DER CHRONIST
Ein Jahr der großen Wendungen: Ein Kontinent legt die Apartheid ab, ein anderer versinkt in Völkermord, ein Tunnel verbindet Inseln mit dem Festland — und eine Schiffskatastrophe in unmittelbarer Nachbarschaft erinnert die Fährstadt Kiel daran, wie nah die große Welt der Ostsee an die eigene Haustür heranreicht. Zugleich erschüttern der Tod des Grunge-Idols Kurt Cobain, ein Aufstand indigener Rebellen im mexikanischen Chiapas und eine spektakuläre Verfolgungsjagd um den American-Football-Star O. J. Simpson die Popkultur diesseits und jenseits des Atlantiks. Am Nachthimmel liefert der zerberstende Komet Shoemaker-Levy 9 ein kosmisches Schauspiel auf dem Jupiter, während in Pjöngjang mit dem Tod des „Großen Führers" Kim Il-sung eine Ära zu Ende geht, noch ehe der lange geplante erste innerkoreanische Gipfel stattfinden kann. Ein Jahr zwischen Hoffnung und Abgrund, zwischen Wahlurnen und Waffenstillständen — und mit der einhundertsten Kieler Woche ein Jubiläum, das die Förde trotz allem feiern kann.
Ende der Apartheid: Nelson Mandela wird Präsident Südafrikas

Die Aufhebung der Apartheid ist das Ergebnis eines jahrzehntelangen Kampfes: Seit die National Party 1948 das System der gesetzlichen Rassentrennung einführte, organisierte der 1912 gegründete African National Congress (ANC) Widerstand dagegen. Nach dem Massaker von Sharpeville 1960 verboten die Behörden den ANC; Nelson Mandela ging in den bewaffneten Untergrund, wurde 1962 verhaftet und 1964 im Rivonia-Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt. 27 Jahre verbrachte er, größtenteils auf Robben Island, im Gefängnis, ehe ihn Präsident Frederik Willem de Klerk am 11. Februar 1990 freiließ — wenige Tage, nachdem er das Verbot des ANC aufgehoben hatte. Es folgten vier Jahre zäher Verhandlungen (CODESA), die 1993 durch die Ermordung des Kommunistenführers Chris Hani beinahe scheiterten; im selben Jahr erhielten Mandela und de Klerk gemeinsam den Friedensnobelpreis.
Am 26. bis 29. April finden in Südafrika die ersten freien, allen Bevölkerungsgruppen offenstehenden Wahlen der Landesgeschichte statt — Millionen schwarze Südafrikaner stimmen zum ersten Mal überhaupt ab, vielerorts bilden sich kilometerlange Warteschlangen vor den Wahllokalen. Der ANC gewinnt mit knapp 63 Prozent der Stimmen klar, ohne jedoch die für Verfassungsänderungen nötige Zweidrittelmehrheit zu erreichen. Am 10. Mai wird Mandela vor den Union Buildings in Pretoria als erster demokratisch gewählter, schwarzer Präsident des Landes vereidigt — vor rund 4.000 Gästen, darunter zahlreiche Staats- und Regierungschefs, und einer Fernsehzuschauerschaft von schätzungsweise einer Milliarde Menschen weltweit. De Klerk übernimmt als einer der beiden Vizepräsidenten, der Zulu-Führer Mangosuthu Buthelezi als Minister ein Amt in der neu gebildeten Regierung der nationalen Einheit. Mit der Amtseinführung endet formell die Ära der Apartheid, gegen die Mandela einst mit lebenslanger Haft bezahlt hatte; die schwierige Aufarbeitung der Vergangenheit soll in den Folgejahren einer eigens einzurichtenden Wahrheits- und Versöhnungskommission obliegen.
Aus heutiger Sicht
Der 1998 vorgelegte Abschlussbericht der Wahrheits- und Versöhnungskommission unter Erzbischof Desmond Tutu handelt Amnestien gegen umfassende Geständnisse der Täter aus, stößt aber gerade bei schwarzen Südafrikanern auf Kritik: Die Aussöhnung habe höher gewogen als die gerechte Bestrafung der Schuldigen, den tiefen Graben zwischen einst bevorteilten und benachteiligten Bevölkerungsteilen konnte die Kommission kaum zuschütten.
Völkermord in Ruanda: Hunderttausende Tote in wenigen Wochen

Die Wurzeln der Katastrophe reichen in die belgische Kolonialzeit zurück, in der die Kolonialverwaltung die Bevölkerungsgruppen der Hutu-Mehrheit und der Tutsi-Minderheit per Ausweiskarte fixierte und gegeneinander ausspielte. Nach der Unabhängigkeit 1962 und der Hutu-Revolution von 1959 flohen Hunderttausende Tutsi ins Exil, aus dem 1987 in Uganda die Ruandische Patriotische Front (RPF) unter Paul Kagame entstand; 1990 begann sie einen Bürgerkrieg gegen die Regierung von Präsident Habyarimana. Das 1993 in Arusha geschlossene Friedensabkommen sollte eine Machtteilung bringen und wurde von einer UN-Blauhelmtruppe, der UNAMIR unter dem kanadischen General Roméo Dallaire, überwacht — der bereits im Januar 1994 in einem Fax an die UN-Zentrale vor konkreten Vorbereitungen eines „Vernichtungsplans" gegen die Tutsi warnte, ohne dass die Weltorganisation reagierte.
Am Abend des 6. April wird das Flugzeug von Präsident Juvénal Habyarimana beim Landeanflug auf Kigali abgeschossen — der Abschuss wird zum Fanal. Noch in derselben Nacht ermorden Angehörige der Präsidentengarde die gemäßigte Ministerpräsidentin Agathe Uwilingiyimana sowie zehn belgische UNAMIR-Blauhelme, woraufhin Belgien seine Truppen abzieht und der UN-Sicherheitsrat die Friedenstruppe von rund 2.500 auf 270 Mann verkleinert — statt sie, wie von Dallaire gefordert, aufzustocken. Ab dem 7. April ermorden die von Radiosendern wie RTLM aufgehetzten Hutu-Milizen der Interahamwe systematisch Angehörige der Tutsi-Minderheit sowie gemäßigte Hutu, oft an Straßensperren und in Kirchen, in die sich Tausende Schutzsuchende geflüchtet hatten. Innerhalb von rund hundert Tagen, bis in den Juli hinein, fallen dem Völkermord nach Schätzungen mehr als 800.000 Menschen zum Opfer — die internationale Gemeinschaft und die Vereinten Nationen greifen trotz eigener Truppen vor Ort nicht ein und vermeiden es tagelang, das Wort „Genozid" überhaupt zu benutzen. Erst eine französisch geführte, UN-mandatierte Eingreiftruppe (Opération Turquoise) richtet ab Ende Juni eine Schutzzone im Südwesten des Landes ein. Am 4. Juli erobert die RPF Kigali und beendet damit faktisch den Völkermord; rund zwei Millionen Hutu, unter ihnen auch Verantwortliche der Massaker, fliehen daraufhin aus Angst vor Vergeltung ins benachbarte Zaire, wo in Flüchtlingslagern rund um die Stadt Goma bald darauf eine Cholera-Epidemie ausbricht — ein Versagen der Weltgemeinschaft, das die internationale Politik bis heute belastet.
Aus heutiger Sicht
Erst zum zehnten Jahrestag, im April 2004, räumt UN-Generalsekretär Kofi Annan öffentlich ein, die internationale Gemeinschaft habe Ruanda „im Stich gelassen" und dies müsse alle mit tiefer Reue erfüllen — ein spätes Eingeständnis, das die Verantwortung der Vereinten Nationen für ihr Nichthandeln 1994 erstmals offiziell benennt.
Untergang der »Estonia«: Ostsee-Katastrophe erschüttert die Fährstadt Kiel

