DER CHRONIST

Ein Jahr der Übergaben und Umbrüche: Kronen und Kolonien wechseln den Besitzer, während eine Prinzessin und eine Ordensfrau, die die Welt bewegten, binnen weniger Tage sterben. In Kyoto ringt die Weltgemeinschaft erstmals verbindlich um das Klima, in Peking tritt mit Deng Xiaoping der Architekt der chinesischen Öffnung ab, und in London übernimmt mit Tony Blair eine neue Generation die Regierung. In Zentralafrika stürzt ein Diktator nach drei Jahrzehnten, während die Bundesrepublik mit Rekordarbeitslosigkeit und den Fluten der Oder ringt. An der Förde schließlich wählt Kiel zum ersten Mal seine Oberbürgermeisterin oder ihren Oberbürgermeister direkt.

Die Schlagzeilen des Jahres

Diana, Princess of Wales, stirbt bei Autounfall in Paris

Diana, Princess of Wales, die 1997 tödlich verunglückt
Diana, Princess of Wales, die 1997 tödlich verunglückt (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0)

Gut ein Jahr nach ihrer Scheidung von Prinz Charles im August 1996 ist Diana in jener Nacht mit ihrem neuen Begleiter Dodi Al-Fayed, Sohn des Harrods-Besitzers Mohamed Al-Fayed, von Paparazzi verfolgt auf dem Weg von einem Restaurant zur Wohnung der Familie Al-Fayed. In den frühen Morgenstunden rast der Mercedes, gesteuert von Sicherheitschef Henri Paul, im Tunnel der Place de l'Alma mit weit überhöhter Geschwindigkeit gegen einen Pfeiler. Spätere Untersuchungen ergeben, dass Paul rund die dreifache in Frankreich zulässige Blutalkoholmenge sowie Medikamentenreste im Blut hatte; Diana und Dodi Al-Fayed trugen keinen Sicherheitsgurt. Paul und Al-Fayed sind sofort tot, Leibwächter Trevor Rees-Jones überlebt schwer verletzt als Einziger. Diana erliegt in den frühen Morgenstunden des 31. August ihren inneren Verletzungen im Pariser Krankenhaus Pitié-Salpêtrière.

Ihr Tod löst eine beispiellose weltweite Anteilnahme aus: Vor dem Kensington-Palast in London türmen sich in den Tagen danach Blumen- und Kerzenmeere, während die britische Königsfamilie zunächst im schottischen Balmoral verharrt und erst nach öffentlichem Druck eine Fernsehansprache der Queen am 5. September folgt. Die Trauerfeier am 6. September in der Westminster Abbey verfolgen schätzungsweise über zwei Milliarden Menschen an den Bildschirmen; die Prinzen William und Harry schreiten hinter dem Sarg. Elton John singt eine für den Anlass umgeschriebene Fassung von „Candle in the Wind"; Dianas Bruder, Earl Charles Spencer, rechnet in seiner Grabrede scharf mit der Boulevardpresse ab und nennt seine Schwester „die meistgejagte Person des modernen Zeitalters". Nur wenige Monate zuvor hatte Diana im Januar 1997 in einem Minenfeld bei Huambo in Angola für die Ächtung von Landminen geworben — eine Kampagne, die nach ihrem Tod dem im Dezember in Ottawa unterzeichneten Minenverbotsvertrag zusätzlichen Schwung verleiht. Im Juni hatte sie zudem fast 80 ihrer Ballkleider, darunter mehrere von Gianni Versace, bei Christie's in New York versteigern lassen und so über drei Millionen Dollar für Krebs- und Aids-Hilfe eingebracht.

