DER CHRONIST

Ein Jahr der Erschütterungen und großen Weichenstellungen: Ein Lebensmittelskandal legt die Grenzen des europäischen Binnenmarkts offen, ein Sparkurs spaltet die Bundesrepublik, und am Hindukusch übernimmt ein neues, hartes Regime die Macht. Über dem Atlantik und im Zentrum Atlantas erschüttern ein Flugzeugabsturz und ein Bombenanschlag die Vereinigten Staaten, während sich in Moskau und Washington die amtierenden Staatschefs Jelzin und Clinton gegen ihre Herausforderer behaupten. In London endet mit der Scheidung des britischen Thronfolgerpaares eine jahrelange Boulevard-Saga, die deutschsprachigen Länder einigen sich per Wiener Erklärung auf eine neue Rechtschreibung, und Nintendo erobert mit einer neuen Spielkonsole die Kinderzimmer der Welt. Und in Kiel, an der Förde, schmiedet eine Ministerpräsidentin ein historisches Bündnis, das die Landespolitik für Jahre prägen wird.

Die Schlagzeilen des Jahres

Landtagswahl in Schleswig-Holstein: Rot-Grün zieht in Kiel ein

Das Landeshaus in Kiel, Sitz des schleswig-holsteinischen Landtags
Das Landeshaus in Kiel, Sitz des schleswig-holsteinischen Landtags (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Seit der Barschel-Affäre von 1987 hatte die SPD im nördlichsten Bundesland durchregiert: Erst Björn Engholm, der nach der Aufdeckung der „Schubladenaffäre" 1993 zurücktrat, dann seine Nachfolgerin Heide Simonis als erste Ministerpräsidentin eines deutschen Flächenlandes verfügten über die absolute Mehrheit im Kieler Landeshaus. Diese Ära endet 1996: Zeitgleich mit Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz wählt Schleswig-Holstein am 24. März einen neuen Landtag. Die SPD bleibt mit 39,8 Prozent zwar stärkste Kraft, verliert gegenüber 1992 aber 6,4 Punkte und damit die absolute Mehrheit; die CDU unter ihrem zum zweiten Mal antretenden Spitzenkandidaten Ottfried Hennig legt auf 37,2 Prozent zu, bleibt aber in der Opposition. Bündnis 90/Die Grünen ziehen mit 8,1 Prozent erstmals in den Kieler Landtag ein, die FDP schafft mit 5,7 Prozent knapp den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde, und der SSW — von dieser Hürde befreit, weil er die dänische Minderheit vertritt — verbessert sich auf 2,5 Prozent und stellt künftig zwei Abgeordnete.

Da Rot-Grün die einzige rechnerisch tragfähige Mehrheit jenseits einer Großen Koalition bildet, verhandeln SPD und Grüne erstmals in der Landesgeschichte ein Regierungsbündnis — und tun dies, wie in der Kieler Presse vermerkt wird, in ungewöhnlicher Konstellation: Auf SPD-Seite sitzen mit Simonis und Fraktionschefin Ute Erdsiek-Rave, auf Grünen-Seite mit Angelika Beer und Irene Fröhlich durchweg Frauen am Verhandlungstisch. FDP-Landeschef Wolfgang Kubicki hatte öffentlich spekuliert, die angeblich „grünenfeindliche" Simonis werde die Gespräche platzen lassen und stattdessen mit der FDP koalieren — es kommt anders. Größter Streitpunkt der Verhandlungen ist die von den Grünen im Wahlkampf bekämpfte Autobahn A 20 quer durchs Land von Lübeck über Bad Segeberg nach Glückstadt; ein Kompromiss, wonach das Land nur die Verwaltungsträgerschaft für das Bundesprojekt übernimmt, sorgt an der Basis in Lübeck und Segeberg zunächst für Unmut, wird aber auf einem Grünen-Parteitag gebilligt. Simonis bildet daraufhin das erste rot-grüne Bündnis in der Geschichte des nördlichsten Bundeslandes und regiert weiter von Kiel aus, direkt an der Förde — ein Modell, das später auch auf Bundesebene Schule machen sollte.

