DER CHRONIST
Ein Jahr der Zäsuren: Eine neue Münze wandert durch zwölf Länder, Wasser und Wahlkampf verschränken sich zu einer der knappsten Bundestagswahlen der Geschichte, und an der Elbe zeigt sich, wie nah die große Katastrophe auch dem hohen Norden rücken kann. Im Fernen Osten gewinnt ein junger Staat seine Unabhängigkeit, während sich in Den Haag mit dem Internationalen Strafgerichtshof erstmals eine dauerhafte Instanz der Weltstrafjustiz etabliert. In Washington schärft ein US-Präsident mit einer einzigen Rede den Ton der Weltpolitik, während eine Berliner Kommission die Grundlagen für den größten Umbau des deutschen Arbeitsmarkts seit Jahrzehnten legt. Und in Moskau endet eine Geiselnahme im Theater mit einer erschütternden Zahl an Toten. Zwischen alledem bleibt, allen Erschütterungen zum Trotz, auch Raum für Fußballfieber, Eiskunstlauf in der Ostseehalle und die ersten Preisschilder in der neuen Währung.
Der Euro wird Bargeld — Startschuss in zwölf Ländern

Um Mitternacht lösen Euro-Scheine und -Münzen in zwölf Staaten der Europäischen Union die alten nationalen Währungen ab — auch die D-Mark, über Jahrzehnte Symbol des westdeutschen Wiederaufbaus, verlässt nach 53 Jahren endgültig die Kassen. Der Weg dorthin war lang: Bereits der Vertrag von Maastricht 1992 hatte die Wirtschafts- und Währungsunion beschlossen, seit 1999 existierte der Euro als reines Buchgeld, ehe nun das greifbare Bargeld folgt. Zum amtlichen Kurs von 1 Euro = 1,95583 D-Mark werden allein in Deutschland rund 4,3 Milliarden Banknoten im Gesamtwert von 264,9 Milliarden Euro als Erstausstattung gedruckt; die Deutsche Bundesbank tauscht D-Mark-Scheine und -Münzen auch danach zeitlich unbegrenzt und kostenfrei in Euro um. In Kiel bilden sich schon in den ersten Stunden Schlangen an den Geldautomaten der Sparkassen und Banken in der Holstenstraße, während die ersten Neujahrs-Einkäufe testweise in der neuen Währung bezahlt werden. Bis zum 28. Februar gilt eine Übergangsfrist, in der noch mit D-Mark gezahlt werden kann — parallel dazu wird vielerorts, auch in Kieler Geschäften, mit Doppelauszeichnung von Preisen in Mark und Euro nachgeholfen. Der Übergang verläuft bundesweit reibungslos — und doch bleibt vielen die D-Mark noch lange als heimliche Rechenwährung erhalten. Im Lauf des Jahres verdichtet sich zudem der Verdacht, manche Händler hätten die Umstellung genutzt, um Preise über den reinen Umrechnungskurs hinaus anzuheben: Aus „teuer" und „Euro" entsteht das Wort „Teuro", das die Gesellschaft für deutsche Sprache Ende 2002 zum Wort des Jahres kürt — Ausdruck einer gefühlten Teuerung, die Statistiker in den offiziellen Inflationszahlen so nicht wiederfinden.
Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt

Der Täter, der 19-jährige ehemalige Schüler Robert Steinhäuser, war im Herbst 2001 wegen einer gefälschten Krankschreibung von der Schule verwiesen worden; ohne Abschluss — den es in Thüringen an Gymnasien ohne bestandenes Abitur nicht gab — verheimlichte er den Rauswurf monatelang auch seiner eigenen Familie. Am Morgen des 26. April betritt er maskiert das Gutenberg-Gymnasium, bewaffnet mit einer Pistole des Typs Glock 17 und einer Pump-Action-Flinte mit Pistolengriff, die er als Sportschütze legal erworben hatte; benutzt wird im Tatverlauf allein die Pistole. Vor einem Klassenraum stellt sich ihm sein früherer Lehrer Rainer Heise entgegen, der ihn trotz abgelegter Maske erkennt und ihn in einen Nebenraum schickt, den er von außen verriegelt — dort erschießt sich Steinhäuser wenig später selbst. Bis dahin erschießt er 16 Menschen — 13 Lehrkräfte, zwei Schüler, eine Sekretärin und einen Polizisten — bevor er sich selbst tötet; mit dem Täter sterben 17 Menschen. Es ist die folgenschwerste Bluttat an einer deutschen Schule. Bundesweit werden in den Wochen danach Schulgesetze, Waffenrecht und Krisenpläne überprüft — auch an Schleswig-Holsteins Gymnasien wird über Sicherheitskonzepte und Alarmierungssysteme diskutiert. Noch im selben Jahr bringt der Bundestag die seit den 1970er-Jahren weitreichendste Verschärfung des Waffengesetzes auf den Weg: Pumpguns mit Pistolengriff werden verboten, unter 25-Jährige müssen künftig vor dem Erwerb einer Waffe ein amtsärztliches Zeugnis über ihre geistige Eignung vorlegen; die Novelle tritt im April 2003 in Kraft.
Die Jahrhundertflut erreicht die Elbe — und Schleswig-Holstein

Ursache ist eine klassische Vb-Wetterlage: Ein Tief zieht vom westlichen Mittelmeer nach Nordosten und lädt sich dabei mit riesigen Mengen warmer, feuchter Mittelmeerluft auf, die beim Auftreffen auf Alpen und Erzgebirge binnen weniger Tage abregnet. Bereits am 14. August erreicht die Flut Prag: Rund 220.000 Menschen müssen die Stadt verlassen, die Prager Metro wird geflutet, 17 Menschen sterben allein in Tschechien. Nach sintflutartigen Regenfällen tritt zunächst die Weißeritz über die Ufer und verwüstet Dresdner Stadtteile, die sächsische Kleinstadt Grimma an der Mulde wird nahezu vollständig überflutet, die historische Pöppelmann-Brücke schwer beschädigt. Am 17. August erreicht die Elbe in Dresden mit 9,40 Meter einen bis dahin nie gemessenen Höchststand; Hauptbahnhof, Zwinger und Semperoper stehen unter Wasser, allein an den Kunstsammlungen und der Semperoper entsteht ein Schaden von rund 47 Millionen Euro. Bundesweit müssen rund 330.000 Menschen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Teilen Brandenburgs ihre Häuser verlassen. Kanzler Gerhard Schröder besucht in Gummistiefeln die Flutgebiete, sagt sofortige Hilfen zu und verschiebt eine bereits beschlossene Stufe der Steuerreform um ein Jahr, um damit den mit 7,1 Milliarden Euro ausgestatteten Aufbauhilfe-Fonds zu finanzieren — ein Vorgehen, an dem sich die Union mit ihrem Gegenvorschlag einer langsameren Schuldentilgung entzündet. Die Flutwelle wandert elbabwärts — und erreicht Ende August auch Lauenburg im Kreis Herzogtum Lauenburg, die südlichste Stadt Schleswig-Holsteins direkt an der Elbe: Mit einem Pegelstand von 8,70 Metern wird auch hier ein Rekordwert erreicht, ehe die Deiche halten. „Wir haben es geschafft", meldet der Katastrophenschutz vor Ort. Insgesamt sind bundesweit rund 128.000 Helfer von Feuerwehr, THW und Bundeswehr im Einsatz, unter ihnen auch Kräfte aus Schleswig-Holstein. 21 Menschen sterben in Deutschland in den Fluten, der Gesamtschaden hierzulande wird auf rund 11,6 Milliarden Euro beziffert — die bis dahin teuerste Naturkatastrophe der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte. Das Bild der Katastrophe prägt fortan auch den Bundestagswahlkampf.
