DER CHRONIST

Ein Jahr des Umbruchs und der Erschütterung: Ein neuer Präsident weckt in Washington Hoffnung, während Finanzkrise und ein Amoklauf die Bundesrepublik in ihren Grundfesten treffen — und an der Förde wie im ganzen Land wechseln nach der Wahl die Mehrheiten. Über dem Hudson River gelingt einer Flugzeugbesatzung eine spektakuläre Rettung, während ein Airbus über dem Atlantik mit allen an Bord verschwindet. In Teheran erheben sich nach einer umstrittenen Präsidentschaftswahl Hunderttausende zur „Grünen Bewegung", und in einer Zeit des Misstrauens gegenüber Banken entsteht mit Bitcoin eine neue digitale Währung. Zum Jahresende ringt die Weltgemeinschaft in Kopenhagen vergeblich um ein verbindliches Klimaabkommen — ein Jahr, das zeigt, wie eng Hoffnung und Erschütterung, Fortschritt und Scheitern beieinanderliegen.

Die Schlagzeilen des Jahres

Barack Obama wird 44. Präsident der USA

Barack Obamas Amtseinführung als 44. US-Präsident, 2009
Barack Obamas Amtseinführung als 44. US-Präsident, 2009 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Vor schätzungsweise 1,8 Millionen Menschen entlang der National Mall in Washington, D.C. — bei klirrender Kälte, aber in gelöster Stimmung — wird Barack Obama als erster afroamerikanischer Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt. Chief Justice John Roberts nimmt ihm den Amtseid auf derselben Bibel ab, auf die schon Abraham Lincoln 1861 schwor — ein bewusster Verweis auf dessen 200. Geburtstag in jenem Jahr. Bei einem kleinen Versprecher in der Eidesformel legen beide die Zeremonie vorsorglich am Folgeabend im Weißen Haus noch einmal ab. Obamas Wahlkampfversprechen von „Hope" und „Change" wecken weltweit Erwartungen an einen außenpolitischen Kurswechsel nach den acht Jahren George W. Bushs.

Der neue Präsident regiert von Beginn an im Ausnahmezustand: Die im Herbst 2008 mit dem Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers eskalierte globale Finanzkrise hat die Weltwirtschaft in die schwerste Rezession seit Jahrzehnten gestürzt. Bereits am 22. Januar ordnet Obama per Dekret die Schließung des Gefangenenlagers Guantánamo Bay binnen eines Jahres an — ein Vorhaben, an dem der Kongress ihn in der Folge hindert. Am 17. Februar unterzeichnet er den American Recovery and Reinvestment Act, ein rund 787 Milliarden Dollar schweres Konjunkturpaket aus Steuererleichterungen und Staatsausgaben, mit dem die USA gegen Arbeitslosigkeit und Kreditklemme ansteuern. Sein Kabinett besetzt er mit seiner früheren Rivalin Hillary Clinton als Außenministerin, während Robert Gates als Verteidigungsminister im Amt bleibt; Vizepräsident wird Joe Biden. Im Oktober krönt das Nobelpreiskomitee in Oslo die noch jungen Hoffnungen mit dem Friedensnobelpreis — eine Auszeichnung, die angesichts der erst neunmonatigen Amtszeit international auch für Stirnrunzeln sorgt.

Superwahljahr 2009: Schwarz-Gelb erobert Berlin und Kiel

Das Landeshaus in Kiel — 2009 fallen Bundestags- und Landtagswahl zusammen
Das Landeshaus in Kiel — 2009 fallen Bundestags- und Landtagswahl zusammen (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

An einem einzigen Sonntag entscheidet sich die politische Farbe von Bund und Land: Bei der Bundestagswahl verliert die SPD mit 23,0 Prozent historisch — ihr schlechtestes Ergebnis auf Bundesebene überhaupt —, CDU/CSU kommt auf 33,8 Prozent, die FDP erzielt unter Parteichef Guido Westerwelle mit 14,6 Prozent ihr bestes Ergebnis. Die seit 2005 amtierende Große Koalition aus CDU/CSU und SPD, die zuletzt gemeinsam die Bankenkrise bewältigt hatte, zerbricht damit an der Wahlurne — der SPD-Kanzlerkandidat und bisherige Außenminister Frank-Walter Steinmeier kann gegen die amtierende Kanzlerin nicht bestehen. Angela Merkel bildet daraufhin mit der FDP eine schwarz-gelbe Regierung, das Kabinett Merkel II.

