DER CHRONIST
Sonderausgabe · Rückschau auf die Tage vom 22. Juni bis 2. Juli 2016 · Preis 1,80 Euro
Kiel, Montag, den 27. Juni 2016 — Eine rückblickende Wochenschau: Was in diesen Tagen die Welt, die Bundesrepublik und die Landeshauptstadt an der Förde bewegte.
Zum GeleitDiese Ausgabe erscheint zu Ehren eines an diesem 27. Juni 2016 in Kiel geborenen Kindes. Sie sammelt die großen Schlagzeilen der Tage seiner Geburt — von einem Erdteil, der gerade auseinanderbricht, bis vor die eigene Haustür an Förde und Kiellinie, wo eben noch die Kieler Woche gefeiert wurde.
AUFMACHER · Großbritannien geht — und der Premier mit ihm
David Cameron erklärt am Morgen des 24. Juni 2016 vor Downing Street No. 10 seinen Rücktritt. (Foto: Tom Evans / Number 10, Wikimedia Commons, Open Government Licence v3.0)
London/Brüssel/Berlin. Es ist die Entscheidung, an der sich dieser Sommer scheiden wird: Am Donnerstag, dem 23. Juni, haben die Briten über den Verbleib ihres Landes in der Europäischen Union abgestimmt — und sie haben sich für den Austritt entschieden. 51,89 Prozent (17.410.742 Stimmen) votierten für „Leave", 48,11 Prozent (16.141.241 Stimmen) für „Remain". Es fehlten den Europafreunden 1.269.501 Stimmen. Die Wahlbeteiligung lag bei 72,2 Prozent — höher als bei jeder Unterhauswahl seit 1992.
Das Königreich ist dabei tief gespalten. In England stimmten 53,4 Prozent für den Austritt, in Wales 52,5 Prozent. Schottland dagegen wollte mit rund 62 Prozent bleiben, Nordirland mit 55,8 Prozent, und in Gibraltar sprachen sich gar 96 Prozent für Europa aus. Aus Edinburgh kommt schon am Freitag die Ankündigung, ein zweites Unabhängigkeitsreferendum zu prüfen.
Am Freitagmorgen, dem 24. Juni, tritt Premierminister David Cameron vor die Tür von Downing Street No. 10 — jener Mann, der die Abstimmung selbst angesetzt hatte, um seine Partei zu befrieden. Er kündigt seinen Rücktritt an: Er glaube nicht, dass er der richtige Kapitän sei, um das Land zu seinem nächsten Ziel zu steuern. Bis zum Herbst, so der Plan, soll ein neuer Vorsitzender der Konservativen gefunden sein.
Die Märkte antworten noch in der Nacht. Das Pfund Sterling stürzt zeitweise um bis zu elf Prozent ab, auf 1,32 bis 1,35 US-Dollar — der tiefste Stand seit 1985. Der DAX verliert zur Eröffnung bis zu 10,1 Prozent und schließt rund 6,8 Prozent im Minus; das ist der größte Tagesverlust seit dem Oktober 2008. Der Londoner FTSE 100 beendet den Tag mit −3,2 Prozent, der breitere FTSE 250 mit −7,2 Prozent, der Pariser CAC mit rund −8 Prozent.
In Brüssel verlesen Jean-Claude Juncker, Donald Tusk, Martin Schulz und der amtierende Ratsvorsitzende Mark Rutte noch am selben Tag eine gemeinsame Erklärung: Man bedauere die Entscheidung, respektiere sie aber; nachverhandelt werde nichts. Das im Februar mühsam ausgehandelte Sonderstatut für London ist damit hinfällig.
Auf dem Gipfel am 28. und 29. Juni sitzt Cameron ein letztes Mal am Tisch der Staats- und Regierungschefs. Er erläutert die Lage und sagt zu, dass den Antrag nach Artikel 50 erst seine Nachfolgerin oder sein Nachfolger stellen werde. Am zweiten Tag tagen die verbleibenden 27 erstmals ohne die Briten.
