DER CHRONIST

Ein Jahr an der Schwelle zum neuen Jahrtausend: Eine neue Währung wird geboren, ohne dass eine Münze klimpert, deutsche Soldaten ziehen erstmals seit 1945 wieder in einen Kampfeinsatz, und der Himmel über dem Land verdunkelt sich am helllichten Tag. Zum Jahresende tobt über Kiel und der Förde einer der schwersten Orkane seit Jahrzehnten, während im fernen Moskau der Kreml-Chef sein Amt an einen Nachfolger übergibt, der Russlands Geschick für Jahrzehnte prägen wird. An der Börse liefern sich zwei Mobilfunkkonzerne die größte Übernahmeschlacht der deutschen Wirtschaftsgeschichte, während ein Spendenskandal die Ära Kohl nachträglich erschüttert. Im fernen Osttimor erkämpft sich ein kleines Volk unter Blutvergießen seine Unabhängigkeit, während ein Studentenprogramm namens Napster im Internet die Musikwelt für immer verändert. Und während die Welt in der Silvesternacht bang auf einen befürchteten Computer-Kollaps wartet, hat im Kino längst ein junger Hacker namens Neo den nächsten Umbruch eingeläutet.

Die Schlagzeilen des Jahres

Der Euro kommt — als Buchgeld für elf Staaten

Die Euro-Skulptur in Frankfurt — 1999 kommt der Euro als Buchgeld
Die Euro-Skulptur in Frankfurt — 1999 kommt der Euro als Buchgeld (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Der Einführung ist ein jahrzehntelanger Weg vorausgegangen: Bereits 1970 skizzierte der Werner-Plan eine gemeinsame europäische Währung, 1979 folgte das Europäische Währungssystem mit festen, aber anpassbaren Wechselkursen. Den entscheidenden Anstoß gab erst der Vertrag von Maastricht 1992, der verbindliche Konvergenzkriterien für Inflation, Haushaltsdefizit (höchstens drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts) und Staatsverschuldung (höchstens 60 Prozent) festschrieb. Beim Gipfel von Madrid 1995 einigten sich die Staats- und Regierungschefs auf den Namen „Euro" und den weiteren Fahrplan.

Zum Jahresbeginn tritt nun die dritte Stufe der Europäischen Währungsunion in Kraft: In Belgien, Deutschland, Finnland, Frankreich, Irland, Italien, Luxemburg, den Niederlanden, Österreich, Portugal und Spanien wird der Euro eingeführt — vorerst nur als Buchgeld für Überweisungen, Buchungen und Börsengeschäfte. Scheine und Münzen bleiben der D-Mark vorbehalten, sie sollen erst 2002 folgen. Die Wechselkurse der elf Teilnehmerwährungen werden unwiderruflich fixiert: Eine D-Mark entspricht künftig exakt dem festen Kurs von 1,95583 D-Mark je Euro. Die Deutsche Bundesbank unter ihrem scheidenden Präsidenten Hans Tietmeyer gibt fortan ihre eigenständige Geldpolitik an die neue Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main ab, deren ersten Präsidenten der Niederländer Wim Duisenberg stellt. Großbritannien, Dänemark und Schweden bleiben dem Euro aus eigenem Entschluss fern, Griechenland erfüllt die Konvergenzkriterien noch nicht und soll erst 2001 als zwölftes Land folgen.

An den Börsen wird von Handelsbeginn an in Euro notiert, Konzerne stellen ihre Bilanzen um — doch im Alltag der Verbraucher ändert sich zunächst wenig: Löhne, Preise und Portemonnaies bleiben bis zum Bargeldwechsel 2002 der D-Mark vorbehalten. In der deutschen Bevölkerung mischt sich Aufbruchstimmung mit Skepsis: Viele fürchten um die Stabilität der neuen Währung und um den Verlust eines vertrauten Stücks nationaler Identität, das die D-Mark seit dem Wirtschaftswunder verkörpert hatte.

Kosovo-Krieg: NATO bombardiert Jugoslawien, erster Kampfeinsatz der Bundeswehr

Ein Tornado der Luftwaffe — 1999 erster Kampfeinsatz der Bundeswehr im Kosovo
Ein Tornado der Luftwaffe — 1999 erster Kampfeinsatz der Bundeswehr im Kosovo (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0)

Vorausgegangen war ein Jahr blutiger Kämpfe zwischen der Untergrundarmee UÇK und serbischen Sicherheitskräften im Kosovo. Als am 15. Januar in Račak die Leichen von rund 45 getöteten Kosovo-Albanern gefunden werden — mutmaßlich Opfer eines Massakers serbischer Sondereinheiten —, wächst der internationale Druck. Die Anfang Februar einberufene Konferenz von Rambouillet bei Paris soll eine Verhandlungslösung erzwingen: Die kosovo-albanische Delegation stimmt dem vorgelegten Autonomieplan Mitte März zu, die jugoslawische Führung unter Slobodan Milošević verweigert jedoch die vorgesehene Stationierung von NATO-Truppen und lässt die Gespräche endgültig scheitern.

Ohne UN-Mandat beginnen die NATO-Staaten daraufhin am 24. März Luftangriffe auf Jugoslawien (Operation „Allied Force"), um das serbische Vorgehen gegen die albanische Bevölkerung im Kosovo zu stoppen. Erstmals seit Bestehen der Bundesrepublik fliegt die Bundeswehr mit ECR-Tornado-Jagdbombern, die vom italienischen Stützpunkt Piacenza aus starten, Kampfeinsätze zur Bekämpfung feindlicher Luftabwehrstellungen — ein historischer Bruch mit der westdeutschen Nachkriegszurückhaltung, den die rot-grüne Bundesregierung unter Kanzler Gerhard Schröder, Verteidigungsminister Rudolf Scharping und Außenminister Joschka Fischer mit der Verhinderung einer „humanitären Katastrophe" begründet. Fischer verteidigt den Kurs im Mai auf einem stürmischen Sonderparteitag der Grünen in Bielefeld gegen den erbitterten Widerstand des pazifistischen Parteiflügels.

