DER CHRONIST
Ein Jahr der Erschütterungen: Ein Krieg spaltet die westliche Allianz, ein Kanzler stellt die Republik mit der Agenda 2010 auf den Kopf, eine Bank am Ostseeufer ändert über Nacht ihren Namen — und über allem liegt eine Hitze, wie sie Europa seit Menschengedenken nicht erlebt hat. Schon im Februar reißt der Verlust der Raumfähre Columbia eine Wunde in die bemannte Raumfahrt, ehe China im Oktober mit Yang Liwei erstmals selbst einen Menschen ins All schickt. In Belgrad fällt der Reformer Zoran Đinđić einem Attentat zum Opfer, in Nordamerika legt der größte Stromausfall der Geschichte binnen Minuten ein ganzes Netz lahm, und im Iran begräbt ein verheerendes Erdbeben die jahrtausendealte Zitadelle von Bam unter sich. Dazwischen verabschiedet sich die Concorde nach 27 Jahren aus dem Liniendienst, während Apple mit dem iTunes Music Store die Musikindustrie neu erfindet — ein Jahr, das zeigt, wie eng Weltgeschichte und Alltag an der Förde miteinander verwoben sind.
Columbia zerbricht beim Wiedereintritt: sieben Astronauten sterben

Über Texas und Louisiana löst sich die Raumfähre Columbia wenige Minuten vor der geplanten Landung in der Atmosphäre auf — alle sieben Besatzungsmitglieder der Mission STS-107 kommen ums Leben: Kommandant Rick Husband, Pilot William McCool, die Missionsspezialisten Michael Anderson, David Brown, Laurel Clark und Kalpana Chawla sowie Nutzlastspezialist Ilan Ramon, der erste israelische Astronaut im All. Die Columbia war am 16. Januar zu einem 16-tägigen Forschungsflug gestartet; bereits 81,7 Sekunden nach dem Abheben hatte sich ein Stück Schaumstoffisolierung vom externen Treibstofftank gelöst und ein Loch in die Hitzeschutzkacheln des linken Flügels gerissen — ein auf Startvideos sichtbarer, von der NASA damals aber als ungefährlich eingestufter Vorfall. Beim Wiedereintritt am Morgen des 1. Februar dringt durch dieses Loch über 1.800 Grad heißes Plasma in die Tragfläche ein, die Fähre zerbricht in großer Höhe, und ihre Trümmer regnen über ein mehrere hundert Kilometer langes Gebiet quer durch Texas und Louisiana nieder. Die eigens eingesetzte Untersuchungskommission Columbia Accident Investigation Board macht wenige Monate später neben der technischen Ursache auch eine über Jahre gewachsene Sicherheitskultur bei der NASA verantwortlich, die frühere Warnsignale zur Schaumstoff-Problematik wiederholt kleingeredet hatte. Die NASA setzt das Shuttle-Programm für mehr als zwei Jahre aus — erst im Juli 2005 startet mit der Discovery wieder ein Space Shuttle —, ein tiefer Einschnitt für die bemannte Raumfahrt, dessen Bilder um die Welt gehen.
