CDU-Mitglied gegen die fehlerhafte Kandidatenkür seiner Partei geklagt hatte, zieht aus dem Stand mit 5,6 Prozent in die Bürgerschaft ein und wird zum Symbol für den Überdruss vieler Wähler an den etablierten Parteien. FDP (4,2 Prozent) und die rechtsextremen Republikaner (4,8 Prozent) scheitern beide an der Fünf-Prozent-Hürde und bleiben außen vor.

Da eine Fortsetzung des Bündnisses mit der GAL als zerrüttet gilt, sucht Erster Bürgermeister Henning Voscherau das Bündnis mit den politischen Neulingen: Die SPD bildet mit der STATT Partei einen Senat, Voscherau bleibt im Amt, der von der STATT Partei benannte parteilose Unternehmer Erhard Rittershaus wird Zweiter Bürgermeister und Wirtschaftssenator. Es ist bundesweit das erste Regierungsbündnis mit einer solchen Protestpartei und wird in Bonn und den anderen Landeshauptstädten aufmerksam als Fingerzeig gelesen, wie tief der Vertrauensverlust der Volksparteien inzwischen reicht.

Oslo-Abkommen: Rabin und Arafat besiegeln historischen Handschlag

Der Handschlag von Rabin und Arafat beim Oslo-Abkommen, 1993
Der Handschlag von Rabin und Arafat beim Oslo-Abkommen, 1993 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Vorausgegangen sind monatelange geheime Verhandlungen in und um Oslo, die über die norwegische Forschungsstiftung Fafo eingefädelt worden waren und erst am 20. August 1993 zum Abschluss kommen — Wochen bevor die Weltöffentlichkeit überhaupt von den Kontakten erfährt. Kurz vor der Zeremonie tauschen Rabin und Arafat in gegenseitigen Schreiben die entscheidenden Anerkennungserklärungen aus: Israel erkennt die PLO erstmals offiziell als Vertreterin der Palästinenser an, die PLO erkennt im Gegenzug das Existenzrecht Israels an und sagt dem Terror ab.

Auf dem Rasen vor dem Weißen Haus in Washington unterzeichnen dann die Außenminister — für Israel Schimon Peres, für die Palästinenser Mahmoud Abbas — im Beisein von Israels Ministerpräsident Jitzchak Rabin, PLO-Chef Jassir Arafat und US-Präsident Bill Clinton die „Prinzipienerklärung über die vorübergehende Selbstverwaltung" — das sogenannte Oslo-I-Abkommen. Es sieht als ersten Schritt eine palästinensische Selbstverwaltung im Gazastreifen und in Jericho sowie den schrittweisen Abzug israelischer Truppen aus Teilen der besetzten Gebiete vor. Der Handschlag zwischen Rabin und Arafat vor den Augen der Weltöffentlichkeit — Clinton muss die Hände der beiden sichtlich zögernden Kontrahenten regelrecht zueinanderführen — wird zum Symbolbild eines möglichen Friedens im Nahen Osten. Ein Jahr später erhalten Rabin, Arafat und Peres gemeinsam den Friedensnobelpreis; wie weit der Weg zum dauerhaften Frieden tatsächlich noch ist, zeigt sich zwei Jahre später, als Rabin von einem jüdischen Extremisten ermordet wird.

Bill Clinton als 42. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt

Bill Clinton legt 1993 den Amtseid als 42. Präsident der USA ab
Bill Clinton legt 1993 den Amtseid als 42. Präsident der USA ab (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Auf der Westterrasse des Kapitols in Washington legt Bill Clinton, zuvor Gouverneur von Arkansas, den Amtseid als 42. Präsident der Vereinigten Staaten ab; Al Gore wird als Vizepräsident vereidigt. Clinton hatte im November 1992 den amtierenden Präsidenten George Bush sowie den unabhängigen Kandidaten Ross Perot vor allem mit dem Versprechen besiegt, sich auf die schwächelnde US-Wirtschaft zu konzentrieren — sein Wahlkampfteam hatte den Satz „It's the economy, stupid" zur internen Losung gemacht. Mit ihm endet nach zwölf Jahren die Ära republikanischer Präsidenten unter Ronald Reagan und Bush.

