DER CHRONIST

Ein Jahr der Erschütterungen und Umbrüche: Eine Naturkatastrophe am anderen Ende der Welt stellt die deutsche Energiepolitik auf den Kopf, ganze Völker werfen ihre Diktatoren ab, und ein Terrorist wird zehn Jahre nach dem 11. September von einem US-Kommando aufgespürt und getötet. In Norddeutschland kämpft ein tückischer Keim um Menschenleben, während ein Attentäter in Norwegen mit seinem Anschlag auf Regierung und Jugendliche das Selbstbild eines ganzen Landes erschüttert. In Berlin kostet eine Plagiatsaffäre einen der populärsten Politiker der Republik sein Amt, während in New York unter dem Slogan „Wir sind die 99 Prozent" eine weltweite Protestbewegung gegen die Finanzmärkte entsteht. Mit dem Südsudan wird der jüngste Staat der Erde geboren, und die Menschheit überschreitet symbolisch die Marke von sieben Milliarden Menschen. Zum Jahresende wechseln gleich zweimal die Mächtigen: In Rom übernimmt ein Wirtschaftsprofessor das Ruder der von der Eurokrise gebeutelten Regierung, in Pjöngjang tritt nach dem Tod des Diktators dessen kaum bekannter Sohn die Nachfolge an.

Die Schlagzeilen des Jahres

Fukushima: Erdbeben, Tsunami, Kernschmelze — und Deutschlands Atomausstieg

Das Kernkraftwerk Fukushima Daiichi — 2011 Kernschmelze nach dem Tsunami
Das Kernkraftwerk Fukushima Daiichi — 2011 Kernschmelze nach dem Tsunami (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Ein Seebeben der Stärke 9,0 vor der japanischen Küste löst am 11. März um 14:46 Uhr Ortszeit einen bis zu 40 Meter hohen Tsunami aus, der das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi trifft und dessen Notstromversorgung lahmlegt. In drei Reaktorblöcken kommt es in den folgenden Tagen zur Kernschmelze, Wasserstoffexplosionen zerstören die Reaktorgebäude, radioaktives Material wird über Luft, Wasser und Böden freigesetzt. Japanische Behörden richten eine Sperrzone von 20 Kilometern um das Kraftwerk ein, aus der rund 80.000 Menschen evakuiert werden; die Internationale Atomenergie-Organisation stuft die Katastrophe später auf der INES-Skala in die höchste Kategorie 7 ein — dieselbe Stufe wie zuvor nur die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986.

Die Bilder aus Japan erschüttern auch die deutsche Energiepolitik: Nur drei Tage nach dem Beben verkündet Bundeskanzlerin Angela Merkel am 14. März ein dreimonatiges Atom-Moratorium. Die sieben ältesten deutschen Kernkraftwerke gehen vom Netz, auch das bereits seit 2009 abgeschaltete Pannenkraftwerk Krümmel an der Elbe bleibt außer Betrieb — acht Meiler insgesamt —, während eine von der Bundesregierung berufene Ethikkommission unter Leitung des früheren Bundesumweltministers Klaus Töpfer über die Zukunft der Kernenergie berät. Der Bundestag beschließt am 30. Juni mit breiter Mehrheit von Koalition und Opposition den endgültigen Atomausstieg — die letzten deutschen Kernkraftwerke sollen bis Ende 2022 vom Netz gehen. Für Schleswig-Holstein mit dem Kraftwerk Brokdorf an der Elbe, das zunächst weiterläuft, und dem Kraftwerk Krümmel in Geesthacht ist die Entscheidung von unmittelbarer Bedeutung für die Region: Der amtierende Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) muss die Folgen der Energiewende für den Kraftwerksstandort und die norddeutsche Stromversorgung mitgestalten.