»Agenda 2010«: Schröder verkündet den größten Sozialumbau der Republik

In einer 90-minütigen Regierungserklärung unter dem Titel »Mut zum Frieden und Mut zur Veränderung« kündigt Bundeskanzler Gerhard Schröder vor dem Bundestag einen radikalen Umbau von Arbeitsmarkt, Sozialsystemen und Wirtschaft an. Die Agenda 2010 — mit den nach VW-Manager Peter Hartz benannten Arbeitsmarktreformen als Kernstück — soll die seit Jahren stagnierende Republik aus der Krise führen. Kernpunkte sind die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zum neuen Arbeitslosengeld II, eine verkürzte Bezugsdauer des regulären Arbeitslosengeldes, ein gelockerter Kündigungsschutz für Betriebe bis fünf Beschäftigte, der Ausbau von Mini- und Midijobs sowie der geförderten Selbstständigkeit über die Ich-AG — dazu, im Rahmen der parallelen Gesundheitsreform, eine ab 2004 fällige Praxisgebühr von zehn Euro pro Quartal. Für Schröder wird die Rede zur Rede seines Lebens: Er verknüpft seine politische Zukunft offen mit der Durchsetzung des Programms. Auf einem außerordentlichen Bundesparteitag der SPD am 1. Juni in Berlin lässt er sich die Agenda mit rund 80 Prozent Zustimmung absegnen — ein Ergebnis, das die tiefen Gräben in der eigenen Partei nur mühsam überdeckt. Am
- November demonstrieren in Berlin nach Veranstalterangaben rund 100.000 Menschen gegen den „Sozialabbau"; die überraschend hohe Beteiligung kommt zustande, obwohl sich die DGB-Spitze offiziell von dem Protest distanziert hatte. Die Agenda 2010 spaltet Schröders SPD nachhaltig und legt den Grundstein für Verwerfungen — bis hin zu Parteiaustritten und späteren Abspaltungen im linken Lager —, die die deutsche Politik noch Jahre beschäftigen.
Den politischen Offenbarungseid liefert in diesem Jahr nicht die Bundestagswahl — die findet 2003 nicht statt —, sondern die Landtage. Schon am 2. Februar, Wochen vor der Regierungserklärung, straft der Wähler die rot-grüne Bundespolitik in zwei Ländern gleichzeitig ab: In Hessen holt die CDU unter Ministerpräsident Roland Koch mit 48,8 Prozent zum ersten Mal in der Geschichte des Landes die absolute Mehrheit (SPD 29,1 Prozent, Wahlbeteiligung 64,6 Prozent) und regiert fortan allein. In Niedersachsen verliert die SPD nach 13 Regierungsjahren unter Ministerpräsident Sigmar Gabriel ihre absolute Mehrheit; die CDU unter Christian Wulff kommt auf 48,3 Prozent (SPD 33,4 Prozent, Beteiligung 67,0 Prozent) und bildet mit der FDP eine schwarz-gelbe Koalition. Am 21. September, ein halbes Jahr nach der Agenda-Rede, setzt sich die Serie fort: In Bayern holt die CSU unter Ministerpräsident Edmund Stoiber mit 60,7 Prozent der Stimmen (SPD 19,6 Prozent, Beteiligung 57,1 Prozent) die Zweidrittelmehrheit der Landtagsmandate — ein bis dahin einmaliges Ergebnis in einem deutschen Landesparlament.
Die weitere Landtagswahl des Jahres:
- Bremen, 25. Mai — SPD 42,3 %, CDU 29,8 %. Trotz Verlusten beider Parteien setzt Bürgermeister Henning Scherf die große Koalition fort.
Bomben auf Bagdad: USA und Verbündete stürzen Saddam Hussein

Ohne UN-Mandat beginnen die USA unter Präsident George W. Bush zusammen mit Großbritannien und einer »Koalition der Willigen« den Angriff auf den Irak, um Diktator Saddam Hussein zu stürzen und dessen angebliche Massenvernichtungswaffen zu beseitigen — ein Vorwurf, den US-Außenminister Colin Powell am 5. Februar vor dem UN-Sicherheitsrat mit Satellitenbildern und Geheimdienstinformationen untermauert hatte, die sich später als weitgehend haltlos erweisen. Deutschland, Frankreich und Russland hatten zuvor im Sicherheitsrat gegen einen Kriegseinsatz votiert — Kanzler Schröder hatte bereits im Bundestagswahlkampf 2002 einen deutschen Kriegsbeitrag kategorisch ausgeschlossen. Am 15. Februar demonstrieren nach Schätzungen weltweit mehrere Millionen Menschen gegen den drohenden Krieg, allein in Berlin sind es mehrere Hunderttausend — der bis dahin größte koordinierte Protesttag der Geschichte. In der Nacht zum 20. März beginnt die Invasion mit einem massiven Bombardement Bagdads; nach nur drei Wochen fällt die Hauptstadt am 9. April, medienwirksam symbolisiert durch den Sturz einer Saddam-Statue auf dem Firdos-Platz. Am 1. Mai erklärt Präsident Bush an Bord des Flugzeugträgers USS Abraham Lincoln unter dem Banner „Mission Accomplished" die schweren Kampfhandlungen für beendet — tatsächlich zieht sich ein blutiger Aufstand gegen die Besatzungstruppen noch jahrelang hin. Der Riss durch die westliche Allianz, angeheizt durch US-Verteidigungsminister Rumsfelds Rede vom „alten" gegen das „neue Europa", ist sichtbar bis nach Kiel, wo während der Kieler Woche im Juni Kriegsgegner demonstrieren, und bleibt eines der prägenden außenpolitischen Zerwürfnisse des Jahres.
