DER CHRONIST
Ein Jahr, in dem die Weltwirtschaft an den Rand des Abgrunds taumelt, an der Förde eine Landesbank zum Fass ohne Boden wird — und doch, jenseits des Atlantiks, ein Aufbruch möglich scheint, den vor Jahren kaum jemand für denkbar gehalten hätte. Naturgewalten verwüsten binnen weniger Tage das Irrawaddy-Delta in Myanmar und die chinesische Provinz Sichuan und fordern gemeinsam weit über 200.000 Menschenleben, während in Kuba nach fast fünf Jahrzehnten die Ära Fidel Castros zu Ende geht. Am CERN nimmt mit dem LHC der größte Teilchenbeschleuniger der Welt seine Arbeit auf, Apple läutet mit App Store und iPhone 3G eine neue Ära der mobilen Kommunikation ein, und im November erschüttern die tagelangen Terroranschläge von Mumbai den indischen Subkontinent. Es ist ein Jahr der Krisen und Umbrüche, das die Welt in nahezu jeder Hinsicht verändert zurücklässt.
Lehman-Pleite stürzt die Welt in die Finanzkrise

Mit der Insolvenzanmeldung der US-Investmentbank Lehman Brothers am frühen Montagmorgen des 15. September in New York — mit 639 Milliarden Dollar Bilanzsumme die größte Firmenpleite der amerikanischen Geschichte — kippt eine seit Monaten schwelende Immobilien- und Hypothekenkrise in einen globalen Finanzkollaps. Die 1850 gegründete, 158 Jahre alte Bank hatte sich tief in forderungsbesicherten Wertpapieren und riskanten Subprime-Hypotheken engagiert; als der amerikanische Häusermarkt einbricht, häufen sich in ihrer Bilanz toxische Papiere, für die sich kein Käufer mehr findet. Vorstandschef Richard Fuld, mit 14 Amtsjahren der dienstälteste Bankchef der Wall Street, sucht bis zuletzt vergeblich nach einem Retter oder staatlicher Hilfe; anders als beim Fast-Zusammenbruch von Bear Stearns im Frühjahr und bei der wenig später aufgefangenen Versicherung AIG entscheidet sich das US-Finanzministerium unter George W. Bush und Henry Paulson diesmal gegen eine Rettung. Am selben Wochenende wird die zweitgrößte amerikanische Investmentbank Merrill Lynch in einer Notoperation von der Bank of America übernommen, wenige Tage später muss der Versicherungskonzern AIG mit 85 Milliarden Dollar vom Staat gestützt werden.
Binnen Tagen frieren die Interbankenmärkte weltweit ein, weil sich Banken gegenseitig kein Vertrauen mehr schenken; Aktienkurse an den Börsen in New York, London, Tokio und Frankfurt stürzen ab, und Regierungen und Notenbanken müssen mit historischen Rettungspaketen gegensteuern. Die USA beschließen im Oktober das mit 700 Milliarden Dollar ausgestattete Rettungsprogramm TARP, in Deutschland verabschiedet der Bundestag das Finanzmarktstabilisierungsgesetz und richtet den mit rund 480 Milliarden Euro ausgestatteten Rettungsschirm SoFFin ein (siehe „Am Rande notiert"). Auch an der Förde ist die Wirkung längst keine ferne Nachricht mehr: Die Kieler HSH Nordbank, hoch engagiert in genau jenen Schiffs- und Kreditgeschäften, die durch die Krise am stärksten unter Druck geraten, steuert schnurstracks auf die eigene Existenzkrise zu.
