DER CHRONIST
Ein Jahr der Erweiterungen und Erschütterungen: Europa wächst nach Osten und unterzeichnet in Rom einen Verfassungsvertrag, Amerika bestätigt seinen Kurs, und an Weihnachten reißt eine Naturgewalt ganze Küstenregionen aus dem Alltag — während auf deutschen Marktplätzen, auch am Asmus-Bremer-Platz, der Widerstand gegen die Reform des Sozialstaats laut wird. In Paris stirbt mit Jassir Arafat eine der prägenden Figuren des Nahostkonflikts, in Amsterdam erschüttert die Ermordung Theo van Goghs die niederländische Gesellschaft, und in Bagdad erschüttern Fotos aus dem Gefängnis Abu Ghuraib das Ansehen der amerikanischen Besatzung. Dazwischen die kleinen und großen Aufbrüche des Jahres: Die NASA setzt gleich zwei Rover auf dem Mars ab, Google startet mit Gmail einen E-Mail-Dienst, der die Branche verändert, und im Sommer blickt die Welt nach Athen, wo die Olympischen Spiele an ihren Ursprungsort zurückkehren.
EU-Osterweiterung: Zehn neue Mitgliedsstaaten treten bei

Mit Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn, Slowenien, Malta und Zypern wächst die Europäische Union über Nacht von 15 auf 25 Mitgliedstaaten — die größte Erweiterung ihrer Geschichte, oft als „Big Bang" bezeichnet. Die Union wächst um rund 75 Millionen Menschen auf mehr als 450 Millionen Einwohner und um etwa ein Fünftel ihrer Fläche. Möglich geworden durch das Ende des Kalten Krieges 1989/91, war der Weg dorthin lang: Bereits 1993 legte der Europäische Rat von Kopenhagen die Beitrittskriterien fest (stabile Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, funktionierende Marktwirtschaft), ab 1998 und 2000 liefen die eigentlichen Beitrittsverhandlungen, ehe der Vertrag von Athen am 16. April 2003 von allen zehn Kandidaten unterzeichnet wurde. In neun der zehn Länder hatten zuvor Referenden mit klaren Mehrheiten für den Beitritt votiert. Eine Ausnahme bildet Zypern: Eine von den Vereinten Nationen vermittelte Volksabstimmung über den „Annan-Plan" zur Wiedervereinigung der seit 1974 geteilten Insel scheitert am 24. April 2004 am Nein der griechischen Zyprioten, während die türkischen Zyprioten mehrheitlich zustimmen — die Republik Zypern tritt der EU dennoch bei, während im türkisch kontrollierten Nordteil das EU-Recht bis auf Weiteres ausgesetzt bleibt. Für die Bundesrepublik gilt zunächst eine bis zu siebenjährige Übergangsfrist für die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit aus den neuen Mitgliedstaaten. Der Tag gilt als endgültige Überwindung der Teilung des Kontinents. Auch in Schleswig-Holstein, das über die Ostsee direkt an die neuen Mitgliedstaaten grenzt, wird der Tag mit Feiern begangen — Ministerpräsidentin Heide Simonis, seit 1993 im Amt, hatte die Ostsee-Kooperation und die Perspektiven der Beitrittsregion, darunter das russische Kaliningrad, in Landtag und Gremien der Ostseestaaten seit Jahren zum Thema gemacht. Der Kieler Hafen und der Nord-Ostsee-Kanal rücken als Tor zum Ostseeraum und zu den neuen EU-Nachbarn stärker in den Blick, da die Ostsee mit dem Beitritt der Baltischen Staaten und Polens fast vollständig zu einem von EU-Recht umschlossenen Binnenmeer wird — nur Russland bleibt Anrainer außerhalb der Union.
