DER CHRONIST
Ein Jahr der Enthüllungen und der Erschütterungen: Ein Whistleblower legt die globale Überwachung der Geheimdienste offen, während in Rom mit Franziskus erstmals ein Lateinamerikaner den Stuhl Petri besteigt. Die Elbe tritt über die Ufer und stellt halb Mitteleuropa unter Wasser, und vor der eigenen Haustür, an der meistbefahrenen künstlichen Wasserstraße der Welt, zeigt sich, wie brüchig marode Infrastruktur geworden ist. Auch jenseits der großen Politik erschüttert das Jahr die Welt: Ein Meteor explodiert über dem russischen Ural, eine Textilfabrik stürzt in Bangladesch ein und kostet mehr als tausend Menschen das Leben, und ein Supertaifun verwüstet die Philippinen. In Berlin ringen nach der Bundestagswahl Union und SPD monatelang um eine Große Koalition, während mit der neu gegründeten Alternative für Deutschland erstmals eine europakritische Partei nur knapp am Einzug in den Bundestag scheitert. Und mit Nelson Mandela und Margaret Thatcher verabschiedet sich das Jahr von zwei der prägendsten, wenn auch höchst gegensätzlichen Politikerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts.
Papst Benedikt XVI. tritt zurück, Franziskus wird sein Nachfolger

Am 11. Februar überrascht Papst Benedikt XVI. die Weltkirche mit der Ankündigung, sein Amt zum 28. Februar, 20 Uhr, niederzulegen — mit nachlassender Kraft von Körper und Geist begründet der 85-jährige Theologe seinen Schritt und wird damit der erste Papst seit Coelestin V. im Jahr 1294, der freiwillig auf sein Amt verzichtet. Es folgt eine neuntägige „Sedisvakanz", während der sich Benedikt zunächst nach Castel Gandolfo, später ins Kloster Mater Ecclesiae in den vatikanischen Gärten zurückzieht und fortan den Titel „Papst emeritus" trägt.
Am 12. März schließen sich 115 der 117 wahlberechtigten Kardinäle unter 80 Jahren in der Sixtinischen Kapelle zum Konklave ein, zwei Kardinäle nehmen aus gesundheitlichen Gründen nicht teil. Nach schwarzem Rauch am ersten Abend und mehreren ergebnislosen Wahlgängen — ein vierter Durchgang muss wegen eines Zählfehlers annulliert werden, weil sich 116 Stimmzettel bei nur 115 anwesenden Wählern in der Urne finden — steigt am Nachmittag des 13. März nach dem fünften Wahlgang weißer Rauch über der Sixtinischen Kapelle auf. Der Erzbischof von Buenos Aires, der argentinische Jesuit Jorge Mario Bergoglio, erhält die notwendige Zweidrittelmehrheit und nimmt den Namen Franziskus an — in Anlehnung an Franz von Assisi und dessen Armutsideal. Er ist der erste Papst aus Lateinamerika, der erste Jesuit und der erste Nichteuropäer seit fast 1300 Jahren auf dem Stuhl Petri. Schon sein erster Auftritt auf der Loggia des Petersdoms — im schlichten weißen Talar ohne die traditionelle rote Schulterkappe — und seine Bitte um den Segen des Volkes, bevor er selbst segnet, gelten als Vorboten eines demonstrativ bescheidenen Amtsverständnisses; wenig später begleicht er persönlich seine Rechnung im vatikanischen Gästehaus Santa Marta, in dem er fortan wohnen bleibt, statt in den Apostolischen Palast zu ziehen.
Auch in den katholischen Gemeinden an der Kieler Förde, mitten im protestantisch geprägten Schleswig-Holstein, sorgt der doppelte Wechsel an der Kirchenspitze für Gesprächsstoff — von Diskussionen über die Zukunft des Papstamts nach einem freiwilligen Rücktritt bis zur Hoffnung auf frischen Wind aus Südamerika.