Arabischer Frühling: Diktatoren stürzen, Gaddafi stirbt

Der Tahrir-Platz in Kairo während des Arabischen Frühlings 2011
Der Tahrir-Platz in Kairo während des Arabischen Frühlings 2011 (Wikimedia Commons, CC BY 2.0)

Was im Dezember 2010 in Tunesien beginnt, erfasst binnen Wochen die ganze arabische Welt. Auslöser ist die Selbstverbrennung des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi am 17. Dezember 2010 in der Provinzstadt Sidi Bouzid, aus Verzweiflung über Behördenwillkür und Perspektivlosigkeit. Die Proteste gegen die jahrzehntelange Herrschaft von Präsident Ben Ali weiten sich zur „Jasminrevolution" aus; am 14. Januar flieht Ben Ali nach Saudi-Arabien.

Die Bilder aus Tunis wirken wie ein Fanal: Zehntausende besetzen den Kairoer Tahrir-Platz und fordern den Rücktritt von Ägyptens Langzeitherrscher Husni Mubarak. Nach tagelangen Massenprotesten tritt Mubarak am 11. Februar nach knapp 30 Jahren an der Macht zurück, die Armee übernimmt die Übergangsregierung. Ähnliche Aufstände erfassen fast die gesamte Region: In Bahrain besetzen Demonstranten den Perlenplatz in Manama, bis saudische und andere Golfstaaten-Truppen im März auf Bitten der Regierung einmarschieren und die Proteste blutig niederschlagen. Im Jemen wächst monatelang der Druck auf den seit Jahrzehnten herrschenden Präsidenten Ali Abdullah Saleh, der im November unter Vermittlung des Golf-Kooperationsrats einer Machtübergabe zustimmt. In Syrien beginnt im März in der Stadt Daraa ein Aufstand gegen Präsident Baschar al-Assad, den das Regime mit Waffengewalt beantwortet — der Beginn eines Bürgerkriegs, dem allein bis Jahresende nach UN-Schätzungen mehrere tausend Menschen zum Opfer fallen.

In Libyen mündet der Aufstand in einen Bürgerkrieg mit NATO-Luftunterstützung auf Grundlage der UN-Resolution 1973; am 20. Oktober wird Muammar al-Gaddafi nahe seiner Heimatstadt Sirte von Rebellen gefasst und getötet. Der „Arabische Frühling" fegt binnen eines Jahres mehrere jahrzehntealte Herrschaftssysteme hinweg — sein Ausgang bleibt in vielen Ländern, allen voran im nun im Bürgerkrieg versinkenden Syrien, hochgradig ungewiss.

Osama bin Laden von US-Spezialkräften getötet

Präsident Obama und sein Stab im Situation Room während der bin-Laden-Operation, 2011
Präsident Obama und sein Stab im „Situation Room“ während der bin-Laden-Operation, 2011 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In der Nacht zum 2. Mai fliegen zwei Black-Hawk-Hubschrauber ein Kommando der US-Navy SEALs von einem Stützpunkt im afghanischen Jalalabad in der Operation „Neptune Spear" zu einem mehrere Meter hoch ummauerten Anwesen in Abbottabad, Pakistan — einer Garnisonsstadt nahe der pakistanischen Militärakademie. 23 Elitesoldaten des „SEAL Team Six" stürmen das Gebäude und erschießen nach kurzem Feuergefecht Osama bin Laden, den Gründer und Anführer von al-Qaida und Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001; von Landung bis Abflug dauert die Operation keine 40 Minuten. Fast zehn Jahre nach Beginn der weltweiten Fahndung, die CIA-Analysten schließlich zu dem gut getarnten Versteck geführt hatte, verkündet US-Präsident Barack Obama noch in derselben Nacht den Tod des meistgesuchten Terroristen der Welt. Bin Ladens Leichnam wird anhand von DNA-Abgleichen mit Familienangehörigen identifiziert und wenige Stunden später nach islamischem Ritus von Bord des Flugzeugträgers USS Carl Vinson auf See bestattet — ein Schlusspunkt, der al-Qaida empfindlich schwächt, den internationalen Terrorismus aber nicht beendet und international Diskussionen über die Verletzung pakistanischer Souveränität auslöst.