Bundestagswahl: Schröder bleibt hauchdünn Kanzler

Den Weg zur Kandidatur hatte die Union bereits im Januar beim sogenannten „Wolfratshauser Frühstück" geklärt: CDU-Chefin Angela Merkel verzichtete dort zugunsten des CSU-Vorsitzenden und bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber auf eigene Kanzlerkandidatur-Ambitionen. Die FDP tritt erstmals mit einem eigenen Kanzlerkandidaten an, Guido Westerwelle, der mit dem knallgelben „Guidomobil" durchs Land tourt und unter dem Motto „Projekt 18" ein zweistelliges Ergebnis anstrebt — am Ende werden es 7,4 Prozent. Der Wahlkampf der Liberalen gerät zusätzlich durch die Möllemann-Affäre in Turbulenzen: Jürgen W. Möllemann wirft mit israelkritischen Wurfzetteln in Nordrhein-Westfalen einen Antisemitismusstreit auf, der der Partei schadet. Die PDS verpasst mit 4,0 Prozent und nur zwei direkt gewonnenen Mandaten den Fraktionsstatus im Bundestag, die Schill-Partei des Hamburger Innensenators Ronald Schill scheitert bundesweit an der Fünf-Prozent-Hürde. Bei der Bundestagswahl liefern sich SPD und CDU/CSU mit je 38,5 Prozent ein historisches Kopf-an-Kopf-Rennen — nur rund 6.000 Zweitstimmen trennen beide Lager. Weil die SPD drei Überhangmandate mehr gewinnt als die Union, bleibt Gerhard Schröder Bundeskanzler und bildet mit den Grünen unter Außenminister Joschka Fischer erneut eine Koalition, das Kabinett Schröder II; sein Herausforderer Stoiber unterliegt. Wahlforscher sehen im entschlossenen Auftreten der Regierung während der Flutkatastrophe und in der klaren Ablehnung eines deutschen Kriegseinsatzes im Irak — Schröder hatte eine deutsche Beteiligung auch für den Fall eines UN-Mandats ausgeschlossen — die entscheidenden Faktoren des knappen Ausgangs.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Sachsen-Anhalt, 21. April — CDU 37,3 %, PDS 20,4 %, SPD 20,0 %. Die SPD-Minderheitsregierung unter Reinhard Höppner, die sich zuvor auf die Duldung der PDS gestützt hatte, verliert die Macht; Wolfgang Böhmer (CDU) bildet eine Koalition mit der FDP, die mit 13,3 Prozent in den Landtag zurückkehrt.
- Mecklenburg-Vorpommern, 22. September — SPD 40,6 %, CDU 31,4 %, PDS 16,4 %. Zeitgleich zur Bundestagswahl gewinnt die SPD deutlich hinzu, die PDS verliert stark; Harald Ringstorff setzt seine Koalition aus SPD und PDS fort.
Kopenhagen beschließt die größte EU-Erweiterung der Geschichte

Grundlage der Erweiterung sind die bereits 1993 formulierten „Kopenhagener Kriterien" für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Marktwirtschaft; die eigentlichen Beitrittsverhandlungen hatten 1997 in Luxemburg mit sechs Kandidaten begonnen und wurden 1999 in Helsinki nach dem sogenannten Regatta-Modell auf die übrigen Bewerberstaaten ausgeweitet. Erst ein deutsch-französischer Finanzierungskompromiss vom Oktober 2002 in Brüssel — ausgehandelt maßgeblich zwischen Kanzler Gerhard Schröder und Präsident Jacques Chirac und im Kern das Einfrieren des Agrarhaushalts bei einem Inflationsausgleich von einem Prozent für die Jahre 2007 bis 2013 — macht die Erweiterung überhaupt finanzierbar und ebnet damit den Weg für den Kopenhagener Beschluss. Auf dem EU-Gipfel in Kopenhagen einigen sich die Staats- und Regierungschefs am 13. Dezember auf die Aufnahme von zehn neuen Mitgliedstaaten — Polen, Ungarn, Tschechien, die Slowakei, Slowenien, Estland, Lettland, Litauen, Zypern und Malta sollen zum 1. Mai 2004 beitreten; Zypern tritt bei, obwohl die Insel seit 1974 geteilt bleibt und eine Wiedervereinigung vor dem Beitritt nicht gelingt. Es ist die größte Erweiterungsrunde der Geschichte der Europäischen Union, rund 75 Millionen Menschen werden neue EU-Bürger; die feierliche Unterzeichnung der Beitrittsverträge ist für April 2003 in Athen vorgesehen. Für Kiel, größte deutsche Ostseestadt und traditionelles „Tor zur Ostsee" mit Fährlinien etwa nach Klaipėda in Litauen, ist der Beschluss von besonderem Gewicht: Aus Nachbarn jenseits einer alten Grenze werden künftige EU-Partner rund um das gemeinsame Meer.
