DER CHRONIST

Ein Jahr, das die Welt aus den Angeln hebt: Ein einziger Vormittag in New York verändert für Jahrzehnte, wie Sicherheit gedacht wird — und während die Bundesrepublik erstmals Soldaten in einen Kampfeinsatz jenseits ihrer Grenzen schickt, platzt daheim der Traum vom schnellen Geld der New Economy. Auch jenseits der großen Zäsuren ist 2001 ein Jahr der Umbrüche: In Genua eskaliert der Protest gegen die Globalisierung tödlich, in den Niederlanden öffnet sich erstmals weltweit die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare, und kaum ist der Schock des 11. September verdaut, verunsichern Milzbrand-Briefe die USA aufs Neue. Still und unauffällig geht derweil ein Nachschlagewerk namens Wikipedia an den Start, während China mit dem WTO-Beitritt die Weichen für seinen wirtschaftlichen Aufstieg stellt. Ein Jahr, das zeigt: Globalisierung, Sicherheit und Vertrauen werden 2001 gleich mehrfach neu verhandelt — mit Folgen, die weit über die Kieler Förde hinausreichen.

Die Schlagzeilen des Jahres

Terroranschläge vom 11. September erschüttern die USA

Das Mahnmal am Ground Zero in New York für die Opfer des 11. September
Das Mahnmal am Ground Zero in New York für die Opfer des 11. September (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Um 8:46 Uhr Ortszeit fliegt American-Airlines-Flug 11 in den Nordturm des World Trade Centers in New York, 17 Minuten später schlägt Flug 175 in den Südturm ein; um 9:37 Uhr trifft American-Airlines-Flug 77 das Pentagon in Washington. Der Südturm stürzt um 9:59 Uhr ein, der Nordturm um 10:28 Uhr; eine vierte entführte Maschine zerschellt bei Shanksville, Pennsylvania. Rund 3.000 Menschen sterben. Die von al-Qaida verübten Anschläge lösen weltweite Schockwellen aus und markieren eine Zäsur, an der sich Sicherheits-, Außen- und Innenpolitik der folgenden Jahrzehnte ausrichten — auch in Kiel gehen in den Tagen danach Menschen zu Mahnwachen und Trauerkundgebungen auf die Straße.

Die 19 Attentäter handeln im Auftrag des von Osama bin Laden geführten Terrornetzwerks al-Qaida, das den Anschlag seit Jahren vorbereitet hat. Mehrere der Todespiloten, darunter der spätere Kopf der Operation, Mohammed Atta, haben zuvor in Hamburg studiert und dort in einer Wohngemeinschaft in der Marienstraße gelebt — die sogenannte »Hamburger Zelle« gibt der Tat eine bedrückende norddeutsche Nähe, nur rund 90 Kilometer von Kiel entfernt. Der amerikanische Präsident George W. Bush erklärt am 20. September vor beiden Häusern des Kongresses den »Krieg gegen den Terror«; bereits am 2. Oktober stellt die NATO fest, dass die Anschläge einen Angriff von außen darstellen, und ruft zum ersten und bislang einzigen Mal in ihrer Geschichte den Bündnisfall nach Artikel 5 aus. Die New Yorker Börse bleibt bis zum 17. September geschlossen — die längste Unterbrechung seit dem Ersten Weltkrieg —, der US-Luftraum wird für Tage komplett gesperrt und Tausende Flüge umgeleitet. Bundeskanzler Gerhard Schröder sichert den USA noch am Tag der Anschläge die »uneingeschränkte Solidarität« Deutschlands zu — ein Versprechen, das wenige Wochen später zur Bundeswehr-Beteiligung am Krieg in Afghanistan führt.

