DER CHRONIST
Ein Jahr der Zäsuren: Eine Frau übernimmt erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik die Spitze eines Landes, zwölf Staaten verschmelzen zur Europäischen Union, und der Hass auf Fremde reißt in Solingen tiefe Wunden. Der Asylkompromiss verändert das Grundgesetz, während in Washington zum ersten Mal seit Jahrzehnten Hoffnung auf Frieden im Nahen Osten aufscheint. Am anderen Ende der Welt zieht mit Bill Clinton ein neuer US-Präsident ins Weiße Haus, Eritrea erkämpft sich nach dreißig Jahren Krieg die Unabhängigkeit, und in Oslo werden Nelson Mandela und Frederik de Klerk für ihren Weg aus der Apartheid mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Im Kino sorgt Steven Spielberg gleich zweimal für Aufsehen — mit computeranimierten Dinosauriern in „Jurassic Park" und wenig später mit der bedrückenden Wucht von „Schindlers Liste" —, während der grafische Webbrowser Mosaic das noch junge World Wide Web einem Massenpublikum öffnet. Ein Jahr, das zeigt, wie eng Politik, Gewalt, Hoffnung und Fortschritt ineinandergreifen können.
Heide Simonis wird in Kiel erste Ministerpräsidentin Deutschlands

Im Kieler Landtag wählen die Abgeordneten Heide Simonis (SPD) zur Regierungschefin von Schleswig-Holstein — die erste Frau an der Spitze eines deutschen Bundeslandes überhaupt; erst 2009 folgt mit Christine Lieberknecht in Thüringen die zweite. Der Weg dorthin ist eine der dramatischsten Episoden der Kieler Nachkriegsgeschichte und wurzelt in der Barschel-Affäre von 1987: Nachdem der damalige CDU-Ministerpräsident Uwe Barschel im Landtagswahlkampf gegen Engholm eine schmutzige Kampagne seines Referenten Reiner Pfeiffer hatte laufen lassen, war er zurückgetreten und wenig später tot in einer Genfer Hotelbadewanne aufgefunden worden. Pfeiffer avanciert danach zum Kronzeugen mehrerer Untersuchungsausschüsse — und steht 1993 erneut im Zentrum eines Skandals, der diesmal Engholms eigene Karriere beendet.
Am 1. März 1993 tritt Sozialminister Günther Jansen vor die Presse und gesteht, zwischen 1988 und 1990 dem Kronzeugen Pfeiffer zweimal in bar Geld übergeben zu haben — insgesamt rund 40.000 bis 50.000 Mark, in einer heimischen Küchenschublade aufbewahrt und über den SPD-Pressesprecher Klaus Nilius weitergereicht, um Pfeiffers Aussagen im Sinne der SPD zu lenken. Jansen tritt am 23. März zurück; ein zweiter Kieler Untersuchungsausschuss fördert zutage, dass auch Björn Engholm entgegen seinen früheren Beteuerungen bereits in der Nacht des Lübecker Hotel-Treffens im September 1987 von den Machenschaften gegen ihn gewusst haben muss. Am 3. Mai legt Engholm, der als Kanzlerkandidat der SPD für die Bundestagswahl 1994 gehandelt worden war, sämtliche Parteiämter nieder und tritt als Ministerpräsident zurück — sein Absturz binnen weniger Wochen erschüttert die Bundes-SPD bis in die Spitze.
In diese Lücke rückt Simonis, zuvor Kieler Finanzministerin und langjährige Bundestagsabgeordnete, die im Zuge der Krise zur stellvertretenden Ministerpräsidentin aufgestiegen war. Am 19. Mai wählt sie der Landtag zur Nachfolgerin — sie übernimmt das Ruder einer Landesregierung, die tief erschüttert ist. An der Förde ist die Nachricht das Gespräch der Stadt: Vom Rathausmarkt bis zur Kiellinie spricht man von einer historischen Wende, die weit über die Landesgrenzen hinaus Beachtung findet.
Zwölf Jahre lenkt Simonis von Kiel aus die Geschicke des Landes — sie eröffnet mehrfach die Kieler Woche, empfängt ausländische Gäste zu den Regatten an der Förde und wird bundesweit zu einer der bekanntesten Politikerinnen ihrer Generation, ehe sie 2005 bei der Wiederwahl im Landtag überraschend an einer abtrünnigen Stimme aus den eigenen Reihen scheitert — jener bis heute als „Heide-Mörder" verspotteten Person, deren Votum die rot-grüne Mehrheit kippen lässt. Im selben Jahr zieht mit Angela Merkel erstmals eine Frau ins Bundeskanzleramt ein — ein Umstand, der Simonis' Pionierrolle von 1993 im Rückblick zusätzliches Gewicht verleiht.
Vertrag von Maastricht tritt in Kraft: Die Europäische Union entsteht