Marode Schleusen legen den Nord-Ostsee-Kanal lahm

An der wichtigsten Wasserstraße vor der eigenen Haustür eskaliert, was Reeder und Lotsen seit Jahren befürchten: Am 6. März müssen in Brunsbüttel beide Kammern der Großen Schleuse gleichzeitig gesperrt werden, um ein defektes Schleusentor gegen ein repariertes auszutauschen — die benachbarte Kleine Schleuse ist zu diesem Zeitpunkt ohnehin nur mit einer betriebsbereiten Kammer im Einsatz. Für gut eine Woche ist der über hundert Jahre alte Nord-Ostsee-Kanal damit für Schiffe über 125 Meter Länge praktisch unpassierbar; erst am 14. März kann die notdürftig instand gesetzte südliche Kammer wieder freigegeben und die Längenbeschränkung aufgehoben werden. Mehr als die Hälfte des sonst üblichen Verkehrs muss in dieser Zeit den rund 400 Seemeilen längeren Umweg über das Skagerrak nehmen — Mehrkosten von rund 70.000 Euro pro Schiff, wie Branchenvertreter vorrechnen.
In Kiel, dem östlichen Endpunkt der meistbefahrenen künstlichen Wasserstraße der Welt, wird der Vorfall zum Fanal einer seit Langem schwelenden Debatte um verschleppte Sanierungen: Die Schleusenanlagen in Brunsbüttel und Kiel-Holtenau gelten als chronisch überaltert, während der Bund die für 2013 zugesagten Sanierungsmittel von 60 auf 11 Millionen Euro zusammenstreicht. Reederverbände, Lotsen und die Landesregierung in Kiel warnen unisono vor einem drohenden Kollaps der Lebensader zwischen Nord- und Ostsee — eine Warnung, die sich in den Folgejahren mit weiteren Havarien und Notschließungen noch drastischer bestätigen sollte.
Jahrhundertflut an Elbe und Donau

Nach tagelangen Starkregenfällen Ende Mai, ausgelöst durch ein stationäres Tiefdruckgebiet über Mitteleuropa, treten ab dem 1./2. Juni Elbe, Donau und ihre Nebenflüsse in Bayern, Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt über die Ufer — betroffen sind am Ende sieben Länder Mitteleuropas. In Passau, wo Donau, Inn und Ilz zusammenfließen, erreicht der Pegel am 3. Juni mit 12,89 Metern einen historischen Höchststand, höher noch als bei der Flut von 2002; auch in Wittenberge und Magdeburg werden neue Rekordwerte gemessen. In der Nacht vom 9. auf den 10. Juni bricht bei Fischbeck im Landkreis Stendal der Elbdeich auf einer Länge von rund 90 Metern; die Orte Fischbeck und Kabelitz werden überflutet, Zehntausende Menschen müssen in der Region evakuiert werden — allein im Salzlandkreis rund 4.500, in Sachsen etwa 33.700 Menschen; im niederbayerischen Landkreis Deggendorf müssen mehr als 6.000 Menschen ihre Häuser verlassen. Bundeswehr, THW und Feuerwehren aus dem ganzen Land füllen wochenlang Sandsäcke und sichern Deiche. Mindestens acht Menschen sterben in Deutschland in den Fluten, der Gesamtschaden wird von den Ländern Mitte Juli auf rund 6,7 Milliarden Euro beziffert, mit den höchsten Einzelschäden in Sachsen-Anhalt (2,7 Milliarden Euro) und Sachsen (1,9 Milliarden Euro). Während im Süden und Osten der Republik gegen die Fluten gekämpft wird, startet in Kiel wenige Wochen später die Kieler Woche unbeschwert wie gewohnt — ein Kontrast, der in den Zeitungen der Landeshauptstadt ausdrücklich vermerkt wird, während zugleich Spendenaufrufe für die Flutopfer auch an der Förde die Kassen der Hilfsorganisationen füllen.
