DER CHRONIST
Ein Jahr an der Schwelle zum neuen Jahrtausend: Eine neue Währung wird geboren, ohne dass eine Münze klimpert, deutsche Soldaten ziehen erstmals seit 1945 wieder in einen Kampfeinsatz, und der Himmel über dem Land verdunkelt sich am helllichten Tag. Zum Jahresende tobt über Kiel und der Förde einer der schwersten Orkane seit Jahrzehnten, während im fernen Moskau der Kreml-Chef sein Amt an einen Nachfolger übergibt, der Russlands Geschick für Jahrzehnte prägen wird. An der Börse liefern sich zwei Mobilfunkkonzerne die größte Übernahmeschlacht der deutschen Wirtschaftsgeschichte, während ein Spendenskandal die Ära Kohl nachträglich erschüttert. Im fernen Osttimor erkämpft sich ein kleines Volk unter Blutvergießen seine Unabhängigkeit, während ein Studentenprogramm namens Napster im Internet die Musikwelt für immer verändert. Und während die Welt in der Silvesternacht bang auf einen befürchteten Computer-Kollaps wartet, hat im Kino längst ein junger Hacker namens Neo den nächsten Umbruch eingeläutet.
Der Euro kommt — als Buchgeld für elf Staaten

Der Einführung ist ein jahrzehntelanger Weg vorausgegangen: Bereits 1970 skizzierte der Werner-Plan eine gemeinsame europäische Währung, 1979 folgte das Europäische Währungssystem mit festen, aber anpassbaren Wechselkursen. Den entscheidenden Anstoß gab erst der Vertrag von Maastricht 1992, der verbindliche Konvergenzkriterien für Inflation, Haushaltsdefizit (höchstens drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts) und Staatsverschuldung (höchstens 60 Prozent) festschrieb. Beim Gipfel von Madrid 1995 einigten sich die Staats- und Regierungschefs auf den Namen „Euro" und den weiteren Fahrplan.
Zum Jahresbeginn tritt nun die dritte Stufe der Europäischen Währungsunion in Kraft: In Belgien, Deutschland, Finnland, Frankreich, Irland, Italien, Luxemburg, den Niederlanden, Österreich, Portugal und Spanien wird der Euro eingeführt — vorerst nur als Buchgeld für Überweisungen, Buchungen und Börsengeschäfte. Scheine und Münzen bleiben der D-Mark vorbehalten, sie sollen erst 2002 folgen. Die Wechselkurse der elf Teilnehmerwährungen werden unwiderruflich fixiert: Eine D-Mark entspricht künftig exakt dem festen Kurs von 1,95583 D-Mark je Euro. Die Deutsche Bundesbank unter ihrem scheidenden Präsidenten Hans Tietmeyer gibt fortan ihre eigenständige Geldpolitik an die neue Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main ab, deren ersten Präsidenten der Niederländer Wim Duisenberg stellt. Großbritannien, Dänemark und Schweden bleiben dem Euro aus eigenem Entschluss fern, Griechenland erfüllt die Konvergenzkriterien noch nicht und soll erst 2001 als zwölftes Land folgen.
An den Börsen wird von Handelsbeginn an in Euro notiert, Konzerne stellen ihre Bilanzen um — doch im Alltag der Verbraucher ändert sich zunächst wenig: Löhne, Preise und Portemonnaies bleiben bis zum Bargeldwechsel 2002 der D-Mark vorbehalten. In der deutschen Bevölkerung mischt sich Aufbruchstimmung mit Skepsis: Viele fürchten um die Stabilität der neuen Währung und um den Verlust eines vertrauten Stücks nationaler Identität, das die D-Mark seit dem Wirtschaftswunder verkörpert hatte.
Kosovo-Krieg: NATO bombardiert Jugoslawien, erster Kampfeinsatz der Bundeswehr

Vorausgegangen war ein Jahr blutiger Kämpfe zwischen der Untergrundarmee UÇK und serbischen Sicherheitskräften im Kosovo. Als am 15. Januar in Račak die Leichen von rund 45 getöteten Kosovo-Albanern gefunden werden — mutmaßlich Opfer eines Massakers serbischer Sondereinheiten —, wächst der internationale Druck. Die Anfang Februar einberufene Konferenz von Rambouillet bei Paris soll eine Verhandlungslösung erzwingen: Die kosovo-albanische Delegation stimmt dem vorgelegten Autonomieplan Mitte März zu, die jugoslawische Führung unter Slobodan Milošević verweigert jedoch die vorgesehene Stationierung von NATO-Truppen und lässt die Gespräche endgültig scheitern.