Erster deutscher Kampfeinsatz: Schröder stellt die Vertrauensfrage

Bundeskanzler Gerhard Schröder (r.) — 2001 stellt er die Vertrauensfrage
Bundeskanzler Gerhard Schröder (r.) — 2001 stellt er die Vertrauensfrage (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Als Reaktion auf den 11. September beschließt der Bundestag die deutsche Beteiligung an der von den USA geführten Operation Enduring Freedom in Afghanistan — der erste »Out-of-area«-Kampfeinsatz der Bundeswehr seit Gründung der Bundesrepublik. Weil Teile der rot-grünen Koalition dagegen rebellieren, verknüpft Bundeskanzler Gerhard Schröder den Einsatzantrag mit der Vertrauensfrage — ein Novum in der Geschichte des Bundestags. Am 16. November stimmen 336 Abgeordnete für ihn, zwei mehr als nötig: Die Koalition und der Einsatz sind gerettet, bis zu 3.900 Soldatinnen und Soldaten werden entsandt.

Vorausgegangen ist ein zähes Ringen in der eigenen Koalition: Acht Abgeordnete der Grünen kündigen offen an, gegen die Vertrauensfrage zu stimmen, auch im linken Flügel der SPD gibt es bis zuletzt Zauderer. Schröders Kalkül, die eigentlich in Artikel 68 des Grundgesetzes für die Klärung der Mehrheitsverhältnisse vorgesehene Vertrauensfrage mit einer konkreten Sachentscheidung zu verknüpfen, zwingt die Abweichler zu einer Wahl zwischen Koalitionsbruch und Zustimmung zum Kampfeinsatz — ein parlamentarisches Novum, das seither als Blaupause für Kanzlermehrheiten in Streitfragen gilt. Nur wenige Wochen später, vom 27. November bis 5. Dezember, einigen sich rund 30 afghanische Delegierte auf dem Petersberg bei Bonn auf das Petersberger Abkommen: Der Paschtune Hamid Karzai wird Chef einer Übergangsregierung, der UN-Sicherheitsrat mandatiert mit Resolution 1386 vom 20. Dezember die internationale Schutztruppe ISAF. Während die Bundeswehr zunächst vor allem Spezialkräfte des Kommandos Spezialkräfte (KSK) sowie Sanitäts- und Logistikpersonal in die Region entsendet, beteiligt sich in den Folgemonaten auch die Marine — traditionell eng mit den Stützpunkten an Nord- und Ostsee verbunden — an der Überwachung des Seegebiets vor dem Horn von Afrika im Rahmen von Enduring Freedom. Verteidigungsminister Rudolf Scharping verantwortet den logistisch anspruchsvollen Aufbau des Einsatzes, der die Bundeswehr endgültig von einer reinen Verteidigungs- zu einer Auslandsarmee wandelt.

Die New Economy zerplatzt: Absturz am Neuen Markt

Die Frankfurter Wertpapierbörse — 2001 platzt die New-Economy-Blase
Die Frankfurter Wertpapierbörse — 2001 platzt die New-Economy-Blase (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Was im März 2000 mit einem Höchststand von 9.666 Punkten im Nemax 50 begann, setzt sich 2001 als anhaltender Absturz fort: Reihenweise melden einst gefeierte Internet- und Technologiefirmen des Neuen Marktes Insolvenz an, Milliarden an Anlegervermögen lösen sich in Luft auf. Der Traum vom schnellen Reichtum durch Börsengänge junger Netzfirmen ist ausgeträumt, das Vertrauen in die »New Economy« nachhaltig erschüttert — auch etliche Technologie- und Beteiligungsfirmen mit Sitz in Kiel und Hamburg spüren die Kapitalflucht der Anleger.

Allein am ersten Handelstag des Jahres 2001 verliert der Auswahlindex Nemax 50 8,2 Prozent, binnen der ersten drei Handelstage sackt der breitere Nemax All Share um rund 20 Prozent ab; bis zum 1. Juni 2001 fällt er auf nur noch 1.779,5 Punkte — ein Bruchteil des Höchststands von 9.666 Punkten vom März 2000. Die Insolvenzwelle, die im September 2000 mit dem Internetprovider Gigabell begonnen hatte, reißt 2001 weitere einst gefeierte Werte mit: Im November meldet der IT-Sicherheitsspezialist Biodata Information Technology, dessen Aktie beim Börsengang 2000 noch die höchsten Zeichnungsgewinne des gesamten Neuen Marktes erzielt hatte, Insolvenz an. Um die Medienfirma EM.TV der Brüder Thomas und Florian Haffa und um den Vertriebsspezialisten Infomatec ziehen sich Bilanzskandale und Gerichtsverfahren, die das Vertrauen der Kleinanleger weiter untergraben. Die Talfahrt, die auch 2002 mit spektakulären Betrugsfällen wie ComROAD anhält, endet für das Börsensegment schließlich mit dessen kompletter Schließung durch die Deutsche Börse im Jahr 2003 — ein stilles Eingeständnis, dass das Experiment Neuer Markt gescheitert ist.

