DER CHRONIST
Ein Jahr der großen Widersprüche: Friedensschlüsse und Attentate, offene Grenzen und neuer Hass liegen dicht beieinander. In Bosnien endet mit dem Abkommen von Dayton ein jahrelanger Krieg, während in Tel Aviv und Tokio Gewalt aus dem Inneren der eigenen Gesellschaft zuschlägt. Ein Erdbeben legt die japanische Stadt Kōbe in Schutt und Asche und reißt nebenbei eine altehrwürdige Londoner Bank mit sich, während sich Berlin zwei Wochen lang in schimmerndes Silber hüllen lässt. Frankreich wählt einen neuen Präsidenten, Amerika diskutiert wochenlang über einen Handschuh — und an der Förde erinnert ein hundert Jahre alter Kanal daran, wie viel Verbindung eine Wasserstraße stiften kann.
Srebrenica: Massaker mitten in Europa — und der Frieden von Dayton

Seit 1992 tobt in Bosnien-Herzegowina ein Bürgerkrieg zwischen bosnischen Serben, Kroaten und Muslimen, der bereits Zehntausende Menschenleben gefordert hat. Die ostbosnische Kleinstadt Srebrenica, eingeschlossen in serbisch kontrolliertem Gebiet, wird 1993 vom UN-Sicherheitsrat zur „sicheren Zone" erklärt und von einem leicht bewaffneten niederländischen UN-Bataillon (Dutchbat) unter Oberstleutnant Ton Karremans bewacht. Ab dem 6. Juli 1995 greift die Armee der bosnisch-serbischen Republika Srpska unter General Ratko Mladić die Enklave an; am Nachmittag des 11. Juli fällt die Stadt, ohne dass die zugesagte NATO-Luftunterstützung das Vordringen aufhält. Bis zu 25.000 Frauen, Kinder und Alte flüchten ins nahe gelegene Dorf Potočari, wo sich Mladićs Truppen unter den Augen der überforderten Blauhelme breitmachen. In den folgenden Tagen werden Frauen und Kinder abtransportiert, während die Männer im wehrfähigen Alter systematisch von der übrigen Bevölkerung getrennt, an verschiedenen Orten erschossen und in Massengräbern verscharrt werden — mehr als 8.000 muslimische Männer und Jungen fallen dem Massaker zum Opfer. Das Internationale Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag stuft die Tat später als Völkermord ein und verurteilt sowohl Mladić als auch den politischen Führer der bosnischen Serben, Radovan Karadžić, zu lebenslanger Haft. Die Weltöffentlichkeit reagiert erschüttert über das Versagen der UN-Schutzmacht mitten in Europa. Unter maßgeblicher Vermittlung des US-Chefunterhändlers Richard Holbrooke kommen die Präsidenten Slobodan Milošević (Serbien), Franjo Tuđman (Kroatien) und Alija Izetbegović (Bosnien) vom 1. bis 21. November auf der Luftwaffenbasis Wright-Patterson bei Dayton, Ohio, zu dreiwöchigen Verhandlungen zusammen; am 21. November einigen sie sich auf ein Friedensabkommen, die feierliche Unterzeichnung folgt am 14. Dezember im Beisein von US-Präsident Bill Clinton, Kanzler Helmut Kohl und weiteren Staats- und Regierungschefs in Paris. Das Abkommen teilt Bosnien-Herzegowina in zwei Entitäten — die bosniakisch-kroatische Föderation und die Republika Srpska — und lässt fast 60.000 NATO-geführte Soldaten der Implementierungstruppe IFOR einrücken, um den Frieden zu sichern. Nach mehr als drei Jahren Krieg auf dem Balkan endet damit der blutigste Konflikt in Europa seit 1945 — wenn auch mit einer Teilung des Landes, die bis heute nachwirkt.
