DER CHRONIST

Ein Jahr der großen Wendungen: Ein Kontinent legt die Apartheid ab, ein anderer versinkt in Völkermord, ein Tunnel verbindet Inseln mit dem Festland — und eine Schiffskatastrophe in unmittelbarer Nachbarschaft erinnert die Fährstadt Kiel daran, wie nah die große Welt der Ostsee an die eigene Haustür heranreicht. Zugleich erschüttern der Tod des Grunge-Idols Kurt Cobain, ein Aufstand indigener Rebellen im mexikanischen Chiapas und eine spektakuläre Verfolgungsjagd um den American-Football-Star O. J. Simpson die Popkultur diesseits und jenseits des Atlantiks. Am Nachthimmel liefert der zerberstende Komet Shoemaker-Levy 9 ein kosmisches Schauspiel auf dem Jupiter, während in Pjöngjang mit dem Tod des „Großen Führers" Kim Il-sung eine Ära zu Ende geht, noch ehe der lange geplante erste innerkoreanische Gipfel stattfinden kann. Ein Jahr zwischen Hoffnung und Abgrund, zwischen Wahlurnen und Waffenstillständen — und mit der einhundertsten Kieler Woche ein Jubiläum, das die Förde trotz allem feiern kann.

Die Schlagzeilen des Jahres

Ende der Apartheid: Nelson Mandela wird Präsident Südafrikas

Die Amtseinführung Nelson Mandelas als Präsident Südafrikas, 1994
Die Amtseinführung Nelson Mandelas als Präsident Südafrikas, 1994 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Die Aufhebung der Apartheid ist das Ergebnis eines jahrzehntelangen Kampfes: Seit die National Party 1948 das System der gesetzlichen Rassentrennung einführte, organisierte der 1912 gegründete African National Congress (ANC) Widerstand dagegen. Nach dem Massaker von Sharpeville 1960 verboten die Behörden den ANC; Nelson Mandela ging in den bewaffneten Untergrund, wurde 1962 verhaftet und 1964 im Rivonia-Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt. 27 Jahre verbrachte er, größtenteils auf Robben Island, im Gefängnis, ehe ihn Präsident Frederik Willem de Klerk am 11. Februar 1990 freiließ — wenige Tage, nachdem er das Verbot des ANC aufgehoben hatte. Es folgten vier Jahre zäher Verhandlungen (CODESA), die 1993 durch die Ermordung des Kommunistenführers Chris Hani beinahe scheiterten; im selben Jahr erhielten Mandela und de Klerk gemeinsam den Friedensnobelpreis.

Am 26. bis 29. April finden in Südafrika die ersten freien, allen Bevölkerungsgruppen offenstehenden Wahlen der Landesgeschichte statt — Millionen schwarze Südafrikaner stimmen zum ersten Mal überhaupt ab, vielerorts bilden sich kilometerlange Warteschlangen vor den Wahllokalen. Der ANC gewinnt mit knapp 63 Prozent der Stimmen klar, ohne jedoch die für Verfassungsänderungen nötige Zweidrittelmehrheit zu erreichen. Am 10. Mai wird Mandela vor den Union Buildings in Pretoria als erster demokratisch gewählter, schwarzer Präsident des Landes vereidigt — vor rund 4.000 Gästen, darunter zahlreiche Staats- und Regierungschefs, und einer Fernsehzuschauerschaft von schätzungsweise einer Milliarde Menschen weltweit. De Klerk übernimmt als einer der beiden Vizepräsidenten, der Zulu-Führer Mangosuthu Buthelezi als Minister ein Amt in der neu gebildeten Regierung der nationalen Einheit. Mit der Amtseinführung endet formell die Ära der Apartheid, gegen die Mandela einst mit lebenslanger Haft bezahlt hatte; die schwierige Aufarbeitung der Vergangenheit soll in den Folgejahren einer eigens einzurichtenden Wahrheits- und Versöhnungskommission obliegen.