Nach zähem Ratifizierungsstreit tritt der bereits am 7. Februar 1992 in der niederländischen Stadt Maastricht unterzeichnete Vertrag über die Europäische Union endlich in Kraft. Der Weg dorthin ist von Rückschlägen gesäumt: Im Juni 1992 lehnt eine knappe Mehrheit der dänischen Wähler den Vertrag zunächst ab; erst nachdem sich die Staats- und Regierungschefs beim Gipfel in Edinburgh im Dezember 1992 auf Sonderregelungen für Dänemark verständigen — Ausnahmen bei der gemeinsamen Währung, der Verteidigungspolitik und der Unionsbürgerschaft —, stimmt eine Mehrheit der Dänen am 18. Mai 1993 in einem zweiten Referendum zu. Auch in Frankreich hatte der Vertrag im September 1992 nur mit knappstem „petit oui" von rund 51 Prozent der Stimmen eine Mehrheit gefunden. In Karlsruhe prüft das Bundesverfassungsgericht zudem eine Verfassungsbeschwerde gegen die deutsche Zustimmung und billigt den Vertrag am 12. Oktober 1993 im sogenannten Maastricht-Urteil grundsätzlich, macht dem Gesetzgeber aber Auflagen zur demokratischen Legitimation des neuen Staatenverbunds.
Zwölf europäische Staaten, darunter die Bundesrepublik, schließen sich zur Europäischen Union zusammen; neben den bestehenden Gemeinschaften entstehen als zweite und dritte Säule eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik sowie die Zusammenarbeit in Justiz und Inneren. Der Grundstein für die spätere Währungsunion ist gelegt — Konvergenzkriterien für Haushaltsdefizit und Staatsverschuldung sollen die Grundlage für eine gemeinsame Währung schaffen, die Jahre später als Euro Wirklichkeit wird. Aus der Wirtschaftsgemeinschaft wird ein politisches Bündnis mit Anspruch auf gemeinsame Zukunft.
Für die Bürger der zwölf Mitgliedstaaten bringt der Vertrag außerdem die neue Unionsbürgerschaft mit sich, die das Recht auf Freizügigkeit, Kommunalwahlrecht am Wohnort und diplomatischen Schutz durch andere EU-Staaten einschließt. Als Vorstufe zur gemeinsamen Währung nimmt zum Jahreswechsel 1993/94 das Europäische Währungsinstitut, Vorläufer der späteren Europäischen Zentralbank, in Frankfurt am Main seine Arbeit auf.
Aus heutiger Sicht
Der 1993 gegründete Staatenverbund erhält zum 1. Januar 1999 mit dem Euro eine gemeinsame Währung, die ab dem 1. Januar 2002 als Bargeld in den Taschen der Bürger ankommt. Am 31. Januar 2020 verlässt das Vereinigte Königreich als bislang einziger Mitgliedstaat die Europäische Union wieder — ein Austritt, den sich in Maastricht niemand hätte vorstellen können. Aus den zwölf Gründungsstaaten von 1993 sind inzwischen 27 Mitgliedstaaten geworden.
Rassistischer Brandanschlag von Solingen erschüttert die Republik

In der Nacht auf den 29. Mai legen vier junge Männer im Alter von 16 bis 23 Jahren aus der rechten Szene Feuer an das Wohnhaus der Familie Genç in Solingen. Gürsün İnce, Hatice Genç, Gülüstan Öztürk, Hülya Genç und Saime Genç — fünf Frauen und Mädchen türkischer Herkunft im Alter von 4 bis 27 Jahren — sterben in den Flammen, 14 weitere Familienmitglieder werden zum Teil lebensgefährlich verletzt. Es ist der folgenreichste rassistische Anschlag der bundesdeutschen Geschichte bis dahin und reiht sich in eine Serie fremdenfeindlicher Gewalttaten der frühen neunziger Jahre ein — schon ein halbes Jahr zuvor, im November 1992, waren im schleswig-holsteinischen Mölln bei einem ganz ähnlichen Brandanschlag die 51-jährige Bahide Arslan und ihre beiden Enkelinnen Yeliz Arslan und Ayşe Yılmaz ermordet worden. Der Anschlag von Solingen ereignet sich nur drei Tage nach der Verschärfung des Asylrechts im Bundestag und löst bundesweite Empörung aus: In den folgenden Wochen bilden Hunderttausende Menschen in vielen deutschen Städten Lichterketten gegen Fremdenhass und Gewalt. Bundeskanzler Helmut Kohl bleibt der Trauerfeier für die Opfer fern — wie schon nach dem Anschlag von Mölln, zu dem sein Regierungssprecher Dieter Vogel seinerzeit von drohendem „Beileidstourismus" gesprochen hatte —, was scharfe Kritik und den Vorwurf zögerlicher Reaktion aus Bonn nach sich zieht.
Die vier mutmaßlichen Täter werden binnen weniger Tage festgenommen; der international beachtete Prozess vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf beginnt im April 1994 und endet nach 127 Verhandlungstagen am 13. Oktober 1995 mit Verurteilungen wegen fünffachen Mordes, vierzehnfachen versuchten Mordes und besonders schwerer Brandstiftung zu Jugend- und Freiheitsstrafen zwischen zehn und fünfzehn Jahren. Mevlüde Genç, die bei dem Anschlag zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte verliert, ruft dennoch schon kurz nach der Tat zur Versöhnung statt zur Vergeltung auf und wird in den Folgejahren zur Symbolfigur des deutsch-türkischen Miteinanders.
Bundestag beschließt Asylkompromiss und ändert das Grundgesetz

Vorausgegangen ist eine jahrelange politische Auseinandersetzung, befeuert von einem historischen Höchststand der Asylbewerberzahlen — 1992 stellen rund 438.000 Menschen einen Asylantrag in der Bundesrepublik, so viele wie nie zuvor — und von einer Serie fremdenfeindlicher Ausschreitungen wie den tagelangen Krawallen vor dem Aufnahmeheim in Rostock-Lichtenhagen im August 1992. Bereits am 6. Dezember 1992 hatten sich CDU/CSU, FDP und die SPD-Spitze auf dem Petersberg bei Bonn auf die Grundzüge einer Neuregelung verständigt. Nach monatelangem Streit debattiert der Bundestag den „Asylkompromiss" schließlich am 26. Mai 1993 in einer der emotionalsten Sitzungen der Wahlperiode — mehr als 80 Rednerinnen und Redner melden sich zu Wort, während draußen mehr als 10.000 Menschen für den Erhalt des uneingeschränkten Grundrechts demonstrieren. Am Ende verabschiedet der Bundestag mit den Stimmen von CDU/CSU, FDP und der Mehrheit der SPD die Neuregelung: Das Grundrecht auf Asyl aus Artikel 16 wird in den neuen Artikel 16a überführt und um Regelungen zu „sicheren Drittstaaten" und „sicheren Herkunftsstaaten" eingeschränkt. 521 Abgeordnete stimmen dafür, 132 dagegen — die für eine Verfassungsänderung nötige Zweidrittelmehrheit ist erreicht.
Wer künftig über einen als sicher geltenden Staat einreist, kann sich nicht mehr auf das Asylrecht berufen. Zum 1. Juli treten die neuen Regelungen samt Asylverfahrensgesetz in Kraft, zum 1. November folgt zusätzlich das neue Asylbewerberleistungsgesetz, das die Sozialleistungen für Asylsuchende eigenständig und niedriger regelt. Die Entscheidung fällt nur drei Tage vor dem Anschlag von Solingen und bleibt bis heute Gegenstand heftiger Debatten über Ursache und Zeichenwirkung.
Bürgerschaftswahl in Hamburg: SPD verliert Alleinregierung, STATT Partei stürmt ins Rathaus

