DER CHRONIST

Ein Jahr der Erschütterungen und der leisen Umbrüche: Ein Erdbeben legt Port-au-Prince in Trümmer, eine brennende Bohrplattform verseucht einen Ozean, eine überschuldete Republik bringt den Euro ins Wanken, und eine Aschewolke aus Island legt tagelang den europäischen Luftraum lahm. Ein Volksfest endet in Duisburg in der Katastrophe, während in der chilenischen Wüste 33 verschüttete Bergleute nach 69 Tagen unter Tage ihre wundersame Rettung erleben. Die Enthüllungsplattform WikiLeaks stellt mit geheimen Kriegsprotokollen und Botschaftsdepeschen die Diplomatie bloß, während ein schlichtes Tablet namens iPad und eine kleine Foto-App namens Instagram unbemerkt eine neue digitale Epoche einläuten. Und selbst im beschaulichen Kiel stellt ein Gericht die politische Ordnung des Landes infrage.

Die Schlagzeilen des Jahres

Explosion der »Deepwater Horizon«: Ölpest im Golf von Mexiko

Die brennende Bohrinsel Deepwater Horizon, 2010
Die brennende Bohrinsel Deepwater Horizon, 2010 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Vor der Küste Louisianas explodiert die Bohrplattform Deepwater Horizon, die dem Bohrunternehmen Transocean gehört und im Auftrag des Ölkonzerns BP das Macondo-Feld in rund 1.500 Metern Wassertiefe erschließt. Ursache ist nach späteren Untersuchungen eine mangelhaft ausgehärtete Zementabdichtung des Bohrlochs, die der Dienstleister Halliburton eingebracht hatte: Erdgas durchbricht die Barriere, schießt durch das Steigrohr an Bord und entzündet sich. Elf Besatzungs­ mitglieder kommen bei der Explosion ums Leben, 17 weitere werden verletzt; zwei Tage später, am 22. April, sinkt die brennende Plattform. Aus dem geborsteten Bohrloch strömen daraufhin über Wochen und Monate schätzungsweise 4,9 Millionen Barrel (rund 780.000 Kubikmeter) Rohöl ins Meer — die größte Ölkatastrophe der US-Geschichte. BP versucht zunächst vergeblich, das Leck mit einer Betonglocke sowie mehreren „Top Kill"-Manövern zu stopfen; erst eine aufgesetzte Abdeckhaube dämmt ab Juni den Ausstoß spürbar ein, endgültig verschlossen wird das Bohrloch nach dem Abteufen einer Entlastungsbohrung am 19. September. Fischerei, Küsten und Ökosysteme des Golfs von Louisiana bis Florida sind über Jahre gezeichnet, Zehntausende Helfer sind im Küstenschutz im Einsatz; BP muss am Ende weit über 60 Milliarden US-Dollar für Aufräumarbeiten, Strafen und Entschädigungen aufwenden und verkauft Unternehmensteile, um die Summen aufzubringen. Auch an der Kieler Förde, wo Werften und Reedereien vom Öltransport und von der Offshore-Zulieferung leben, wird die Havarie zur Mahnung, wie verwundbar Küstenwirtschaft und Meeresumwelt gegenüber der Tiefsee-Förderung von Öl und Gas sind.

Griechenland-Rettung und Euro-Rettungsschirm: Die Schuldenkrise erreicht Europa

Die Europäische Zentralbank in Frankfurt — 2010 erreicht die Schuldenkrise Europa
Die Europäische Zentralbank in Frankfurt — 2010 erreicht die Schuldenkrise Europa (Wikimedia Commons, CC0)