Während der rund zweieinhalbmonatigen Luftkampagne fliehen nach UNHCR-Schätzungen hunderttausende Kosovo-Albaner vor serbischen Vertreibungen und Kampfhandlungen nach Albanien und Mazedonien; ein versehentlicher NATO-Bombentreffer auf die chinesische Botschaft in Belgrad am 7. Mai belastet zusätzlich die diplomatischen Beziehungen zu Peking. Am 9. Juni unterzeichnen jugoslawisches und NATO-Militär das Militärabkommen von Kumanovo, am 10. Juni endet die Luftkampagne mit dem Abzug der serbischen Truppen aus dem Kosovo und der Stationierung internationaler Friedenstruppen. Die Schutztruppe KFOR rückt ein, an der auch deutsche Soldaten beteiligt sind — der Beginn eines bis heute andauernden Bundeswehreinsatzes auf dem Balkan.

Wahljahr 1999: Rot-Grün verliert Land um Land, die Bonner Republik dankt endgültig ab

CDU-Wahlplakat „Am 7. Februar: Roland Koch Ministerpräsident für Hessen", 1999
CDU-Wahlplakat „Am 7. Februar: Roland Koch Ministerpräsident für Hessen" (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Kaum vier Monate im Amt, muss die rot-grüne Bundesregierung unter Kanzler Gerhard Schröder ihre erste schwere Niederlage hinnehmen: Bei der Landtagswahl in Hessen am 7. Februar stürzt die SPD von der Regierungsbank, obwohl Umfragen ihr noch im Januar einen klaren Sieg vorhergesagt hatten. Die CDU gewinnt mit 43,4 % deutlich vor der SPD mit 39,4 %; Grüne (7,2 %) und FDP (5,1 %) ziehen ebenfalls wieder in den Wiesbadener Landtag ein. Bei einer Wahlbeteiligung von 66,4 % gibt den Ausschlag eine von Generalsekretär Wolfgang Schäuble ausgerufene Unterschriftenkampagne gegen das von Rot-Grün geplante Staatsangehörigkeits- recht mit doppelter Staatsbürgerschaft; allein in Hessen sammelt die Union binnen weniger Wochen rund 900.000 Unterschriften unter dem Motto „Ja zur Integration – Nein zur doppelten Staatsbürgerschaft". CDU-Spitzenkandidat Roland Koch bildet mit der FDP eine bürgerliche Koalition mit knapper Mehrheit und löst damit die zuvor rot-grüne Landesregierung ab. Der Verlust der hessischen Stimmen im Bundesrat kostet Rot-Grün in Berlin die dortige Mehrheit noch vor dem ersten Regierungsjubiläum.

Was in Wiesbaden beginnt, setzt sich das ganze Jahr über fort. Bei der Bundespräsidentenwahl am 23. Mai kürt die Bundesversammlung im Reichstagsgebäude zwar mit Johannes Rau (SPD) im zweiten Wahlgang mit 690 von benötigten 670 Stimmen einen Kandidaten aus dem eigenen Lager — gegen die von CDU/CSU aufgestellte Physikerin Dagmar Schipanski (572 Stimmen) und die von der PDS nominierte Uta Ranke-Heinemann. Doch schon drei Wochen später, bei der Europawahl am 13. Juni, wiederholt sich das Debakel von Hessen im großen Maßstab: CDU/CSU kommen bundesweit auf 48,7 %, die SPD stürzt auf 30,7 % ab — ihr schlechtestes bundesweites Ergebnis seit Jahrzehnten —, bei einer auf 45,2 % gesunkenen Wahlbeteiligung. Im Spätsommer und Herbst folgt Wahlgang auf Wahlgang in den Ländern, und fast überall verliert die SPD weiter an Boden, während die CDU gerade in Ostdeutschland historische Ergebnisse einfährt. Zum Jahresende sitzt die Bundesregierung im Bundesrat einer Mehrheit unionsgeführter Länder gegenüber, die jedes Gesetzesvorhaben zum Verhandlungsfall macht.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Bremen, 6. Juni — SPD 42,6 %, CDU 37,1 %. Die Bürgerschaft bestätigt die große Koalition unter dem SPD-Bürgermeister.
  • Brandenburg, 5. September — SPD 39,3 %, CDU 26,5 %. SPD und CDU bilden eine große Koalition; die rechtsextreme DVU zieht mit 5,3 % erstmals in den Potsdamer Landtag ein.
  • Saarland, 5. September — CDU 45,5 %, SPD 44,4 %. Die CDU beendet die seit 1985 alleinregierende SPD-Ära; Peter Müller bildet ein CDU-Kabinett mit absoluter Mandatsmehrheit.
  • Thüringen, 12. September — CDU 51,0 %, PDS 21,4 %. Ministerpräsident Bernhard Vogel gewinnt erstmals die absolute Mehrheit und regiert allein weiter.
  • Sachsen, 19. September — CDU 56,9 %, PDS 22,2 %. Kurt Biedenkopf führt die CDU-Alleinregierung mit klarem Vorsprung fort.
  • Berlin, 10. Oktober — CDU 40,8 %, SPD 22,4 % — das schlechteste Berliner Nachkriegsergebnis der SPD. Die große Koalition unter Regierendem Bürgermeister Eberhard Diepgen wird ein drittes Mal aufgelegt.