Die 1980 bei der Meyer Werft in Papenburg als »Viking Sally« gebaute und seither mehrfach umbenannte und umgebaute Ro-Ro-Fähre fährt seit 1993 unter dem Namen »MS Estonia« für die estnisch-schwedische Reederei Estline zwischen Tallinn und Stockholm. In der Nacht zum 28. September gerät sie bei Windstärke 9 und meterhohen Wellen in Seenot: Das Bugvisier, dessen Verriegelungen schon zuvor ungewöhnliche Geräusche verursacht hatten, reißt gegen ein Uhr nachts ab und reißt die dahinterliegende Bugrampe auf. Wasser strömt ungehindert auf das Fahrzeugdeck, binnen weniger Minuten bekommt das Schiff schwere Schlagseite, kentert und sinkt innerhalb von rund einer halben Stunde — zu schnell, als dass die meisten der 989 Menschen an Bord ihre Kabinen noch verlassen könnten. Die Fähren »Mariella« und »Silja Europa« sowie finnische und schwedische Rettungshubschrauber eilen zu Hilfe, doch bei Wassertemperaturen um 10 Grad Celsius überleben nur 137 Menschen; 852 Menschen — unter ihnen rund 500 Schweden, zahlreiche Esten und fünf Deutsche — ertrinken oder sterben an Unterkühlung. Es ist die schwerste Schiffskatastrophe im Nachkriegseuropa. Auch in Kiel, das mit den Fährlinien nach Oslo, Göteborg und ins Baltikum selbst zu den großen Ostsee-Hafenstädten zählt, sitzt der Schock tief: Die Katastrophe stellt die Sicherheit der Ro-Ro-Fähren mit ihren anfälligen Bugvisieren grundsätzlich in Frage und löst eine europaweite Debatte über schärfere Sicherheitsauflagen im Fährverkehr aus, von der auch der Kieler Hafen unmittelbar betroffen ist. Sie mündet im Februar 1996 in das sogenannte Stockholm-Abkommen, mit dem acht Ostsee- und Nordsee-Anrainer — darunter die Bundesrepublik — strengere Stabilitätsvorschriften für Ro-Ro-Fähren in Nordwesteuropa und der Ostsee vereinbaren; das Wrack selbst wird bereits 1995 per zwischenstaatlichem Abkommen zur geschützten Seemannsgrabstätte erklärt, an der Tauchgänge fortan verboten sind.
Bundestagswahl: Helmut Kohl bleibt mit knappster Mehrheit Kanzler

Dass mit Rudolf Scharping überhaupt ein SPD-Herausforderer antritt, der zuvor als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz bundesweit kaum bekannt war, hat seine Ursache in einem Kieler Skandal: Im Mai 1993 musste der schleswig-holsteinische Ministerpräsident und SPD-Vorsitzende Björn Engholm — eigentlich als Kanzlerkandidat vorgesehen — wegen seiner Verstrickung in die sogenannte Schubladenaffäre um die Spionageaffäre im Landtagswahlkampf 1987 von allen Ämtern zurücktreten; seine Nachfolge als Ministerpräsidentin in Kiel trat Heide Simonis an, während die SPD Scharping in einer Urwahl der Mitglieder zum neuen Bundesvorsitzenden und Kanzlerkandidaten kürte.
Bei der Bundestagswahl am 16. Oktober kommt die Koalition aus CDU/CSU (41,4 Prozent) und FDP (6,9 Prozent) unter Bundeskanzler Helmut Kohl nur noch auf eine denkbar knappe Mehrheit von zehn Sitzen im mit 672 Abgeordneten größten Bundestag der Geschichte — ein knapper Vorsprung, den vor allem die zahlreichen, überwiegend der Union zugefallenen Überhangmandate erklären. Die SPD mit Scharping erreicht 36,4 Prozent, Bündnis 90/Die Grünen ziehen mit 7,3 Prozent als drittstärkste Kraft in den Bundestag ein; die PDS scheitert zwar an der Fünfprozenthürde, gewinnt aber vier Direktmandate — vor allem in Ost-Berlin — und zieht dank der Grundmandatsregel mit 30 Abgeordneten erstmals gesamtdeutsch ins Parlament ein. Kohl wird zum vierten Mal in Folge zum Bundeskanzler gewählt und bleibt damit auch über die deutsche Einheit hinaus die prägende Figur der Bonner Republik — wenn auch mit dem schwächsten Unionsergebnis seit 1949.
Die übrigen Wahlgänge des „Superwahljahrs":
- Bundesversammlung, 23. Mai — Roman Herzog (CDU) wird im dritten Wahlgang gegen den SPD-Kandidaten Johannes Rau zum neuen Bundespräsidenten gewählt.
- Europawahl, 12. Juni — CDU/CSU 38,8 %, SPD 32,2 % (Beteiligung 60,0 %); die Union bleibt stärkste deutsche Kraft im Straßburger Parlament.
- Niedersachsen, 13. März — SPD 44,3 %, CDU 36,4 %. Ministerpräsident Gerhard Schröder bildet erstmals eine SPD-Alleinregierung.
- Sachsen-Anhalt, 26. Juni — CDU 34,4 %, SPD 34,0 %, PDS 19,9 %. Obwohl die CDU stärkste Partei wird, bildet Reinhard Höppner eine SPD-Grünen-Minderheitsregierung, die von der PDS geduldet wird — das bundesweit diskutierte „Magdeburger Modell".
- Sachsen, 11. September — CDU 58,1 %, SPD 16,6 %. Kurt Biedenkopf verteidigt die absolute Mehrheit mit dem besten Landtagswahlergebnis, das die Union bundesweit je erzielt hat.
- Brandenburg, 11. September — SPD 54,1 %, CDU und PDS je 18,7 %. Ministerpräsident Manfred Stolpe holt mit seiner populären Sozialministerin Regine Hildebrandt die absolute Mandatsmehrheit und regiert allein weiter.
- Bayern, 25. September — CSU 52,8 %, SPD 30,0 %. Trotz des schwächsten Ergebnisses seit 1966 regiert Edmund Stoibers CSU mit klarer Mehrheit weiter.
- Mecklenburg-Vorpommern, 16. Oktober — CDU 37,7 %, SPD 29,5 %. Ministerpräsident Berndt Seite setzt die große Koalition mit der SPD fort.
- Saarland, 16. Oktober — SPD 49,4 %, CDU 38,6 %. Oskar Lafontaine verliert die absolute Stimmenmehrheit, regiert aber mit eigener Mandatsmehrheit im Landtag weiter.
- Thüringen, 16. Oktober — CDU 42,6 %, SPD 29,6 %. Ministerpräsident Bernhard Vogel bildet eine große Koalition mit der SPD.
Aus heutiger Sicht
Die sogenannte Grundmandatsklausel, der die PDS 1994 ihren gesamtdeutschen Einzug ins Parlament verdankt, bleibt bis 2023 Teil des Wahlrechts, ehe der Bundestag sie im Zuge einer Wahlrechtsreform abschafft — woraufhin das Bundesverfassungsgericht 2024 die Fünfprozenthürde in ihrer bisherigen Form für teilweise verfassungswidrig erklärt und die alte Klausel übergangsweise wieder aufleben lässt.
Eröffnung des Eurotunnels unter dem Ärmelkanal