Neue Großbank für den Norden: HSH Nordbank entsteht aus Kieler und Hamburger Landesbank

In Kiel und Hamburg verschmelzen die traditionsreiche Landesbank Schleswig-Holstein und die Hamburgische Landesbank zum 2. Juni zur HSH Nordbank AG — mit rund 172 Milliarden Euro Bilanzsumme auf einen Schlag eine der größten deutschen Bankengruppen. Erster Vorstandsvorsitzender des neuen Instituts wird Alexander Stuhlmann. Eigentümer bleiben die Länder Schleswig-Holstein und Hamburg gemeinsam mit den regionalen Sparkassenverbänden; die neue Aktiengesellschaft erhält zwei gleichberechtigte Hauptsitze, rund 40 Prozent der etwa 4.500 Arbeitsplätze bleiben an der Förde. Ein wesentlicher Antrieb für das Zusammengehen ist der für 2005 feststehende Wegfall der Gewährträgerhaftung, jener unbegrenzten Staatsgarantie, mit der sich Landesbanken bislang günstig am Kapitalmarkt refinanzieren konnten — die Fusion soll das neue Institut vor diesem Einschnitt wettbewerbsfähig aufstellen. Als Wachstumsfeld setzt die HSH Nordbank fortan verstärkt auf die Finanzierung von Schiffsneubauten und steigt binnen weniger Jahre zum weltweit größten Schiffsfinanzierer auf. Für die Landeshauptstadt ist die Fusion ein Signal wirtschaftlicher Bedeutung — und, wie sich Jahre später zeigen wird, der Beginn einer Geschichte, die Schleswig-Holstein noch teuer zu stehen kommt.
Der Jahrhundertsommer: Rekordhitze fordert Tausende Todesopfer

Ganz Europa erlebt den heißesten Sommer seit Beginn der flächendeckenden Wetteraufzeichnungen 1881: Am 13. August werden in Karlsruhe und Freiburg deutschlandweite Rekordwerte von 40,2 Grad gemessen, europaweit sterben nach Schätzungen zwischen 45.000 und 70.000 Menschen an den Folgen der Hitze — allein in Frankreich, dem am schwersten getroffenen Land, verzeichnen Statistiker rund 15.000 zusätzliche Todesfälle binnen weniger August-Wochen, mit einer um bis zu 120 Prozent erhöhten Sterblichkeit bei über 95-Jährigen. Auch die deutsche Infrastruktur gerät unter Druck: Rhein und Mosel erwärmen sich auf bis zu 28,6 beziehungsweise 28,2 Grad, mehrere Kernkraftwerke — darunter Philippsburg, Neckarwestheim, Isar 1, Unterweser und Stade — müssen ihre Leistung wegen der Kühlwasser-Grenzwerte zeitweise auf rund 80 Prozent drosseln, während die Binnenschifffahrt wegen Niedrigwassers ihre Ladung deutlich reduzieren muss. Auch der Norden bleibt nicht verschont — wenn auch mit deutlich geringeren Spitzenwerten als am Oberrhein, bringt die Dürre auch in Schleswig-Holstein ungewöhnlich viele Tropennächte, vertrocknete Felder und niedrige Wasserstände mit sich. Der »Jahrhundertsommer« wird zum meteorologischen Fanal einer Zeit, in der der Klimawandel vom abstrakten Thema zur spürbaren Erfahrung wird.