Die HSH Nordbank taumelt — Schleswig-Holstein und Hamburg müssen retten

Die 2003 aus der Fusion der Landesbank Schleswig-Holstein mit der Hamburgischen Landesbank entstandene HSH Nordbank, mit Doppelsitz in Kiel und Hamburg und Anteilseignern aus beiden Ländern sowie den Sparkassenverbänden, hatte sich in den Boomjahren zu einem der weltweit größten Schiffsfinanzierer aufgeschwungen und noch im Frühjahr 2008 mit einem Börsengang geliebäugelt. Nach der Lehman-Pleite kippt das Geschäftsmodell abrupt: Wertpapierabschreibungen und faule Kredite reißen für das Krisenjahr 2008 ein Loch von rund 2,8 Milliarden Euro in die Bilanz — ohne staatliche Hilfe hätte die Finanzaufsicht BaFin die Bank schließen müssen. Vorstandschef Hans Berger tritt im November unter dem Druck der Verluste zurück, Nachfolger wird der Mathematiker Dirk Jens Nonnenmacher.
Im Dezember sichert der staatliche Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung (SoFFin) der Bank Garantien für Anleihen von bis zu 30 Milliarden Euro zu. Weil der Bund allein die Bank nicht auffangen kann, müssen ihre Haupteigentümer — die Länder Schleswig-Holstein unter Ministerpräsident Peter Harry Carstensen und Hamburg unter dem Ersten Bürgermeister Ole von Beust — selbst einspringen: Beide Länder bereiten je zur Hälfte eine Kapitalspritze von insgesamt drei Milliarden Euro sowie einen Garantierahmen von zehn Milliarden Euro vor, die Landtag in Kiel und Bürgerschaft in Hamburg im Februar 2009 endgültig beschließen. Für die Steuerzahler an der Förde beginnt damit eine Rettungsgeschichte, die sich über Jahre hinzieht, mehrfach nachgebessert werden muss und am Ende Milliardenbeträge kostet — und die zeigt, wie tief die globale Krise bis in die Landeshauptstadt hineinreicht.
Obama wird erster schwarzer Präsident der USA

Der Demokrat Barack Obama, ein 47 Jahre alter Senator aus Illinois, gewinnt die Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten gegen den Republikaner John McCain mit 365 gegen 173 Wahlmännerstimmen und knapp 53 Prozent der Stimmen — als erster Afroamerikaner wird er zum 44. Präsidenten der USA gewählt. Dem Wahlsieg war ein monatelanges Vorwahlduell mit der früheren First Lady Hillary Clinton vorausgegangen, das Obama erst im Juni für sich entscheidet; zum Vizepräsidentschaftskandidaten wählt er den außenpolitisch erfahrenen Senator Joe Biden, während McCain mit der bis dahin unbekannten Gouverneurin von Alaska, Sarah Palin, überrascht. Unter dem Slogan „Change We Can Believe In" und dem Ruf „Yes We Can" mobilisiert Obamas Kampagne über das Internet Millionen Spender und Freiwillige — ein damals neuartiges Ausmaß digitaler Basisarbeit.
Der Wahlkampf im Herbst wird maßgeblich vom Ausbruch der Finanzkrise überschattet: Nach der Lehman-Pleite fällt McCain in den Umfragen deutlich zurück, während Obama den Eindruck wirtschaftspolitischer Ruhe vermittelt. Die Rekordbeteiligung von rund 130 Millionen Wählern und die Bilder jubelnder Menschenmengen im Grant Park in Chicago machen den Wahlabend zu einem historischen Moment weit über Amerika hinaus. Seine Amtseinführung als Nachfolger von George W. Bush ist für den 20. Januar 2009 in Washington angesetzt.
Landtagswahl in Hessen endet im Patt — Roland Koch regiert geschäftsführend weiter

Bei der Landtagswahl in Hessen am 27. Januar liefern sich Ministerpräsident Roland Koch (CDU) und Herausforderin Andrea Ypsilanti (SPD) ein Kopf-an-Kopf-Rennen: Die CDU kommt auf 36,8 Prozent, die SPD auf 36,7 Prozent, die Grünen erreichen 7,5 Prozent, die FDP 9,4 Prozent, und die Linke zieht mit 5,1 Prozent erstmals in den Wiesbadener Landtag ein. Bei einer Wahlbeteiligung von 64,3 Prozent stehen sich CDU und SPD im 110 Sitze zählenden Landtag mit je 42 Mandaten gegenüber; weder ein schwarz-gelbes Bündnis noch — an inhaltlichen Differenzen zwischen SPD, Grünen und FDP — eine Ampel- oder Jamaika-Koalition kommt zustande.