Edward Snowden enthüllt die globale Überwachung

Der ehemalige NSA-Mitarbeiter und Systemadministrator eines externen Dienstleisters, Edward Snowden, übergibt den Journalisten Glenn Greenwald und Laura Poitras in einem Hongkonger Hotelzimmer geheime Dokumente, die der „Guardian" ab dem 5./6. Juni veröffentlicht — den Auftakt bildet die Enthüllung, dass die NSA per Gerichtsbeschluss Verbindungsdaten von Millionen Telefonkunden des Anbieters Verizon einsammelt, gefolgt tags darauf von der Enthüllung des Internet-Überwachungsprogramms PRISM, über das der US-Geheimdienst direkten Zugriff auf Nutzerdaten von Google, Facebook, Apple und weiteren Technologiekonzernen erhalten haben soll. Es folgt über Wochen und Monate eine ganze Kette weiterer Berichte: Am 22. Juni wird das britische Abhörprogramm „Tempora" des Geheimdienstes GCHQ publik, das gewaltige Datenmengen direkt aus transatlantischen Seekabeln abgreift; am 21. Juli räumt der deutsche Verfassungsschutz ein, das NSA-Analyseprogramm „XKeyscore" — offiziell nur zu Testzwecken — selbst einzusetzen. Aus den Dokumenten geht zudem hervor, dass in Deutschland monatlich schätzungsweise eine halbe Milliarde Telefonate, E-Mails und SMS von den US-Diensten erfasst werden. Im Oktober verdichten sich schließlich Hinweise, dass auch das Diensthandy von Bundeskanzlerin Angela Merkel über Jahre von der NSA abgehört worden sein könnte — ein Vorwurf, zu dem der Generalbundesanwalt Ermittlungen aufnimmt, die er zwei Jahre später mangels gerichtsfester Beweise wieder einstellt.
Snowden selbst flieht Ende Juni von Hongkong aus — über einen Zwischenstopp am Moskauer Flughafen Scheremetjewo, wo er wochenlang im Transitbereich festsitzt, nachdem die USA seinen Reisepass für ungültig erklärt haben — und erhält am 1. August zunächst befristetes, später dauerhaftes Asyl in Russland. Für internationales Aufsehen sorgt dabei auch ein Zwischenfall Anfang Juli, als der Regierungsjet des bolivianischen Präsidenten Evo Morales auf dem Rückflug von Moskau wegen des Verdachts, Snowden könnte an Bord sein, von mehreren europäischen Ländern die Überflugrechte verweigert bekommt und in Wien zwischenlanden muss. Die „NSA-Affäre" löst in der Bundesrepublik eine bis heute nachwirkende Debatte über Datenschutz, Bürgerrechte und die Verlässlichkeit befreundeter Geheimdienste aus — Forderungen nach einem deutsch-amerikanischen „No-Spy-Abkommen" verlaufen ebenso im Sand wie später ein 2014 eingesetzter Untersuchungsausschuss des Bundestages, der die Vorgänge über Jahre aufzuarbeiten versucht.
Bundestagswahl: Union triumphiert, Große Koalition folgt

Bei der Bundestagswahl am 22. September erzielt die Union unter Kanzlerin Angela Merkel mit 41,5 Prozent (CDU 34,1, CSU 7,4) ihr bestes Ergebnis seit 1990 und verfehlt die absolute Mehrheit im 18. Bundestag nur um fünf Sitze. Die SPD kommt unter Spitzenkandidat Peer Steinbrück auf 25,7 Prozent, die Linke auf 8,6 und die Grünen auf 8,4 Prozent. Zu den großen Verlierern des Abends zählt die FDP, die mit nur 4,8 Prozent erstmals seit Gründung der Bundesrepublik an der Fünf-Prozent-Hürde scheitert und aus dem Bundestag fliegt; auch die neu gegründete, europakritische Alternative für Deutschland verpasst mit 4,7 Prozent knapp den Einzug. Rund 15,7 Prozent aller Zweitstimmen entfallen damit auf Parteien, die an der Sperrklausel scheitern — ein historischer Rekordwert.