EHEC-Welle erschüttert Norddeutschland — auch Kiel im Ausnahmezustand

Die Intensivstation des Uni-Klinikums in Kiel — 2011 EHEC-Welle
Die Intensivstation des Uni-Klinikums in Kiel — 2011 EHEC-Welle (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Ab Mitte Mai häufen sich in Hamburg und Schleswig-Holstein schwere Fälle des hämolytisch-urämischen Syndroms (HUS), einer lebensbedrohlichen Nierenerkrankung, ausgelöst durch einen hochaggressiven, zuvor unbekannten EHEC-Erregerstamm vom Typ O104:H4. Das Robert Koch-Institut wird am 19. Mai eingeschaltet und entsendet unter Präsident Reinhard Burger umgehend ein Expertenteam nach Hamburg; noch bevor die tatsächliche Quelle feststeht, warnt die Hamburger Gesundheitsbehörde am 26. Mai vor Gurken aus Spanien — ein Verdacht, der sich als falsche Spur erweist und bei spanischen Gemüsebauern binnen Tagen Millionenschäden verursacht: Der europäische Bauernverband Copa-Cogeca meldet, der Gemüseabsatz sei auf dem Höhepunkt der Erntesaison europaweit fast auf null eingebrochen, die EU-Kommission sagt den betroffenen Erzeugern zunächst 150 Millionen Euro Entschädigung zu. Als tatsächliche Ursache identifizieren die Behörden Anfang Juni Sprossengemüse eines Hofs im niedersächsischen Bienenbüttel; spätere Untersuchungen führen die Kontamination auf eine Charge Bockshornkleesamen aus Ägypten zurück, aus denen die Sprossen gezogen worden waren.

Am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, werden 76 EHEC-Patienten behandelt, 47 davon mit HUS — Dialyse- und Plasmapherese-Plätze sind wochenlang knapp, Ärzte und Pflegekräfte fahren Sonderschichten. Ungewöhnlich an der Epidemie: Anders als bei früheren EHEC-Ausbrüchen, bei denen vor allem Kleinkinder erkranken, trifft es diesmal überwiegend erwachsene Frauen mit besonders schweren Krankheitsverläufen. Landesweit zählt Schleswig-Holstein rund 450 bestätigte EHEC-Fälle; bundesweit werden mehr als 3.800 Erkrankungen und 855 HUS-Fälle registriert, 53 Menschen sterben an der Epidemie, ein Großteil der Betroffenen stammt aus dem Norden. Erst am 26. Juli erklärt das Robert Koch-Institut den Ausbruch nach drei Wochen ohne neue Fälle für beendet. Die Krise legt offen, wie schwer sich Behörden mit der raschen Rückverfolgung kontaminierter Lebensmittel in komplexen Lieferketten tun.

Terroranschläge von Oslo und Utøya

Die Insel Utøya in Norwegen, Schauplatz des Anschlags 2011
Die Insel Utøya in Norwegen, Schauplatz des Anschlags 2011 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Am Nachmittag des 22. Juli zündet der norwegische Rechtsextremist Anders Behring Breivik gegen 15:25 Uhr vor dem Regierungsviertel in Oslo, unweit des Büros von Ministerpräsident Jens Stoltenberg, eine selbstgebaute Autobombe; acht Menschen sterben, mehrere Regierungsgebäude werden schwer beschädigt. Getarnt mit einer gefälschten Polizeiuniform setzt Breivik wenig später mit einer Fähre auf die Insel Utøya über, wo die sozialdemokratische Jugendorganisation AUF (Arbeiderpartiets Ungdomsfylking) ihr traditionelles Sommerlager abhält, und eröffnet dort das Feuer auf die rund 600 anwesenden Jugendlichen — 69 weitere Menschen, viele davon Teenager, werden erschossen, ehe eine Sondereinheit der Polizei ihn festnimmt. Mit 77 Toten ist es der schwerste Gewaltakt in Norwegen seit dem Zweiten Weltkrieg. Ermittler finden ein rund 1.500 Seiten starkes, wirres Manifest Breiviks, in dem er seine islam- und einwanderungsfeindliche Weltanschauung darlegt. Ministerpräsident Stoltenberg reagiert mit dem vielzitierten Appell, dem Terror mit „mehr Offenheit, mehr Demokratie" zu begegnen; am 25. Juli ziehen landesweit Hunderttausende Menschen in stillen „Rosenzügen" durch die Straßen, allein in Oslo mehr als 150.000 — ein Land, das sich lange als Hort von Sicherheit und Offenheit verstand, sucht nach Antworten auf den Bruch mit dieser Selbstwahrnehmung.