Monatelang bleibt offen, wer das Land regiert. Erst im November verkündet Ypsilanti den Plan einer rot-grünen Minderheitsregierung, geduldet von der Linken — und bricht damit ihr Wahlversprechen, nicht mit der Linkspartei zusammenzuarbeiten. Vier SPD-Abgeordnete verweigern ihr daraufhin öffentlich die Gefolgschaft; die Wahl zur Ministerpräsidentin platzt, noch ehe sie stattfindet, und Ypsilanti verzichtet auf eine Kandidatur. Koch bleibt bis auf Weiteres geschäftsführend im Amt, der Landtag löst sich am 19. November selbst auf; Neuwahlen sind für den 18. Januar 2009 angesetzt.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Niedersachsen, 27. Januar — CDU 42,5 %, SPD 30,3 %. Die schwarz-gelbe Koalition unter Ministerpräsident Christian Wulff verteidigt ihre Mehrheit, das Kabinett Wulff II amtiert seit Ende Februar weiter.
- Hamburg, 24. Februar — CDU 42,6 %, SPD 34,1 %. Die CDU verliert ihre absolute Mehrheit und bildet mit der GAL erstmals auf Landesebene ein schwarz-grünes Bündnis; Erster Bürgermeister Ole von Beust wird im Mai wiedergewählt.
- Bayern, 28. September — CSU 43,4 %, SPD 18,6 %. Die CSU verliert erstmals seit 1962 die absolute Mehrheit der Mandate und geht eine Koalition mit der FDP ein; Ministerpräsident Günther Beckstein tritt zurück, Nachfolger als Regierungschef und Parteivorsitzender wird Horst Seehofer.
Kosovo erklärt Unabhängigkeit, Kaukasus versinkt im Krieg

Am 17. Februar proklamiert das Parlament in Pristina unter Ministerpräsident Hashim Thaçi einstimmig die Unabhängigkeit des Kosovo von Serbien und beendet damit formal die seit dem NATO-Einsatz von 1999 andauernde UN-Verwaltung (UNMIK) der Region. Grundlage ist ein vom UN-Sondergesandten Martti Ahtisaari ausgearbeiteter Plan für eine überwachte Unabhängigkeit. Die USA erkennen den neuen Staat bereits einen Tag später an, Deutschland, Frankreich und Großbritannien folgen binnen Wochen, während Serbien, Russland, Spanien und China die Anerkennung verweigern.
Ein halbes Jahr später, in der Nacht auf den 8. August, befiehlt Georgiens Präsident Micheil Saakaschwili eine Offensive gegen die abtrünnige, prorussische Region Südossetien und deren Hauptstadt Zchinwali. Russland antwortet umgehend mit einem massiven Gegenschlag zu Land, zur Luft und zur See und dringt tief auf georgisches Gebiet vor. Der fünftägige Kaukasuskrieg endet am 12. August mit einem von der französischen EU-Ratspräsidentschaft unter Präsident Nicolas Sarkozy vermittelten Waffenstillstand und kostet zahlreiche Menschen das Leben. Ende August erkennt Russland Südossetien und die zweite abtrünnige Region Abchasien als unabhängige Staaten an — ein Schritt, dem kaum ein anderer Staat folgt, der aber das Verhältnis zwischen Moskau und dem Westen dauerhaft zerrüttet.