Ohne UN-Mandat beginnen die NATO-Staaten daraufhin am 24. März Luftangriffe auf Jugoslawien (Operation „Allied Force"), um das serbische Vorgehen gegen die albanische Bevölkerung im Kosovo zu stoppen. Erstmals seit Bestehen der Bundesrepublik fliegt die Bundeswehr mit ECR-Tornado-Jagdbombern, die vom italienischen Stützpunkt Piacenza aus starten, Kampfeinsätze zur Bekämpfung feindlicher Luftabwehrstellungen — ein historischer Bruch mit der westdeutschen Nachkriegszurückhaltung, den die rot-grüne Bundesregierung unter Kanzler Gerhard Schröder, Verteidigungsminister Rudolf Scharping und Außenminister Joschka Fischer mit der Verhinderung einer „humanitären Katastrophe" begründet. Fischer verteidigt den Kurs im Mai auf einem stürmischen Sonderparteitag der Grünen in Bielefeld gegen den erbitterten Widerstand des pazifistischen Parteiflügels.
Während der rund zweieinhalbmonatigen Luftkampagne fliehen nach UNHCR-Schätzungen hunderttausende Kosovo-Albaner vor serbischen Vertreibungen und Kampfhandlungen nach Albanien und Mazedonien; ein versehentlicher NATO-Bombentreffer auf die chinesische Botschaft in Belgrad am 7. Mai belastet zusätzlich die diplomatischen Beziehungen zu Peking. Am 9. Juni unterzeichnen jugoslawisches und NATO-Militär das Militärabkommen von Kumanovo, am 10. Juni endet die Luftkampagne mit dem Abzug der serbischen Truppen aus dem Kosovo und der Stationierung internationaler Friedenstruppen. Die Schutztruppe KFOR rückt ein, an der auch deutsche Soldaten beteiligt sind — der Beginn eines bis heute andauernden Bundeswehreinsatzes auf dem Balkan.
Wahljahr 1999: Rot-Grün verliert Land um Land, die Bonner Republik dankt endgültig ab

Kaum vier Monate im Amt, muss die rot-grüne Bundesregierung unter Kanzler Gerhard Schröder ihre erste schwere Niederlage hinnehmen: Bei der Landtagswahl in Hessen am 7. Februar stürzt die SPD von der Regierungsbank, obwohl Umfragen ihr noch im Januar einen klaren Sieg vorhergesagt hatten. Die CDU gewinnt mit 43,4 % deutlich vor der SPD mit 39,4 %; Grüne (7,2 %) und FDP (5,1 %) ziehen ebenfalls wieder in den Wiesbadener Landtag ein. Bei einer Wahlbeteiligung von 66,4 % gibt den Ausschlag eine von Generalsekretär Wolfgang Schäuble ausgerufene Unterschriftenkampagne gegen das von Rot-Grün geplante Staatsangehörigkeits- recht mit doppelter Staatsbürgerschaft; allein in Hessen sammelt die Union binnen weniger Wochen rund 900.000 Unterschriften unter dem Motto „Ja zur Integration – Nein zur doppelten Staatsbürgerschaft". CDU-Spitzenkandidat Roland Koch bildet mit der FDP eine bürgerliche Koalition mit knapper Mehrheit und löst damit die zuvor rot-grüne Landesregierung ab. Der Verlust der hessischen Stimmen im Bundesrat kostet Rot-Grün in Berlin die dortige Mehrheit noch vor dem ersten Regierungsjubiläum.