Die Idee einer festen Kanalquerung ist mehr als 200 Jahre alt, scheiterte aber immer wieder an militärischen Bedenken und den Kosten. Erst der 1986 von Margaret Thatcher und François Mitterrand unterzeichnete Vertrag von Canterbury ebnet den Weg: Ab 1988 treibt das anglo-französische Konsortium TransManche Link von beiden Küsten aus Tunnelbohrmaschinen aufeinander zu, im Dezember 1990 treffen sich die Vortriebe unter dem Meeresboden. Zehn Bauarbeiter kommen während der Bauzeit ums Leben. Am 6. Mai eröffnen Königin Elizabeth II. und Frankreichs Präsident François Mitterrand gemeinsam den rund 50 Kilometer langen Eurotunnel, der Großbritannien erstmals über eine feste Verbindung mit dem europäischen Festland verknüpft. 38 Kilometer der Strecke verlaufen unter dem Meeresboden des Ärmelkanals. Der Frachtverkehr startet bereits am 1. Juni, der reguläre Personenzugverkehr folgt am 14. November mit den Eurostar-Zügen, die London künftig mit Paris beziehungsweise Brüssel verbinden. Das mit rund 15 Milliarden Euro doppelt so teure Jahrhundertbauwerk verändert Handel und Reiseverkehr zwischen Kontinent und Insel dauerhaft — auch wenn die Betreibergesellschaft Eurotunnel wegen des gewaltigen Schuldenbergs aus der Kostenexplosion schon kurz nach der Eröffnung in schwere finanzielle Schieflage gerät.
Kurt Cobains Tod: Das Ende von Nirvana

Kurt Cobain, Sänger und Gitarrist der Seattle-Band Nirvana, hatte mit den Alben „Nevermind" (1991) und „In Utero" (1993) den Grunge-Rock zum weltweiten Massenphänomen gemacht und war zur widerwilligen Symbolfigur einer ganzen Generation geworden. Seit Jahren kämpfte er mit einer Heroinabhängigkeit und schweren Depressionen; nach einem mutmaßlichen Suizidversuch im März und einer rasch wieder abgebrochenen Entzugstherapie in Los Angeles kehrte er Ende März nach Seattle zurück und verschwand aus dem Blickfeld seines Umfelds.
Am 8. April findet ein Elektriker, der in Cobains Haus am Lake Washington Boulevard Arbeiten verrichten soll, seine Leiche in einem Zimmer über der Garage; der Todeszeitpunkt wird auf den 5. April zurückdatiert. Cobain hat sich mit einer Schrotflinte das Leben genommen, neben ihm liegt ein Abschiedsbrief an seinen imaginären Kindheitsfreund „Boddah", den seine Witwe, Sängerin Courtney Love, tags darauf bei einer Trauerfeier im Seattle Center öffentlich vorliest — mehr als 7.000 Fans versammeln sich dort, weitere Mahnwachen finden weltweit statt. Mit Cobains Tod im Alter von nur 27 Jahren endet Nirvana faktisch als Band; er reiht sich, wie zuvor schon Janis Joplin, Jimi Hendrix und Jim Morrison, in die Reihe berühmter Musiker ein, die im selben Alter starben, und sein Tod markiert für viele das symbolische Ende der Grunge-Ära.
Aufstand der Zapatisten in Chiapas

In der Neujahrsnacht, exakt zu dem Zeitpunkt, an dem das nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA zwischen Mexiko, den USA und Kanada in Kraft tritt, besetzen bewaffnete Kämpfer der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) mehrere Bezirkshauptstädte im südmexikanischen Bundesstaat Chiapas, darunter die Kolonialstadt San Cristóbal de las Casas. Die Aufständischen, überwiegend Angehörige der Maya-Völker der Tzotzil und Tzeltal, verlesen die „Erste Erklärung aus dem Lakandonischen Urwald" und erklären der mexikanischen Regierung förmlich den Krieg — als Wortführer und öffentliches Gesicht der Bewegung tritt der maskierte, Pfeife rauchende Subcomandante Marcos auf, dessen Herkunft und wahre Identität lange Rätsel aufgeben.
Die EZLN prangert die jahrhundertelange Ausgrenzung der indigenen Landbevölkerung an und fordert unter dem Schlagwort „Ya basta!" („Es reicht!") Land, Arbeit, Bildung, Gesundheit und politische Mitbestimmung; NAFTA gilt ihr als Symbol einer Politik, die die Armen weiter ins Abseits dränge. Nach rund zwölf Tagen bewaffneter Auseinandersetzungen mit dem mexikanischen Militär, bei denen nach Schätzungen mehrere hundert Menschen sterben, verkündet die Regierung unter Präsident Carlos Salinas de Gortari am 12. Januar einen einseitigen Waffenstillstand und leitet Verhandlungen ein. Der Konflikt bleibt in den Folgejahren politisch weitgehend ungelöst, macht Chiapas jedoch zum Ausgangspunkt einer weltweit beachteten Bewegung gegen wirtschaftliche Globalisierung.
Komet Shoemaker-Levy 9 zerschellt auf dem Jupiter