Terroranschläge von Madrid: Zehn Bomben in Nahverkehrszügen

Kurz vor 7:40 Uhr, mitten im morgendlichen Berufsverkehr, detonieren in Sportbeuteln versteckte, per Mobiltelefon gezündete Sprengsätze in vier Nahverkehrszügen auf der Strecke zum Bahnhof Atocha — an den Bahnhöfen Atocha, El Pozo und Santa Eugenia sowie in der Calle Téllez. Zehn der 13 Sprengsätze gehen hoch, drei weitere werden von der Polizei entschärft. 191 Menschen sterben, mehr als 1.800 werden verletzt — der schwerste Terroranschlag in der Geschichte Spaniens, nur drei Tage vor der Parlamentswahl. Zunächst gerät die baskische Untergrundorganisation ETA in Verdacht, doch die Ermittlungen führen rasch zu einer marokkanisch geprägten islamistischen Zelle mit mutmaßlichen, aber nicht direkt belegten Verbindungen zu al-Qaida; unter den ersten Festgenommenen ist Jamal Zougam. Die konservative Regierung von Ministerpräsident José María Aznar, die zunächst öffentlich die ETA-Spur betont hatte, verliert die Wahl am 14. März überraschend an die Sozialisten unter José Luis Rodríguez Zapatero, der noch im selben Jahr die rund 1.300 spanischen Soldaten aus dem Irak abzieht. Am 3. April 2004 sprengen sich mehrere mutmaßliche Hauptverdächtige in einer umstellten Wohnung im Vorort Leganés selbst in die Luft, dabei stirbt auch ein Elitepolizist. Der Schock sitzt auch in Deutschland tief: In Kiel wie in ganz Europa wird der Opfer in Mahnwachen gedacht, das Bahnhofsmahnmal am Atocha wird zu einem der zentralen Gedenkorte für die Opfer islamistischen Terrors in Europa.
Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV erreichen Kiel

Grundlage der Proteste sind die vier „Hartz-Gesetze", benannt nach dem VW-Manager Peter Hartz, der im Auftrag von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) eine Kommission zur Neuordnung der Arbeitsmarktpolitik geleitet hatte — Kernstück von dessen im März 2003 verkündeter Agenda 2010. Mit „Hartz IV" werden zum 1. Januar 2005 die bisherige, nach Erwerbsbiografie gestaffelte Arbeitslosenhilfe und die kommunale Sozialhilfe zum einheitlichen, meist deutlich niedrigeren Arbeitslosengeld II zusammengelegt. Nachdem die Arbeitsämter Mitte Juli mit dem Versand der Antragsformulare beginnen, rollt ab Anfang August eine Welle von Montagsdemonstrationen von Ostdeutschland — die ersten finden am 2. August in Magdeburg und Leipzig statt — über die gesamte Bundesrepublik; Kritiker greifen damit bewusst die Symbolik der Leipziger Montagsdemos von 1989 auf. Am Höhepunkt, dem 30. August, gehen in über 200 Städten mindestens 200.000 Menschen gegen die Hartz-IV-Reform auf die Straße. Auch in Kiel versammeln sich am 23. und 30. August jeweils rund 500 Demonstranten auf dem Asmus-Bremer-Platz — Attac, Gewerkschafter, SDAJ und Avanti fordern die Rücknahme der Reform. In Kiel wie in der übrigen SPD-geführten Küstenregion sorgt die Reform auch innerhalb der Partei für Unmut, während die Landesregierung unter Heide Simonis über den Bundesrat mit an der Gesetzgebung beteiligt ist. Die Proteste ebben zum Jahresende ab, ohne die zum 1. Januar 2005 in Kraft tretende Reform noch aufzuhalten.
Europawahl: SPD stürzt auf schlechtestes Ergebnis einer bundesweiten Wahl seit 1949

Bei der Wahl zum Europäischen Parlament am 13. Juni finden nur 43,0 Prozent der Wahlberechtigten den Weg an die Urne — der niedrigste Stand seit Einführung der Direktwahl 1979. CDU und CSU liegen zusammen mit 44,5 Prozent klar vorn, doch das eigentliche Signal des Tages setzt die SPD: Mit 21,5 Prozent erzielt die Kanzlerpartei das schlechteste Ergebnis, das sie je bei einer bundesweiten Wahl der Bundesrepublik eingefahren hat. Bündnis 90/Die Grünen kommen auf 11,9 Prozent, die FDP auf 6,1 Prozent. In Berlin wie in Kiel gilt als Ursache unstrittig der Unmut über die im Jahresverlauf viel diskutierte Agenda 2010 und die zum Jahreswechsel in Kraft tretende Hartz-IV-Reform — jene Reform, gegen die zeitgleich in Dutzenden Städten, auch am Kieler Asmus-Bremer-Platz, montags demonstriert wird. Bundeskanzler Gerhard Schröder nennt das Ergebnis öffentlich einen Denkzettel, hält aber an Agenda 2010 und Hartz IV fest.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Hamburg, 29. Februar — CDU 47,2 %, SPD 30,5 %. Erstmals gewinnt eine Partei die absolute Mehrheit in der Bürgerschaft; Bürgermeister Ole von Beust regiert fortan ohne Koalitionspartner.
