DER CHRONIST
Ein Jahr der Machtwechsel: In Berlin und in Kiel finden sich alte Gegner in ungewohnten Bündnissen zusammen, in Rom besteigt ein Deutscher den Papstthron — und zwei Katastrophen, eine von Menschenhand, eine von der Natur, erschüttern London und die amerikanische Golfküste. Schon der Jahresauftakt bringt mit dem Orkan „Erwin" schwere Stürme über Nordeuropa, ehe im Februar nach jahrelangem Ringen das Kyoto-Protokoll zum globalen Klimaschutz in Kraft tritt. Im Libanon erzwingt die „Zedernrevolution" nach der Ermordung Rafiq al-Hariris den Abzug der syrischen Truppen, während in Toulouse mit dem Airbus A380 das größte je gebaute Passagierflugzeug erstmals abhebt. Ein schweres Erdbeben in Kaschmir und Hurrikan „Katrina" an der amerikanischen Golfküste zeigen im Herbst erneut die Verwundbarkeit ganzer Regionen gegenüber Naturgewalten. Am Ende eines Jahres voller Umbrüche steht mit Angela Merkel erstmals eine Frau an der Spitze der Bundesregierung.
Heide-Mörder von Kiel: Simonis scheitert viermal, Carstensen übernimmt

Vorausgegangen war die Landtagswahl vom 20. Februar, bei der die CDU unter Spitzenkandidat Peter Harry Carstensen bei einer Wahlbeteiligung von 66,5 Prozent mit 40,2 Prozent der Stimmen und 30 von 69 Sitzen stärkste Kraft im Kieler Landtag wird. Die SPD kommt auf 38,7 Prozent und 29 Sitze; rechnerisch verfügen SPD, Bündnis 90/Die Grünen (6,2 Prozent, 4 Sitze) und der SSW (3,6 Prozent, 2 Sitze) jedoch gemeinsam über 35 Mandate — eine Stimme mehr als CDU und FDP (6,6 Prozent, 4 Sitze) zusammen. Auf dieser denkbar knappen Mehrheit baut Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD) ihre Hoffnung auf eine fünfte Amtszeit auf. Sie war 1993 als Finanzministerin ins Amt der Regierungschefin nachgerückt, nachdem ihr Vorgänger Björn Engholm wegen der sogenannten „Schubladenaffäre" im Zusammenhang mit der Barschel-Affäre zurückgetreten war, und amtiert seither als erste Frau an der Spitze einer deutschen Landesregierung.
Im Kieler Landtag soll sie am 17. März mit den Stimmen von Rot-Grün und der Duldung des SSW im ersten Wahlgang wiedergewählt werden. Doch schon hier verfehlt sie mit 34 Stimmen bei zwei Enthaltungen (Carstensen: 33) die erforderliche Mehrheit von 35 Stimmen um genau eine Stimme. Da die Landesverfassung nach dem ersten erfolglosen Wahlgang nur von „weiteren" Wahlgängen spricht, ohne deren Zahl zu begrenzen, lässt der neu gewählte Landtagspräsident Martin Kayenburg (CDU) in geheimer Abstimmung insgesamt vier Wahlgänge durchführen. Auch im zweiten und dritten Wahlgang bleibt Simonis eine Stimme entfernt von der Mehrheit; im vierten und letzten Wahlgang am späten Nachmittag steht es sogar 34 zu 34 bei einer Enthaltung — obwohl SPD und Grüne in ihren vorherigen Fraktionsabstimmungen jeweils geschlossen für Simonis gestimmt hatten. Die fieberhafte, tagelange Suche nach dem oder der „Abweichler(in)" in den eigenen Reihen bleibt erfolglos und wird am 24. März offiziell eingestellt; bis heute ist nicht öffentlich bekannt, wer aus den eigenen Reihen die Wiederwahl verhinderte — die Kieler Presse prägt dafür den Begriff „Heide-Mörder". Erschöpft erklärt Simonis, für eine erneute Kandidatur nicht mehr zur Verfügung zu stehen; für die Politikerin, die zwölf Jahre lang das Land zwischen den Meeren regiert hatte, bedeutet das Scheitern das abrupte Ende einer Ära.