Der im März 1993 von den Astronomen Carolyn und Eugene Shoemaker sowie David Levy entdeckte Komet Shoemaker-Levy 9 war bereits 1992 der Schwerkraft des Jupiter so nahegekommen, dass die Gezeitenkräfte des Riesenplaneten ihn in mehr als zwanzig einzelne Bruchstücke zerrissen, die seither wie eine Perlenkette entlang seiner Umlaufbahn aufgereiht waren. Astronomen weltweit berechneten früh, dass diese „Kometenkette" bei ihrer nächsten Annäherung frontal auf den Jupiter treffen würde — zum ersten Mal in der Geschichte der Raumfahrt ließ sich der Einschlag eines Himmelskörpers auf einen Planeten des Sonnensystems im Voraus ankündigen und live beobachten.
Zwischen dem 16. und 22. Juli schlagen die bis zu mehrere Kilometer großen Fragmente nacheinander mit rund 60 Kilometern pro Sekunde in der südlichen Hemisphäre des Jupiter ein; die dabei freigesetzte Energie einzelner Einschläge übertrifft die aller jemals auf der Erde gezündeten Kernwaffen zusammen um ein Vielfaches. Zurück bleiben dunkle, teils erdgroße Narben in der Jupiteratmosphäre, die Teleskope wie das Weltraumteleskop Hubble und die Raumsonde Galileo monatelang dokumentieren. Das Schauspiel begeistert Millionen Menschen weltweit, die die Bilder in Zeitungen und im Fernsehen verfolgen, und schärft zugleich das öffentliche Bewusstsein dafür, dass auch die Erde grundsätzlich von Asteroiden- oder Kometeneinschlägen bedroht ist — ein Impuls, aus dem in den Folgejahren systematische Programme zur Beobachtung erdnaher Objekte hervorgehen.
Mordfall Simpson: Beginn des „Jahrhundertprozesses"

Am 12. Juni werden Nicole Brown Simpson, die geschiedene Frau des früheren American-Football-Stars und Schauspielers O. J. Simpson, und ihr Bekannter Ronald Goldman vor ihrem Haus im Nobelviertel Brentwood in Los Angeles erstochen aufgefunden. Da für Simpson kein Alibi vorliegt und Blutspuren am Tatort, in seinem Wagen und in seinem Haus auf ihn hindeuten, soll er sich am 17. Juni den Behörden stellen — stattdessen taucht er unter und löst damit eine landesweite Fahndung aus.
Wenige Stunden später liefert sich Simpson, begleitet von seinem Freund Al Cowlings, in einem weißen Ford Bronco auf den Autobahnen von Los Angeles eine stundenlange, gemächliche Verfolgungsjagd mit der Polizei, die von Hubschraubern aus live im Fernsehen übertragen wird — schätzungsweise 95 Millionen Amerikaner verfolgen die Bilder, die reguläre Programme unterbrechen. Am Ende ergibt sich Simpson unbewaffnet vor seinem eigenen Haus. Der wenig später beginnende Strafprozess, in dem ihm ein Team prominenter Anwälte um Johnnie Cochran zur Seite steht, entwickelt sich zum medialen Großereignis mit täglicher Live-Berichterstattung und endet erst im Oktober 1995 mit einem Freispruch, der die amerikanische Öffentlichkeit tief entlang rassischer Linien spaltet.
Tod Kim Il-sungs: Nordkoreas „Großer Führer" stirbt

Kim Il-sung, der Nordkorea seit der Staatsgründung 1948 mit einem beispiellosen Personenkult regiert hatte, stirbt im Alter von 82 Jahren an einem Herzinfarkt. Sein Tod kommt zu einem heiklen weltpolitischen Zeitpunkt: Wenige Wochen zuvor hatte der frühere US-Präsident Jimmy Carter bei einem privaten Besuch in Pjöngjang im Auftrag der Regierung Clinton vermittelt und damit die seit Monaten schwelende nordkoreanische Atomkrise um das Nuklearprogramm in Yongbyon entschärft; im Zuge dessen hatte sich Kim Il-sung erstmals zu einem Gipfeltreffen mit dem südkoreanischen Präsidenten Kim Young-sam bereiterklärt — es wäre das erste Treffen der Staatsoberhäupter beider koreanischer Staaten überhaupt gewesen.
Mit Kim Il-sungs Tod platzt der geplante Gipfel; Nordkorea verordnet eine mehrjährige offizielle Staatstrauer, während sein Sohn Kim Jong-il die Macht übernimmt, ohne zunächst die höchsten Staats- und Parteiämter formell zu beanspruchen — sie bleiben Jahre demonstrativ unbesetzt, ehe Kim Il-sung 1998 postum zum „ewigen Präsidenten" der Republik erklärt wird. Die Nachfolge vom Vater auf den Sohn macht Nordkorea zum ersten Staat des kommunistischen Machtbereichs, der eine dynastische Erbfolge etabliert — eine Blaupause, die die Führung des Landes bis heute prägt. Im Oktober 1994 einigen sich die USA und Nordkorea schließlich im sogenannten Genfer Rahmenabkommen auf einen vorläufigen Ausgleich im Atomstreit.
Aus heutiger Sicht
Das Genfer Rahmenabkommen hält keine zehn Jahre: Ab Oktober 2002 wirft Washington Pjöngjang ein geheimes Urananreicherungsprogramm vor, Nordkorea erklärt das Abkommen 2003 für hinfällig und tritt aus dem Atomwaffensperrvertrag aus — der Weg zur nordkoreanischen Atombombe bleibt am Ende offen.
Bundestag verabschiedet das Berlin/Bonn-Gesetz

Schon am 20. Juni 1991 hatte der Bundestag nach einer langen und emotionalen Debatte mit knapper Mehrheit beschlossen, Parlament und Regierung von Bonn an den künftigen Regierungssitz Berlin zu verlegen. Am 10. März 1994 verabschiedet das Parlament nun mit dem sogenannten Berlin/Bonn-Gesetz das Ausführungsgesetz zu diesem Hauptstadtbeschluss: Es regelt, dass der Bundeskanzler die Verteilung der Ministerien auf Berlin und die verbleibenden Dienstsitze in Bonn bestimmt, sechs Bundesministerien sollen dauerhaft ihren ersten Dienstsitz am Rhein behalten. Bonn selbst erhält den bundesweit einzigartigen Ehrentitel einer „Bundesstadt" und in einem ergänzenden Ausgleichsvertrag vom 29. Juni 1994 zugesagte Entschädigungsleistungen des Bundes für die erwarteten Arbeitsplatzverluste. Nach seiner Ausfertigung am 26. April tritt das Gesetz am 7. Mai 1994 in Kraft; der eigentliche Umzug von Parlament und Regierung an die Spree soll sich noch über Jahre hinziehen.
Karlsruhe billigt Auslandseinsätze der Bundeswehr