Völkermord in Ruanda: Hunderttausende Tote in wenigen Wochen

Die Völkermord-Gedenkstätte in Kigali, Ruanda
Die Völkermord-Gedenkstätte in Kigali, Ruanda (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Die Wurzeln der Katastrophe reichen in die belgische Kolonialzeit zurück, in der die Kolonialverwaltung die Bevölkerungsgruppen der Hutu-Mehrheit und der Tutsi-Minderheit per Ausweiskarte fixierte und gegeneinander ausspielte. Nach der Unabhängigkeit 1962 und der Hutu-Revolution von 1959 flohen Hunderttausende Tutsi ins Exil, aus dem 1987 in Uganda die Ruandische Patriotische Front (RPF) unter Paul Kagame entstand; 1990 begann sie einen Bürgerkrieg gegen die Regierung von Präsident Habyarimana. Das 1993 in Arusha geschlossene Friedensabkommen sollte eine Machtteilung bringen und wurde von einer UN-Blauhelmtruppe, der UNAMIR unter dem kanadischen General Roméo Dallaire, überwacht — der bereits im Januar 1994 in einem Fax an die UN-Zentrale vor konkreten Vorbereitungen eines „Vernichtungsplans" gegen die Tutsi warnte, ohne dass die Weltorganisation reagierte.

Am Abend des 6. April wird das Flugzeug von Präsident Juvénal Habyarimana beim Landeanflug auf Kigali abgeschossen — der Abschuss wird zum Fanal. Noch in derselben Nacht ermorden Angehörige der Präsidentengarde die gemäßigte Ministerpräsidentin Agathe Uwilingiyimana sowie zehn belgische UNAMIR-Blauhelme, woraufhin Belgien seine Truppen abzieht und der UN-Sicherheitsrat die Friedenstruppe von rund 2.500 auf 270 Mann verkleinert — statt sie, wie von Dallaire gefordert, aufzustocken. Ab dem 7. April ermorden die von Radiosendern wie RTLM aufgehetzten Hutu-Milizen der Interahamwe systematisch Angehörige der Tutsi-Minderheit sowie gemäßigte Hutu, oft an Straßensperren und in Kirchen, in die sich Tausende Schutzsuchende geflüchtet hatten. Innerhalb von rund hundert Tagen, bis in den Juli hinein, fallen dem Völkermord nach Schätzungen mehr als 800.000 Menschen zum Opfer — die internationale Gemeinschaft und die Vereinten Nationen greifen trotz eigener Truppen vor Ort nicht ein und vermeiden es tagelang, das Wort „Genozid" überhaupt zu benutzen. Erst eine französisch geführte, UN-mandatierte Eingreiftruppe (Opération Turquoise) richtet ab Ende Juni eine Schutzzone im Südwesten des Landes ein. Am 4. Juli erobert die RPF Kigali und beendet damit faktisch den Völkermord; rund zwei Millionen Hutu, unter ihnen auch Verantwortliche der Massaker, fliehen daraufhin aus Angst vor Vergeltung ins benachbarte Zaire, wo in Flüchtlingslagern rund um die Stadt Goma bald darauf eine Cholera-Epidemie ausbricht — ein Versagen der Weltgemeinschaft, das die internationale Politik bis heute belastet.