Zeitgleich wird in Schleswig-Holstein gewählt, wo seit 2005 ebenfalls eine Große Koalition regiert hatte — Ergebnis eines knappen, von einer umstrittenen Abgeordneten-Stimme überschatteten Patts zwischen Ministerpräsidentin Heide Simonis und Herausforderer Peter Harry Carstensen, der schließlich mit den Stimmen von CDU und SPD zum Regierungschef gewählt worden war. 2009 erhält die CDU nur noch 31,5 Prozent, die SPD 25,4 Prozent — die kleine, seit 2005 nicht mehr im Landtag vertretene FDP kehrt mit 14,9 Prozent kraftvoll nach Kiel zurück. Auch an der Förde ist die Große Koalition damit Geschichte: Nach Koalitionsverhandlungen vom 8. bis 17. Oktober und der Billigung durch beide Parteitage am 24. Oktober bilden CDU und FDP unter Carstensen ein schwarz-gelbes Bündnis. Der Landtag konstituiert sich am 27. Oktober und bestätigt Carstensen im Amt; das Kabinett Carstensen II vereidigt neben dem Ministerpräsidenten unter anderem Heiner Garg (FDP) als stellvertretenden Ministerpräsidenten und Sozialminister, Jost de Jager (CDU) als Wirtschaftsminister sowie Ekkehard Klug (FDP) als Bildungsminister. Der Regierungswechsel an der Förde vollzieht sich damit im Gleichklang mit Berlin, wo am 28. Oktober das Kabinett Merkel II mit Westerwelle als Vizekanzler und Außenminister vereidigt wird.

Berlin und Kiel bilden damit nur den Schlusspunkt eines Jahres mit gleich acht Urnengängen zwischen Wiesbaden und Potsdam.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Hessen, 18. Januar — CDU 37,2 %, SPD 23,7 %. Die vorgezogene Neuwahl nach dem Scheitern von Andrea Ypsilantis rot-grüner Minderheitsregierung bestätigt Ministerpräsident Roland Koch, der mit der FDP eine schwarz-gelbe Koalition bildet.
  • Bundesversammlung, 23. MaiHorst Köhler (CDU) 613 von 1224 Stimmen, Gesine Schwan (SPD) 503. Köhler erreicht im ersten Wahlgang exakt die nötige absolute Mehrheit und wird als Bundespräsident wiedergewählt.
  • Europawahl, 7. Juni — CDU/CSU 37,9 %, SPD 20,8 %. Die Wahlbeteiligung sinkt auf einen neuen Tiefstand von 43,3 Prozent.
  • Saarland, 30. August — CDU 34,5 %, SPD 24,5 %. Ministerpräsident Peter Müller bildet nach monatelangen Sondierungen mit FDP und Grünen die erste „Jamaika-Koalition" auf Landesebene.
  • Sachsen, 30. August — CDU 40,2 %, Linke 20,6 %. Ministerpräsident Stanislaw Tillich löst die bisherige große Koalition ab und regiert künftig mit der FDP.
  • Thüringen, 30. August — CDU 31,2 %, Linke 27,4 %. Nach dem Verlust der absoluten Mehrheit übernimmt die neue CDU-Landeschefin Christine Lieberknecht im Oktober von Ministerpräsident Dieter Althaus und bildet eine große Koalition mit der SPD.
  • Brandenburg, 27. September — SPD 33,0 %, Linke 27,2 %. Ministerpräsident Matthias Platzeck geht mit der Linken erstmals ein rot-rotes Regierungsbündnis ein.