BSE-Krise stürzt zwei Minister und leitet die »Agrarwende« ein

Verbraucherschutzministerin Renate Künast, Gesicht der Agrarwende
Verbraucherschutzministerin Renate Künast, Gesicht der Agrarwende (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Nachdem der erste deutsche BSE-Fall im November 2000 nachgewiesen wurde, weitet sich die Krise 2001 zum politischen Erdbeben aus: Am 9. Januar treten Bundeslandwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke (SPD) und Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne) zurück. Mit Renate Künast (Grüne) übernimmt erstmals eine Politikerin ohne Bindung an den Bauernverband das neu geschaffene Verbraucherschutzministerium und ruft die »Agrarwende« aus — eine Neuausrichtung hin zu ökologischer Landwirtschaft und schärferer Lebensmittelkontrolle, die auch in den Marschen und auf den Höfen Schleswig-Holsteins diskutiert wird.

Der Rinderwahnsinn, seit den 1980er-Jahren in Großbritannien grassierend und über kontaminiertes Tiermehl verbreitet, galt in Deutschland lange als Problem der Nachbarn — bis am 24. November 2000 auf dem Hof von Peter Lorenzen im schleswig-holsteinischen Hörsten, Kreis Rendsburg-Eckernförde, der erste BSE-Fall bei einem in Deutschland geborenen Rind amtlich bestätigt wird: ein Befund, der die Krise buchstäblich vor die Kieler Haustür trägt. In der Folge werden bundesweit Zehntausende Rinder vorsorglich geschlachtet und getestet, der Rindfleischkonsum bricht drastisch ein, zahlreiche Höfe geraten in wirtschaftliche Not. Künasts neu zugeschnittenes Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft setzt auf verpflichtende BSE-Schnelltests für Schlachtrinder ab 30 Monaten, ein neues staatliches Bio-Siegel und das erklärte Ziel, den Anteil ökologisch bewirtschafteter Flächen deutlich zu steigern — Vorgaben, die auch die Agrarverwaltung in Kiel in den Folgejahren umzusetzen hat.

Kiel: Wasserstoffexplosion im Kernkraftwerk Brunsbüttel — Land greift durch

Das Kernkraftwerk Brunsbüttel in Schleswig-Holstein
Das Kernkraftwerk Brunsbüttel in Schleswig-Holstein (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Im schleswig-holsteinischen Kernkraftwerk Brunsbüttel ereignet sich am 14. Dezember eine Wasserstoffexplosion, die eine rund 2,7 Meter lange Rohrleitung an der Sprühleitung des Reaktordruckbehälters in etwa 33 Bruchstücke zerlegt. Die Betriebsmannschaft stuft den Vorfall zunächst als harmlose »spontane Leckage« ein und fährt den Meiler wochenlang mit voller Leistung weiter. Erst eine Inspektion, die von der zuständigen Aufsichtsbehörde im Kieler Umweltministerium erzwungen wird, deckt im Februar das wahre Ausmaß des Schadens auf. Der Fall löst in Kiel eine Grundsatzdebatte über die Sicherheitskultur der Atomkraft aus und liefert der rot-grünen Landesregierung unter Ministerpräsidentin Heide Simonis Argumente für den erst wenige Monate zuvor beschlossenen Atomausstieg.