Plagiatsaffäre erzwingt Rücktritt von Verteidigungsminister zu Guttenberg

Karl-Theodor zu Guttenberg beim World Economic Forum 2011
Karl-Theodor zu Guttenberg beim World Economic Forum 2011 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0)

Der bis dahin populäre Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) gerät Mitte Februar unter Druck, als der Bremer Rechtsprofessor Andreas Fischer-Lescano öffentlich macht, dass große Teile von Guttenbergs juristischer Doktorarbeit „Verfassung und Verfassungsvertrag" wortgleiche, nicht gekennzeichnete Übernahmen aus fremden Texten enthalten. Binnen Tagen sammeln Freiwillige über die Online-Plattform „GuttenPlag Wiki" hunderte weitere Plagiatsstellen auf mehr als der Hälfte der Dissertationsseiten. Die Universität Bayreuth entzieht Guttenberg am 23. Februar den Doktortitel; eine später eingesetzte Kommission der Universität stellt im Mai fest, er habe die Täuschung vorsätzlich begangen.

Trotz anfänglichem Rückhalt von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die von „keinem wissenschaftlichen Mitarbeiter" gesprochen hatte, wächst der öffentliche Druck: Zehntausende Wissenschaftler unterzeichnen einen offenen Protestbrief, die Opposition fordert den Rücktritt. Am 1. März erklärt zu Guttenberg, bis dahin einer der populärsten Politiker Deutschlands und als möglicher künftiger Kanzlerkandidat gehandelt, seinen Rücktritt von allen politischen Ämtern. Nachfolger als Verteidigungsminister wird Thomas de Maizière. Die Affäre bleibt als Fanal für die akademische Selbstkontrolle in Erinnerung — „GuttenPlag" inspiriert in den Folgejahren zahlreiche weitere Plagiatsprüfungen bei Politikern und Prominenten.

Südsudan wird unabhängig — jüngster Staat der Welt

Feierlichkeiten zur Unabhängigkeit des Südsudan 2011
Feierlichkeiten zur Unabhängigkeit des Südsudan 2011 (Wikimedia Commons, CC BY 2.0)

Nach jahrzehntelangem Bürgerkrieg zwischen dem mehrheitlich muslimisch-arabischen Norden und dem christlich-animistischen Süden des Sudan stimmen die Bewohner des Südens in einem international überwachten Referendum im Januar 2011 mit fast 99 Prozent für die Abspaltung. Am 9. Juli wird die Unabhängigkeit in der Hauptstadt Juba vor tausenden Feiernden und zahlreichen ausländischen Staatsgästen offiziell verkündet — der Südsudan wird zum 193. Mitgliedstaat der Vereinten Nationen (Aufnahme am 14. Juli) und zum 54. Staat Afrikas. Erster Präsident des jungen Landes wird der frühere Rebellenführer Salva Kiir Mayardit, der bereits die südsudanesische Guerillabewegung SPLA/SPLM im langjährigen Konflikt mit Khartum angeführt hatte.

Der Jubel über die Loslösung vom Norden unter Präsident Omar al-Baschir kann die enormen Probleme des neuen Staates nicht überdecken: Grenzverlauf, Ölvorkommen und die Verteilung der Einnahmen aus den ölreichen Grenzgebieten bleiben zwischen Khartum und Juba ungeklärt, eine funktionierende staatliche Infrastruktur existiert praktisch nicht. Bereits in den Monaten nach der Unabhängigkeit kommt es zu bewaffneten Zusammenstößen an der Grenze und wachsenden internen Spannungen zwischen verschiedenen Volksgruppen — Vorboten des Bürgerkriegs, der das Land nur zwei Jahre später erneut erschüttern wird.