Und in London zerlegen sich beide großen Parteien. Bei der Opposition stimmen am 28. Juni 172 Labour-Abgeordnete gegen ihren Vorsitzenden Jeremy Corbyn, nur 40 für ihn; über zwanzig Mitglieder des Schattenkabinetts sind bereits zurückgetreten. Corbyn bleibt und verweist auf sein Mandat durch die Mitglieder. Bei den Konservativen erklärt am 30. Juni ausgerechnet Michael Gove, bisher als Unterstützer gehandelt, seine eigene Kandidatur und zweifelt öffentlich die Eignung von Boris Johnson an — worauf der Wortführer der Austrittskampagne überraschend verzichtet: Diese Person, sagt Johnson, könne er nicht sein.
AUS DEUTSCHLAND · Berlin sortiert einen Erdteil neu
Noch zu sechst: Barack Obama im Gespräch mit David Cameron, Angela Merkel, François Hollande und Matteo Renzi vor ihrem Treffen im Schloss Herrenhausen, Hannover, 25. April 2016. (Foto: Pete Souza / The White House, Wikimedia Commons, gemeinfrei)
Berlin. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat das britische Votum am 24. Juni bedauert, zugleich aber vor Übereilung gewarnt: Es gebe „keinen Anlass zur Hast". Schon am Samstag, dem 25. Juni, empfängt Außenminister Frank-Walter Steinmeier seine Amtskollegen der sechs EU-Gründerstaaten im Gästehaus Villa Borsig am Tegeler See — Jean-Marc Ayrault aus Frankreich, Paolo Gentiloni aus Italien, Bert Koenders aus den Niederlanden, Didier Reynders aus Belgien und Jean Asselborn aus Luxemburg.
An diesem Montag, dem 27. Juni, kommen im Kanzleramt Merkel, Frankreichs Präsident François Hollande und Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi zusammen. Die drei stellen klar, dass es keine informellen Vorgespräche über den Austritt geben wird, solange London keinen Antrag gestellt hat; man spricht stattdessen über Wirtschaftsreformen und eine engere europäische Verteidigungspolitik.
Am Dienstag, dem 28. Juni, um 10.30 Uhr tritt die Kanzlerin vor den Bundestag. In einer Regierungserklärung vor dem Brüsseler Gipfel prägt sie den Satz, der die deutsche Haltung für die kommenden Jahre bestimmen wird: „Es wird keine Rosinenpickerei geben." Bis zum vollzogenen Austritt bleibe Großbritannien Mitglied „mit allen Rechten und Pflichten". Rund anderthalb Stunden debattiert das Haus.
Innenpolitisch hat der Bundestag noch am Freitag, dem 24. Juni, ein Werk abgeschlossen, um das anderthalb Jahre gerungen wurde: die Erbschaftsteuerreform, beschlossen mit 446 Ja- gegen 119 Nein-Stimmen bei 3 Enthaltungen. Sie setzt das Urteil des Bundesverfassungsgerichts um: Betriebe bis fünf Beschäftigte bleiben von der Lohnsummenregelung befreit; wer mehr als 26 Millionen Euro Betriebsvermögen erbt, muss zwischen einer Bedürfnisprüfung und einem abschmelzenden Verschonungsabschlag wählen. Am 28. Juni bringt das Kabinett zudem den Entwurf des Bundesteilhabegesetzes auf den Weg, mit dem die Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen aus dem Fürsorgesystem gelöst werden soll.
Aus der Wirtschaft: Die Bundesagentur für Arbeit meldet für Juni 2.614.000 Arbeitslose, eine Quote von 5,9 Prozent; die Verbraucherpreise liegen nach vorläufiger Schätzung vom 29. Juni nur 0,3 Prozent über dem Vorjahr — Energie ist um 6,4 Prozent billiger geworden, Heizöl gar um 19,0 Prozent.