Bush spricht von der „Achse des Bösen"

In seiner ersten regulären State of the Union-Rede vor dem US-Kongress bezeichnet US-Präsident George W. Bush die Regime in Nordkorea, Iran und Irak als „Achse des Bösen" (axis of evil) — Staaten, die seiner Darstellung nach den internationalen Terrorismus unterstützten und zugleich nach Massenvernichtungswaffen strebten: „States like these, and their terrorist allies, constitute an axis of evil, arming to threaten the peace of the world." Der Begriff geht vermutlich auf Bushs Redenschreiber David Frum zurück, der ursprünglich von einer „Achse des Hasses" gesprochen hatte, ehe die Formulierung im Redaktionsprozess des Weißen Hauses verschärft wurde — die genaue Urheberschaft bleibt umstritten. Die Rede, gut vier Monate nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, markiert eine deutliche Verschärfung der amerikanischen Rhetorik gegenüber den drei genannten Staaten und gilt rückblickend als frühes rhetorisches Fundament für die spätere US-Politik gegenüber dem Irak, die im März 2003 in die Invasion mündet. International sorgt der Begriff für erhebliches Befremden: Kritiker verweisen darauf, dass Irak und Iran zuvor acht Jahre lang gegeneinander Krieg geführt hatten und kaum als natürliche Verbündete gelten können, während sich in Teheran auch gemäßigte Kräfte, die zuvor Kontakte zu Washington gesucht hatten, brüskiert zeigen.
Osttimor wird unabhängig

Nach fast einem Vierteljahrhundert indonesischer Besatzung — Jakarta hatte das Land 1975 annektiert, wobei nach Schätzungen rund 183.000 Menschen ums Leben kamen — und einem UN-überwachten Referendum, bei dem sich die Bevölkerung Osttimors am 30. August 1999 klar für die Unabhängigkeit ausgesprochen hatte, wird der jahrelange Weg zur Eigenstaatlichkeit vollendet. In einer nächtlichen Zeremonie im Küstenort Tasitolu bei der Hauptstadt Dili übergibt UN-Generalsekretär Kofi Annan am 20. Mai um 23:40 Uhr formal die Regierungsgewalt, die seit Februar 2000 bei der UN-Übergangsverwaltung UNTAET gelegen hatte; um 0:24 Uhr wird die Flagge des neuen Staates gehisst. Erster Präsident wird der frühere Guerillaführer Xanana Gusmão, der die Wahl im April mit 82,7 Prozent der Stimmen gewonnen hatte. Rund 300 Ehrengäste aus 90 Ländern verfolgen die Feier, darunter der frühere US-Präsident Bill Clinton, Australiens Premier John Howard und die indonesische Präsidentin Megawati Sukarnoputri — deren Anwesenheit als Geste der Versöhnung mit der einstigen Kolonialmacht gilt. Der Übergangsphase war 1999 eine Welle der Gewalt vorausgegangen, bei der pro-indonesische Milizen rund 280.000 Osttimoresen nach Westtimor vertrieben hatten, ehe eine internationale Eingreiftruppe die Lage stabilisierte. Am 27. September 2002 wird Osttimor als 191. Mitglied in die Vereinten Nationen aufgenommen und damit endgültig als souveräner Staat anerkannt.