Attentat auf Jitzchak Rabin: Ein Friedensstifter wird erschossen

Seit der Unterzeichnung der Osloer Verträge 1993 und des Folgeabkommens „Oslo II" im September 1995 hat Ministerpräsident Jitzchak Rabin gemeinsam mit Außenminister Schimon Peres und PLO-Chef Jassir Arafat einen fragilen Friedensprozess mit den Palästinensern in Gang gesetzt — für den alle drei 1994 den Friedensnobelpreis erhalten hatten. In Teilen der israelischen Rechten und der religiösen Siedlerbewegung gilt der Gebietsrückzug jedoch als Verrat am „Land Israel". Nach einer gut besuchten Friedenskundgebung für Oslo auf dem Königsplatz in Tel Aviv wird Rabin am Abend des 4. November auf dem Weg zu seinem Wagen von dem rechtsextremen Jurastudenten Jigal Amir aus nächster Nähe mit zwei Pistolenschüssen tödlich verwundet. Rabin, der Minuten zuvor noch das Lied vom Frieden mitgesungen hatte, stirbt kurz darauf im Krankenhaus. Amir wird noch am Tatort festgenommen, später zu lebenslanger Haft verurteilt und begründet die Tat mit seiner Ablehnung der Osloer Verträge. Der Königsplatz wird nach der Tat in Rabin-Platz umbenannt. Sein Weggefährte Schimon Peres übernimmt das Amt des Ministerpräsidenten, verliert die Wahl im folgenden Jahr jedoch knapp an den Oslo-Kritiker Benjamin Netanyahu. Der Mord trifft den israelisch-palästinensischen Friedensprozess ins Mark und markiert für viele einen Wendepunkt, von dem sich der Nahe Osten nie wieder ganz erholt.
Bombenanschlag von Oklahoma City

Um 9:02 Uhr Ortszeit reißt eine gewaltige Explosion das Alfred P. Murrah Federal Building in Oklahoma City auf, darunter befindet sich eine Kindertagesstätte. 168 Menschen, unter ihnen 19 Kinder, sterben, rund 680 weitere werden verletzt, ein Drittel des Gebäudes wird zerstört. Als Täter wird der amerikanische Rechtsextremist und Golfkriegsveteran Timothy McVeigh überführt: Gemeinsam mit seinem früheren Armeekameraden Terry Nichols hat er in einem gemieteten Ryder-Lastwagen rund 2,3 Tonnen eines Sprengstoffgemischs aus Ammoniumnitrat-Kunstdünger und Nitromethan verbaut. McVeigh wählt bewusst den 19. April als Datum — den zweiten Jahrestag des tödlich endenden FBI-Zugriffs auf die Sekten-Siedlung von Waco, Texas, und zugleich den Jahrestag der Schlacht von Lexington und Concord zu Beginn der amerikanischen Revolution. Getrieben von Wut über Waco, die vorangegangene Belagerung von Ruby Ridge 1992 und ein neues Waffengesetz, will er dem Staat einen vermeintlichen Vergeltungsschlag versetzen. McVeigh wird 1997 zum Tode verurteilt und 2001 hingerichtet, Nichols zu lebenslanger Haft. Es ist der bis dahin folgenschwerste Terroranschlag auf amerikanischem Boden — verübt nicht von außen, sondern aus dem Innern der eigenen Gesellschaft.
Europa wächst zusammen: EU-Erweiterung und Schengen-Start

Zum Jahresbeginn treten Österreich, Schweden und Finnland der Europäischen Union bei, die damit auf fünfzehn Mitgliedstaaten wächst — die Bevölkerungen aller drei Länder hatten dem Beitritt zuvor in Referenden zugestimmt, während sich Norwegen im November 1994 zum zweiten Mal nach 1972 knapp dagegen entschieden hatte. Am 26. März setzen sieben Gründerstaaten — die Bundesrepublik, Frankreich, die drei Beneluxstaaten Belgien, Niederlande und Luxemburg sowie Spanien und Portugal — das bereits 1990 unterzeichnete Schengener Durchführungsübereinkommen erstmals in Kraft: An den Binnengrenzen dieser sieben Staaten fallen die regulären Passkontrollen weg, während die Außengrenzen des neuen Schengen-Raums gemeinsam gesichert werden. Für die Menschen an Land- und Seegrenzen, auch im hohen Norden, ist das ein Stück gelebte Normalität, die vor wenigen Jahrzehnten noch undenkbar schien — und der Auftakt zu einer Erweiterung des Schengen-Raums, dem in den Folgejahren immer mehr europäische Staaten beitreten werden.
Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen: Rau verliert die absolute Mehrheit — Rot-Grün zieht ins größte Bundesland

Fünfzehn Jahre lang hat die SPD in Nordrhein-Westfalen allein regiert, mit absoluten Mehrheiten, von denen andere Landesverbände nur träumen können. Am 14. Mai ist damit Schluss: Bei der Landtagswahl im bevölkerungsreichsten Bundesland kommt Ministerpräsident Johannes Rau mit seiner SPD auf 46,0 Prozent und verliert die absolute Mehrheit im Landtag. Die CDU unter Helmut Linssen erreicht 37,7 Prozent, die Grünen ziehen mit 10,0 Prozent so stark wie nie zuvor in Nordrhein-Westfalen ins Parlament ein. Die FDP scheitert mit 4,0 Prozent knapp an der Fünf-Prozent-Hürde und verschwindet aus dem Landtag. Die Wahlbeteiligung liegt bei 64,0 Prozent. Rau bleibt Ministerpräsident, muss dafür aber zum ersten Mal in der Geschichte des Landes ein Bündnis mit den Grünen eingehen — Rot-Grün regiert nun in Bonn wie in Düsseldorf zugleich in der Opposition und an der Macht, ein Novum für die einstige SPD-Hochburg an Rhein und Ruhr.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Hessen, 19. Februar — CDU 39,2 %, SPD 38,0 %. Trotz des CDU-Vorsprungs bleibt die rot-grüne Koalition unter Ministerpräsident Hans Eichel im Amt, erstmals in Deutschland vom Wähler in dieser Konstellation bestätigt.
- Bremen, 14. Mai — SPD 33,4 %, CDU 32,6 %. Bürgermeister Klaus Wedemeier tritt zurück, eine große Koalition unter Henning Scherf (SPD) übernimmt die Regierung.
- Berlin, 22. Oktober — CDU 37,4 %, SPD 23,6 %, PDS 14,6 %, Bündnis 90/Die Grünen 13,2 %. Die große Koalition unter Regierendem Bürgermeister Eberhard Diepgen wird fortgesetzt.
Hundert Jahre Nord-Ostsee-Kanal: Die Kieler Woche feiert ihr eigenes Jubiläum

Die Idee einer Wasserstraße zwischen Nord- und Ostsee ist Jahrhunderte alt, doch erst Reichskanzler Otto von Bismarck verschafft ihr politisches Gewicht: Am 3. Juni 1887 legt Kaiser Wilhelm I. in Kiel-Holtenau den Grundstein für den „Nordostseekanal". Rund acht Jahre lang wird gebaut, in Spitzenzeiten sind bis zu 9.000 Arbeiter im Einsatz. Am 20. und 21. Juni 1895 eröffnet dessen Enkel, Kaiser Wilhelm II., das rund 98 Kilometer lange, damals 66 Meter breite und neun Meter tiefe Bauwerk feierlich und tauft es auf den Namen Kaiser-Wilhelm-Kanal — begleitet von einer internationalen Flottenschau, zu der Kriegsschiffe zahlreicher Nationen nach Kiel kommen. Vor allem der Kriegsmarine verschafft der Kanal einen entscheidenden strategischen Vorteil, weil sie ihre Flotte fortan ohne den Umweg über das dänische Skagerrak zwischen Nord- und Ostsee verlegen kann; schon 1907 bis 1914 wird die Wasserstraße im Zuge des Wettrüstens mit Großbritannien nochmals erheblich verbreitert und vertieft. Erst 1948 ordnen die Alliierten die Rückbenennung in Nord-Ostsee-Kanal an. 1995, zum hundertsten Geburtstag, begeht Kiel das Jubiläum groß: Die Kieler Woche vom 17. bis 25. Juni — seit ihrer Gründung 1882 als kleine Segelregatta zum inzwischen größten Segelsportereignis der Welt gewachsen — stellt sich ganz in dieses Zeichen. Ein Schiffskorso zieht von Brunsbüttel nach Kiel, angeführt vom Segelschulschiff „Gorch Fock" und begleitet unter anderem von der königlichen Yacht „Britannia"; Höhepunkt der Feierlichkeiten ist am 20. Juni eine große Windjammerparade historischer und moderner Schiffe auf der Förde, die traditionell am vorletzten Kieler-Woche-Tag stattfindet. Der Kanal ist bis heute die meistbefahrene künstliche Wasserstraße der Welt, noch vor Suez- und Panamakanal, und seit einem Jahrhundert Lebensader der Stadt — von den Werften der Howaldtswerke-Deutsche Werft (HDW) in Gaarden, die Handelsschiffe wie U-Boote für die Marine bauen, bis zu den Segelrevieren, auf denen die Kieler Woche selbst groß geworden ist. Auch Ministerpräsidentin Heide Simonis, seit 1993 erste Frau an der Spitze einer deutschen Landesregierung, lässt es sich nicht nehmen, bei den Feierlichkeiten für ihr Schleswig-Holstein zu werben. In diesem Sommer feiert Kiel nicht nur das Wasser vor der eigenen Haustür, sondern auch sich selbst als Hafenstadt von Weltrang.
