DER CHRONIST

Ein Jahr der offenen Grenzen und der offenen Wunden: Während Hunderttausende vor Krieg fliehen und Europa um eine gemeinsame Antwort ringt, erschüttern islamistische Attentate Paris gleich zweimal und mit Ankara auch die Türkei so schwer wie nie zuvor. Ein Flugzeugabsturz in den Alpen und ein Betrug am eigenen Kunden erschüttern das Vertrauen in Technik und Wirtschaft, ein Erdbeben legt Nepal in Trümmer, und ein Bestechungsskandal bringt den Fußball-Weltverband FIFA ins Wanken. Zugleich ist es ein Jahr des Fortschritts: Die USA öffnen die Ehe für alle Paare, eine NASA-Sonde fliegt erstmals an Pluto vorbei, und selbst ein monatelanger Streik der Lokführer endet in einer Einigung. An der Förde spüren Kiel und Schleswig-Holstein die große Weltlage hautnah, wenn Zehntausende Schutzsuchende ankommen — und am Jahresende einigt sich die Welt erstmals auf ein gemeinsames Klimaabkommen, ein kleiner Hoffnungsschimmer in einem Jahr voller Krisen.

Die Schlagzeilen des Jahres

Flüchtlingskrise: „Wir schaffen das" — und Schleswig-Holstein wird Ankunftsland

Ankunft von Flüchtlingen in München, 2015
Ankunft von Flüchtlingen in München, 2015 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Seit Jahren tobt in Syrien der Bürgerkrieg, im Irak wütet der „Islamische Staat", in Afghanistan und Eritrea treiben Krieg und Verfolgung Menschen in die Flucht. Im Sommer 2015 spitzt sich die Lage zu: Über die sogenannte Balkanroute — von der Türkei über Griechenland, Mazedonien und Serbien nach Ungarn — machen sich Hunderttausende auf den Weg nach Mitteleuropa. Als Ungarn im September die Grenzen dichtmacht, stranden Tausende am Budapester Bahnhof Keleti; Bilder überfüllter Züge und zu Fuß laufender Familien auf der Autobahn nach Wien gehen um die Welt. In der Nacht zum 5. September öffnen Österreich und Deutschland kurzfristig die Grenzen, Zehntausende erreichen in den Folgetagen unter dem Jubel freiwilliger Helfer den Münchner Hauptbahnhof. Wenige Tage zuvor, am 2. September, hatte das Foto des ertrunkenen dreijährigen Alan Kurdi am türkischen Strand die Dringlichkeit der Krise schlagartig sichtbar gemacht.

Am 31. August sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel auf ihrer Sommer-Pressekonferenz jenen Satz, der zur Chiffre des Jahres wird: „Wir schaffen das." Über das sogenannte EASY-System registriert der Bund im Jahresverlauf rund 890.000 Schutzsuchende — mehr als je zuvor in der Nachkriegsgeschichte, deutlich mehr als die gut 476.000 formal gestellten Asylanträge, weil viele Ankommende erst später einen Antrag stellen können. Auch Schleswig-Holstein wird zum wichtigen Aufnahmeland: Die zentrale Erstaufnahmeeinrichtung des Landes liegt in Neumünster, ergänzt durch eine zweite Einrichtung in Boostedt; zeitweise sind dort gemeinsam rund 2.400 Menschen untergebracht, allein in den ersten zwölf Augusttagen kommen fast 1.000 neu hinzu. Ab Ostern 2015 baut das Land systematisch weitere Landesunterkünfte auf — darunter eine mit rund 850 Plätzen am Niemannsweg in Kiel, organisatorisch getragen von den Johannitern. Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) war noch im Frühjahr von bis zu 20.000 Flüchtlingen für das Land ausgegangen; am Jahresende zählt Schleswig-Holstein rund 55.000 Ankommende, von denen etwa 36.000 dauerhaft bleiben — mehr als doppelt so viele wie erwartet. Bei einem Willkommensfest in Flensburg wirbt Albig Ende Mai für Zusammenhalt: Wer sein Land liebe, begegne den Ankommenden „mit Herzlichkeit und Freundlichkeit". In Kiel und Lübeck übernehmen vor allem Freiwillige die Betreuung der Ankommenden; zeitweise sprengen mehr als 800 durchreisende Flüchtlinge an beiden Orten alle vorhandenen Kapazitäten. Die Kieler Förde erlebt damit hautnah, was sich bundesweit abspielt: eine Gesellschaft zwischen Hilfsbereitschaft und Überforderung.