An diesem dreifachen Wahlsonntag legt neben den Grünen in Kiel auch die zuletzt oft schon abgeschriebene FDP zu: In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz gewinnt sie deutlich hinzu und sichert sich jeweils eine Regierungsbeteiligung, während sie in Schleswig-Holstein nur knapp über die Fünf-Prozent-Hürde kommt.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Baden-Württemberg, 24. März — CDU 41,3 %, SPD 25,1 %. Ministerpräsident Erwin Teufel bildet mit der erstarkten FDP/DVP eine schwarz-gelbe Koalition.
  • Rheinland-Pfalz, 24. März — SPD 39,8 %, CDU 38,7 %. Ministerpräsident Kurt Beck setzt die sozialliberale Koalition mit der FDP fort.

BSE-Schock: EU verhängt Exportverbot für britisches Rindfleisch

Rinder auf der Weide — 1996 verhängt die EU wegen BSE ein Exportverbot
Rinder auf der Weide — 1996 verhängt die EU wegen BSE ein Exportverbot (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Seit 1986 war BSE, die Bovine Spongiforme Enzephalopathie, in britischen Rinderherden nachgewiesen — vermutlich verbreitet durch verseuchtes Tiermehl in Kraftfutter. Jahrelang beteuerte die britische Regierung, die Krankheit sei für Menschen ungefährlich; 1990 fütterte Landwirtschaftsminister John Gummer vor laufenden Kameras seiner vierjährigen Tochter demonstrativ einen Beefburger, um die Bevölkerung zu beruhigen. Die Beweislage trug diese Zuversicht nie wirklich. Am 20. März 1996 räumt Gesundheitsminister Stephen Dorrell vor dem Unterhaus erstmals ein, dass zehn Fälle einer neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit vermutlich auf den Verzehr BSE-infizierten Rindfleischs zurückgehen — der Rinderwahnsinn ist damit erstmals amtlich als auf den Menschen übertragbar anerkannt. Die Nachricht löst europaweite Panik aus: Bonn verhängt bereits am 23. März ein nationales Importverbot, die EU-Kommission zieht am 27. März nach und beschließt ein EU-weites Exportverbot für britisches Rindfleisch. In der Folge werden in Großbritannien Millionen Rinder vorsorglich gekeult, der Rindfleischkonsum bricht europaweit ein, und obwohl deutsche Herden von BSE zunächst kaum betroffen sind, wächst auch auf schleswig-holsteinischen Höfen die Sorge um einbrechende Absatzmärkte und Preise. Der bislang größte Lebensmittelskandal Europas erschüttert nachhaltig das Vertrauen der Verbraucher in die Fleischwirtschaft und führt zu einer bis heute gültigen, lückenlosen Rückverfolgbarkeit von Rindfleisch von der Weide bis zur Ladentheke; das EU-Exportverbot wird erst 1999 schrittweise und erst 2006 vollständig aufgehoben.

Brandkatastrophe am Düsseldorfer Flughafen: 17 Tote

Das Terminal des Düsseldorfer Flughafens, 1996 Ort einer Brandkatastrophe
Das Terminal des Düsseldorfer Flughafens, 1996 Ort einer Brandkatastrophe (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Gegen 13 Uhr beginnen zwei Arbeiter oberhalb eines Blumenladens in der Ankunftshalle des Terminals A mit Schweißarbeiten an einer Dehnungsfuge — ohne dass die Flughafenfeuerwehr davon unterrichtet wird, sodass die vorgeschriebene Brandsicherheitswache unterbleibt. Gegen 15:30 Uhr entzünden die Arbeiten unerlaubt verbautes Schaumpolystyrol in der Zwischendecke sowie über Jahre angesammelten Staub in den Belüftungskanälen; das Feuer breitet sich binnen Minuten über die gesamte Abfertigungshalle aus. Weil die Klimaanlage weiterläuft, verteilt sie giftigen, hochtoxischen Rauch rasend schnell durchs Gebäude, während viele Reisende in den engen Gängen und auf der oberen Ebene keinen Fluchtweg mehr finden. 17 Menschen ersticken, 88 werden zum Teil schwer verletzt. Es ist die schwerste Flughafenkatastrophe der bundesdeutschen Geschichte. Sie führt zu einer grundlegenden bundesweiten Neuordnung des Brandschutzes an deutschen Flughäfen — mit Brandmeldeanlagen, feuerfesten Deckenkonstruktionen und strikter Trennung von Rauchabschnitten — und zu einem der langwierigsten Strafprozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte: Erst nach fünf Jahren, in denen sich neben den Schweißern und der Bauleitung auch Verantwortliche für den rund 30 Jahre zurückliegenden Hallenbau vor dem Landgericht Düsseldorf verantworten müssen, wird das Verfahren Ende 2001 gegen Geldauflagen zwischen 3.000 und 20.000 Euro eingestellt — ein Ausgang, der bei den Angehörigen der Opfer auf scharfe Kritik stößt.