Untergang der »Estonia«: Ostsee-Katastrophe erschüttert die Fährstadt Kiel

Ein Denkmal in Tallinn für die Opfer des Fährunglücks der Estonia
Ein Denkmal in Tallinn für die Opfer des Fährunglücks der „Estonia“ (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Die 1980 bei der Meyer Werft in Papenburg als »Viking Sally« gebaute und seither mehrfach umbenannte und umgebaute Ro-Ro-Fähre fährt seit 1993 unter dem Namen »MS Estonia« für die estnisch-schwedische Reederei Estline zwischen Tallinn und Stockholm. In der Nacht zum 28. September gerät sie bei Windstärke 9 und meterhohen Wellen in Seenot: Das Bugvisier, dessen Verriegelungen schon zuvor ungewöhnliche Geräusche verursacht hatten, reißt gegen ein Uhr nachts ab und reißt die dahinterliegende Bugrampe auf. Wasser strömt ungehindert auf das Fahrzeugdeck, binnen weniger Minuten bekommt das Schiff schwere Schlagseite, kentert und sinkt innerhalb von rund einer halben Stunde — zu schnell, als dass die meisten der 989 Menschen an Bord ihre Kabinen noch verlassen könnten. Die Fähren »Mariella« und »Silja Europa« sowie finnische und schwedische Rettungshubschrauber eilen zu Hilfe, doch bei Wassertemperaturen um 10 Grad Celsius überleben nur 137 Menschen; 852 Menschen — unter ihnen rund 500 Schweden, zahlreiche Esten und fünf Deutsche — ertrinken oder sterben an Unterkühlung. Es ist die schwerste Schiffskatastrophe im Nachkriegseuropa. Auch in Kiel, das mit den Fährlinien nach Oslo, Göteborg und ins Baltikum selbst zu den großen Ostsee-Hafenstädten zählt, sitzt der Schock tief: Die Katastrophe stellt die Sicherheit der Ro-Ro-Fähren mit ihren anfälligen Bugvisieren grundsätzlich in Frage und löst eine europaweite Debatte über schärfere Sicherheitsauflagen im Fährverkehr aus, von der auch der Kieler Hafen unmittelbar betroffen ist. Sie mündet im Februar 1996 in das sogenannte Stockholm-Abkommen, mit dem acht Ostsee- und Nordsee-Anrainer — darunter die Bundesrepublik — strengere Stabilitätsvorschriften für Ro-Ro-Fähren in Nordwesteuropa und der Ostsee vereinbaren; das Wrack selbst wird bereits 1995 per zwischenstaatlichem Abkommen zur geschützten Seemannsgrabstätte erklärt, an der Tauchgänge fortan verboten sind.

Bundestagswahl: Helmut Kohl bleibt mit knappster Mehrheit Kanzler

Bundeskanzler Helmut Kohl, 1994 knapp wiedergewählt
Bundeskanzler Helmut Kohl, 1994 knapp wiedergewählt (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Dass mit Rudolf Scharping überhaupt ein SPD-Herausforderer antritt, der zuvor als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz bundesweit kaum bekannt war, hat seine Ursache in einem Kieler Skandal: Im Mai 1993 musste der schleswig-holsteinische Ministerpräsident und SPD-Vorsitzende Björn Engholm — eigentlich als Kanzlerkandidat vorgesehen — wegen seiner Verstrickung in die sogenannte Schubladenaffäre um die Spionageaffäre im Landtagswahlkampf 1987 von allen Ämtern zurücktreten; seine Nachfolge als Ministerpräsidentin in Kiel trat Heide Simonis an, während die SPD Scharping in einer Urwahl der Mitglieder zum neuen Bundesvorsitzenden und Kanzlerkandidaten kürte.

Bei der Bundestagswahl am 16. Oktober kommt die Koalition aus CDU/CSU (41,4 Prozent) und FDP (6,9 Prozent) unter Bundeskanzler Helmut Kohl nur noch auf eine denkbar knappe Mehrheit von zehn Sitzen im mit 672 Abgeordneten größten Bundestag der Geschichte — ein knapper Vorsprung, den vor allem die zahlreichen, überwiegend der Union zugefallenen Überhangmandate erklären. Die SPD mit Scharping erreicht 36,4 Prozent, Bündnis 90/Die Grünen ziehen mit 7,3 Prozent als drittstärkste Kraft in den Bundestag ein; die PDS scheitert zwar an der Fünfprozenthürde, gewinnt aber vier Direktmandate — vor allem in Ost-Berlin — und zieht dank der Grundmandatsregel mit 30 Abgeordneten erstmals gesamtdeutsch ins Parlament ein. Kohl wird zum vierten Mal in Folge zum Bundeskanzler gewählt und bleibt damit auch über die deutsche Einheit hinaus die prägende Figur der Bonner Republik — wenn auch mit dem schwächsten Unionsergebnis seit 1949.