Es ist eine Wahl, die es eigentlich gar nicht geben sollte: Das Hamburgische Verfassungsgericht hatte am 4. Mai 1993 die reguläre Bürgerschaftswahl von 1991 für ungültig erklärt, weil die CDU bei ihrer Kandidatenaufstellung gegen demokratische Grundsätze verstoßen hatte — und Neuwahlen angeordnet. Bei der Wiederholungswahl am 19. September verliert die SPD in der Hansestadt bei einer Wahlbeteiligung von 69,6 Prozent ihre seit Jahrzehnten gewohnte absolute Mehrheit: Die Sozialdemokraten kommen auf 40,4 Prozent, die CDU auf 25,1 Prozent, die GAL (Grüne) auf 13,5 Prozent. Für Aufsehen sorgt das Antreten einer erst wenige Monate zuvor gegründeten Partei: Die STATT Partei des Hamburger Verlegers Markus Wegner, der selbst einst als CDU-Mitglied gegen die fehlerhafte Kandidatenkür seiner Partei geklagt hatte, zieht aus dem Stand mit 5,6 Prozent in die Bürgerschaft ein und wird zum Symbol für den Überdruss vieler Wähler an den etablierten Parteien. FDP (4,2 Prozent) und die rechtsextremen Republikaner (4,8 Prozent) scheitern beide an der Fünf-Prozent-Hürde und bleiben außen vor.
Da eine Fortsetzung des Bündnisses mit der GAL als zerrüttet gilt, sucht Erster Bürgermeister Henning Voscherau das Bündnis mit den politischen Neulingen: Die SPD bildet mit der STATT Partei einen Senat, Voscherau bleibt im Amt, der von der STATT Partei benannte parteilose Unternehmer Erhard Rittershaus wird Zweiter Bürgermeister und Wirtschaftssenator. Es ist bundesweit das erste Regierungsbündnis mit einer solchen Protestpartei und wird in Bonn und den anderen Landeshauptstädten aufmerksam als Fingerzeig gelesen, wie tief der Vertrauensverlust der Volksparteien inzwischen reicht.
Aus heutiger Sicht
Der Höhenflug der STATT Partei bleibt eine kurze Episode: Schon bei der folgenden Bürgerschaftswahl 1997 verliert sie sämtliche Mandate und verschwindet danach weitgehend von der politischen Bühne — ein frühes Beispiel dafür, wie schnell der Protest gegen die etablierten Parteien selbst zur Fußnote der Geschichte werden kann.
Oslo-Abkommen: Rabin und Arafat besiegeln historischen Handschlag

Vorausgegangen sind monatelange geheime Verhandlungen in und um Oslo, die über die norwegische Forschungsstiftung Fafo eingefädelt worden waren und erst am 20. August 1993 zum Abschluss kommen — Wochen bevor die Weltöffentlichkeit überhaupt von den Kontakten erfährt. Kurz vor der Zeremonie tauschen Rabin und Arafat in gegenseitigen Schreiben die entscheidenden Anerkennungserklärungen aus: Israel erkennt die PLO erstmals offiziell als Vertreterin der Palästinenser an, die PLO erkennt im Gegenzug das Existenzrecht Israels an und sagt dem Terror ab.
Auf dem Rasen vor dem Weißen Haus in Washington unterzeichnen dann die Außenminister — für Israel Schimon Peres, für die Palästinenser Mahmoud Abbas — im Beisein von Israels Ministerpräsident Jitzchak Rabin, PLO-Chef Jassir Arafat und US-Präsident Bill Clinton die „Prinzipienerklärung über die vorübergehende Selbstverwaltung" — das sogenannte Oslo-I-Abkommen. Es sieht als ersten Schritt eine palästinensische Selbstverwaltung im Gazastreifen und in Jericho sowie den schrittweisen Abzug israelischer Truppen aus Teilen der besetzten Gebiete vor. Der Handschlag zwischen Rabin und Arafat vor den Augen der Weltöffentlichkeit — Clinton muss die Hände der beiden sichtlich zögernden Kontrahenten regelrecht zueinanderführen — wird zum Symbolbild eines möglichen Friedens im Nahen Osten. Ein Jahr später erhalten Rabin, Arafat und Peres gemeinsam den Friedensnobelpreis; wie weit der Weg zum dauerhaften Frieden tatsächlich noch ist, zeigt sich zwei Jahre später, als Rabin von einem jüdischen Extremisten ermordet wird.
Aus heutiger Sicht
Auch mehrere Verhandlungsrunden nach Oslo führen nie zu einem palästinensischen Staat; mehr als drei Jahrzehnte später gilt die Zweistaatenlösung, für die der Handschlag von Washington stehen sollte, vielen Beobachtern als so fern wie nie zuvor.
Bill Clinton als 42. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt

Auf der Westterrasse des Kapitols in Washington legt Bill Clinton, zuvor Gouverneur von Arkansas, den Amtseid als 42. Präsident der Vereinigten Staaten ab; Al Gore wird als Vizepräsident vereidigt. Clinton hatte im November 1992 den amtierenden Präsidenten George Bush sowie den unabhängigen Kandidaten Ross Perot vor allem mit dem Versprechen besiegt, sich auf die schwächelnde US-Wirtschaft zu konzentrieren — sein Wahlkampfteam hatte den Satz „It's the economy, stupid" zur internen Losung gemacht. Mit ihm endet nach zwölf Jahren die Ära republikanischer Präsidenten unter Ronald Reagan und Bush.
Zur Feier trägt die Dichterin Maya Angelou ihr eigens verfasstes Gedicht „On the Pulse of Morning" vor — erst die zweite Amtseinführung überhaupt mit einer eigenen Inaugural-Dichtung. Clinton kündigt in seiner Antrittsrede einen „Wandel" und eine Erneuerung Amerikas an; mit 46 Jahren ist er einer der jüngsten Präsidenten der US-Geschichte. In seiner Amtszeit sollte er sich unter anderem für die deutsche und europäische Nachkriegsordnung engagieren und den Truppenabzug aus dem wiedervereinigten Deutschland mitgestalten.
Eritrea erlangt nach jahrzehntelangem Krieg die Unabhängigkeit