LANDESHAUS & LAND · Schleswig-Holstein im letzten Jahr der Küstenkoalition
Das Landeshaus am Düsternbrooker Weg — seit 1950 Sitz des Schleswig-Holsteinischen Landtages, zuvor Kaiserliche Marineakademie. (Foto: Rüdiger Stehn, Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0)
Kiel. Im Landeshaus am Düsternbrooker Weg regiert seit dem 12. Juni 2012 die „Küstenkoalition" aus SPD, Grünen und SSW unter Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) — mit denkbar knapper Mehrheit von 35 der 69 Sitze. Es ist die letzte volle Sommerpause dieser Legislaturperiode; im Mai 2017 wird neu gewählt.
Zwei Vorgänge werden das Land über diesen Sommer hinaus beschäftigen. Zum einen die HSH Nordbank: Die EU-Kommission hat mit ihrer Beihilfeentscheidung vom 2. Mai 2016 verfügt, dass Hamburg und Schleswig-Holstein mindestens 75 Prozent ihrer Anteile bis zum 28. Februar 2018 verkaufen müssen — andernfalls droht die Abwicklung. Zum anderen die feste Fehmarnbelt-Querung: Seit das dänische Folketing im März grünes Licht für Bauvertragsverhandlungen gegeben hat, läuft auf deutscher Seite das Planfeststellungsverfahren — mit 12.600 Einwendungen in diesem Jahr, viermal so vielen wie im Jahr zuvor.
Und an der Förde selbst bauen sie weiter U-Boote: Bei thyssenkrupp Marine Systems, der alten HDW, liegen die Aufträge für Singapur (Klasse 218SG) und Ägypten (Klasse 209/1400mod) auf den Hellingen. Das erste ägyptische Boot wird am 12. Dezember dieses Jahres übergeben werden.
AUS DER REGION · Kiel — die Stadt räumt die Kieler Woche weg
Nach der Kieler Woche: Blick von der Willestraße zum Rathausplatz, aufgenommen am 28. Juni 2016. (Foto: Rüdiger Stehn, Kiel, Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0)
Kiel. Seit dem Sonntagabend ist es vorbei: Die Kieler Woche vom 18. bis 26. Juni hat ihre Bühnen abgebaut, und an diesem Montagmorgen räumen die Kolonnen Kiellinie, Rathausplatz und Ostseekai leer. Die Bilanz ist stattlich — die Veranstalter zählen mehr als drei Millionen Gäste bei rund 2.000 Veranstaltungen, allein am NDR-Areal am Ostseekai rund 300.000 Besucher, wo neben den Konzerten auch die Spiele der Fußball-Europameisterschaft auf die Leinwand kamen.
Der Höhepunkt für die Seeleute war die Windjammerparade am Samstag, dem 25. Juni — ausgerechnet an dem Tag, an dem über der Förde 23,7 Millimeter Regen niedergingen und die Sonne sich keine einzige Minute zeigte. Verliehen wurde in diesen Tagen auch wieder der Weltwirtschaftliche Preis des Instituts für Weltwirtschaft gemeinsam mit Stadt und IHK: Er geht in diesem Jahr an Mario Monti (Politik), Friede Springer (Wirtschaft) und den amerikanischen Nobelpreisträger Oliver E. Williamson (Wissenschaft).
Oberbürgermeister Dr. Ulf Kämpfer (SPD), seit dem 24. April 2014 im Amt, führt eine wachsende Stadt: Zum Jahresende werden 249.023 Menschen in Kiel gemeldet sein — ein Plus von 2.754 gegenüber dem Vorjahr und der höchste Stand seit 35 Jahren; der Ausländeranteil steigt von 10,5 auf 11,6 Prozent. Auch der Hafen läuft auf Rekord zu: Die Kreuzfahrtsaison 2016 wird mit 147 Anläufen von 26 Schiffen und 485.500 Passagieren die beste der Kieler Geschichte werden — erstmals stationieren AIDA und TUI Cruises je drei Schiffe an der Förde.
