DER CHRONIST
Ein Jahr zwischen Jubel und Schrecken: Ein Sommermärchen lässt ein ganzes Land in Schwarz-Rot-Gold feiern, während im Kaukasus, im Nahen Osten und in Fernost Kriege, Bomben und Morde die Härte der Weltpolitik in Erinnerung rufen. In Kiel steht die Republik für zwei Tage im Rampenlicht, während anderswo in Deutschland nur glückliche Umstände einen Kofferbomben-Anschlag auf Regionalzüge vereiteln und ein abgeschaltetes Hochspannungskabel über die Ems halb Europa kurzzeitig ins Dunkel stürzt. Ein Karikaturenstreit entzweit den Westen und die islamische Welt, Montenegro löst sich als jüngster Staat Europas aus der Union mit Serbien, und in London stirbt ein Kreml-Kritiker an radioaktivem Gift. Dazwischen erobern eine neue Spielkonsole mit Bewegungssteuerung und ein Kurznachrichtendienst namens Twitter die Wohnzimmer und Bildschirme der Welt — ein Jahr, das globale Krisen und kleine Revolutionen des Alltags gleichermaßen bereithält.
Sommermärchen: Die Fußball-Weltmeisterschaft verzaubert Deutschland

Mit der Eröffnungsfeier in München und der Ansprache von Bundespräsident Horst Köhler beginnt am 9. Juni die Fußball- Weltmeisterschaft im eigenen Land. Schon das Eröffnungsspiel liefert den Auftakt zum Rausch: In der Allianz Arena schießt Philipp Lahm in der 6. Minute mit einem Schlenzer in den Winkel das 1:0 gegen Costa Rica, am Ende steht ein 4:2 vor 64.700 Zuschauern. Bundestrainer Jürgen Klinsmann und sein Assistent Joachim Löw haben dem DFB-Team zuvor einen unkonventionellen, offensiven Stil verordnet, der die Skepsis vieler Kritiker rasch verstummen lässt. Die Mannschaft um Kapitän Michael Ballack zieht souverän durch die Vorrunde, bezwingt im Achtelfinale am 24. Juni Schweden mit 2:0 (Doppelpack Lukas Podolski) und setzt sich im Viertelfinale am 30. Juni im Berliner Olympiastadion erst im Elfmeterschießen gegen Argentinien durch — Torwart Jens Lehmann pariert entscheidend, nachdem er sich vor dem Schießen einen Spickzettel mit den Schussgewohnheiten der Argentinier aus dem Stutzen gezogen hat. Im Halbfinale am 4. Juli scheitert Deutschland in Dortmund erst in der Verlängerung 0:2 an Italien (Tore Fabio Grosso, Alessandro Del Piero); im „kleinen Finale" revanchiert sich das Team drei Tage später mit einem 3:1 gegen Portugal, unter anderem durch einen Distanzschuss von Bastian Schweinsteiger, und sichert sich den dritten Platz. Sechs Wochen lang verwandelt sich derweil die ganze Bundesrepublik in ein Fahnenmeer: Public Viewing auf Marktplätzen, die Berliner Fanmeile am Brandenburger Tor mit Hunderttausenden Besuchern pro Spieltag, friedliche Fanfeste und unbeschwerte Gastfreundschaft gegenüber Besuchern aus aller Welt prägen das, was Regisseur Sönke Wortmann mit seinem Kinofilm „Deutschland. Ein Sommermärchen" später zum geflügelten Begriff für den neuen, unverkrampften Patriotismus in Schwarz-Rot-Gold macht. Im Finale in Berlin setzt sich am 9. Juli Italien nach einem 1:1 nach Verlängerung im Elfmeterschießen mit 5:3 gegen Frankreich durch — überschattet vom Kopfstoß, den Zinédine Zidane in der 110. Minute nach einer Provokation Marco Materazzis gegen dessen Brust setzt und dafür vom Platz fliegt; Kapitän Fabio Cannavaro stemmt am Ende den WM-Pokal in die Höhe. Auch Schleswig-Holstein steckt mitten im Fußballfieber: Zwar liegt kein WM-Stadion im Land, doch die Kieler Woche (17.–25. Juni) fällt mitten in die Turnierwochen, und an der Kiellinie wie auf dem Rathausplatz verfolgen Zehntausende die Spiele auf Großleinwand — nur einen Katzensprung von den Fanmeilen in Hamburg und Hannover entfernt, den nächstgelegenen Austragungsorten.