Olympische Sommerspiele eröffnen China der Weltbühne

Vom 8. bis 24. August finden in Peking die ersten Olympischen Sommerspiele in China statt — nach jahrelanger Vorbereitung und Kosten von geschätzt weit über 40 Milliarden US-Dollar für Sportstätten und Infrastruktur. Die spektakuläre, von Regisseur Zhang Yimou inszenierte Eröffnungsfeier beginnt symbolträchtig am 8.8.2008 um 20:08 Uhr im neu errichteten Nationalstadion, das wegen seiner filigranen Stahlkonstruktion als „Vogelnest" bekannt wird und vom Architekturbüro Herzog & de Meuron gemeinsam mit dem Künstler Ai Weiwei entworfen wurde. Über 11.000 Athletinnen und Athleten aus 204 Nationen treten unter dem Motto „One World, One Dream" in 302 Wettbewerben gegeneinander an.
Die Spiele markieren den selbstbewussten Auftritt einer aufstrebenden Weltmacht auf der Weltbühne, überschattet zugleich von gewaltsamen Unruhen in Tibet im März, internationalen Protesten entlang der Fackel-Staffel und anhaltender Kritik an der Menschenrechtslage Chinas im Vorfeld der Spiele. Am Ende steht der Gastgeber erstmals mit der meisten Zahl an Goldmedaillen an der Spitze des Medaillenspiegels, während Deutschland mit 41 Medaillen — darunter 16-mal Gold — ins vordere Mittelfeld der Nationen kommt.
Fidel Castro tritt als Staatschef Kubas zurück

Fidel Castro, seit der Revolution von 1959 fast fünf Jahrzehnte lang unangefochtener Staats- und Parteichef Kubas, kündigt am 19. Februar in einem in der Parteizeitung Granma veröffentlichten Brief an, nicht erneut für das Amt des Präsidenten des Staatsrates zu kandidieren. Der mittlerweile 81-Jährige hatte die Amtsgeschäfte bereits im Juli 2006 wegen einer schweren Darmerkrankung vorübergehend an seinen jüngeren Bruder Raúl Castro übertragen und war seither öffentlich kaum noch in Erscheinung getreten; sein körperlicher Zustand erlaube es ihm nicht mehr, so schreibt er, „die Pflichten des Amtes ordnungsgemäß auszuüben".
Am 24. Februar wählt die kubanische Nationalversammlung erwartungsgemäß Raúl Castro zum neuen Staatschef; Fidel Castro bleibt zwar Erster Sekretär der kommunistischen Staatspartei, zieht sich aber endgültig aus der Tagespolitik zurück. Der Machtwechsel verläuft ohne sichtbare Unruhen und ohne erkennbaren Kurswechsel — Beobachter in Washington und Europa werten ihn dennoch als historische Zäsur nach fast 50 Jahren Ein-Mann-Herrschaft auf der Karibikinsel.
Wirbelsturm „Nargis" verwüstet Myanmar

In der Nacht zum 3. Mai trifft der tropische Wirbelsturm Nargis mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 240 Kilometern pro Stunde auf das dicht besiedelte Irrawaddy-Delta im Südwesten Myanmars und zieht weiter bis in die frühere Hauptstadt Rangun. Eine meterhohe Sturmflut überschwemmt weite Teile des flachen Küstenlandes, reißt ganze Dörfer fort und zerstört Ernten, Häuser und Infrastruktur binnen weniger Stunden. Nach offiziellen Angaben der von der Militärjunta unter General Than Shwe geführten Regierung kommen mehr als 138.000 Menschen ums Leben oder werden vermisst, rund 2,4 Millionen Menschen verlieren ihre Lebensgrundlage — eine der folgenschwersten Naturkatastrophen der jüngeren Geschichte Südostasiens.
Die international bereits als isolationistisch bekannte Militärregierung verzögert wochenlang die Einreise ausländischer Helfer und Hilfsgüter aus Sorge vor politischer Einmischung, was scharfe internationale Kritik und Debatten über eine mögliche Zwangsöffnung des Landes für Nothilfe auslöst. Erst nach Vermittlung des südostasiatischen Staatenbunds ASEAN und einem Besuch von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon Ende Mai öffnet sich Myanmar schrittweise für internationale Hilfe.