Großbritannien übergibt Hongkong an China

Der Golden Bauhinia Square in Hongkong, Geschenk zur Übergabe an China 1997
Der Golden Bauhinia Square in Hongkong, Geschenk zur Übergabe an China 1997 (Wikimedia Commons, CC0)

Die britische Kolonialherrschaft über Hongkong hatte 1842 mit dem Vertrag von Nanking nach dem Ersten Opiumkrieg begonnen, war 1860 um Kowloon erweitert worden und wurde 1898 durch die Pachtung der „New Territories" für 99 Jahre abgerundet. Mit deren Auslaufen geht die Souveränität nach 156 Jahren um Mitternacht auf die Volksrepublik China über. Grundlage ist die britisch-chinesische Gemeinsame Erklärung, die Premierministerin Margaret Thatcher nach zähen Verhandlungen mit Deng Xiaoping am 19. Dezember 1984 in Peking unterzeichnet hatte, mit der Formel „Ein Land, zwei Systeme": Hongkong wird Sonderverwaltungszone und soll bis 2047 sein liberales Wirtschafts- und Rechtssystem behalten, während Peking künftig für Außen- und Verteidigungspolitik zuständig ist.

Die Zeremonie am Abend des 30. Juni im neuen Kongresszentrum in Wan Chai gerät zum Staatsakt: Prinz Charles verliest im Auftrag der Queen die Abschiedsrede, an seiner Seite der neue britische Premierminister Tony Blair, Außenminister Robin Cook und der scheidende letzte Gouverneur Chris Patten. Auf chinesischer Seite sind Staats- und Parteichef Jiang Zemin, Premier Li Peng und der künftige erste Regierungschef der Sonderverwaltungszone, Tung Chee-hwa, zugegen. Kurz vor Mitternacht werden der Union Jack und die Flagge des kolonialen Hongkong eingeholt, um 0 Uhr steigen die Flaggen der Volksrepublik und der neuen Sonderverwaltungszone. Prinz Charles und Gouverneur Patten schiffen sich anschließend auf der königlichen Jacht Britannia ein und verlassen Hongkong in Richtung Manila — das letzte Kapitel des britischen Empire in Ostasien schließt sich endgültig. Nur zwei Tage später, am 2. Juli, gibt Thailand die Bindung des Baht an den US-Dollar auf und löst damit die Asienkrise aus, die binnen Monaten auch Hongkongs Wirtschaft erfasst.

Weltklimakonferenz in Kyoto beschließt Klimaschutzprotokoll

Das Kongresszentrum in Kyoto, wo 1997 das Klimaprotokoll beschlossen wird
Das Kongresszentrum in Kyoto, wo 1997 das Klimaprotokoll beschlossen wird (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Zehn Tage lang ringen Delegierte aus rund 160 Staaten im japanischen Kyoto um ein verbindliches Abkommen; US-Vizepräsident Al Gore reist eigens an und signalisiert in letzter Minute Kompromissbereitschaft, Verhandlungsleiter Raúl Estrada-Oyuela aus Argentinien lässt in der Schlussnacht sogar die Sitzungssaaluhren anhalten, um den Abschluss noch am 11. Dezember zu erzwingen. Das Ergebnis, das Kyoto-Protokoll zur UN-Klimarahmenkonvention, verpflichtet die Industriestaaten erstmals völkerrechtlich verbindlich, ihren Ausstoß von sechs Treibhausgasen im Zeitraum 2008 bis 2012 gegenüber 1990 im Schnitt um 5,2 Prozent zu senken — gestaffelt nach Ländern, etwa acht Prozent für die Europäische Union, sieben Prozent für die USA und sechs Prozent für Japan. Als Zugeständnis an die Industriestaaten erlaubt das Protokoll flexible Mechanismen wie den Emissionshandel und gemeinsame Klimaschutzprojekte zwischen Staaten.

Noch während der Verhandlungen beschließt der US-Senat einstimmig mit 95 zu 0 Stimmen die sogenannte Byrd-Hagel-Resolution, die jedem Abkommen ohne bindende Verpflichtungen auch für Entwicklungsländer eine Absage erteilt — ein früher Vorbote dafür, dass Washington das Protokoll nie ratifizieren wird. Bis das Kyoto-Protokoll tatsächlich in Kraft tritt, vergehen so noch Jahre der Ratifizierung, erst 2005 nach dem Beitritt Russlands — doch der Grundstein für die internationale Klimapolitik ist mit dem Kyoto-Gipfel gelegt.