Die letzte totale Sonnenfinsternis des Jahrhunderts

Die totale Sonnenfinsternis vom 11. August 1999
Die totale Sonnenfinsternis vom 11. August 1999 (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Der Kernschatten des Mondes wandert zunächst über den Atlantik, ehe er bei Falmouth in Cornwall englischen Boden erreicht — dort trüben vielerorts dichte Wolken die Sicht auf das Schauspiel. Ein knapp hundert Kilometer breiter Streifen der Totalität zieht weiter von Südengland über Frankreich nach Süddeutschland und über Karlsruhe, Stuttgart, Ulm, Augsburg und München hinweg — die letzte zentrale Sonnenfinsternis des 20. Jahrhunderts. Mancherorts verdunkelt sich der Himmel für über zwei Minuten. Millionen Menschen pilgern mit Spezialbrillen ins Freie, auf den Autobahnen bilden sich hunderte Kilometer lange Staus von Schaulustigen, die dem Wolkenfeld entkommen wollen — auch aus dem Norden macht sich mancher auf den Weg gen Süden, um die „Schwarze Sonne" live zu erleben.

Für Deutschland ist es ein Jahrhundertereignis: Erst am 3. September 2081 wird im äußersten Südwesten des Landes wieder eine totale Sonnenfinsternis zu beobachten sein. Von Süddeutschland aus zieht der Schatten an diesem 11. August weiter über Österreich, Ungarn, Rumänien und die Türkei bis in den Iran, nach Pakistan und Indien, ehe er im Golf von Bengalen endet.

Orkan Anatol verwüstet Schleswig-Holstein

Der Leuchtturm List auf Sylt — 1999 vom Orkan Anatol getroffen
Der Leuchtturm List auf Sylt — 1999 vom Orkan Anatol getroffen (Wikimedia Commons, CC BY 3.0)

Bereits am 2. Dezember hatte sich das Sturmtief westlich von Irland als flache Welle formiert, ehe es sich binnen weniger Stunden explosionsartig vertiefte und über die Nordsee hinweg auf Dänemark und Südschweden zuzog — dort gilt Anatol bis heute als der schwerste Orkan des 20. Jahrhunderts. Es ist zugleich der Auftakt zu einem außergewöhnlich sturmreichen Dezember 1999: Wenige Wochen später fegen mit Lothar und Martin zwei weitere verheerende Orkane über Frankreich und Mitteleuropa hinweg.

In der Nacht zum 4. Dezember fegt Orkantief Anatol mit einer mittleren Windgeschwindigkeit von rund 136 km/h und Böen von Orkanstärke über Norddeutschland hinweg. An der Station List auf Sylt werden knapp 185 km/h gemessen — Rekord der seit 50 Jahren laufenden Messreihe; auf der Insel fällt zeitweise für Stunden der Strom aus. An der Nordseeküste läuft eine schwere Sturmflut auf; die Deiche halten, doch in Hamburg steigt der Pegel auf 5,82 Meter über Normal-Null, den vierthöchsten Stand der jüngeren Geschichte, während bei Ribe in Dänemark mit 5,33 Metern der zweithöchste je gemessene Wasserstand erreicht wird. Die dänische Hallig Jordsand wird von den Wassermassen überspült und verschwindet als eigenständige Landform von der Karte, vor der Elbmündung havariert das Feuerschiff „Elbe 1" so schwer, dass es später verschrottet werden muss.

In Schleswig-Holstein und Hamburg entstehen Schäden in Millionenhöhe — allein beim größten Versicherer des Landes gehen rund 35.000 Schadensmeldungen aus Schleswig-Holstein ein. Drei Menschen sterben, mindestens sechs werden schwer verletzt. Auf der Insel Föhr knickt der Sturm hunderte Bäume; in Dänemark und Norddeutschland zusammen fallen nach ersten Schätzungen rund vier Millionen Kubikmeter Wald der Windwucht zum Opfer, mehr als die Hälfte davon allein in Südjütland — eine der schwersten Forstkatastrophen der jüngeren Geschichte in der Region. Auch im Raum Kiel richten die Orkanböen erhebliche Schäden an Bäumen, Dächern und Stromleitungen an — eines der schwersten Sturmereignisse, das die Förde und die Landeshauptstadt seit Jahrzehnten erlebt haben.

Jelzin tritt zurück, Putin übernimmt den Kreml

Boris Jelzin, der Ende 1999 zugunsten Wladimir Putins zurücktritt
Boris Jelzin, der Ende 1999 zugunsten Wladimir Putins zurücktritt (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Vorausgegangen war ein Jahr dramatischer Volatilität im Kreml: Der gesundheitlich schwer angeschlagene Jelzin hatte erst im August überraschend Wladimir Putin, bis dahin Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB, zu seinem Ministerpräsidenten ernannt. Putins Popularität wuchs rasant, als er im Herbst mit harter Hand den Zweiten Tschetschenienkrieg führte, und bei der Duma-Wahl am 19. Dezember schnitt die neu gegründete, Putin nahestehende Partei „Einheit" überraschend stark ab.

Fünf Minuten vor Mitternacht überrascht Boris Jelzin in seiner traditionellen Neujahrsansprache das Land mit der Ankündigung seines sofortigen Rücktritts: „Ich bin müde. Ich gehe." Die Präsidentschaft geht kommissarisch an Ministerpräsident Wladimir Putin über. Nicht Jelzin, sondern Putin hält Stunden später die Neujahrsrede an die Nation — der Machtwechsel im Kreml, der Russlands Geschick für die kommenden Jahrzehnte prägen wird, vollzieht sich formvollendet am letzten Tag des Jahrtausends.