Terror trifft Paris — zweimal

Der Place de la République in Paris — 2015 von Terror getroffen
Der Place de la République in Paris — 2015 von Terror getroffen (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Am 7. Januar, gegen 11:30 Uhr, stürmen die Brüder Saïd und Chérif Kouachi bewaffnet mit Sturmgewehren die Pariser Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo" und erschießen zwölf Menschen, darunter die Karikaturisten Charb, Cabu, Wolinski und Tignous sowie den Polizisten Ahmed Merabet, den sie auf der Straße vor der Tür töten. Die Attentäter berufen sich auf al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel und werden nach zweitägiger Fahndung am 9. Januar von einer Spezialeinheit in einer Druckerei nahe Paris erschossen — fast zeitgleich nimmt ihr Komplize Amedy Coulibaly Geiseln in einem jüdischen Supermarkt, dem Hyper Cacher, und ermordet vier von ihnen. Unter dem Schlagwort „Je suis Charlie" demonstrieren am 11. Januar Millionen Menschen in ganz Frankreich Solidarität; rund 40 Staats- und Regierungschefs nehmen an einem Trauermarsch in Paris teil. Am 13. November folgt der bislang schwerste islamistische Anschlag auf europäischem Boden: Selbstmordattentäter des „Islamischen Staats" sprengen sich vor dem Stade de France in die Luft, während Präsident François Hollande im Stadion ein Länderspiel Frankreich–Deutschland verfolgt; zeitgleich eröffnen Bewaffnete das Feuer auf Cafés und Restaurants wie La Belle Équipe und Le Carillon, der Großteil der Opfer stirbt jedoch im Konzertsaal Bataclan, wo Angreifer während eines Auftritts der US-Band Eagles of Death Metal mehr als zwei Stunden lang Geiseln nehmen, bis Sicherheitskräfte kurz nach Mitternacht stürmen. Die Anschläge fordern 130 Todesopfer und mehr als 400 Verletzte. Der mutmaßliche Drahtzieher, Abdelhamid Abaaoud, wird fünf Tage später bei einem Polizeieinsatz in Saint-Denis getötet. Präsident Hollande verhängt den landesweiten Ausnahmezustand; beide Nächte verändern Frankreichs und Europas Sicherheitspolitik nachhaltig und lösen weltweite Solidaritäts- und Trauerbekundungen aus.

Germanwings-Absturz in den Alpen: 150 Tote

Ein Airbus A320 von Germanwings wie die 2015 abgestürzte Maschine
Ein Airbus A320 von Germanwings wie die 2015 abgestürzte Maschine (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0)

Der Airbus A320 der Lufthansa-Tochter Germanwings (Flug 4U9525) auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf stürzt bei Prads-Haute-Bléone in den französischen Alpen ab — alle 150 Insassen sterben, darunter 16 Schüler und zwei Lehrerinnen des Joseph-König-Gymnasiums aus Haltern am See, die von einem Austausch aus Barcelona zurückkehrten, sowie Menschen aus insgesamt 18 Nationen. Die Ermittlungen der französischen Unfalluntersuchungsbehörde BEA ergeben Wochen später das Erschütternde: Copilot Andreas Lubitz hat den Moment abgepasst, in dem Kapitän Patrick Sondenheimer kurz die Toilette aufsucht, die Cockpittür verriegelt und die Reiseflughöhe von 38.000 auf 100 Fuß herabgestellt — ein bewusst gesteuerter, kontrollierter Sinkflug in den Berg. Lubitz war Wochen zuvor von Ärzten wegen Suizidgedanken für flugunfähig erklärt worden, hatte die Krankschreibung aber verheimlicht und war weiter im Cockpit eingesetzt. Die Katastrophe löst weltweit Debatten über Cockpit-Sicherheit aus: Fluggesellschaften führen kurzfristig die Regel ein, dass sich nie weniger als zwei Personen gleichzeitig im Cockpit aufhalten dürfen, und die psychologische Eignungsprüfung sowie die ärztliche Schweigepflicht bei fluguntauglichen Piloten werden neu diskutiert.