Sechs Wochen lang ist Schleswig-Holstein ohne gewählte Regierungschefin, ehe SPD und CDU eine Große Koalition aushandeln. Am 27. April wählt der Landtag im fünften Anlauf Peter Harry Carstensen zum neuen Ministerpräsidenten. In seinem Kabinett übernimmt die SPD trotz der untergeordneten Rolle vier Ressorts — Inneres (Ralf Stegner), Justiz (Uwe Döring), Soziales (Gitta Trauernicht) sowie Bildung unter der stellvertretenden Ministerpräsidentin Ute Erdsiek-Rave —, während die CDU sich Finanzen, Wirtschaft und Landwirtschaft sichert. Für Heide Simonis, die erste Ministerpräsidentin der Bundesrepublik, endet damit eine Karriere, die 1993 als historischer Neuanfang begonnen hatte, in einer bis heute ungeklärten parlamentarischen Affäre, die als einmaliger Vorgang in die Geschichte der bundesdeutschen Landtage eingeht: Nie zuvor war eine amtierende Regierungschefin mit rechnerisch sicherer Mehrheit im eigenen Lager gescheitert.
Angela Merkel wird erste Bundeskanzlerin Deutschlands

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hatte nach der am 22. Mai verlorenen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen — die CDU kommt dort auf 44,8 Prozent, die SPD auf 37,1 Prozent, und mit Jürgen Rüttgers übernimmt nach 39 Jahren ununterbrochener SPD-Regierung erstmals wieder ein Christdemokrat die Staatskanzlei in Düsseldorf — vorgezogene Neuwahlen herbeigeführt, um sich ein neues Mandat für den Bund zu holen. Bei der Bundestagswahl am 18. September kommt bei einer Wahlbeteiligung von 77,7 Prozent die Union aus CDU/CSU auf 35,2 Prozent, die SPD auf 34,2 Prozent der Zweitstimmen — ein historisch knapper Abstand. Im neuen, auf 614 Sitze angewachsenen Bundestag stellt die Union 226, die SPD 222, die FDP 61, die Linke 54 und die Grünen 51 Abgeordnete; weder ein Bündnis aus Union und FDP noch aus SPD und Grünen erreicht die Mehrheit. In der berühmten „Elefantenrunde" der Fernsehsender am Wahlabend beansprucht Schröder trotz des schlechteren Ergebnisses noch lautstark das Kanzleramt für sich, muss diese Position aber in den folgenden Tagen räumen.
Nach wochenlangen Sondierungen und Verhandlungen einigen sich CDU/CSU und SPD auf eine Große Koalition unter Führung der Union; am 11. November billigen die Parteigremien den gemeinsamen Koalitionsvertrag „Gemeinsam für Deutschland – Mit Mut und Menschlichkeit". Die gebürtige Hamburgerin Angela Merkel, die in der DDR aufwuchs und dort als Physikerin über Quantenchemie promovierte, war nach der Wende unter Helmut Kohl rasch zur Ministerin aufgestiegen und hatte sich im Jahr 2000, inmitten der CDU-Spendenaffäre um ihren einstigen Förderer, mit einem öffentlichen Bruch mit dem Altkanzler an die Spitze der CDU gesetzt — seither ist sie Bundesvorsitzende der Partei. Am 22. November wählt der Bundestag Angela Merkel mit 397 von 611 abgegebenen Stimmen — deutlich mehr, als die Koalitionsfraktionen an Mandaten stellen — zur Bundeskanzlerin. Sie ist die erste Frau, die erste Ostdeutsche und mit 51 Jahren die bis dahin jüngste Person in diesem Amt. Außenminister wird Frank-Walter Steinmeier (SPD), Finanzminister Peer Steinbrück, während der bisherige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering als Vizekanzler und Arbeitsminister ins Kabinett eintritt.
»Wir sind Papst«: Joseph Ratzinger wird Benedikt XVI.

Nach dem Tod seines Vorgängers Johannes Paul II. am 2. April im Alter von 84 Jahren, dessen Beisetzung Millionen Gläubige und Staatsgäste aus aller Welt nach Rom zieht, tritt am 18. April das Konklave der 115 wahlberechtigten Kardinäle in der Sixtinischen Kapelle zusammen. Als aussichtsreichster Kandidat gilt von Beginn an der 78-jährige Joseph Ratzinger aus Marktl am Inn in Bayern. Ab 1977 Erzbischof von München und Freising, war er seit 1981 als Präfekt der römischen Glaubenskongregation der engste theologische Vertraute Johannes Pauls II. und hatte kurz zuvor, als Dekan des Kardinalskollegiums, dessen vielbeachtete Trauerfeier auf dem Petersplatz zelebriert. Einem Tagebuch eines anonymen Kardinals zufolge steigert Ratzinger seine Stimmenzahl von 47 im ersten über 65 im zweiten bis auf 72 im dritten Wahlgang; nach nur 26 Stunden und vier Wahlgängen — der kürzesten Papstwahl seit 1939 — steht am 19. April um kurz vor 18 Uhr das Ergebnis fest. Ratzinger nimmt den Namen Benedikt XVI. an und tritt als erster deutscher Papst seit Jahrhunderten vor die jubelnde Menge auf dem Petersplatz. Die Boulevardzeitung „Bild" bringt dazu die inzwischen legendäre Schlagzeile „Wir sind Papst".