Die übrigen Wahlgänge des „Superwahljahrs":

  • Bundesversammlung, 23. Mai — Roman Herzog (CDU) wird im dritten Wahlgang gegen den SPD-Kandidaten Johannes Rau zum neuen Bundespräsidenten gewählt.
  • Europawahl, 12. Juni — CDU/CSU 38,8 %, SPD 32,2 % (Beteiligung 60,0 %); die Union bleibt stärkste deutsche Kraft im Straßburger Parlament.
  • Niedersachsen, 13. März — SPD 44,3 %, CDU 36,4 %. Ministerpräsident Gerhard Schröder bildet erstmals eine SPD-Alleinregierung.
  • Sachsen-Anhalt, 26. Juni — CDU 34,4 %, SPD 34,0 %, PDS 19,9 %. Obwohl die CDU stärkste Partei wird, bildet Reinhard Höppner eine SPD-Grünen-Minderheitsregierung, die von der PDS geduldet wird — das bundesweit diskutierte „Magdeburger Modell".
  • Sachsen, 11. September — CDU 58,1 %, SPD 16,6 %. Kurt Biedenkopf verteidigt die absolute Mehrheit mit dem besten Landtagswahlergebnis, das die Union bundesweit je erzielt hat.
  • Brandenburg, 11. September — SPD 54,1 %, CDU und PDS je 18,7 %. Ministerpräsident Manfred Stolpe holt mit seiner populären Sozialministerin Regine Hildebrandt die absolute Mandatsmehrheit und regiert allein weiter.
  • Bayern, 25. September — CSU 52,8 %, SPD 30,0 %. Trotz des schwächsten Ergebnisses seit 1966 regiert Edmund Stoibers CSU mit klarer Mehrheit weiter.
  • Mecklenburg-Vorpommern, 16. Oktober — CDU 37,7 %, SPD 29,5 %. Ministerpräsident Berndt Seite setzt die große Koalition mit der SPD fort.
  • Saarland, 16. Oktober — SPD 49,4 %, CDU 38,6 %. Oskar Lafontaine verliert die absolute Stimmenmehrheit, regiert aber mit eigener Mandatsmehrheit im Landtag weiter.
  • Thüringen, 16. Oktober — CDU 42,6 %, SPD 29,6 %. Ministerpräsident Bernhard Vogel bildet eine große Koalition mit der SPD.

Eröffnung des Eurotunnels unter dem Ärmelkanal

Das Terminal des Eurotunnels unter dem Ärmelkanal
Das Terminal des Eurotunnels unter dem Ärmelkanal (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0)

Die Idee einer festen Kanalquerung ist mehr als 200 Jahre alt, scheiterte aber immer wieder an militärischen Bedenken und den Kosten. Erst der 1986 von Margaret Thatcher und François Mitterrand unterzeichnete Vertrag von Canterbury ebnet den Weg: Ab 1988 treibt das anglo-französische Konsortium TransManche Link von beiden Küsten aus Tunnelbohrmaschinen aufeinander zu, im Dezember 1990 treffen sich die Vortriebe unter dem Meeresboden. Zehn Bauarbeiter kommen während der Bauzeit ums Leben. Am 6. Mai eröffnen Königin Elizabeth II. und Frankreichs Präsident François Mitterrand gemeinsam den rund 50 Kilometer langen Eurotunnel, der Großbritannien erstmals über eine feste Verbindung mit dem europäischen Festland verknüpft. 38 Kilometer der Strecke verlaufen unter dem Meeresboden des Ärmelkanals. Der Frachtverkehr startet bereits am 1. Juni, der reguläre Personenzugverkehr folgt am 14. November mit den Eurostar-Zügen, die London künftig mit Paris beziehungsweise Brüssel verbinden. Das mit rund 15 Milliarden Euro doppelt so teure Jahrhundertbauwerk verändert Handel und Reiseverkehr zwischen Kontinent und Insel dauerhaft — auch wenn die Betreibergesellschaft Eurotunnel wegen des gewaltigen Schuldenbergs aus der Kostenexplosion schon kurz nach der Eröffnung in schwere finanzielle Schieflage gerät.