Was in Wiesbaden beginnt, setzt sich das ganze Jahr über fort. Bei der Bundespräsidentenwahl am 23. Mai kürt die Bundesversammlung im Reichstagsgebäude zwar mit Johannes Rau (SPD) im zweiten Wahlgang mit 690 von benötigten 670 Stimmen einen Kandidaten aus dem eigenen Lager — gegen die von CDU/CSU aufgestellte Physikerin Dagmar Schipanski (572 Stimmen) und die von der PDS nominierte Uta Ranke-Heinemann. Doch schon drei Wochen später, bei der Europawahl am 13. Juni, wiederholt sich das Debakel von Hessen im großen Maßstab: CDU/CSU kommen bundesweit auf 48,7 %, die SPD stürzt auf 30,7 % ab — ihr schlechtestes bundesweites Ergebnis seit Jahrzehnten —, bei einer auf 45,2 % gesunkenen Wahlbeteiligung. Im Spätsommer und Herbst folgt Wahlgang auf Wahlgang in den Ländern, und fast überall verliert die SPD weiter an Boden, während die CDU gerade in Ostdeutschland historische Ergebnisse einfährt. Zum Jahresende sitzt die Bundesregierung im Bundesrat einer Mehrheit unionsgeführter Länder gegenüber, die jedes Gesetzesvorhaben zum Verhandlungsfall macht.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Bremen, 6. Juni — SPD 42,6 %, CDU 37,1 %. Die Bürgerschaft bestätigt die große Koalition unter dem SPD-Bürgermeister.
- Brandenburg, 5. September — SPD 39,3 %, CDU 26,5 %. SPD und CDU bilden eine große Koalition; die rechtsextreme DVU zieht mit 5,3 % erstmals in den Potsdamer Landtag ein.
- Saarland, 5. September — CDU 45,5 %, SPD 44,4 %. Die CDU beendet die seit 1985 alleinregierende SPD-Ära; Peter Müller bildet ein CDU-Kabinett mit absoluter Mandatsmehrheit.
- Thüringen, 12. September — CDU 51,0 %, PDS 21,4 %. Ministerpräsident Bernhard Vogel gewinnt erstmals die absolute Mehrheit und regiert allein weiter.
- Sachsen, 19. September — CDU 56,9 %, PDS 22,2 %. Kurt Biedenkopf führt die CDU-Alleinregierung mit klarem Vorsprung fort.
- Berlin, 10. Oktober — CDU 40,8 %, SPD 22,4 % — das schlechteste Berliner Nachkriegsergebnis der SPD. Die große Koalition unter Regierendem Bürgermeister Eberhard Diepgen wird ein drittes Mal aufgelegt.
Die letzte totale Sonnenfinsternis des Jahrhunderts

Der Kernschatten des Mondes wandert zunächst über den Atlantik, ehe er bei Falmouth in Cornwall englischen Boden erreicht — dort trüben vielerorts dichte Wolken die Sicht auf das Schauspiel. Ein knapp hundert Kilometer breiter Streifen der Totalität zieht weiter von Südengland über Frankreich nach Süddeutschland und über Karlsruhe, Stuttgart, Ulm, Augsburg und München hinweg — die letzte zentrale Sonnenfinsternis des 20. Jahrhunderts. Mancherorts verdunkelt sich der Himmel für über zwei Minuten. Millionen Menschen pilgern mit Spezialbrillen ins Freie, auf den Autobahnen bilden sich hunderte Kilometer lange Staus von Schaulustigen, die dem Wolkenfeld entkommen wollen — auch aus dem Norden macht sich mancher auf den Weg gen Süden, um die „Schwarze Sonne" live zu erleben.
Für Deutschland ist es ein Jahrhundertereignis: Erst am 3. September 2081 wird im äußersten Südwesten des Landes wieder eine totale Sonnenfinsternis zu beobachten sein. Von Süddeutschland aus zieht der Schatten an diesem 11. August weiter über Österreich, Ungarn, Rumänien und die Türkei bis in den Iran, nach Pakistan und Indien, ehe er im Golf von Bengalen endet.
Orkan Anatol verwüstet Schleswig-Holstein

Bereits am 2. Dezember hatte sich das Sturmtief westlich von Irland als flache Welle formiert, ehe es sich binnen weniger Stunden explosionsartig vertiefte und über die Nordsee hinweg auf Dänemark und Südschweden zuzog — dort gilt Anatol bis heute als der schwerste Orkan des 20. Jahrhunderts. Es ist zugleich der Auftakt zu einem außergewöhnlich sturmreichen Dezember 1999: Wenige Wochen später fegen mit Lothar und Martin zwei weitere verheerende Orkane über Frankreich und Mitteleuropa hinweg.