Größter Stromausfall der US-Geschichte legt den Nordosten Amerikas lahm

Am späten Nachmittag bricht binnen weniger Minuten das Stromnetz im Nordosten der USA und im kanadischen Ontario zusammen: Rund 50 Millionen Menschen von Detroit und Cleveland über New York City bis nach Toronto und Ottawa sitzen stundenlang, mancherorts tagelang, ohne Elektrizität. Ausgangspunkt der Kaskade ist eine überlastete Hochspannungsleitung des Energieversorgers FirstEnergy in Ohio, die gegen überwucherte Bäume schlägt und ausfällt; ein defektes Alarmsystem im Kontrollzentrum verhindert, dass Techniker rechtzeitig gegensteuern, sodass sich der Ausfall binnen Sekunden über Dutzende Kraftwerke und Umspannwerke fortpflanzt. In New York stehen U-Bahnen und Aufzüge still, Ampeln fallen aus, Zehntausende Pendler müssen zu Fuß nach Hause gehen; nach offiziellen Angaben sterben landesweit rund 100 Menschen infolge des Blackouts, der volkswirtschaftliche Schaden wird auf mehr als zehn Milliarden Dollar geschätzt. Untersuchungsberichte machen später mangelnde Baumpflege entlang der Trassen, unzureichende Überwachung in Echtzeit und ein fehlendes Lagebewusstsein bei den beteiligten Netzbetreibern verantwortlich. Der größte Stromausfall in der Geschichte Nordamerikas wird zum Weckruf für die Modernisierung alternder Stromnetze diesseits wie jenseits des Atlantiks.
Attentat in Belgrad: Serbiens Ministerpräsident Zoran Đinđić erschossen

Vor dem Regierungssitz in Belgrad wird der serbische Ministerpräsident Zoran Đinđić am Vormittag von einem Heckenschützen mit einem Präzisionsgewehr getroffen und stirbt kurz darauf im Krankenhaus. Đinđić, seit dem Sturz von Slobodan Milošević im Oktober 2000 Regierungschef und treibende Kraft hinter Serbiens Öffnung nach Westen — darunter die Auslieferung Miloševićs an das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag —, wird zum Ziel eines gezielten Anschlags von Mitgliedern des organisierten Verbrechens und ehemaliger Angehöriger der Spezialeinheit „Rote Barette" (JSO), die durch Đinđićs Reformkurs ihre kriminellen Netzwerke bedroht sehen. Als Schütze wird später der frühere JSO-Kommandeur Zvezdan Jovanović verurteilt, als Drahtzieher gilt der Milošević-treue Geheimdienstoffizier Milorad „Legija" Ulemek; beide erhalten Jahre später jahrzehntelange Haftstrafen. Die Regierung verhängt umgehend den Ausnahmezustand und startet die Operation „Sablja" („Säbel"), bei der binnen sechs Wochen mehr als 11.000 Verdächtige aus dem Umfeld organisierter Kriminalität festgenommen werden. Đinđićs Tod gilt als schwerer Rückschlag für den demokratischen Neuanfang Serbiens nach dem Ende der Milošević-Ära und überschattet die weitere Annäherung des Balkanlandes an die Europäische Union.
Shenzhou 5: China schickt ersten Menschen ins All

Mit dem Start der Kapsel Shenzhou 5 vom Weltraumbahnhof Jiuquan wird China zur dritten Nation der Welt, die eigenständig einen Menschen ins All befördert — nach der Sowjetunion und den USA. An Bord: der 38 Jahre alte frühere Kampfpilot Yang Liwei, der die Erde in gut 21 Stunden 14-mal umrundet, bevor seine Kapsel in der Inneren Mongolei landet. Der Flug ist der Höhepunkt eines seit den 1990er-Jahren verfolgten, weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit entwickelten chinesischen Raumfahrtprogramms und wird von der Führung in Peking als nationaler Triumph zelebriert — Staats- und Parteichef Hu Jintao gratuliert Yang Liwei persönlich. Für die Volksrepublik markiert die Mission den Auftakt eines ambitionierten Programms, das in den Folgejahren Raumstationsflüge und eine eigene Mondmission ins Auge fasst, und verschiebt das geopolitische Gewicht im Wettlauf um den Weltraum spürbar in Richtung Asien.