Seit Herbst 2009 war offenbar geworden, dass die neue griechische Regierung unter Ministerpräsident Giorgos Papandreou das tatsächliche Haushaltsdefizit jahrelang beschönigt hatte; die Neuberechnung ergab ein Defizit von rund 12,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts statt der zuvor gemeldeten Werte. Ratingagenturen stuften griechische Staatsanleihen daraufhin schrittweise auf Ramschniveau ab, die Zinsen für neue Kredite schnellten in die Höhe. Um den drohenden Staatsbankrott Griechenlands abzuwenden, bewilligen die Staaten der Eurozone und der Internationale Währungsfonds am 2. Mai ein erstes Hilfspaket über 110 Milliarden Euro, gestreckt auf drei Jahre, gegen strikte Spar- und Reformauflagen, die in Athen von heftigen Streiks und gewaltsamen Protesten begleitet werden. Weil die Krise auf andere hoch verschuldete Länder wie Irland, Portugal und Spanien überzugreifen droht und die Finanzmärkte in Aufruhr geraten, beschließen die EU-Finanzminister nur wenige Tage später, in der Nacht vom 9. auf den 10. Mai, den milliardenschweren Euro-Rettungsschirm — den Europäischen Finanzstabilisierungsmechanismus (EFSM) und die Europäische Finanzstabilisierungsfazilität (EFSF), zusammen mit IWF-Mitteln ein Volumen von rund 750 Milliarden Euro. Der Deutsche Bundestag billigt seinen Anteil, Bürgschaften über 123 Milliarden Euro, am 21. Mai. Erstmals haftet die Bundesrepublik gemeinsam mit den Euro-Partnern für fremde Staatsschulden — der Beginn einer jahrelangen Kontroverse um Solidarität, Haftung und Stabilität der Gemeinschaftswährung, die die europäische Politik weit über das Jahr 2010 hinaus prägen wird.

Wechsel im Schloss Bellevue: Köhler tritt zurück, Wulff wird Bundespräsident

Schloss Bellevue in Berlin, Amtssitz des Bundespräsidenten
Schloss Bellevue in Berlin, Amtssitz des Bundespräsidenten (Wikimedia Commons, FAL)

Auslöser ist ein Rundfunkinterview, das Bundespräsident Horst Köhler am 22. Mai auf dem Rückflug von einem Truppenbesuch in Afghanistan gibt: Er äußert, ein Land von der Größe Deutschlands mit seiner Außenhandels­ orientierung müsse notfalls auch wissen, dass „militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren" — Sätze, die als Rechtfertigung von Wirtschaftskriegen gedeutet und von Oppositionspolitikern scharf kritisiert werden. Nach tagelanger, aus seiner Sicht überzogener Debatte erklärt Köhler am 31. Mai überraschend seinen sofortigen Rücktritt vom Amt — in der Geschichte der Bundesrepublik ist es der erste vorzeitige Rücktritt eines Bundespräsidenten überhaupt. Die 14. Bundesversammlung kommt am 30. Juni in Berlin zusammen; im ersten Wahlgang verfehlt der von CDU/CSU und FDP nominierte niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff mit 600 von 1.242 Stimmen ebenso die nötige absolute Mehrheit wie im zweiten Wahlgang mit 615 Stimmen. Erst im dritten Wahlgang, in dem nur noch die einfache Mehrheit zählt, setzt sich Wulff mit 625 von 1.242 Stimmen gegen den von SPD, Grünen und Teilen der Linken unterstützten Bürgerrechtler Joachim Gauck (494 Stimmen) durch; 121 Wahlleute enthalten sich. Vereidigt wird Wulff am 2. Juli — sein Amtsantritt fällt mitten in eine Zeit angespannter Bundespolitik und einer schwarz-gelben Koalition, die im Bund zunehmend in der Kritik steht.

Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen: Rüttgers verliert, Kraft bildet rot-grüne Minderheitsregierung

Hannelore Kraft im nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf, April 2010
Hannelore Kraft im nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf, April 2010 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Am 9. Mai wählt Nordrhein-Westfalen einen neuen Landtag, und für Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) wird der Abend zur Zäsur: Bei einer Wahlbeteiligung von 59,3 Prozent liegt seine Union mit 34,6 Prozent nur hauchdünn vor der SPD von Herausforderin Hannelore Kraft mit 34,5 Prozent — praktisch ein Patt. Bündnis 90/Die Grünen kommen auf 12,1 Prozent, die FDP auf 6,7 Prozent, und Die Linke zieht mit 5,6 Prozent erstmals in den Düsseldorfer Landtag ein. Durch Überhang- und Ausgleichsmandate wächst das Parlament auf 181 Sitze; CDU und SPD stellen mit je 67 Abgeordneten praktisch gleich viele, die Grünen kommen auf 23, die FDP auf 13 und die Linke auf 11 Sitze.