„We are the 99 percent" — die Occupy-Bewegung erobert die Finanzviertel der Welt

Das Protestcamp der Occupy-Wall-Street-Bewegung im Zuccotti Park, New York, 2011
Das Protestcamp der Occupy-Wall-Street-Bewegung im Zuccotti Park, New York, 2011 (Wikimedia Commons, CC BY 3.0)

Am 17. September besetzen mehrere hundert Aktivisten den Zuccotti Park im New Yorker Finanzdistrikt, nachdem die Polizei die ursprünglich geplanten Treffpunkte am Wall-Street-Bullen abgeriegelt hatte. Unter dem von der kanadischen Kulturzeitschrift Adbusters lancierten Hashtag „#OccupyWallStreet" wächst binnen Wochen ein loses, führungsloses Protestcamp, das mit dem Slogan „We are the 99 percent" gegen soziale Ungleichheit, Bankenrettungen und den übermäßigen Einfluss der Finanzindustrie auf die Politik protestiert. Die Bilder aus Manhattan lösen eine weltweite Bewegung aus: In den folgenden Wochen entstehen ähnliche „Occupy"-Camps in hunderten Städten, darunter auch in Frankfurt am Main vor der Europäischen Zentralbank sowie in Berlin, Hamburg und Kiel, wo kleinere Gruppen mit Zelten und Mahnwachen auf die Finanzkrise aufmerksam machen.

Am 15. November räumt die New Yorker Polizei den Zuccotti Park unter Berufung auf Hygienevorschriften und nimmt rund 200 Demonstranten fest — das Ende des ursprünglichen Camps, nicht aber der Bewegung, deren Kernforderung nach mehr Verteilungsgerechtigkeit den politischen Diskurs in den USA und darüber hinaus noch Jahre prägen wird.

Sieben Milliarden Menschen: Die Weltbevölkerung erreicht symbolische Marke

Weltkarte der Bevölkerungsdichte
Weltkarte der Bevölkerungsdichte — verwandtes Motiv zum Erreichen der Sieben-Milliarden-Marke 2011 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Nach Berechnungen der Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen überschreitet die Weltbevölkerung am 31. Oktober die Marke von sieben Milliarden Menschen — nur zwölf Jahre nachdem 1999 die sechs-Milliarden-Grenze erreicht worden war. Der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) nennt das Datum symbolisch, da sich der exakte Zeitpunkt angesichts unvollständiger demografischer Daten in vielen Ländern nicht auf den Tag genau bestimmen lässt; die Fehlerspanne wird auf rund zwölf Monate geschätzt. Als symbolisches „sieben-milliardstes Kind" wird in mehreren Ländern parallel je ein Neugeborenes gefeiert, unter anderem das Mädchen Danica May Camacho in Manila auf den Philippinen.

Der Anstieg der Weltbevölkerung verläuft höchst ungleich verteilt: Während die Bevölkerung in vielen Industrieländern — darunter Deutschland — stagniert oder schrumpft, wächst sie in Teilen Afrikas und Asiens weiterhin rasant. Der UNFPA-Jahresbericht „State of World Population 2011" warnt vor den Folgen für Ressourcen, Ernährungssicherheit und Klima und mahnt zugleich, eine wachsende Weltbevölkerung könne bei kluger Politik auch Chancen bieten, etwa durch eine junge, arbeitsfähige Bevölkerung in vielen Entwicklungsländern.

Eurokrise erfasst Italien: Berlusconi tritt zurück

Silvio Berlusconi beim EPP-Gipfel im Juni 2011
Silvio Berlusconi beim EPP-Gipfel im Juni 2011 (Wikimedia Commons, CC BY 2.0)

Die europäische Schuldenkrise, die im Jahresverlauf bereits Griechenland, Irland und Portugal unter den Euro-Rettungsschirm zwingt, greift im Herbst auf Italien über: Die Zinsen für italienische Staatsanleihen steigen im November zeitweise auf über sieben Prozent — jene Schwelle, ab der zuvor andere Euro-Staaten Hilfsprogramme benötigt hatten. Unter dem Druck der Finanzmärkte und einer schwindenden Mehrheit im Parlament kündigt Ministerpräsident Silvio Berlusconi, seit 1994 mit Unterbrechungen prägende Figur der italienischen Politik und zuletzt von zahlreichen Skandalen um sein Privatleben und Gerichtsprozesse überschattet, seinen Rücktritt an und reicht ihn am 12. November offiziell bei Staatspräsident Giorgio Napolitano ein.