Der Internationale Strafgerichtshof nimmt seine Arbeit auf

Vier Jahre nach seiner Verabschiedung auf einer Staatenkonferenz in Rom tritt das Römische Statut an diesem Tag in Kraft und begründet damit den Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) mit Sitz in Den Haag — das erste ständige internationale Gericht zur Verfolgung von Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen. Das Statut war am 17. Juli 1998 von 120 Staaten beschlossen worden; nach seinen eigenen Bestimmungen sollte es erst in Kraft treten, sobald 60 Staaten es ratifiziert hatten — ein Schwellenwert, der am 11. April 2002 erreicht wird, sodass der Gerichtshof zum 1. Juli offiziell entsteht. Anders als der Internationale Gerichtshof, der Streitigkeiten zwischen Staaten schlichtet, kann der IStGH einzelne Personen strafrechtlich zur Verantwortung ziehen. Von den fünf ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats bleiben gleich drei dem neuen Gericht fern: Russland und China ratifizieren das Statut nie, und die Vereinigten Staaten unter Präsident George W. Bush ziehen ihre bereits unter Bill Clinton geleistete Unterschrift noch im selben Jahr zurück; Washington verabschiedet zudem den „American Service-Members' Protection Act", der amerikanische Staatsbürger vor einer Auslieferung an Den Haag schützen soll. Trotz dieser Vorbehalte gilt die Gründung als Meilenstein der internationalen Rechtsordnung: Erstmals existiert eine dauerhafte Instanz, vor der auch amtierende Staatschefs für schwerste Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden können.
Die Hartz-Kommission legt ihr Reformkonzept vor

Im Französischen Dom in Berlin stellt die nach ihrem Vorsitzenden benannte Hartz-Kommission — offiziell „Kommission für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt" — ihren Abschlussbericht vor. Geleitet wird das Gremium von Peter Hartz, Personalvorstand des Volkswagen-Konzerns; eingesetzt hatte es Kanzler Gerhard Schröder bereits am 22. Februar, nachdem der Bundesrechnungshof im Januar massive Manipulationen bei den Vermittlungsstatistiken der Bundesanstalt für Arbeit aufgedeckt hatte und deren Präsident Bernhard Jagoda zurücktreten musste. Das Konzept umfasst 13 „Innovationsmodule" und soll die Zahl der Arbeitslosen binnen drei Jahren halbieren. Zu den zentralen Vorschlägen zählen die Umbenennung der Arbeitsämter in „JobCenter", die Förderung von Kleinstselbstständigkeit über die sogenannte „Ich-AG", der Aufbau von Personal-Service-Agenturen zur befristeten Arbeitnehmerüberlassung sowie — folgenreichster Punkt — die geplante Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zu einer neuen Leistung, dem späteren Arbeitslosengeld II. Die Vorschläge, noch vor der Bundestagswahl im September öffentlichkeitswirksam präsentiert, bilden binnen der folgenden Jahre die Grundlage der vier Hartz-Gesetze, mit denen die rot-grüne Bundesregierung den deutschen Arbeitsmarkt grundlegend umbaut — eine Reform, die die politische Landschaft der kommenden Jahrzehnte prägen und in Teilen der SPD-Basis heftigen Widerstand auslösen wird.