Auf den Schreibtischen im Rathaus liegen derweil die großen Vorhaben: Die Ausführungsplanung für den Kleinen Kiel-Kanal, der das Wasser zurück in die Innenstadt holen soll, ist im Frühjahr fertig geworden. Und nachdem die Stadtregionalbahn im Vorjahr am Widerstand des Kreises Rendsburg-Eckernförde gescheitert ist, hat die Ratsversammlung im Januar ein neues Mobilitätskonzept in Auftrag gegeben — die Antwort auf die Frage, wie Kiel künftig fährt, wird noch Jahre auf sich warten lassen.
SPORT · Die Nacht, in der Island England hinauswarf
Das Stade Pierre-Mauroy bei Lille, Schauplatz des deutschen Achtelfinales am 26. Juni 2016. (Foto: Акутагава, Wikimedia Commons, CC0)
Lille/Nizza/Saint-Denis. In Frankreich läuft die Fußball-Europameisterschaft, und das Achtelfinale hat es in sich. Die deutsche Mannschaft von Joachim Löw erledigte ihre Pflicht am Sonntag, dem 26. Juni, im Stade Pierre-Mauroy von Lille souverän: 3:0 gegen die Slowakei durch Treffer von Jérôme Boateng (8.), Mario Gomez (43.) und Julian Draxler (63.).
An diesem Montag aber gehört der Abend anderen. Im Stade de France wirft Italien den Titelverteidiger Spanien mit 2:0 hinaus — Giorgio Chiellini (33.) und Graziano Pellè (90.+1) treffen. Und in Nizza geschieht das Wunder des Turniers: Island, ein Land mit 330.000 Einwohnern, schlägt England 2:1. Wayne Rooney hatte in der 4. Minute per Elfmeter geführt, doch Ragnar Sigurðsson (6.) und Kolbeinn Sigþórsson (18.) drehten das Spiel binnen einer Viertelstunde. Englands Trainer Roy Hodgson erklärt noch in der Nacht seinen Rücktritt — es ist, drei Tage nach dem Referendum, die zweite britische Niederlage dieser Woche.
Die übrigen Achtelfinals: Schweiz–Polen 1:1 n. V., 4:5 i. E. · Wales–Nordirland 1:0 · Kroatien–Portugal 0:1 n. V. · Frankreich–Irland 2:1 · Ungarn–Belgien 0:4.
(Nachtrag der Redaktion: Im Viertelfinale schlägt Portugal Polen am 30. Juni im Elfmeterschießen mit 5:3, Wales wirft am 1. Juli Belgien mit 3:1 aus dem Turnier — und am 2. Juli in Bordeaux gewinnt Deutschland gegen Italien nach 1:1 mit 7:6 im Elfmeterschießen: Mesut Özil traf in der 65. Minute, Leonardo Bonucci glich per Strafstoß aus, im Schießen hielt Manuel Neuer zweimal und Jonas Hector verwandelte nach 18 Schüssen den entscheidenden Ball. Es ist der erste deutsche Turniersieg über Italien im neunten Anlauf.)
In Kiel blickt man auf eine Saison mit einem vierten Platz zurück, der wehtut: Der THW Kiel beendete die Handball-Bundesliga 2015/16 als Dritter hinter Meister Rhein-Neckar Löwen und der SG Flensburg-Handewitt und verlor beim Champions-League-Final-Four in Köln Ende Mai erst das Halbfinale gegen Veszprém (28:31 nach Verlängerung), dann das kleine Finale gegen Paris SG (27:29). Holstein Kiel kam in der 3. Liga über das untere Mittelfeld nicht hinaus und bereitet sich unter Trainer Karsten Neitzel auf die neue Runde vor.