Bereits vier Tage später, am 16. November, wird der parteilose Wirtschaftsprofessor Mario Monti, kurz zuvor von Napolitano zum Senator auf Lebenszeit ernannt, als neuer Regierungschef einer „Technokratenregierung" vereidigt. Seine Aufgabe: mit einem harten Spar- und Reformkurs das Vertrauen der Finanzmärkte in die drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone zurückzugewinnen. Der Machtwechsel in Rom markiert einen Höhepunkt der europäischen Schuldenkrise, die im Jahresverlauf auch die deutsche Politik immer wieder zu Krisengipfeln und milliardenschweren Rettungspaketen zwingt.

Tod des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-il

Porträt des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-il
Porträt des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-il (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Der nordkoreanische Diktator Kim Jong-il stirbt am 17. Dezember im Alter von 69 Jahren an einem Herzinfarkt während einer Zugfahrt außerhalb der Hauptstadt Pjöngjang — die Nachricht wird von der staatlichen Nachrichtenagentur erst zwei Tage später, am 19. Dezember, in einer bewegten Sondersendung des nordkoreanischen Fernsehens verkündet. Kim hatte das hochgradig isolierte, atomar bewaffnete Land seit dem Tod seines Vaters Kim Il-sung 1994 mit harter Hand regiert; seine Herrschaft war geprägt von einer verheerenden Hungersnot in den 1990er Jahren, dem Ausbau des nordkoreanischen Atomwaffenprogramms und einer strikten Abschottung von der Außenwelt.

Als Nachfolger wird binnen Tagen sein jüngster Sohn Kim Jong-un, damals Ende Zwanzig und der Weltöffentlichkeit bis dahin kaum bekannt, von der Staatspropaganda zum „großen Nachfolger" ausgerufen. Die internationale Gemeinschaft reagiert mit Sorge auf den abrupten Führungswechsel in einem der unberechenbarsten Staaten der Welt — Fragen nach der Stabilität des jungen Regimes und dem künftigen Kurs im Atomstreit bleiben zum Jahreswechsel offen. Die Trauerfeierlichkeiten in Pjöngjang, mit Bildern öffentlich weinender Massen, prägen sich als eines der einprägsamsten Fernsehbilder des Jahres 2011 ein.

Sieben Landtagswahlen, ein grüner Ministerpräsident: Baden-Württemberg bricht mit 58 Jahren CDU-Herrschaft

Anhänger von Bündnis 90/Die Grünen verfolgen am Wahlabend in Stuttgart die ersten Hochrechnungen zur Landtagswahl in Baden-Württemberg
Anhänger von Bündnis 90/Die Grünen verfolgen am Wahlabend in Stuttgart die ersten Hochrechnungen zur Landtagswahl in Baden-Württemberg (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0)