3 · Kurzarbeit und Abwrackprämie: Die Bundesrepublik stemmt sich gegen die Weltwirtschaftskrise

Das Volkswagenwerk in Wolfsburg, 2009 — die Abwrackprämie stützt die Autoindustrie Das Volkswagenwerk in Wolfsburg, 2009 — die Abwrackprämie stützt die Autoindustrie (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Die globale Finanzkrise, ausgelöst durch den Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008, erreicht 2009 mit voller Wucht die deutsche Realwirtschaft: Als exportabhängige Nation verzeichnet die Bundesrepublik einen Einbruch des Bruttoinlandsprodukts um 5,7 Prozent — die tiefste Rezession seit Bestehen der Bundesrepublik. Nachdem bereits im November 2008 ein erstes Konjunkturpaket beschlossen worden war, folgt im Januar 2009 das rund 50 Milliarden Euro schwere Konjunkturpaket II mit einem Investitionsprogramm von 17,3 Milliarden Euro für Schulen und Infrastruktur, Steuererleichterungen und einer Ausweitung des Kurzarbeitergeldes auf bis zu 24 Monate. Im Mai melden Betriebe für 1,44 Millionen Beschäftigte Kurzarbeit an, insgesamt gehen im Jahresverlauf rund 3,3 Millionen Kurzarbeitsanzeigen bei der Bundesagentur für Arbeit ein; der Staat erstattet Arbeitgebern dabei einen Teil der Sozialversicherungsbeiträge. Das Instrument verhindert eine Entlassungswelle im großen Stil und begründet international viel beachtetes „deutsches Beschäftigungswunder" mitten in der Weltrezession.

Besonders hart trifft die Krise die Automobilbranche: Beim Rüsselsheimer Hersteller Opel, Tochter des kriselnden US-Konzerns General Motors, verhandelt die Bundesregierung monatelang über Staatsbürgschaften und einen möglichen Einstieg des Zulieferers Magna — ein Investorenwechsel, den GM Anfang November letztlich doch ablehnt. Als Signal an Verbraucher und Werke beschließt das Bundeskabinett bereits am 14. Januar im Rahmen des Konjunkturpakets II die Abwrackprämie (offiziell Umweltprämie): 2.500 Euro für die Verschrottung alter Autos zugunsten eines Neuwagenkaufs. Der Fördertopf wird von 1,5 auf 5 Milliarden Euro aufgestockt und ist bereits im September erschöpft — fast zwei Millionen Anträge belegen den Ansturm auf die Prämie. Kritiker bemängeln, dass sie überproportional Kleinwagen ausländischer Marken begünstigt habe, während sie der Autoindustrie insgesamt durch das Krisenjahr hilft.

Amoklauf von Winnenden erschüttert die Republik

Die Albertville-Realschule in Winnenden, Schauplatz des Amoklaufs 2009
Die Albertville-Realschule in Winnenden, Schauplatz des Amoklaufs 2009 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Gegen 9.33 Uhr betritt der 17-jährige Tim Kretschmer die Albertville-Realschule im baden-württembergischen Winnenden, rund 20 Kilometer nordöstlich von Stuttgart. Bewaffnet mit einer Beretta-92-Pistole und 285 Schuss Munition aus dem Besitz seines Vaters — eines Sportschützen mit 15 registrierten Waffen — eröffnet er in zwei Klassenzimmern und einem Chemiesaal das Feuer. Neun Schülerinnen und Schüler sowie drei Lehrerinnen sterben in der Schule, zahlreiche weitere werden teils schwer verletzt. Als drei Polizeibeamte das Gebäude stürmen, flieht Kretschmer, zwingt eine Autofahrerin zum Anhalten und fährt bis ins gut zehn Kilometer entfernte Wendlingen am Neckar, wo er auf seiner Flucht drei weitere Menschen erschießt und bei einem Schusswechsel zwei Polizisten verletzt, ehe er sich selbst erschießt. Insgesamt sterben 15 Menschen, elf weitere werden teils schwer verletzt.

Die Tat — der schwerste Amoklauf an einer deutschen Schule seit Erfurt 2002, wo ein 19-Jähriger am Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen getötet hatte — löst eine bundesweite Debatte über das Waffenrecht, die sichere Aufbewahrung von Schusswaffen im Privathaushalt sowie über Kinder- und Jugendschutzmedien und sogenannte „Killerspiele" aus. Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzlerin Angela Merkel nehmen an der Trauerfeier teil, im ganzen Land wird eine Schweigeminute abgehalten. Noch im selben Jahr verschärft der Bundestag das Waffengesetz: unangekündigte Kontrollen der Waffenaufbewahrung und strengere Vorgaben werden eingeführt, während Angehörige der Opfer sich in einem Netzwerk gegen Amokgewalt engagieren.