Sparpaket der Bundesregierung: Kohl gegen 350.000 Demonstranten

Das Bonner Regierungsviertel — gegen das Sparpaket protestieren 1996 Hunderttausende
Das Bonner Regierungsviertel — gegen das Sparpaket protestieren 1996 Hunderttausende (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Noch im Januar 1996 hatte IG-Metall-Chef Klaus Zwickel ein „Bündnis für Arbeit" zwischen Regierung, Gewerkschaften und Arbeitgebern vorgeschlagen, um mit gemeinsamen Anstrengungen die Arbeitslosigkeit bis zum Jahr 2000 zu halbieren. Die Gespräche scheitern binnen weniger Wochen, als die Bundesregierung ankündigt, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall kürzen zu wollen — die Gewerkschaften brechen die Verhandlungen ab. Nach diesem Scheitern stellt Bundeskanzler Helmut Kohl am 26. April das 50-Punkte-„Sparpaket" für „Wachstum und Beschäftigung" vor: Die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall soll von 100 auf 80 Prozent des Gehalts sinken, der Kündigungsschutz für Betriebe bis zehn (statt bisher fünf) Beschäftigte gelockert, die abschlagsfreie Rente mit 60 abgeschafft und bei der Sozialhilfe gekürzt werden. Der Widerstand ist gewaltig: Unter Führung von DGB-Chef Dieter Schulte demonstrieren am 15. Juni rund 350.000 Menschen im Bonner Regierungsviertel gegen die von den Gewerkschaften „Giftliste" genannten Pläne — die größte gewerkschaftliche Kundgebung der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte. Die schwarz-gelbe Koalition aus CDU/CSU und FDP setzt das Reformpaket dennoch im Herbst durch, es tritt zum Oktober 1996 in Kraft. Der Konflikt vergiftet das Verhältnis zwischen Regierung und Gewerkschaften nachhaltig, das „Bündnis für Arbeit" lebt erst 1998 unter Kohls Nachfolger Gerhard Schröder in neuer Form wieder auf — der Bruch von 1996 gilt vielen Beobachtern als einer der Wegbereiter für die Abwahl der Regierung Kohl bei der Bundestagswahl 1998.

Taliban erobern Kabul: Afghanistan unter neuem Regime

Die Skyline von Kabul — 1996 erobert von den Taliban
Die Skyline von Kabul — 1996 erobert von den Taliban (Wikimedia Commons, CC BY 2.0)