In einem Jahr mit sieben Landtags- und Bürgerschaftswahlen setzt der 27. März die politische Zäsur des Jahres: In Baden-Württemberg, seit 1953 ununterbrochen von der CDU regiert, verliert die Partei unter Ministerpräsident Stefan Mappus ihre Mehrheit. Der monatelange Streit um das milliardenschwere Bahnhofsprojekt Stuttgart 21, verschärft durch massive Polizeieinsätze gegen Demonstranten im Herbst 2010, und die Reaktorkatastrophe von Fukushima nur zwei Wochen vor dem Wahltag treiben Zehntausende Wähler zu den Grünen. Die CDU kommt auf 39,0 Prozent, verliert aber die absolute Mehrheit; die Grünen erreichen mit 24,2 Prozent ihr bundesweit bestes Ergebnis und ziehen an der SPD (23,1 Prozent) vorbei auf Platz zwei, die FDP stürzt auf 5,3 Prozent ab. Bei einer Wahlbeteiligung von 66,3 Prozent bilden Grüne und SPD eine Koalition, und der bisherige Grünen-Fraktionschef Winfried Kretschmann wird zum ersten grünen Ministerpräsidenten in der Geschichte der Bundesrepublik gewählt — ein historischer Einschnitt für ein Bundesland, das über ein halbes Jahrhundert als CDU-Hochburg galt.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Hamburg, 20. FebruarSPD 48,3 %, CDU 21,9 %. Bürgermeister Olaf Scholz gewinnt die absolute Mehrheit der Sitze und regiert fortan allein.
  • Sachsen-Anhalt, 20. MärzCDU 32,5 %, Linke 23,7 %. Ministerpräsident Reiner Haseloff führt die Große Koalition mit der SPD (21,5 %) fort.
  • Rheinland-Pfalz, 27. MärzSPD 35,7 %, CDU 35,2 %. Ministerpräsident Kurt Beck verliert die absolute Mehrheit und bildet mit den auf 15,4 Prozent verdreifachten Grünen eine Koalition.
  • Bremen, 22. MaiSPD 38,6 %, Grüne 22,5 %. Bürgermeister Jens Böhrnsen baut das rot-grüne Bündnis aus; die Grünen überholen erstmals bei einer deutschen Landtagswahl die CDU.
  • Mecklenburg-Vorpommern, 4. SeptemberSPD 35,6 %, CDU 23,0 %. Ministerpräsident Erwin Sellering setzt die bisherige Große Koalition mit der CDU fort.
  • Berlin, 18. SeptemberSPD 28,3 %, CDU 23,3 %. Die Piratenpartei zieht mit 8,9 Prozent erstmals in ein deutsches Landesparlament ein; Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit beendet das Bündnis mit der Linken und bildet im Dezember eine Große Koalition mit der CDU.
Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Im November fliegt in Zwickau der rechtsterroristische „Nationalsozialistische Untergrund" (NSU) auf — die Mordserie an neun Migranten und einer Polizistin wird erst jetzt als rassistisches Terrornetzwerk erkannt.
  • Am 5. Oktober stirbt Steve Jobs, Mitgründer und langjähriger Chef von Apple, im Alter von 56 Jahren an den Folgen seiner Krebserkrankung.
  • Am 8. Mai gewinnt der THW Kiel im Kölner Final Four mit 30:24 gegen den Rivalen SG Flensburg-Handewitt den DHB-Pokal — ein Erfolg, der in der Werftenstadt an der Förde für Stolz sorgt.
  • Am 13. Dezember platzt die sogenannte Wulff-Affäre: Die „Bild"-Zeitung berichtet über einen verbilligten Privatkredit für Bundespräsident Christian Wulff — der Auftakt zu einer Krise, die ihn wenige Monate später zum Rücktritt zwingen wird.

SPORT · 2011

Deutschland ist Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen, die am 26. Juni mit einem 2:1-Sieg der deutschen Mannschaft gegen Kanada vor 73.680 Zuschauern im Berliner Olympiastadion eröffnet wird — der höchsten Zuschauerzahl des gesamten Turniers. Neun Spielorte von Augsburg bis Wolfsburg tragen das Turnier aus; die Titelverteidigerin gewinnt souverän die Gruppe A vor Frankreich, Nigeria und Kanada, scheidet dann aber am 9. Juli in Wolfsburg im Viertelfinale gegen Japan aus — ein spätes Tor von Karina Maruyama in der 108. Minute der Verlängerung bedeutet das sensationelle 0:1. Japans „Nadeshiko" ziehen daraufhin ins Finale ein, das sie am 17. Juli in Frankfurt am Main nach 2:2 in der Verlängerung im Elfmeterschießen gegen die favorisierten USA für sich entscheiden — der erste WM-Titel für eine asiatische Mannschaft überhaupt, nur wenige Monate nach dem verheerenden Tsunami ein emotionaler Moment für ganz Japan. Ein Olympiajahr ist 2011 nicht; die sportliche Aufmerksamkeit der Republik richtet sich ganz auf das Heimturnier der Frauen.