Ob deutsche Soldaten außerhalb des NATO-Bündnisgebiets eingesetzt werden dürfen, war seit der Wiedervereinigung heftig umstritten und hatte bereits zu Verfassungsklagen wegen deutscher Beteiligungen an AWACS-Aufklärungs- flügen über dem ehemaligen Jugoslawien und an der UN-Mission in Somalia geführt. Am 12. Juli entscheidet der Zweite Senat des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe: Artikel 24 Absatz 2 des Grundgesetzes erlaube dem Bund nicht nur den Beitritt zu einem System gegenseitiger kollektiver Sicherheit, sondern liefere auch die verfassungsrechtliche Grundlage für Bundeswehreinsätze im Rahmen und nach den Regeln eines solchen Systems — die sogenannten „Out-of-area"-Einsätze seien damit grundsätzlich zulässig. Das Gericht knüpft die Erlaubnis jedoch an eine strenge Bedingung, den Parlamentsvorbehalt: Die Bundesregierung muss für jeden Einsatz bewaffneter Streitkräfte grundsätzlich vorher die konstitutive Zustimmung des Bundestages einholen. Das Urteil ebnet damit den Weg für künftige deutsche Beteiligungen an internationalen Militäreinsätzen außerhalb des NATO-Gebiets, bindet diese zugleich aber dauerhaft an die Zustimmung des Parlaments.
Friedensnobelpreis für Rabin, Peres und Arafat

Nach dem im Vorjahr in Washington besiegelten Grundsatzabkommen von Oslo unterzeichnen Israel und die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) am 4. Mai 1994 in Kairo das sogenannte Gaza-Jericho-Abkommen: Es regelt den Rückzug israelischer Truppen aus dem Gazastreifen und aus Jericho im Westjordanland und überträgt der neu geschaffenen Palästinensischen Autonomiebehörde dort erstmals begrenzte Selbstverwaltung. Am 14. Oktober gibt das Osloer Nobelkomitee bekannt, dass es den Friedensnobelpreis für 1994 an den israelischen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin, seinen Außenminister Schimon Peres sowie PLO-Vorsitzenden Yasser Arafat gemeinsam verleiht — für ihre Bemühungen um Frieden im Nahen Osten. Am 10. Dezember nehmen alle drei die Auszeichnung im Osloer Rathaus persönlich entgegen und bekunden, den eingeschlagenen Weg zur Aussöhnung fortsetzen zu wollen — auch wenn in Israel wie unter den Palästinensern erbitterter Widerstand gegen den Friedensprozess und seine Urheber wächst.
Aus heutiger Sicht
Der Friede währt nicht lange: Am 4. November 1995 erschießt der jüdische Rechtsextremist Jigal Amir Ministerpräsident Rabin nach einer Kundgebung für den Osloer Friedensprozess in Tel Aviv. Der Friedensprozess gerät daraufhin ins Stocken und mündet in den Folgejahren in neue, blutige Eskalationen zwischen Israelis und Palästinensern.
Die Bielefeld-Verschwörung entsteht

Auf einer Studentenparty hatte im Jahr zuvor ein Bekannter des Bielefelder Informatikstudenten Achim Held im Scherz behauptet, die Stadt Bielefeld gebe es in Wahrheit gar nicht — niemand der Anwesenden war je dort gewesen, obwohl gerade ein gebürtiger Bielefelder unter ihnen stand. Am 16. Mai veröffentlicht Held diese Schnapsidee, ausgearbeitet zu einer vollständigen Verschwörungstheorie, in der Usenet-Newsgroup de.talk.bizarre: Angeblich existiere Bielefeld nicht wirklich, seine scheinbaren Beweise — Straßenschilder, Einwohner, sogar die ostwestfälische Großstadt selbst — seien Fabrikationen einer geheimen Macht namens „SIE". Held will damit erklärtermaßen gängige Verschwörungstheorien ins Lächerliche ziehen. Der Text verbreitet sich im noch jungen deutschen Internet rasant und wird binnen weniger Jahre zu einem festen running gag der Netzkultur, der bis heute — vollkommen ironisch — immer wieder ernsthaft diskutiert wird.
Kaufhauserpresser „Dagobert" nach sechs Jahren gefasst