Da eine Koalition mit der geschwächten FDP ausscheidet und ein rot-rot-grünes Bündnis von der SPD-Führung ausgeschlossen wird, sondieren Union und SPD wochenlang die Bildung einer Großen Koalition. Ende November einigen sich beide Seiten auf einen umfangreichen Koalitionsvertrag mit Vorhaben wie einem flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro (ab 2015), einer verbesserten Mütterrente für vor 1992 geborene Kinder sowie der Prüfung einer Pkw-Maut für ausländische Halter. Weil die SPD-Führung um Parteichef Sigmar Gabriel eine erneute Juniorpartnerschaft nicht im Alleingang eingehen will, lässt sie erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik die gesamte Parteibasis abstimmen: Bei einem Mitgliederentscheid, an dem sich rund 370.000 SPD-Mitglieder beteiligen, votieren am 14. Dezember 76 Prozent für den Koalitionsvertrag. Drei Tage später, am 17. Dezember, wählt der Bundestag Merkel zum dritten Mal zur Bundeskanzlerin, ihr drittes Kabinett wird noch am selben Tag vereidigt: Sigmar Gabriel übernimmt als Vizekanzler das Wirtschaftsministerium, Frank-Walter Steinmeier kehrt als Außenminister zurück, und mit Ursula von der Leyen steht erstmals eine Frau an der Spitze des Verteidigungsministeriums. Nach vier Jahren Oppositionszeit zieht die SPD damit zurück in die Regierungsverantwortung.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Niedersachsen, 20. Januar — CDU 36,0 %, SPD 32,6 % (Grüne 13,7 %, FDP 9,9 %). Rot-Grün gewinnt mit nur einer Stimme Mehrheit im Landtag (69 von 137 Sitzen); Stephan Weil wird am 19. Februar zum Ministerpräsidenten gewählt und löst die schwarz-gelbe Regierung ab.
- Bayern, 15. September — CSU 47,7 %, SPD 20,6 %. Ministerpräsident Horst Seehofer gewinnt für die CSU die absolute Mehrheit der Sitze zurück und regiert wieder ohne Koalitionspartner.
- Hessen, 22. September — CDU 38,3 %, SPD 30,7 %. Weil die bisherige Koalitionspartnerin FDP mit nur 5,0 Prozent zu schwach für eine Fortsetzung von Schwarz-Gelb bleibt, sondieren CDU und Grüne bis Jahresende ein Bündnis aus Schwarz und Grün.
Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch

Am 24. April stürzt am Rand der bangladeschischen Hauptstadt Dhaka, in der Industriestadt Savar, der achtstöckige Gebäudekomplex Rana Plaza ein, in dem mehrere Textilfabriken für internationale Modemarken produzieren. Bereits am Vortag waren Risse im Gebäude entdeckt worden; Sicherheitsbehörden hatten die Räumung angeordnet, dennoch drängt Fabrikbesitzer Sohel Rana die Näherinnen und Näher am nächsten Morgen zur Arbeit. Mit 1.138 Toten und mehr als 2.500 Verletzten wird der Einsturz zur folgenreichsten Katastrophe in der Geschichte der globalen Textilindustrie.
Das Unglück löst weltweit eine Debatte über Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie aus: Internationale Modeketten unterzeichnen in der Folge das rechtlich bindende „Bangladesh Accord on Fire and Building Safety" zur Verbesserung von Brand- und Gebäudesicherheit; Sohel Rana wird festgenommen und später wegen Mordes angeklagt.