In der Nacht zum 4. Dezember fegt Orkantief Anatol mit einer mittleren Windgeschwindigkeit von rund 136 km/h und Böen von Orkanstärke über Norddeutschland hinweg. An der Station List auf Sylt werden knapp 185 km/h gemessen — Rekord der seit 50 Jahren laufenden Messreihe; auf der Insel fällt zeitweise für Stunden der Strom aus. An der Nordseeküste läuft eine schwere Sturmflut auf; die Deiche halten, doch in Hamburg steigt der Pegel auf 5,82 Meter über Normal-Null, den vierthöchsten Stand der jüngeren Geschichte, während bei Ribe in Dänemark mit 5,33 Metern der zweithöchste je gemessene Wasserstand erreicht wird. Die dänische Hallig Jordsand wird von den Wassermassen überspült und verschwindet als eigenständige Landform von der Karte, vor der Elbmündung havariert das Feuerschiff „Elbe 1" so schwer, dass es später verschrottet werden muss.
In Schleswig-Holstein und Hamburg entstehen Schäden in Millionenhöhe — allein beim größten Versicherer des Landes gehen rund 35.000 Schadensmeldungen aus Schleswig-Holstein ein. Drei Menschen sterben, mindestens sechs werden schwer verletzt. Auf der Insel Föhr knickt der Sturm hunderte Bäume; in Dänemark und Norddeutschland zusammen fallen nach ersten Schätzungen rund vier Millionen Kubikmeter Wald der Windwucht zum Opfer, mehr als die Hälfte davon allein in Südjütland — eine der schwersten Forstkatastrophen der jüngeren Geschichte in der Region. Auch im Raum Kiel richten die Orkanböen erhebliche Schäden an Bäumen, Dächern und Stromleitungen an; der Gesamtschaden von Anatol wird bundesweit auf rund drei Milliarden Euro geschätzt — eines der schwersten Sturmereignisse, das die Förde und die Landeshauptstadt seit Jahrzehnten erlebt haben.
Jelzin tritt zurück, Putin übernimmt den Kreml

Vorausgegangen war ein Jahr dramatischer Volatilität im Kreml: Der gesundheitlich schwer angeschlagene Jelzin hatte erst im August überraschend Wladimir Putin, bis dahin Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB, zu seinem Ministerpräsidenten ernannt. Putins Popularität wuchs rasant, als er im Herbst mit harter Hand den Zweiten Tschetschenienkrieg führte, und bei der Duma-Wahl am 19. Dezember schnitt die neu gegründete, Putin nahestehende Partei „Einheit" überraschend stark ab.
Fünf Minuten vor Mitternacht überrascht Boris Jelzin in seiner traditionellen Neujahrsansprache das Land mit der Ankündigung seines sofortigen Rücktritts: „Ich bin müde. Ich gehe." Die Präsidentschaft geht kommissarisch an Ministerpräsident Wladimir Putin über. Nicht Jelzin, sondern Putin hält Stunden später die Neujahrsrede an die Nation — der Machtwechsel im Kreml, der Russlands Geschick für die kommenden Jahrzehnte prägen wird, vollzieht sich formvollendet am letzten Tag des Jahrtausends.
Mit seinem Rücktritt löst Jelzin zugleich ein Versprechen ein: Eine seiner ersten Amtshandlungen als kommissarischer Präsident ist ein Dekret, das Jelzin und seiner Familie strafrechtliche Immunität sowie Privilegien zusichert. Die eigentlich für Sommer 2000 vorgesehene Präsidentschaftswahl wird auf den 26. März 2000 vorgezogen — einen Termin, den der amtierende Putin mit dem Amtsbonus klar für sich entscheidet.