Ära der Überschallreisenden endet: letzter Linienflug der Concorde

Nach 27 Jahren im Liniendienst hebt die Concorde zum letzten Mal kommerziell ab: Am Nachmittag landen binnen weniger Minuten nacheinander drei Maschinen der British Airways auf dem Flughafen London-Heathrow — darunter, um 16:05 Uhr Ortszeit, Flug BA002 aus New York, gesteuert von Kapitän Mike Bannister. Unter den 100 Passagieren an Bord sind Prominente wie Joan Collins und Christie Brinkley sowie ein Ehepaar aus Ohio, das für zwei Tickets rund 60.000 Dollar bei einer Online-Auktion geboten hatte. Air France hatte den Überschallbetrieb bereits im Mai eingestellt; nach wirtschaftlichen Verlusten, dem Absturz einer Air-France-Concorde bei Paris im Juli 2000 mit 113 Toten sowie stark gestiegenen Wartungskosten war die Maschine für die Fluggesellschaften nicht mehr rentabel zu betreiben. Mit bis zu Mach 2,04 hatte die Concorde den Nordatlantik in unter dreieinhalb Stunden überquert und Passagiere jahrzehntelang schneller als der Schall befördert — ein technisches Prestigeprojekt der britisch-französischen Zusammenarbeit, dessen Ende zugleich das vorläufige Aus der zivilen Überschallluftfahrt bedeutet.
Erdbeben zerstört die historische Zitadelle von Bam im Iran

In den frühen Morgenstunden erschüttert ein Beben der Stärke 6,6 die südostiranische Provinz Kerman und legt die rund 2.000 Jahre alte Lehmziegel-Zitadelle Arg-e Bam binnen Sekunden in Trümmer. Nach offiziellen iranischen Angaben sterben rund 26.000 Menschen, unabhängige Schätzungen gehen von deutlich höheren Opferzahlen aus; mehr als 30.000 Verletzte und rund 80.000 Obdachlose sind zu beklagen — in der Stadt Bam selbst wird nahezu jedes Gebäude beschädigt oder zerstört. Binnen weniger Tage trifft internationale Hilfe ein, auch aus Deutschland: Die Schnelleinsatzeinheit SEEBA des Technischen Hilfswerks fliegt mit Rettungshunden und Ortungsgeräten in die Krisenregion, um Verschüttete zu bergen. Die im 6. Jahrhundert gegründete, aus ungebrannten Lehmziegeln errichtete Zitadelle galt als eine der größten Lehmbauten der Welt; die UNESCO nimmt die Ruinenstadt bereits im Folgejahr als Weltkulturerbe und zugleich als gefährdetes Kulturgut in ihre Liste auf, ein internationales Wiederaufbauprogramm beginnt kurz darauf.
Apple eröffnet den iTunes Music Store

Mit dem Start des iTunes Music Store bietet Apple erstmals eine legale, komfortable Möglichkeit, einzelne Musiktitel für 99 US-Cent pro Song digital zu kaufen und sofort herunterzuladen — ein direkter Gegenentwurf zu den nach der Napster-Ära grassierenden illegalen Tauschbörsen. Zum Start stehen mehr als 200.000 Songs von Plattenfirmen wie BMG, EMI, Sony Music, Universal und Warner bereit; binnen des ersten Tages verzeichnet Apple rund 275.000 verkaufte Downloads, nach nur fünf Tagen ist die Millionengrenze überschritten. Möglich wird das Angebot durch ein von Apple-Chef Steve Jobs persönlich ausgehandeltes Lizenzmodell mit den großen Musikkonzernen, die zuvor jahrelang jede legale Download-Plattform blockiert hatten. Zunächst nur für Nutzer in den USA und ausschließlich für den hauseigenen Mediaplayer iTunes verfügbar, wird der Dienst binnen weniger Jahre auf zahlreiche weitere Länder ausgeweitet und krempelt gemeinsam mit dem tragbaren Player iPod die gesamte Musikindustrie um — der Beginn vom Ende des klassischen CD-Geschäfts.