4 · Rekordarbeitslosigkeit erschüttert die Bundesrepublik

Ein Arbeitsamt — 1997 erreicht die Arbeitslosigkeit einen Rekord Ein Arbeitsamt — 1997 erreicht die Arbeitslosigkeit einen Rekord (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Im Jahresdurchschnitt 1997 zählt die Bundesanstalt für Arbeit 4,384 Millionen Arbeitslose — eine Arbeitslosenquote von 11,4 Prozent und damit der höchste Stand seit Bestehen der Bundesrepublik. Besonders hart trifft es die neuen Bundesländer, wo die Quote noch deutlich über dem westdeutschen Wert liegt und der Umbau der Industrie nach der Wiedervereinigung längst nicht abgeschlossen ist. Bundeskanzler Helmut Kohl, seit 1982 im Amt und mit seiner CDU/CSU-FDP-Koalition auch 1997 unter Arbeitsminister Norbert Blüm um ein „Bündnis für Arbeit" mit Gewerkschaften und Arbeitgebern bemüht, gerät wegen der anhaltenden Wirtschaftsflaute und der wachsenden Zahl von Langzeitarbeitslosen zunehmend unter Druck. In der SPD-Opposition profiliert sich unterdessen Niedersachsens Ministerpräsident Gerhard Schröder als Herausforderer für die Kanzlerkandidatur. Die Debatte um Reformen am Arbeitsmarkt und den Sozialstaat bestimmt fortan die politische Tagesordnung bis zur Bundestagswahl im Herbst 1998. In Schleswig-Holstein, wo seit 1993 Heide Simonis als erste Ministerpräsidentin eines deutschen Bundeslandes regiert, schlägt die Krise besonders auf die von Strukturwandel geprägte maritime Wirtschaft durch — die Werften an Kieler Förde und Küste müssen sich im internationalen Wettbewerb behaupten, während der Dienstleistungssektor nur langsam neue Stellen schafft.

Kiel wählt erstmals seinen Oberbürgermeister direkt

Das Rathaus von Kiel
Das Rathaus von Kiel (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Mit der reformierten schleswig-holsteinischen Gemeindeordnung endet die alte norddeutsche Magistratsverfassung, unter der Oberbürgermeister und Stadtdirektor bislang vom Rat bestimmt wurden und der Kieler Stadtrat nur bis Dezember 1996 in dieser Form tagte. Erstmals dürfen die Kielerinnen und Kieler ihr Stadtoberhaupt direkt an die Urne wählen: Am 26. Mai setzt sich der langjährige Bundestagsabgeordnete Norbert Gansel (SPD) mit über 60 Prozent der Stimmen durch. Der gebürtige Kieler und promovierte Jurist hatte den Wahlkreis Kiel seit 1972 ununterbrochen im Bundestag vertreten, sich dort als sicherheits- und verteidigungspolitischer Fachmann seiner Partei einen Namen gemacht und galt als „gläserner Abgeordneter", der auf Nebentätigkeiten und Spenden verzichtete. Am 17. Juni legt er sein Bundestagsmandat nieder und tritt sein neues Amt als erster direkt gewählter Oberbürgermeister der Landeshauptstadt an. Die Reform der Gemeindeordnung, unter der Regierung von Ministerpräsidentin Heide Simonis vom Kieler Landtag beschlossen, betrifft nicht nur Kiel, sondern führt landesweit in allen schleswig-holsteinischen Städten und Gemeinden die Direktwahl der Bürgermeisterinnen und Bürgermeister ein und löst damit die überkommene norddeutsche Trennung von Rat und hauptamtlicher Verwaltungsspitze schrittweise ab.

An der Förde geht derweil der Alltag seinen Gang: Die Kieler Woche lockt im Juni wie gewohnt Segler und Publikum aus aller Welt an die Kiellinie und bleibt mit ihrer langen Segeltradition seit dem 19. Jahrhundert das prägende Ereignis des städtischen Sommers, während die Werftindustrie der Stadt — allen voran die Howaldtswerke-Deutsche Werft (HDW) mit ihrem traditionsreichen U-Boot- und Handelsschiffbau — angesichts des internationalen Preisdrucks und schwindender Belegschaften um ihre Zukunft als einer der größten Arbeitgeber der Stadt ringt. Für den neuen Oberbürgermeister Gansel wird die Sicherung dieser maritimen Arbeitsplätze neben der Haushaltskonsolidierung zu einer der zentralen Aufgaben seiner Amtszeit.