Nach einem international überwachten Referendum vom 23. bis 25. April, bei dem sich mehr als 99 Prozent der Wählerinnen und Wähler bei einer Beteiligung von über 93 Prozent für die Loslösung aussprechen, erklärt Eritrea am 24. Mai offiziell seine Unabhängigkeit von Äthiopien — auf den Tag genau zwei Jahre, nachdem Rebellen der Eritreischen Volksbefreiungsfront (EPLF) die Hauptstadt Asmara eingenommen hatten. Damit endet der seit 1961 währende eritreische Unabhängigkeitskrieg, einer der längsten bewaffneten Konflikte Afrikas.
Die ehemalige italienische Kolonie am Horn von Afrika war nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst britisches Mandatsgebiet und wurde 1952 von den Vereinten Nationen Äthiopien als Provinz zugeschlagen — gegen den Willen weiter Teile der eritreischen Bevölkerung. EPLF-Führer Isayas Afewerki übernimmt als Präsident die Staatsgeschäfte des jüngsten Staates Afrikas, der noch im selben Jahr als Mitglied in die Vereinten Nationen aufgenommen wird.
Aus heutiger Sicht
Die für 1997 in Aussicht gestellte demokratische Verfassung Eritreas tritt nie in Kraft. Präsident Isaias Afwerki regiert das Land bis heute, ohne dass seit der Unabhängigkeit von 1993 je eine nationale Wahl stattgefunden hätte; einzig zugelassene Partei bleibt seine Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit.
„Jurassic Park" bringt computeranimierte Dinosaurier auf die Leinwand

Nach der US-Premiere im Juni startet Steven Spielbergs Verfilmung des Bestsellers von Michael Crichton am 2. September auch in deutschen Kinos. Der Film über einen außer Kontrolle geratenen Freizeitpark mit wiederauferstandenen Dinosauriern setzt mit den von Industrial Light & Magic entwickelten computeranimierten Sauriern, kombiniert mit lebensgroßen Animatronic-Modellen der Werkstatt von Stan Winston, neue Maßstäbe für Spezialeffekte im Kino und gilt vielen als Wendepunkt der Filmtechnik.
An den weltweiten Kinokassen avanciert „Jurassic Park" zum bis dahin erfolgreichsten Film aller Zeiten und löst damit Spielbergs eigenen Film „E.T. – Der Außerirdische" von 1982 an der Spitze ab. Der Erfolg begründet eine bis heute fortgeführte Filmreihe und macht den brüllenden Tyrannosaurus rex zu einer der bekanntesten Kinofiguren der neunziger Jahre.
Grafischer Webbrowser Mosaic öffnet das World Wide Web einem Massenpublikum

Am National Center for Supercomputing Applications der University of Illinois veröffentlichen die Studenten Marc Andreessen und Eric Bina im Frühjahr den Webbrowser Mosaic, der erstmals Text und Bilder gemeinsam auf einer Seite darstellt und über eine einfach zu bedienende grafische Oberfläche verfügt. Im November folgen kostenlose Versionen für Windows und Macintosh, wodurch der Browser einem breiten Publikum weit über akademische und militärische Kreise hinaus zugänglich wird.
Erst durch Mosaic wird das von Tim Berners-Lee am Genfer Forschungszentrum CERN zwischen 1989 und 1991 entwickelte World Wide Web einer breiten Öffentlichkeit bekannt; die Nutzerzahlen des jungen Internets wachsen in der Folge sprunghaft. Andreessen gründet, gestützt auf die Erfahrungen mit Mosaic, im Jahr darauf das Unternehmen Netscape Communications und legt damit einen Grundstein für den kommerziellen Aufstieg des Internets in den folgenden Jahren.
Friedensnobelpreis für Nelson Mandela und Frederik de Klerk

Das Nobelkomitee in Oslo gibt bekannt, dass Nelson Mandela, der 1990 nach 27 Jahren Haft freigelassene Führer des African National Congress, und der südafrikanische Staatspräsident Frederik Willem de Klerk gemeinsam den Friedensnobelpreis erhalten — gewürdigt wird ihre Arbeit für die friedliche Beendigung des Apartheidregimes und die Grundlegung eines neuen, demokratischen Südafrika. Beide hatten seit 1990 in oft zähen Verhandlungen die schrittweise Abschaffung der Rassentrennung und den Übergang zu freien, allen Bevölkerungsgruppen offenstehenden Wahlen ausgehandelt.
Die Auszeichnung erfolgt in einem Moment, in dem der Ausgang der südafrikanischen Reformen noch keineswegs feststeht — Anschläge rechtsextremer weißer Gruppen und Gewalt zwischen rivalisierenden schwarzen Organisationen überschatten den Übergang immer wieder. Am 10. Dezember nehmen Mandela und de Klerk den Preis gemeinsam in Oslo entgegen; wenige Monate später, im April 1994, finden in Südafrika die ersten freien Wahlen aller Bevölkerungsgruppen statt, aus denen Mandela als erster schwarzer Präsident des Landes hervorgeht.
Weltpremiere von Steven Spielbergs „Schindlers Liste"

In Washington feiert Steven Spielbergs Holocaust-Drama „Schindlers Liste" Weltpremiere. Der überwiegend in Schwarz-Weiß gedrehte Film erzählt nach dem Tatsachenroman von Thomas Keneally die Geschichte des deutschen Industriellen Oskar Schindler, der durch die Beschäftigung jüdischer Zwangsarbeiter in seinen Fabriken mehr als tausend Menschen vor der Ermordung im Holocaust bewahrt. Gedreht wird großteils am historischen Schauplatz im polnischen Krakau, unter anderem im ehemaligen Konzentrationslager Plaszow.
Der Film gilt vielen Kritikern als eines der bedeutendsten Werke über die Shoah im Weltkino und löst international wie in Deutschland — wo er im März 1994 anläuft — intensive Debatten über die Darstellbarkeit des Holocaust im Spielfilm aus. Im Jahr darauf wird „Schindlers Liste" mit sieben Oscars ausgezeichnet, darunter als bester Film.
Aus vier mach fünf: Die Post führt neue Postleitzahlen ein