Meteor explodiert über Tscheljabinsk

Am Morgen des 15. Februar, gegen 9:20 Uhr Ortszeit, tritt über der russischen Region Tscheljabinsk im Ural ein rund 20 Meter großer Asteroid mit knapp 19 Kilometern pro Sekunde in die Erdatmosphäre ein und zerbirst in großer Höhe in einer gewaltigen Explosion mit einer Sprengkraft von schätzungsweise 500 Kilotonnen TNT — dem 30- bis 40-Fachen der Hiroshima-Bombe. Die Druckwelle beschädigt rund 7.000 Gebäude und zerstört unzählige Fensterscheiben; etwa 1.500 Menschen werden verletzt, die meisten durch umherfliegende Glassplitter.
Der „Meteor von Tscheljabinsk" gilt als der größte seit rund hundert Jahren beobachtete Meteoreinschlag seit dem Tunguska-Ereignis von 1908 und wird dank der in Russland weitverbreiteten Armaturenbrettkameras in zahllosen Videos dokumentiert, die binnen Stunden um die Welt gehen. Das Ereignis befeuert international die Debatte über eine bessere Überwachung erdnaher Asteroiden.
Taifun „Haiyan" verwüstet die Philippinen

Am 8. November trifft der Supertaifun „Haiyan" (auf den Philippinen „Yolanda" genannt) mit Windböen von bis zu 380 Kilometern pro Stunde auf die zentralen Philippinen und zieht als einer der stärksten je an Land gemessenen tropischen Wirbelstürme eine Schneise der Verwüstung. Besonders schwer trifft es die Hafenstadt Tacloban auf der Insel Leyte, wo eine mehrere Meter hohe Sturmflut große Teile der Stadt unter Wasser setzt und rund 90 Prozent der Bebauung zerstört oder beschädigt.
Landesweit sterben mehr als 7.300 Menschen, Zehntausende werden verletzt und rund sechs Millionen Menschen verlieren ihr Zuhause. Die internationale Hilfe läuft zunächst nur schleppend an, weil Straßen, Flughäfen und Kommunikationswege zerstört sind; Streitkräfte mehrerer Staaten sowie Hilfsorganisationen aus aller Welt beteiligen sich in den Wochen danach an einer der größten humanitären Hilfsaktionen der jüngeren Geschichte.
Gründung der Partei Alternative für Deutschland

Am 6. Februar trifft sich in einem Gasthaus im hessischen Oberursel ein gutes Dutzend Euro-Kritiker, unter ihnen der Hamburger Wirtschaftsprofessor Bernd Lucke, der Publizist Konrad Adam und die sächsische Chemikerin Frauke Petry, um eine neue Partei zu gründen. Ausgangspunkt ist der Unmut über die milliardenschweren Rettungspakete für hoch verschuldete Eurostaaten wie Griechenland, für den viele der Gründer in den etablierten Parteien keine politische Heimat mehr sehen. Am 14. April wird die Alternative für Deutschland (AfD) auf einem Gründungsparteitag in Berlin offiziell aus der Taufe gehoben; Lucke, Adam und Petry werden zu gleichberechtigten Parteisprechern gewählt.
Mit der Forderung nach einer geordneten Auflösung der Eurozone tritt die neue, wirtschaftsliberal-europakritische Partei bereits bei der Bundestagswahl im September an und verpasst mit 4,7 Prozent nur knapp den Einzug ins Parlament (siehe „Bundestagswahl"). Politische Beobachter werten die Neugründung dennoch als bemerkenswerten Achtungserfolg für eine Partei, die erst wenige Monate zuvor aus dem Stand entstanden war — und als Vorbotin einer dauerhaften Verschiebung im deutschen Parteiensystem.
Margaret Thatcher stirbt in London

Am 8. April stirbt die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher im Alter von 87 Jahren nach einem Schlaganfall im Londoner Ritz-Hotel, in dem sie nach gesundheitsbedingtem Rückzug aus ihrem Haus ihre letzten Lebensmonate verbracht hatte. Die „Eiserne Lady", die Großbritannien von 1979 bis 1990 als erste und bislang einzige Frau im Amt der Premierministerin regierte, hatte das Land mit einer radikalen marktliberalen Wirtschaftspolitik, dem Sieg im Falklandkrieg 1982 und einem entschlossenen Kurs gegen die Gewerkschaften nachhaltig geprägt und polarisiert.