Betreiber des seit 1976/77 laufenden Siedewasserreaktors an der Unterelbe ist ein Konsortium aus Hamburgische Electricitätswerke (HEW) und PreussenElektra; die beschädigte Rohrleitung verläuft nur wenige Meter vom Reaktordruckbehälter entfernt. Dass die Betriebsmannschaft den sichtbaren Druckstoß und die zerstörte Isolierung zunächst herunterspielt und den Meiler über Wochen weiterlaufen lässt, statt ihn für eine Inspektion abzufahren, wird im Nachhinein als Musterbeispiel mangelnder Selbstkontrolle der Atomwirtschaft kritisiert — ein Vorwurf, der sich Jahre später am Schwesterkraftwerk Krümmel wiederholen sollte. Für die rot-grüne Bundesregierung, die im Juni 2000 mit den Energiekonzernen den sogenannten Atomkonsens ausgehandelt hatte und diesen 2002 als Atomgesetz-Novelle im Bundestag verankert, liefert der verschleppte Störfall in Brunsbüttel ein zusätzliches, öffentlichkeitswirksames Argument gegen die Verlängerung von Reaktorlaufzeiten — und bestärkt Simonis in ihrem Kurs, den Ausstieg aus der Atomenergie in Schleswig-Holstein aktiv mitzutragen.

Wikipedia geht als freies Online-Lexikon an den Start

Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales (spätere Aufnahme)
Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales — hier eine spätere Aufnahme, kein Foto aus dem Gründungsjahr 2001 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Am 15. Januar starten der Unternehmer Jimmy Wales und der Philosoph Larry Sanger in den USA das offene Online-Lexikon Wikipedia — als Ableger ihres zuvor gescheiterten Expertenprojekts Nupedia, das mit langwierigen Begutachtungsverfahren binnen eines Jahres nur zwei fertige Artikel hervorgebracht hatte. Statt auf geprüfte Fachbeiträge setzen Wales und Sanger nun auf die Wiki-Technik, die es jedem Internetnutzer erlaubt, Artikel unmittelbar zu schreiben und zu bearbeiten.

Was zunächst wie eine Randnotiz der New Economy wirkt, wächst rasant: Bis zum Jahresende zählt Wikipedia rund 20.000 Artikel in 18 Sprachen, darunter bereits eine deutschsprachige Ausgabe. Aus dem Nischenprojekt zweier Internet-Enthusiasten wird binnen weniger Jahre eines der meistgenutzten Nachschlagewerke der Welt.

Niederlande öffnen als erstes Land der Welt die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare

Das Trouwboekje (Eheheft) von Frank und Peter Wittebrood, Amsterdam 2001
Das Trouwboekje (Eheheft) von Frank Wittebrood und Peter Wittebrood-Lemke, einem der ersten homosexuellen Ehepaare der Welt (Amsterdam Museum / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Mit dem Inkrafttreten des »Gesetzes zur Öffnung der Ehe« am 1. April werden die Niederlande zum ersten Staat der Welt, in dem gleichgeschlechtliche Paare heiraten können. Kurz nach Mitternacht traut der Amsterdamer Bürgermeister Job Cohen im Rathaus die ersten vier Paare, darunter Peter Wittebrood-Lemke und Frank Wittebrood — ihre Unterschriften gelten als die ersten standesamtlichen Ja-Worte gleichgeschlechtlicher Ehepartner überhaupt. Das neue Gesetz stellt die Homo-Ehe der bisherigen Ehe zwischen Mann und Frau in allen Rechten gleich, einschließlich Adoption.

Der Schritt aus Den Haag setzt europaweit ein Zeichen und entfacht auch in Deutschland, wo seit August 2001 lediglich die eingetragene Lebenspartnerschaft für gleichgeschlechtliche Paare existiert, die Debatte über eine vollständige rechtliche Gleichstellung neu. Weitere Länder wie Belgien folgen wenige Jahre später dem niederländischen Vorbild; Deutschland vollzieht die vollständige Öffnung der Ehe erst 2017.