Sechs Jahre lang narrt ein unbekannter Erpresser Polizei und Kaufhauskonzerne: 1988 sprengt er eine Bombe im Berliner Kaufhaus des Westens (KaDeWe) und erbeutet 500.000 Mark. 1992 droht er brieflich der Warenhauskette Karstadt und untermauert seine zunächst auf eine, später auf 1,4 Millionen Mark gesteigerte Forderung mit Rohrbomben in Filialen in Hamburg, Bremen, Hannover, Magdeburg und Bielefeld — allein der Brand in Bremen richtet rund sechs Millionen Mark Sachschaden an. Wegen seiner an Donald Ducks reichen Onkel erinnernden Unterschrift tauft die Presse den Unbekannten „Dagobert". Geldübergaben lässt er wiederholt scheitern, etwa mit einer Kiste auf einem Kanaldeckel, aus der er durch die Kanalisation entkommt. Am 22. Januar gelingt ihm auf den stillgelegten Gleisen der Berliner Siemensbahn die einzige erfolgreiche Übergabe von 1,4 Millionen Mark; er entkommt der Polizei mit Stolperdrähten und Leuchtsignalen. Am 22. April schließlich fasst ihn die Polizei in einer Telefonzelle in der Hagedornstraße im Ortsteil Johannisthal, als er von dort aus neue Anweisungen durchgeben will: Hinter „Dagobert" steckt der gelernte Schildermacher Arno Funke aus Berlin.
Aus heutiger Sicht
Ein Gericht verurteilt Funke wegen schwerer räuberischer Erpressung zunächst zu sieben Jahren und neun Monaten Haft, in der Berufung wird die Strafe auf neun Jahre erhöht; nach guter Führung kommt er bereits am 15. August 2000 frei und schreibt später als Karikaturist und Autor über seinen Fall.
AM RANDE NOTIERT
- Am 31. August verkündet die IRA eine „vollständige Einstellung aller militärischen Operationen" — ein historischer Waffenstillstand im Nordirlandkonflikt.
- Ebenfalls am 31. August verabschiedet sich die russische Armee mit einer Zeremonie in Berlin endgültig aus Deutschland; am 8. September folgt der feierliche Abschied der Westalliierten — die letzten fremden Soldaten verlassen die einst geteilte Hauptstadt.
- Am 10. Mai wird Silvio Berlusconi als italienischer Ministerpräsident vereidigt — seine erst wenige Monate zuvor gegründete Partei Forza Italia hatte die Parlamentswahl im März überraschend für sich entschieden.
- Vom 18. bis 26. Juni feiert Kiel zum 100. Mal die Kieler Woche — das Jubiläum kommt wegen kriegsbedingter Ausfälle erst 112 Jahre nach der ersten Regatta von 1882; das Segelfest, eines der größten der Welt, lockt wieder Scharen von Besuchern an die Kaikanten.
WIRTSCHAFT · 1994
Nach der Rezession des Vorjahres erholt sich die deutsche Wirtschaft 1994 spürbar: Das Bruttoinlandsprodukt wächst real um rund 2,8 Prozent, im ersten Halbjahr meldet das Bundeswirtschaftsministerium bereits einen Vorjahresvorsprung von 2,8 Prozent. Die Inflationsrate liegt im Jahresdurchschnitt bei 2,7 Prozent. Auf dem Arbeitsmarkt bleibt die Lage angespannt: Die Arbeitslosenquote (Anteil an allen zivilen Erwerbspersonen) verharrt bei 9,6 Prozent, die Zahl der Erwerbstätigen sinkt im Jahresdurchschnitt weiter, während die Zahl der Arbeitslosen auf rund 3,7 Millionen steigt — ein Aufschwung, der sich auf dem Arbeitsmarkt erst mit Verzögerung bemerkbar macht.
Der Preisspiegel:
- Brot (1 kg) — 3,76 DM
- Butter (1 kg) — 8,20 DM
- Milch (1 l) — 1,45 DM
- Bier (0,5 l) — 1,09 DM
- Benzin Normal (1 l) — 1,45 DM
- Benzin Super (1 l) — 1,72 DM
- Eier (1 Stück) — 0,25 DM
- Kaffee (1 kg) — 15,26 DM
STIMMEN DER PRESSE · 1994
Kein Ereignis des Jahres beschäftigt die Kommentatoren so nachhaltig wie der Völkermord in Ruanda — auch weil die deutsche Presse selbst mit der Frage ringt, wie über ein Verbrechen dieses Ausmaßes zu berichten sei:
„Allein in der Hauptstadt Kigali hat der Rassenwahn, der seit einigen Tagen die mittelafrikanische Republik Ruanda abermals heimsucht, mehr als tausend Tote gefordert." — Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. April 1994
„Die Massaker in Ruanda vollziehen sich fast ohne Bilder, ohne Öffentlichkeit, ohne Namen." — die tageszeitung (taz), 29. April 1994
SPORT · 1994
Das Sportjahr beginnt mit einer Tragödie: Am 1. Mai verunglückt der dreifache Formel-1-Weltmeister Ayrton Senna beim Großen Preis von San Marino in Imola tödlich, als sein Williams in der Kurve Tamburello von der Strecke abkommt — ein Schock, der die gesamte Motorsportwelt erschüttert und in der Folge zu tiefgreifenden Sicherheitsreformen im Rennsport führt.
Bei der Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, der ersten überhaupt in Nordamerika und mit rekordverdächtigen 3,59 Millionen Stadionbesuchern, scheidet die deutsche Nationalmannschaft um Kapitän Lothar Matthäus als Titelverteidiger im Viertelfinale mit 1:2 gegen Bulgarien aus — nach einer Führung durch Matthäus per Foulelfmeter drehen Hristo Stoichkov mit einem direkten Freistoß und Jordan Letschkow per Kopfball die Partie noch. Den Pokal holt sich am Ende Brasilien, das sich im Finale gegen Italien erst im Elfmeterschießen durchsetzt — Roberto Baggio vergibt den entscheidenden Elfmeter hoch über die Latte, das erste WM-Endspiel, das per Elfmeterschießen entschieden wird; Brasiliens Romário wird zum besten Spieler des Turniers gekürt, während sich Stoichkov und der Russe Oleg Salenko, der im Vorrundenspiel gegen Kamerun allein fünf Tore erzielt, die Torschützenkrone teilen.
Auf der Rennstrecke liefern sich Michael Schumacher im Benetton und der Brite Damon Hill im Williams das ganze Jahr über ein enges Titelduell, das erst im letzten Saisonrennen am 13. November im australischen Adelaide fällt: Nach einer umstrittenen Kollision der beiden Kontrahenten sichert sich Schumacher mit einem Punkt Vorsprung den WM-Titel und krönt sich als erster Deutscher zum Formel-1-Weltmeister.
MODE · 1994
Als britische Schauspielerin Elizabeth Hurley zur Londoner Premiere der Kinokomödie „Vier Hochzeiten und ein Todesfall" ihres Lebensgefährten Hugh Grant in einem von riesigen, goldenen Sicherheitsnadeln aus dem Hause Versace zusammengehaltenen schwarzen Kleid erscheint, sorgt das Foto über Nacht weltweit für Schlagzeilen und macht das „Safety-Pin-Dress" zur Mode-Ikone des Jahres — aus der bis dahin kaum bekannten Schauspielerin wird praktisch über Nacht ein internationaler Fotostar. Auch sonst bleibt es 1994 alles andere als zurückhaltend: Der Wonderbra-Boom des Vorjahres erreicht mit der Plakatkampagne „Hello Boys", auf der das tschechische Model Eva Herzigová posiert, einen viel diskutierten Höhepunkt und sorgt in mehreren Ländern für Debatten über angeblich abgelenkte Autofahrer. Understatement ist 1994 in der Modewelt jedenfalls nicht gefragt.
KINO & FERNSEHEN · 1994