Zur Feier trägt die Dichterin Maya Angelou ihr eigens verfasstes Gedicht „On the Pulse of Morning" vor — erst die zweite Amtseinführung überhaupt mit einer eigenen Inaugural-Dichtung. Clinton kündigt in seiner Antrittsrede einen „Wandel" und eine Erneuerung Amerikas an; mit 46 Jahren ist er einer der jüngsten Präsidenten der US-Geschichte. In seiner Amtszeit sollte er sich unter anderem für die deutsche und europäische Nachkriegsordnung engagieren und den Truppenabzug aus dem wiedervereinigten Deutschland mitgestalten.

Eritrea erlangt nach jahrzehntelangem Krieg die Unabhängigkeit

Die Flagge Eritreas, das 1993 seine Unabhängigkeit erklärt (Symbolbild)
Die Flagge Eritreas, das 1993 seine Unabhängigkeit erklärt — Symbolbild (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nach einem international überwachten Referendum vom 23. bis 25. April, bei dem sich mehr als 99 Prozent der Wählerinnen und Wähler bei einer Beteiligung von über 93 Prozent für die Loslösung aussprechen, erklärt Eritrea am 24. Mai offiziell seine Unabhängigkeit von Äthiopien — auf den Tag genau zwei Jahre, nachdem Rebellen der Eritreischen Volksbefreiungsfront (EPLF) die Hauptstadt Asmara eingenommen hatten. Damit endet der seit 1961 währende eritreische Unabhängigkeitskrieg, einer der längsten bewaffneten Konflikte Afrikas.

Die ehemalige italienische Kolonie am Horn von Afrika war nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst britisches Mandatsgebiet und wurde 1952 von den Vereinten Nationen Äthiopien als Provinz zugeschlagen — gegen den Willen weiter Teile der eritreischen Bevölkerung. EPLF-Führer Isayas Afewerki übernimmt als Präsident die Staatsgeschäfte des jüngsten Staates Afrikas, der noch im selben Jahr als Mitglied in die Vereinten Nationen aufgenommen wird.

„Jurassic Park" bringt computeranimierte Dinosaurier auf die Leinwand

Steven Spielberg, Regisseur von „Jurassic Park", im September 1993
Steven Spielberg, Regisseur von „Jurassic Park", im September 1993 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Nach der US-Premiere im Juni startet Steven Spielbergs Verfilmung des Bestsellers von Michael Crichton am 2. September auch in deutschen Kinos. Der Film über einen außer Kontrolle geratenen Freizeitpark mit wiederauferstandenen Dinosauriern setzt mit den von Industrial Light & Magic entwickelten computeranimierten Sauriern, kombiniert mit lebensgroßen Animatronic-Modellen der Werkstatt von Stan Winston, neue Maßstäbe für Spezialeffekte im Kino und gilt vielen als Wendepunkt der Filmtechnik.

An den weltweiten Kinokassen avanciert „Jurassic Park" zum bis dahin erfolgreichsten Film aller Zeiten und löst damit Spielbergs eigenen Film „E.T. – Der Außerirdische" von 1982 an der Spitze ab. Der Erfolg begründet eine bis heute fortgeführte Filmreihe und macht den brüllenden Tyrannosaurus rex zu einer der bekanntesten Kinofiguren der neunziger Jahre.

Grafischer Webbrowser Mosaic öffnet das World Wide Web einem Massenpublikum

Bildschirmfoto des Webbrowsers NCSA Mosaic aus den 1990er Jahren
Bildschirmfoto des Webbrowsers NCSA Mosaic aus den 1990er Jahren (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am National Center for Supercomputing Applications der University of Illinois veröffentlichen die Studenten Marc Andreessen und Eric Bina im Frühjahr den Webbrowser Mosaic, der erstmals Text und Bilder gemeinsam auf einer Seite darstellt und über eine einfach zu bedienende grafische Oberfläche verfügt. Im November folgen kostenlose Versionen für Windows und Macintosh, wodurch der Browser einem breiten Publikum weit über akademische und militärische Kreise hinaus zugänglich wird.

Erst durch Mosaic wird das von Tim Berners-Lee am Genfer Forschungszentrum CERN zwischen 1989 und 1991 entwickelte World Wide Web einer breiten Öffentlichkeit bekannt; die Nutzerzahlen des jungen Internets wachsen in der Folge sprunghaft. Andreessen gründet, gestützt auf die Erfahrungen mit Mosaic, im Jahr darauf das Unternehmen Netscape Communications und legt damit einen Grundstein für den kommerziellen Aufstieg des Internets in den folgenden Jahren.