„Dieselgate": VW-Abgasskandal fliegt auf

Das Volkswagenwerk in Wolfsburg — 2015 fliegt der Dieselskandal auf
Das Volkswagenwerk in Wolfsburg — 2015 fliegt der Dieselskandal auf (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Die US-Umweltbehörde EPA wirft Volkswagen in einer öffentlichen „Notice of Violation" vor, Dieselmotoren des Typs EA189 mit einer illegalen Abschalteinrichtung ausgestattet zu haben, die einen Prüfstandtest erkennt und nur dann die vollen Emissionswerte einhält. Im normalen Straßenbetrieb stoßen die betroffenen Wagen bis zum 40-Fachen des zulässigen Stickoxid-Grenzwerts aus; weltweit sind rund elf Millionen Fahrzeuge des Konzerns betroffen, in den USA rund 500.000. Nur wenige Tage nach Bekanntwerden bricht der VW-Aktienkurs um mehr als ein Drittel ein. Vorstandschef Martin Winterkorn übernimmt „die Verantwortung für die Unregelmäßigkeiten" und tritt am 23. September zurück; sein Nachfolger wird Matthias Müller, bisheriger Porsche-Chef. Anfang November weitet die EPA die Vorwürfe auf V6-3,0-Liter-Motoren aus. Der Skandal, der als „Dieselgate" in die Wirtschaftsgeschichte eingeht, kostet den Wolfsburger Konzern zweistellige Milliardenbeträge an Rückstellungen und einen erheblichen Teil des Vertrauens in die deutsche Automobilindustrie.

Pariser Klimaabkommen: Erstmals ein gemeinsames Ziel

Die UN-Klimakonferenz COP21 in Paris, 2015
Die UN-Klimakonferenz COP21 in Paris, 2015 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0)

Zwei Wochen lang verhandeln Delegierte aus aller Welt im Pariser Vorort Le Bourget, nachdem frühere Klimagipfel — zuletzt 2009 in Kopenhagen — an den Interessengegensätzen zwischen Industrie- und Schwellenländern gescheitert waren. Auf der UN-Klimakonferenz COP21 einigen sich am 12. Dezember schließlich 195 Staaten und die Europäische Union unter dem Vorsitz des französischen Außenministers Laurent Fabius auf das Übereinkommen von Paris — die Erderwärmung soll auf deutlich unter zwei Grad, möglichst 1,5 Grad gegenüber vorindustriellem Niveau begrenzt werden. Anders als das Kyoto-Protokoll verpflichtet das Abkommen nicht zu starren Emissionsquoten, sondern setzt auf freiwillige, national festgelegte Klimaschutzbeiträge, die sogenannten INDCs, die jedes Land selbst formuliert und ab 2020 alle fünf Jahre nachschärfen soll. Für das Inkrafttreten müssen mindestens 55 Staaten, die zusammen mindestens 55 Prozent der weltweiten Treibhausgase verursachen, das Abkommen ratifizieren — ein Prozess, der Anfang 2016 beginnen soll. Nach dem Scheitern früherer Gipfel feiern Delegierte, Umweltverbände und Beobachter den Kompromiss dennoch als historischen Durchbruch: Es ist das erste Klimaabkommen, dem sich nahezu alle Staaten der Erde anschließen.