Geiselnahme im Moskauer Dubrowka-Theater

Am Abend des 23. Oktober, während des zweiten Akts des ausverkauften Musicals „Nord-Ost", stürmen 40 bis 50 bewaffnete tschetschenische Separatisten unter Führung von Mowsar Barajew das Dubrowka-Theater im Moskauer Stadtteil Djubrowka und nehmen mehr als 850 Zuschauer und Darsteller als Geiseln. Die Gruppe, die sich zur tschetschenischen Unabhängigkeitsbewegung zählt, fordert den sofortigen Abzug der russischen Truppen aus Tschetschenien und droht mit der Sprengung des Gebäudes; unter den Geiselnehmern befinden sich auch mit Sprengstoffgürteln ausgestattete Frauen. Nach mehr als zweieinhalb Tagen zäher Verhandlungen leiten russische Spezialeinheiten des Inlandsgeheimdienstes FSB in den frühen Morgenstunden des 26. Oktober die Erstürmung ein: Über die Lüftungsanlage wird ein Betäubungsgasgemisch — vermutlich auf Basis der Opioide Carfentanyl und Remifentanil — in den Zuschauerraum geleitet, ehe die Einheiten Alpha und Wympel durch Keller, Dach und Haupteingang eindringen und die bewusstlosen Geiselnehmer erschießen. Die Bilanz: 130 tote Geiseln, von denen die weit überwiegende Mehrheit nicht durch Schüsse, sondern an den Folgen des Gases stirbt — die Rettungskräfte vor Ort sind auf die Vergiftungswelle nicht vorbereitet und verfügen zunächst nicht einmal über das Gegenmittel. Die Weigerung der russischen Behörden, die genaue Zusammensetzung des Gases offenzulegen, erschwert die medizinische Versorgung zusätzlich und wird international scharf kritisiert; der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte verurteilt Russland Jahre später wegen unzureichender Rettungsmaßnahmen.
AM RANDE NOTIERT
- Brasilien wird am 30. Juni in Yokohama zum fünften Mal Fußball-Weltmeister und schlägt Deutschland im Finale mit 2:0 — Ronaldo trifft doppelt, Torwart Oliver Kahn wird zur tragischen Figur.
- Am 12. Oktober reißen zwei Bombenanschläge auf Nachtclubs im indonesischen Kuta (Bali) 202 Menschen in den Tod, darunter viele ausländische Touristen — der folgenschwerste Terroranschlag in der Geschichte Indonesiens.
- Der Münchner Medienkonzern KirchMedia meldet am 8. April mit Schulden in Milliardenhöhe Insolvenz — die bis dahin größte Firmenpleite der deutschen Nachkriegsgeschichte; Bundesliga-Rechte und Bezahlsender wechseln in der Folge den Besitzer.
- Nach der Insolvenz des Mutterkonzerns Babcock Borsig im Sommer wird die Kieler Traditionswerft HDW (Howaldtswerke-Deutsche Werft) noch im selben Jahr an den US-Investor One Equity Partners verkauft — der Weiterbau der U-Boote am Standort Kiel ist gesichert.
SPORT · 2002
Die Fußball-Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea — erstmals von zwei Ländern gemeinsam ausgerichtet und erstmals überhaupt in Asien —, bei der Brasilien Deutschland im Finale mit 2:0 bezwang, ist bereits die sportliche Hauptschlagzeile des Jahres (siehe „Am Rande notiert"). Die deutsche Mannschaft war über einen 8:0-Kantersieg gegen Saudi-Arabien zur Vorrunde und ein knappes 1:0 gegen Südkorea im Halbfinale ins Finale eingezogen; Stürmer Miroslav Klose erzielt im Turnierverlauf fünf Tore — alle per Kopf —, während Mittelfeldspieler Michael Ballack, Schütze des entscheidenden Treffers gegen Südkorea, wegen einer Gelb-Sperre im Endspiel fehlt. Im Finale selbst trifft Ronaldo zweimal für Brasilien und wird mit acht Turniertoren Torschützenkönig; Torwart Oliver Kahn wird trotz der Finalniederlage und eines folgenschweren Patzers beim zweiten Gegentor zum besten Spieler des Turniers gewählt. Wenige Monate zuvor, im Februar, waren in Salt Lake City die Olympischen Winterspiele ausgetragen worden, bei denen Rennrodler Georg Hackl seine vierte olympische Silbermedaille in Folge gewinnt und Eisschnellläuferin Claudia Pechstein für Deutschland Gold holt. Für Handball-Anhänger an der Förde liefert das Jahr gleich doppelten Grund zur Freude: Der THW Kiel wird 2002 zum wiederholten Mal Deutscher Meister und gewinnt zudem den EHF-Pokal — nach einem 36:29-Heimsieg in der Ostseehalle im Hinspiel reicht trotz einer 24:28-Niederlage im Rückspiel in Barcelona der Gesamtvorsprung zum internationalen Titel.