Hurrikan »Katrina« verwüstet New Orleans

Über dem warmen Golf von Mexiko war Katrina zeitweise bis zur höchsten Kategorie 5 angewachsen, ehe der Sturm am 29. August als Kategorie-3-Hurrikan mit Windgeschwindigkeiten um 200 km/h auf die Golfküste der USA trifft. Die Sturmflut, die vielerorts über sieben Meter erreicht, überspült die Schutzsysteme rund um New Orleans: Im Laufe des Tages brechen mehr als zwei Dutzend Deiche und Flutmauern, binnen Stunden stehen rund 80 Prozent der tiefer als der Meeresspiegel liegenden Stadt unter Wasser. Zehntausende Zurückgebliebene harren tagelang unter katastrophalen hygienischen Bedingungen im überfüllten Football-Stadion Superdome aus, das als Notunterkunft dient und selbst schwer beschädigt wird. Über 1.800 Menschen sterben in der Katastrophenregion entlang der gesamten Golfküste, Hunderttausende verlieren ihr Zuhause, der volkswirtschaftliche Schaden wird später auf rund 125 Milliarden Dollar beziffert. Die chaotische Evakuierung, die tagelang blockierten Rettungskräfte und das zögerliche Krisenmanagement von Präsident George W. Bush und FEMA-Chef Michael Brown lösen weltweit Entsetzen aus und stellen die Wiederaufbaufähigkeit der Supermacht ebenso infrage wie den Umgang mit den überwiegend afroamerikanischen und armen Bewohnern der betroffenen Viertel. Erst Tage nach dem Sturm besucht Bush aus der Luft die Katastrophenregion, was ihm scharfe Kritik an der zögerlichen Reaktion seiner Regierung einbringt; der Wiederaufbau von New Orleans und der gesamten Golfküste zieht sich noch Jahre über das Jahresende 2005 hinaus.
Terroranschläge erschüttern London

Während der morgendlichen Rushhour zünden vier islamistische Selbstmordattentäter binnen weniger Minuten fast zeitgleich Bomben in drei Zügen der Londoner U-Bahn — an der Aldgate-Station der Circle Line, nahe Edgware Road und auf der Piccadilly Line zwischen King's Cross und Russell Square — sowie, rund eine Stunde später, in einem Doppeldeckerbus der Linie 30 am Tavistock Square. 52 Menschen sterben, über 770 werden verletzt — der schwerste Terroranschlag in der britischen Geschichte. Die vier Täter, Mohammad Sidique Khan (30) und Shehzad Tanweer (22) aus Leeds, Hasib Hussain (18) sowie der in Jamaika geborene Germaine Lindsay (19), waren britische Staatsbürger, die sich im eigenen Land radikalisiert hatten — für die Behörden ein alarmierendes neues Muster des „hausgemachten" Terrorismus. Die Anschläge, bekannt als „7/7", ereignen sich nur einen Tag, nachdem London den Zuschlag für die Olympischen Sommerspiele 2012 erhalten hatte, und werfen damit einen langen Schatten auf die Freude über den Zuschlag.
Kyoto-Protokoll tritt nach jahrelangem Ringen in Kraft

Das 1997 in der japanischen Stadt Kyoto ausgehandelte Protokoll zum Klimaschutz war jahrelang an der fehlenden Ratifizierung genügend großer Staaten gescheitert; erst der Beitritt Russlands im November 2004 unter Präsident Wladimir Putin macht das Inkrafttreten möglich, da damit Vertragsstaaten erreicht sind, die 1990 zusammen mindestens 55 Prozent der Treibhausgasemissionen der Industriestaaten verursachten. Am 16. Februar tritt das Kyoto-Protokoll als erster völkerrechtlich verbindlicher Vertrag zur Begrenzung von Treibhausgasen in Kraft: Die Industriestaaten verpflichten sich, ihren Ausstoß von Kohlendioxid und anderen klimaschädlichen Gasen bis 2012 im Schnitt um gut fünf Prozent gegenüber dem Stand von 1990 zu senken. Die Bundesrepublik Deutschland hatte sich im Rahmen der EU-internen Lastenteilung sogar zu einer Reduktion um 21 Prozent verpflichtet.