Kurt Cobains Tod: Das Ende von Nirvana

Kurt Cobain, Sänger von Nirvana, 1992
Kurt Cobain, Sänger und Gitarrist von Nirvana, 1992 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0)

Kurt Cobain, Sänger und Gitarrist der Seattle-Band Nirvana, hatte mit den Alben „Nevermind" (1991) und „In Utero" (1993) den Grunge-Rock zum weltweiten Massenphänomen gemacht und war zur widerwilligen Symbolfigur einer ganzen Generation geworden. Seit Jahren kämpfte er mit einer Heroinabhängigkeit und schweren Depressionen; nach einem mutmaßlichen Suizidversuch im März und einer rasch wieder abgebrochenen Entzugstherapie in Los Angeles kehrte er Ende März nach Seattle zurück und verschwand aus dem Blickfeld seines Umfelds.

Am 8. April findet ein Elektriker, der in Cobains Haus am Lake Washington Boulevard Arbeiten verrichten soll, seine Leiche in einem Zimmer über der Garage; der Todeszeitpunkt wird auf den 5. April zurückdatiert. Cobain hat sich mit einer Schrotflinte das Leben genommen, neben ihm liegt ein Abschiedsbrief an seinen imaginären Kindheitsfreund „Boddah", den seine Witwe, Sängerin Courtney Love, tags darauf bei einer Trauerfeier im Seattle Center öffentlich vorliest — mehr als 7.000 Fans versammeln sich dort, weitere Mahnwachen finden weltweit statt. Mit Cobains Tod im Alter von nur 27 Jahren endet Nirvana faktisch als Band; er reiht sich, wie zuvor schon Janis Joplin, Jimi Hendrix und Jim Morrison, in die Reihe berühmter Musiker ein, die im selben Alter starben, und sein Tod markiert für viele das symbolische Ende der Grunge-Ära.

Aufstand der Zapatisten in Chiapas

Subcomandante Marcos, Wortführer der Zapatisten, im Dschungel von Chiapas
Subcomandante Marcos, das öffentliche Gesicht der EZLN, hier 1999 in La Realidad, Chiapas — Symbolfoto, kein Bild vom Aufstand 1994 (Wikimedia Commons, CC BY 2.0)

In der Neujahrsnacht, exakt zu dem Zeitpunkt, an dem das nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA zwischen Mexiko, den USA und Kanada in Kraft tritt, besetzen bewaffnete Kämpfer der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) mehrere Bezirkshauptstädte im südmexikanischen Bundesstaat Chiapas, darunter die Kolonialstadt San Cristóbal de las Casas. Die Aufständischen, überwiegend Angehörige der Maya-Völker der Tzotzil und Tzeltal, verlesen die „Erste Erklärung aus dem Lakandonischen Urwald" und erklären der mexikanischen Regierung förmlich den Krieg — als Wortführer und öffentliches Gesicht der Bewegung tritt der maskierte, Pfeife rauchende Subcomandante Marcos auf, dessen Herkunft und wahre Identität lange Rätsel aufgeben.

Die EZLN prangert die jahrhundertelange Ausgrenzung der indigenen Landbevölkerung an und fordert unter dem Schlagwort „Ya basta!" („Es reicht!") Land, Arbeit, Bildung, Gesundheit und politische Mitbestimmung; NAFTA gilt ihr als Symbol einer Politik, die die Armen weiter ins Abseits dränge. Nach rund zwölf Tagen bewaffneter Auseinandersetzungen mit dem mexikanischen Militär, bei denen nach Schätzungen mehrere hundert Menschen sterben, verkündet die Regierung unter Präsident Carlos Salinas de Gortari am 12. Januar einen einseitigen Waffenstillstand und leitet Verhandlungen ein. Der Konflikt bleibt in den Folgejahren politisch weitgehend ungelöst, macht Chiapas jedoch zum Ausgangspunkt einer weltweit beachteten Bewegung gegen wirtschaftliche Globalisierung.