Mit seinem Rücktritt löst Jelzin zugleich ein Versprechen ein: Eine seiner ersten Amtshandlungen als kommissarischer Präsident ist ein Dekret, das Jelzin und seiner Familie strafrechtliche Immunität sowie Privilegien zusichert. Die eigentlich für Sommer 2000 vorgesehene Präsidentschaftswahl wird auf den 26. März 2000 vorgezogen — einen Termin, den der amtierende Putin mit dem Amtsbonus klar für sich entscheidet.

Vodafone startet die Übernahmeschlacht um Mannesmann

Das Mannesmannhaus in Düsseldorf, historischer Sitz des Mannesmann-Konzerns (Aufnahme von 2012)
Das Mannesmannhaus in Düsseldorf, Sitz des Konzerns, um dessen Übernahme Vodafone 1999 kämpft — hier eine spätere Aufnahme des Gebäudes (Wikimedia Commons, CC BY 2.0)

Kaum hat der Duisburger Industriekonzern Mannesmann unter seinem Vorstandsvorsitzenden Klaus Esser Mitte November den britischen Mobilfunkanbieter Orange plc übernommen, meldet sich schon der Herausforderer: Der britische Mobilfunkkonzern Vodafone AirTouch unter Chef Chris Gent kündigt einen Tag später ein Übernahmeangebot für Mannesmann an — zunächst rund 100 Milliarden Euro, zu zahlen in Vodafone-Aktien. Esser weist das Angebot als „völlig unangemessen" zurück, der von Josef Ackermann geführte Aufsichtsrat stellt sich hinter ihn. Es ist der Auftakt zur ersten großen feindlichen Übernahmeschlacht der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

Die folgenden Wochen sind geprägt von öffentlich ausgetragenen Wortgefechten, Anzeigenkampagnen und Interventionen aus der Politik. Wichtige internationale Großaktionäre drängen Esser zunehmend zum Einlenken. Zum Jahreswechsel ist die Schlacht um Mannesmann noch unentschieden — erst im neuen Jahr wird sie mit einem deutlich erhöhten Angebot und der Übernahme durch Vodafone enden.

CDU-Spendenaffäre: Kohl räumt „schwarze Konten" ein

Altkanzler Helmut Kohl, der 1999 die Existenz „schwarzer Konten" der CDU einräumt
Altkanzler Helmut Kohl, im Zentrum der CDU-Spendenaffäre 1999 — hier ein Porträt von 1994 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Am 5. November stellt sich der frühere CDU-Schatzmeister Walther Leisler Kiep nach einem Haftbefehl wegen Steuerhinterziehung der Staatsanwaltschaft — der Auftakt einer Affäre, die die Partei bis in ihre Fundamente erschüttert. Am 26. November räumt der frühere CDU-Generalsekretär Heiner Geißler öffentlich ein, die Partei habe in der Ära Kohl über Jahre „schwarze Konten" am offiziellen Rechnungswesen vorbei geführt. Vier Tage später, am 30. November, bestätigt Altkanzler Helmut Kohl in einem Fernsehinterview erstmals selbst die Existenz solcher Konten und räumt ein, rund 2,1 Millionen D-Mark verdeckter und damit illegaler Parteispenden entgegengenommen zu haben.

Die Namen der Spender zu nennen, verweigert Kohl unter Berufung auf ein gegebenes „Ehrenwort" — eine Haltung, die die Öffentlichkeit empört und den Druck auf die Partei weiter erhöht. Am 2. Dezember setzt der Bundestag auf Antrag von SPD und Bündnis 90/Die Grünen einstimmig einen Untersuchungsausschuss ein, der klären soll, ob die verdeckten Spenden Einfluss auf Regierungsentscheidungen der Ära Kohl genommen haben. Die CDU-Spendenaffäre wird die Union noch weit über das Jahr 1999 hinaus beschäftigen.

Napster startet die Tauschbörsen-Ära

Napster-Gründer Shawn Fanning (mit Joi Ito)
Napster-Gründer Shawn Fanning, hier zusammen mit Joi Ito auf einer späteren Aufnahme von 2006 (Wikimedia Commons, CC BY 2.0)

Der 18-jährige Informatikstudent Shawn Fanning bringt gemeinsam mit seinem Freund Sean Parker am 1. Juni den Onlinedienst Napster an den Start — ein Programm, das es Nutzern erlaubt, MP3-Musikdateien direkt von Rechner zu Rechner zu tauschen, ohne dass die Dateien selbst über einen zentralen Server laufen. Die als Tauschbörse konzipierte Peer-to-Peer-Technologie trifft den Nerv einer Generation, die dank schnellerer Internetanschlüsse und aufkommender CD-Brenner erstmals im großen Stil digitale Musik kopieren und verbreiten kann.

Innerhalb weniger Monate verzeichnet Napster Millionen Nutzer weltweit und wird zum Symbol einer neuen, kostenlosen Musikkultur im Internet — sehr zum Missfallen der Plattenindustrie, die in dem Dienst eine existenzielle Bedrohung ihres Geschäftsmodells sieht. Der Rechtsstreit um Napster, der die Musikbranche noch jahrelang beschäftigen wird, kündigt sich bereits zum Jahresende an.