Zum 1. Juli tritt die größte Reform im deutschen Postwesen seit Jahrzehnten in Kraft: An die Stelle der seit 1961 gültigen vierstelligen Postleitzahlen tritt bundesweit ein einheitliches fünfstelliges System. Nötig geworden war der Schritt durch die deutsche Einheit: West- und ostdeutsches Postleitsystem hatten bis dahin unabhängig voneinander bestanden und wiesen rund 800 doppelt vergebene Nummern auf — Bonn und Weimar, Hannover und Magdeburg etwa trugen dieselbe Leitzahl und wurden bislang nur durch ein vorangestelltes „W" oder „O" unterschieden.
Die Deutsche Bundespost Postdienst wirbt wochenlang mit Postwurfsendungen und Merkblättern für das neue System, damit Millionen Briefe nicht in falschen Verteilzentren landen. Am Stichtag selbst tragen erst 57 Prozent aller eingelieferten Briefe die neue Leitzahl, nach einer Woche sind es bereits 78 Prozent, nach zwei Wochen liegt die Zustellquote wieder bei über 90 Prozent am Tag nach der Einlieferung — Firmen, Behörden und Privatleute müssen in der Zwischenzeit Briefbögen, Stempel und Adressbücher im ganzen Land neu drucken lassen.
Gehälteraffäre stürzt das Kabinett Münch in Sachsen-Anhalt

Ministerpräsident Werner Münch (CDU) tritt zusammen mit seinem gesamten Kabinett zurück, nachdem publik geworden ist, dass er und drei weitere aus Westdeutschland stammende Minister — Sozialminister Werner Schreiber, Wirtschaftsminister Horst Rehberger und Innenminister Hartmut Perschau — ihre früheren Westgehälter bei Amtsantritt zu hoch angegeben haben sollen, um über eine Besitzstandsregelung überhöhte Bezüge in Sachsen-Anhalt zu erhalten. Münch selbst hatte als Regierungschef zuletzt rund 265.200 D-Mark im Jahr bezogen.
Nach wochenlangen Enthüllungen und wachsendem öffentlichen Druck erklärt Münch am 28. November seinen Rücktritt; die schwarz-gelbe Koalition, gerade einmal zweieinhalb Jahre nach der ersten freien Landtagswahl Sachsen-Anhalts im Amt, zerbricht über die Affäre.
Aus heutiger Sicht
Die 1996 gegen Münch und Schreiber eröffneten Strafverfahren enden mit Freisprüchen, und das Oberverwaltungsgericht Sachsen-Anhalt spricht Münch 1998 sogar eine Nachzahlung von 10.000 D-Mark zu — ein Ausgang, der die Affäre im Rückblick eher zur Provinzposse als zum Kriminalfall macht, während die von der neuen SPD-Regierung 1994 verlangte Rückzahlung von rund 900.000 D-Mark weitgehend folgenlos bleibt.
Kein Korn mehr an der Schwentine: Holsatiamühle stellt den Betrieb ein