Die USA unter Präsident George W. Bush bleiben dem Protokoll fern — sie hatten die Ratifizierung bereits 2001 verweigert, mit Verweis auf befürchtete wirtschaftliche Nachteile und die fehlende Einbindung von Schwellenländern wie China und Indien. Trotz dieser Lücke feiern Umweltverbände und die scheidende rot-grüne Bundesregierung den Tag als historischen Meilenstein der internationalen Klimapolitik.
Mord an Rafiq al-Hariri löst „Zedernrevolution" im Libanon aus

Am 14. Februar reißt eine gewaltige Autobombe in der libanesischen Hauptstadt Beirut den früheren Ministerpräsidenten Rafiq al-Hariri und 21 weitere Menschen in den Tod; fast hundert weitere werden verletzt. Hariri war im Oktober 2004 aus Protest gegen eine von Syrien erzwungene Verfassungsänderung zurückgetreten, die dem prosyrischen Staatspräsidenten Émile Lahoud eine weitere Amtszeit ermöglicht hatte. Für den Anschlag machen die libanesische Öffentlichkeit und internationale Beobachter rasch den syrischen Geheimdienst und dessen libanesische Verbündete verantwortlich — ein Verdacht, den ein Sondertribunal der Vereinten Nationen Jahre später erhärtet, ohne dass es je zu einer Verurteilung führender Verantwortlicher kommt.
Das Attentat löst beispiellose Massenproteste aus, die Hunderttausende Menschen unterschiedlicher Konfessionen auf dem Beiruter Märtyrerplatz zusammenführen und rasch den Namen „Zedernrevolution" nach dem libanesischen Nationalbaum erhalten. Unter wachsendem internationalem und innenpolitischem Druck tritt die prosyrische Regierung unter Ministerpräsident Omar Karami zurück, und am 27. April — nach 29 Jahren militärischer Präsenz — zieht die syrische Armee ihre letzten Soldaten aus dem Libanon ab. Für das kleine Mittelmeerland markiert das Jahr 2005 damit sowohl einen historischen Wendepunkt als auch den Beginn einer neuen, von tiefen politischen Gräben geprägten Ära.
Airbus A380 hebt in Toulouse zum Jungfernflug ab

Vor rund 50.000 Zuschauern startet um 10:29 Uhr in Toulouse der Airbus A380 zu seinem Erstflug — das größte je gebaute Verkehrsflugzeug und der erste durchgehend zweistöckige Passagierjet der Luftfahrtgeschichte. An Bord der mit der vorläufigen Kennung F-WWOW registrierten Maschine sitzen sechs Personen, angeführt von Chef-Testpilot Jacques Rosay und dem Leiter der Airbus-Flugerprobung, Claude Lelaie; anstelle von Passagieren simulieren Wasserballasttanks das Gewicht einer voll besetzten Kabine. Nach knapp vier Stunden Testflug über den Pyrenäen setzt Rosay die viermotorige Maschine sicher auf der Startbahn 32L wieder auf.
Mit einer Spannweite von knapp 80 Metern und Platz für bis zu 850 Passagiere in Einklassenbestuhlung soll der A380 dem europäischen Hersteller Airbus, der jahrzehntelang im Segment der Großraumflugzeuge im Schatten des amerikanischen Konkurrenten Boeing gestanden hatte, erstmals die Führungsrolle streitig machen. Der geplante Liniendienst verzögert sich in den Folgejahren allerdings wegen technischer Probleme bei der Kabelverlegung deutlich; die Erstauslieferung an die Fluggesellschaft Singapore Airlines findet erst 2007 statt. Dennoch gilt der Erstflug von Toulouse aus schon 2005 als einer der spektakulärsten Momente der zivilen Luftfahrtgeschichte.