Libanonkrieg: 33 Tage Krieg zwischen Israel und der Hisbollah

Am 12. Juli beschießt die libanesische Hisbollah die israelische Grenzstadt Schlomi mit Katjuscha-Raketen und entführt bei einem Grenzüberfall zwei israelische Soldaten, drei weitere werden getötet. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah kündigt daraufhin an, man steuere „auf den offenen Krieg" zu, während der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert vor den Vereinten Nationen drei Forderungen bekräftigt: die Freilassung der entführten Soldaten, ein Ende des Raketenbeschusses und die Umsetzung der älteren UN-Resolution 1559 zur Entwaffnung der Miliz. Israel antwortet mit massiven Luftangriffen auf Beirut, die südlichen Vororte und die Infrastruktur des Libanon sowie einer Bodenoffensive im Grenzgebiet; die Hisbollah beschießt im Gegenzug wochenlang israelische Städte bis nach Haifa mit tausenden Raketen. Hunderttausende Menschen fliehen auf beiden Seiten der Grenze, halbe Stadtviertel Beiruts werden in Schutt gelegt. Der zugrunde liegende Konflikt reicht Jahrzehnte zurück: Die Hisbollah war in den 1980er-Jahren als schiitische Miliz gegen die israelische Besetzung des Südlibanon entstanden und hatte sich seither zu einer politisch wie militärisch einflussreichen Kraft entwickelt. Erst die am 11. August einstimmig verabschiedete UN-Resolution 1701, die Israel zum Verzicht auf weitere Offensiven, die Hisbollah zur Einstellung ihrer Angriffe und den Aufbau einer verstärkten UNIFIL-Friedenstruppe im Südlibanon fordert, beendet den sogenannten „33-Tage-Krieg" am 14. August — zurück bleiben nach unterschiedlichen Zählungen rund 1.200 Tote im Libanon, größtenteils Zivilisten, und etwa 160 Tote auf israelischer Seite, sowie eine Region, deren Wunden Jahrzehnte offen bleiben.
Nordkorea zündet seine erste Atombombe

Um 3:36 Uhr mitteleuropäischer Zeit meldet Nordkorea vom Testgelände Punggye-ri in der Provinz Kangwon nahe Kilju den ersten unterirdischen Atomwaffentest seiner Geschichte — eine plutoniumbasierte Sprengladung. Seismografen registrieren eine Erschütterung von rund 4,2 bis 4,3 auf der Richterskala; internationale Schätzungen zur Sprengkraft schwanken zwischen wenigen hundert Tonnen und einer Kilotonne TNT-Äquivalent, manche US-Experten vermuten sogar eine teilweise fehlgezündete Ladung. Der Test markiert den vorläufigen Bruch der seit 2003 laufenden Sechs-Parteien- Gespräche zwischen Nordkorea, den beiden koreanischen Staaten, den USA, China, Japan und Russland, mit denen das Regime von Kim Jong-il zur Aufgabe seines Atomprogramms bewegt werden sollte. Die Bundesregierung verurteilt den Test scharf, Südkorea und Japan sprechen von einer Provokation — bereits am 14. Oktober verhängt der UN-Sicherheitsrat mit der einstimmig beschlossenen Resolution 1718 ein Waffenembargo, ein Verbot von Luxusgüterexporten sowie Beschränkungen für Güter mit doppeltem Verwendungszweck gegen Pjöngjang und fordert die vollständige, überprüfbare Aufgabe aller Nuklear- und Raketenprogramme. Nordkorea rückt damit in den engen, international geächteten Kreis erklärter Atommächte auf und setzt eine Spirale von Sanktionen und diplomatischen Krisen in Gang, die bis heute anhält.