Vodafone startet die Übernahmeschlacht um Mannesmann

Kaum hat der Duisburger Industriekonzern Mannesmann unter seinem Vorstandsvorsitzenden Klaus Esser Mitte November den britischen Mobilfunkanbieter Orange plc übernommen, meldet sich schon der Herausforderer: Der britische Mobilfunkkonzern Vodafone AirTouch unter Chef Chris Gent kündigt einen Tag später ein Übernahmeangebot für Mannesmann an — zunächst rund 100 Milliarden Euro, zu zahlen in Vodafone-Aktien. Esser weist das Angebot als „völlig unangemessen" zurück, der von Josef Ackermann geführte Aufsichtsrat stellt sich hinter ihn. Es ist der Auftakt zur ersten großen feindlichen Übernahmeschlacht der deutschen Wirtschaftsgeschichte.
Die folgenden Wochen sind geprägt von öffentlich ausgetragenen Wortgefechten, Anzeigenkampagnen und Interventionen aus der Politik. Wichtige internationale Großaktionäre drängen Esser zunehmend zum Einlenken. Zum Jahreswechsel ist die Schlacht um Mannesmann noch unentschieden — erst im neuen Jahr wird sie mit einem deutlich erhöhten Angebot und der Übernahme durch Vodafone enden.
CDU-Spendenaffäre: Kohl räumt „schwarze Konten" ein

Am 5. November stellt sich der frühere CDU-Schatzmeister Walther Leisler Kiep nach einem Haftbefehl wegen Steuerhinterziehung der Staatsanwaltschaft — der Auftakt einer Affäre, die die Partei bis in ihre Fundamente erschüttert. Am 26. November räumt der frühere CDU-Generalsekretär Heiner Geißler öffentlich ein, die Partei habe in der Ära Kohl über Jahre „schwarze Konten" am offiziellen Rechnungswesen vorbei geführt. Vier Tage später, am 30. November, bestätigt Altkanzler Helmut Kohl in einem Fernsehinterview erstmals selbst die Existenz solcher Konten und räumt ein, rund 2,1 Millionen D-Mark verdeckter und damit illegaler Parteispenden entgegengenommen zu haben.
Die Namen der Spender zu nennen, verweigert Kohl unter Berufung auf ein gegebenes „Ehrenwort" — eine Haltung, die die Öffentlichkeit empört und den Druck auf die Partei weiter erhöht. Am 2. Dezember setzt der Bundestag auf Antrag von SPD und Bündnis 90/Die Grünen einstimmig einen Untersuchungsausschuss ein, der klären soll, ob die verdeckten Spenden Einfluss auf Regierungsentscheidungen der Ära Kohl genommen haben. Die CDU-Spendenaffäre wird die Union noch weit über das Jahr 1999 hinaus beschäftigen.
Napster startet die Tauschbörsen-Ära

Der 18-jährige Informatikstudent Shawn Fanning bringt gemeinsam mit seinem Freund Sean Parker am 1. Juni den Onlinedienst Napster an den Start — ein Programm, das es Nutzern erlaubt, MP3-Musikdateien direkt von Rechner zu Rechner zu tauschen, ohne dass die Dateien selbst über einen zentralen Server laufen. Die als Tauschbörse konzipierte Peer-to-Peer-Technologie trifft den Nerv einer Generation, die dank schnellerer Internetanschlüsse und aufkommender CD-Brenner erstmals im großen Stil digitale Musik kopieren und verbreiten kann.
Innerhalb weniger Monate verzeichnet Napster Millionen Nutzer weltweit und wird zum Symbol einer neuen, kostenlosen Musikkultur im Internet — sehr zum Missfallen der Plattenindustrie, die in dem Dienst eine existenzielle Bedrohung ihres Geschäftsmodells sieht. Der Rechtsstreit um Napster, der die Musikbranche noch jahrelang beschäftigen wird, kündigt sich bereits zum Jahresende an.
Osttimor stimmt für die Unabhängigkeit — Milizen wüten

Unter Aufsicht der Vereinten Nationen (UNAMET) stimmen am 30. August rund 450.000 Wahlberechtigte in Osttimor darüber ab, ob das Territorium bei Indonesien verbleibt oder die Unabhängigkeit anstrebt. Bei einer Beteiligung von fast 99 Prozent votieren 78,5 Prozent für die vollständige Trennung von Indonesien — ein klares Votum, das schon im Vorfeld von einer Terrorkampagne pro-indonesischer Milizen begleitet worden war, die vom indonesischen Militär aufgestellt und ausgerüstet wurden.