Komet Shoemaker-Levy 9 zerschellt auf dem Jupiter

Der zerbrochene Komet Shoemaker-Levy 9 nähert sich 1994 dem Jupiter
Der in Bruchstücke zerrissene Komet Shoemaker-Levy 9 auf dem Weg zum Jupiter, 1994 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Der im März 1993 von den Astronomen Carolyn und Eugene Shoemaker sowie David Levy entdeckte Komet Shoemaker-Levy 9 war bereits 1992 der Schwerkraft des Jupiter so nahegekommen, dass die Gezeitenkräfte des Riesenplaneten ihn in mehr als zwanzig einzelne Bruchstücke zerrissen, die seither wie eine Perlenkette entlang seiner Umlaufbahn aufgereiht waren. Astronomen weltweit berechneten früh, dass diese „Kometenkette" bei ihrer nächsten Annäherung frontal auf den Jupiter treffen würde — zum ersten Mal in der Geschichte der Raumfahrt ließ sich der Einschlag eines Himmelskörpers auf einen Planeten des Sonnensystems im Voraus ankündigen und live beobachten.

Zwischen dem 16. und 22. Juli schlagen die bis zu mehrere Kilometer großen Fragmente nacheinander mit rund 60 Kilometern pro Sekunde in der südlichen Hemisphäre des Jupiter ein; die dabei freigesetzte Energie einzelner Einschläge übertrifft die aller jemals auf der Erde gezündeten Kernwaffen zusammen um ein Vielfaches. Zurück bleiben dunkle, teils erdgroße Narben in der Jupiteratmosphäre, die Teleskope wie das Weltraumteleskop Hubble und die Raumsonde Galileo monatelang dokumentieren. Das Schauspiel begeistert Millionen Menschen weltweit, die die Bilder in Zeitungen und im Fernsehen verfolgen, und schärft zugleich das öffentliche Bewusstsein dafür, dass auch die Erde grundsätzlich von Asteroiden- oder Kometeneinschlägen bedroht ist — ein Impuls, aus dem in den Folgejahren systematische Programme zur Beobachtung erdnaher Objekte hervorgehen.

Mordfall Simpson: Beginn des „Jahrhundertprozesses"

Das Polizeifoto von O. J. Simpson nach seiner Festnahme, 17. Juni 1994
Das Aufnahmefoto (Mugshot) von O. J. Simpson, angefertigt am 17. Juni 1994 nach seiner Festnahme in Brentwood (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 12. Juni werden Nicole Brown Simpson, die geschiedene Frau des früheren American-Football-Stars und Schauspielers O. J. Simpson, und ihr Bekannter Ronald Goldman vor ihrem Haus im Nobelviertel Brentwood in Los Angeles erstochen aufgefunden. Da für Simpson kein Alibi vorliegt und Blutspuren am Tatort, in seinem Wagen und in seinem Haus auf ihn hindeuten, soll er sich am 17. Juni den Behörden stellen — stattdessen taucht er unter und löst damit eine landesweite Fahndung aus.

Wenige Stunden später liefert sich Simpson, begleitet von seinem Freund Al Cowlings, in einem weißen Ford Bronco auf den Autobahnen von Los Angeles eine stundenlange, gemächliche Verfolgungsjagd mit der Polizei, die von Hubschraubern aus live im Fernsehen übertragen wird — schätzungsweise 95 Millionen Amerikaner verfolgen die Bilder, die reguläre Programme unterbrechen. Am Ende ergibt sich Simpson unbewaffnet vor seinem eigenen Haus. Der wenig später beginnende Strafprozess, in dem ihm ein Team prominenter Anwälte um Johnnie Cochran zur Seite steht, entwickelt sich zum medialen Großereignis mit täglicher Live-Berichterstattung und endet erst im Oktober 1995 mit einem Freispruch, der die amerikanische Öffentlichkeit tief entlang rassischer Linien spaltet.

Tod Kim Il-sungs: Nordkoreas „Großer Führer" stirbt

Kim Il-sung bei einem öffentlichen Auftritt, 1992
Kim Il-sung, hier bei einem Besuch in Sungkyunkwan 1992, zwei Jahre vor seinem Tod (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Kim Il-sung, der Nordkorea seit der Staatsgründung 1948 mit einem beispiellosen Personenkult regiert hatte, stirbt im Alter von 82 Jahren an einem Herzinfarkt. Sein Tod kommt zu einem heiklen weltpolitischen Zeitpunkt: Wenige Wochen zuvor hatte der frühere US-Präsident Jimmy Carter bei einem privaten Besuch in Pjöngjang im Auftrag der Regierung Clinton vermittelt und damit die seit Monaten schwelende nordkoreanische Atomkrise um das Nuklearprogramm in Yongbyon entschärft; im Zuge dessen hatte sich Kim Il-sung erstmals zu einem Gipfeltreffen mit dem südkoreanischen Präsidenten Kim Young-sam bereiterklärt — es wäre das erste Treffen der Staatsoberhäupter beider koreanischer Staaten überhaupt gewesen.