Saddam Hussein wird hingerichtet

In Bagdad wird der gestürzte irakische Diktator Saddam Hussein am frühen Morgen des 30. Dezember durch den Strang hingerichtet — in der Kaserne „Camp Justice" im Stadtteil Kadhimiya, am ersten Tag des islamischen Opferfestes Eid al-Adha, was international auch Kritik an der Zeitwahl der Exekution auslöst. Vorausgegangen war ein seit Oktober 2005 vor dem Irakischen Sondertribunal geführter Prozess wegen des Massakers von Dujail: Nach einem Attentat auf Saddam Hussein am 8. Juli 1982 in dem schiitischen Ort waren als Vergeltung 148 Dorfbewohner hingerichtet, hunderte weitere verschleppt oder gefoltert worden. Am 5. November 2006 verkündet das Gericht das Todesurteil gegen Saddam Hussein sowie zwei Mitangeklagte, seinen Halbbruder und früheren Geheimdienstchef Barzan Ibrahim al-Tikriti und den ehemaligen Revolutionsrichter Awad Hamed al-Bandar — Saddam Hussein ruft im Gerichtssaal „Es lebe das Volk, es lebe die Nation, nieder mit den Spionen". Heimlich mit Mobiltelefonen gefilmte Aufnahmen der eigentlichen Exekution, bei denen Umstehende den Verurteilten verhöhnen, verbreiten sich in den Tagen danach rasend schnell im Internet und lösen weltweit Diskussionen über Rechtsstaatlichkeit, die Form der Vollstreckung und den Umgang mit dem gestürzten Regime aus; Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch kritisieren sowohl das Verfahren als auch die Umstände der Hinrichtung scharf.
Bundesweite Einheitsfeier erstmals in Kiel

Weil die Bundesratspräsidentschaft turnusgemäß im alphabetischen Wechsel zwischen den Ländern rotiert und 2006 an der Reihe ist, richtet Schleswig-Holstein erstmals seit der Wiedervereinigung 1990 die zentralen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit aus — für das kleine Bundesland zwischen den Meeren ein Ausnahmeereignis. Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU), seit 2005 an der Spitze einer CDU-geführten Großen Koalition mit der SPD in Kiel und seit November 2005 zugleich Bundesratspräsident, empfängt die Gäste gemeinsam mit Bundestagspräsident Norbert Lammert. Bereits am 2. und 3. Oktober verwandelt ein großes Bürgerfest rund um Kiellinie, Rathausplatz und Hafen die Landeshauptstadt in eine Festmeile: Mit Segelvorführungen, Sportdemonstrationen, einem Fackelzug und einem Umzug von Musikkorps aus ganz Deutschland sowie einem umfangreichen Bühnenprogramm, das der NDR mit Radio- und Fernsehübertragungen begleitet, kommen nach Schätzungen mehrere hunderttausend Besucher in die Stadt. Am Festakt selbst, dem eigentlichen 3. Oktober, nehmen vor rund 1.000 geladenen Gästen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sowie zahlreichen in Deutschland akkreditierten Botschaftern Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Kieler Ostseehalle die Festrede unter dem Motto „Deutschland zu Gast in Schleswig-Holstein – Willkommen in Kiel". Zuvor lädt die St.-Nikolai-Kirche zum ökumenischen Gottesdienst, Bundesratspräsident Carstensen begrüßt die Gäste. Merkel mahnt in ihrer Rede, die Freiheit für Zusammenhalt und Gerechtigkeit zu nutzen — für die Landeshauptstadt ist der Tag ein bundesweiter Auftritt auf großer Bühne: Kiel, sonst vor allem für Kieler Woche, Marineflotte und die Werften von HDW an der Förde bekannt, steht für zwei Tage im Mittelpunkt der Republik.
Karikaturenstreit: Mohammed-Zeichnungen entzweien den Westen und die islamische Welt

Was am 30. September 2005 als zwölf Karikaturen des Propheten Mohammed in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten erscheint — darunter eine Darstellung Mohammeds mit einer Bombe im Turban —, entwickelt sich erst Monate später zur internationalen Krise. Ein Dossier dänischer Imame, das im Winter 2005 zusätzliche, noch schärfere und teils gefälschte Bilder in Umlauf bringt, sowie der Nachdruck durch die norwegische Zeitung Magazinet am 10. Januar 2006 heizen die Stimmung in der islamischen Welt an. Ab Januar kommt es zu Massenprotesten in zahlreichen Ländern; am 4. Februar brennen die dänische und die norwegische Botschaft in Damaskus, am Tag darauf wird die dänische Vertretung in Beirut angegriffen, weitere Ausschreitungen treffen europäische Einrichtungen in Gaza und Teheran. Nach Auflistungen internationaler Beobachter sterben bis Ende Februar mindestens 139 Menschen, besonders schwer betroffen ist Nigeria mit über 18 niedergebrannten Kirchen. In Deutschland und Frankreich entzündet sich eine Grundsatzdebatte über Presse- und Religionsfreiheit: Die Welt veröffentlicht alle zwölf Zeichnungen, auch FAZ, Zeit und Tagesspiegel drucken einzelne ab, während Bild und Spiegel Online verzichten. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble verteidigt das Recht der Presse, Bundeskanzlerin Angela Merkel mahnt zugleich, religiöse Verletzungen rechtfertigten keine Gewalt — ein Streit, der noch im Sommer für Zündstoff sorgt, als sich ein vereitelter Anschlag auf deutsche Regionalzüge ausdrücklich auf die Karikaturen beruft.