Am 30. Juni ist in Kiel-Neumühlen eine mehr als hundertjährige Müllerei zu Ende gegangen: Die Holsatiamühle an der Schwentinemündung hat ihren Betrieb eingestellt. Zuletzt arbeiteten dort noch zwölf Mitarbeiter. Seit 1952 gehörte die Mühle zu den Kampffmeyer-Mühlen.
Die Geschichte des Standorts reicht weit zurück: Schon 1690 stand auf der Schwentine-Insel Werder eine Loh- und Gerbmühle. Den Grundstein der Großmühle legten 1864 die Brüder Johannes und Ferdinand Lange aus Altona mit der „Langeschen Kornmühle". Im Juli 1874 zerstörte ein Großfeuer den Bau weitgehend; er wurde danach wieder aufgebaut. 1881 übernahm die Baltische Mühlengesellschaft AG den Betrieb, und als „Baltische Mühle" beschäftigte sie 1898 schon 170 Arbeiter. Den Namen Holsatiamühle trägt das Werk seit den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg; in den dreißiger Jahren entstand das große Silo für 15.000 Tonnen Getreide.
In den letzten Kriegswochen 1945 wurden die Mühlengebäude bei den Luftangriffen auf Kiel zerstört. Mit der Mühle im alten Getreidespeicher, die Kampffmeyer 1952 übernahm, ging es weiter, bis nun auch dort die Walzen stillstehen. Was aus den Gebäuden am Heikendorfer Weg wird, ist offen.
Aus heutiger Sicht
Nach der Stilllegung fand sich für die Anlage keine neue Nutzung; 1996 zerstörte ein Brand das Dach, und 2008 wurde die Mühle trotz Denkmalschutz abgerissen. Das Silo wurde zum Wohnheim „Albert-Einstein-Haus" umgebaut, in dem Studierende der benachbarten Fachhochschule wohnen, und im erhaltenen Maschinenhaus ist heute ein Restaurant.
AM RANDE NOTIERT
- Im Februar erschüttert ein Bombenanschlag auf das World Trade Center in New York die USA — sechs Menschen sterben, mehr als tausend werden verletzt.
- Von Ende Februar bis zum 19. April endet die wochenlange Belagerung von Waco in Texas mit einem Flammeninferno, das rund 80 Anhängern der Davidianer-Sekte um David Koresh das Leben kostet.
- Zum 1. Januar zerfällt die Tschechoslowakei in einem einvernehmlichen, unblutigen Akt – der „Samtenen Trennung" – in zwei souveräne Staaten: Tschechien und die Slowakei.
- In der Nacht zum 4. April bricht ein Komplize mit einem zuvor aus einer Kaserne in Stadtallendorf gestohlenen Spähpanzer vom Typ „Fuchs" mehrere Tore der JVA Schwalmstadt auf und befreit den dreifachen Mörder Lothar Luft aus dem Gefängnishof – gefasst wird Luft erst rund ein Vierteljahr später im Elsass, nachdem ihn eine Frau anhand eines Fahndungsfotos erkannt hatte.
- In Kiel übernimmt im September mit Zvonimir Serdarušić ein neuer Trainer den THW Kiel – unbemerkt beginnt damit an der Förde jene Ära, die den Handballverein in den Folgejahren zum Rekordmeister macht.
- Am 3. Juli zieht die Loveparade in Berlin mit rund 30.000 Teilnehmern und 42 Musik-Lastwagen durch den Tiergarten – unter dem Motto „The First Anniversary" sind erstmals auch Trucks aus dem Ausland dabei.
WIRTSCHAFT · 1993
Das Jahr bringt der jungen gesamtdeutschen Wirtschaft die erste echte Rezession seit der Wiedervereinigung: Das reale Bruttoinlandsprodukt sinkt bundesweit um 0,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Zahl der Arbeitslosen steigt im Jahresdurchschnitt auf 3.419.141, die Arbeitslosenquote klettert auf 8,9 Prozent aller zivilen Erwerbspersonen beziehungsweise 9,8 Prozent bezogen auf die abhängigen zivilen Erwerbspersonen.
- Bier (0,5 l) — 1,05 DM
- Brot (1 kg) — 3,74 DM
- Butter (1 kg) — 8,36 DM
- Milch (1 l) — 1,42 DM
- Kaffee (1 kg) — 15,70 DM
- Benzin Super (1 l) — 1,56 DM
- Diesel (1 l) — 1,11 DM
Quelle: Statistisches Bundesamt / Verbraucherpreise 1993; Bundesagentur für Arbeit, Arbeitslose und Arbeitslosenquote (bpb.de); Statistisches Bundesamt, Rezessionen in historischer Betrachtung, Wirtschaft und Statistik 3/2009.
STIMMEN DER PRESSE · 1993
Am 26. Mai stimmt der Bundestag, von Zehntausenden Demonstranten belagert, für den Asylkompromiss und die Änderung des Artikels 16 Grundgesetz — die Presse kommentiert die Zäsur von entgegengesetzten Standpunkten aus:
„Bevor Europa endgültig zur Festung wird, machten mehr als 10.000 DemonstrantInnen gestern den Bundestag am Tag der De-facto-Abschaffung des Asylrechts zu einer solchen." — die tageszeitung, 27. Mai 1993
„Die Formulierung im Artikel 16 des Grundgesetzes ‚Politisch Verfolgte genießen Asylrecht' wurde schon vor der Öffnung der Grenzen in Osteuropa von Ausländern benutzt, die zwar in Not, in den meisten Fällen aber im eigentlichen Sinne des Wortes nicht politisch verfolgt waren." — Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. Juli 1993 (Günter Bannas)
SPORT · 1993
Bei der Fußball-Europameisterschaft der Frauen vom 29. Juni bis 4. Juli in Italien scheitert Titelverteidiger Deutschland überraschend im Halbfinale: Gegen Gastgeber Italien bringt Heidi Mohr die deutsche Auswahl in Rimini in Führung, ehe Carolina Morace wenig später ausgleicht — im Elfmeterschießen behält Italien die Oberhand. Deutschland verpasst damit die Titelverteidigung und wird Vierter; im Finale setzt sich Norwegen mit 1:0 gegen Italien durch und wird zum zweiten Mal nach 1987 Europameister. Der im reinen K.-o.-System ausgetragene Wettbewerb spielt sich weitgehend abseits der großen Öffentlichkeit ab — vor nur rund 3.000 Zuschauern verliert die deutsche Mannschaft ihr Halbfinale, ein deutliches Zeichen dafür, wie viel weniger Raum der Frauenfußball in den Sportredaktionen noch neben der Herren-Bundesliga einnimmt.
MODE · 1993
Mit blassem Teint, dünnen Gliedern und müdem Blick prägt das gerade 19-jährige britische Model Kate Moss in der von ihrem damaligen Freund Mario Sorrenti fotografierten Schwarz-Weiß-Kampagne für Calvin Kleins Parfüm „Obsession" den Look, der bald als „Heroin chic" in die Modegeschichte eingeht. Die reduzierte, fast dokumentarisch wirkende Bildsprache bricht bewusst mit dem glamourösen Überfluss der achtziger Jahre und setzt an dessen Stelle eine rohe, verletzlich wirkende Ästhetik — eine Abkehr, die international ebenso gefeiert wie heftig kritisiert wird, weil sie Magerkeit und Drogenkonsum zu verklären scheine. Zeitgleich setzen deutsche Designer wie Jil Sander und Helmut Lang mit reduzierten, minimalistischen Schnitten, gedeckten Farben und dem bewussten Verzicht auf modisches Beiwerk einen betont nüchternen Gegenpol zur Opulenz vergangener Saisons — ein Purismus, der beiden in den Folgejahren internationalen Ruhm und den Ruf als Wegbereiter des Modeminimalismus der neunziger Jahre einträgt.
KINO & FERNSEHEN · 1993
An den deutschen Kinokassen dominiert „Jurassic Park" das Jahr wie kaum ein Film zuvor: Mit 9.367.216 Besuchern wird Steven Spielbergs Dinosaurier-Spektakel zum erfolgreichsten Kinostart des Jahres, weit vor „Aladdin" und „Bodyguard". Unter den deutschen Produktionen sorgt Joseph Vilsmaiers Antikriegsfilm „Stalingrad", der bereits am 21. Januar anläuft und das Leiden einer deutschen Wehrmachtseinheit an der Ostfront zeigt, für Aufsehen und intensive Debatten über den Umgang mit der eigenen Kriegsvergangenheit im Kino.
Im Fernsehen setzt sich die Aufspaltung der Zuschauerschaft zwischen den öffentlich-rechtlichen Sendern und dem seit den achtziger Jahren gewachsenen Privatfernsehen fort: Am 6. März geht mit RTL 2 der jüngste bundesweite Privatsender auf Sendung, und Sat.1 stellt im Laufe des Jahres auf ein durchgehendes 24-Stunden-Vollprogramm um.
GESTORBEN · 1993
- Audrey Hepburn (63), Schauspielerin — 20. Januar, Tolochenaz (Schweiz)
- Hans Jonas (89), Philosoph — 5. Februar, New Rochelle (USA)
- Polykarp Kusch (82), Physiker, Nobelpreisträger 1955 — 20. März, Dallas (USA)
- Erich Hartmann (71), Jagdflieger — 20. September, Weil im Schönbuch
- Federico Fellini (73), Filmregisseur — 31. Oktober, Rom (Italien)
- Wolfgang Paul (80), Physiker, Nobelpreisträger 1989 — 7. Dezember, Bonn
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1993
- Solidarpakt zum Aufbau Ost besiegelt (13. März). Bund und Länder einigen sich auf jährlich rund 56 Milliarden D-Mark für die neuen Bundesländer – eine solidarische, auf Ausgleich statt Konfrontation angelegte Antwort auf die wirtschaftlichen Lasten der Einheit.
- Wim Wenders erneut in Cannes ausgezeichnet (Mai). Mit „In weiter Ferne, so nah!", der Fortsetzung seines Berlin-Films „Der Himmel über Berlin", gewinnt der deutsche Regisseur den Großen Preis der Jury – ein weiterer internationaler Erfolg für das deutsche Kino.
- Toni Morrison erhält als erste Schwarze Autorin den Literaturnobelpreis (7. Oktober). Die US-amerikanische Schriftstellerin wird für ihr von „visionärer Kraft und poetischer Wucht" geprägtes Werk ausgezeichnet – ein historischer Moment für die Weltliteratur.
- Kieler Woche 1993 lockt wieder Hunderttausende an die Förde (19.–27. Juni). Das weltgrößte Segelsportereignis verwandelt Kiel eine Woche lang in einen bunten Treffpunkt aus Regatten, Open-Air-Bühnen und internationalen Gästen – ein Fest der Lebensfreude mitten im Krisenjahr.
DAS WETTER · 1993 in Kiel
An diesem 13. Juli war es an der Förde ein kühler Sommertag: Höchstwert 17,2 °C, in der Nacht 8,9 °C, im Mittel 13,1 °C; etwas Regen (1,3 mm).
Das Jahr über: Im Mittel 8,2 °C. Wärmster Tag 26,0 °C am 10. Juni, kältester −10,9 °C am 4. Januar. 0 Hitzetage (≥ 30 °C), 15 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 845 mm.
(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1993
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.
- All That She Wants — Ace of Base
- What Is Love — Haddaway
- What's Up? — 4 Non Blondes
- Mr. Vain — Culture Beat
- Living On My Own — Freddie Mercury
- Informer — Snow
- No Limit — 2 Unlimited
- Sing Hallelujah! — Dr. Alban
- I Will Always Love You — Whitney Houston
- (I Can't Help) Falling In Love With You — UB40
- Life — Haddaway
- Somebody Dance With Me — DJ BoBo
- Tribal Dance — 2 Unlimited
- Go West — Pet Shop Boys
- Open Sesame — Leila K.
- Bed Of Roses — Bon Jovi
- Love Sees No Colour — U96
- Cats In The Cradle — Ugly Kid Joe
- More And More — Captain Hollywood Project
- Wheel Of Fortune — Ace Of Base
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).
Universität erklärt NS-Doktortitelentzüge für nichtig