Friedensnobelpreis für Nelson Mandela und Frederik de Klerk

Nelson Mandela und F. W. de Klerk gemeinsam in Philadelphia, 1993
Nelson Mandela und F. W. de Klerk gemeinsam in Philadelphia, 1993 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Das Nobelkomitee in Oslo gibt bekannt, dass Nelson Mandela, der 1990 nach 27 Jahren Haft freigelassene Führer des African National Congress, und der südafrikanische Staatspräsident Frederik Willem de Klerk gemeinsam den Friedensnobelpreis erhalten — gewürdigt wird ihre Arbeit für die friedliche Beendigung des Apartheidregimes und die Grundlegung eines neuen, demokratischen Südafrika. Beide hatten seit 1990 in oft zähen Verhandlungen die schrittweise Abschaffung der Rassentrennung und den Übergang zu freien, allen Bevölkerungsgruppen offenstehenden Wahlen ausgehandelt.

Die Auszeichnung erfolgt in einem Moment, in dem der Ausgang der südafrikanischen Reformen noch keineswegs feststeht — Anschläge rechtsextremer weißer Gruppen und Gewalt zwischen rivalisierenden schwarzen Organisationen überschatten den Übergang immer wieder. Am 10. Dezember nehmen Mandela und de Klerk den Preis gemeinsam in Oslo entgegen; wenige Monate später, im April 1994, finden in Südafrika die ersten freien Wahlen aller Bevölkerungsgruppen statt, aus denen Mandela als erster schwarzer Präsident des Landes hervorgeht.

Weltpremiere von Steven Spielbergs „Schindlers Liste"

Der Industrielle Oskar Schindler, dessen Geschichte der Film erzählt
Der Industrielle Oskar Schindler, dessen Geschichte der Film erzählt (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In Washington feiert Steven Spielbergs Holocaust-Drama „Schindlers Liste" Weltpremiere. Der überwiegend in Schwarz-Weiß gedrehte Film erzählt nach dem Tatsachenroman von Thomas Keneally die Geschichte des deutschen Industriellen Oskar Schindler, der durch die Beschäftigung jüdischer Zwangsarbeiter in seinen Fabriken mehr als tausend Menschen vor der Ermordung im Holocaust bewahrt. Gedreht wird großteils am historischen Schauplatz im polnischen Krakau, unter anderem im ehemaligen Konzentrationslager Plaszow.

Der Film gilt vielen Kritikern als eines der bedeutendsten Werke über die Shoah im Weltkino und löst international wie in Deutschland — wo er im März 1994 anläuft — intensive Debatten über die Darstellbarkeit des Holocaust im Spielfilm aus. Im Jahr darauf wird „Schindlers Liste" mit sieben Oscars ausgezeichnet, darunter als bester Film.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Im Februar erschüttert ein Bombenanschlag auf das World Trade Center in New York die USA — sechs Menschen sterben, mehr als tausend werden verletzt.
  • Von Ende Februar bis zum 19. April endet die wochenlange Belagerung von Waco in Texas mit einem Flammeninferno, das rund 80 Anhängern der Davidianer-Sekte um David Koresh das Leben kostet.
  • Zum 1. Januar zerfällt die Tschechoslowakei in einem einvernehmlichen, unblutigen Akt – der „Samtenen Trennung" – in zwei souveräne Staaten: Tschechien und die Slowakei.
  • In Kiel übernimmt im September mit Zvonimir Serdarušić ein neuer Trainer den THW Kiel – unbemerkt beginnt damit an der Förde jene Ära, die den Handballverein in den Folgejahren zum Rekordmeister macht.

SPORT · 1993

Bei der Fußball-Europameisterschaft der Frauen vom 29. Juni bis 4. Juli in Italien scheitert Titelverteidiger Deutschland überraschend im Halbfinale: Gegen Gastgeber Italien bringt Heidi Mohr die deutsche Auswahl in Rimini in Führung, ehe Carolina Morace wenig später ausgleicht — im Elfmeterschießen behält Italien die Oberhand. Deutschland verpasst damit die Titelverteidigung und wird Vierter; im Finale setzt sich Norwegen mit 1:0 gegen Italien durch und wird zum zweiten Mal nach 1987 Europameister. Der im reinen K.-o.-System ausgetragene Wettbewerb spielt sich weitgehend abseits der großen Öffentlichkeit ab — vor nur rund 3.000 Zuschauern verliert die deutsche Mannschaft ihr Halbfinale, ein deutliches Zeichen dafür, wie viel weniger Raum der Frauenfußball in den Sportredaktionen noch neben der Herren-Bundesliga einnimmt.