DAS WETTER · Ein kühler Siebenschläfer an der Förde
Der Siebenschläfertag — und ausgerechnet er fällt in diesem Jahr auf den Tag, dem diese Ausgabe gilt. Viel Sommer war ihm nicht anzumerken: An diesem Montag, dem 27. Juni, kletterte das Thermometer in Kiel-Holtenau auf nur 20,9 Grad, in der Nacht sank es auf 12,2 Grad, im Mittel wurden 16,1 Grad gemessen. Aus Südwest (222 Grad) wehte ein frischer Wind mit im Mittel 11,5 km/h, in Böen bis 46,4 km/h; 2,9 Millimeter Regen fielen, dazwischen kam die Sonne immerhin 6,7 Stunden hervor. Der Luftdruck stand bei 1015 hPa.
Die Tage ringsum waren wechselhaft. Der 23. Juni, der Tag des britischen Referendums, war mit 29,9 Grad der wärmste des Berichtszeitraums; zwei Tage später, zur Windjammerparade am 25. Juni, regnete es 23,7 Millimeter bei durchgehend geschlossener Wolkendecke und nur noch 19,3 Grad. Bis zum 2. Juli sank der Höchstwert auf 17,8 Grad — Hochsommer sieht anders aus.
Im ganzen Land war dieser Juni ein Wassermonat: Der Deutsche Wetterdienst meldete am 29. Juni rund 115 Liter je Quadratmeter und damit 134 Prozent des Solls, dazu schwere Gewitter mit Hagelkörnern bis sechs Zentimetern und mehrere Tornados. Am 23. Juni fielen in Groß Berßen im Emsland 150,7 Liter an einem einzigen Tag; die höchste Temperatur des Monats maß man am 24. Juni mit 36,4 Grad in Berlin-Kaniswall.
(Werte der Station Kiel-Holtenau. Quelle: Meteostat / DWD.)
VERMISCHTES & TECHNIK
Die Eröffnungsfeier für den erweiterten Panamakanal am 26. Juni 2016. (Foto: 總統府 / Office of the President, Republic of China (Taiwan), Wikimedia Commons, CC BY 2.0)
- Panama (26. Juni): Nach neun Jahren Bauzeit und 5,25 Milliarden US-Dollar Kosten sind die neuen Schleusen des Panamakanals eingeweiht worden. Als erstes Schiff durchfuhr das chinesische Neopanamax-Containerschiff „Cosco Shipping Panama" mit über 9.000 Containern die Agua-Clara-Schleuse auf der Atlantikseite. Mehr als 150 Millionen Kubikmeter Material wurden bewegt; die Frachtkapazität des Kanals verdoppelt sich.
- Istanbul (28. Juni): Drei Selbstmordattentäter greifen den Flughafen Atatürk an — einer eröffnet an der Sicherheitskontrolle das Feuer, ein zweiter dringt in die Abflughalle vor. Mindestens 42 Menschen sterben, über 230 werden verletzt. Die Täter sollen aus Russland, Usbekistan und Kirgistan stammen; der Verdacht richtet sich gegen den „Islamischen Staat".
- Madrid (26. Juni): Ein halbes Jahr nach der ergebnislosen Wahl vom Dezember wählt Spanien erneut — und wieder hat niemand eine Mehrheit. Die PP von Mariano Rajoy kommt auf 33,0 Prozent und 137 der 350 Sitze, die PSOE auf 22,6 Prozent (85 Sitze), Unidos Podemos auf 21,2 Prozent (71 Sitze), Ciudadanos auf 13,1 Prozent (32 Sitze). Die Wahlbeteiligung sinkt auf 66,5 Prozent.
- Ankara/Rom/Moskau (26.–29. Juni): Die Türkei normalisiert gleich zwei zerrüttete Verhältnisse. Mit Israel wird das Zerwürfnis um die „Mavi Marmara" von 2010 beigelegt — rund 20 Millionen Dollar Entschädigung, Lockerungen für Gaza; unterzeichnet am 28. Juni in Rom. Und am 27. Juni übermittelt Recep Tayyip Erdoğan ein Entschuldigungsschreiben an Wladimir Putin wegen des im November abgeschossenen russischen Kampfflugzeugs; zwei Tage später telefonieren beide erstmals wieder miteinander.