Die Schweinegrippe wird zur weltweiten Pandemie

Ein Impfstoff-Fläschchen — 2009 wird die Schweinegrippe zur Pandemie
Ein Impfstoff-Fläschchen — 2009 wird die Schweinegrippe zur Pandemie (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nachdem das neue Influenzavirus A/H1N1 im Frühjahr zuerst im mexikanischen Bundesstaat Veracruz sowie in Kalifornien und Texas aufgetreten war, erklärt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am 11. Juni die höchste Pandemiewarnstufe, Phase 6 — die erste Grippepandemie seit der Hongkong-Grippe von 1968. Ende April erreicht das Virus mit einem Reiserückkehrer auch Deutschland; im Herbst rollt eine zweite, deutlich größere Erkrankungswelle mit Ausbrüchen an Schulen an. Ab Oktober laufen bundesweite Impfkampagnen an: Für die Allgemeinbevölkerung werden rund 50 Millionen Dosen des mit einem Wirkverstärker versehenen Impfstoffs Pandemrix (GlaxoSmithKline) bestellt, während Bundeswehr und Teile der Bundespolizei aufgrund eines älteren, noch aus Vogelgrippe-Zeiten stammenden Liefervertrags das unverstärkte Präparat Celvapan erhalten — ein Umstand, der in der Öffentlichkeit zunächst als Bevorzugung von Amtsträgern kritisiert wird. Trotz der weltweiten Alarmstimmung verläuft die Pandemie insgesamt milder als zunächst befürchtet; das Robert-Koch-Institut beziffert die Zahl der Todesfälle in Deutschland rückblickend auf rund 350.

Das „Wunder vom Hudson": Notlandung auf dem Fluss rettet 155 Leben

Der auf dem Hudson River gelandete Airbus A320 von US Airways, 2009
Der auf dem Hudson River gelandete Airbus A320 von US Airways, 2009 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Kurz nach dem Start vom New Yorker Flughafen LaGuardia gerät ein Airbus A320 der US Airways auf dem Weg nach Charlotte in einen Schwarm kanadischer Wildgänse: Beide Triebwerke fallen durch den Vogelschlag aus, das Flugzeug verliert jeden Schub. Kapitän Chesley „Sully" Sullenberger und Co-Pilot Jeffrey Skiles entscheiden binnen Sekunden gegen eine Rückkehr zum Flughafen und steuern die manövrierunfähige Maschine im Gleitflug auf den Hudson River zwischen Manhattan und New Jersey. Die Wasserlandung gelingt nahezu ohne Erschütterung; Fährschiffe und Rettungsboote bergen alle 155 Menschen an Bord binnen Minuten aus dem eiskalten Fluss, nur wenige werden leicht verletzt.

Der als „Miracle on the Hudson" gefeierte Zwischenfall gilt Fachleuten als eine der bemerkenswertesten Notlandungen der Luftfahrtgeschichte — erst die vierte folgenlose Wasserung eines Jets weltweit. Sullenberger wird zum gefeierten Helden, US-Präsident Barack Obama lädt ihn und die Crew fünf Tage später zu seiner Amtseinführung nach Washington ein. 2016 verfilmt Regisseur Clint Eastwood die Ereignisse unter dem Titel „Sully", mit Tom Hanks in der Hauptrolle.