Nach dem Abzug der sowjetischen Truppen 1989 hatte sich das kommunistische Regime Nadschibullahs noch bis 1992 gehalten, ehe rivalisierende Mudschaheddin-Gruppen Kabul stürmten und eine islamische Übergangsregierung ausriefen. Der Machtkampf zwischen den siegreichen Fraktionen mündet jedoch sofort in einen neuen, verheerenden Bürgerkrieg: Während Präsident Burhanuddin Rabbani an der Macht festhält, beschießt der von ihm ausgeschlossene Warlord Gulbuddin Hekmatyar die Hauptstadt jahrelang mit Artillerie und Raketen, große Teile Kabuls werden in Schutt gelegt, Zehntausende Zivilisten sterben. Aus dieser Kriegsmüdigkeit heraus formiert sich ab 1994 im südafghanischen Kandahar unter Führung des einäugigen Predigers Mullah Mohammed Omar eine neue Bewegung konservativer Koranschüler, die Taliban, die mit dem Versprechen von Ordnung und strikter Scharia-Herrschaft rasch an Zulauf gewinnen und Rückhalt in Pakistan finden. Nach der Eroberung Herats (September 1995) und Dschalalabads (September 1996) rücken sie Ende September auf Kabul vor und nehmen am 27. September 1996 die afghanische Hauptstadt praktisch kampflos ein, nachdem sich die Rabbani-Regierung nach Norden zurückgezogen hat. Noch in derselben Nacht wird der gestürzte Präsident Nadschibullah, der seit 1992 unter UN-Schutz im Gebäude der Vereinten Nationen in Kabul ausgeharrt hatte, aus seinem Zufluchtsort geholt, gefoltert und gemeinsam mit seinem Bruder öffentlich erhängt — die Leichen bleiben tagelang zur Abschreckung an einem Verkehrsposten hängen. Die Taliban rufen das „Islamische Emirat Afghanistan" aus und errichten eine Herrschaft rigider Scharia-Gesetze: Mädchen und Frauen wird der Schulbesuch und die Erwerbsarbeit untersagt, die Burka wird zur Pflicht, Musik, Fernsehen und Kino werden verboten. International erkennen zunächst nur Pakistan, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate das neue Regime an, während im Norden des Landes unter Ahmad Schah Massoud und Rabbani die „Nordallianz" den bewaffneten Widerstand fortsetzt — der Beginn einer Epoche, die Afghanistan bis zum Sturz der Taliban 2001 und weit darüber hinaus prägen wird.

Absturz von TWA-Flug 800 vor Long Island: 230 Tote

Die Boeing 747 der TWA mit dem Kennzeichen N93119, die als Flug 800 vor Long Island verunglückte
Die Boeing 747-100 der TWA mit dem Kennzeichen N93119 – jene Maschine, die am 17. Juli 1996 als Flug 800 vor Long Island verunglückte (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Um 20:31 Uhr Ortszeit hebt eine Boeing 747-100 der Trans World Airlines als Flug 800 vom John-F.-Kennedy-Flughafen in New York zu einem planmäßigen Nachtflug nach Paris ab. Nur zwölf Minuten später, kurz nach Erreichen der Reiseflughöhe, zerbricht die Maschine über dem Atlantik vor der Küste von Long Island in einer gewaltigen Explosion; Trümmerteile und ein Feuerball sind kilometerweit entlang der Küste zu sehen. Alle 230 Menschen an Bord sterben. Der Absturz ereignet sich nur zwei Tage vor der Eröffnung der Olympischen Sommerspiele von Atlanta, und da zunächst ein Terroranschlag oder ein irrtümlich abgefeuerter Flugkörper der US-Marine vermutet werden, sorgt das Unglück international für Aufsehen und jahrelange Verschwörungstheorien.

Die Untersuchung durch das National Transportation Safety Board wird zu einer der aufwendigsten der amerikanischen Luftfahrtgeschichte: Erst nach mehreren Jahren kommen die Ermittler zu dem Schluss, dass weder eine Bombe noch ein Flugkörper, sondern ein elektrischer Kurzschluss in der überalterten Verkabelung die Ursache war — er entzündete brennbare Dämpfe im nahezu leeren, durch die darunterliegende Klimaanlage aufgeheizten mittleren Treibstofftank. Als Konsequenz schreibt die US-Luftfahrtbehörde FAA in der Folge Maßnahmen zur Inertisierung von Treibstofftanks vor, die bis heute weltweit zum Sicherheitsstandard im Flugzeugbau gehören.

Scheidung von Prinz Charles und Prinzessin Diana

Diana, Princess of Wales, deren Ehe 1996 offiziell geschieden wurde
Diana, Princess of Wales – ihre Scheidung von Prinz Charles wurde am 28. August 1996 rechtskräftig (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Vier Jahre nach der offiziellen Trennung des britischen Thronfolgerpaares im Dezember 1992 und nachdem beide Seiten öffentlich über außereheliche Beziehungen gesprochen hatten — Diana im vielbeachteten BBC-„Panorama"-Interview vom November 1995, Charles bereits zuvor über seine Verbindung zu Camilla Parker Bowles —, drängt Königin Elisabeth II. Ende 1995 in einem persönlichen Brief beide zur schnellen Scheidung. Nach monatelangen Verhandlungen über Sorgerecht, Titel und Vermögen wird die Ehe am 28. August 1996 in London formal geschieden.