Erdbeben erschüttert Kōbe: Japans schwerste Naturkatastrophe der Nachkriegszeit

Um 5:46 Uhr Ortszeit erschüttert ein Erdbeben der Stärke 7,3 die japanische Hafenstadt Kōbe und die gesamte Region Hanshin südwestlich von Osaka. Das Beben, dessen Epizentrum nur wenige Kilometer unter der dicht besiedelten Bucht liegt, dauert keine 20 Sekunden, reißt aber ganze Straßenzüge auseinander: Rund 100.000 Gebäude werden zerstört oder schwer beschädigt, ein etwa einen Kilometer langer Abschnitt der Hochstraße Hanshin-Autobahn kippt seitlich um, große Teile des Hafens — einst einer der größten Containerhäfen der Welt — sinken in sich zusammen. 6.434 Menschen kommen ums Leben, fast 44.000 werden verletzt; unter den Toten sind überdurchschnittlich viele ältere Menschen, die in den engen Holzhäusern der Altstadtviertel wohnten. Es ist die folgenschwerste Naturkatastrophe im Nachkriegsjapan und stellt die vermeintlich erdbebensichere Infrastruktur des Landes bloß — Kritiker werfen der Regierung eine zu späte und zu zögerliche Rettungsreaktion vor. Der Wiederaufbau kostet umgerechnet mehr als 100 Milliarden US-Dollar und dauert Jahre; aus der Katastrophe zieht Japan Lehren für Bauvorschriften und Katastrophenschutz, die bis heute nachwirken.
Zusammenbruch der Barings Bank: Ein Händler ruiniert Englands älteste Investmentbank

Am 26. Februar meldet die Londoner Barings Bank — seit 233 Jahren eine Institution, die einst sogar die britische Krone finanzierte — Insolvenz an. Verantwortlich ist der 28-jährige Derivatehändler Nick Leeson, der von der Barings-Niederlassung in Singapur aus auf eigene Faust in großem Stil auf steigende Kurse des japanischen Aktienindex Nikkei 225 spekuliert hat, ohne dass die Londoner Zentrale davon wusste. Weil Leeson dank einer Doppelfunktion sowohl handeln als auch die eigenen Geschäfte abrechnen kann, verbucht er anfallende Verluste über Monate unbemerkt auf einem verborgenen Fehlerkonto mit der Nummer 88888. Als das Erdbeben von Kōbe im Januar den Nikkei einbrechen lässt, geraten seine Wetten endgültig außer Kontrolle: Die Verluste summieren sich auf umgerechnet rund 1,4 Milliarden US-Dollar — mehr als das gesamte Eigenkapital der Bank. Leeson flieht am 23. Februar aus Singapur, wird wenige Tage später in Frankfurt am Main festgenommen und später zu einer mehrjährigen Haftstrafe in Singapur verurteilt. Barings wird für das symbolische Entgelt von einem Pfund an die niederländische ING-Gruppe verkauft. Der Fall wird zum Lehrbuchbeispiel dafür, wie ein einzelner „Rogue Trader" ohne ausreichende Kontrollen eine jahrhundertealte Bank in den Ruin treiben kann.