Air-France-Flug 447 stürzt über dem Atlantik ab

Der Airbus A330 F-GZCP von Air France, das bei Flug 447 verunglückte Flugzeug
Der Airbus A330 F-GZCP von Air France, das bei Flug 447 verunglückte Flugzeug (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In der Nacht vom 31. Mai auf den 1. Juni verschwindet ein Airbus A330 der Air France auf dem Flug von Rio de Janeiro nach Paris über dem Atlantik vom Radar. Vereiste Staurohre (Pitot-Sonden) liefern den Piloten widersprüchliche Geschwindigkeitsanzeigen, der Autopilot schaltet sich ab; in der folgenden Verwirrung ziehen die Piloten die Maschine wiederholt hoch, bis sie in einen Strömungsabriss gerät und aus großer Höhe nahezu unkontrolliert ins Meer stürzt. Alle 228 Menschen an Bord — 216 Passagiere und zwölf Besatzungsmitglieder — kommen ums Leben; es ist der schwerste Unfall in der Geschichte der Air France und des Airbus A330.

Die Bergung wird zu einer der aufwendigsten Unterwassersuchen überhaupt: Erst nach fast zwei Jahren, im Mai 2011, gelingt es Tiefseerobotern, die Flugschreiber in rund 4.000 Metern Tiefe zu bergen. Ihre Auswertung liefert entscheidende Erkenntnisse zum Zusammenspiel von Technikversagen und Pilotenfehlern bei winterlichen Höhenbedingungen und führt zu weltweiten Nachrüstungen der Staurohre in der zivilen Luftfahrt.

„Grüne Bewegung": Massenproteste nach der Präsidentschaftswahl im Iran

Demonstrierende bei den Protesten nach der iranischen Präsidentschaftswahl 2009
Demonstrierende bei den Protesten nach der iranischen Präsidentschaftswahl 2009 (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Nach der iranischen Präsidentschaftswahl am 12. Juni, bei der Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad mit offiziell 62,6 Prozent der Stimmen gegen seinen Herausforderer Mir Hossein Mussawi gewinnt, gehen in Teheran und weiteren Großstädten hunderttausende Menschen gegen mutmaßlichen Wahlbetrug auf die Straße. Anhänger Mussawis und des Reformpolitikers Mehdi Karroubi tragen grüne Bänder als Erkennungszeichen der Protestbewegung, die als „Grüne Bewegung" in die Geschichte eingeht — unterstützt auch von Reformern um Ex-Präsident Mohammad Chatami. Der Wächterrat weist Neuwahlforderungen zurück, Sicherheitskräfte und Basidsch-Milizen gehen zunehmend gewaltsam gegen Demonstrierende vor.

Weltweite Bekanntheit erlangt der Tod der 27-jährigen Philosophiestudentin Neda Agha-Soltan, die am 20. Juni von einem Scharfschützen erschossen wird — ein auf einem Handyvideo festgehaltener Moment, der um die Welt geht und zum Symbol der Proteste wird. Ein internationales Juristenkomitee beziffert die Zahl der Todesopfer später auf über 300, die iranische Regierung spricht von deutlich weniger. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier bestellt den iranischen Botschafter ein, Bundeskanzlerin Angela Merkel mahnt die Achtung der Menschenrechte an; am 25. Juli demonstrieren Solidaritätskundgebungen in mehr als 80 Städten weltweit.

Der Genesisblock: Bitcoin nimmt seinen Betrieb auf

Eine Bitcoin-Münze mit dem BTC-Symbol
Eine Bitcoin-Münze mit dem BTC-Symbol — Symbolbild, da es 2009 noch keine physischen Bitcoins gab (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0)

Mitten in der globalen Finanzkrise schöpft eine Person oder Gruppe unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto den ersten Block der Kryptowährung Bitcoin — den sogenannten Genesisblock — und damit 50 der neuen digitalen Münzen. Eingebettet in den Datensatz findet sich eine Schlagzeile der Londoner Zeitung „The Times" vom selben Tag: „Chancellor on brink of second bailout for banks" — ein unübersehbarer Verweis auf die Bankenrettungen der Finanzkrise, die dem Projekt als ideelle Gegenfolie dient. Grundlage ist ein im November 2008 unter Nakamotos Pseudonym veröffentlichtes Whitepaper mit dem Titel „Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System", das ein dezentrales, von Banken und Staaten unabhängiges digitales Zahlungssystem entwirft.