- Bundesversammlung, 23. Mai — Horst Köhler (CDU/CSU/FDP) wird im ersten Wahlgang mit 604 von 1205 Stimmen — der knappsten möglichen Mehrheit — gegen Gesine Schwan (SPD/Grüne) zum Bundespräsidenten gewählt.
- Thüringen, 13. Juni — CDU 43,0 %, Linkspartei.PDS 26,1 %. Ministerpräsident Dieter Althaus verteidigt die absolute Mehrheit.
- Saarland, 5. September — CDU 47,5 %, SPD 30,8 %. Ministerpräsident Peter Müller regiert mit der CDU-Mehrheit weiter.
- Brandenburg, 19. September — SPD 31,9 %, Linkspartei.PDS 28,0 %. Ministerpräsident Matthias Platzeck führt die Koalition mit der CDU fort.
- Sachsen, 19. September — CDU 41,1 %, Linkspartei.PDS 23,6 %. Die CDU verliert ihre absolute Mehrheit und bildet eine Koalition mit der SPD; mit 9,2 Prozent zieht zugleich die rechtsextreme NPD erstmals seit den sechziger Jahren wieder in ein deutsches Landesparlament ein.
George W. Bush im Amt bestätigt

Bei der Präsidentschaftswahl setzt sich der republikanische Amtsinhaber George W. Bush gegen den demokratischen Herausforderer, Senator John Kerry aus Massachusetts, durch — mit 286 zu 251 Wahlmännerstimmen und 50,7 Prozent der Stimmen (gegenüber 48,3 Prozent für Kerry) entscheidet vor allem der knappe Ausgang im umkämpften Ohio. Bush ist damit der erste Präsident seit seinem Vater 1988, der mit einer absoluten Stimmenmehrheit wiedergewählt wird; Kerry erkennt seine Niederlage am Morgen nach der Wahl an, ehe es zu einer förmlichen Neuauszählung in Ohio kommt. Im Mittelpunkt des Wahlkampfs stehen Bushs Kurs im „Krieg gegen den Terror" und der 2003 begonnene Irak-Krieg, daneben spielen gesellschaftliche Streitthemen wie Volksabstimmungen über die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare in mehreren Bundesstaaten eine mobilisierende Rolle für das konservative Lager. Die Wiederwahl sichert der US-Regierung eine zweite Amtszeit — Bush wird am 20. Januar 2005 erneut vereidigt — und damit Kontinuität in einer transatlantischen Politik, die seit dem von Deutschland und Frankreich abgelehnten Irak-Krieg belastet ist und auch Berlin sowie die Bundesländer weiter beschäftigt; Bundeskanzler Schröder gratuliert Bush noch in der Wahlnacht und signalisiert den Willen zu einem Neuanfang in den Beziehungen.
Seebeben und Tsunami im Indischen Ozean: Rund 230.000 Tote

Vor der Nordwestküste Sumatras löst ein Megathrust-Erdbeben der Stärke 9,1 — eines der stärksten je gemessenen — eine Serie von Flutwellen aus: Entlang einer rund 1.300 Kilometer langen Bruchzone schiebt sich die Indisch-Australische Platte ruckartig unter die Burma-Platte, das Wasser darüber wird binnen Minuten meterhoch aufgetürmt und rast mit bis zu 800 km/h über den Indischen Ozean, vielerorts über 10, stellenweise bis zu 30 Meter hoch auflaufend. Ein funktionierendes Frühwarnsystem für den Indischen Ozean existiert 2004 noch nicht — es wird erst als Konsequenz der Katastrophe in den Folgejahren aufgebaut. Die Wellen verwüsten die Küsten Indonesiens (rund 170.000 Tote, vor allem in der Provinz Aceh), Sri Lankas (etwa 35.000), Indiens (etwa 18.000, vor allem Tamil Nadu und die Andamanen) und Thailands (mehr als 8.000, darunter zahlreiche Wintertouristen an der Andamanenküste bei Khao Lak und Phuket). Rund 230.000 Menschen sterben, darunter 537 Deutsche und insgesamt etwa 2.000 ausländische Urlauber, 1,7 Millionen werden obdachlos. Unter den Betroffenen sind auch zahlreiche Urlauber aus Schleswig-Holstein, die die Weihnachtstage an den Stränden Südostasiens verbringen. Die Bundeswehr entsendet den Einsatzgruppenversorger „Berlin" mit einem Marine-Einsatz-Rettungszentrum, BKA-Beamte und Bundeswehr-Sanitäter helfen vor Ort bei der Identifizierung deutscher Opfer. Die Katastrophe löst bundesweit, auch in Kiel, eine bis dahin beispiellose Welle von Spendenaktionen aus, die deutschlandweit mehrere hundert Millionen Euro an Hilfsgeldern zusammenbringt.