Osttimor stimmt für die Unabhängigkeit — Milizen wüten

CNRT-Kundgebung zum Unabhängigkeitsreferendum 1999 in Dili, Osttimor
CNRT-Kundgebung zum Unabhängigkeitsreferendum 1999 in Dili, Osttimor (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Unter Aufsicht der Vereinten Nationen (UNAMET) stimmen am 30. August rund 450.000 Wahlberechtigte in Osttimor darüber ab, ob das Territorium bei Indonesien verbleibt oder die Unabhängigkeit anstrebt. Bei einer Beteiligung von fast 99 Prozent votieren 78,5 Prozent für die vollständige Trennung von Indonesien — ein klares Votum, das schon im Vorfeld von einer Terrorkampagne pro-indonesischer Milizen begleitet worden war, die vom indonesischen Militär aufgestellt und ausgerüstet wurden.

Nach der Bekanntgabe des Ergebnisses schlagen die Milizen mit voller Härte zurück: In einer „Politik der verbrannten Erde" werden nach UN-Schätzungen bis zu 1.500 Menschen getötet und rund 70 Prozent der Bevölkerung vertrieben, große Teile der Infrastruktur des Landes werden zerstört. Erst der internationale Druck und die Entsendung einer von Australien geführten UN-Friedenstruppe im September bringen die Gewalt allmählich zum Erliegen — den Weg zur vollen staatlichen Unabhängigkeit wird Osttimor erst Jahre später erreichen.

Die Welt bangt vor dem Millennium-Bug

Krisenstab der japanischen Regierung zum Jahr-2000-Problem, 31. Dezember 1999
Der Krisenstab der japanischen Regierung überwacht in der Silvesternacht 1999 mögliche Computerausfälle durch den Millennium-Bug (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Weil in vielen älteren Computerprogrammen Jahreszahlen aus Speicherplatzgründen nur zweistellig abgelegt wurden, droht beim Sprung ins Jahr 2000 eine Verwechslung mit 1900 — der gefürchtete Millennium-Bug oder Jahr-2000-Problem. Weltweit wird befürchtet, dass Kraftwerke, Banken, Flugsicherungen und andere kritische Systeme beim Jahreswechsel ausfallen könnten. Regierungen und Unternehmen investieren daraufhin Milliardensummen, um ihre Systeme rechtzeitig umzustellen — allein die Deutsche Bahn gibt rund 200 Millionen D-Mark für die Umrüstung ihrer Computertechnik aus.

In der Bevölkerung mischt sich nüchterne Vorsorge mit regelrechter Panik: Manche legen sich Vorräte, Bargeld und Kerzen zurecht, für den Fall, dass Strom- oder Wasserversorgung in der Silvesternacht zusammenbrechen. Als die Uhren weltweit auf Mitternacht springen, bleiben die befürchteten Computerkatastrophen jedoch aus — von vereinzelten kleineren Störungen abgesehen, meistern die Systeme den Jahrtausendwechsel reibungslos.

„Matrix" startet die Ära der Bullet-Time

Schauspieler Keanu Reeves, der 1999 die Hauptrolle des Neo in „Matrix" spielt
Keanu Reeves, Darsteller des Neo in „Matrix" — hier ein späteres Porträt von 2019, da keine freie Filmaufnahme von 1999 vorliegt (Wikimedia Commons, CC BY 2.0)

In den USA startet am 31. März der Science-Fiction-Film Matrix der Geschwister Lana und Lilly Wachowski (damals noch als „Wachowski Brothers" kreditiert), am 17. Juni läuft er auch in den deutschen Kinos an. Keanu Reeves spielt den Hacker Neo, der von Laurence Fishburne als Morpheus und Carrie-Anne Moss als Trinity in eine Welt eingeführt wird, in der die gesamte Menschheit unbemerkt in einer computergenerierten Scheinrealität gefangen gehalten wird, während Maschinen ihre Körper als Energiequelle nutzen. Mit revolutionären, per Computer choreografierten Zeitlupen-Kameraeinstellungen — der „Bullet Time" — prägt der Film die visuelle Sprache des Actionkinos für Jahre.

Allein in Deutschland sehen rund 4,8 Millionen Zuschauer den Film in den Kinos, weltweit avanciert „Matrix" zu einem der prägendsten Science-Fiction- Werke des Jahrzehnts und liefert der Popkultur an der Schwelle zum neuen Jahrtausend ein prophetisches Bild von Technologie, Kontrolle und Wirklichkeit — ein Thema, das im Jahr des Millennium-Bugs besondere Resonanz findet.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Am 20. April erschießen zwei Schüler an der Columbine High School in Littleton, Colorado, zwölf Mitschüler und einen Lehrer, bevor sie sich selbst richten — der Amoklauf löst weltweit eine Debatte über Waffenrecht und Jugendgewalt aus.
  • Am 19. April tagt der Deutsche Bundestag erstmals im umgebauten Reichstagsgebäude in Berlin — Parlament und Bundesregierung verlegen ihren Sitz von Bonn an die Spree.
  • Am 12. März treten Polen, Tschechien und Ungarn der NATO bei — die erste Erweiterung des Bündnisses nach Osten seit dem Ende des Kalten Krieges.
  • Im Juni feiert die Kieler Woche fast drei Millionen Gäste an der Förde — das weltgrößte Segelsportereignis trotzt dem von Kosovo-Krieg und Eurostart geprägten Krisenjahr und bleibt Kiels verlässlicher Publikums- magnet.