Chinas „Chefarchitekt" Deng Xiaoping stirbt in Peking

Deng Xiaoping, Chinas starker Mann bis zu seinem Tod 1997
Deng Xiaoping, Chinas starker Mann bis zu seinem Tod 1997 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Deng Xiaoping, seit den späten 1970er Jahren ohne höchstes Staatsamt doch als starker Mann der Volksrepublik unangefochten, stirbt am 19. Februar im Alter von 92 Jahren in Peking an den Folgen einer fortgeschrittenen Parkinson-Erkrankung und einer Lungenentzündung. Als Initiator der 1978 eingeleiteten Reform- und Öffnungspolitik hatte er China marktwirtschaftliche Elemente verordnet, ohne die Herrschaft der Kommunistischen Partei infrage zu stellen — sein Diktum vom „Sozialismus chinesischer Prägung" prägt die chinesische Wirtschaftspolitik bis heute. Zugleich trägt er als damaliger starker Mann die Verantwortung für die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Pekinger Tiananmen-Platz im Juni 1989. Gemäß seinem ausdrücklichen Wunsch, keinen Personenkult wie um Mao Zedong zuzulassen, gibt es keine Gedenkhalle: Nach der Trauerfeier am 25. Februar wird seine Asche am 2. März dem Meer übergeben.

Deng erlebt damit den Höhepunkt seines außenpolitischen Erbes nicht mehr: Die von ihm 1984 mit Margaret Thatcher ausgehandelte Formel „Ein Land, zwei Systeme" für Hongkong tritt erst gut vier Monate nach seinem Tod, am 1. Juli, in Kraft. Sein designierter Nachfolger, Partei- und Staatschef Jiang Zemin, führt die Übergabe der britischen Kronkolonie ohne den einstigen Übervater zu Ende und festigt in den Monaten danach seine eigene Machtstellung an der Staats- und Parteispitze.

„New Labour" gewinnt Erdrutschsieg in Großbritannien

Tony Blair im Jahr 1997, als er britischer Premierminister wird
Tony Blair im Jahr 1997, als er britischer Premierminister wird (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Tony Blair und seine als „New Labour" positionierte Partei beenden bei der Unterhauswahl 18 Jahre ununterbrochener konservativer Regierungszeit: Labour erringt 418 der 659 Sitze und damit eine Mehrheit von 179 Sitzen im Unterhaus — der höchste Sitzgewinn der Parteigeschichte. Die regierenden Konservativen um Premierminister John Major stürzen auf nur noch 165 Sitze ab, ihre schwerste Wahlniederlage seit 1906, und verlieren sämtliche Mandate in Schottland und Wales. Bei einer Wahlbeteiligung von 71,4 Prozent — einem Nachkriegstiefstand — genügen Blair rund 43 Prozent der Stimmen für den Erdrutschsieg. Am 2. Mai wird der 43-Jährige als jüngster britischer Premierminister seit 1812 vereidigt.

Blairs Wahlkampf unter dem Motto „New Labour, New Life for Britain" und dem von Gordon Brown und Peter Mandelson mitgeprägten „Dritten Weg" zwischen klassischer Sozialdemokratie und Marktwirtschaft läutet für Großbritannien das kulturelle Klima des „Cool Britannia" ein. Eine der ersten großen Amtshandlungen seiner Regierung: Bereits Anfang Mai überträgt Schatzkanzler Brown der Bank of England die geldpolitische Unabhängigkeit. Wenige Wochen später tritt der neue Premierminister sein erstes große internationale Protokoll an — an der Seite von Prinz Charles bei der Übergabezeremonie Hongkongs am 30. Juni/1. Juli in Wan Chai.