Blutiger G8-Gipfel in Genua: Demonstrant Carlo Giuliani erschossen

Straßenschlachten zwischen Polizei und Demonstranten beim G8-Gipfel in Genua 2001
Zusammenstöße an der Corso Torino während des G8-Gipfels in Genua, Juli 2001 (Wikimedia Commons, CC BY 2.5)

Beim G8-Gipfel im italienischen Genua eskaliert am 20. Juli die Gewalt zwischen Polizei und Globalisierungsgegnern: Der 23-jährige Carlo Giuliani wird bei Straßenschlachten von einem Carabiniere erschossen und anschließend von einem Polizeijeep überrollt — das erste Todesopfer der internationalen Anti-Globalisierungsbewegung. Rund 200.000 Menschen protestieren gegen das Gipfeltreffen von US-Präsident George W. Bush, Bundeskanzler Gerhard Schröder und den übrigen Staats- und Regierungschefs der sieben führenden Industrienationen sowie Russlands unter Gastgeber Silvio Berlusconi.

In der Nacht zum 22. Juli stürmt die italienische Polizei die Diaz-Schule, in der Journalisten und Demonstranten des Genoa Social Forum übernachten, und verletzt dutzende Menschen zum Teil schwer; im Gefangenenlager Bolzaneto kommt es Berichten zufolge zu weiteren Misshandlungen Festgenommener. Die Bilder von brennenden Barrikaden, Wasserwerfern und dem toten Giuliani gehen um die Welt und werden zum Symbol einer zunehmend gewaltsam ausgetragenen Debatte über Globalisierung — Gipfeltreffen der großen Industriestaaten finden fortan nur noch unter massivem Sicherheitsaufgebot statt.

Milzbrand-Anschläge verunsichern die USA nach dem 11. September

Einer der 2001 verschickten Milzbrand-Briefe an den US-Sender NBC News
Faksimile eines der Anthrax-Briefe, die 2001 unter anderem an NBC News verschickt wurden (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nur wenige Tage nach den Anschlägen vom 11. September verbreitet sich in den USA eine zweite Welle der Angst: Unbekannte verschicken Briefe mit dem Milzbranderreger Bacillus anthracis an Medienhäuser wie den Sender NBC News und den Boulevardverlag American Media in Florida sowie, am 9. Oktober aus Trenton, New Jersey, an die Senatoren Tom Daschle und Patrick Leahy in Washington. Fünf Menschen sterben an einer Lungenmilzbrand-Infektion, darunter zwei Mitarbeiter des Brentwood-Postverteilzentrums in der Hauptstadt, mindestens 17 weitere erkranken. Kongress und mehrere Postämter müssen zeitweise geschlossen, Millionen Sendungen auf Sporen untersucht werden.

Die Täterschaft bleibt zum Jahreswechsel ungeklärt; die Ermittlungen der Bundespolizei FBI unter dem Namen Amerithrax richten sich zunächst gegen einen falschen Verdächtigen, ehe die Spur erst Jahre später zu einem Wissenschaftler eines US-Armeelabors führt. Für die ohnehin verunsicherten Vereinigten Staaten werden die Anthrax-Briefe zum zweiten Schock des Jahres: Nach den Flugzeuganschlägen scheint nun auch die eigene Post zur Bedrohung zu werden.

China tritt der Welthandelsorganisation bei

Das Centre William Rappard in Genf, Sitz der Welthandelsorganisation
Das Centre William Rappard in Genf, Hauptsitz der Welthandelsorganisation (WTO), der China 2001 beitrat (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Nach fünfzehn Jahren zäher Verhandlungen wird die Volksrepublik China am 11. Dezember offizielles Mitglied der Welthandelsorganisation (WTO) — auf der Ministerkonferenz im katarischen Doha war der Beitritt bereits im November besiegelt worden. Peking verpflichtet sich im Gegenzug zu weitreichenden Zollsenkungen, zur Öffnung von Finanz-, Telekommunikations- und Dienstleistungsmärkten für ausländische Unternehmen sowie zur schrittweisen Angleichung an internationale Handelsregeln — ein Strategiewechsel, den Reformpolitiker Deng Xiaoping bereits 1978 eingeleitet hatte.

Für die Weltwirtschaft markiert der Beitritt eine Zäsur: China entwickelt sich in den Folgejahren zur »Werkbank der Welt« und zu einem der wichtigsten Handelspartner westlicher Industriestaaten, auch deutsche Exportunternehmen setzen fortan verstärkt auf den chinesischen Markt. Kritiker warnen zugleich vor Lohn- und Sozialdumping sowie vor der Verlagerung industrieller Fertigung aus Europa und den USA nach Fernost — eine Kontroverse, die die Globalisierungsdebatte des beginnenden Jahrhunderts über Jahre prägen wird.

Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus: Rot-Rot löst nach dem Bankgesellschafts-Skandal die Große Koalition ab

Das Abgeordnetenhaus von Berlin, der ehemalige Preußische Landtag
Das Abgeordnetenhaus von Berlin, der ehemalige Preußische Landtag (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Am 21. Oktober wählt Berlin ein neues Abgeordnetenhaus — vorgezogen, nachdem die große Koalition aus CDU und SPD im Sommer über den Milliardenskandal um die landeseigene Bankgesellschaft Berlin zerbrochen war und der seit 1996 regierende SPD-Innensenator Klaus Wowereit im Juni mit den Stimmen von Grünen und PDS zum Regierenden Bürgermeister einer Übergangskoalition gewählt wurde. Bei einer Wahlbeteiligung von 68,1 Prozent wird die SPD mit 29,7 Prozent (44 Sitze) erstmals seit 1975 wieder stärkste Kraft, die CDU stürzt nach dem Skandal um 17 Punkte auf 23,8 Prozent (35 Sitze) ab. Die PDS legt auf 22,6 Prozent (33 Sitze) zu, FDP und Grüne ziehen mit 9,9 beziehungsweise 9,1 Prozent (15 und 14 Sitze) ins Parlament ein; das Abgeordnetenhaus zählt künftig 141 Sitze.

Sondierungen über eine Ampel aus SPD, Grünen und FDP scheitern noch im Herbst. In der Nacht zum 20. Dezember einigen sich SPD und PDS auf ein gemeinsames Regierungsprogramm — die erste rot-rote Koalition in einem westdeutschen Land. Wowereit soll Regierender Bürgermeister bleiben, PDS-Chef Gregor Gysi als Wirtschaftssenator in den Senat einziehen; die förmliche Wahl im Abgeordnetenhaus steht zum Jahreswechsel noch aus. Die Bankgesellschaft, an der das Land mehrheitlich beteiligt ist, bleibt Berlins größte Altlast: Milliardenbürgschaften für faule Immobilienfonds drücken auf den Landeshaushalt.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Baden-Württemberg, 25. März — CDU 44,8 % (bestes Ergebnis seit 1988), SPD 33,3 %. Beteiligung 62,6 %, ein neuer Tiefstand. Erwin Teufel regiert mit der CDU weiter.
  • Rheinland-Pfalz, 25. März — SPD 44,7 %, CDU 35,3 %. Beteiligung 62,1 %, der vierte Rückgang in Folge. Ministerpräsident Kurt Beck setzt die Koalition mit der FDP fort.
  • Hamburg, 23. September — SPD 36,5 %, CDU 26,2 %, die neu angetretene Partei Rechtsstaatlicher Offensive um den früheren Amtsrichter Ronald Schill 19,4 %, FDP 5,1 %. Beteiligung 71,0 %, zwölf Tage nach den Anschlägen von New York und Washington so hoch wie seit Jahren nicht. Ole von Beust (CDU) bildet mit Schill-Partei und FDP eine neue Koalition und beendet 44 Jahre SPD-Regierung in der Hansestadt.
Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Am 15. Januar gehen Jimmy Wales und Larry Sanger mit der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia an den Start — aus einer Randnotiz wird binnen weniger Jahre eines der meistgenutzten Nachschlagewerke der Welt.
  • Am 23. Oktober stellt Steve Jobs in Cupertino den ersten iPod vor; ab 2002 ist mit dem Euro-Bargeld auch in Kiel und ganz Schleswig-Holstein der Abschied von D-Mark, Groschen und Pfennig besiegelt.
  • Vom 16. bis 24. Juni feiert Kiel bei der Kieler Woche — zum zwölften Mal seit der Wiederbelebung des Sommerfests — Segelsport und internationale Gäste an der Förde.
  • Am 2. Dezember meldet der US-Energiekonzern Enron Insolvenz an — zu jener Zeit die größte Firmenpleite der US-Geschichte deckt einen der größten Bilanzfälschungsskandale auf und erschüttert das Vertrauen in die Wall Street.
  • Am 21. Juli ziehen bei der Loveparade rund 800.000 Techno-Fans durch die Straßen Berlins — der Umzug zählt zu den größten Publikumsmagneten des Jahres.
  • Nach einer verlorenen Aufstiegsrelegation gegen den 1. SC Göttingen 05 steigt Holstein Kiel im Sommer 2001 dennoch in die Regionalliga Nord auf: Weil der niedersächsische Rivale kurz vor dem Duell Insolvenz anmeldet und keine Lizenz erhält, wird der Kieler Klub nachträglich am grünen Tisch befördert.