Verheerendes Erdbeben erschüttert Nepal

Erdbebenschäden in Nepal, 2015
Zerstörungen nach dem Erdbeben in Nepal, 2015 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Am 25. April, kurz vor Mittag Ortszeit, erschüttert ein Erdbeben der Stärke 7,8 den Himalaya-Staat Nepal. Das Epizentrum liegt nahe der Ortschaft Barpak, rund 80 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Kathmandu; der Erdstoß in nur 18 Kilometern Tiefe verschiebt das Kathmandu-Tal um bis zu anderthalb Meter nach Süden. Ganze Stadtviertel stürzen ein, das historische Wahrzeichen Dharahara-Turm bricht zusammen, UNESCO-Weltkulturerbestätten an den Durbar-Plätzen werden schwer beschädigt. Am Mount Everest löst das Beben eine Lawine aus, die das Basislager trifft und 18 Bergsteiger tötet — der bis dahin tödlichste Tag in der Geschichte des Bergs. Ein weiteres schweres Nachbeben der Stärke 7,2 erschüttert das ohnehin traumatisierte Land am 12. Mai erneut.

Insgesamt sterben rund 9.000 Menschen, mehr als 22.000 werden verletzt, zwischen 600.000 und 800.000 Häuser werden zerstört oder unbewohnbar. Die Erschütterungen sind bis nach Indien, Tibet, China, Pakistan und Bangladesch spürbar. Rettungsteams aus Indien, Deutschland, den USA, Russland und Großbritannien fliegen ein, die Europäische Union sagt 16,6 Millionen Euro Soforthilfe zu; Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz richten in den zerstörten Bergdörfern Nothilfestationen ein. Der Wiederaufbau des bettelarmen Landes wird sich über Jahre hinziehen.

FIFA-Skandal: Razzia im Morgengrauen erschüttert den Weltfußball

Das FIFA-Hauptquartier in Zürich
Der FIFA-Hauptsitz in Zürich, Schauplatz des Verbandsskandals von 2015 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Am frühen Morgen des 27. Mai stürmt die Schweizer Polizei auf Betreiben der US-Justiz das Nobelhotel „Baur au Lac" in Zürich und nimmt sieben hochrangige Funktionäre des Fußball-Weltverbands FIFA fest, darunter CONCACAF-Präsident Jeffrey Webb und der Venezolaner Rafael Esquivel. Das US-Justizministerium wirft ihnen vor, über Jahrzehnte hinweg Bestechungsgelder von mehr als 150 Millionen Dollar für Medien-, Marketing- und Sponsoringrechte in Nord- und Südamerika kassiert zu haben. Trotz der Verhaftungswelle lässt sich FIFA-Präsident Sepp Blatter nur zwei Tage später, am 29. Mai, vom Kongress in Zürich für eine fünfte Amtszeit bestätigen. Der internationale Druck wächst jedoch weiter: Bereits am 2. Juni kündigt Blatter überraschend seinen Rücktritt an, im September 2015 leiten Schweizer Bundesanwälte schließlich auch gegen ihn selbst ein Verfahren ein.

Der Skandal legt jahrzehntelange Verstrickungen von Bestechung, Geldwäsche und Wettbetrug im Fußballverband offen und markiert den tiefsten Einschnitt in der FIFA-Geschichte. Für den Weltfußball, der 2018 und 2022 seine Weltmeisterschaften nach Russland und Katar vergeben hatte, wirft die Affäre auch neue Fragen zu jenen umstrittenen Vergabeentscheidungen auf.