Wochen der Sondierungen folgen: Gespräche über eine „Ampel" aus SPD, Grünen und FDP scheitern ebenso wie Verhandlungen über eine große Koalition, die am 2. Juni endgültig für gescheitert erklärt werden; ein Jamaika-Bündnis aus CDU, Grünen und FDP kommt über erste Kontakte nicht hinaus. Rüttgers räumt das Feld, ohne eine tragfähige Mehrheit gefunden zu haben. Am 14. Juli wählt der Landtag Hannelore Kraft im zweiten Wahlgang, in dem die relative Mehrheit genügt, mit 90 von 181 Stimmen zur ersten Ministerpräsidentin in der Geschichte Nordrhein-Westfalens; SPD und Grüne verfügen mit ihren 90 Sitzen über keine eigene Mehrheit und regieren fortan als rot-grüne Minderheitsregierung. Mit dem Machtwechsel in Düsseldorf verliert die schwarz-gelbe Bundesregierung unter Angela Merkel zugleich ihre Mehrheit in der Länderkammer — im Bundesrat ist die Koalition aus Union und FDP fortan auf wechselnde Zustimmung angewiesen.

Loveparade-Katastrophe in Duisburg: 21 Tote bei Massenpanik

Die Rampe am Unglücksort der Loveparade in Duisburg, 2010
Die Rampe am Unglücksort der Loveparade in Duisburg, 2010 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Die Loveparade findet 2010 erstmals auf dem Gelände eines ehemaligen Duisburger Güterbahnhofs statt; einziger Zu- und Abgang für das gesamte Veranstaltungsgelände ist ein enger Tunnel mit angeschlossener Rampe. Veranstalter ist die Firma Lopavent des Unternehmers Rainer Schaller, Genehmigungsbehörde die Stadt Duisburg. Bei geschätzt bis zu 1,4 Millionen Besuchern stauen sich am Nachmittag des 24. Juli auf engstem Raum Menschenmassen, die gleichzeitig auf das Gelände drängen und es verlassen wollen; in der Enge des Tunnels und auf der Rampe kommt es zur tödlichen Massenpanik — Menschen werden erdrückt, ersticken oder werden zu Tode getrampelt. 21 Menschen sterben, mehr als 650 werden teils schwer verletzt. Das Unglück erschüttert die Bundesrepublik und entfacht eine langjährige Debatte über Sicherheitskonzepte, Kapazitäts­ planung und Haftung bei Großveranstaltungen; ein 2017 in Düsseldorf begonnenes Strafverfahren gegen Verantwortliche von Lopavent und der Stadt Duisburg wird 2020 gegen Geldauflagen eingestellt. Die Loveparade selbst findet nach der Katastrophe nie wieder statt. Auch die traditionsreiche Kieler Woche, mit rund drei Millionen Besuchern eines der größten Volksfeste Europas, überprüft und verschärft nach Duisburg ihre Sicherheits- und Zugangskonzepte für die Innenstadt an der Förde.