AM RANDE NOTIERT
- Im schwedischen Luxemburg-Start eines anderen Kalibers: In Skandinavien gehen im August die Gründer von Skype an den Start des kostenlosen Internet-Telefondienstes, wenig später entsteht in Kalifornien das Online-Netzwerk MySpace — leise Anfänge des Web-2.0-Zeitalters.
- Am 13. Dezember wird Saddam Hussein von US-Soldaten in einem Erdloch nahe seiner Heimatstadt Tikrit aufgespürt und gefangen genommen — acht Monate nach dem Fall Bagdads.
- Im Frühjahr hält die SARS-Epidemie aus Ostasien die Welt in Atem, ehe sie im Sommer weitgehend eingedämmt wird — ein früher Vorbote globaler Pandemie-Risiken.
- Am 14. April vermelden internationale Forscher den Abschluss des Humangenomprojekts — mehr als zwei Jahre früher als geplant ist die Erbinformation des Menschen zu über 99 Prozent entschlüsselt.
- Bei der Landtagswahl in Bayern am 21. September erringt die CSU unter Ministerpräsident Edmund Stoiber mit 60,7 Prozent erstmals in der Geschichte eines deutschen Bundeslandes eine Zweidrittelmehrheit der Sitze.
- Am 19. Februar gibt die Kieler Landesregierung unter Heide Simonis eine Regierungserklärung zur Krise der Großwerft HDW ab, deren größter Anteilseigner Babcock Borsig im Vorjahr insolvent gegangen war.
SPORT · 2003
Den sportlichen Höhepunkt des Jahres hat der Chronist bereits vermerkt: den ersten Weltmeistertitel der deutschen Fußball-Frauen (siehe Lichtblicke). Auf der Rennstrecke liefert Michael Schumacher im Ferrari den bis dahin knappsten WM-Krimi der Formel-1-Geschichte: Erst beim Saisonfinale in Suzuka, mit lediglich neun Punkten Vorsprung auf den Finnen Kimi Räikkönen (McLaren-Mercedes) und den Kolumbianer Juan Pablo Montoya (Williams-BMW), sichert er sich mit einem achten Platz seinen sechsten Weltmeistertitel — am Ende nur zwei Punkte vor Räikkönen. Damit übertrifft Schumacher die bis dahin geltende Bestmarke von fünf Titeln des Argentiniers Juan Manuel Fangio aus den 1950er-Jahren. Im deutschen Vereinsfußball setzt sich derweil der FC Bayern München unter Trainer Ottmar Hitzfeld schon vier Spieltage vor Saisonende die Meisterschale auf — mit 16 Punkten Vorsprung auf den VfB Stuttgart — und macht mit einem 3:1-Sieg über den 1. FC Kaiserslautern im DFB-Pokal-Finale das Double perfekt.
MODE · 2003
Auf der Straße dominieren tief sitzende Hüftjeans, bauchfreie Tops und vor allem Trucker-Caps der Kultmarke Von Dutch den lässigen Freizeitlook — getragen von Stars wie Ashton Kutcher oder Britney Spears, erobert der Trend binnen kurzer Zeit auch die Innenstädte zwischen Kiel und München. An den Füßen setzt sich unterdessen ein zunächst belächelter Look durch: Die australischen Lammfell-Boots der Marke Ugg verzeichnen einen sprunghaften Absatzanstieg samt wochenlangen Lieferengpässen, nachdem Talkmasterin Oprah Winfrey im November mehrere Hundert Paare an ihr Studiopublikum verschenkt. In der Luxusmode setzt Louis Vuitton ein Ausrufezeichen: Die von Kreativdirektor Marc Jacobs initiierte Zusammenarbeit mit dem japanischen Pop-Art-Künstler Takashi Murakami bringt im Frühjahr die in 33 knallbunten Farben schillernde Monogram-Multicolore-Kollektion hervor, die das traditionsreiche braune Monogramm der Marke über Nacht jugendlich und zum meistkopierten Motiv der Modewelt macht.