Am 17. April wird Thatcher mit einem zeremoniellen Staatsbegräbnis geehrt, wie es zuvor zuletzt Winston Churchill zuteilwurde: Nach einem Trauerzug durch das Zentrum Londons findet in der St Paul's Cathedral ein Gottesdienst statt, an dem auch Königin Elizabeth II. teilnimmt. Während Anhänger Thatcher als Retterin der britischen Wirtschaft feiern, kommt es in mehreren Städten, darunter ehemaligen Bergbauregionen, zu Protesten und improvisierten „Straßenpartys", die ihren Tod als Ende einer als spalterisch empfundenen Ära begehen — ein Beleg für die bis heute ungebrochene Kontroverse um ihr politisches Erbe.
AM RANDE NOTIERT
- Am 5. Dezember stirbt Nelson Mandela im Alter von 95 Jahren in Johannesburg — Trauer und Würdigung reichen weit über Südafrika hinaus.
- In Syrien eskaliert der Bürgerkrieg: Der Giftgasangriff auf Ost- Ghouta bei Damaskus am 21. August fordert Hunderte Todesopfer und rückt die Vernichtung der syrischen Chemiewaffenbestände auf die internationale Agenda.
- Beim Boston-Marathon detonieren am 15. April zwei Sprengsätze nahe dem Zielbereich, drei Menschen sterben, rund 260 werden verletzt — die Terrorermittlungen halten die USA tagelang in Atem.
- In Kiel einigen sich Ministerpräsident Torsten Albig und die kommunalen Landesverbände am 9. Dezember auf eine Konnexitätsvereinbarung: Das Land sichert den Kommunen bis 2015 jährlich 7,5 Millionen Euro für neue gesetzliche Pflichtaufgaben zu.
SPORT · 2013
Der sportliche Höhepunkt des Jahres ist bereits weiter oben vermerkt: Bayern Münchens Champions-League-Sieg im rein deutschen Finale gegen Borussia Dortmund am 25. Mai in Wembley (siehe „Lichtblicke"). Nur wenige Tage später, am 1. Juni, macht der Rekordmeister mit einem 3:2-Sieg im DFB-Pokalfinale gegen den VfB Stuttgart — Tore von Thomas Müller per Elfmeter und ein Doppelpack von Mario Gomez, Anschlusstreffer für Stuttgart durch Martin Harnik — das historische Triple aus Deutscher Meisterschaft, DFB-Pokal und Königsklasse perfekt: der größte Erfolg eines deutschen Vereins seit Jahrzehnten und zugleich der letzte Auftritt von Trainer Jupp Heynckes auf der Bayern-Bank, der sich danach in den Ruhestand verabschiedet. Auch von der Förde gibt es sportlich Erfreuliches zu vermelden: Der THW Kiel sichert sich am 8. Juni zum 18. Mal die deutsche Handball-Meisterschaft (siehe „Lichtblicke"). Fernab der großen Bühnen bleibt Fußball auch an der Förde Gesprächsthema Nummer eins, wo die Amateurvereine in den Ferienwochen um Zuschauer werben.
MODE · 2013
Auf den Straßen internationaler Modehauptstädte setzt sich der Streetwear-Trend durch: Der amerikanische Designer Virgil Abloh, zuvor mit dem kleinen Label Pyrex Vision unterwegs und als kreativer Berater im Umfeld von Kanye West bekannt geworden, gründet 2013 in Mailand sein eigenes Modehaus Off-White und bringt mit seiner ersten Pariser Schau „Off-Day" Sportswear-Ästhetik und High Fashion zusammen — ein Vorbote der kommenden Jahre, in denen Sneaker, Hoodies und Logo-Shirts auch auf den Laufstegen der großen Häuser ankommen. Gegenläufig dazu etabliert sich zeitgleich unter jungen Stadtbewohnern ein bewusst unauffälliger, praktischer Kleidungsstil aus bequemen Basics, den Modebeobachter erstmals unter dem Schlagwort „Normcore" zusammenfassen. In den Kieler Innenstadtgeschäften ist von beiden Strömungen noch wenig zu spüren, doch auch hier greifen vor allem jüngere Käufer zunehmend zu sportlich-lässigen Schnitten.