Sarin-Anschlag in der Tokioter U-Bahn

Während der morgendlichen Hauptverkehrszeit setzen fünf Mitglieder der japanischen Sekte Ōmu Shinrikyō in fünf U-Bahn-Zügen, die alle im Regierungsviertel Kasumigaseki zusammentreffen, mit angespitzten Regenschirmen Plastikbeutel voller flüssigem Sarin frei — eines der giftigsten bekannten Nervengase. Das Gas tötet 13 Menschen und verletzt mehrere Tausend teils schwer, die mit Atemnot, Sehstörungen und Krämpfen in überfüllte Krankenhäuser strömen. Hinter dem Anschlag steht die Weltuntergangssekte um ihren selbsternannten „Guru" Shōkō Asahara, die seit Jahren heimlich chemische und biologische Waffen produziert und mit dem Angriff offenbar eine drohende Polizeirazzia gegen die eigenen Einrichtungen abwenden will. Asahara wird wenige Wochen später verhaftet, 2004 zum Tode verurteilt und 2018 gemeinsam mit sechs weiteren führenden Sektenmitgliedern hingerichtet. Der Anschlag erschüttert Japan zutiefst — ein Land, das sich bis dahin vor Terrorismus weitgehend sicher gewähnt hatte — und gilt bis heute als einer der schwersten Chemiewaffenangriffe eines nichtstaatlichen Akteurs auf Zivilisten weltweit.
Jacques Chirac wird Präsident Frankreichs

Im dritten Anlauf gelingt dem Pariser Bürgermeister Jacques Chirac von der gaullistischen RPR der Sprung ins Élysée-Palais: Am 7. Mai gewinnt er die Stichwahl um die französische Präsidentschaft gegen den Sozialisten Lionel Jospin mit 52,6 zu 47,4 Prozent der Stimmen. Im ersten Wahlgang am 23. April hatte sich Chirac noch ein knappes Rennen mit seinem eigenen Parteifreund und amtierenden Premierminister Édouard Balladur geliefert, der einst zugesagt hatte, Chirac den Vortritt zu lassen, dann aber selbst kandidierte und mit 18,6 Prozent auf den dritten Platz verwiesen wurde. Chirac tritt die Nachfolge des 14 Jahre amtierenden Sozialisten François Mitterrand an und hatte seinen Wahlkampf maßgeblich auf das Versprechen gestützt, die „soziale Spaltung" des Landes zu überwinden. Jospin, der trotz der Niederlage ein respektables Ergebnis einfährt, etabliert sich fortan als unangefochtener Kopf der französischen Linken.
Verhüllter Reichstag: Ein Kunstwerk verzaubert Berlin

Nach fast 24 Jahren Planung und wiederholten Absagen verhüllen die Künstler Christo und Jeanne-Claude vom 24. Juni bis 7. Juli den Berliner Reichstag vollständig in silbrig schimmerndes, aluminiumbeschichtetes Polypropylengewebe. Rund 100.000 Quadratmeter Stoff, zusammengehalten von 15,6 Kilometern blauem Seil, verwandeln das wilhelminische Parlamentsgebäude für zwei Wochen in eine monumentale Skulptur; 90 Industriekletterer bringen das Material von Hand an. Möglich wird das Projekt erst, nachdem der Bundestag im Februar 1994 nach jahrelanger, quer durch die Fraktionen geführter Debatte mit 292 zu 223 Stimmen zugestimmt hatte — für viele Abgeordnete ein Zeichen, dass das wiedervereinigte Deutschland auch mit seiner schwierigen Geschichte spielerisch-künstlerisch umgehen kann. Mehr als fünf Millionen Besucherinnen und Besucher pilgern in den beiden Wochen nach Berlin, picknicken auf der Wiese vor dem Gebäude und erleben, wie sich die Fassade je nach Lichteinfall und Wind verändert. Die Verhüllung markiert zugleich den Auftakt zum Umbau des Reichstags durch den britischen Architekten Norman Foster, der das Gebäude wenige Jahre später zum Sitz des Bundestags macht — der Beginn einer neuen Ära für das Haus.