An den Kinokassen ist 1994 ein außergewöhnlich starkes Jahr: Die Zeichentrick-Neuverfilmung „Der König der Löwen" führt mit 11,3 Millionen deutschen Besuchern die Jahrescharts an, gefolgt vom Oscar-prämierten „Forrest Gump" mit Tom Hanks (7,6 Millionen). Auf Platz drei landet mit der Beziehungskomödie „Der bewegte Mann" — nach Til Schweigers Durchbruch als Frauenschwarm an der Seite von Katja Riemann — mit 6,6 Millionen Besuchern der erste deutsche Film seit 1987, der sich derart weit vorne platziert; insgesamt entfallen 1994 rund 14,4 Millionen Kinobesuche und ein Marktanteil von 11,6 Prozent auf deutsche Produktionen. Auch „Die Flintstones", „Schindlers Liste" von Steven Spielberg, „Mrs. Doubtfire" und „Vier Hochzeiten und ein Todesfall" zählen zu den meistgesehenen Filmen des Jahres.
Im Fernsehen etabliert sich SAT.1 neben ARD, ZDF und RTL endgültig als vierter großer Sender im Land. RTL verzeichnet am 4. April mit der Ausstrahlung der Filmkomödie „Kindergarten Cop" eine Rekordeinschaltquote von 12,36 Millionen Zuschauern, während die neue, von Hape Kerkeling moderierte Comedy-Sendung „Käse" nach einem furiosen Auftakt mit über sieben Millionen Zuschauern in der zweiten Folge auf gut drei Millionen abstürzt und rasch wieder abgesetzt wird. Ab Ende Oktober moderiert Linda de Mol mit der „Surprise Show" ihr eigenes Wunscherfüllungsformat nach dem Vorbild der ARD-„Rudi Carrell Show" — ein weiteres Zeichen dafür, wie sehr die privaten Sender dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen inzwischen Konkurrenz machen.
GESTORBEN · 1994
- Richard Nixon (81), 37. Präsident der Vereinigten Staaten — 22. April 1994, New York.
- Erich Honecker (81), früherer Staats- und Parteichef der DDR — 29. Mai 1994, Santiago de Chile (im chilenischen Exil).
- Jacqueline Kennedy Onassis (64), frühere First Lady der USA — 19. Mai 1994, New York.
- Elias Canetti (89), Schriftsteller, Nobelpreisträger für Literatur 1981 — 14. August 1994, Zürich.
- Karl Popper (92), Philosoph, Begründer des Kritischen Rationalismus — 17. September 1994, London.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1994
- Wirtschaftsnobelpreis für Reinhard Selten (Oktober). Der Bonner Ökonom wird gemeinsam mit John Nash und John Harsanyi für die Weiterentwicklung der Spieltheorie geehrt – ein deutscher Wissenschaftler unter den einflussreichsten Ökonomen seiner Generation.
- Michael Schumacher wird erster deutscher Formel-1-Weltmeister (13. November, Adelaide). Nach einem dramatischen Saisonfinale sichert sich der 25-Jährige den WM-Titel – der Auftakt zu einer beispiellosen Karriere mit später sieben Weltmeistertiteln.
- Literaturnobelpreis für Kenzaburō Ōe (13. Oktober). Der japanische Schriftsteller wird für sein lyrisch-kraftvolles Werk geehrt, das Leben und Mythos zu einem verstörenden Bild der menschlichen Existenz verdichtet – erst der zweite japanische Literaturnobelpreisträger nach Yasunari Kawabata 1968.
- THW Kiel wird zum vierten Mal Handball-Deutscher Meister (24. April). Mit einem 24:15-Sieg gegen OSC Rheinhausen sichert sich der Kieler Verein bereits einen Spieltag vor Saisonende den Titel – der Grundstein für die spätere internationale Erfolgsserie des Vereins an der Förde.
DAS WETTER · 1994 in Kiel
An diesem 13. Juli war es an der Förde ein heißer Hochsommertag: Höchstwert 31,6 °C, in der Nacht lauwarme 19,7 °C, im Mittel 25,4 °C; kein Tropfen Regen fiel — der heißeste Geburtstag dieser Reihe.
Das Jahr über: Im Mittel 9,3 °C. Wärmster Tag 34,7 °C am 5. August, kältester −11,5 °C am 23. Februar. Ganze 9 Hitzetage (≥ 30 °C) — ein Rekordsommer —, 12 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 905 mm.
(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1994
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.
- Without You — Mariah Carey
- I Swear — All-4-One
- Streets Of Philadelphia — Bruce Springsteen
- Love Is All Around — Wet Wet Wet
- Omen III — Magic Affair
- Saturday Night — Whigfield
- Happy People (United) — Prince Ital Joe & Marky Mark
- It's Alright — East 17
- Mmm Mmm Mmm Mmm — Crash Test Dummies
- Everybody — DJ BoBo
- Eins Zwei Polizei — Mo-Do
- Somewhere Over The Rainbow — Marusha
- Cotton Eye Joe — Rednex
- 7 Seconds — Youssou N'Dour & Neneh Cherry
- All For Love — Bryan Adams, Rod Stewart & Sting
- Jessie — Joshua Kadison
- Lovesong — Mark 'Oh
- Return To Innocence — Enigma
- The Sign — Ace Of Base
- Acid Folk — Perplexer
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).
Kommunalwahl: Die Kieler SPD verliert ihre Mehrheit, die Grünen verdoppeln sich fast
Bei der Kommunalwahl in Schleswig-Holstein am 20. März hat die Kieler SPD ihre bisherige Stellung im Rathaus deutlich eingebüßt. Für die Ratsversammlung kam die Partei auf 39,4 Prozent; bei der letzten Wahl 1990 waren es noch 51,3 Prozent gewesen, ein Verlust von fast zwölf Punkten. Die CDU liegt mit 31,1 Prozent knapp unter ihrem Ergebnis von 1990 (32,8 Prozent).
Der eigentliche Gewinner sitzt links der SPD: Die Grünen steigerten sich von 7,8 auf 15,2 Prozent und haben ihren Anteil damit fast verdoppelt. Die FDP fällt von 5,4 auf 3,9 Prozent zurück. Die Wählergemeinschaft Stadt-Union-Kiel erreichte 9,6 Prozent.
Von den 189.824 Wahlberechtigten in der Landeshauptstadt gingen 64,7 Prozent zur Urne, 1990 waren es 62,4 Prozent. Landesweit lag die Beteiligung mit 70,5 Prozent deutlich höher; Kiel bleibt damit unter dem Schnitt des Landes. Im ganzen Land lauten die Zahlen: SPD 39,5 Prozent, CDU 37,5 Prozent, Grüne 10,3 Prozent, FDP 4,4 Prozent, SSW 2,6 Prozent.
Oberbürgermeister Otto Kelling (SPD), seit November 1992 im Amt und von der Ratsversammlung gewählt, hat es künftig mit einer Ratsversammlung zu tun, in der die SPD mit knapp 40 Prozent nicht mehr über die Mehrheit der Stimmen verfügt, die sie 1990 mit 51,3 Prozent hatte. Von den 49 Sitzen erhielt die SPD 20, die CDU 16, die Grünen 8 und die Stadt-Union-Kiel 5; die FDP ist nicht mehr vertreten.
Kiel Radio schaltet ab: Das Rufzeichen DAO verstummt
Mit dem Jahr geht auch eine Kieler Institution zu Ende: Am 31. Dezember stellt die Küstenfunkstelle Kiel Radio, Rufzeichen DAO, ihren Betrieb ein. Den letzten Funkkontakt in Schilksee gab es eine Stunde vor Mitternacht – er kam auf Grenzwelle vom russischen Schiff „Marschall Konjew“.
Angefangen hatte alles in der Nachkriegszeit. Am 16. Juni 1946 um Mitternacht kündigte eine Meldung auf der Seenotfrequenz 500 kHz das Rufzeichen DAO an, gültig ab dem 18. Juni 1946. Der erste Betrieb lief aus einer Baracke in Hassee, gesendet wurde von Friedrichsort aus. Am 11. März 1951 eröffnete die Empfangsstelle mit der Betriebszentrale in Schilksee, am 1. Juli 1954 folgte die Sendestelle Scharnhagen mit acht Sendern.