Wenige Tage nach dem Netzwerkstart veröffentlicht Nakamoto die erste Version der Bitcoin-Software; die erste Transaktion zwischen zwei Nutzern folgt Mitte Januar. Zum Jahresende 2009 ist Bitcoin noch ein Nischenprojekt einiger Kryptografie-Enthusiasten ohne nennenswerten Marktwert — der Grundstein für eine Technologie, die in den folgenden Jahren die Debatte über digitales Geld und dezentrale Finanzsysteme weltweit prägen wird, ist damit aber gelegt.

UN-Klimakonferenz in Kopenhagen bleibt ohne verbindliches Abkommen

Plenarsitzung der UN-Klimakonferenz COP15 im Bella Center, Kopenhagen 2009
Plenarsitzung der UN-Klimakonferenz COP15 im Bella Center, Kopenhagen 2009 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Mit rund 27.000 Teilnehmenden, darunter über 100 Staats- und Regierungschefs, findet im Kopenhagener Bella Center die bis dahin größte UN-Klimakonferenz statt. Ziel ist ein verbindliches Nachfolgeabkommen zum auslaufenden Kyoto-Protokoll. Nach zähen, teils bis in die Nacht dauernden Verhandlungen zwischen den USA, China und weiteren Staaten — befeuert durch den Streit über einen durchgesickerten, die Industrieländer begünstigenden Verhandlungstext — einigen sich unter anderem Barack Obama, Angela Merkel und weitere Regierungschefs lediglich auf den „Copenhagen Accord": ein rechtlich unverbindliches Papier, das die Vertragsstaaten nur „zur Kenntnis nehmen", nicht formell annehmen.

Der Copenhagen Accord formuliert erstmals das Ziel, die globale Erderwärmung auf unter 2 Grad Celsius zu begrenzen, bleibt jedoch ohne verbindliche Reduktionsziele oder Sanktionsmechanismen. Kommentatoren bewerten den Gipfel angesichts der hohen Erwartungen überwiegend als Fehlschlag der internationalen Klimadiplomatie. Dennoch etabliert Kopenhagen erstmals das Prinzip, dass auch Schwellen- und Entwicklungsländer eigene Klimazusagen machen — ein Ansatz, der Jahre später zur Grundlage des Pariser Klimaabkommens von 2015 wird.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Am 25. Juni stirbt Michael Jackson im Alter von 50 Jahren in Los Angeles an einer Vergiftung mit dem Narkosemittel Propofol — sein Leibarzt Conrad Murray wird später wegen fahrlässiger Tötung verurteilt.
  • Am 9. November feiert Berlin mit dem „Fest der Freiheit" und mehr als tausend bemalten Dominosteinen entlang der einstigen Mauerroute den 20. Jahrestag des Mauerfalls — Lech Wałęsa stößt am Brandenburger Tor den ersten Stein um.
  • Vom 20. bis 28. Juni verwandelt die Kieler Woche die Förde erneut in die Bühne des größten Segelsportereignisses der Welt — trotz Wirtschaftskrise strömen wieder Millionen Besucher an Kiellinie und Ostuferhafen.
  • Am 28. Oktober wird FDP-Chef Guido Westerwelle im Kabinett Merkel II als deutscher Außenminister vereidigt — er ist der erste offen homosexuelle Amtsinhaber dieses Postens in einer G8-Nation.

SPORT · 2009

Der Leichtathletik-Weltrekord von Usain Bolt bei der Heim-WM in Berlin ist bereits vermerkt (siehe Lichtblicke). Im deutschen Fußball krönt sich derweil der VfL Wolfsburg unter Trainer Felix Magath überraschend zum Deutschen Meister — der erste Titel der Vereinsgeschichte. Getragen wird die Sensation vom Sturmduo Grafite und Edin Dzeko, das zusammen 54 Saisontore erzielt; als Symbol des „Wolfsburger Märchens" gilt der 5:1-Kantersieg über den FC Bayern München am 4. April, bei dem Grafites Hackentrick später zum „Tor des Jahres" gewählt wird. Am letzten Spieltag sichert ein weiterer 5:1-Erfolg, gegen Werder Bremen, die Meisterschaft mit zwei Punkten Vorsprung auf die Bayern. Bremen tröstet sich mit dem DFB-Pokalsieg gegen Bayer Leverkusen. Im Handball verteidigt der THW Kiel derweil seine Ausnahmestellung: Mit dem Gewinn von deutscher Meisterschaft und DHB-Pokal (siehe Lichtblicke) legt der Rekordmeister das Fundament für den Gewinn der EHF Champions League im Folgejahr 2010, dem ersten Final Four der Wettbewerbsgeschichte in Köln.