Längster Streik der Bahngeschichte legt Deutschland lahm

Leere Bahnsteige während des GDL-Streiks im Mai 2015
Leere Bahnsteige im Hauptbahnhof Saarbrücken während des Bahnstreiks im Mai 2015 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Der monatelange Tarifkonflikt zwischen der Deutschen Bahn und der Lokführergewerkschaft GDL unter ihrem Vorsitzenden Claus Weselsky eskaliert im Frühjahr 2015 zum bis dahin längsten Ausstand in der Geschichte des Staatskonzerns: Vom 4. bis 10. Mai legen Lokführer und Zugbegleiter den Personen- und Güterverkehr sechs Tage am Stück lahm — es ist bereits der siebte Streik der GDL binnen zehn Monaten. Über die gesamte Tarifrunde 2014/2015 hinweg, verteilt auf insgesamt neun Streikphasen, kommen im Personenverkehr rund 350, im Güterverkehr sogar über 400 Streikstunden zusammen. Pendler weichen auf überfüllte Fernbusse und die eigenen Autos aus, Speditionen klagen über Millionenschäden. Im Kern des Streits steht neben Lohnforderungen die Frage, ob die kleine Spartengewerkschaft GDL auch für rund 17.000 Bahnbeschäftigte verhandeln darf, die keine Lokführer sind.

Nach einem weiteren, kürzeren Ausstand Mitte Mai einigen sich Bahn und GDL auf ein Schlichtungsverfahren, das den Konflikt vorerst beendet: Die Beschäftigten erhalten mehr Lohn, die Wochenarbeitszeit sinkt auf 38 Stunden. Vor dem Hintergrund solcher Konflikte zwischen konkurrierenden Gewerkschaften in einem Betrieb beschließt der Bundestag am 22. Mai das umstrittene Tarifeinheitsgesetz, das ab Juli 2015 regelt, dass in einem Betrieb künftig grundsätzlich nur der Tarifvertrag der mitgliederstärkeren Gewerkschaft gilt.

US-Supreme-Court legalisiert die Ehe für alle

Feiernde Menge vor dem Obersten Gerichtshof der USA, 26. Juni 2015
Jubel vor dem US Supreme Court nach Verkündung des Urteils „Obergefell v. Hodges", 26. Juni 2015 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 26. Juni entscheidet der Oberste Gerichtshof der USA im Verfahren „Obergefell v. Hodges" mit knapper Mehrheit von 5 zu 4 Stimmen, dass gleichgeschlechtliche Paare in allen 50 Bundesstaaten heiraten dürfen. Kläger ist unter anderem James Obergefell aus Ohio, der nach dem Tod seines Ehemanns um dessen Anerkennung als Ehepartner in seiner Heimat gekämpft hatte. Die Mehrheitsmeinung, verfasst von Richter Anthony Kennedy, stützt sich auf den 14. Verfassungszusatz: Das Recht auf Eheschließung sei ein Grundrecht, das Bundesstaaten niemandem aufgrund des Geschlechts der Partner verweigern dürften. Vor dem Urteil hatten bereits 36 der 50 Bundesstaaten die gleichgeschlechtliche Ehe zugelassen, meist nach jahrelangen Gerichtsverfahren; die vier unterlegenen konservativen Richter um John Roberts und Antonin Scalia werfen der Mehrheit vor, sich richterlicher Gesetzgebung schuldig zu machen.

Vor dem Gerichtsgebäude in Washington bricht bei Verkündung des Urteils Jubel aus, Präsident Barack Obama würdigt die Entscheidung als „Sieg für Amerika". In den folgenden Tagen erstrahlt das Weiße Haus in Regenbogenfarben, Städte von New York bis San Francisco feiern bei der Christopher-Street-Day-Parade den historischen Tag. Das Urteil beendet einen jahrzehntelangen Rechtsstreit und macht die USA zum bis dahin größten Land, in dem die Ehe für alle landesweit gilt.

„New Horizons" fliegt an Pluto vorbei

Pluto in echten Farben, aufgenommen von New Horizons am 14. Juli 2015
Pluto in natürlichen Farben, aufgenommen von der NASA-Sonde „New Horizons" am 14. Juli 2015 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Neuneinhalb Jahre nach ihrem Start am 19. Januar 2006 in Cape Canaveral erreicht die NASA-Sonde „New Horizons" am 14. Juli nach einer gut fünf Milliarden Kilometer langen Reise den Zwergplaneten Pluto — in nur 12.500 Kilometern Entfernung rast sie mit rund 14 Kilometern pro Sekunde an ihm vorbei. Es ist der erste Besuch einer irdischen Raumsonde bei Pluto und seinen Monden überhaupt. Weil die Funksignale vom Rand des Sonnensystems, gut 32 Astronomische Einheiten von der Sonne entfernt, mehr als viereinhalb Stunden zur Erde brauchen, erfährt das Team am Johns Hopkins Applied Physics Laboratory erst mit Verzögerung, dass der heikle Vorbeiflug geglückt ist. Die vollständige Übertragung aller gespeicherten Bild- und Messdaten über die schmalbandige Funkverbindung zieht sich bis ins Jahr 2016 hin.