Nach der Bekanntgabe des Ergebnisses schlagen die Milizen mit voller Härte zurück: In einer „Politik der verbrannten Erde" werden nach UN-Schätzungen bis zu 1.500 Menschen getötet und rund 70 Prozent der Bevölkerung vertrieben, große Teile der Infrastruktur des Landes werden zerstört. Erst der internationale Druck und die Entsendung einer von Australien geführten UN-Friedenstruppe im September bringen die Gewalt allmählich zum Erliegen — den Weg zur vollen staatlichen Unabhängigkeit wird Osttimor erst Jahre später erreichen.
Die Welt bangt vor dem Millennium-Bug

Weil in vielen älteren Computerprogrammen Jahreszahlen aus Speicherplatzgründen nur zweistellig abgelegt wurden, droht beim Sprung ins Jahr 2000 eine Verwechslung mit 1900 — der gefürchtete Millennium-Bug oder Jahr-2000-Problem. Weltweit wird befürchtet, dass Kraftwerke, Banken, Flugsicherungen und andere kritische Systeme beim Jahreswechsel ausfallen könnten. Regierungen und Unternehmen investieren daraufhin Milliardensummen, um ihre Systeme rechtzeitig umzustellen — allein die Deutsche Bahn gibt rund 200 Millionen D-Mark für die Umrüstung ihrer Computertechnik aus.
In der Bevölkerung mischt sich nüchterne Vorsorge mit regelrechter Panik: Manche legen sich Vorräte, Bargeld und Kerzen zurecht, für den Fall, dass Strom- oder Wasserversorgung in der Silvesternacht zusammenbrechen. Als die Uhren weltweit auf Mitternacht springen, bleiben die befürchteten Computerkatastrophen jedoch aus — von vereinzelten kleineren Störungen abgesehen, meistern die Systeme den Jahrtausendwechsel reibungslos.
„Matrix" startet die Ära der Bullet-Time

In den USA startet am 31. März der Science-Fiction-Film Matrix der Geschwister Lana und Lilly Wachowski (damals noch als „Wachowski Brothers" kreditiert), am 17. Juni läuft er auch in den deutschen Kinos an. Keanu Reeves spielt den Hacker Neo, der von Laurence Fishburne als Morpheus und Carrie-Anne Moss als Trinity in eine Welt eingeführt wird, in der die gesamte Menschheit unbemerkt in einer computergenerierten Scheinrealität gefangen gehalten wird, während Maschinen ihre Körper als Energiequelle nutzen. Mit revolutionären, per Computer choreografierten Zeitlupen-Kameraeinstellungen — der „Bullet Time" — prägt der Film die visuelle Sprache des Actionkinos für Jahre.
Allein in Deutschland sehen rund 4,8 Millionen Zuschauer den Film in den Kinos, weltweit avanciert „Matrix" zu einem der prägendsten Science-Fiction- Werke des Jahrzehnts und liefert der Popkultur an der Schwelle zum neuen Jahrtausend ein prophetisches Bild von Technologie, Kontrolle und Wirklichkeit — ein Thema, das im Jahr des Millennium-Bugs besondere Resonanz findet.
AM RANDE NOTIERT
- Am 20. April erschießen zwei Schüler an der Columbine High School in Littleton, Colorado, zwölf Mitschüler und einen Lehrer, bevor sie sich selbst richten — der Amoklauf löst weltweit eine Debatte über Waffenrecht und Jugendgewalt aus.
- Am 19. April tagt der Deutsche Bundestag erstmals im umgebauten Reichstagsgebäude in Berlin — Parlament und Bundesregierung verlegen ihren Sitz von Bonn an die Spree.
- Am 12. März treten Polen, Tschechien und Ungarn der NATO bei — die erste Erweiterung des Bündnisses nach Osten seit dem Ende des Kalten Krieges.
- Im Juni feiert die Kieler Woche wieder Hunderttausende Gäste an der Förde — das weltgrößte Segelsportereignis trotzt dem von Kosovo-Krieg und Eurostart geprägten Krisenjahr und bleibt Kiels verlässlicher Publikums- magnet.