Mit Kim Il-sungs Tod platzt der geplante Gipfel; Nordkorea verordnet eine mehrjährige offizielle Staatstrauer, während sein Sohn Kim Jong-il die Macht übernimmt, ohne zunächst die höchsten Staats- und Parteiämter formell zu beanspruchen — sie bleiben Jahre demonstrativ unbesetzt, ehe Kim Il-sung 1998 postum zum „ewigen Präsidenten" der Republik erklärt wird. Die Nachfolge vom Vater auf den Sohn macht Nordkorea zum ersten Staat des kommunistischen Machtbereichs, der eine dynastische Erbfolge etabliert — eine Blaupause, die die Führung des Landes bis heute prägt. Im Oktober 1994 einigen sich die USA und Nordkorea schließlich im sogenannten Genfer Rahmenabkommen auf einen vorläufigen Ausgleich im Atomstreit.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Am 31. August verkündet die IRA eine „vollständige Einstellung aller militärischen Operationen" — ein historischer Waffenstillstand im Nordirlandkonflikt.
  • Ebenfalls am 31. August verabschiedet sich die russische Armee mit einer Zeremonie in Berlin endgültig aus Deutschland; am 8. September folgt der feierliche Abschied der Westalliierten — die letzten fremden Soldaten verlassen die einst geteilte Hauptstadt.
  • Am 10. Mai wird Silvio Berlusconi als italienischer Ministerpräsident vereidigt — seine erst wenige Monate zuvor gegründete Partei Forza Italia hatte die Parlamentswahl im März überraschend für sich entschieden.
  • Vom 17. bis 26. Juni feiert Kiel zum 100. Mal die Kieler Woche — das trotz kriegsbedingter Ausfälle älteste Segelsportereignis der Welt lockt mit Windjammerparade auf der Förde wieder Millionen Besucher an die Kaikanten.

SPORT · 1994

Das Sportjahr beginnt mit einer Tragödie: Am 1. Mai verunglückt der dreifache Formel-1-Weltmeister Ayrton Senna beim Großen Preis von San Marino in Imola tödlich, als sein Williams in der Kurve Tamburello von der Strecke abkommt — ein Schock, der die gesamte Motorsportwelt erschüttert und in der Folge zu tiefgreifenden Sicherheitsreformen im Rennsport führt.

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, der ersten überhaupt in Nordamerika und mit rekordverdächtigen 3,59 Millionen Stadionbesuchern, scheidet die deutsche Nationalmannschaft um Kapitän Lothar Matthäus als Titelverteidiger im Viertelfinale mit 1:2 gegen Bulgarien aus — nach einer Führung durch Matthäus per Foulelfmeter drehen Hristo Stoichkov mit einem direkten Freistoß und Jordan Letschkow per Kopfball die Partie noch. Den Pokal holt sich am Ende Brasilien, das sich im Finale gegen Italien erst im Elfmeterschießen durchsetzt — Roberto Baggio vergibt den entscheidenden Elfmeter hoch über die Latte, das erste WM-Endspiel, das per Elfmeterschießen entschieden wird; Brasiliens Romário wird zum besten Spieler des Turniers gekürt, während sich Stoichkov und der Russe Oleg Salenko, der im Vorrundenspiel gegen Kamerun allein fünf Tore erzielt, die Torschützenkrone teilen.

Auf der Rennstrecke liefern sich Michael Schumacher im Benetton und der Brite Damon Hill im Williams das ganze Jahr über ein enges Titelduell, das erst im letzten Saisonrennen am 13. November im australischen Adelaide fällt: Nach einer umstrittenen Kollision der beiden Kontrahenten sichert sich Schumacher mit einem Punkt Vorsprung den WM-Titel und krönt sich als erster Deutscher zum Formel-1-Weltmeister.