KULTUR · 2003
In der Ostseehalle Kiel funkelt es in dieser Saison im wahrsten Sinne des Wortes: Holiday on Ice präsentiert sein neues Programm unter dem Motto „Diamonds", mit glitzernden Kostümen und aufwendiger Choreografie auf dem Eis. Seit fünf Jahrzehnten ist die Revue an der Förde ein fester Winterbegriff, und auch diesmal strömen Familien aus Kiel und Umgebung in die Halle. Nach einem Jahr voller Hitzerekorde und politischer Zerreißproben sorgt der funkelnde Abend für einen kühlen, glanzvollen Kontrapunkt im Kalenderjahr.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 2003
- Deutschland wird erstmals Fußball-Weltmeister der Frauen (12. Oktober). Nia Künzer erzielt in der Verlängerung des Finals gegen Schweden das entscheidende „Golden Goal" zum 2:1 — der erste WM-Titel der deutschen Frauen.
- „Nirgendwo in Afrika" gewinnt den Auslands-Oscar (23. März). Caroline Links Verfilmung des Romans von Stefanie Zweig wird mit dem Academy Award ausgezeichnet — ein internationaler Erfolg für die deutsche Filmkunst.
- Schirin Ebadi erhält als erste Muslimin den Friedensnobelpreis (10. Oktober). Die iranische Menschenrechtsanwältin wird für ihren Einsatz für Demokratie sowie die Rechte von Frauen und Kindern ausgezeichnet — erst die elfte Frau überhaupt, der diese Ehre zuteilwird.
- Kiel und Lübeck gründen gemeinsames Universitätsklinikum (2. Juni). Die Fusion der beiden Uni-Kliniken zum Universitätsklinikum Schleswig-Holstein bündelt Spitzenmedizin und Forschung im Norden — eines der größten Klinikunternehmen Deutschlands entsteht an der Förde.
DAS WETTER · 2003 in Kiel
An diesem 13. Juli war es an der Förde ein warmer Sommertag: Höchstwert 23,7 °C, in der Nacht 11,2 °C, im Mittel 17,8 °C; kein Tropfen Regen fiel — Vorbote des Jahrhundertsommers.
Das Jahr über: Im Mittel 9,6 °C. Wärmster Tag 33,0 °C am 11. August, kältester −15,7 °C am 5. Januar. 4 Hitzetage (≥ 30 °C), 14 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag nur rund 525 mm — der Dürre- und Hitzesommer 2003.
(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 2003
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.
- Ich Kenne Nichts (Das So Schön Ist Wie Du) — RZA feat. Xavier Naidoo
- Tu Es Foutu — In-Grid
- Für Dich — Yvonne Catterfeld
- Kein Zurück — Wolfsheim
- Bring Me To Life — Evanescence feat. Paul McCoy
- Ab In Den Süden — Buddy vs. DJ The Wave
- In Da Club — 50 Cent
- Get Busy — Sean Paul
- Ka-ching! — Shania Twain
- The Magic Key — One-T & Cool-T
- All The Things She Said — t.A.T.u.
- Lose Yourself — Eminem
- In The Shadows — The Rasmus
- Désenchantée — Kate Ryan
- Never Leave You (Uh Oooh, Uh Oooh) — Lumidee
- Anyone Of Us (Stupid Mistake) — Gareth Gates
- Sorry Seems To Be The Hardest Word — Blue feat. Elton John
- Aïcha — Outlandish
- Stuck — Stacie Orrico
- We Have A Dream — Deutschland Sucht Den Superstar
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).