SPORT · 2001

In der Formel 1 sichert sich Michael Schumacher mit Ferrari seinen vierten WM-Titel und baut seine Vormachtstellung im Rennsport weiter aus. Mit dem neuen Boliden F2001 gewinnt er neun der 17 Saisonrennen, erzielt drei Doppelsiege mit Teamkollege Rubens Barrichello und macht die Meisterschaft schon beim 13. Rennen in Budapest vorzeitig klar — am Ende liegt er 58 Punkte vor dem Zweitplatzierten David Coulthard (McLaren). Auch im deutschen Fußball hält die Spannung bis zur letzten Minute an: Am 19. Mai 2001 bejubelt Schalke 04 nach einem 5:3 gegen die SpVgg Unterhaching für vier Minuten und 38 Sekunden den vermeintlichen Meistertitel, ehe eine Last-Minute-Grätsche von Patrik Andersson beim Hamburger SV dem FC Bayern München doch noch die Schale sichert — mit 63 Punkten die bislang niedrigste Ausbeute eines Meisters seit Einführung der Drei-Punkte-Regel. Schalke tröstet sich am 26. Mai mit dem DFB-Pokal: Im Berliner Olympiastadion bezwingt der Revierclub vor 73.011 Zuschauern den Regionalligisten 1. FC Union Berlin mit 2:0. Der Champions-League-Triumph des FC Bayern München im Mai, mit Torwart Oliver Kahn als Helden des Elfmeterschießens, ist bereits an anderer Stelle gewürdigt (siehe LICHTBLICKE). Im Handball löst SC Magdeburg in der Saison 2000/01 den bisherigen Branchenprimus ab und wird als erster gesamtdeutscher Verein deutscher Meister — für Norddeutschlands Handballhochburg Kiel, wo der THW die Saison 2000/01 nur auf dem fünften Platz beendet, bleibt der große Wurf damit noch eine Saison lang Wunschdenken. Insgesamt ein goldenes Sportjahr für den deutschen Spitzensport in einem ansonsten überschatteten 2001.

MODE · 2001

Tief sitzende Low-Rise-Jeans avancieren zum prägenden Silhouetten-Trend der frühen Nullerjahre, während pastellfarbene Juicy-Couture-Velours- Anzüge vom Freizeit-Outfit der amerikanischen Popkultur zum weltweiten Trend werden — bequeme, körperbetonte Mode löst den strengen Minimalismus der Neunziger endgültig ab. Dazu gehören bauchfreie Tops und kurze Trägerhemdchen, wie sie Popstars wie Britney Spears und Christina Aguilera auf Bühnen und Titelbildern vorleben, sowie klobige Plateausohlen und Cargo-Hosen mit auffälligen Seitentaschen, die längst nicht mehr nur in der Skater- und Hip-Hop-Szene getragen werden. Truckerkappen im Stil der US-Marke Von Dutch, die seit ihrer Gründung 1999 in Kalifornien Kultstatus erlangt, tauchen erstmals auch in Europa als Accessoire auf. Die Erfolgsserie Sex and the City, seit 1998 im Fernsehen und mittlerweile auch in Deutschland ein Gesprächsthema, befeuert derweil die Sehnsucht nach Designer-Schuhen und -Handtaschen als Statussymbol des Alltags.