Die Technik hatte der Funkstelle zuletzt die Aufgaben genommen. Ende Februar 1991 endete die Telegrafie auf Mittelwelle, an der 13 Arbeitsplätze hingen. Seit dem 1. Februar 1992 arbeitet die Funkstelle mit Digital Selective Calling auf UKW-Kanal 70. Die UKW-Stationen in Kiel, Lübeck und Flensburg werden nun mit Rügen Radio vernetzt und von dort ferngesteuert; die Kieler UKW-Technik zieht auf den Fernmeldeturm.
Aus heutiger Sicht
Das Rufzeichen kehrte zurück. Die Kielradio GmbH im Kieler Innovations- und Technikzentrum nutzte DAO weiter, Schiffe auf hoher See konnten darüber E-Mails verschicken oder Wetterberichte abfragen.
Bundeswehr im Umbau: Kommandos werden aufgelöst, der Marinestützpunkt Kiel bekommt eine neue Führung
Die Bundeswehr ordnet ihre Standorte in Schleswig-Holstein neu, und das spürt Kiel. Am 1. April wurde das Territorialkommando Schleswig-Holstein aufgelöst, das 1969 aufgestellt worden war. Sein Stab war zugleich der Stab des 1956 in Kiel aufgestellten Wehrbereichskommandos I. Letzter Befehlshaber war Generalmajor Jürgen von Falkenhayn, der das Kommando seit dem 31. März 1993 geführt hatte. Etwa zur selben Zeit wird auch das Fernmeldekommando 600 in Kiel außer Dienst gestellt, das dem Territorialkommando unterstand.
Im selben Monat wurde das Marineabschnittskommando Ostsee in Marineabschnittskommando Nord umbenannt. Dem MAK Nord untersteht künftig der Stützpunkt Kiel im Stadtteil Wik. Zum 30. September wurde das seit dem 2. Mai 1956 bestehende Marinestützpunktkommando Kiel aufgelöst; zuletzt führte es Kapitän zur See Uwe Büttner.
Auch in der Luft wird gekürzt: Im September stellte das Marinefliegergeschwader 5 in Holtenau den Flugbetrieb mit der Do 28 ein, die 2. Fliegende Staffel wurde außer Dienst gestellt. Zwei Do 28 OU zur Ölaufklärung und die Do 228 LM gehen an das Marinefliegergeschwader 3 „Graf Zeppelin“.
Hochschulen im Wandel: Muthesius wird selbstständig, die Pädagogische Hochschule geht in der Universität auf
Die Kieler Hochschullandschaft sortiert sich neu. Die Muthesius-Hochschule – Fachhochschule für Kunst und Gestaltung erhält 1994 die Selbstständigkeit. Seit den frühen 1970er-Jahren hatte sie zur Fachhochschule Kiel gehört. Ihre Wurzeln reichen bis 1907 zurück, als in Kiel eine Gewerbeschule mit kunstgewerblicher Ausrichtung entstand; seit 1947 trägt die Schule den Namen des Architekten Hermann Muthesius, 1966 wurde sie zur Werkkunstschule.
Die Pädagogische Hochschule Kiel, 1946 neu gegründet und seither Stätte der Lehrerausbildung, wird als Erziehungswissenschaftliche Fakultät in die Christian-Albrechts-Universität eingegliedert; ihr letzter Rektor ist Winfried Ulrich. Ihre Wurzeln reichen bis zur 1926 gegründeten Pädagogischen Akademie zurück. Außerdem gehört die Universität zum in diesem Jahr gegründeten Verbund Norddeutscher Universitäten, in dem Hochschulen von Bremen bis Greifswald ihre Studienfächer gemeinsam bewerten lassen, um Lehre und Studium zu verbessern.
Auf dem künftigen Campus der Fachhochschule in Neumühlen-Dietrichsdorf, der noch im Bau ist, startet Marianne Tidick, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur, das Projekt „Kunstlaboratorium“: Es bringt Kunst im öffentlichen Raum auf den entstehenden Campus.
KURZ NOTIERT · Kiel 1994
- 1. Januar — Karl-Heinz Zimmer (CDU) wird Kieler Bürgermeister. Der Jurist ist seit 1979 hauptamtlicher Stadtrat.
- 16. Juni — Die Straße „Solomit“ und der „Alfons-Huysmans-Ring“ erhalten ihre Namen.
- 10. November — Nach einem „Türkischen Abend“ beschließt der 1989 gegründete Verein Inter Türkspor Kiel gemeinsam mit Vertretern aus Politik, Banken und Wirtschaft, einen eigenen Sportplatz zu bauen.
- 17. November — Clara-Immerwahr-Straße und Gänsewiese erhalten ihre Namen; ein Teil des Poppenbrügger Weges heißt künftig Wellseedamm.
- 1994 — Der Kieler Betriebsteil der Holsten-Brauerei wird geschlossen. Die Brauerei ging auf die 1924 übernommene Schloß-Schifferer-Brauerei zurück.
- 1994 — Am Hauptbahnhof, zum Hafen hin, entsteht das Erlebniszentrum „CAP“ mit Restaurants, Großkino, Parkhaus, Bowlingbahn, Disco und Hotel.
- 1994 — Der Wellsee wird Teil des neuen Landschaftsschutzgebiets „Wellsee und Wellsau-Niederung“.
- 1994 — Die 1991 gegründeten Kiel Baltic Witches, die erste Football-Frauenmannschaft der Kiel Baltic Hurricanes, lösen sich nach einigen Trainingsspielen und Ligabetrieb im selben Jahr wieder auf.
RUND UM DIE FÖRDE · 1994
- 8. April, Plön — In Plön stirbt die Malerin Elisabeth Jaspersen. Die 1900 in Möltenort geborene Porträt- und Landschaftsmalerin lebte seit 1960 am Plöner See.
- 15. April, Plön — Volkram Gebel (CDU) tritt sein Amt als Landrat des Kreises Plön an. Der Kreistag hatte ihn am 16. Dezember 1993 mit 23 von 45 Stimmen gewählt; er setzte sich gegen Amtsinhaber Joachim Wege durch, obwohl SPD, FDP und Grüne, die Wege unterstützten, die Mehrheit im Kreistag haben.
SPORT AN DER FÖRDE · 1994
- Holstein Kiel — In der Oberliga Nord 1993/94, der dritthöchsten Spielklasse, belegt Holstein Platz 7 (30:30 Punkte, 52:55 Tore) und qualifiziert sich damit für die neue Regionalliga Nord. Zudem gewinnt der Verein den Landespokal Schleswig-Holstein. Abseits des Rasens stand der Klub 1994 nach 1989 zum zweiten Mal kurz vor dem Konkurs, bei 180.000 DM Schulden. Sponsoren und eine neu gegründete Sport-Marketing GmbH stellten rechtzeitig die Weichen. Das Holstein-Stadion zerfällt, Tribünenbereiche sind gesperrt.
- Holstein-Amateure — Holstein Kiel II wird in der neu benannten Verbandsliga Schleswig-Holstein gleich im ersten Jahr Meister und steigt in die Oberliga Hamburg/Schleswig-Holstein auf.
- American Football — Die Kiel Baltic Hurricanes werden im zweiten Jahr in der 2. Bundesliga Meister der Gruppe Nord, scheitern in der Relegation zur 1. Bundesliga aber an den Berlin Rebels.
- Bob — Am 19. Januar werden Christoph Langen und der in Kiel geborene Peer Joechel in La Plagne Europameister im Zweierbob. 1993 war das Duo bereits Weltmeister in Igls gewesen.
- Billard — Francisco Bustamante von der Kieler Billard Union wird in Essen Deutscher Meister im 9-Ball.
- Poolbillard — Der in Kiel geborene Alexander Dremsizis wird bei der Jugend-Europameisterschaft in Heerlen Junioren-Europameister im 9-Ball-Einzel. Im Finale der Junioren-Weltmeisterschaft unterliegt er dem Norweger Jørn Kjølaas.