Montenegro erklärt seine Unabhängigkeit

Am 21. Mai stimmen die Bürger Montenegros in einem international überwachten Referendum über den Austritt aus der seit 2003 bestehenden Staatenunion Serbien und Montenegro ab. Bei einer Wahlbeteiligung von 86,39 Prozent votieren 55,49 Prozent der Wähler für die Loslösung — die von der EU als Bedingung gesetzte Hürde von 55 Prozent wird damit denkbar knapp übersprungen, unter maßgeblicher Vermittlung des slowakischen EU-Sonderbeauftragten Miroslav Lajčák. Am 3. Juni erklärt das Parlament in Podgorica die staatliche Unabhängigkeit, zwei Tage später erkennt auch Belgrad die Auflösung der Union an und erklärt Serbien zum Rechtsnachfolger des gemeinsamen Staates. Montenegro wird damit zum jüngsten Staat Europas und dem letzten Nachfolgestaat des einstigen Jugoslawien, das sich seit den Kriegen der 1990er-Jahre schrittweise aufgelöst hatte. Die internationale Anerkennung folgt rasch, im Sommer werden die Vereinten Nationen und zahlreiche europäische Staaten diplomatische Beziehungen zum neuen Kleinstaat an der Adria aufnehmen — ein weiterer, vergleichsweise friedlicher Schritt in der langen Geschichte der Staatenzersplitterung auf dem Balkan.
Giftmord in London: Ex-Agent Alexander Litwinenko stirbt an Polonium

Am 1. November trifft sich der frühere russische Geheimdienstoffizier und scharfe Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko in der Pine Bar des Londoner Millennium Hotels mit zwei Landsleuten, den ehemaligen KGB-Offizieren Andrei Lugowoi und Dmitri Kowtun. Noch am selben Abend erkrankt er schwer, mit heftigem Erbrechen, Bauchschmerzen und Atemnot; Ärzte vermuten zunächst eine Thallium-Vergiftung, finden kurz vor seinem Tod aber große Mengen des radioaktiven Isotops Polonium-210 in seinem Urin — in der später untersuchten Teekanne der Bar werden entsprechend hohe Werte nachgewiesen. Litwinenko stirbt am 23. November im Londoner University College Hospital; von seinem Sterbebett aus lässt er eine Erklärung verlesen, in der er dem russischen Präsidenten Wladimir Putin die Verantwortung für seinen Tod zuschreibt. Britische Ermittler identifizieren Lugowoi und Kowtun als Hauptverdächtige, die radioaktive Spuren an zahlreichen Orten in London hinterlassen haben, darunter in Flugzeugen und Hotels; Moskau verweigert jede Auslieferung unter Verweis auf die russische Verfassung. Der Fall, den eine spätere britische Untersuchung als vom russischen Inlandsgeheimdienst FSB gebilligte Aktion einstuft, belastet die Beziehungen zwischen London und Moskau auf Jahre und gilt als einer der spektakulärsten Giftmordfälle der jüngeren Geschichte.
Vereitelter Kofferbomben-Anschlag auf deutsche Regionalzüge

Zwei junge Libanesen, Youssef el-Hajdib und Jihad Hamad, deponieren am Kölner Hauptbahnhof präparierte Reisekoffer mit selbstgebauten Sprengsätzen in zwei Regionalzügen — einer davon Richtung Koblenz, der andere Richtung Hamm/Dortmund. Nur ein Konstruktionsfehler in der Zündvorrichtung verhindert die Explosion der Bomben, die nach Einschätzung deutscher Ermittler bei planmäßiger Zündung hunderte Menschenleben hätten kosten und die Anschläge auf die Londoner U-Bahn vom Juli 2005 an Zerstörungskraft übertroffen hätten. Die Koffer werden erst Stunden später auf Bahnhöfen entdeckt, die Täter sind da bereits über Frankreich in den Libanon geflohen; Überwachungsaufnahmen vom Kölner Bahnhof führen die Ermittler wenig später auf ihre Spur. Nach ihrer Aussage handelten die beiden Männer aus Rache für den Abdruck der dänischen Mohammed-Karikaturen in europäischen Zeitungen. El-Hajdib wird nach seiner Festnahme im Libanon an Deutschland ausgeliefert und vom Düsseldorfer Oberlandesgericht zu lebenslanger Haft verurteilt, Hamad im Libanon zu zwölf Jahren Gefängnis. Der Anschlagsversuch löst in Deutschland eine breite Debatte über Bahnsicherheit und islamistischen Terrorismus aus und bleibt der folgenreichste vereitelte Anschlag des Jahres im Land.