Mobutu gestürzt: Aus Zaire wird die Demokratische Republik Kongo

Laurent-Désiré Kabila, der 1997 Mobutu stürzt und neuer Präsident wird
Laurent-Désiré Kabila, der 1997 Mobutu stürzt und neuer Präsident wird (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Nach 32-jähriger, zunehmend nur noch durch Repression und Vetternwirtschaft zusammengehaltener Diktatur muss Mobutu Sese Seko sein Land verlassen: Am 16. Mai flieht der schwerkranke Diktator aus Zaire ins Exil, tags darauf ziehen die Rebellentruppen der Allianz Demokratischer Kräfte für die Befreiung Kongo-Zaires (AFDL) unter ihrem Anführer Laurent-Désiré Kabila kampflos in die Hauptstadt Kinshasa ein. Der von Ruanda und Uganda unterstützte Kabila hatte den seit Herbst 1996 andauernden Bürgerkrieg, ausgelöst durch den Widerstand der im Osten des Landes lebenden Banyamulenge gegen ihre angeordnete Vertreibung, binnen weniger Monate zu einem Marsch quer durch das riesige zentralafrikanische Land ausgeweitet. Kabila erklärt sich in den folgenden Tagen zum neuen Präsidenten und benennt das Land in Demokratische Republik Kongo um — jenen Namen, den es bereits vor Mobutus Machtübernahme 1965 getragen hatte.

Mobutu, der das rohstoffreiche Land seit seinem Putsch 1965 mit Rückhalt westlicher Staaten im Kalten Krieg autoritär regiert und sich dabei persönlich massiv bereichert hatte, stirbt nur wenige Monate später, im September 1997, im marokkanischen Exil an Prostatakrebs. Kabilas Herrschaft bringt dem Land jedoch keinen dauerhaften Frieden: Bereits im August 1998 bricht mit dem sogenannten Zweiten Kongokrieg der nächste, noch blutigere Konflikt aus, an dem in den Folgejahren zahlreiche Nachbarstaaten beteiligt sind.

Jahrhundertflut an der Oder fordert rund hundert Todesopfer

Hochwasser an der Oder im Juli 1997
Hochwasser an der Oder im Juli 1997 (Wikimedia Commons, GFDL 1.2)

Eine sogenannte Vb-Wetterlage mit den Tiefdruckgebieten „Xolska" und „Zoe" bringt Anfang Juli sintflutartige Regenfälle über Tschechien und Polen und lässt die Oder binnen weniger Tage auf ein seit Beginn der Aufzeichnungen unerreichtes Rekordniveau steigen. Bereits am 14. Juli erreichen die Fluten Frankfurt an der Oder; Ende Juli brechen mehrere Deiche, unter anderem im deutsch-polnischen Grenzgebiet, und überfluten weite Landstriche. Rund hundert Menschen sterben, die meisten davon in Polen und Tschechien; der Sachschaden in beiden Ländern wird auf umgerechnet rund 3,8 Milliarden Euro geschätzt, in Deutschland auf gut 330 Millionen Euro.

In den betroffenen deutschen Landkreisen Brandenburgs werden tausende Anwohner evakuiert. Die Bundeswehr fährt ab dem 18. Juli einen ihrer größten Inlandseinsätze der Nachkriegszeit, mit rund 30.000 eingesetzten Soldaten, die Sandsackketten stapeln und Deiche sichern. Bundeskanzler Helmut Kohl besucht die Flutgebiete und sichert Wiederaufbauhilfen zu. Die Katastrophe entfacht — im selben Jahr, in dem in Kyoto über ein globales Klimaschutzabkommen verhandelt wird — auch in Deutschland eine neue Debatte über Hochwasserschutz, Flussbegradigungen und die Folgen des Klimawandels für Mitteleuropa.

Schumacher rammt Villeneuve und verliert die WM am Schreibtisch

Michael Schumacher im Jahr 1997
Michael Schumacher im Jahr 1997 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0)

Beim Saisonfinale, dem Großen Preis von Europa im spanischen Jerez de la Frontera, kulminiert der monatelange Fahrer-Zweikampf zwischen Michael Schumacher (Ferrari) und Jacques Villeneuve (Williams), die mit nur einem Punkt Vorsprung für den Deutschen ins Rennen gehen. 22 Runden vor Schluss setzt Villeneuve zum Überholmanöver an der Ferrari-Innenseite an — Schumacher lenkt daraufhin scharf in den Williams hinein, prallt jedoch selbst ins Kiesbett und scheidet aus, während Villeneuve mit beschädigtem Wagen weiterfährt und als Dritter genug Punkte für seinen ersten und einzigen Fahrertitel sammelt. Fernsehkommentator Martin Brundle bringt den misslungenen Rammversuch mit dem Satz „you hit the wrong part of him" auf den Punkt.