SPORT · 1999
Im Champions-League-Finale von Barcelona am 26. Mai im Camp Nou führt der FC Bayern München nach einem frühen Tor von Mario Basler bis in die Nachspielzeit hinein mit 1:0 gegen Manchester United — zweimal trifft München zudem nur Latte und Pfosten. Dann aber verwandeln die eingewechselten Engländer Teddy Sheringham und Ole Gunnar Solskjær binnen der drei nachgelegten Minuten zwei Ecken in Tore und entreißen dem deutschen Rekordmeister den sicher geglaubten Titel. Für Manchester United unter Trainer Sir Alex Ferguson ist es der Schlusspunkt eines historischen „Triples" aus englischer Meisterschaft, FA Cup und Champions League. Es ist eines der dramatischsten Endspiele der Fußballgeschichte und ein bitterer Tiefschlag für Bayern, der erst Jahre später mit eigenen Titeln aufgewogen wird.
An der Förde gibt es dagegen Grund zum Jubel: THW Kiel sichert sich in der Saison 1998/99 zum achten Mal die deutsche Handball-Meisterschaft und gewinnt zugleich den DHB-Pokal — Kiels Handballer untermauern damit ihren Ruf als eine der dominierenden Kräfte im deutschen Hallensport.
MODE · 1999
Mit dem nahenden Jahrtausendwechsel greift eine futuristische Y2K-Ästhetik um sich: Metallic-Stoffe, glänzendes PVC und technoide Silhouetten dominieren die Laufstege und kündigen den Millennium-Look der kommenden Jahre bereits an. Designer wie Jean Paul Gaultier und Alexander McQueen, die schon zuvor mit Cyber- und Weltraum-Anleihen experimentiert hatten, treiben den Trend zum Jahreswechsel auf die Spitze: Chrom- und Silbertöne, körpernahe Materialien und raumfahrtartige Accessoires werden zum Sinnbild einer Mode, die den Aufbruch ins neue Jahrtausend technisch-glänzend inszeniert — ein Look, der wenig später auch Popkultur und Straßenmode der frühen 2000er-Jahre prägen wird.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1999
- Günter Grass erhält den Literaturnobelpreis (Dezember). Der deutsche Schriftsteller wird geehrt für ein Werk, „dessen ausgelassene schwarze Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte porträtieren" — eine Auszeichnung, die weit über die deutsche Literaturszene hinaus Beachtung findet.
- Die Loveparade in Berlin zieht rekordverdächtige 1,5 Millionen Besucher an (10. Juli). Die Technoparade auf der Straße des 17. Juni wird zum bis dahin größten Fest ihrer Geschichte und unterstreicht Berlins Aufstieg zur Feierhauptstadt Europas.
DAS WETTER · 1999 in Kiel
An diesem 13. Juli war es an der Förde ein warmer, gewittriger Sommertag: Höchstwert 25,2 °C, in der Nacht lauwarme 17,9 °C, im Mittel 20,8 °C; ein kräftiger Schauer brachte 9,0 mm.
Das Jahr über: Im Mittel 9,5 °C. Wärmster Tag 32,5 °C am 19. Juli, kältester −12,7 °C am 9. Februar. 1 Hitzetag (≥ 30 °C), 10 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 810 mm — das Orkanjahr Anatol.
(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1999
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.
- Mambo No. 5 (A Little Bit Of...) — Lou Bega
- Blue (Da Ba Dee) — Eiffel 65
- ...Baby One More Time — Britney Spears
- My Love Is Your Love — Whitney Houston
- Big Big World — Emilia
- The Bad Touch — Bloodhound Gang
- King Of My Castle — Wamdue Project
- Genie In A Bottle — Christina Aguilera
- Sie sieht mich nicht — Xavier Naidoo
- So bist du (... und wenn du gehst) — Oli.P
- All Out Of Love — Andru Donalds
- No Scrubs — TLC
- Pretty Fly (For A White Guy) — The Offspring
- Simarik — Tarkan
- That Don't Impress Me Much — Shania Twain
- Changes — 2Pac
- Boom, Boom, Boom, Boom!! — Vengaboys
- 2 Times — Ann Lee
- Narcotic — Liquido
- Livin' La Vida Loca — Ricky Martin
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).