Die Christian-Albrechts-Universität hat auf ihrer Akademischen Feier zur Mahnung gegen Krieg und Gewaltherrschaft zum Volkstrauertag am 15. November die Entziehung von Doktortiteln in der NS-Zeit für nichtig erklärt. Rektorin Karin Peschel, seit dem 1. Juni 1992 im Amt, verlas die Erklärung: Die zwischen 1936 und 1945 politisch motivierten Entziehungen seien nichtig, das Rektorat hebe die Beschlüsse des damaligen Universitätsausschusses auf, die Titel „bestehen daher weiter fort“.
Grundlage sind die Arbeiten von Professor Uhlig und seinen Mitarbeitern. Danach wurden 48 Mitglieder des damaligen Lehrkörpers, etwa ein Viertel aller Lehrenden, vertrieben, zwangsversetzt oder scheinbar wegberufen; weiteren 40 Personen wurde der Doktortitel entzogen. Initiator der Vertreibungen sei im Wesentlichen die Kieler Studierendenschaft im Zusammenspiel mit dem Ministerium in Berlin gewesen, sagte die Rektorin; Schuld trügen alle, die duldend oder handelnd beteiligt waren.
Juristisch sei eine allgemeine Wiederanerkennung zweifelhaft, räumte Peschel ein. Möglich und geboten sei es aber, die moralische Position der Universität unzweifelhaft zu bestimmen. In seiner Ansprache nannte Dieter Harms das Wort „Wiedergutmachung“ verharmlosend, auch wenn es in bester Absicht verwendet werde.
Aus heutiger Sicht
In den 1990er-Jahren begann die Universität, ihre NS-Vergangenheit aufzuarbeiten; einen entscheidenden Anstoß gab Rektorin Peschel mit dieser Erklärung.
HDW legt den Kiel der Fregatte „Schleswig-Holstein“
Auf der Howaldtswerke-Deutsche Werft in Kiel ist am 1. Juli der Kiel für die Fregatte F 216 „Schleswig-Holstein“ gelegt worden. Sie gehört zur Brandenburg-Klasse (F 123) der Bundesmarine, die vier Einheiten umfasst; die vier Schiffe kosten zusammen 2,42 Milliarden DM.
Gebaut wird die Klasse an mehreren Standorten. Das Typschiff F 215 „Brandenburg“ war am 11. Februar 1992 bei Blohm + Voss in Hamburg auf Kiel gelegt worden und lief schon am 28. August 1992 vom Stapel. Noch vor Jahresende folgten die Schwesterschiffe: F 218 „Mecklenburg-Vorpommern“ wurde am 23. November beim Bremer Vulkan auf Kiel gelegt, F 217 „Bayern“ am 16. Dezember bei Thyssen Nordseewerke in Emden.
Auf der Kieler Werft läuft zugleich ein anderes Programm aus: Das Werk Kiel baute von 1989 bis 1993 insgesamt 19 Containerschiffe der Bonn-Express-Klasse, je 206,4 Meter lang, für Reedereien wie Hapag-Lloyd, COSCO und ZIM. Am 17. Dezember lieferte HDW mit der „Norasia Fribourg“ das erste von sechs Open-Top-Containerschiffen ohne Lukendeckel für die Reederei Norasia ab; Fachjournalisten wählten den Entwurf zum „Schiff des Jahres“.
Aus heutiger Sicht
Die „Schleswig-Holstein“ lief am 8. Juni 1994 vom Stapel.
Wellsee: Straßen für Forscherinnen und Widerstandskämpfer
Im Neubaugebiet Wellsee hat die Ratsversammlung 1993 in mehreren Sitzungen Straßen nach Frauen und Männern benannt, die für Wissenschaft und Widerstand stehen. Am 18. Februar erhielt eine etwa 100 Meter lange Sackgasse an der Julius-Leber-Straße den Namen Wilhelm-Spiegel-Straße, nach dem früheren Stadtverordnetenvorsteher und SPD-Rechtsanwalt, den Nationalsozialisten am 12. März 1933 in Kiel ermordeten; im Wandelgang des Rathauses wurde im selben Jahr ein Gemälde von Niels Brodersen zu Spiegel durch eine erläuternde Tafel ergänzt.
Am 10. Juni folgten drei Namen für Forscherinnen: die Dorothea-Erxleben-Straße, benannt nach der ersten Frau in Deutschland mit medizinischem Doktorgrad (1715–1762), die Maria-Merian-Straße für die Naturforscherin Anna Maria Sibylla Merian (1647–1717) und die Marie-Curie-Straße für die Trägerin der Nobelpreise für Physik 1903 und Chemie 1911.
Am 25. November kamen im Wohngebiet am Kreisauer Ring drei weitere Namen hinzu: der Elisabeth-Gloeden-Ring für die promovierte Juristin, die 1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde, die Elisabeth-von-Thadden-Straße für die Pädagogin und Sozialarbeiterin, ebenfalls 1944 in Plötzensee hingerichtet, und der Theodor-Steltzer-Weg für den ersten Ministerpräsidenten Schleswig-Holsteins nach dem Krieg. Der Kreisauer Ring selbst erinnert seit 1983 an den Kreisauer Kreis, eine Widerstandsgruppe.
Rathausturm: Sturmschäden im Januar, neues Kupferdach im Oktober