Kieler Landtag ohne gültiges Wahlrecht: Landesverfassungsgericht kassiert Wahlgesetz

Das Schleswig-Holsteinische Landesverfassungsgericht in Schleswig
Das Schleswig-Holsteinische Landesverfassungsgericht in Schleswig (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Das Schleswig-Holsteinische Landesverfassungsgericht in Schleswig erklärt in zwei einstimmig ergangenen Urteilen (Az. LVerfG 1/10 und LVerfG 3/09) das Landeswahlgesetz, nach dem der Landtag in Kiel am 27. September 2009 gewählt wurde, für verfassungswidrig: Die CDU unter Spitzenkandidat Peter Harry Carstensen hatte 34 von 40 Wahlkreisen direkt gewonnen und dadurch weit mehr Sitze erhalten, als ihr nach dem Zweitstimmenergebnis zustand. Der gesetzlich vorgesehene Sitzausgleich vergrößerte das Landesparlament in der Folge von regulär 69 auf 95 Abgeordnete, ohne die Verzerrung zwischen den Parteien vollständig zu korrigieren — ein Verstoß gegen die in der Landesverfassung verbürgte Wahlrechtsgleichheit. Das Gericht verpflichtet den Landtag, ein Wahlrecht zu schaffen, das eine derartige Aufblähung durch Überhang- und Ausgleichsmandate künftig so weit wie möglich ausschließt, und setzt eine Frist bis 31. Mai 2011 für ein neues Wahlgesetz; scheitert dies nicht rechtzeitig, verlangt es spätestens bis 30. September 2012 eine vorgezogene Neuwahl. Trotz des schwarz-gelben Wahlsiegs von 2009 bleibt die Regierung Carstensen damit bis auf Weiteres im Amt, jedoch mit einem verfassungsrechtlich beschädigten Mandat. Für Kiel als Sitz von Landtag und Landesregierung ist es die politische Erschütterung des Jahres: Das „Kieler Landeshaus" muss mit einem angreifbaren Mandat weiterregieren, bis die vom Gericht angestoßene Reform 2012 tatsächlich in vorgezogenen Neuwahlen in Schleswig-Holstein mündet.

Erdbeben in Haiti: Verheerende Katastrophe in Port-au-Prince

Zerstörtes Stadtzentrum von Port-au-Prince nach dem Erdbeben 2010
Zerstörtes Stadtzentrum von Port-au-Prince nach dem Erdbeben 2010 (Wikimedia Commons, CC BY 2.0)

Am 12. Januar 2010 um 21:53 Uhr UTC (16:53 Uhr Ortszeit) erschüttert ein Erdbeben der Stärke 7,0 auf der Momenten-Magnituden-Skala den Karibikstaat Haiti. Das Epizentrum liegt nur rund 25 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Port-au-Prince, das Hypozentrum in geringer Tiefe von etwa 13 Kilometern — Faktoren, die die Zerstörung in der ohnehin ärmsten und am schlechtesten gebauten Metropole der westlichen Hemisphäre besonders verheerend machen. Innerhalb weniger Sekunden stürzen Regierungsgebäude, das Präsidentenpalais, Krankenhäuser, Schulen und ganze Wohnviertel ein; auch der Sitz der UN-Stabilisierungsmission MINUSTAH wird zerstört, ihr Missionschef Hédi Annabi kommt ums Leben. Die Zahl der Todesopfer lässt sich wegen der chaotischen Verhältnisse nur schätzen; ein Jahr später beziffert Premierminister Jean-Max Bellerive sie auf rund 316.000, andere Organisationen nennen Zahlen zwischen 220.000 und über 300.000. Etwa 300.000 Menschen werden verletzt, bis zu zwei Millionen obdachlos. Die internationale Gemeinschaft leitet eine der größten humanitären Hilfsaktionen der Geschichte ein; auch Spendenaufrufe für Haiti stoßen an der Förde und in ganz Schleswig-Holstein auf große Resonanz. Der Wiederaufbau des bereits vor dem Beben bitterarmen Landes zieht sich weit über das Jahr 2010 hinaus.