Tod von Jassir Arafat

Am frühen Morgen des 11. November stirbt Jassir Arafat, seit Jahrzehnten Symbolfigur der palästinensischen Nationalbewegung, im Alter von 75 Jahren im französischen Militärkrankenhaus Percy in Clamart bei Paris. Seit dem 12. Oktober hatten Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen seinen Zustand rapide verschlechtert; am 29. Oktober war er aus seinem von israelischen Truppen belagerten Amtssitz in Ramallah, der Muqata, zur Behandlung nach Frankreich ausgeflogen worden. Arafat, seit 1969 Vorsitzender der PLO und seit 1996 Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde, hatte 1993 mit dem israelischen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin die Osloer Verträge unterzeichnet und dafür 1994 gemeinsam mit Rabin und Schimon Peres den Friedensnobelpreis erhalten. Seine Witwe verweigert zunächst eine Obduktion, sodass die Todesursache unklar bleibt; Gerüchte über eine Vergiftung, insbesondere mit dem radioaktiven Isotop Polonium, halten sich jahrelang, werden von französischen und russischen Untersuchungsteams jedoch nicht bestätigt. Arafats Tod markiert das Ende einer Ära: Nachfolger als PLO- und Autonomiebehörden-Chef wird im Januar 2005 Mahmud Abbas. In Kiel wie andernorts in Deutschland wird der Tod Arafats, dessen Politik zwischen bewaffnetem Kampf, Verhandlungsbereitschaft und Vorwürfen der Korruption zeitlebens umstritten blieb, in den Nachrichten breit gewürdigt.
Mars-Rover „Spirit" und „Opportunity" landen auf dem Roten Planeten

Innerhalb von drei Wochen setzt die US-Raumfahrtbehörde NASA gleich zwei baugleiche Roboterfahrzeuge sicher auf dem Mars ab: Spirit landet am 4. Januar im Gusev-Krater, einem vermuteten ehemaligen Kratersee, Opportunity folgt am 25. Januar in der Ebene Meridiani Planum auf der gegenüberliegenden Planetenseite. Beide Rover der Mission Mars Exploration Rover sind ursprünglich nur für eine 90-tägige Mission ausgelegt, übertreffen diese Vorgabe jedoch um ein Vielfaches: Spirit bleibt bis März 2010 aktiv, Opportunity funkt sogar bis Juni 2018 Daten zur Erde — fast 15 Jahre nach der Landung. Schon im März 2004 melden die Wissenschaftlerteams um Projektleiter Steve Squyres einen ersten Höhepunkt: Gesteinsanalysen von Opportunity liefern starke Hinweise darauf, dass an seinem Landeplatz einst flüssiges Wasser vorhanden war — ein zentrales Indiz für die Frage, ob der Mars einst lebensfreundliche Bedingungen bot. Die aufwendig inszenierten Landungen, bei denen die Rover in Luftkissen gehüllt auf der Marsoberfläche aufprallen und ausrollen, werden weltweit im Fernsehen verfolgt und gelten als einer der größten Erfolge der unbemannten Raumfahrt der 2000er-Jahre.