SPORT · 1999

Im Champions-League-Finale von Barcelona am 26. Mai im Camp Nou führt der FC Bayern München nach einem frühen Tor von Mario Basler bis in die Nachspielzeit hinein mit 1:0 gegen Manchester United — zweimal trifft München zudem nur Latte und Pfosten. Dann aber verwandeln die eingewechselten Engländer Teddy Sheringham und Ole Gunnar Solskjær binnen der drei nachgelegten Minuten zwei Ecken in Tore und entreißen dem deutschen Rekordmeister den sicher geglaubten Titel. Für Manchester United unter Trainer Sir Alex Ferguson ist es der Schlusspunkt eines historischen „Triples" aus englischer Meisterschaft, FA Cup und Champions League. Es ist eines der dramatischsten Endspiele der Fußballgeschichte und ein bitterer Tiefschlag für Bayern, der erst Jahre später mit eigenen Titeln aufgewogen wird.

An der Förde gibt es dagegen Grund zum Jubel: THW Kiel sichert sich in der Saison 1998/99 zum achten Mal die deutsche Handball-Meisterschaft und gewinnt zugleich den DHB-Pokal — Kiels Handballer untermauern damit ihren Ruf als eine der dominierenden Kräfte im deutschen Hallensport.

MODE · 1999

Mit dem nahenden Jahrtausendwechsel greift eine futuristische Y2K-Ästhetik um sich: Metallic-Stoffe, glänzendes PVC und technoide Silhouetten dominieren die Laufstege und kündigen den Millennium-Look der kommenden Jahre bereits an. Designer wie Jean Paul Gaultier und Alexander McQueen, die schon zuvor mit Cyber- und Weltraum-Anleihen experimentiert hatten, treiben den Trend zum Jahreswechsel auf die Spitze: Chrom- und Silbertöne, körpernahe Materialien und raumfahrtartige Accessoires werden zum Sinnbild einer Mode, die den Aufbruch ins neue Jahrtausend technisch-glänzend inszeniert — ein Look, der wenig später auch Popkultur und Straßenmode der frühen 2000er-Jahre prägen wird.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1999

  • Günter Grass erhält den Literaturnobelpreis (Dezember). Der deutsche Schriftsteller wird geehrt für ein Werk, „dessen ausgelassene schwarze Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte porträtieren" — eine Auszeichnung, die weit über die deutsche Literaturszene hinaus Beachtung findet.
  • Die Loveparade in Berlin zieht rekordverdächtige 1,5 Millionen Besucher an (10. Juli). Die Technoparade auf der Straße des 17. Juni wird zum bis dahin größten Fest ihrer Geschichte und unterstreicht Berlins Aufstieg zur Feierhauptstadt Europas.

DAS WETTER · 1999 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein warmer, gewittriger Sommertag: Höchstwert 25,2 °C, in der Nacht lauwarme 17,9 °C, im Mittel 20,8 °C; ein kräftiger Schauer brachte 9,0 mm.

Das Jahr über: Im Mittel 9,5 °C. Wärmster Tag 32,5 °C am 19. Juli, kältester −12,7 °C am 9. Februar. 1 Hitzetag (≥ 30 °C), 10 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 810 mm — das Orkanjahr Anatol.

(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1999

Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.

  1. Mambo No. 5 (A Little Bit Of...) — Lou Bega
  2. Blue (Da Ba Dee) — Eiffel 65
  3. ...Baby One More Time — Britney Spears
  4. My Love Is Your Love — Whitney Houston
  5. Big Big World — Emilia
  6. The Bad Touch — Bloodhound Gang
  7. King Of My Castle — Wamdue Project
  8. Genie In A Bottle — Christina Aguilera
  9. Sie sieht mich nicht — Xavier Naidoo
  10. So bist du (... und wenn du gehst) — Oli.P
  11. All Out Of Love — Andru Donalds
  12. No Scrubs — TLC
  13. Pretty Fly (For A White Guy) — The Offspring
  14. Simarik — Tarkan
  15. That Don't Impress Me Much — Shania Twain
  16. Changes — 2Pac
  17. Boom, Boom, Boom, Boom!! — Vengaboys
  18. 2 Times — Ann Lee
  19. Narcotic — Liquido
  20. Livin' La Vida Loca — Ricky Martin

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).

Lokalteil Kiel / Schleswig-Holstein

Letzte Fahrt im Zoll-Sonderangebot: Das Ende der Butterfahrten

Am Abend des 30. Juni geht an der Förde eine Kieler Gewohnheit zu Ende: Ab dem 1. Juli ist der zollfreie Verkauf auf See in der Europäischen Union nicht mehr zulässig. In der letzten Juniwoche ist es auf der „Fair Lady“, die vom Kieler Hafenanleger zur dänischen Insel Ærø ausläuft, noch einmal voll. Die Tagesausflügler steigen im Fünf-Minuten-Takt aus Reisebussen, die sie aus kleinen schleswig-holsteinischen Dörfern gebracht haben; mehr als 200 Menschen drängeln im Pulk zur Gangway, jeder will einen Platz nahe dem Duty-free-Shop. Die Törns gibt es zu Spottpreisen von fünf Mark. An Bord erhält jeder Bezugsscheine für begrenzte Mengen: höchstens eine Stange Zigaretten und einen Liter Hochprozentiges.

Auf der Kaimauer handelt ein alter Mann in grauer Hose mit Bezugsscheinen. Nach zwei Stunden an Deck hat er Scheine für zusammen vier Liter beisammen.