Im Vergleich erhält Diana Schätzungen zufolge rund 17 Millionen Pfund sowie das Recht, weiterhin als „Prinzessin von Wales" aufzutreten und ihre Wohnung im Kensington-Palast zu behalten; im Gegenzug verliert sie die Anrede „Her Royal Highness" und jeden künftigen Anspruch auf den britischen Thron. Das Sorgerecht für die Söhne William und Harry teilen sich beide Elternteile weiterhin. Für die britische Boulevardpresse ist die Scheidung des meistfotografierten Paares der Welt eines der Ereignisse des Jahres; Dianas ungebrochene Popularität überdauert die Trennung von der Königsfamilie — nur ein Jahr später, im August 1997, endet ihr Leben bei einem Autounfall in Paris.

Wiener Erklärung: Deutschsprachige Länder beschließen Rechtschreibreform

Die Wiener Hofburg – Symbolbild für die Stadt Wien, Schauplatz der Unterzeichnung 1996
Die Wiener Hofburg – Symbolbild für die Stadt Wien, in der am 1. Juli 1996 die „Wiener Erklärung" zur deutschen Rechtschreibreform unterzeichnet wurde (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 at)

Nach mehr als zehnjähriger Vorarbeit von Sprachwissenschaftlern unterzeichnen Vertreter Deutschlands, Österreichs, der Schweiz und Liechtensteins sowie weiterer Staaten mit deutschsprachigen Minderheiten am 1. Juli in Wien die „Wiener Erklärung" zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung. Ziel der Reform ist eine einheitlichere, leichter erlernbare Orthographie: Betroffen sind unter anderem die Getrennt- und Zusammenschreibung, die Groß- und Kleinschreibung, die Zeichensetzung, die Worttrennung am Zeilenende sowie die sogenannte „Heysesche s-Schreibung", die das scharfe ß in bestimmten Fällen durch Doppel-s ersetzt.

Die Unterzeichnerstaaten verpflichten sich, die neuen Regeln bis spätestens 1. August 1998 in Schulen und Behörden einzuführen; Buchhandel und Duden-Redaktion stellen bereits 1996 auf die reformierte Schreibung um. Von Beginn an ist die Reform höchst umstritten: Schriftsteller wie Nobelpreisträger Günter Grass kündigen an, weiter in alter Rechtschreibung zu publizieren, mehrere Zeitungen und Verlage protestieren, und Gegner ziehen erfolglos vor Gerichte. Der Streit um die „neue deutsche Rechtschreibung" begleitet die deutschsprachigen Länder noch Jahre über die Einführung 1998 hinaus.

Boris Jelzin als russischer Präsident wiedergewählt

Boris Jelzin, 1996 als russischer Präsident wiedergewählt
Boris Jelzin im Jahr seiner Wiederwahl 1996 (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Erstmals in der russischen Geschichte entscheidet eine Präsidentschaftswahl über eine Stichwahl: Im ersten Wahlgang am 16. Juni liegt der amtierende Präsident Boris Jelzin mit 35,3 Prozent nur knapp vor dem Vorsitzenden der Kommunistischen Partei, Gennadi Sjuganow, mit 32,0 Prozent — ein schwaches Ergebnis für einen Amtsinhaber, der wegen gescheiterter Wirtschaftsreformen, Korruptionsskandalen, des andauernden Kriegs in Tschetschenien und wiederholter öffentlicher Auftritte unter Alkoholeinfluss stark an Rückhalt verloren hatte. In der Stichwahl am 3. Juli setzt sich Jelzin mit 53,8 Prozent gegen Sjuganows 40,3 Prozent durch.

Der Wahlkampf gilt als einer der teuersten und am massivsten durch russische Oligarchen und staatliche Medien zugunsten des Amtsinhabers beeinflussten der postsowjetischen Geschichte; westliche Regierungen, allen voran die USA, unterstützen Jelzin offen als Garant gegen eine kommunistische Restauration. Kaum wiedergewählt, muss sich der gesundheitlich schwer angeschlagene Jelzin im November 1996 einer Fünffach-Bypass-Operation am Herzen unterziehen — ein Umstand, der seine zweite Amtszeit von Beginn an überschattet und den Weg für seinen späteren Nachfolger Wladimir Putin ebnet.