Die Aufnahmen zeigen einen überraschend aktiven Pluto: gewaltige, herzförmige Stickstoffeisflächen, meterhohe Wassereisgebirge und Hinweise auf geologisch junge Oberflächenprozesse, obwohl der Zwergplanet bislang als toter Eisklumpen galt. Auch sein größter Mond Charon offenbart schroffe Canyons und dunkle Polkappen. Mit dem Vorbeiflug ist erstmals jeder der einst neun Planeten des Sonnensystems aus der Nähe fotografiert — ein später Schlusspunkt der klassischen Planetenerkundung, wenige Jahre nachdem Pluto 2006 selbst zum Zwergplaneten herabgestuft worden war.

Schwerster Terroranschlag der türkischen Geschichte trifft Ankara

Trauer nach den Anschlägen von Ankara, Oktober 2015
Trauer nach den Anschlägen von Ankara im Oktober 2015 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Auf dem Bahnhofsvorplatz von Ankara detonieren am 10. Oktober, kurz vor Beginn einer Friedenskundgebung, im Abstand weniger Sekunden zwei Sprengsätze mitten in der Menschenmenge. Zu der Demonstration hatten ein Bündnis linker Parteien und Gewerkschaften aufgerufen, allen voran die pro-kurdische Demokratische Partei der Völker (HDP) und der Gewerkschaftsbund KESK — sie wollten für ein Ende des blutigen Konflikts zwischen der türkischen Regierung und der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK werben. Die Doppelexplosion tötet 102 Menschen und verletzt mehr als 500 weitere; es ist der folgenschwerste Terroranschlag in der Geschichte der türkischen Republik. Ermittler gehen davon aus, dass beide Attentäter dem Umfeld des „Islamischen Staats" zuzurechnen sind, ein offizielles Bekennerschreiben bleibt jedoch aus.

Der Anschlag ereignet sich mitten im türkischen Wahlkampf, nur wenige Wochen vor der Parlamentswahl am 1. November, und verschärft die ohnehin angespannte Stimmung im Land zusätzlich. Kurdische und linke Politiker werfen der Regierung unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan mangelnden Schutz der Demonstranten vor, während landesweit Trauer- und Protestkundgebungen stattfinden. Der Anschlag reiht sich ein in ein Jahr, in dem der Nahe Osten und die Türkei besonders im Fokus internationaler Terrorwarnungen stehen — auch mit Blick auf die Fluchtbewegungen, die von dort aus Europa erreichen.

Bürgerschaftswahl Hamburg: Scholz verliert die absolute Mehrheit, die AfD zieht erstmals in ein westdeutsches Landesparlament ein