MODE · 2002
Auf den Laufstegen dominiert Logomania: Dior unter John Galliano und andere große Häuser setzen auf auffällige Markenzeichen, während der Straßenmode-Trend der Jahrtausendwende — bauchfreie Tops im Popstar-Stil — seinen Zenit erreicht. Die „It-Bag" wird zum Statussymbol: Neben Fendis Baguette und Galliano-Diors Saddle Bag setzt sich vor allem die Monogramm-Tasche von Louis Vuitton durch, nicht zuletzt befeuert durch Popstars wie Britney Spears, die das Modell öffentlichkeitswirksam trägt. Auf der Straße dominieren tief sitzende Jeans, dazu — ebenfalls von Spears und anderen Popstars vorgelebt — pelzbesetzte Ugg-Boots und bestickte Samt-Trainingsanzüge von Marken wie Juicy Couture. Mit dem Euro-Bargeld ändert sich zum Jahreswechsel auch in Kiels Geschäften an der Holstenstraße schlicht die Währung an der Kasse, nicht der Geschmack.
KULTUR · 2002
Wie jeden Winter füllt sich die Ostseehalle Kiel auch 2002 wieder für Holiday on Ice — seit 1953 gehört der Gastspielbesuch der Revue so selbstverständlich zum Kieler Winter wie die Kieler Woche zum Sommer. Unter dem Motto „Hollywood" huldigt die Show in dieser Saison der Traumfabrik: Glamour, Scheinwerferlicht und große Filmmelodien treffen auf artistische Eislaufkunst. Zwischen Euro-Umstellung und Jahrhundertflut bleibt der Abend in der Ostseehalle ein Stück unbeschwerter Normalität an der Förde.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 2002
- Hannawald gewinnt den „Grand Slam" der Vierschanzentournee (6. Januar). Als erster Skispringer überhaupt gewinnt Sven Hannawald alle vier Springen der Tournee in Folge — eine bis heute einzigartige Leistung des deutschen Wintersports.
- Jimmy Carter erhält den Friedensnobelpreis für Jahrzehnte des Einsatzes für Menschenrechte (11. Oktober). Der frühere US-Präsident wird für seine unermüdliche Vermittlungsarbeit in internationalen Konflikten sowie sein Engagement für Demokratie und soziale Gerechtigkeit geehrt.
DAS WETTER · 2002 in Kiel
An diesem 13. Juli war es an der Förde ein warmer Sommertag: Höchstwert 23,4 °C, in der Nacht 15,9 °C, im Mittel 19,1 °C; kaum Regen (0,3 mm).
Das Jahr über: Im Mittel 9,7 °C. Wärmster Tag 31,9 °C am 18. Juni, kältester −7,9 °C am 5. Januar. 2 Hitzetage (≥ 30 °C), 12 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 965 mm — das Jahr der Jahrhundertflut.
(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 2002
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.
- Without Me — Eminem
- Whenever, Wherever — Shakira
- Engel — Ben feat. Gim
- How You Remind Me — Nickelback
- Perdono — Tiziano Ferro
- I.O.I.O. — B3
- The Ketchup Song (Asereje) — Las Ketchup
- Just More — Wonderwall
- Underneath Your Clothes — Shakira
- Mensch — Herbert Grönemeyer
- Moonlight Shadow — Groove Coverage
- A Little Less Conversation — Elvis vs JXL
- Believe In Me — Lenny Kravitz
- Let This Party Never End — Mark 'Oh
- I'm Alive — Celine Dion
- I Need A Girl (Part One) — P. Diddy feat. Usher & Loon
- If Tomorrow Never Comes — Ronan Keating
- Get The Party Started — P!nk
- Dreamer — Ozzy Osbourne
- Cruisen — Massive Töne
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).