MODE · 2009

Lady Gaga treibt mit spektakulären Bühnenoutfits die Grenzen zwischen Mode und Performance-Kunst neu aus: Bei den MTV Video Music Awards im September inszeniert sie „Paparazzi" als blutüberströmte, an eine gestürzte Opern-Diva erinnernde Performance und setzt damit einen neuen Maßstab für Bühnenshows. Auf den Laufstegen zitieren betont breite Statement-Schultern, etwa bei Balmain unter Chefdesigner Christophe Decarnin, den Powerlook der 80er-Jahre. Für Aufsehen sorgt im Oktober die letzte vollständige Modenschau von Alexander McQueen: „Plato's Atlantis" in Paris, live ins Internet übertragen, zeigt die skulpturalen „Armadillo"-Schuhe mit 23 Zentimeter hohem Absatz. Auf politischer Bühne setzt First Lady Michelle Obama mit ihrem Amtseinführungskleid des jungen Designers Jason Wu ein Ausrufezeichen für aufstrebende Talente abseits der etablierten Modehäuser.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 2009

  • Literaturnobelpreis für Herta Müller (Oktober). Die in Berlin lebende Schriftstellerin wird für ihr Werk über Diktatur und Verfolgung geehrt — deutschsprachige Literatur auf der Weltbühne.
  • Doppel-Weltrekord bei der Leichtathletik-WM in Berlin (August). Usain Bolt läuft die 100 Meter in 9,58 Sekunden und die 200 Meter in 19,19 Sekunden — bis heute gültige Weltrekorde, aufgestellt vor Berliner Publikum.
  • THW Kiel holt das Double aus Meisterschaft und Pokal (Juni). Mit einer nahezu makellosen Saison sichert sich der Handball-Rekordmeister aus der Landeshauptstadt seinen 15. deutschen Titel und den DHB-Pokal — ein sportlicher Lichtblick an der Förde im Krisenjahr.
  • Nobelpreis für Medizin an Blackburn, Greider und Szostak (Oktober). Die drei Forschenden werden für die Entdeckung der Telomerase geehrt, jenes Enzyms, das die Chromosomenenden schützt — mit Elizabeth Blackburn und Carol Greider teilen sich erstmals in der Geschichte des Nobelpreises zwei Frauen eine naturwissenschaftliche Auszeichnung.

DAS WETTER · 2009 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein warmer Sommertag: Höchstwert 23,5 °C, in der Nacht 13,4 °C, im Mittel 17,9 °C; nur etwas Regen (0,7 mm).

Das Jahr über: Im Mittel 9,4 °C. Wärmster Tag 32,7 °C am 20. August, kältester −12,4 °C am 5. Januar. 1 Hitzetag (≥ 30 °C), 10 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 670 mm.

(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 2009

Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.

  1. Poker Face — Lady Gaga
  2. Jungle Drum — Emilíana Torrini
  3. Ayo Technology — Milow
  4. Stadt — Cassandra Steen feat. Adel Tawil
  5. Dance With Somebody — Mando Diao
  6. Wire To Wire — Razorlight
  7. Irgendwas bleibt — Silbermond
  8. Heavy Cross — Gossip
  9. I Gotta Feeling — The Black Eyed Peas
  10. When Love Takes Over — David Guetta feat. Kelly Rowland
  11. If A Song Could Get Me You — Marit Larsen
  12. Broken Strings — James Morrison feat. Nelly Furtado
  13. Hot N Cold — Katy Perry
  14. Sexy Bitch — David Guetta feat. Akon
  15. Allein allein — Polarkreis 18
  16. Bodies — Robbie Williams
  17. Haus am See — Peter Fox
  18. Halo — Beyoncé
  19. Anything But Love — Daniel Schuhmacher
  20. Mamacita — Mark Medlock

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).