Verheerendes Erdbeben erschüttert Kaschmir

Um 8:50 Uhr Ortszeit erschüttert am 8. Oktober ein Erdbeben der Stärke 7,6 die Grenzregion Kaschmir zwischen Pakistan und Indien; das Epizentrum liegt nahe der Stadt Muzaffarabad in dem von Pakistan verwalteten Landesteil Asad Kaschmir. Es ist eines der folgenschwersten Erdbeben der jüngeren Geschichte: Nach offiziellen pakistanischen Angaben sterben mehr als 73.000 Menschen, andere Schätzungen gehen von über 87.000 Toten aus; im indisch kontrollierten Teil Kaschmirs kommen mehr als 1.300 weitere Menschen ums Leben. Rund 2,8 Millionen Menschen verlieren ihr Obdach, in der betroffenen Bergregion werden schätzungsweise 70 Prozent aller Gebäude zerstört oder schwer beschädigt — darunter zahlreiche Schulen, in denen zur Unterrichtszeit viele Kinder verschüttet werden.
Die abgelegene, gebirgige Lage vieler betroffener Dörfer erschwert die Rettungs- und Hilfsmaßnahmen erheblich; internationale Hilfsorganisationen sowie das pakistanische und indische Militär fliegen tagelang Hubschraubereinsätze, um abgeschnittene Gebiete vor dem einsetzenden Winter zu erreichen. Die Katastrophe löst weltweit eine große Welle an Spendenbereitschaft aus, der Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur in der Himalaya-Region zieht sich jedoch noch Jahre über das Jahresende hinaus.
Orkan „Erwin" fegt über Nordeuropa — auch Sylt betroffen

In der Nacht zum 8. Januar erreicht das Sturmtief „Erwin" — in Schweden unter dem Namen „Gudrun" bekannt — Irland und Großbritannien, ehe es über die Nordsee hinweg auch Dänemark, Norddeutschland, Norwegen und Südschweden mit Böen von örtlich mehr als 145 Kilometern pro Stunde trifft. Es ist der schwerste Sturm über Nordeuropa seit 15 Jahren. Auch an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste richtet der Orkan schwere Schäden an: Fähr- und Zugverbindungen werden tagelang unterbrochen, Dächer abgedeckt und zahlreiche Bäume entwurzelt; das aufgewühlte Meer trägt vor der Insel Sylt so viel Sand ab, dass deren Südspitze um rund 20 Meter kürzer wird.
Am schwersten trifft es jedoch Südschweden, wo der Orkan schätzungsweise 75 Millionen Kubikmeter Wald — mehr als eine ganze Jahresernte der schwedischen Forstwirtschaft — zu Boden wirft und rund 160.000 Hektar Waldfläche verwüstet. Insgesamt fordert „Erwin"/„Gudrun" in Nordeuropa 17 Todesopfer. Die Aufräumarbeiten in den Wäldern Skandinaviens ziehen sich noch Jahre hin, während an der Förde und an der Westküste Schleswig-Holsteins die Sturmschäden binnen weniger Wochen beseitigt sind.
AM RANDE NOTIERT
- Am 14. Februar gründen Chad Hurley, Steve Chen und Jawed Karim in Kalifornien das Videoportal YouTube; das erste hochgeladene Video „Me at the zoo" folgt am 23. April — der Beginn einer neuen Ära des Internets.
- Der Tod von Papst Johannes Paul II. am 2. April nach 26-jährigem Pontifikat markiert das Ende einer der prägendsten Amtszeiten der katholischen Kirchengeschichte und leitet die Wahl seines Nachfolgers ein.
- Am 29. Mai und 1. Juni lehnen die Wählerinnen und Wähler in Frankreich und den Niederlanden den EU-Verfassungsvertrag in Volksabstimmungen deutlich ab; die geplante Verfassung für Europa ist damit gescheitert und stürzt die Union in eine tiefe Sinnkrise.
- Zum 5. Januar wird die Kieler Traditionswerft HDW (Howaldtswerke-Deutsche Werft) Teil des neuen Werftenverbunds ThyssenKrupp Marine Systems; für den größten Arbeitgeber an der Förde beginnt damit ein neues Kapitel im internationalen Marineschiffbau.