Der Automobil-Weltverband FIA wertet Schumachers Manöver nach eingehender Untersuchung als „vorsätzlich, wenn auch nicht vorher geplant" und spricht eine beispiellose nachträgliche Disqualifikation aus der gesamten Fahrerweltmeisterschaft 1997 aus — seine Rennsiege des Jahres bleiben zwar in der Statistik stehen, in der WM-Wertung jedoch wird er gestrichen. Schumacher bleibt bis heute der einzige Pilot in der Geschichte der Formel 1, dem dieses Schicksal widerfährt. Der Vorfall an der andalusischen Küste gilt bis heute als eines der umstrittensten Kapitel der Formel-1-Geschichte.

Weltpremiere von „Titanic" — teuerster Film aller Zeiten startet in den Kinos

Die RMS Titanic 1912 in Southampton — Vorbild für Camerons Filmepos von 1997 (Symbolfoto)
Die RMS Titanic 1912 in Southampton — Vorbild für Camerons Filmepos von 1997 (Symbolfoto, Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Mit rund 200 Millionen US-Dollar Produktionskosten ist James Camerons Katastrophenepos „Titanic" zum Zeitpunkt seiner Fertigstellung der teuerste Kinofilm der Geschichte — Gerüchte über ein finanzielles Desaster für die Studios Paramount und 20th Century Fox begleiten die monatelang verzögerte Fertigstellung. Die Weltpremiere findet am 1. November beim Tokyo International Film Festival statt, da Cameron in Japan seit seinem Vorgängerfilm „Abyss" über eine große Fangemeinde verfügt; der reguläre Kinostart in den USA folgt, nach mehrfacher Verschiebung, am 19. Dezember. Im Zentrum der fiktiven Liebesgeschichte an Bord des 1912 gesunkenen Ozeandampfers stehen Leonardo DiCaprio und Kate Winslet als Jack und Rose; die kanadische Sängerin Céline Dion steuert mit „My Heart Will Go On" den Titelsong bei, der zu einem der meistverkauften Singles des Jahrzehnts wird.

Entgegen den anfänglichen Unkenrufen entwickelt sich „Titanic" binnen weniger Wochen zum Kassenschlager und hält sich über drei Monate an der Spitze der US-Kinocharts — noch bevor die deutschen Kinos ihn Ende Januar 1998 zeigen, ist er bereits zum meistdiskutierten Filmereignis des ausgehenden Jahres geworden. Bei der Oscar-Verleihung im März 1998 räumt er schließlich mit elf Auszeichnungen ab, darunter „Bester Film" und „Beste Regie", und stellt damit den bis dahin bestehenden Rekord ein.

Bürgerschaftswahl in Hamburg: SPD verliert die absolute Mehrheit, Voscherau tritt ab

Der Plenarsaal der Hamburgischen Bürgerschaft im Rathaus
Der Plenarsaal der Hamburgischen Bürgerschaft im Hamburger Rathaus (Wikimedia Commons, CC0)

Bei der Bürgerschaftswahl am 21. September verliert die Hamburger SPD ihre jahrzehntelange dominante Stellung im Stadtstaat: Mit nur 36,2 Prozent erzielt sie ihr schwächstes Ergebnis seit 1946. Die CDU kommt auf 30,7 Prozent, die Grün-Alternative Liste (GAL) legt auf 13,9 Prozent zu. Die bisherige Koalitionspartnerin der SPD, die Statt Partei, stürzt auf 3,8 Prozent ab und fliegt aus der Bürgerschaft, während die rechtsextreme Deutsche Volksunion (DVU) mit 4,98 Prozent nur um 169 Stimmen an der Fünf-Prozent-Hürde scheitert. Die Wahlbeteiligung liegt bei 68,7 Prozent.