Olaf Scholz im Wahlkampf zur Bürgerschaftswahl 2015
Olaf Scholz im Wahlkampf zur Bürgerschaftswahl 2015 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Bei der Wahl zur Hamburgischen Bürgerschaft am 15. Februar bleibt die SPD von Bürgermeister Olaf Scholz mit 45,6 % mit weitem Abstand stärkste Kraft, verfehlt damit aber die absolute Mehrheit, die sie seit 2011 gehalten hatte, nur knapp. Die CDU unter Dietrich Wersich stürzt auf 15,9 % ab, ihr schlechtestes Ergebnis in der Hansestadt seit dem Krieg. Die Grünen kommen auf 12,3 %, die Linke auf 8,5 %, und auch die FDP schafft mit 7,4 % den Wiedereinzug in die Bürgerschaft. Die AfD zieht mit 6,1 % erstmals in ein westdeutsches Landesparlament ein, nachdem sie 2014 zunächst nur in ostdeutschen Landtagen Fuß gefasst hatte. Bei einer Wahlbeteiligung von 56,1 % bildet Scholz anschließend eine Koalition mit den Grünen und regiert die Hansestadt mit einer komfortablen Mehrheit von 73 der 121 Bürgerschaftssitze weiter.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Bremen, 10. MaiSPD 32,8 %, CDU 22,4 %; die Wahlbeteiligung von nur 50,2 % ist die niedrigste, die je bei einer deutschen Landtagswahl gemessen wurde. Die rot-grüne Koalition regiert mit knapper Mehrheit weiter; Bürgermeister Jens Böhrnsen zieht nach dem schwachen Ergebnis seiner Partei die Konsequenz und übergibt das Amt im Juli an seinen Parteifreund Carsten Sieling.
Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Die griechische Schuldenkrise eskaliert: Am 5. Juli stimmt eine Mehrheit im Referendum gegen die Spar-Auflagen der Gläubiger, dennoch einigt sich Athen im August auf ein drittes Hilfspaket.
  • Am 14. Juli einigen sich der Iran und die Weltmächte (E3/EU+3) in Wien auf das Atomabkommen, das Teherans Nuklearprogramm im Austausch gegen Sanktionserleichterungen begrenzt.
  • Am 20. Juli nehmen die USA und Kuba nach mehr als fünf Jahrzehnten diplomatischer Eiszeit offiziell wieder Beziehungen auf und eröffnen Botschaften in Washington und Havanna.
  • Der Nord-Ostsee-Kanal feiert am 21. Juni sein 120-jähriges Bestehen: Die meistbefahrene künstliche Wasserstraße der Welt verbindet mitten durch Schleswig-Holstein weiterhin Nordsee und Ostsee.

SPORT · 2015

Ein Sportjahr ohne WM oder Olympia, aber nicht ohne Paukenschläge: In der Formel 1 sichert sich Lewis Hamilton bereits beim Rennen in Austin drei Rennen vor Saisonende seinen dritten Weltmeistertitel für Mercedes und gewinnt zehn der 19 Läufe vor seinem Teamkollegen Nico Rosberg. Der Fußball-Weltverband FIFA erlebt sein bislang größtes Beben: Am 27. Mai lässt die Schweizer Polizei im Züricher Nobelhotel „Baur au Lac" auf Betreiben der US-Justiz mehrere hochrangige Funktionäre wegen des Verdachts auf Bestechung und Geldwäsche verhaften. Nur zwei Tage später wird Sepp Blatter dennoch für eine fünfte Amtszeit als FIFA-Präsident bestätigt — um wenig später, am 2. Juni, unter wachsendem Druck seinen Rücktritt anzukündigen. An der Förde gibt es dagegen einen handfesten Grund zur Freude: THW Kiel gewinnt im Juni mit einem 33:29-Finalsieg über den TBV Lemgo vor 10.285 Zuschauern in der Sparkassen-Arena die 20. deutsche Handball-Meisterschaft der Vereinsgeschichte; Trainer Alfred Gislason wird zum Trainer des Jahres gekürt, in der Champions League reicht es bis ins Final Four nach Köln, wo die „Zebras" im Halbfinale an Veszprém scheitern.

MODE · 2015

In der Modewelt übernimmt der bis dahin wenig bekannte Alessandro Michele überraschend kurzfristig bei Gucci: Erst Anfang Januar mit der Neugestaltung der Herrenkollektion betraut, wird er wenige Tage später zum Kreativdirektor des Hauses ernannt und zeigt im Februar in Mailand seine erste Damenkollektion. Mit einem maximalistischen, retro-verspielten, androgynen Stil voller Blumenmuster und ungewöhnlicher Proportionen leitet er einen Kurswechsel ein, der die zweite Hälfte des Jahrzehnts prägen wird. Für internationales Aufsehen ganz anderer Art sorgt Ende Februar ein simples Handyfoto: Die Britin Cecilia Bleasdale fotografiert vor der Hochzeit ihrer Tochter ein Kleid aus einem Outlet nahe Chester und stellt das Bild online — binnen weniger Tage diskutieren mehr als zehn Millionen Tweets die optische Täuschung „The Dress": blau-schwarz oder weiß-gold? Tatsächlich ist das Kleid, wie sich herausstellt, blau-schwarz; die schlichte Frage beschäftigt Wissenschaftler ebenso wie Boulevardblätter. Auch in Kiel wird sie in Büros und Kneipen zum Gesprächsthema.