Fehlgeschaltete Stromleitung legt halb Europa lahm

Um 21:38 Uhr schaltet der Energiekonzern E.ON planmäßig eine Hochspannungsleitung über die Ems ab, damit das Kreuzfahrtschiff „Norwegian Pearl" die Meyer Werft in Papenburg sicher passieren kann — eine Routinemaßnahme, die durch eine Fehleinschätzung von Mitarbeitern in der E.ON-Netzzentrale zu einer Kettenreaktion im europäischen Verbundnetz wird. Innerhalb von Sekunden bricht das Stromnetz in weiten Teilen Westeuropas zusammen: Millionen Haushalte in Deutschland, Frankreich, Belgien, Italien, Österreich und Spanien sind bis zu zwei Stunden ohne Strom, selbst im marokkanischen Netz sind Auswirkungen spürbar; allein in Frankreich meldet Netzbetreiber RTE rund fünf Millionen zeitweise betroffene Menschen, insgesamt geht es um rund zehn Millionen Menschen europaweit. Fahrstühle bleiben zwischen den Stockwerken stecken, Ampeln fallen aus, Züge halten auf freier Strecke — ein Vorfall, der zeigt, wie eng die europäischen Stromnetze verflochten sind und wie eine einzelne Fehlentscheidung an einem norddeutschen Umspannwerk beinahe einen kontinentweiten Blackout auslöst. Die Aufklärung ergibt später, dass nicht technisches Versagen, sondern eine Kette menschlicher Fehleinschätzungen bei E.ON die eigentliche Ursache war — der Vorfall führt in der Folge zu verschärften Sicherheitsstandards für die Koordination der europäischen Übertragungsnetzbetreiber.
Nintendo Wii: Eine Spielkonsole erobert mit Bewegung die Wohnzimmer

Nach jahrelanger Entwicklung unter dem Arbeitstitel „Revolution" und der Enthüllung ihres ungewöhnlichen Controllers auf der Tokyo Game Show 2005 bringt Nintendo im April 2006 den endgültigen Namen seiner neuen Konsole heraus: Wii. Am 19. November startet der Verkauf in Nordamerika, es folgen Japan am 2. Dezember und Europa am 8. Dezember — jeweils zum Einführungspreis von rund 250 Euro beziehungsweise US-Dollar. Anders als die technisch überlegenen Konkurrenten PlayStation 3 von Sony und Xbox 360 von Microsoft setzt Nintendo bewusst nicht auf Grafikleistung, sondern auf ein neues Bedienkonzept: Die Wii- Fernbedienung mit eingebauten Bewegungssensoren erlaubt es, Spiele durch Schwingen, Werfen oder Schlagen der Hand zu steuern statt nur über Knöpfe — vom virtuellen Tennisschlag bis zum Bowling-Wurf im heimischen Wohnzimmer. Mit dieser bewusst auf ein breiteres, auch älteres und familiäres Publikum jenseits klassischer Vielspieler zielenden „Blue-Ocean"-Strategie trifft Nintendo einen Nerv: Die Konsole verkauft sich binnen weniger Jahre über 100 Millionen Mal und wird zu einer der erfolgreichsten Spielkonsolen der Geschichte — ein überraschender Gegenentwurf zum reinen Technologie-Wettrüsten der Konkurrenz.