Bill Clinton als US-Präsident wiedergewählt

Bill Clinton bei einer Wahlkampfveranstaltung mit Al Gore, November 1996
Clinton-Gore-Wahlkampfkundgebung in Las Cruces, New Mexico, am 1. November 1996 – vier Tage vor der Wiederwahl (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Bei der 53. Präsidentschaftswahl der Vereinigten Staaten am 5. November setzt sich der amtierende Präsident Bill Clinton mit seinem Vizepräsidenten Al Gore klar gegen den republikanischen Herausforderer Bob Dole und dessen Kandidaten für die Vizepräsidentschaft, Jack Kemp, durch. Clinton erreicht 49,2 Prozent der Stimmen und 379 Wahlmännerstimmen, Dole kommt auf 40,7 Prozent und 159 Wahlmännerstimmen; der unabhängige Kandidat Ross Perot, der bereits 1992 angetreten war, erhält zwar über acht Prozent der Stimmen, aber keine einzige Wahlmännerstimme.

Getragen von einer prosperierenden Wirtschaft, sinkender Arbeitslosigkeit und einem als moderat wahrgenommenen politischen Kurs wird Clinton damit der erste demokratische Präsident seit Franklin D. Roosevelt 1944, dem eine Wiederwahl für eine zweite Amtszeit gelingt. Seine zweite Amtszeit beginnt im Januar 1997 zunächst mit außenpolitischen Erfolgen wie dem Dayton-Friedensprozess für Bosnien, gerät jedoch bereits 1998 durch die Lewinsky-Affäre und das folgende Amtsenthebungsverfahren in schwere Turbulenzen.

Nintendo 64 kommt auf den Markt

Die Spielkonsole Nintendo 64 mit ihrem charakteristischen Controller
Die Spielkonsole Nintendo 64 mit ihrem dreiarmigen Controller, Marktstart 1996 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nach jahrelanger Entwicklung unter dem Projektnamen „Ultra 64" bringt Nintendo am 23. Juni in Japan seine neue Spielkonsole Nintendo 64 in den Handel — benannt nach ihrem 64-Bit-Hauptprozessor, der in Zusammenarbeit mit der US-Grafikfirma Silicon Graphics entwickelt wurde. Zum Verkaufsstart verkaufen sich in Japan alle 300.000 Geräte des ersten Kontingents binnen eines Tages; Zugpferd ist das Launch-Spiel „Super Mario 64", der erste dreidimensionale Auftritt des Klempners, der mit seiner freien Kamera- und Bewegungssteuerung zum stilprägenden Vorbild für ein ganzes Genre wird. Am 29. September folgt der Marktstart in Nordamerika zum Preis von 199 US-Dollar, der europäische Verkaufsstart lässt bis März 1997 noch auf sich warten.