Noch am Wahlabend zieht der bisherige Erste Bürgermeister Henning Voscherau die Konsequenzen aus dem historisch schlechten Ergebnis seiner Partei und erklärt, seine „Schmerzgrenze" sei unterschritten; am 8. Oktober scheidet er nach mehr als sieben Jahren im Amt aus. Die SPD sucht daraufhin das Bündnis mit der GAL, gegen die sie in der vorigen Wahlperiode noch mit der Statt Partei regiert hatte, und am 12. November wählt die neue Bürgerschaft Ortwin Runde zum Ersten Bürgermeister einer rot-grünen Koalition, die mit 75 der 121 Sitze über eine komfortable Mehrheit verfügt — für die Hansestadt ein Regierungswechsel im politischen Stil, wenn auch nicht in der Führungspartei.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Die Nasa-Sonde Mars Pathfinder landet am 4. Juli auf dem Mars und schickt mit dem kleinen Rover „Sojourner" erstmals ein fahrbares Gerät über die Oberfläche des Roten Planeten.
  • Im Mai schlägt der IBM-Schachcomputer Deep Blue Weltmeister Garri Kasparow in einem Wettkampf über sechs Partien — erstmals unterliegt ein amtierender Schachweltmeister einer Maschine unter Turnierbedingungen.
  • Am 5. September stirbt Mutter Teresa im Alter von 87 Jahren in Kalkutta, nur wenige Tage nach Diana, deren Tod sie weltweit an die Seite gestellt wird.
  • Bereits im Februar wird bekannt, dass schottischen Forschern mit dem Schaf „Dolly" erstmals das Klonen eines Säugetiers aus einer erwachsenen Körperzelle gelungen ist.
  • Nach seinem Periheldurchgang am 1. April ist der Komet Hale-Bopp monatelang am Nachthimmel mit bloßem Auge zu sehen — mit rund eineinhalb Jahren Sichtbarkeit ein Rekord, der den bisherigen Bestwert aus dem Jahr 1811 deutlich übertrifft.
  • Am 26. Juni erscheint in Großbritannien beim Verlag Bloomsbury mit „Harry Potter und der Stein der Weisen" der erste Band der Romanreihe von J. K. Rowling — der Beginn einer der erfolgreichsten Buchreihen der Welt.
  • Am 14. Juni gewinnt der VfB Stuttgart im Berliner Olympiastadion das DFB-Pokalfinale mit 2:0 gegen den Drittligisten Energie Cottbus und sichert sich seinen dritten Pokalsieg.
  • Auf der Kieler Förde siegt bei den Regatten der Kieler Woche in der Tornado-Klasse das neu formierte Duo Roland Gäbler und René Schwall — der Beginn einer Segelpartnerschaft, die sie Jahre später bis zur Bronzemedaille bei Olympia 2000 führen wird.

SPORT · 1997

Der deutsche Fußball und Radsport erleben, wie in den LICHTBLICKEN vermerkt, ein Ausnahmejahr. Im Münchner Olympiastadion schlägt Borussia Dortmund unter Trainer Ottmar Hitzfeld am 28. Mai Titelverteidiger Juventus Turin mit 3:1: Karl-Heinz Riedle trifft doppelt, ehe der erst 16 Sekunden zuvor eingewechselte 20-jährige Lars Ricken mit seiner ersten Ballberührung zum Endstand einlupft — Juventus' Ehrentreffer erzielt Alessandro Del Piero per Hackentrick. Auf der Straße wiederum verhilft Bjarne Riis, Vorjahressieger und Kapitän des Team Telekom, seinem jungen Teamkollegen Jan Ullrich in den Pyrenäen bei der Bergankunft in Arcalís zum entscheidenden Vorsprung, indem er ihn ziehen lässt — Ullrich gewinnt daraufhin als erster Deutscher überhaupt die Tour de France und löst damit im Land einen regelrechten Radsportboom aus.

An der Förde selbst bleibt der Sport unspektakulärer, wenn auch nicht ohne Erfolge: Handball-Bundesligist THW Kiel beendet die Saison 1996/97 auf Rang drei hinter Meister TBV Lemgo und dem SC Flensburg-Handewitt und sichert sich damit die Teilnahme am EHF-Pokal. Die Kieler Woche lockt im Juni wie gewohnt Segler aus aller Welt an die Kiellinie, während sich die Fußballfans der Stadt mit dem Amateurbetrieb begnügen müssen — von der großen Fußball-Bühne ist Kiel 1997 weit entfernt.