Für den Hafen geht es um mehr als um Sonderangebote. Arne Breiholz, Geschäftsführer des Seehafens Kiel, rechnet mit einem Rückgang von 50 Prozent, „das sind mehr als eine Million Fahrgäste im Jahr“; Kiel betreibe Deutschlands größten Passagierhafen. Der Fährverkehr werde sich zu einem großen Teil auf die Straße verlagern. Stena Line will ab Herbst auf der Göteborg-Fähre Bord-Disco und Läden schließen, die Langeland Fährgesellschaft hat ihrer 300-köpfigen Belegschaft bereits gekündigt. Ohne Duty-free-Subventionen müsste die Langeland-Linie für die Pkw-Überfahrt Kiel–Dänemark 100 statt 25 Mark verlangen.

Die Reeder, darunter die Cuxhavener Reederei Cassen Eils als Eignerin der „Fair Lady“, hoffen auf „Stichfahrten“: mehr als acht Stunden unterwegs, mindestens zwei Stunden außerhalb der Hoheitsgewässer, etwa vor Helgoland. Die Oberfinanzdirektion Hamburg bestreitet, dass diese Ausnahme für Ausflugsdampfer gilt.

Zwei Fähren, ein Sommer: Brand und Grundberührung unterbrechen die Linie Kiel–Oslo

Für die Linie Kiel–Oslo der Color Line wird der Juli zum Unglücksmonat. Zuerst trifft es die „Prinsesse Ragnhild“: In der Nacht zum 8. Juli, kurz nach 2 Uhr, bricht im Maschinenraum ein Feuer aus, als das Schiff auf der nächtlichen Fahrt von Kiel nach Oslo vor der schwedischen Westküste steht. An Bord sind 1.167 Passagiere und 172 Besatzungsmitglieder. Fast alle Passagiere werden mit Schlauchbooten auf rund 20 Schiffe gebracht, die meisten Besatzungsmitglieder bleiben an Bord; neun Hubschrauber aus Schweden, Dänemark und Norwegen sind beteiligt. Nur vier Personen müssen wegen Rauchvergiftung ins Krankenhaus. Die Passagiere kommen zunächst zu einer Militärbasis bei Göteborg. Die Reparatur des Schiffes übernimmt Blohm + Voss.

Eine Woche später, am 15. Juli, läuft die „Kronprins Harald“ auf der Fahrt von Oslo nach Kiel im Oslofjord auf Grund. Sie wird zur Überprüfung in die Nordseewerke Emden gebracht. Damit ruht der Fährverkehr zwischen Kiel und Oslo erstmals seit 1961 ganz. Die „Kronprins Harald“, seit 1987 auf dieser Strecke und am Kieler Norwegenkai zu Hause, nimmt den Betrieb am 20. Juli wieder auf.

„Kurs Europa“: Die Windjammerparade zieht fünf Kilometer lang durch die Förde

Das polnische Segelschiff „Fryderyk Chopin“ vor Friedrichsort während der Windjammerparade, Juni 1999
Das polnische Segelschiff „Fryderyk Chopin“ vor Friedrichsort bei der Windjammerparade, Juni 1999 (Ulrich Dagge, Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 DE)

Am Sonnabend, dem 26. Juni, gehört die Förde den großen Seglern. Mehr als 150.000 Zuschauer verfolgen zu Wasser und zu Land, wie 88 Groß- und Traditionssegler einen fast fünf Kilometer langen Konvoi bilden. Angeführt wird er vom Segelschulschiff „Gorch Fock“, an Bord die landespolitische Prominenz; dahinter folgt das portugiesische Schwesterschiff „Sagres“. Zu sehen sind außerdem die ukrainische „Khersones“, die deutsche „Alexander von Humboldt“ und die russischen Großsegler „Mir“ und „Krusenstern“ von rund 110 und 115 Metern Länge, unter den größten Seglern der Welt. Das Motto lautet „Kurs Europa“: Zwölf Führungsschiffe tragen die Europa-Fahne im Topp.

Hunderte Boote begleiten die Parade, dazu eine große Ostseefähre sowie Schiffe von Marine und Küstenwache.

Die Parade am vorletzten Tag ist der Höhepunkt der 105. Kieler Woche, die vom 19. bis 27. Juni dauert; unter grauem Himmel sind Regenjacken und Schirme an Land die wichtigsten Begleiter.

Glocken aus Spenden: Das Kieler Carillon erklingt zum ersten Mal

Im Turm der Klosterkirche in der Falckstraße läutet es seit dem 18. September anders als bisher. An diesem Sonnabend wird das Kieler Carillon eingeweiht, ein Glockenspiel aus 45 Glocken, errichtet in der Glockenstube des Kirchturms, der als einziger Teil der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Klosterkirche stehen geblieben ist und bis jetzt keine Aufgabe hatte. Finanziert wurde das Instrument durch Spenden.

Das Besondere an der Anlage ist ihre Herkunft: Die größte Glocke, der Bourdon, wurde 1928 gegossen und ist die einzige historische. Sie hing im Turm und kam so durch den Krieg. Alle übrigen Glocken stammen von der Karlsruher Glocken- und Kunstgießerei; für die Gesamtherstellung zeichnet die Firma Otto Buer in Neustadt in Holstein verantwortlich. Der Bourdon wiegt 620 Kilogramm.

Aus heutiger Sicht

2005 kamen die fünf höchsten Töne hinzu; damit wuchs das Carillon auf 50 Glocken und vier Oktaven.