Freispruch im Mordprozess gegen O. J. Simpson

Nach acht Monaten Verhandlung und keine vier Stunden Beratung spricht eine Jury in Los Angeles den früheren American-Football-Star und Schauspieler O. J. Simpson vom Vorwurf frei, im Juni 1994 seine Ex-Frau Nicole Brown Simpson und deren Bekannten Ronald Goldman ermordet zu haben. Der als „Prozess des Jahrhunderts" bezeichnete Fall wird landesweit live im Fernsehen übertragen und fesselt Millionen Amerikaner; Simpsons hochkarätig besetztes Verteidigerteam um Johnnie Cochran und Robert Shapiro stellt die Ermittlungsarbeit der Polizei infrage und rückt Rassismusvorwürfe gegen den ermittelnden Detective Mark Fuhrman in den Mittelpunkt. Berühmt wird vor allem die Szene, in der Simpson im Gerichtssaal einen am Tatort gefundenen blutigen Handschuh anprobiert und dieser ihm nicht zu passen scheint — Cochrans Plädoyer-Zeile „If it doesn't fit, you must acquit" geht in die amerikanische Rechtsgeschichte ein. Der Freispruch offenbart einen tiefen Riss zwischen Schwarzen und Weißen Amerikanern: Umfragen zeigen, dass eine Mehrheit der afroamerikanischen Bevölkerung das Urteil begrüßt, während die weiße Mehrheit von Simpsons Schuld überzeugt bleibt. 1997 verurteilt ihn ein Zivilgericht wegen widerrechtlicher Tötung zu 33,5 Millionen Dollar Schadenersatz an die Familien der Opfer.
AM RANDE NOTIERT
- Am 20. März verübt die japanische Aum-Sekte einen Giftgasanschlag mit dem Nervengas Sarin auf fünf U-Bahn-Züge in Tokio — 13 Tote, Tausende Verletzte, ein Schock für ein Land, das sich sicher wähnte.
- Am 17. Januar erschüttert ein schweres Erdbeben die japanische Stadt Kobe; Ministerpräsidentin Heide Simonis reist im Sommer nach Japan und legt damit den Grundstein für eine spätere Partnerschaft zwischen Schleswig-Holstein und der Präfektur Hyōgo.
- Am 24. August bringt Microsoft Windows 95 auf den Markt — mit Start-Button und Warteschlangen vor den Computerläden auch in Deutschland.
- Am 30. Oktober votieren die Wählerinnen und Wähler der kanadischen Provinz Québec hauchdünn mit 50,6 zu 49,4 Prozent gegen die staatliche Unabhängigkeit — eines der knappsten Referendumsergebnisse der jüngeren Geschichte.
- Am 26. Februar bricht die Londoner Traditionsbank Barings nach riskanten Spekulationsgeschäften ihres Singapur-Händlers zusammen und wird für ein symbolisches Pfund verkauft — eine der spektakulärsten Bankenpleiten der Geschichte.
- Am 8. Juni gibt die Deutsche Post zum Jubiläumsjahr eine Sonderbriefmarke „100 Jahre Nord-Ostsee-Kanal" heraus — ein kleines philatelistisches Denkmal für die große Wasserstraße vor der Kieler Haustür.
SPORT · 1995
Auslöser ist ein jahrelanger Rechtsstreit des belgischen Profifußballers Jean-Marc Bosman: Sein Verein RFC Lüttich verweigert ihm 1990 einen ablösefreien Wechsel zum französischen Zweitligisten Dünkirchen und verlangt eine Ablösesumme, die Bosman als Verstoß gegen seine Freizügigkeit als EU-Arbeitnehmer anficht. Der Europäische Gerichtshof gibt ihm am 15. Dezember mit dem sogenannten Bosman-Urteil recht (Rechtssache C-415/93) und fällt damit eine Entscheidung, die den Profifußball revolutioniert: Ablösesummen nach Vertragsende und Ausländerbeschränkungen für EU-Bürger innerhalb von Vereinsmannschaften werden gekippt — der Startschuss für den heutigen, globalisierten Spielertransfermarkt mit Ablösesummen und Beraterhonoraren in bis dahin ungeahnten Höhen. Auf der Rennstrecke verteidigt Michael Schumacher seinen Weltmeistertitel: Mit dem Team Benetton-Renault macht er seinen zweiten WM-Titel in Folge bereits drei Rennen vor Saisonende beim Großen Preis von Pazifik-Asien im japanischen Aida am 22. Oktober perfekt und liegt am Ende 33 Punkte vor seinem Herausforderer Damon Hill im Williams.