- Havanna (23. Juni): Präsident Juan Manuel Santos und FARC-Kommandant Rodrigo Londoño („Timochenko") unterzeichnen im Beisein von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon ein bilaterales Waffenstillstandsabkommen — nach mehr als fünfzig Jahren Bürgerkrieg mit über 200.000 Toten der Weg zum Friedensvertrag.
- Washington (23. und 27. Juni): Der Oberste Gerichtshof der USA, seit dem Tod von Richter Scalia nur mit acht Mitgliedern besetzt, blockiert mit einem 4:4-Patt Präsident Obamas Einwanderungsprogramm DAPA. Vier Tage später kippt er mit 5:3 ein texanisches Gesetz, das Abtreibungskliniken mit strengen Auflagen überzog — die folgenreichste Entscheidung zu diesem Thema seit über zwei Jahrzehnten.
- Washington (22./23. Juni): Rund sechzig demokratische Abgeordnete unter Führung des Bürgerrechtlers John Lewis besetzen das Plenum des Repräsentantenhauses, um nach dem Anschlag von Orlando eine Abstimmung über schärfere Waffengesetze zu erzwingen. Nach mehr als einem Tag endet der Sitzstreik ohne Erfolg.
- Worthy Farm (22.–26. Juni): Das Glastonbury Festival versinkt im Schlamm; Gründer Michael Eavis erklärt, so etwas noch nie gesehen zu haben — schlimmer als 1997. Auf der Pyramid Stage spielen Muse, Adele und Coldplay.
- Hitparade: In den deutschen Singlecharts hält sich „This Girl" von Kungs vs. Cookin' on 3 Burners die dritte Woche auf Platz eins. In Großbritannien und den Vereinigten Staaten führt Drake mit „One Dance".
AUCH AN EINEM 27. JUNI GEBOREN
Das Kind, dem diese Ausgabe gilt, tritt in eine ansehnliche Reihe von Geburtstagsgefährten — und aus deutschen Landen sind darunter ein Nobelpreisträger, ein Liederkomponist, ein Erfinder und ein Fälscher:
- Friedrich Silcher (1789–1860) — schwäbischer Komponist und Musikpädagoge, dem wir „Die Lorelei" und „Alle Jahre wieder" verdanken.
- Friedrich Gottlob Keller (1816–1895) — Weber aus Hainichen in Sachsen, der 1843 den Holzschliff erfand und damit das billige Papier, auf dem diese Zeitung gedruckt ist.
- Hans Spemann (1869–1941) — Zoologe aus Stuttgart, 1935 mit dem Nobelpreis für Medizin geehrt für die Entdeckung des „Organisator-Effekts" in der Embryonalentwicklung.
- Horst Brandstätter (1933–2015) — Unternehmer aus Zirndorf, in dessen Firma Playmobil entstand.
- Konrad Kujau (1938–2000) — Kunstfälscher aus Löbau, der 1983 die angeblichen „Hitler-Tagebücher" schrieb und damit den größten Presseskandal der Nachkriegszeit auslöste.
- Florian Simbeck (geb. 1971) — Münchner Schauspieler und Komiker, als „Stefan" die eine Hälfte von „Erkan & Stefan".
- Nico Rosberg (geb. 1985) — Wiesbadener Rennfahrer, der in eben diesem Jahr 2016 Formel-1-Weltmeister werden wird.
Und über die deutschen Lande hinaus:
- Charles Stewart Parnell (1846–1891) — irischer Politiker, Führer der Home Rule League und „ungekrönter König Irlands".
- Emma Goldman (1869–1940) — russisch-amerikanische Anarchistin und Publizistin.