Der Rathausturm hat im Lauf des Jahres sein Gesicht gewechselt. Am 22. Januar zeigte er Sturmschäden; am 4. Juni waren Sanierungsarbeiten am Turm im Gang; am 5. Oktober stand er mit einem neu gedeckten Kupferdach über dem Rathausplatz.
106 Meter ist der Turm hoch, nach dem Vorbild des Campanile von San Marco in Venedig, einige Meter höher als das Vorbild. Die Aussichtsplattform liegt in 67 Metern Höhe. Hermann Billing baute das Rathaus, am 12. November 1911 wurde es in Anwesenheit des Kaiserpaares eingeweiht.
Gleich nebenan am Kleinen Kiel steht das Opernhaus, das ehemalige Stadttheater von Heinrich Seeling. Es war am 1. Oktober 1907 mit „Fidelio“ eröffnet worden und bot 960 Plätze; von 1950 bis 1953 war es wiederaufgebaut worden. Am 16. März wurde das Opernhaus als Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung in das Denkmalbuch eingetragen.
KURZ NOTIERT · Kiel 1993
- Januar — Kapitän zur See Thomas-Georg Hering übernimmt als Kommandant das Segelschulschiff „Gorch Fock“.
- 1. März — Aus einem Studio in der Kieler Werftstraße geht auf 105,6 MHz „alpha radio“ auf Sendung, der zweite private Radiosender Schleswig-Holsteins. Wegen eines Namensrechtsstreits mit der Kirch-Gruppe, deren Firma die Marke eingetragen hatte, heißt er nach dem 15. April „delta radio“.
- 19. März — Erster Spatenstich für Neu-Meimersdorf, ein fünf Hektar großes Wohn- und Gewerbegebiet.
- 18. August — Kapitän zur See Lothar Politt wird Kommodore des Marinefliegergeschwaders 5 in Kiel-Holtenau; sein Vorgänger Christian Bretschneider hatte das Geschwader vom 1. Oktober 1986 bis zum 30. April geführt.
- Oktober — Auf der Linie Kiel–Klaipėda kommt zur „Siauliai“ der Lithuanian Shipping Company die „Vilnius“ hinzu; beide Schiffe werden nun im Ostuferhafen abgefertigt.
- 1993 — Im Howe-Haus wird der Paternoster demontiert.
RUND UM DIE FÖRDE · 1993
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Januar, Preetz — Das Heimatmuseum Preetz wird in der Mühlenstraße 14 eröffnet, im Erdgeschoss eines großbürgerlichen Hauses des 19. Jahrhunderts. Fünf Räume zeigen die Geschichte der Stadt von der Besiedlung bis zur Gegenwart, darunter Steinzeitfunde, „Probsteier Keramik“ von 1700 bis 1830 und das Schusterhandwerk.
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26. November, Laboe — In Laboe stirbt die 1909 in Kiel geborene Malerin und Grafikerin Annemarie Ewertsen. Im Auftrag des Deutschen Marinebundes hatte sie von 1955 bis 1971 die Wände der Historischen Halle im Marine-Ehrenmal gestaltet und die im Zweiten Weltkrieg versunkenen Schiffe in Sgraffito-Technik dargestellt.
SPORT AN DER FÖRDE · 1993
- THW Kiel — Die Handballer beendeten die Bundesliga-Saison 1992/93 auf Platz 7: 15 Siege, 6 Unentschieden, 13 Niederlagen, 36:32 Punkte, 675:669 Tore.
- THW Kiel — Die Saison 1993/94 begann am 12. September mit einem 23:16 beim TUSEM Essen; am 25. September endete es beim VfL Fredenbeck 15:15, am 12. Dezember unterlag die Mannschaft im Derby bei der SG Flensburg-Handewitt 14:21.
- THW Kiel — Im DHB-Pokal gewann der THW am 10. November in der zweiten Hauptrunde 35:12 gegen den TuS Dansenberg aus Kaiserslautern.
- Holstein Kiel — Die Fußballer schlossen die Oberliga Nord 1992/93 auf Platz 5 ab: 15 Siege, 6 Unentschieden, 9 Niederlagen, 45:34 Tore, 36:24 Punkte.
- Heike Henkel — Die gebürtige Kielerin gewann bei den Hallenweltmeisterschaften in Toronto (12. bis 14. März) Silber im Hochsprung mit 2,02 Metern; Stefka Kostadinowa sprang dieselbe Höhe und wurde nach der Mehrversuchsregel Erste.