MODE · 1995
Bei Gucci, dem florentinischen Traditionshaus, das Anfang der neunziger Jahre finanziell am Abgrund stand, übernimmt der 1994 zum Kreativdirektor beförderte Amerikaner Tom Ford endgültig das Ruder und zeigt in dieser Saison eine von den siebziger Jahren inspirierte Kollektion mit tief sitzenden, knapp geschnittenen Samthosen, offenen Satinhemden in Signalfarben und metallisch glänzenden Stiefeln — Kampagnenfotos schießt fortan der Starfotograf Mario Testino, gestylt von Carine Roitfeld. Der aufsehenerregende, betont sexuelle Neustart wird zum Verkaufserfolg: Der Umsatz des Hauses steigt binnen eines Jahres um rund 90 Prozent, aus dem angeschlagenen Modehaus wird binnen weniger Jahre ein Milliardenkonzern. Daneben behauptet sich bei Prada unter der Regie von Miuccia Prada ein betont nüchterner Minimalismus als Gegenpol — zwei Pole, zwischen denen sich die Modewelt der neunziger Jahre bewegt.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1995
- Verhüllter Reichstag begeistert Millionen (Juni/Juli). Die Künstler Christo und Jeanne-Claude hüllen das Berliner Parlamentsgebäude in silbernen Stoff – mehr als fünf Millionen Menschen kommen, um das zwei Wochen währende Kunstereignis zu sehen, eines der meistbesuchten der deutschen Nachkriegsgeschichte.
- Erste deutsche Nobelpreisträgerin in den Naturwissenschaften (Oktober). Die Tübinger Entwicklungsbiologin Christiane Nüsslein-Volhard erhält den Medizin-Nobelpreis für ihre Arbeiten zur genetischen Steuerung der frühen Embryonalentwicklung.
- Michael Schumacher verteidigt seinen Weltmeistertitel (1995). Mit Benetton-Renault sichert sich der deutsche Rennfahrer seinen zweiten WM-Titel in Folge – schon zwei Jahre nach seinem ersten Titel festigt er seinen Ruf als kommender Rekordweltmeister.
- Nelson Mandela überreicht den WM-Pokal im Springbok-Trikot (24. Juni). Bei der Rugby-Weltmeisterschaft in Südafrika übergibt Präsident Nelson Mandela dem Kapitän Francois Pienaar den Webb Ellis Cup im Trikot der Nationalmannschaft – ein Bild, das um die Welt geht und zum Symbol der Versöhnung nach der Apartheid wird.
- Erster vollständig computeranimierter Kinofilm feiert Premiere (19. November). Pixars „Toy Story" läuft in Hollywood an und eröffnet als erster komplett am Computer erzeugter Langfilm eine neue Ära des Animationskinos.
- THW Kiel verteidigt die deutsche Handballmeisterschaft (Saison 1994/95). Unter Trainer Zvonimir „Noka" Serdarušić sichert sich der Kieler Bundesligist zum zweiten Mal in Folge den deutschen Meistertitel – ein früher Baustein auf dem Weg zum späteren Rekordmeister.
DAS WETTER · 1995 in Kiel
An diesem 13. Juli war es an der Förde ein warmer Sommertag: Höchstwert 24,5 °C, in der Nacht 16,7 °C, im Mittel 19,8 °C; kein Tropfen Regen fiel.
Das Jahr über: Im Mittel 8,8 °C. Wärmster Tag 31,6 °C am 23. August, kältester −15,0 °C am 27. Dezember. 2 Hitzetage (≥ 30 °C), 17 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 700 mm.
(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1995
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.
- Conquest Of Paradise — Vangelis
- Gangsta's Paradise — Coolio feat. L.V.
- Wish You Were Here — Rednex
- Be My Lover — La Bouche
- Scatman (Ski-Ba-Bop-Ba-Dop-Bop) — Scatman John
- Have You Ever Really Loved A Woman — Bryan Adams
- Sie ist weg — Die Fantastischen Vier
- Scatman's World — Scatman John
- Back For Good — Take That
- Alice, Who The X Is Alice? — Gompie
- Zombie — The Cranberries
- Old Pop In An Oak — Rednex
- Boom Boom Boom — Outhere Brothers
- Mishale — Andru Donalds
- '74-'75 — The Connells
- Adiemus — Adiemus
- Basket Case — Green Day
- A Girl Like You — Edwyn Collins
- Computerliebe — Das Modul
- Eine Insel mit zwei Bergen — Dolls United
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).