- Helen Keller (1880–1968) — taubblinde amerikanische Schriftstellerin und Bürgerrechtlerin, die lesen, schreiben und sprechen lernte, als man es für unmöglich hielt.
- Ross Perot (1930–2019) — texanischer Unternehmer, der 1992 als unabhängiger Kandidat um die amerikanische Präsidentschaft antrat.
- Vera Wang (geb. 1949) — amerikanische Modedesignerin.
- Isabelle Adjani (geb. 1955) — französische Schauspielerin.
- J. J. Abrams (geb. 1966) — amerikanischer Regisseur und Produzent.
- Tobey Maguire (geb. 1975) — amerikanischer Schauspieler.
- Sam Claflin (geb. 1986) und Ed Westwick (geb. 1987) — britische Schauspieler.
Und was sich sonst an einem 27. Juni ereignete: 1844 wird der Mormonengründer Joseph Smith erschossen · 1954 speist das sowjetische Kernkraftwerk Obninsk als erstes der Welt Strom ins Netz — und am selben Tag stürzt in Guatemala Präsident Jacobo Árbenz · 1967 gibt in Enfield bei London der erste Geldautomat der Welt Bargeld aus · 1977 wird Dschibuti unabhängig · 1984 gewinnt Frankreich im eigenen Land die Fußball-Europameisterschaft · 2007 tritt Tony Blair als britischer Premierminister zurück.
MONATSKUNDE · Woher der Juni seinen Namen hat
Der Juni trägt den Namen der römischen Göttin Juno, der Gattin Jupiters, Schützerin der Ehe und der Geburt — ein Monat also, unter dem ein Kind gut zur Welt kommt. Der Dichter Ovid kannte noch eine zweite Herleitung: von den iuniores, den jüngeren Männern, denen der Monat gewidmet sei, wie der Mai den maiores, den Älteren. Die Römer nannten ihn Iunius; seit Caesars Kalenderreform zählt er 30 Tage.
In deutschen Landen hieß er Brachet oder Brachmonat — nach der Brache, dem Feld, das in dieser Zeit gepflügt wurde, ohne dass darauf gesät wurde. Auch Rosenmonat, Johannismond (nach dem Johannistag am 24. Juni, an dem die Spargelernte endet) und schlicht Sommermonat sind überliefert.
Und vom Siebenschläfer: Der 27. Juni ist der Tag der Sieben Schläfer von Ephesus — jener sieben Christen, die der Legende nach in einer Höhle eingemauert wurden und nach fast zwei Jahrhunderten unversehrt erwachten. Die Bauernregel dazu ist die berühmteste des Jahres: „Wie das Wetter sich am Siebenschläfer tut, hält es sieben Wochen gut." Die Meteorologen halten davon mehr, als man denkt: Ende Juni stellt sich die Großwetterlage über Europa für Wochen ein. Nur trifft der Stichtag wegen der Kalenderreform von 1582 eigentlich erst auf den 7. Juli — was die Kieler in diesem kühlen, nassen Juni hoffen lässt.
NOTIERT
Ein grauer Montag mit zwanzig Grad, eine Stadt, die nach neun Tagen Ausnahmezustand ihre Bühnen abräumt, und jenseits der Nordsee ein Königreich, das sich in vier Tagen selbst zerlegt hat: Referendum, Rücktritt des Premiers, Aufstand gegen den Oppositionsführer — und am Abend noch die Niederlage gegen Island. Zwischen all dem wird an diesem 27. Juni in Kiel ein Kind geboren, in eine Europäische Union hinein, die gerade lernen muss, zu siebenundzwanzig zu zählen.
Quellen
- Wikipedia (en) — 2016 United Kingdom European Union membership referendum
- House of Commons Library — Brexit: how did the UK vote?