Vulkanausbruch des Eyjafjallajökull legt europäischen Luftraum lahm

Aschewolke des Eyjafjallajökull, Satellitenbild vom 19. April 2010
Aschewolke des Eyjafjallajökull, NASA-Satellitenbild vom 19. April 2010 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nach fast 190 Jahren Ruhe erwacht der isländische Vulkan Eyjafjallajökull im März 2010 zunächst mit einer vergleichsweise kleinen Eruption; am 14. April folgt ein deutlich heftigerer Ausbruch unter dem Gletschereis, der eine gewaltige Aschewolke in mehrere Kilometer Höhe schleudert. Weil feiner vulkanischer Staub Düsentriebwerke von Verkehrsflugzeugen verstopfen und zum Ausfall bringen kann, sperren die europäischen Flugsicherungsbehörden ab dem 15. April weite Teile des Luftraums über Nord- und Mitteleuropa — binnen weniger Tage breitet sich die Aschewolke, getragen von einer beständigen Nordwestwetterlage, von der Nordsee bis nach Zentralrussland und südwärts bis Spanien und Portugal aus. Zwischen dem 15. und 21. April fallen mehr als 100.000 Flüge aus, europaweit sitzen Millionen Reisende an Flughäfen fest, Fracht- und Postverkehr geraten ins Stocken; volkswirtschaftlich wird der Gesamtschaden auf rund 2,5 Milliarden Euro beziffert. Auch norddeutsche Flughäfen wie Hamburg sind zeitweise komplett geschlossen, Kieler Reisende müssen auf Bahn, Bus und Fähre ausweichen. Das „Ascheflug-Chaos" entfacht eine grundsätzliche Debatte über die Kriterien für Luftraumsperrungen bei Vulkanasche, die in den Folgejahren zu präziseren Mess- und Grenzwertverfahren führt.

Grubenunglück von San José: 33 Bergleute nach 69 Tagen gerettet

Die Rettungskapsel „Phönix" bei der Grubenrettung von San José, Chile 2010
Die Rettungskapsel „Phönix" bei der Grubenrettung von San José, Chile 2010 (Wikimedia Commons, CC BY 2.0)

Am 5. August 2010 gegen 14 Uhr Ortszeit stürzt im Kupfer- und Goldbergwerk San José, rund 45 Kilometer nordwestlich der Stadt Copiapó in der chilenischen Atacama-Wüste, nach einem Bergschlag die einzige Zufahrtsstrecke ein und schließt 33 Bergleute in 700 Metern Tiefe ein. Erst 17 Tage später gelingt es einer Sondierbohrung, die Männer lebend aufzuspüren; sie haben sich mit disziplinierter Rationierung weniger Vorräte über die kritischste Phase gerettet. Unter Präsident Sebastián Piñera und Bergbauminister Laurence Golborne läuft daraufhin eine international beachtete Rettungsaktion mit drei parallelen Bohransätzen an; über Sonden werden die Eingeschlossenen mit Nahrung, Medikamenten und Nachrichten versorgt. Nach 69 Tagen unter Tage — am 13. Oktober 2010 — werden alle 33 Bergleute nacheinander mit der eigens konstruierten Rettungskapsel „Phönix" durch einen gut 620 Meter langen Schacht an die Oberfläche gebracht; mehr als eine Milliarde Menschen verfolgen die Live-Übertragung weltweit. Das „Wunder von Chile" wird zum meistbeachteten Rettungseinsatz der Bergbaugeschichte und wirft zugleich ein Schlaglicht auf jahrelang vernachlässigte Sicherheitsauflagen in der Grube.

WikiLeaks veröffentlicht geheime Kriegsprotokolle und Botschaftsdepeschen

WikiLeaks-Gründer Julian Assange, Norwegen, März 2010
WikiLeaks-Gründer Julian Assange, Norwegen, März 2010 (Wikimedia Commons, CC BY 2.0)