Google startet den E-Mail-Dienst Gmail

Ausgerechnet am 1. April kündigt der Internetkonzern Google seinen neuen, kostenlosen E-Mail-Dienst Gmail an — und erntet damit zunächst vor allem Misstrauen: Viele halten die Meldung angesichts des Datums für einen Aprilscherz. Tatsächlich ist das Angebot ernst gemeint und für die Branche revolutionär: Statt der bei Konkurrenzdiensten üblichen zwei bis zehn Megabyte Speicherplatz bietet Gmail von Beginn an ein Gigabyte pro Postfach, dazu eine schnelle, auf der Google-Suchtechnologie basierende Volltextsuche und die Bündelung zusammengehöriger Nachrichten zu Konversationen. Entwickelt wird der Dienst maßgeblich vom Google-Ingenieur Paul Buchheit im Rahmen der unternehmensinternen „20-Prozent-Zeit" für freie Projekte. Der Start erfolgt zunächst nur auf Einladung einer kleinen Nutzergruppe; um ein Konto zu erhalten, sind in den ersten Monaten begehrte Einladungscodes nötig, die zeitweise sogar bei Online-Auktionen gehandelt werden. Erst 2007 öffnet sich Gmail für die allgemeine Registrierung, offiziell aus der Beta-Phase entlassen wird der Dienst sogar erst 2009. Binnen weniger Jahre etabliert sich Gmail als einer der weltweit meistgenutzten E-Mail-Dienste und verändert mit seinem großzügigen Speicherplatz und der werbefinanzierten Auswertung von Inhalten auch die Erwartungen an kostenlose Web-Angebote grundlegend.
Folterskandal von Abu Ghuraib erschüttert die Weltöffentlichkeit

Am 28. April strahlt der US-Fernsehsender CBS in der Sendung „60 Minutes II" erstmals Fotos aus, die Misshandlungen irakischer Gefangener durch US-Soldaten im Gefängnis Abu Ghuraib bei Bagdad zeigen: nackte, gedemütigte Häftlinge, zu Pyramiden aufgetürmt oder an Hundeleinen geführt. Zwei Tage später veröffentlicht der Journalist Seymour Hersh im Magazin „The New Yorker" weitere Bilder und Hintergründe. Die während der US-geführten Besatzung des Irak nach dem Sturz Saddam Husseins entstandenen Aufnahmen lösen weltweit Entsetzen aus und stellen die moralische Legitimität des 2003 begonnenen Irak-Kriegs grundlegend infrage. Das US-Verteidigungsministerium unter Donald Rumsfeld gerät massiv unter Druck; mehrere Untersuchungsausschüsse befassen sich in der Folge mit der Frage, inwieweit die Misshandlungen von Vorgesetzten geduldet oder gar angeordnet wurden. Am Ende werden elf US-Soldatinnen und -Soldaten von Militärgerichten verurteilt, darunter die später zum Gesicht des Skandals gewordene Soldatin Lynndie England. Die Bilder aus Abu Ghuraib gelten bis heute als einer der schwersten Imageschäden für die USA im „Krieg gegen den Terror" und prägen die internationale Debatte über Kriegsgefangenenrecht und die Legitimität amerikanischer Besatzungspolitik im Irak nachhaltig — auch in Deutschland, wo die Bilder tagelang die Nachrichten bestimmen.
Ermordung des Filmemachers Theo van Gogh in Amsterdam

Auf dem Weg zur Arbeit wird der niederländische Regisseur, Kolumnist und Publizist Theo van Gogh am Morgen des 2. November auf einer Straße nahe dem Amsterdamer Oosterpark von dem islamistischen Attentäter Mohammed Bouyeri erschossen, mit einem Messer attackiert und mit einer an seinen Körper gehefteten Botschaft zurückgelassen. Van Gogh, ein Nachfahre des Bruders des Malers Vincent van Gogh, hatte kurz zuvor gemeinsam mit der somalisch-niederländischen Politikerin Ayaan Hirsi Ali den elfminütigen Kurzfilm „Submission" gedreht, der die Unterdrückung von Frauen in islamisch geprägten Gesellschaften anprangert und in konservativen muslimischen Kreisen für heftige Empörung gesorgt hatte. Der Mord löst in den Niederlanden eine tiefe gesellschaftliche Krise aus: In den folgenden Wochen kommt es zu Brandanschlägen auf Moscheen und islamische Schulen sowie auf Kirchen, die Integrationsdebatte im Land verschärft sich schlagartig. Bouyeri, Mitglied eines islamistischen Netzwerks, wird 2005 zu lebenslanger Haft verurteilt. Zum Gedenken an van Gogh und als Symbol der Meinungsfreiheit entsteht im Oosterpark die Skulptur „De Schreeuw" („Der Schrei"). Der Anschlag gilt neben den Attentaten von Madrid als eines der prägenden Ereignisse für die Debatte um Integration, Meinungsfreiheit und islamistischen Terror in Westeuropa im Jahr 2004.