Superwahljahr im Rückblick: Baden-Württemberg bestätigt Oettinger, Kurt Beck regiert in Mainz allein

Fünf Landtagswahlen an zwei Terminen prägen das politische Jahr 2006 — eine Bundestagswahl steht nicht an. Den Auftakt macht am 26. März das bevölkerungsreichste der fünf Länder, Baden-Württemberg: Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU), der das Amt im April 2005 von Erwin Teufel übernommen hatte, führt seine Partei mit 44,2 % klar vor der SPD und ihrer Spitzenkandidatin Ute Vogt (25,2 %) zum Wahlsieg; Grüne (11,7 %) und FDP (10,7 %) legen leicht zu. Bei einer Wahlbeteiligung von 53,4 % reicht es der CDU mit ihrem bisherigen Koalitionspartner FDP erneut zu einer klaren Mehrheit im Stuttgarter Landtag — Oettinger regiert unverändert schwarz-gelb weiter.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Rheinland-Pfalz, 26. März — SPD 45,6 %, CDU 32,8 %. Kurt Beck führt die SPD zur absoluten Mehrheit der Sitze und regiert erstmals in der Landesgeschichte allein, ohne Koalitionspartner.
- Sachsen-Anhalt, 26. März — CDU 36,2 %, Linkspartei.PDS 24,1 %, SPD 21,4 %. Die bisherige Koalition aus CDU und FDP verliert ihre Mehrheit; Ministerpräsident Wolfgang Böhmer bildet eine Große Koalition mit der SPD.
- Berlin, 17. September — SPD 30,8 %, CDU 21,3 %. Klaus Wowereit setzt das rot-rote Bündnis mit der Linkspartei.PDS fort und wird im November erneut zum Regierenden Bürgermeister gewählt.
- Mecklenburg-Vorpommern, 17. September — SPD 30,2 %, CDU 28,8 %. Die rechtsextreme NPD zieht mit 7,3 % in den Schweriner Landtag ein — nach Sachsen 2004 das zweite Landesparlament, in dem sie mit einer Fraktion vertreten ist.
AM RANDE NOTIERT
- Am 7. Oktober wird die russische Journalistin Anna Politkowskaja im Aufzug ihres Moskauer Wohnhauses erschossen — der Mord an der Putin-Kritikerin bleibt bis heute nicht vollständig aufgeklärt.
- Am 24. August entzieht die Internationale Astronomische Union in Prag dem Pluto den Planetenstatus — seither zählt das Sonnensystem nur noch acht Planeten, Pluto wird zum „Zwergplaneten".
- Am 21. März verschickt Jack Dorsey die Nachricht „just setting up my twttr" — die Geburtsstunde von Twitter.
- Am 9. Oktober übernimmt der Internetkonzern Google die Video- Plattform YouTube für 1,65 Milliarden US-Dollar in Aktien — der bis dahin teuerste Zukauf in der Firmengeschichte und ein Fanal für den Boom nutzergenerierter Videos im Netz.
- Am 30. März wird der Brandbrief des Kollegiums der Berliner Rütli-Hauptschule öffentlich, das eskalierende Gewalt und Überforderung an der Schule schildert — die Enthüllung entfacht eine bundesweite Debatte über Schulen in sozialen Brennpunkten.
- Am 12. September löst eine Vorlesung von Papst Benedikt XVI. an der Universität Regensburg mit einem islamkritischen Zitat weltweite Proteste in der muslimischen Welt aus — der Vatikan sieht sich zu Klarstellungen gezwungen.
SPORT · 2006
Das „Sommermärchen" ist bereits die Hauptschlagzeile dieses Jahres (siehe oben). Ergänzend sei vermerkt, dass Italien, der spätere WM-Sieger, bereits im Februar mit den Olympischen Winterspielen in Turin (10.–26. Februar) Gastgeber war — für die Squadra Azzurra ein sportlicher Doppelschlag binnen weniger Monate, wenngleich Gastgeber Italien im eigenen Medaillenspiegel nur Rang sieben belegte. Erfolgreichste Nation der Spiele war überraschend Deutschland: Mit 29 Medaillen, davon elf goldenen, führten die deutschen Wintersportler den Medaillenspiegel an — ein Kontrastprogramm zum Fußballsommer, der wenige Monate später folgen sollte. An der Kiellinie selbst bleibt der Segelsport das prägende Sportthema des Jahres: Die Kieler Woche vom 17. bis 25. Juni, mitten in der WM-Zeit, zieht wie gewohnt hunderttausende Besucher und internationale Regattateilnehmer an die Förde. Auch im Rückblick auf die Nationalmannschaft bleibt festzuhalten, mit welcher Konstanz sich das DFB-Team durch das Turnier kämpfte: nach dem Auftakt gegen Costa Rica über das Achtelfinale gegen Schweden, das dramatische Elfmeterkrimi- Viertelfinale gegen Argentinien bis zum Halbfinal-Aus gegen den späteren Weltmeister Italien und dem versöhnlichen dritten Platz gegen Portugal — sportlich wie stimmungsmäßig der Höhepunkt eines ohnehin ereignisreichen Sportjahres.