Schweres Erdbeben erschüttert die chinesische Provinz Sichuan

Am frühen Nachmittag des 12. Mai erschüttert ein Erdbeben der Stärke 7,9 (nach chinesischer Zählung 8,0) mit Epizentrum im Kreis Wenchuan die südwestchinesische Provinz Sichuan. Ganze Ortschaften in den bergigen Landkreisen westlich der Provinzhauptstadt Chengdu werden dem Erdboden gleichgemacht, Schulen stürzen reihenweise ein und begraben tausende Kinder unter sich — ein Umstand, der später scharfe öffentliche Kritik an laxen Baustandards auslöst. Nach amtlichen chinesischen Angaben sterben rund 69.000 Menschen, knapp 18.000 werden vermisst und mehr als fünf Millionen Gebäude beschädigt oder zerstört; Schätzungen zufolge werden rund 4,8 Millionen Menschen obdachlos.
Die chinesische Führung unter Präsident Hu Jintao und Ministerpräsident Wen Jiabao reagiert mit einem für chinesische Verhältnisse ungewöhnlich offenen Katastropheneinsatz, lässt internationale Hilfsteams ins Land und Journalisten weitgehend frei berichten. Landesweit löst die Katastrophe eine beispiellose Welle an Spendenbereitschaft und Freiwilligeneinsätzen aus — wenige Monate vor der Eröffnung der Olympischen Spiele in Peking im August.
Apple eröffnet den App Store und bringt das iPhone 3G

Am 10. Juli öffnet Apple den App Store, eine zentrale Plattform, über die Nutzer des iPhones erstmals Programme externer Entwickler direkt auf ihr Gerät laden können — zum Start stehen rund 500 Anwendungen bereit, etwa ein Viertel davon kostenlos. Innerhalb der ersten drei Tage verzeichnet Apple rund zehn Millionen Downloads; das Modell, wonach Entwickler 70 Prozent der Erlöse behalten und Apple 30 Prozent einbehält, wird in den Folgejahren zum Vorbild für praktisch alle mobilen App-Plattformen.
Einen Tag später, am 11. Juli, kommt mit dem iPhone 3G die zweite Generation von Apples Smartphone in den Handel — erstmals gleichzeitig in 22 Ländern, darunter auch Deutschland, wo es exklusiv über die Deutsche Telekom vertrieben wird. Anders als das 2007 vorgestellte Ur-iPhone unterstützt es den schnelleren Mobilfunkstandard UMTS/3G und GPS-Ortung bei gesenktem Einstiegspreis. Zusammen leiten App Store und iPhone 3G den Beginn der modernen Smartphone-Ära ein, in der das Telefon zur Plattform für Millionen von Drittanbieter-Apps wird.
Teilchenbeschleuniger LHC am CERN nimmt Betrieb auf

Am Genfer Forschungszentrum CERN gelingt es Wissenschaftlern am Morgen des 10. September erstmals, einen Protonenstrahl vollständig durch den 27 Kilometer langen Ringtunnel des Large Hadron Collider (LHC) zu lenken — nach mehr als zehn Jahren Bauzeit geht damit der größte und leistungsstärkste Teilchenbeschleuniger der Welt in Betrieb. Der tief unter der französisch-schweizerischen Grenze liegende Ringtunnel soll Protonen künftig nahezu auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigen und kollidieren lassen, um unter anderem nach dem bis dahin nur theoretisch postulierten Higgs-Boson zu suchen und Fragen zum Ursprung des Universums zu beantworten.
Der international vielbeachtete Start wird bereits neun Tage später von einem Rückschlag überschattet: Ein defekter Verbindungspunkt zwischen zwei supraleitenden Magneten führt am 19. September zu einem schweren Störfall mit Heliumaustritt, der den Beschleuniger für gut ein Jahr außer Betrieb setzt und erst im November 2009 wieder anlaufen lässt. Die eigentlichen Teilchenkollisionen und die spätere Entdeckung des Higgs-Bosons folgen daher erst in den Jahren danach.