An der Förde bleibt derweil die Kieler Woche ihrem Ruf treu: In der letzten Juniwoche verwandeln rund 4.000 Seglerinnen und Segler aus rund 50 Nationen mit gut 1.500 Booten die Kieler Förde in das nach eigenem Anspruch größte Segelsportereignis der Welt, während an Land Besucher aus aller Welt das größte Sommerfest Nordeuropas feiern — mit Windjammerparade, Open-Air-Konzerten und einem bunten Programm entlang der gesamten Innenförde.

MODE · 2011

Bodenlange Maxikleider im Boho-Stil und zarte Pastelltöne bestimmen den Sommer — eine sanfte Gegenbewegung zu den kräftigen Farben und engen Schnitten der Vorjahre. Daneben setzen kräftige Neonfarben als Akzente an Accessoires und Sportbekleidung eigene Kontrapunkte. Einen enormen Einfluss auf die Brautmode hat die Hochzeit von Prinz William und Catherine Middleton am 29. April in London: Das von Sarah Burton für das Modehaus Alexander McQueen entworfene Brautkleid mit langärmliger Spitze und schmaler Taille löst weltweit eine Welle ähnlicher Silhouetten aus und prägt zahlreiche Brautkollektionen der Saison.

KULTUR · 2011

In der Ostseehalle an der Förde dreht sich in diesem Winter alles um Tempo: Holiday on Ice gastiert mit der Show „Speed", die Eiskunstlauf mit rasanten Choreografien und aufwendiger Lichttechnik verbindet. Kiel ist damit einer von zahlreichen deutschen Spielorten, die die Revue in der Wintersaison anläuft – seit 1953 gehört die Stadt zu ihren festen Stationen. Nach einem Jahr voller Erschütterungen, von Fukushima bis zur EHEC-Krise, verspricht die Show zwei Stunden reinen Bühnenzaubers.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 2011

  • Hommage an eine große Choreografin (13. Februar, Berlinale). Wim Wenders feiert die Weltpremiere seines 3D-Films „Pina" — eine Hommage an die verstorbene Choreografin Pina Bausch, gedreht mit dem Tanztheater Wuppertal. Der Film wird später für den Oscar nominiert, ein überregionaler Kulturerfolg des deutschen Films.
  • Friedensnobelpreis für drei Frauenrechtlerinnen (7. Oktober). Der Nobelpreis für Frieden geht an die liberianische Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf, die Aktivistin Leymah Gbowee und die jemenitische Journalistin Tawakkul Karman — für ihren gewaltfreien Kampf um die Sicherheit von Frauen und ihr Recht auf volle Teilhabe am Friedensaufbau.

DAS WETTER · 2011 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein verregneter Sommertag: Höchstwert 18,9 °C, in der Nacht mild 16,2 °C, im Mittel 17,4 °C; ein kräftiger Dauerregen brachte ganze 33,0 mm.

Das Jahr über: Im Mittel 9,6 °C. Wärmster Tag 28,7 °C am 29. Juni, kältester −9,6 °C am 28. Januar. 0 Hitzetage (≥ 30 °C), 15 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 940 mm — ein sehr nasses Jahr.

(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 2011

Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.

  1. On The Floor — Jennifer Lopez feat. Pitbull
  2. Mr. Saxobeat — Alexandra Stan
  3. Grenade — Bruno Mars
  4. Rolling In The Deep — Adele
  5. Call My Name — Pietro Lombardi
  6. New Age — Marlon Roudette
  7. Sweat — Snoop Dogg vs. David Guetta
  8. Party Rock Anthem — LMFAO feat. Lauren Bennett & GoonRock
  9. Give Me Everything — Pitbull feat. Ne-Yo, Afrojack & Nayer
  10. Nur noch kurz die Welt retten — Tim Bendzko
  11. Hollywood Hills — Sunrise Avenue
  12. Danza kuduro — Lucenzo feat. Don Omar
  13. We Found Love — Rihanna feat. Calvin Harris
  14. A Night Like This — Caro Emerald
  15. Moves Like Jagger — Maroon 5 feat. Christina Aguilera
  16. Set Fire To The Rain — Adele
  17. Born This Way — Lady Gaga
  18. Higher — Taio Cruz feat. Kylie Minogue
  19. Video Games — Lana Del Rey
  20. Still — Jupiter Jones

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).