MODE · 1997

Am 15. Juli wird der italienische Modeschöpfer Gianni Versace vor den Stufen seiner Villa Casa Casuarina in Miami Beach erschossen. Als Täter ermittelt das FBI den 27-jährigen Andrew Cunanan, der zwischen Ende April und Juli 1997 bereits vier andere Männer getötet hatte und acht Tage nach dem Mord an Versace auf einem Hausboot unweit des Tatorts durch Suizid stirbt; ein Motiv oder eine Verbindung zwischen Täter und Opfer findet sich nie. Die Nachricht erschüttert die Modewelt und macht weltweit Schlagzeilen, nur wenige Wochen vor dem Tod Prinzessin Dianas, die selbst wiederholt von Versace eingekleidet wurde und im Juni bei ihrer Wohltätigkeitsauktion bei Christie's auch Versace-Roben versteigern ließ. Seine Schwester Donatella Versace übernimmt die künstlerische Leitung des von Gianni 1978 gegründeten Modehauses und führt dessen lautes, glamouröses Erbe fort. Über den Trauerfall hinaus prägt „Logomania" — auffällige Markenlogos auf Taschen, Gürteln und Kleidung, wie sie Versace selbst salonfähig gemacht hatte — neben einem Gegentrend zu betont schlichter Eleganz das Modebild des Jahres.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1997

  • Dortmund holt den Henkelpott (28. Mai). Borussia Dortmund gewinnt in München das Champions-League-Finale 3:1 gegen Titelverteidiger Juventus Turin — bis heute der einzige europäische Cup-Gewinn des Vereins aus Nordrhein-Westfalen, überregional gefeiert.
  • Ullrich gewinnt als erster Deutscher die Tour de France (27. Juli). Mit über neun Minuten Vorsprung fährt Jan Ullrich zum Gesamtsieg — ein historischer Erfolg für den deutschen Radsport, der weit über die Landesgrenzen Beachtung findet.
  • Nobelpreis für den Kampf gegen Landminen (10. Oktober). Die Internationale Kampagne für ein Verbot von Landminen (ICBL) und ihre Mitbegründerin Jody Williams erhalten den Friedensnobelpreis 1997 — im Dezember unterzeichnen in Ottawa 122 Staaten den Vertrag zur Ächtung von Antipersonenminen, ein historischer Erfolg internationaler Zivilgesellschaft.
  • Heimsieg auf der Kieler Förde (Juni 1997). Bei den Regatten der Kieler Woche gewinnen Wolfgang Hunger und Holger Jess aus dem Förde-Ort Strande die 505er-Klasse — ein Erfolg direkt vor der eigenen Haustür, während sich in der Bucht Seglerinnen und Segler aus aller Welt messen.

DAS WETTER · 1997 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein warmer Sommertag: Höchstwert 24,7 °C, in der Nacht 13,3 °C, im Mittel 19,4 °C; kein Tropfen Regen fiel.

Das Jahr über: Im Mittel 8,9 °C. Wärmster Tag 31,4 °C am 25. August, kältester −12,8 °C am 2. Januar. 3 Hitzetage (≥ 30 °C), 16 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 690 mm.

(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1997

Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.

  1. Time To Say Goodbye (Con Te Partirò) — Sarah Brightman & Andrea Bocelli
  2. I'll Be Missing You — Puff Daddy feat. Faith Evans & 112
  3. Candle In The Wind '97 — Elton John
  4. Men In Black — Will Smith
  5. Don't Speak — No Doubt
  6. Lonely — Nana
  7. I Believe I Can Fly — R. Kelly
  8. Barbie Girl — Aqua
  9. Engel — Rammstein
  10. Sonic Empire — Members Of Mayday
  11. Die Längste Single Der Welt — Wolfgang Petry
  12. Un-Break My Heart — Toni Braxton
  13. Freed From Desire — Gala
  14. So Strung Out — C-Block
  15. When I Die — No Mercy
  16. Samba De Janeiro — Bellini
  17. Aïcha — Khaled
  18. MMMBop — Hanson
  19. Tubthumping — Chumbawamba
  20. It's Like That — Run-D.M.C. vs. Jason Nevins

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).