MODE · 2006
Leggings feiern ein Comeback als Basic unter Kleidern und Tuniken, während der „It-Bag"-Wahn — limitierte Designertaschen als Statussymbol, auf die in mancher Stadt sogar Wartelisten geführt werden — seinen Höhepunkt erreicht. Daneben setzt sich, von Stars und Designern wie Hedi Slimane vorangetrieben, die enge Röhrenjeans („Skinny Jeans") als neue Silhouette gegenüber der bislang dominierenden Bootcut-Form durch, während der boshemienhafte Boho-Look mit fließenden Maxikleidern, Fransen und Ethno-Prints seinen letzten großen Sommer erlebt. Passend zum WM-Sommer dominieren auf der Straße zudem Trikots und Fanartikel in Schwarz-Rot-Gold das Bild — Deutschlandfahnen finden sich plötzlich nicht nur an Autos und Balkonen, sondern auch als Motiv auf T-Shirts, Bikinis und sogar Fingernägeln, ein bis dahin ungewohnt unbefangener Umgang mit den Nationalfarben.
KULTUR · 2006
Holiday on Ice kehrt auch 2006 in die Kieler Ostseehalle zurück und präsentiert unter dem Motto „Mystery" eine neue Choreografie aus Eiskunstlauf, Kostümen und Bühnentechnik. Seit 1953 ist die Revue fester Programmpunkt an der Förde, und auch in diesem Winter füllen sich die Ränge mit Familien aus ganz Schleswig-Holstein. Zwischen Nebelmaschinen und funkelnden Kostümen lassen die Artistinnen und Artisten auf dem Eis das WM-Jahr noch einmal glanzvoll ausklingen.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 2006
- Hauptbahnhof für die Hauptstadt (26. Mai). Nach elf Jahren Bauzeit geht in Berlin Europas größter Kreuzungsbahnhof in Betrieb — ein deutsches Infrastruktur- und Ingenieursgroßprojekt, überregional gefeiert als neues Eingangstor zur Hauptstadt.
- Serienmeister an der Förde (3. Juni). Am letzten Spieltag der Saison 2005/06 sichert sich THW Kiel zum zwölften Mal die deutsche Handball-Meisterschaft — ein sportlicher Höhepunkt für die Landeshauptstadt in einem ohnehin schon großen Sportjahr.
DAS WETTER · 2006 in Kiel
An diesem 13. Juli war es an der Förde ein warmer Sommertag: Höchstwert 23,8 °C, in der Nacht 10,2 °C, im Mittel 19,0 °C; kein Tropfen Regen fiel — passend zum WM-Sommermärchen.
Das Jahr über: Im Mittel 9,9 °C — ein sehr mildes Jahr. Wärmster Tag 31,9 °C am 20. Juli, kältester −12,1 °C am 13. März. 5 Hitzetage (≥ 30 °C), 13 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 760 mm.
(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 2006
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.
- Love Generation — Bob Sinclar pres. Goleo VI feat. Gary "Nesta" Pine
- Dieser Weg — Xavier Naidoo
- Crazy — Gnarls Barkley
- No No Never — Texas Lightning
- Hips Don't Lie — Shakira feat. Wyclef Jean
- Maneater — Nelly Furtado
- '54, '74, '90, 2006 — Sportfreunde Stiller
- Just Be Good To Me (Every Breath You Take) — Karmah
- Zeit, Dass Sich Was Dreht — Herbert Grönemeyer feat. Amadou & Mariam
- One — Mary J. Blige & U2
- I Belong To You (Il Ritmo Della Passione) — Eros Ramazzotti & Anastacia
- Ich Bin Ich (Wir Sind Wir) — Rosenstolz
- Unfaithful — Rihanna
- Who Knew — P!nk
- Because Of You — Kelly Clarkson
- Ding — Seeed
- Buttons — The Pussycat Dolls feat. Snoop Dogg
- Big City Life — Mattafix
- Schwarz Und Weiss — Oliver Pocher
- Danke — Xavier Naidoo
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).