KULTUR · 2013
Holiday on Ice feiert 2013 sein 70-jähriges Bestehen und bringt zu diesem Jubiläum die Sonderschau „Platinum" auch in die Kieler Ostseehalle, die die Revue schon seit 1953 regelmäßig zu Gast hat. Seit der ersten Show am 25. Dezember 1943 im amerikanischen Toledo hat sich die Compagnie zu einer der größten Eisrevuen der Welt entwickelt, mit mittlerweile hunderten Millionen Zuschauern auf fünf Kontinenten. Für das Jubiläumsprogramm an der Förde werden aufwendige Kostüme und Choreografien aus sieben Jahrzehnten Showgeschichte neu inszeniert – ein besonderer Abend für ein besonderes Jahr.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 2013
- Medizin-Nobelpreis für Thomas Südhof (Oktober). Der in Göttingen geborene und ausgebildete Biochemiker wird für die Erforschung des zellulären Vesikel-Transportsystems geehrt — deutsche Wissenschaft auf höchster Bühne.
- Erstes rein deutsches Champions-League-Finale (25. Mai, Wembley). Bayern München schlägt Borussia Dortmund 2:1 und holt als erster deutscher Klub das Triple — ein Fußball-Doppelerfolg mit Beteiligung eines Vereins aus Nordrhein-Westfalen.
- THW Kiel wird Deutscher Handball-Meister (8. Juni). Der Verein von der Förde sichert sich zum 18. Mal die deutsche Meisterschaft — ein sportlicher Höhepunkt für die Fans in der Landeshauptstadt.
- Friedensnobelpreis für die OPCW (11. Oktober). Die Organisation für das Verbot chemischer Waffen wird für ihren Einsatz gegen Chemiewaffen geehrt — mitten in der Mission zur Vernichtung der syrischen Bestände ein Zeichen der Hoffnung.
DAS WETTER · 2013 in Kiel
An diesem 13. Juli war es an der Förde ein milder Sommertag: Höchstwert 21,3 °C, in der Nacht 10,6 °C, im Mittel 15,9 °C; kein Tropfen Regen fiel.
Das Jahr über: Im Mittel 8,7 °C. Wärmster Tag 32,6 °C am 2. August, kältester −10,4 °C am 15. Januar. 2 Hitzetage (≥ 30 °C), 25 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 815 mm.
(Messwerte der Station Schleswig, rund 40 km nordwestlich — für 2013 ist die Jahresreihe der Station Kiel-Holtenau lückenhaft; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 2013
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.
- Wake Me Up! — Avicii
- Blurred Lines — Robin Thicke feat. T.I. + Pharrell
- Scream & Shout — will.i.am & Britney Spears
- Get Lucky — Daft Punk feat. Pharrell Williams
- Let Her Go — Passenger
- Can't Hold Us — Macklemore & Ryan Lewis feat. Ray Dalton
- Thrift Shop — Macklemore & Ryan Lewis feat. Wanz
- Safe And Sound — Capital Cities
- Radioactive — Imagine Dragons
- La La La — Naughty Boy feat. Sam Smith
- Impossible — James Arthur
- Just Give Me A Reason — P!nk feat. Nate Ruess
- Jubel — Klingande
- Hall Of Fame — The Script feat. will.i.am
- Bilder im Kopf — Sido
- Mirrors — Justin Timberlake
- Applaus!! Applaus!! — Sportfreunde Stiller
- Hey Brother — Avicii
- I Love It — Icona Pop feat. Charli XCX
- Dear Darlin' — Olly Murs
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).