Die 2006 gegründete Enthüllungsplattform WikiLeaks um ihren Gründer Julian Assange rückt 2010 mit einer Serie beispielloser Geheimnisverstöße ins Zentrum der Weltöffentlichkeit. Am 25. Juli veröffentlicht sie rund 91.000 interne US-Militärprotokolle zum Afghanistankrieg aus den Jahren 2004 bis 2009 (das „Afghan War Diary"), die unter anderem bislang unbekannte zivile Opferzahlen dokumentieren. Ende Oktober folgen die „Iraq War Logs", knapp 400.000 als geheim eingestufte US-Militärberichte, die Hinweise auf systematische Folter durch irakische Sicherheitskräfte sowie Tausende bislang nicht erfasste zivile Todesfälle offenlegen. Den vorläufigen Höhepunkt bildet ab dem 28. November das sogenannte „Cablegate": WikiLeaks beginnt, in Kooperation mit internationalen Zeitungen wie dem „Spiegel", der „New York Times" und „Le Monde", Zehntausende vertrauliche Depeschen amerikanischer Botschaften zu veröffentlichen, die freimütige diplomatische Einschätzungen von Staats- und Regierungschefs enthalten und weltweit diplomatische Verstimmungen auslösen. Die USA werfen Assange Gefährdung nationaler Sicherheit vor; er gerät zugleich unter Auslieferungsdruck wegen eines schwedischen Ermittlungsverfahrens. Die Enthüllungen entfachen eine bis heute andauernde Debatte über Pressefreiheit, Staatsgeheimnisse und die Verantwortung digitaler Whistleblower-Plattformen.

Apple stellt das iPad vor: Start der Tablet-Ära

Ein Apple iPad der ersten Generation (2010)
Ein Apple iPad der ersten Generation (2010) (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 27. Januar 2010 stellt Steve Jobs in San Francisco mit dem iPad eine neue Geräteklasse vor: ein 9,7 Zoll großes Tablet mit Multitouch-Display, eigens entwickeltem Apple-A4-Chip und einem auf Smartphone-Bedienung reduzierten Betriebssystem, das zwischen Notebook und iPhone positioniert wird. Kritiker bezweifeln zunächst, ob zwischen den etablierten Gerätekategorien überhaupt Bedarf für ein drittes Format besteht. Der Verkaufsstart in den USA folgt am 3. April 2010; allein am ersten Tag verkauft Apple rund 300.000 Geräte, binnen 80 Tagen überschreitet der Absatz die Marke von drei Millionen. Am 28. Mai kommt das iPad auch nach Deutschland, wo lange Schlangen vor den Apple Stores für mediales Aufsehen sorgen. Mit dem iPad begründet Apple im Alleingang den Massenmarkt für Tablet-Computer, den in den Folgejahren zahlreiche Konkurrenten von Samsung bis Amazon zu kopieren versuchen; für die Verlags-, Zeitungs- und Softwarebranche wird das Gerät zum Anlass, digitale Lese- und App-Angebote grundlegend neu zu denken.

Fotodienst Instagram startet und verändert das mobile Teilen von Bildern

Instagram-Mitgründer Kevin Systrom (2013)
Instagram-Mitgründer Kevin Systrom, hier 2013 — kein zeitgenössisches Foto von 2010 verfügbar (Wikimedia Commons, CC BY 2.0)