Staats- und Regierungschefs unterzeichnen EU-Verfassungsvertrag in Rom

In Rom unterzeichnen die Staats- und Regierungschefs der inzwischen 25 EU-Mitgliedstaaten den Vertrag über eine Verfassung für Europa, den der Europäische Rat bereits am 18. Juni einstimmig angenommen hatte. Der Ort ist bewusst gewählt: Er soll an die Römischen Verträge von 1957 erinnern, mit denen einst die Vorläuferorganisationen der heutigen EU gegründet wurden; zugleich hat Italien im zweiten Halbjahr 2004 die EU-Ratspräsidentschaft inne. Der knapp 450 Artikel umfassende Vertragstext soll die bisherigen europäischen Verträge in einem einzigen Dokument bündeln, die EU-Institutionen nach der „Big-Bang"-Erweiterung um zehn neue Mitglieder handlungsfähiger machen und der Union unter anderem einen hauptamtlichen Außenminister sowie einen ständigen Ratspräsidenten geben. Bevor der Vertrag in Kraft treten kann, müssen ihn jedoch alle Mitgliedstaaten ratifizieren — in mehreren Ländern, darunter Deutschland, per Parlamentsbeschluss, in anderen per Volksabstimmung. Diese Ratifizierung scheitert im Frühjahr 2005 an ablehnenden Referenden in Frankreich und den Niederlanden, was die Verfassungspläne endgültig zu Fall bringt; ihre wesentlichen Inhalte fließen später, entschlackt um den Verfassungsbegriff und die Symbolik von Fahne und Hymne, in den 2007 unterzeichneten Vertrag von Lissabon ein. Schon im Unterzeichnungsjahr 2004 gilt der Vertrag von Rom vielen Beobachtern als ambitionierter, aber politisch fragiler Schlussstein der Erweiterungsrunde vom 1. Mai.
AM RANDE NOTIERT
- In Beslan (Nordossetien) endet am 3. September eine dreitägige Geiselnahme in einer Schule mit über 330 Toten, mehr als der Hälfte davon Kinder — einer der blutigsten Terroranschläge des Jahrzehnts.
- Im Februar gründet der Student Mark Zuckerberg in seinem Studentenwohnheim in Harvard das Netzwerk „Thefacebook" — der spätere Weltkonzern Facebook nimmt seinen Anfang.
- In der Ukraine lösen Betrugsvorwürfe bei der Präsidentschaftswahl im November Massenproteste aus: Die Orange Revolution erzwingt eine Wahlwiederholung am 26. Dezember, aus der der prowestliche Kandidat Viktor Juschtschenko als Sieger hervorgeht.
- Am 23. Mai wählt die Bundesversammlung Horst Köhler zum neuen Bundespräsidenten; der frühere IWF-Chef tritt sein Amt zum 1. Juli als Nachfolger von Johannes Rau an.
SPORT · 2004
Nach 108 Jahren kehren die Olympischen Sommerspiele vom 13. bis 29. August an ihren Ursprungsort zurück: In Athen, wo 1896 die ersten Spiele der Neuzeit stattgefunden hatten, treten mehr als 10.000 Athletinnen und Athleten aus 201 Nationen unter massiven Sicherheitsvorkehrungen an. Die deutsche Mannschaft — 453 Sportlerinnen und Sportler — belegt mit 13 Gold-, 16 Silber- und 20 Bronzemedaillen Platz 6 im Medaillenspiegel; für Aufsehen sorgt die deutsche Hockey-Damenauswahl, die überraschend Gold gegen den favorisierten Titelverteidiger Niederlande gewinnt, während Kanutin Birgit Fischer mit 42 Jahren im Vierer Gold und im Zweier Silber holt und als erste Athletin bei fünf Olympischen Spielen in Folge mindestens zwei Medaillen gewinnt. Auch die Formel 1 bleibt in deutscher Hand: Michael Schumacher gewinnt mit dem dominanten Ferrari F2004 in überlegener Manier 13 der 18 Saisonrennen, darunter sieben in Serie, sichert sich seinen siebten und bis heute letzten WM-Titel bereits vor dem Saisonende und geht mit 148 WM-Punkten als bis dahin erfolgreichster Fahrer der Formel-1-Geschichte in die Bücher ein. Im Handball setzt sich derweil in Schleswig-Holstein der THW Kiel als Vizemeister der Saison 2003/2004 hinter dem überraschenden Champion SG Flensburg-Handewitt fest in der nationalen Spitzengruppe und baut damit die Rivalität der beiden norddeutschen Handball-Hochburgen weiter aus.