- CNN — David Cameron's full resignation speech (24. Juni 2016)
- Europäisches Parlament — Joint statement by Schulz, Tusk, Rutte and Juncker on UK referendum outcome
- CNBC — Markets react to the Brexit vote (24. Juni 2016)
- Europäischer Rat — Tagung vom 28./29. Juni 2016
- Wikinews — UK Labour MPs pass motion of no-confidence in leader Corbyn
- NPR — Boris Johnson won't seek to lead Tories (30. Juni 2016)
- Auswärtiges Amt — Steinmeier lädt die Außenminister der EU-Gründerstaaten nach Berlin
- Deutscher Bundestag — Regierungserklärung der Kanzlerin zum Brexit, 28. Juni 2016
- Deutscher Bundestag — Bundestag beschließt Erbschaftsteuerreform, 24. Juni 2016
- Bundes-SGK — Bundesteilhabegesetz im Kabinett beschlossen (28. Juni 2016)
- Statistisches Bundesamt — Verbraucherpreise Juni 2016
- DWD — Deutschlandwetter im Juni 2016 (Pressemitteilung vom 29. Juni 2016)
- Wikipedia — Kabinett Albig
- Land Schleswig-Holstein — HSH Nordbank, Beihilfeentscheidung der EU-Kommission
- NABU — Fehmarnbelt-Querung, Beschluss des dänischen Parlaments (März 2016)
- thyssenkrupp — Übergabe von U-Booten an die ägyptische Marine
- Wikipedia — Kieler Woche
- kieler-woche.de — Bilanz der Kieler Woche 2016
- Wikipedia — Weltwirtschaftlicher Preis
- Landeshauptstadt Kiel — Die Kieler Bevölkerung am 31. Dezember 2016 (PDF)
- HANSA — Kreuzfahrt sorgt für Rekordjahr in Kiel
- Landeshauptstadt Kiel — Kleiner Kiel-Kanal, häufige Fragen
- Wikipedia — Stadtbahn Kiel
- Wikipedia — Fußball-Europameisterschaft 2016
- Wikipedia (en) — 2015–16 Handball-Bundesliga
- Wikipedia — Holstein Kiel · Wikipedia — Karsten Neitzel
- pancanal.com — Inaugural transit of the expanded Panama Canal
- Wikipedia — Terroranschlag in Istanbul am 28. Juni 2016
- Wikipedia — Spanische Parlamentswahlen 2016
- RBTH — Erdoğan entschuldigt sich bei Putin für Su-24-Abschuss
- Konrad-Adenauer-Stiftung — Waffenstillstand in Kolumbien
- Wikipedia (en) — Whole Woman's Health v. Hellerstedt · Ballotpedia — United States v. Texas (2016)
- Wikipedia (en) — 2016 United States House of Representatives sit-in
- Wikipedia (en) — Glastonbury Festival 2016
- Wikipedia — Liste der Nummer-eins-Hits in Deutschland (2016)
- Wikipedia — 27. Juni · Wikipedia — Juni · Wikipedia — Siebenschläfertag
- Meteostat — Station Kiel-Holtenau (10046), Tageswerte Juni/Juli 2016 (27. Juni: Tmax 20,9 °C · Tmin 12,2 °C · Tmittel 16,1 °C · Niederschlag 2,9 mm · Sonne 402 min · Wind 11,5 km/h aus 222°, Böen 46,4 km/h · Luftdruck 1015,4 hPa; 23. Juni: Tmax 29,9 °C; 25. Juni: 23,7 mm, 0 min Sonne)
Redaktioneller Hinweis: Berichtet wird über den Zeitraum 22. Juni bis 2. Juli 2016. Ereignisse nach dem 27. Juni (Anschlag von Istanbul, EU-Gipfel, Misstrauensvotum gegen Corbyn, Johnsons Verzicht, das Viertelfinale von Bordeaux) waren am Erscheinungstag noch nicht bekannt und erscheinen hier als Rückschau. Das genaue Datum der Verleihung des Weltwirtschaftlichen Preises 2016 sowie die Einzelergebnisse der Segelwettbewerbe der Kieler Woche konnten nicht belegt werden.