KULTUR · 2001

Auch in einem Jahr, das die Welt aus den Angeln hebt, bleibt der winterliche Ausflug zur Ostseehalle Kiel ein verlässlicher Lichtblick: Holiday on Ice gastiert unter dem Motto „Celebration", und wer die Halle betritt, staunt einmal mehr über die Präzision der Eiskunstläuferinnen und -läufer, die aufwendigen Kostüme und die akrobatischen Hebefiguren, die Nummer für Nummer die Ränge zum Jubeln bringen. Zwischen Weltpolitik und Wirtschaftskrise bietet die Revue an der Förde für zwei Stunden puren Eskapismus.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 2001

  • Wolfgang Ketterle erhält den Physik-Nobelpreis (Oktober). Der deutsche Physiker wird für seine Arbeiten zu Bose-Einstein-Kondensaten in verdünnten Gasen geehrt — überregionale Anerkennung deutscher Grundlagenforschung.
  • Bayern München gewinnt die Champions League (23. Mai). Nach 1:1 in der Verlängerung setzt sich der Verein im Elfmeterschießen 5:4 gegen Valencia durch, Torwart Oliver Kahn wird zum Helden des Abends — erster europäischer Cup-Gewinn eines deutschen Klubs seit 25 Jahren.
  • 100 Jahre Wuppertaler Schwebebahn (1. März). Das seit 1901 über der Wupper schwebende Verkehrsmittel feiert im fernen Bergischen Land sein Jubiläum — ein technikgeschichtliches Kuriosum, von dem auch an der Förde mancher gehört hat.
  • Friedensnobelpreis geht an die Vereinten Nationen und Kofi Annan (12. Oktober). Die Organisation und ihr Generalsekretär werden gemeinsam für ihren Einsatz für eine friedlichere und besser organisierte Welt geehrt — ein Hoffnungszeichen in einem von Terror und Krieg überschatteten Jahr.
  • Erstes komplett implantierbares Kunstherz rettet ein Leben (2. Juli). Im US-amerikanischen Louisville erhält Robert Tools als erster Mensch das vollständig im Körper arbeitende Kunstherz AbioCor — ein Meilenstein der Medizintechnik, der Patienten ohne Spenderherz neue Hoffnung macht.
  • VfL Bad Schwartau gewinnt erstmals den DHB-Pokal (27. Mai). Der Handballverein aus Ostholstein bezwingt im Finale in Hamburg die HSG Wetzlar mit 26:22 und holt sich sensationell den ersten großen Titel seiner Vereinsgeschichte — Handball-Freude auch abseits der großen Bundesliga-Bühne in Schleswig-Holstein.

DAS WETTER · 2001 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein kühler, regnerischer Sommertag: Höchstwert 16,8 °C, in der Nacht 10,4 °C, im Mittel 12,8 °C; 6,6 mm Regen fielen.

Das Jahr über: Im Mittel 8,6 °C. Wärmster Tag 30,0 °C am 15. August, kältester −10,9 °C am 31. Dezember. 1 Hitzetag (≥ 30 °C), 14 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 870 mm.

(Messwerte der Station Schleswig, rund 40 km nordwestlich — für 2001 fehlen die Tageshöchst-/tiefstwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 2001

Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.

  1. Played A Live (The Bongo Song) — Safri Duo
  2. Country Roads — Hermes House Band
  3. Whole Again — Atomic Kitten
  4. Teenage Dirtbag — Wheatus
  5. One More Time — Daft Punk
  6. You're My Mate — Right Said Fred
  7. Follow Me — Uncle Kracker
  8. Turn The Tide — Sylver
  9. Butterfly — Crazy Town
  10. Can't Fight The Moonlight — LeAnn Rimes
  11. Daddy DJ — Daddy DJ
  12. Clint Eastwood — Gorillaz
  13. Crying At The Discoteque — Alcazar
  14. Fallin' — Alicia Keys
  15. Lady Marmalade — Christina Aguilera, Lil' Kim, Mya & P!nk
  16. Crawling — Linkin Park
  17. Eternity — Robbie Williams
  18. It's Raining Men — Geri Halliwell
  19. Miss California — Dante Thomas feat. Pras
  20. Let's Get Back To Bed - Boy! — Sarah Connor feat. TQ

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).