SPORT · 2005
Ein ruhigeres Sportjahr ohne Weltmeisterschaft oder Olympische Spiele: In der Formel 1 endet die jahrelange Dominanz von Michael Schumacher und Ferrari, die sich schwer mit den neuen Reglements und den Bridgestone-Reifen tun und in der gesamten Saison nur einen einzigen, chaotischen Sieg beim Rennen in Indianapolis einfahren, bei dem wegen eines Reifenstreits nur sechs Autos an den Start gehen. Stattdessen gewinnt der 24-jährige Spanier Fernando Alonso mit sieben Saisonsiegen für Renault unter Teamchef Flavio Briatore den Titel und wird als jüngster Fahrer der Geschichte Weltmeister; Schumacher wird hinter dem Finnen Kimi Räikkönen im McLaren nur Dritter. Im deutschen Fußball verteidigt der FC Bayern München unter dem neuen Trainer Felix Magath, der Ottmar Hitzfeld beerbt hatte, in dessen erster Saison mit 14 Punkten Vorsprung vor dem zwischenzeitlich stark aufspielenden, dann aber einbrechenden FC Schalke 04 den Meistertitel und gewinnt zugleich den DFB-Pokal — das zweite „Double" innerhalb von drei Jahren.
MODE · 2005
Mit Hedi Slimanes immer schmaler geschnittenen Silhouetten bei Dior Homme, die seit 2001 die Kollektionen prägen und ab 2003 noch enger werden, setzt sich die Skinny Jeans endgültig als neue Norm durch und verdrängt die weiten Schnitte der Vorjahre. Medien und Straßenmode orientieren sich an schmal gewordenen It-Girls und Musikern wie Kate Moss und Pete Doherty, deren enge Hosen den Begriff „Skinny Jeans" überhaupt erst populär machen. Parallel prägt ein aufkommender Indie- und Rock-Look mit Bandshirts, Second-Hand-Elementen und lässig-verwaschenen T-Shirts die Straße — eine Gegenbewegung zu den glatten, aufwendig inszenierten Modebildern der vorangegangenen Jahre.
KULTUR · 2005
Zum Jahresausklang lädt Holiday on Ice wieder in die Ostseehalle Kiel: Unter dem Motto „Romanza" verbindet die Revue in dieser Saison große Gefühle mit eleganter Eislaufkunst, begleitet von aufwendigen Kostümen und stimmungsvoller Beleuchtung. In einem Jahr voller politischer Umbrüche — von der Kieler „Heide-Mörder"-Affäre bis zur Wahl Angela Merkels — bleibt der Gang zur Ostseehalle ein vertrautes Winterritual an der Förde, das die Familie seit dem Umzug 1977 begleitet.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 2005
- Theodor W. Hänsch erhält den Physik-Nobelpreis (Oktober). Der Direktor am Max-Planck-Institut für Quantenoptik in Garching wird für die laserbasierte Präzisionsspektroskopie geehrt — deutsche Spitzenforschung mit weltweiter Anerkennung.
- Barry Marshall und Robin Warren erhalten den Medizin-Nobelpreis (3. Oktober). Die australischen Forscher werden für die Entdeckung des Magenbakteriums Helicobacter pylori als Ursache von Gastritis und Magengeschwüren geehrt — ein Durchbruch, der Millionen Patienten unnötige Operationen erspart.
DAS WETTER · 2005 in Kiel
An diesem 13. Juli war es an der Förde ein warmer Sommertag: Höchstwert 25,0 °C, in der Nacht 12,5 °C, im Mittel 18,9 °C; kein Tropfen Regen fiel.
Das Jahr über: Im Mittel 9,4 °C. Wärmster Tag 33,4 °C am 28. Mai, kältester −12,6 °C am 4. März. 1 Hitzetag (≥ 30 °C), 10 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 650 mm.
(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 2005
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.
- Femme Like U (Donne Moi Ton Corps) — K-Maro
- La Camisa Negra — Juanes
- Schnappi, Das Kleine Krokodil — Schnappi
- Die Eine 2005 — Die Firma
- La Tortura — Shakira feat. Alejandro Sanz
- Und Wenn Ein Lied — Söhne Mannheims
- Galvanize — The Chemical Brothers feat. Q-Tip
- Numb / Encore — Jay-Z & Linkin Park
- İsyankar — Mustafa Sandal feat. Gentleman
- Du Erinnerst Mich An Liebe — Ich + Ich
- Emanuela — Fettes Brot
- I Believe — Joana Zimmer
- Axel F — Crazy Frog
- Bad Day — Daniel Powter
- Ghetto Gospel — 2Pac feat. Elton John
- Durch Den Monsun — Tokio Hotel
- Candy Shop — 50 Cent feat. Olivia
- Ch!pz In Black (Who You Gonna Call) — Ch!pz
- California — Phantom Planet
- Maria — US5
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).