MODE · 1993

Mit blassem Teint, dünnen Gliedern und müdem Blick prägt das gerade 19-jährige britische Model Kate Moss in der von ihrem damaligen Freund Mario Sorrenti fotografierten Schwarz-Weiß-Kampagne für Calvin Kleins Parfüm „Obsession" den Look, der bald als „Heroin chic" in die Modegeschichte eingeht. Die reduzierte, fast dokumentarisch wirkende Bildsprache bricht bewusst mit dem glamourösen Überfluss der achtziger Jahre und setzt an dessen Stelle eine rohe, verletzlich wirkende Ästhetik — eine Abkehr, die international ebenso gefeiert wie heftig kritisiert wird, weil sie Magerkeit und Drogenkonsum zu verklären scheine. Zeitgleich setzen deutsche Designer wie Jil Sander und Helmut Lang mit reduzierten, minimalistischen Schnitten, gedeckten Farben und dem bewussten Verzicht auf modisches Beiwerk einen betont nüchternen Gegenpol zur Opulenz vergangener Saisons — ein Purismus, der beiden in den Folgejahren internationalen Ruhm und den Ruf als Wegbereiter des Modeminimalismus der neunziger Jahre einträgt.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1993

  • Solidarpakt zum Aufbau Ost besiegelt (13. März). Bund und Länder einigen sich auf jährlich rund 56 Milliarden D-Mark für die neuen Bundesländer – eine solidarische, auf Ausgleich statt Konfrontation angelegte Antwort auf die wirtschaftlichen Lasten der Einheit.
  • Wim Wenders erneut in Cannes ausgezeichnet (Mai). Mit „In weiter Ferne, so nah!", der Fortsetzung seines Berlin-Films „Der Himmel über Berlin", gewinnt der deutsche Regisseur den Großen Preis der Jury – ein weiterer internationaler Erfolg für das deutsche Kino.
  • Toni Morrison erhält als erste Schwarze Autorin den Literaturnobelpreis (7. Oktober). Die US-amerikanische Schriftstellerin wird für ihr von „visionärer Kraft und poetischer Wucht" geprägtes Werk ausgezeichnet – ein historischer Moment für die Weltliteratur.
  • Kieler Woche 1993 lockt wieder Hunderttausende an die Förde (12.–20. Juni). Das weltgrößte Segelsportereignis verwandelt Kiel eine Woche lang in einen bunten Treffpunkt aus Regatten, Open-Air-Bühnen und internationalen Gästen – ein Fest der Lebensfreude mitten im Krisenjahr.

DAS WETTER · 1993 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein kühler Sommertag: Höchstwert 17,2 °C, in der Nacht 8,9 °C, im Mittel 13,1 °C; etwas Regen (1,3 mm).

Das Jahr über: Im Mittel 8,2 °C. Wärmster Tag 26,0 °C am 10. Juni, kältester −10,9 °C am 4. Januar. 0 Hitzetage (≥ 30 °C), 15 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 845 mm.

(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1993

Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.

  1. All That She Wants — Ace of Base
  2. What Is Love — Haddaway
  3. What's Up? — 4 Non Blondes
  4. Mr. Vain — Culture Beat
  5. Living On My Own — Freddie Mercury
  6. Informer — Snow
  7. No Limit — 2 Unlimited
  8. Sing Hallelujah! — Dr. Alban
  9. I Will Always Love You — Whitney Houston
  10. (I Can't Help) Falling In Love With You — UB40
  11. Life — Haddaway
  12. Somebody Dance With Me — DJ BoBo
  13. Tribal Dance — 2 Unlimited
  14. Go West — Pet Shop Boys
  15. Open Sesame — Leila K.
  16. Bed Of Roses — Bon Jovi
  17. Love Sees No Colour — U96
  18. Cats In The Cradle — Ugly Kid Joe
  19. More And More — Captain Hollywood Project
  20. Wheel Of Fortune — Ace Of Base

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).