Anders als die Konkurrenz von Sony (PlayStation) und Sega (Saturn) setzt Nintendo weiterhin auf Steckmodule statt CD-ROM — eine Entscheidung, die zwar kurze Ladezeiten sichert, aber teurere Produktion und weniger Speicherplatz für aufwendige Videosequenzen bedeutet und in der Folge mehrere große Drittanbieter-Studios zur Konkurrenz treibt. Prägend für die Konsole wird zudem ihr dreiarmiger Controller mit erstmals eingebautem Analog-Stick, der die Steuerung von 3D-Spielen revolutioniert und zum Vorbild nahezu aller späteren Gamepads wird. Am Jahresende hat sich das Nintendo 64 mit weltweit rund 32,9 Millionen verkauften Geräten zwar deutlich seltener durchgesetzt als die PlayStation, aber deutlich erfolgreicher als Segas Saturn.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Am 5. Juli wird im schottischen Roslin-Institut das Schaf Dolly geboren — das erste aus der Zelle eines erwachsenen Säugetiers geklonte Lebewesen. Öffentlich bekannt wird die Sensation allerdings erst mit der Fachveröffentlichung im Februar 1997.
  • Am 27. Juli reißt ein Bombenanschlag im Centennial Olympic Park von Atlanta während der Olympischen Sommerspiele zwei Menschen in den Tod, 111 weitere werden verletzt.
  • Im Januar überschreitet die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland erstmals seit Bestehen der Bundesrepublik die Marke von vier Millionen — ein trauriger Rekord der Nachkriegszeit.
  • Am 10. Februar gewinnt der IBM-Supercomputer Deep Blue in Philadelphia die erste Partie einer regulären Turnierpartie gegen den amtierenden Schachweltmeister Garri Kasparow — die erste Niederlage eines Weltmeisters gegen eine Maschine unter Turnierbedingungen, auch wenn Kasparow den Wettkampf am Ende mit 4:2 für sich entscheidet.
  • Am 18. November geht die Deutsche Telekom mit ihrer „T-Aktie" an die Börse — der größte Börsengang der deutschen Geschichte macht die „Volksaktie" zum Symbol einer neuen Aktienkultur in Deutschland.
  • Wie jedes Jahr verwandelt die Kieler Woche Ende Juni die Förde in die Bühne des größten Segelsportereignisses der Welt — Hunderttausende Besucher und Tausende Segler aus aller Welt machen Kiel für eine Woche zur maritimen Hauptstadt.

SPORT · 1996

Die Olympischen Sommerspiele in Atlanta (19. Juli – 4. August) feiern im Sommer das hundertjährige Bestehen der Neuzeit-Spiele; als bewegendster Moment der Eröffnungsfeier entzündet der von Parkinson gezeichnete Muhammad Ali mit zitternder Hand die Olympische Flamme. Wegen der massiven Vermarktung durch Sponsoren gehen die Spiele auch als „Coca-Cola-Spiele" in die Geschichte ein. Sportlich liefert der US-Sprinter Michael Johnson mit seinem Weltrekord von 19,32 Sekunden über 200 Meter eines der prägenden Bilder, während Kunstturnerin Kerri Strug mit verletztem Knöchel einen zweiten Sprung wagt und den Mannschaftsgold der US-Turnerinnen sichert. Die USA gewinnen den Medaillenspiegel mit 44 Gold-, 32 Silber- und 25 Bronzemedaillen vor Russland; das deutsche Team — mit 465 Athletinnen und Athleten die größte Mannschaft seit der Wiedervereinigung — erkämpft 20-mal Gold, 18-mal Silber und 27-mal Bronze und belegt damit Rang drei im Medaillenspiegel. Der Anschlag im Centennial Olympic Park (siehe AM RANDE NOTIERT) überschattet die Spiele gleichwohl schwer. Auf dem Rasen von Wembley und in der Formel 1 hat der deutsche Sport, wie in den LICHTBLICKEN vermerkt, ohnehin sein Jahr der Jahre — mit dem EM-Titel der Nationalmannschaft, Steffi Grafs Grand-Slam-Siegen und Michael Schumachers erstem Ferrari-Erfolg krönt sich 1996 zu einem der erfolgreichsten Jahre der bundesdeutschen Sportgeschichte, während der THW Kiel den Fans an der Förde zusätzlich den deutschen Handball-Meistertitel beschert.

MODE · 1996

Am 8. Juli erscheint mit „Wannabe" die Debütsingle der Spice Girls — sieben Wochen lang Nummer eins in Großbritannien und binnen Monaten ein globales Phänomen. Mit dem Song und dem dazugehörigen Video hält poppige, grell-glamouröse „Girl Power"-Mode Einzug in die Teenager-Zimmer: Vor allem Geri Halliwell, als „Ginger Spice" mit knallrotem Haar und Victory-Zeichen zur Symbolfigur des Schlagworts geworden, macht „Girl Power" zum meistzitierten Lebensgefühl junger Frauen dieses Jahres. Zum optischen Markenzeichen der Band werden dabei die klobigen Buffalo-Plateauschuhe, die schon zuvor auf den Techno-Dancefloors Europas zum unverzichtbaren Accessoire geworden waren und durch die Spice Girls endgültig aus der Rave-Subkultur in den Mainstream katapultiert werden — zwei eng miteinander verwobene, aber gleichermaßen laute Spielarten des Modejahrs 1996.