Terroranschläge erschüttern Mumbai

Am Abend des 26. November attackiert ein zehnköpfiges Kommando der pakistanischen Terrorgruppe Lashkar-e-Taiba mehrere Ziele im indischen Mumbai nahezu zeitgleich: den Hauptbahnhof Chhatrapati Shivaji, ein jüdisches Gemeindezentrum sowie die beiden Luxushotels Taj Mahal Palace und Oberoi Trident, in denen sich die Attentäter verschanzen und Gäste als Geiseln nehmen. Die maskierten, aus Karatschi per Boot eingeschleusten Täter waren während des tagelangen Angriffs offenbar per Satellitentelefon von Hintermännern in Pakistan dirigiert worden. Erst nach mehrtägigen, im Fernsehen live übertragenen Gefechten mit indischen Spezialkräften enden die Anschläge am 29. November; neun der zehn Angreifer werden getötet, nur der überlebende Ajmal Kasab wird gefasst und später verurteilt.
Bei den als „26/11" bekannt gewordenen Anschlägen sterben 166 Menschen, mehr als 300 werden verletzt. Die Ereignisse verschärfen die ohnehin angespannten Beziehungen zwischen Indien und Pakistan erheblich, da Neu-Delhi der pakistanischen Regierung staatliche Verstrickung in die Planung vorwirft; international gelten die Anschläge fortan als Lehrbuchbeispiel eines komplexen, medienwirksam inszenierten Terrorangriffs auf zivile Ziele.
AM RANDE NOTIERT
- Am 5. Oktober treten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück vor die Kameras und erklären: „Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind" — die Bundesregierung garantiert damit pauschal alle privaten Spareinlagen.
- Am 17. Oktober verabschiedet der Bundestag das Finanzmarktstabilisierungsgesetz; wenig später nimmt der SoFFin-Rettungsschirm mit einem Volumen von rund 480 Milliarden Euro seine Arbeit auf, um deutsche Banken vor dem Kollaps zu bewahren.
- Vom 21. bis 29. Juni feiert die Kieler Woche als größtes Segelsportereignis der Welt trotz der heraufziehenden Wirtschaftskrise wieder rund drei Millionen Besucherinnen und Besucher an der Förde.
- Im Finale der Fußball-Europameisterschaft am 29. Juni in Wien unterliegt die deutsche Nationalmannschaft dem Titelverteidiger Spanien mit 0:1 — Fernando Torres erzielt das entscheidende Tor.
SPORT · 2008
Bei den Olympischen Sommerspielen in Peking stellt der Jamaikaner Usain Bolt mit Weltrekorden von 9,69 Sekunden über 100 Meter und 19,30 Sekunden über 200 Meter seine Ausnahmeklasse erstmals auf großer Bühne unter Beweis, während der US-Schwimmer Michael Phelps mit acht Goldmedaillen bei einem einzigen Turnier den seit 1972 von Mark Spitz gehaltenen Rekord von sieben Olympiasiegen übertrifft. Deutschland verbucht in China 41 Medaillen, darunter 16-mal Gold, überstrahlt wird das Sportjahr aber von den beiden Ausnahmekönnern aus Übersee.
Auch abseits Pekings bleibt 2008 ein großes Sportjahr: Im Finale von Wimbledon liefern sich Roger Federer und Rafael Nadal am 6. Juli ein knapp fünfstündiges Duell über fünf Sätze bis in die Dämmerung, das Nadal für sich entscheidet und das seither vielfach als eines der besten Tennisspiele aller Zeiten gilt. In der Formel 1 sichert sich der Brite Lewis Hamilton für McLaren in einer dramatischen letzten Kurve des Saisonfinales im brasilianischen São Paulo seinen ersten WM-Titel — noch vor dem Ferrari-Piloten Felipe Massa, der im heimischen Rennen kurzzeitig schon als Weltmeister gefeiert wird.