MODE · 1994

Als britische Schauspielerin Elizabeth Hurley zur Londoner Premiere der Kinokomödie „Vier Hochzeiten und ein Todesfall" ihres Lebensgefährten Hugh Grant in einem von riesigen, goldenen Sicherheitsnadeln aus dem Hause Versace zusammengehaltenen schwarzen Kleid erscheint, sorgt das Foto über Nacht weltweit für Schlagzeilen und macht das „Safety-Pin-Dress" zur Mode-Ikone des Jahres — aus der bis dahin kaum bekannten Schauspielerin wird praktisch über Nacht ein internationaler Fotostar. Auch sonst bleibt es 1994 alles andere als zurückhaltend: Der Wonderbra-Boom des Vorjahres erreicht mit der Plakatkampagne „Hello Boys", auf der das tschechische Model Eva Herzigová posiert, einen viel diskutierten Höhepunkt und sorgt in mehreren Ländern für Debatten über angeblich abgelenkte Autofahrer. Understatement ist 1994 in der Modewelt jedenfalls nicht gefragt.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1994

  • Wirtschaftsnobelpreis für Reinhard Selten (Oktober). Der Bonner Ökonom wird gemeinsam mit John Nash und John Harsanyi für die Weiterentwicklung der Spieltheorie geehrt – ein deutscher Wissenschaftler unter den einflussreichsten Ökonomen seiner Generation.
  • Michael Schumacher wird erster deutscher Formel-1-Weltmeister (13. November, Adelaide). Nach einem dramatischen Saisonfinale sichert sich der 25-Jährige den WM-Titel – der Auftakt zu einer beispiellosen Karriere mit später sieben Weltmeistertiteln.
  • Literaturnobelpreis für Kenzaburō Ōe (13. Oktober). Der japanische Schriftsteller wird für sein lyrisch-kraftvolles Werk geehrt, das Leben und Mythos zu einem verstörenden Bild der menschlichen Existenz verdichtet – erst der zweite japanische Literaturnobelpreisträger nach Yasunari Kawabata 1968.
  • THW Kiel wird zum vierten Mal Handball-Deutscher Meister (24. April). Mit einem 24:15-Sieg gegen OSC Rheinhausen sichert sich der Kieler Verein bereits einen Spieltag vor Saisonende den Titel – der Grundstein für die spätere internationale Erfolgsserie des Vereins an der Förde.

DAS WETTER · 1994 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein heißer Hochsommertag: Höchstwert 31,6 °C, in der Nacht lauwarme 19,7 °C, im Mittel 25,4 °C; kein Tropfen Regen fiel — der heißeste Geburtstag dieser Reihe.

Das Jahr über: Im Mittel 9,3 °C. Wärmster Tag 34,7 °C am 5. August, kältester −11,5 °C am 23. Februar. Ganze 9 Hitzetage (≥ 30 °C) — ein Rekordsommer —, 12 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 905 mm.

(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1994

Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.

  1. Without You — Mariah Carey
  2. I Swear — All-4-One
  3. Streets Of Philadelphia — Bruce Springsteen
  4. Love Is All Around — Wet Wet Wet
  5. Omen III — Magic Affair
  6. Saturday Night — Whigfield
  7. Happy People (United) — Prince Ital Joe & Marky Mark
  8. It's Alright — East 17
  9. Mmm Mmm Mmm Mmm — Crash Test Dummies
  10. Everybody — DJ BoBo
  11. Eins Zwei Polizei — Mo-Do
  12. Somewhere Over The Rainbow — Marusha
  13. Cotton Eye Joe — Rednex
  14. 7 Seconds — Youssou N'Dour & Neneh Cherry
  15. All For Love — Bryan Adams, Rod Stewart & Sting
  16. Jessie — Joshua Kadison
  17. Lovesong — Mark 'Oh
  18. Return To Innocence — Enigma
  19. The Sign — Ace Of Base
  20. Acid Folk — Perplexer

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).