KULTUR · 1996

Was 1943 auf einer tragbaren Kunsteisbahn im amerikanischen Toledo begann, füllt auch 1996 wieder die Ostseehalle Kiel: Seit 1953 gehört Holiday on Ice zum festen winterlichen Kulturkalender der Landeshauptstadt. In dieser Saison bringt die Revue unter dem Motto „Evolution" und mit „Asterix on Ice" gleich zwei Programme auf die Eisfläche — von komödiantischem Slapstick bis zu opulenten Ensembleszenen. Für viele Kieler Familien gehört der Gang zur Ostseehalle im Winter so selbstverständlich zum Jahr wie die Kieler Woche im Sommer.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1996

  • Golden Goal für den EM-Titel (30. Juni, Wembley). Im Finale gegen Tschechien entscheidet Oliver Bierhoff die Partie mit dem ersten „Golden Goal" der Turniergeschichte — der erste EM-Titel der gesamtdeutschen Nationalmannschaft, gefeiert weit über Kiel hinaus.
  • Steffi Grafs Grand-Slam-Jahr. Die deutsche Tennisspielerin gewinnt French Open und Wimbledon und behauptet das ganze Jahr über Platz eins der Weltrangliste — überregionaler Stolz für den deutschen Sport.
  • Schumachers erster Ferrari-Sieg (2. Juni, Barcelona). Im strömenden Regen fährt Michael Schumacher seinen ersten Grand-Prix-Sieg für die Scuderia heraus, mit über 45 Sekunden Vorsprung auf das Feld — Auftakt der legendären Ferrari-Ära.
  • Nobelpreis für Medizin für die Entschlüsselung der Immunabwehr (7. Oktober). Peter Doherty und Rolf Zinkernagel erhalten den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für ihre Entdeckung, wie das Immunsystem virusinfizierte Zellen erkennt — ein Grundstein der modernen Immunologie.
  • Friedensnobelpreis für Osttimor (11. Oktober). José Ramos-Horta und Bischof Carlos Filipe Ximenes Belo werden für ihren gewaltfreien Einsatz für eine gerechte Lösung des Konflikts in Osttimor mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
  • THW Kiel wird deutscher Handball-Meister (Saison 1995/96). Vor der eigenen Kulisse an der Förde krönt sich der THW Kiel zum deutschen Meister — ein Höhepunkt für den Kieler Sport in einem ohnehin goldenen Jahr.

DAS WETTER · 1996 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein milder Sommertag: Höchstwert 20,3 °C, in der Nacht kühle 8,4 °C, im Mittel 16,9 °C; kein Tropfen Regen fiel.

Das Jahr über: Im Mittel 7,2 °C — das kälteste Jahr dieses Jahrzehnts vor Ort. Wärmster Tag 34,0 °C am 8. Juni, kältester −13,1 °C am 9. Februar. 3 Hitzetage (≥ 30 °C), 47 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag nur rund 520 mm — ein trockenes Jahr.

(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1996

Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.

  1. Killing Me Softly (With His Song) — Fugees
  2. Children — Robert Miles
  3. Macarena (Bayside Boys Mix) — Los del Río
  4. Insomnia — Faithless
  5. Lemon Tree — Fool's Garden
  6. Coco Jamboo — Mr. President
  7. They Don't Care About Us — Michael Jackson
  8. I Can't Help Myself (I Love You, I Want You) — The Kelly Family
  9. Zehn kleine Jägermeister — Die Toten Hosen
  10. Where Do You Go — No Mercy
  11. Missing — Everything But The Girl
  12. Wannabe — Spice Girls
  13. Ich find Dich Scheiße — Tic Tac Toe
  14. Quit Playing Games (With My Heart) — Backstreet Boys
  15. Because You Loved Me — Celine Dion
  16. Breakfast At Tiffany's — Deep Blue Something
  17. Spring — RMB
  18. Get Down (You're The One For Me) — Backstreet Boys
  19. Più Bella Cosa — Eros Ramazzotti
  20. Return Of The Mack — Mark Morrison

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).