KULTUR · 2015

Wenn sich in der Ostseehalle die Scheinwerfer dimmen und die ersten Läuferinnen und Läufer von Holiday on Ice aufs Eis gleiten, verstummt auch in diesem Jahr das Kieler Publikum für einen Moment vor lauter Staunen. Die Show „Believe" verbindet artistische Sprünge mit aufwendiger Choreografie und Lichtdesign zu einem winterlichen Gesamtkunstwerk an der Förde. In einem Jahr, das von Terror in Paris und der Flüchtlingskrise geprägt ist, wirkt der Abend im Eis wie eine kurze, aber willkommene Atempause.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 2015

  • UNESCO-Welterbe für Hamburgs Speicherstadt (5. Juli). Die Speicherstadt und das Kontorhausviertel mit Chilehaus werden zum Welterbe erklärt — das größte zusammenhängende Lagerhausensemble der Welt, gleich vor der Haustür an der Elbe.
  • Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für Navid Kermani (18. Oktober). In der Frankfurter Paulskirche wird der in Deutschland lebende Autor für sein Eintreten für Menschenwürde und eine offene Gesellschaft geehrt.
  • Erste Chinesin erhält Medizin-Nobelpreis (5. Oktober). Die Pharmakologin Youyou Tu wird für die Entdeckung des Malaria-Wirkstoffs Artemisinin ausgezeichnet — eine Therapie, die seither weltweit Millionen Menschenleben gerettet hat.
  • Kieler Woche trotzt der Weltlage (20.–28. Juni). Rund drei Millionen Besucher feiern das größte Sommerfest Nordeuropas an der Förde — mitten in einem Jahr voller Krisen ein Lichtblick der Leichtigkeit direkt vor der eigenen Haustür.

DAS WETTER · 2015 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein milder Sommertag: Höchstwert 21,9 °C, in der Nacht 14,6 °C, im Mittel 17,1 °C; kein Tropfen Regen fiel.

Das Jahr über: Im Mittel 10,0 °C — ein sehr mildes Jahr. Wärmster Tag 30,4 °C am 6. August, kältester −6,9 °C am 22. Januar. 1 Hitzetag (≥ 30 °C), 5 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 865 mm.

(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 2015

Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.

  1. Cheerleader (Felix Jaehn Remix) — Omi
  2. Are You With Me — Lost Frequencies
  3. Ain't Nobody (Loves Me Better) — Felix Jaehn feat. Jasmine Thompson
  4. Love Me Like You Do — Ellie Goulding
  5. Lean On — Major Lazer & DJ Snake feat. MØ
  6. Astronaut — Sido feat. Andreas Bourani
  7. Hello — Adele
  8. Sugar — Robin Schulz feat. Francesco Yates
  9. See You Again — Wiz Khalifa feat. Charlie Puth
  10. Firestone — Kygo feat. Conrad
  11. Wolke 4 — Philipp Dittberner & Marv
  12. Lieblingsmensch — Namika
  13. Wie schön du bist — Sarah Connor
  14. Reality — Lost Frequencies feat. Janieck Devy
  15. Supergirl — Anna Naklab feat. Alle Farben & Younotus
  16. Want To Want Me — Jason Derulo
  17. Unter meiner Haut — Gestört aber GeiL & Koby Funk feat. Wincent Weiss
  18. Photograph — Ed Sheeran
  19. Headlights — Robin Schulz feat. Ilsey
  20. Stole The Show — Kygo feat. Parson James

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).