Am 6. Oktober 2010 veröffentlichen die Stanford-Absolventen Kevin Systrom und Mike Krieger in San Francisco die erste Version der App Instagram im Apple App Store — ein radikal vereinfachter Ableger ihrer zuvor gescheiterten Check-in-App „Burbn", reduziert auf das Fotografieren, Filtern und Teilen von quadratischen Bildern. Schon am ersten Tag laden mehr als 25.000 Nutzer die App herunter, binnen zwei Monaten überschreitet Instagram die Marke von einer Million Nutzern — ein Tempo, für das Facebook Jahre gebraucht hatte. Der Name verbindet „instant" und „telegram" und verweist auf das Versprechen, Fotos ohne Umwege sofort mit Freunden zu teilen; die charakteristischen Retro-Filter des Dienstes prägen fortan die visuelle Sprache des mobilen Internets. Was 2010 als schlichtes Foto-Werkzeug für das noch junge iPhone beginnt, entwickelt sich binnen weniger Jahre zu einem der einflussreichsten sozialen Netzwerke der Welt und wird 2012 von Facebook für rund eine Milliarde US-Dollar übernommen — ein Vorgeschmack darauf, wie tief mobile Fotografie und soziale Netzwerke das folgende Jahrzehnt prägen sollten.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Nach 69 Tagen unter Tage werden in der Atacama-Wüste alle 33 verschütteten Bergleute der Mine San José in Chile am 13. Oktober lebend mit der Rettungskapsel „Phönix" geborgen — mehr als eine Milliarde Menschen verfolgen das „Wunder von Chile" live im Fernsehen.
  • In Stuttgart eskalieren im Herbst die Proteste gegen das Bahnprojekt »Stuttgart 21«; der „Schwarze Donnerstag" (30. September) mit Wasserwerfereinsatz gegen Demonstranten macht die Debatte um Bürgerbeteiligung zum bundesweiten Thema.
  • Die Enthüllungsplattform WikiLeaks veröffentlicht ab November hunderttausende geheime US-Botschaftsdepeschen und sorgt für diplomatische Verwerfungen weltweit.
  • Spanien wird bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika (11. Juli) erstmals Weltmeister — Deutschland scheidet im Halbfinale aus.
  • Am 4. Januar wird in Dubai der Burj Khalifa eröffnet — mit 828 Metern das höchste Bauwerk der Welt und ein Fanal architektonischen Größenwahns kurz nach der globalen Finanzkrise.
  • Apple bringt am 3. April in den USA das erste iPad auf den Markt und begründet damit im Alleingang die neue Geräteklasse der Tablet-Computer.
  • Mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab" (30. August) entfacht der frühere Bundesbanker Thilo Sarrazin die schärfste Integrationsdebatte der deutschen Nachkriegsgeschichte.
  • Der bitterkalte Winterausklang des Jahres lässt Teile des Nord-Ostsee-Kanals und der Kieler Förde zufrieren; Fähren und Frachtschiffe an der Kieler Förde müssen ihre Fahrpläne zeitweise anpassen.

SPORT · 2010

Die WM in Südafrika mit dem Titelgewinn Spaniens ist bereits vermerkt (siehe „Am Rande notiert") — zu ergänzen bleibt, dass die junge deutsche Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw um Nachwuchsspieler wie Mesut Özil, Thomas Müller und Sami Khedira mit spielerischem Schwung überrascht, im Halbfinale gegen Spanien (0:1) aber an der später weltmeisterlichen Defensive scheitert und sich im kleinen Finale gegen Uruguay 3:2 den dritten Platz sichert; Thomas Müller wird mit fünf Toren gemeinsam Torschützenkönig des Turniers. In Erinnerung bleibt die WM in Südafrika nicht zuletzt durch den schrillen Dauerton der Vuvuzelas-Tröten auf den Zuschauerrängen. Bereits im Februar (12. bis 28.) waren in Vancouver die Olympischen Winterspiele ausgetragen worden, überschattet vom tödlichen Trainingssturz des georgischen Rennrodlers Nodar Kumaritaschwili am Eröffnungstag; die deutsche Mannschaft kehrte mit 30 Medaillen, darunter 10-mal Gold, als erfolgreichste Nation der Spiele zurück. Auch an der Förde war 2010 ein Ausnahmejahr für den Handballsport: THW Kiel gewann am 8. Mai in Köln mit einem 36:34 gegen den FC Barcelona zum zweiten Mal die EHF Champions League und sicherte sich zugleich die deutsche Meisterschaft — im DHB-Pokal schied der Titelverteidiger dagegen bereits im Viertelfinale gegen den VfL Gummersbach aus. Die Kieler Woche im Juni zog trotz der weltpolitischen Erschütterungen des Jahres wieder rund drei Millionen Besucher an die Förde.