MODE · 2008
Mit dem Ausbruch der Finanzkrise im Herbst weicht der demonstrative Glamour der Vorjahre einem gedämpfteren, unaufgeregten Luxusverständnis, das Beobachter bald als „Recession Chic" beschreiben — dezente Marken und zeitlose Schnitte statt auffälligem Logo-Protz. Zugleich wird der Jumpsuit als praktisch-elegantes Kleidungsstück salonfähig und wandelt sich vom Freizeitteil zum Abendlook. Auf den Straßen dominieren enge Skinny Jeans, Leggings als Hosenersatz und Gladiatoren-Sandalen, während Designer wie Balmain mit betonten Schulterpartien an die Achtzigerjahre erinnern. In den USA rückt während des Wahlkampfs zudem Michelle Obama als neue Stilikone in den Blick der Modewelt.
KULTUR · 2008
Wie jedes Jahr staunen die Zuschauer in der Kieler Ostseehalle über die Präzision, mit der die Eiskunstläuferinnen und -läufer von Holiday on Ice ihre Sprünge und Pirouetten synchron aufs Eis zaubern. In der Saison 2008 heißt das Motto „Energia" – mit pulsierenden Lichteffekten und akrobatischen Hebefiguren, die selbst in Krisenzeiten für zwei Stunden Ablenkung vom Alltag an der Förde sorgen. Kostüme und Bühnenbild wechseln von Jahr zu Jahr, die Begeisterung des Kieler Publikums bleibt dabei verlässlich gleich groß.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 2008
- Nobelpreis für den Impfstoff gegen Gebärmutterhalskrebs (Oktober). Harald zur Hausen vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg wird mit dem Medizin-Nobelpreis geehrt — seine Entdeckung humaner Papillomviren als Krebsursache legt den Grund für die HPV-Impfung.
- Jüngster Grand-Prix-Sieger der Formel-1-Geschichte (14. September). In Monza gewinnt der 21-jährige Sebastian Vettel seinen ersten Formel-1-Sieg — der Auftakt einer späteren Weltmeister-Karriere.
- THW Kiel wird deutscher Handball-Meister (Saison 2007/08). Der Bundesligist aus der Landeshauptstadt sichert sich den nationalen Titel und untermauert seine Ausnahmestellung im deutschen Spitzenhandball.
- Friedensnobelpreis für Martti Ahtisaari (10. Oktober). Der finnische Ex-Präsident wird für seine jahrzehntelange Vermittlerarbeit in internationalen Konflikten geehrt, von Namibia bis zum Kosovo.
DAS WETTER · 2008 in Kiel
An diesem 13. Juli war es an der Förde ein milder Sommertag: Höchstwert 21,4 °C, in der Nacht 12,1 °C, im Mittel 16,3 °C; kaum Regen (0,2 mm).
Das Jahr über: Im Mittel 9,8 °C. Wärmster Tag 31,6 °C am 29. Juli, kältester −7,7 °C am 31. Dezember. 3 Hitzetage (≥ 30 °C), 3 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 690 mm.
(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 2008
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.
- So Soll Es Bleiben — Ich + Ich
- Let Me Think About It — Ida Corr vs Fedde Le Grand
- Mercy — Duffy
- Valerie — Mark Ronson feat. Amy Winehouse
- Bleeding Love — Leona Lewis
- All Summer Long — Kid Rock
- Apologize — Timbaland pres. OneRepublic
- Stark — Ich + Ich
- Almost Lover — A Fine Frenzy
- Infinity 2008 — Guru Josh Project
- 4 Minutes — Madonna feat. Justin Timberlake
- My Man Is A Mean Man — Stefanie Heinzmann
- This Is The Life — Amy Macdonald
- Ein Stern (... Der Deinen Namen Trägt) — DJ Ötzi & Nik P.
- Mr. Rock & Roll — Amy Macdonald
- Sweet About Me — Gabriella Cilmi
- Beggin' — Madcon
- I Kissed A Girl — Katy Perry
- Better In Time — Leona Lewis
- I'm Yours — Jason Mraz
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).