KURZ NOTIERT · Kiel 1999

  • 8. März — Der Agrarwissenschaftler Hans Stamer stirbt im Alter von 73 Jahren in Kiel. Er hatte den Lehrstuhl für Ernährungspolitik an der Christian-Albrechts-Universität inne und war von 1975 bis 1979 Staatssekretär im schleswig-holsteinischen Landwirtschaftsministerium.
  • 18. März — Die Ratsversammlung gibt der Fuß- und Fahrradstraße in Gaarden-Süd den Namen „Alte Gärtnerei“, nach der früheren Nutzung des Geländes. Hier entstehen 1998/1999 in sieben Häusern 17 Wohneinheiten einer ökologischen Siedlung für rund 45 Bewohner, eine Fortsetzung der Ökosiedlung „Kieler Scholle“ am Moorwiesengraben.
  • 1. Juni — Das Empfangsgebäude des Kieler Hauptbahnhofs ist 100 Jahre alt: Der westliche Teil am Sophienblatt wurde am 1. Juni 1899 übergeben. Zum Jubiläum erscheint das Heft „100 Jahre Hauptbahnhof Kiel“ der DB Station & Service; der Umbau, der zum Geburtstag fertig sein sollte, beginnt erst in diesem Jahr.
  • 8. Juli — Zwölf Straßen im neuen Wohngebiet Neumeimersdorf erhalten plattdeutsche Namen, darunter Achtersoll, Bormkamp, Dwerkoppel, Gosbarg, Grotenbrook, Hoppenbrook, Katerhörn, Langkoppel, Lüttenhoff und Schierenblek.
  • 10. August — Fritz „Fiete“ Westheider stirbt in Kiel. Der 1909 in Kiel geborene Handballspieler und -trainer wurde mit dem THW drei Mal Deutscher Meister (1948 und 1950 Feld, 1957 Halle) und war am 5. Juni 1937 in Kopenhagen der erste Nationalspieler des Vereins.
  • 16. September — Die Ratsversammlung legt den Namen Max-Reichpietsch-Platz in Neumühlen-Dietrichsdorf fest. Der Matrose Max Reichpietsch hatte 1917 mit Albin Köbis die Antikriegsbewegung unter den Matrosen der Hochseeflotte organisiert und wurde am 5. September 1917 erschossen. Auf dem Platz steht der „Kontemplative Raum“ von Ludger Gerdes, zwölf Sandsteinkugeln um eine runde Vertiefung.
  • 23. November — Stadtpräsidentin Cathy Kietzer weiht in Gaarden-Ost den Bahide-Arslan-Platz ein, am siebten Jahrestag des Mordanschlags von Mölln.
  • 17. Dezember — HDW (Howaldtswerke-Deutsche Werft AG) macht die Hälfte ihres Umsatzes von einer Milliarde Mark mit Kriegsschiffen. Zahlungen in den Entschädigungsfonds für Zwangsarbeiter leistet das Unternehmen noch nicht; Firmensprecher Jürgen Rohweder sagt, es gebe „noch keinen Beschluss“ zum Beitritt zur Stiftung. Bei Kriegsende beschäftigten Vorgängerfirmen auf dem Kieler Standort 700 Zwangsarbeiter.

RUND UM DIE FÖRDE · 1999

  • 8. Oktober, Kronshagen — Der Historiker und Geschichtsdidaktiker Kurt Jürgensen stirbt mit 70 Jahren. Der gebürtige Flensburger lehrte an der Pädagogischen Hochschule Kiel und am Historischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität; nach seiner Emeritierung 1994 vertrat er noch zwei Semester den Lehrstuhl für Geschichte und ihre Didaktik.
  • 20. Dezember, Plön — Das Land übergibt das Prinzenhaus im Plöner Schlossgarten an die Deutsche Stiftung Denkmalschutz. Das Rokoko-Gartenschlösschen, in dem einst die Söhne Wilhelms II. lernten, war bis 1997 Mädchenwohnheim des Internats Schloss Plön und steht seitdem mit vernagelten Fenstern leer; einen Investor fand das Land nicht. Plöner Bürger haben einen Verein für Erhalt und öffentliche Nutzung gegründet.

SPORT AN DER FÖRDE · 1999

  • THW Kiel, Champions-League-Qualifikation 1999/2000 — Am 2. Oktober gewinnt der THW in der Ostseehalle das Hinspiel gegen den türkischen Meister Cankaya Belediyesi Ankara 34:21 (17:10). Das Rückspiel am 4. Oktober in der ausverkauften Kreissporthalle Bad Segeberg vor 1.200 Zuschauern endet 31:20 (14:9). Damit erreicht der THW zum fünften Mal die „Königsklasse“.
  • THW Kiel, Auftakt Champions League — Am 31. Oktober gewinnt der THW bei Montpellier HB, dem französischen Meister, 23:19, ohne Wolfgang Schwenke. Im Tor steht Steinar Ege, Nikolaj Jacobsen trifft zum 1:0.
  • THW Kiel, Derby — Am 10. Dezember gewinnt der THW beim Tabellenführer SG Flensburg-Handewitt 26:22, die erste Heimniederlage der SG nach 20 Monaten. Danach steht die SG mit 28:4 Punkten an der Spitze, der THW hat 23:5 Punkte bei zwei Spielen weniger. Nach einem 20:22 beim TBV Lemgo am 23. Dezember folgt am 29. Dezember als letztes Spiel des Jahres ein 28:25 (15:13) beim TuS Nettelstedt.
  • THW Kiel, Trainer — Am 14. Oktober heißt es, Trainer Noka Serdarušić wolle seinen bis 30. Juni 2000 laufenden Vertrag verlängern; er sei sich mit Manager Uwe Schwenker „im Grunde einig“.
  • Holstein Kiel, Regionalliga Nord 1998/99 — Der Aufsteiger aus der Oberliga beendet die Saison auf Platz 14 von 18, mit 11 Siegen, 8 Unentschieden und 15 Niederlagen bei 44:60 Toren und 41 Punkten. Meister wird der VfL Osnabrück.