MODE · 2010

Zarte Nude-Töne und betont geschulterte Blazer prägen die Silhouette der Saison, während sich mit den ersten großen Modeblogs eine neue, straßennahe Stilinstanz jenseits der klassischen Modemagazine etabliert; Blogger wie die junge Amerikanerin Tavi Gevinson oder der Philippiner Bryanboy sitzen inzwischen selbstverständlich in den vordersten Reihen der Schauen. Überschattet wird die Modewelt des Jahres vom Tod des britischen Designers Alexander McQueen, der sich am 11. Februar im Alter von 40 Jahren wenige Tage nach dem Tod seiner Mutter das Leben nimmt — Kolleginnen wie Vivienne Westwood und Kate Moss trauern öffentlich um einen der eigenwilligsten Provokateure der Branche. Farblich setzt sich daneben kräftiges Colour-Blocking gegen die gedeckten Töne der Krisenjahre durch.

KULTUR · 2010

Zum wiederholten Mal öffnet die Ostseehalle im Winter ihre Tore für Holiday on Ice – für viele Kieler Familien längst so sehr Wintertradition wie der Weihnachtsmarkt am Rathausplatz. Unter dem Titel „Festival" bringt die Show 2010 ein buntes Potpourri aus Musik- und Tanzstilen aufs Eis. Zwischen Ölpest, Euro-Rettungsschirm und Loveparade-Trauer bietet der Abend an der Förde einen willkommenen Farbtupfer im sonst so ernsten Jahr.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 2010

  • Erster deutscher ESC-Sieg seit 1982 (29. Mai, Oslo). Die 19-jährige Lena Meyer-Landrut gewinnt mit „Satellite" den Eurovision Song Contest — ein deutscher Kulturerfolg mit internationaler Strahlkraft.
  • Neandertaler-Genom entschlüsselt (Mai). Ein Team um Svante Pääbo am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig veröffentlicht die erste Genomsequenz eines ausgestorbenen Menschenverwandten — deutsche Spitzenforschung.
  • THW Kiel gewinnt das Double aus Meisterschaft und Champions League (30. Mai, Köln). Die „Zebras" sichern sich mit dem 36:34-Finalsieg über den FC Barcelona beim Final Four in der Kölner Lanxess-Arena neben der deutschen Meisterschaft auch die EHF Champions League — ein Ausnahmejahr für den Handballsport an der Förde.
  • Nobelpreis für die Erfinder der künstlichen Befruchtung (4. Oktober). Der britische Physiologe Robert Edwards wird mit dem Medizin-Nobelpreis für die Entwicklung der In-vitro-Fertilisation geehrt, die seit 1978 weltweit Millionen ungewollt kinderlosen Paaren zu einem eigenen Kind verholfen hat.

DAS WETTER · 2010 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein warmer Sommertag: Höchstwert 24,3 °C, in der Nacht lauwarme 16,6 °C, im Mittel 20,6 °C; kein Tropfen Regen fiel.

Das Jahr über: Im Mittel nur 7,9 °C — ein ausgesprochen kaltes Jahr mit zwei harten Wintern. Wärmster Tag 32,8 °C am 2. Juli, kältester −14,6 °C am 26. Dezember. 6 Hitzetage (≥ 30 °C), aber ganze 60 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 820 mm.

(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 2010

Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.

  1. Over The Rainbow — Israel "IZ" Kamakawiwoʻole
  2. Waka Waka (This Time For Africa) — Shakira feat. Freshlyground
  3. Satellite — Lena Meyer-Landrut
  4. Geboren um zu leben — Unheilig
  5. We No Speak Americano — Yolanda Be Cool & DCup
  6. Wavin' Flag — K'naan
  7. Alors on danse — Stromae
  8. Wonderful Life — Hurts
  9. I Like — Keri Hilson
  10. TiK ToK — Ke$ha
  11. Love The Way You Lie — Eminem feat. Rihanna
  12. Glow — Madcon
  13. Don't Believe — Mehrzad Marashi
  14. Helele — Velile & Safri Duo
  15. Stereo Love — Edward Maya & Vika Jigulina
  16. We Are The People — Empire Of The Sun
  17. Bad Romance — Lady Gaga
  18. Only Girl (In The World) — Rihanna
  19. Alejandro — Lady Gaga
  20. California Gurls — Katy Perry feat. Snoop Dogg

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).