MODE · 2004
Der „Boho chic" erobert die Straße: Ausgelöst von den unkonventionellen Auftritten der britischen Schauspielerin Sienna Miller, die im Sommer 2004 beim Glastonbury Festival und später auf dem Vogue-Titel als „Girl of the Year" gefeiert wird, verbreitet sich der Bohème-Stil rasant. Fließende Röcke, ausgestellte Fransenjacken, bestickte Tuniken, Fellwesten, großflächige Münzgürtel, „Hobo Bags" und Wildlederstiefel im Cowboy-Schnitt prägen das Straßenbild — ein bewusster Kontrapunkt zum aufgeräumten Minimalismus der Vorjahre. Auch in Kiel setzen sich Ketten wie Zara und H&M mit immer schnelleren Kollektionswechseln durch und beschleunigen das Tempo der Mode spürbar: Statt zwei großer Saisonkollektionen im Jahr liefern die Filialisten inzwischen im Wochen- statt Monatsrhythmus neue Ware, was Modetrends wie den Boho-Look binnen weniger Monate von der Konzertwiese bis in die Fußgängerzonen der Provinz trägt.
KULTUR · 2004
Über 330 Millionen Zuschauer weltweit, rund 60.000 Vorstellungen auf fünf Kontinenten — wenn Holiday on Ice in dieser Saison mit dem Programm „Fantasy" in der Ostseehalle Kiel gastiert, reiht sich die Landeshauptstadt in eine lange internationale Erfolgsgeschichte ein, die seit 1953 auch an der Förde Station macht. Traumhafte Kostüme, artistische Hebefiguren und opulente Bühnenbilder entführen das Publikum für zwei Stunden aus dem Alltag zwischen EU-Erweiterung und Hartz-IV-Debatte. Für viele Kieler Familien bleibt der Winterbesuch der Eisrevue ein verlässlicher Fixpunkt im Terminkalender.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 2004
- Transrapid Shanghai nimmt Passagierbetrieb auf. Die von Siemens und ThyssenKrupp entwickelte Magnetschwebebahn geht in China in den kommerziellen Betrieb — erste weltweite Anwendung einer in Deutschland entwickelten Zukunftstechnik.
- SG Flensburg-Handewitt wird zum ersten Mal deutscher Handballmeister. Der Verein aus Schleswig-Holstein krönt eine famose Saison und sorgt für Handball-Euphorie weit über die Landesgrenzen hinaus (Saisonende Juni 2004).
DAS WETTER · 2004 in Kiel
An diesem 13. Juli war es an der Förde ein kühler Sommertag: Höchstwert 16,0 °C, in der Nacht 12,2 °C, im Mittel 13,8 °C; kein Tropfen Regen fiel.
Das Jahr über: Im Mittel 9,3 °C. Wärmster Tag 28,8 °C am 7. August, kältester −8,6 °C am 30. Januar. 0 Hitzetage (≥ 30 °C), 8 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 760 mm.
(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 2004
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.
- Lebt Denn Dr Alte Holzmichl Noch...? — De Randfichten
- Dragostea Din Tei — O-Zone
- Dragostea Din Tei — Haiducii
- Perfekte Welle — Juli
- Mad World — Michael Andrews feat. Gary Jules
- Yeah! — Usher feat. Lil Jon & Ludacris
- Powerless (Say What You Want) — Nelly Furtado
- Behind Blue Eyes — Limp Bizkit
- Augen Auf — Oomph!
- Shut Up — The Black Eyed Peas
- Fuck It (I Don't Want You Back) — Eamon
- Sick And Tired — Anastacia
- Trick Me — Kelis
- Obsesión — Aventura
- Everytime — Britney Spears
- Superstar — Jamelia
- Can't Wait Until Tonight — Max
- Break My Stride — Blue Lagoon
- Troy — Die Fantastischen Vier
- This Love — Maroon 5
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).